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Al­st­om will Bom­bar­dier-Zug­s­par­te kau­fen

Seit lan­gem rin­gen Bahn­tech­nik-Kon­zer­ne um Zu­sam­men­schlüs­se, da­mit sie der chi­ne­si­schen Kon­kur­renz Pa­ro­li bie­ten kön­nen
Deutsche Bahn, Zugverkehr

17.02.2020. (dpa/fle) - Der fran­zö­si­sche TGV-Her­stel­ler Al­st­om will die Zug­s­par­te des ka­na­di­schen Kon­kur­ren­ten Bom­bar­dier über­neh­men.

Da­für sol­le ein Preis in der Span­ne von 5,8 Mil­li­ar­den EUR bis 6,2 Mil­li­ar­den EUR ge­zahlt wer­den, wie Al­st­om am Mon­tag­abend am Saint-Ou­en-sur-Sei­ne bei Pa­ris mit­teil­te.

Ei­ne ent­spre­chen­de Ab­sichts­er­klä­rung sei un­ter­zeich­net wor­den. Da­mit bahnt sich un­ter gro­ßen Zug­her­stel­lern ein neu­er Zu­sam­men­schluss an. Die Trans­ak­ti­on wä­re auch von gro­ßer Be­deu­tung für Deutsch­land, wo es meh­re­re Wer­ke mit tau­sen­den Be­schäf­tig­ten gibt.

Die Über­nah­me könn­te je­doch auf Wi­der­stand der Kar­tell­be­hör­den sto­ßen. Die Hür­den für ein Zu­sam­men­ge­hen sind hoch. Al­st­om-Chef Hen­ri Pou­part-La­far­ge zeigt sich op­ti­mis­tisch, dass die Brüs­se­ler Wett­be­werbs­hü­ter die Über­nah­me bil­li­gen. Der Deal mit den Ka­na­di­ern un­ter­schei­de sich deut­lich von ei­nem frü­her ge­plan­ten Zu­sam­men­schluss mit der Sie­mens-Zug­s­par­te. Al­st­om war vor ei­nem Jahr an Be­den­ken der EU-Wett­be­werbs­kom­mis­si­on mit dem Ver­such ge­schei­tert, mit Sie­mens Mo­bi­li­ty zu fu­sio­nie­ren. Die bei­den Schwer­ge­wich­te hat­ten vor al­lem den welt­weit größ­ten Zug­her­stel­ler aus Chi­na, CRRC, im Vi­sier.

Die Zug­s­par­te von Bom­bar­dier hat ih­ren Sitz in Ber­lin. Von 40.650 Mit­ar­bei­tern, die laut Un­ter­neh­men zu­letzt in 60 Län­dern tä­tig wa­ren, ar­bei­ten nach Ge­werk­schafts­an­ga­ben rund 6.500 Stamm­be­schäf­tig­te in Deutsch­land. Hin­zu kom­men rund 1.100 Leih­ar­bei­ter. Die größ­ten Stand­or­te sind Hen­nigs­dorf, Gör­litz und Baut­zen. Auch in Mann­heim, Kas­sel und Sie­gen sind je­weils meh­re­re Hun­dert Men­schen be­schäf­tigt. Klei­ne­re Stand­or­te bil­den zu­dem Braun­schweig und Frank­furt.

Mit der Über­nah­me er­höht Al­st­om nach ei­ge­nen An­ga­ben sei­nen Auf­trags­be­stand auf 75 Mil­li­ar­den EUR und wer­de ei­nen Um­satz von rund 15,5 Mil­li­ar­den ha­ben. Der Al­st­om-Chef sprach von ei­ner "neu­en, his­to­ri­schen Etap­pe im Le­ben un­se­res Kon­zerns". Die Zug­s­par­te von Bom­bar­dier brau­che aber we­gen der Schwie­rig­kei­ten der ka­na­di­schen Grup­pe zu­nächst "Sta­bi­li­tät". Er ver­wies dar­auf, dass Bom­bar­dier so­wohl bei Si­gnal­an­la­gen als auch bei Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­gen deut­lich schwä­cher sei als Al­st­om. Al­st­om und Bom­bar­dier er­gänz­ten sich. So sei Al­st­om in Sü­d­eu­ro­pa stär­ker, wäh­rend Bom­bar­dier in nord­eu­ro­päi­schen Län­dern sei­nen Schwer­punkt ha­be.

Pou­part-La­far­ge sag­te, das Ziel der Über­nah­me sei kei­ne Re­struk­tu­rie­rung der Un­ter­neh­men. "Die Fu­si­on ist of­fen­siv, nicht de­fen­siv." Das Bahn­ge­schäft sei in vol­ler Ex­pan­si­on. Es kön­ne je­doch in ein­zel­nen Fa­bri­ken zu "An­pas­sun­gen" kom­men, De­tails da­zu nann­te er nicht. Die Über­nah­me soll laut Al­st­om im ers­ten Halb­jahr kom­men­den Jah­res ab­ge­schlos­sen wer­den. Der ka­na­di­sche Fi­nanz­in­ves­tor und bis­he­ri­ge wich­ti­ge Bom­bar­dier-An­teils­eig­ner Cais­se de dê­pot et pla­ce­ment de Qué­bec (CD­PQ) wer­de künf­tig mit ei­nem An­teil von rund 18 Pro­zent grö­ßer Ein­zel­ak­tio­när von Al­st­om sein.

Die IG Me­tall geht da­von aus, dass ein Zu­sam­men­schluss von Bom­bar­dier und Al­st­om kar­tell­recht­lich so zu be­wer­ten sei wie die von der EU-Kom­mis­si­on un­ter­sag­te Fu­si­on von Sie­mens und Al­st­om im ver­gan­ge­nen Jahr. Soll­te es doch da­zu kom­men, wer­de die IG Me­tall kei­ne ein­sei­ti­ge Kon­so­li­die­rung in Deutsch­land ak­zep­tie­ren. Die Ge­werk­schaft for­der­te die Bun­des­re­gie­rung auf, sich ak­tiv in die Ge­sprä­che von Bom­bar­dier und Al­st­om ein­zu­schal­ten. Die bun­des­ei­ge­ne Deut­sche Bahn sei ein Groß­kun­de der Bran­che. Die Bun­des­re­gie­rung ha­be des­halb die Pflicht, in­dus­trie­po­li­ti­sche Maß­nah­men im Sin­ne der Be­schäf­tig­ten zu er­grei­fen und die in­dus­tri­el­le Ba­sis zu si­chern.

Frank­reichs Wirt­schafts- und Fi­nanz­mi­nis­ter Bru­no Le Mai­re will mit der EU-Kom­mis­si­on über die Über­nah­me be­ra­ten. Ein Ge­spräch mit EU-Kom­mis­si­ons-Vi­ze­prä­si­den­tin Mar­g­re­the Ves­ta­ger sei be­reits am Diens­tag ge­plant, teil­te Le Mai­re in Pa­ris mit. Er be­grüß­te aus­drück­lich den be­ab­sich­tig­ten trans­at­lan­ti­schen Deal: "Das ist ei­ne her­vor­ra­gen­de Nach­richt für Frank­reich, für Eu­ro­pa und für Ka­na­da."

Al­st­om will den Kauf­preis in bar und in Ak­ti­en zah­len. Bis­her kon­kur­rie­ren Al­st­om und Bom­bar­dier in vie­len Be­rei­chen. So baut Al­st­om et­wa die fran­zö­si­schen TGV-Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­ge, Re­gio­nal­zü­ge, Me­tros und Stra­ßen­bah­nen, bie­tet aber auch tech­ni­sche Lö­sun­gen für Schie­nen- und Si­gnal­tech­nik an. Bom­bar­dier ist mit sei­nen Ze­firo-Hoch­ge­schwin­dig­keits­zü­gen in Chi­na und Ita­li­en im Ge­schäft. Auch Schie­nen- und Si­gnal­tech­nik, Re­gio­nal­zü­ge so­wie U- und Stra­ßen­bah­nen kom­men von dem ka­na­disch-deut­schen Her­stel­ler, der auch an den ICE-Zü­gen von Sie­mens mit­ar­bei­tet.

Är­ger gab es zu­letzt mit den neu­en In­ter­ci­ty-Zü­gen von Bom­bar­dier. Die Deut­sche Bahn gab En­de Ja­nu­ar be­kannt, dass sie 25 Ex­em­pla­re we­gen tech­ni­scher Män­gel nicht ab­neh­men wer­de. Auch beim Flagg­schiff ICE 4 gab es Pro­duk­ti­ons­män­gel, Sie­mens ver­wies bei dem Feh­ler eben­falls auf Bom­bar­dier.

Bom­bar­dier ist fi­nan­zi­ell schwer an­ge­schla­gen. Um zu Geld zu kom­men, stieg der Kon­zern jüngst bei dem ge­mein­sam mit Air­bus ge­bau­ten Kurz- und Mit­tel­stre­cken­jet Air­bus A220 aus. Die Ka­na­di­er hat­ten den Flie­ger un­ter dem Na­men Bom­bar­dier C-Se­rie für mehr als sechs Mil­li­ar­den US-Dol­lar selbst ent­wi­ckelt, sich aber fi­nan­zi­ell ver­ho­ben. Die Bom­bar­dier-Füh­rung such­te nach wei­te­ren Mög­lich­kei­ten, den Schul­den­berg des Kon­zerns ab­zu­tra­gen. Ins­ge­samt bringt es der in Mon­tre­al an­säs­si­ge Mut­ter­kon­zern auf mehr als 68.000 Mit­ar­bei­ter.

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Letzte Überarbeitung: 17. Februar 2020

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