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Air­line Ger­ma­nia ist in­sol­vent

Rück­schlag für die deut­sche Luft­fahrt: Die Flug­ge­sell­schaft Ger­ma­nia mel­det In­sol­venz an. Den Be­schäf­tig­ten ste­hen schwie­ri­gen Zei­ten be­vor
Fluglotse, Flugüberwachung, Flugverkehr, Flughafen

05.02.2019. (dpa/fle) - Ein gu­tes Jahr nach der Plei­te von Air Ber­lin hat es nun auch die klei­ne Flug­ge­sell­schaft Ger­ma­nia er­wischt.

Doch die In­sol­venz der Air­line löst nicht an­nä­hernd ver­gleich­ba­re Schock­wel­len aus. "Luft­han­sa will die Ger­ma­nia nicht über­neh­men", ver­lau­tet der Markt­füh­rer in Frank­furt knapp.

Das Hau­en und Ste­chen zwi­schen den Flug­ge­sell­schaf­ten um Un­ter­neh­mens­tei­le und Ver­kehrs­rech­te bleibt wohl aus, da­für müs­sen aber die Be­schäf­tig­ten und die be­trof­fe­nen Flug­hä­fen gro­ße Pro­ble­me be­wäl­ti­gen.

"Wir ha­ben im­mer noch ei­nen bru­ta­len Preis­kampf", nennt der Luft­fahrt­ex­per­te Ge­rald Wis­sel von der Be­ra­tungs­ge­sell­schaft Air­bor­ne den wich­tigs­ten Grund für die In­sol­venz. "Die Prei­se sind am un­ters­ten Rand und die Klei­nen kön­nen kaum noch mit­hal­ten." Der Druck kom­me von oben und un­ten, denn ne­ben den gro­ßen An­bie­tern wie Rya­n­air und Ea­sy­jet sind auch zahl­rei­che klei­ne Char­ter­ge­sell­schaf­ten aus Süd­ost­eu­ro­pa und Nord­afri­ka als Preis­bre­cher un­ter­wegs.

Für den kom­men­den Som­mer sei­en die Ver­an­stal­ter nicht auf die Ger­ma­nia an­ge­wie­sen, meint Wis­sel und be­ru­higt da­mit auch die Pau­schal­tou­ris­ten. "Die Ver­an­stal­ter wer­den leicht Er­satz fin­den." TUI-Tou­ris­tik­chef Ste­fan Bau­mert ver­si­chert: "Wir kön­nen un­se­ren Kun­den ver­si­chern, dass wir al­les Not­wen­di­ge tun, um ih­ren Flug si­cher­zu­stel­len. Nie­mand muss sich Sor­gen ma­chen, dass er nicht in den Ur­laub flie­gen kann oder im Rei­se­ziel fest­sitzt." Der Rei­se­ver­an­stal­ter All­tours klag­te dar­über, von Ger­ma­nia nicht frü­her über die Ein­stel­lung in­for­miert wor­den zu sein.

Düs­ter sieht es für Tei­le des Ger­ma­nia-Per­so­nals aus, das bis­lang schon nicht auf Ro­sen ge­bet­tet war. Nach An­ga­ben des vor­läu­fi­gen In­sol­venz­ver­wal­ters hat Ger­ma­nia in den drei von der Plei­te be­trof­fe­nen Un­ter­neh­mens­tei­len 1.678 Be­schäf­tig­te. Laut Ver­di gab es bei Ger­ma­nia kei­ne Ta­rif­ver­trä­ge und auch kei­ne Be­triebs­rats­struk­tu­ren, so dass man im In­sol­venz­ver­fah­ren nicht in­vol­viert sei. Et­li­che Crews sol­len sich be­reits bei Rya­n­air be­wor­ben ha­ben, be­rich­te­te de­ren Chef Mi­cha­el O'Lea­ry. Das deckt sich mit den Er­war­tun­gen von Be­ra­ter Wis­sel: "Die Crews wer­den si­cher bei an­de­ren Air­lines Be­schäf­ti­gung fin­den." Doch für das tech­ni­sche Per­so­nal sei es schon bei Air Ber­lin schwie­rig ge­we­sen.

Vor al­lem klei­ne­re Flug­hä­fen sind von der Plei­te der Ber­li­ner Air­line hart ge­trof­fen. Bei­spiels­wei­se fal­len in Er­furt deut­lich mehr als zwei Drit­tel der ge­plan­ten Flü­ge weg. Auch Ros­tock-Laa­ge kann ei­gent­lich nicht auf die Flü­ge der Ger­ma­nia ver­zich­ten, die knapp die Hälf­te des Ge­schäfts aus­ma­chen. "Wir ha­ben zu we­ni­ge Air­lines, die Flü­ge an­bie­ten könn­ten. Mit Ger­ma­nia ist ein er­folg­rei­cher Ni­schen­an­bie­ter weg­ge­fal­len", klagt der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Flug­ha­fen­ver­ban­des ADV, Ralph Bei­sel.

In Fried­richs­ha­fen am Bo­den­see gibt sich Flug­ha­fen-Chef Claus-Die­ter Wehr op­ti­mis­tisch, ob­wohl auch hier je­der drit­te Flug von jetzt auf gleich weg­fällt. Die Rou­ten sei­en wirt­schaft­lich er­folg­reich ge­we­sen. "Wir sind des­halb zu­ver­sicht­lich, dass ein pas­sen­des Flug­an­ge­bot auch in Zu­kunft al­le Chan­cen hat. Wich­tig für die Re­gi­on ist, dass we­sent­li­che Ver­kehrs­an­ge­bo­te auch wei­ter­hin be­ste­hen."

Die üb­ri­gen Flug­ge­sell­schaf­ten wer­den sich die frei wer­den­den Stre­cken ge­nau an­schau­en und man­che Ge­le­gen­heit nut­zen, sagt Tuif­ly-Spre­cher Aa­ge Dün­haupt. Ei­nen er­bit­ter­ten Kampf um Slots und Ma­schi­nen er­war­tet hin­ge­gen nie­mand, denn an den Re­gio­nal-Flug­hä­fen herrscht kein Man­gel an Start- und Lan­de­zei­ten. Ein­zi­ge Aus­nah­me könn­ten die Zeit­fens­ter am en­gen Flug­ha­fen Düs­sel­dorf sein, wo der Preis­kampf schon jetzt hef­tig tobt.

Ger­ma­nia hat sich nach An­sicht von Ex­per­ten auch schlicht ver­ho­ben. Noch Mit­te 2016 hat­te Ger­ma­nia-Chef Kars­ten Bal­ke auf der Luft­fahrt­mes­se im bri­ti­schen Farn­bo­rough zum Flug­zeug-Groß­ein­kauf ge­bla­sen. Da­mals - gut ein Jahr vor der Plei­te von Air Ber­lin - or­der­te er 25 Ex­em­pla­re des mo­der­ni­sier­ten Mit­tel­stre­cken­jets Air­bus A320neo - samt Kauf­op­tio­nen für wei­te­re 15 Ma­schi­nen. Ab 2020 soll­ten die neu­en Jets mit ih­rem ge­rin­ge­ren Sprit­ver­brauch Ger­ma­nia zu­kunfts­fä­hig ma­chen. Al­lein die Fest­be­stel­lung sum­mier­te sich laut Preis­lis­te auf rund 2,6 Mil­li­ar­den US-Dol­lar, ab­züg­lich Ra­bat­ten.

Viel Geld für ei­ne Flug­ge­sell­schaft, die laut Han­dels­re­gis­ter be­reits in die­sen Jah­ren ro­te Zah­len schrieb. So brach­te die schon 2018 be­gon­ne­ne Um­stel­lung auf ei­ne rei­ne Air­bus-Flot­te mit ih­ren Vor­lauf­kos­ten die Ger­ma­nia ins Tru­deln. Um den Jah­res­wech­sel droh­te schließ­lich das Geld aus­zu­ge­hen. "Die Ge­sell­schaft ist nicht zu ret­ten", sag­te ein Ken­ner der Zah­len be­reits im Ja­nu­ar.

Dem Flug­zeug­her­stel­ler Air­bus dürf­te der Weg­fall der Ger­ma­nia- Be­stel­lung we­nig Sor­gen ma­chen. "Es be­fin­det sich noch kein Flug­zeug aus der Be­stel­lung in der Pro­duk­ti­on", sag­te ein Spre­cher. Zu den In­hal­ten des Ver­trags woll­te er sich nicht äu­ßern. Al­ler­dings kann sich Air­bus ge­ra­de bei den Mit­tel­stre­cken­jets der A320-Fa­mi­lie vor Be­stel­lun­gen kaum ret­ten. Zum Jah­res­wech­sel be­lief sich der Auf­trags­be­stand auf mehr als 6.000 Ma­schi­nen. Üb­li­cher­wei­se freu­en sich an­de­re Air­lines, wenn sie ei­nen Jet frü­her er­gat­tern kön­nen.

Um­pla­nen muss Air­bus al­ler­dings im Haus­ver­kehr zwi­schen Ham­burg und Tou­lou­se. Denn Ger­ma­nia be­för­der­te bis­her zwei­mal pro Werk­tag Air­bus-Mit­ar­bei­ter zwi­schen den bei­den Flug­zeug-Wer­ken hin und her. Man su­che nach ei­nem neu­en Char­ter-Part­ner, sa­get der Spre­cher. Der­zeit wür­den die Be­schäf­tig­ten auf Li­ni­en­flü­ge um­ge­bucht.

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Letzte Überarbeitung: 10. Februar 2019

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