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Al­ter­na­ti­ve zu Hartz IV?

Nach viel Kri­tik am Hartz IV-Sys­tem ver­sucht Ber­lin mit dem so­li­da­ri­schen Grund­ein­kom­men­nun nun ei­nen neu­en Weg. Da­von sind nicht al­le be­geis­tert
Rotes Rathaus, Senat Berlin, Hauptstadt

02.07.2019. (dpa/fle) - Nach lan­gen Dis­kus­sio­nen star­tet das rot-rot-grün re­gier­te Ber­lin in Kür­ze ein bun­des­weit ein­ma­li­ges Mo­dell­pro­jekt, das Al­ter­na­ti­ven zu Hartz IV auf­zei­gen soll.

Im Rah­men des so­ge­nann­ten so­li­da­ri­schen Grund­ein­kom­mens fi­nan­ziert der Staat et­wa 1.100 Ar­beits­lo­sen so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Jobs im ge­mein­nüt­zi­gen Be­reich bei Lan­des­un­ter­neh­men, Ver­wal­tung oder so­zia­len Trä­gern.

Sie ar­bei­ten zum Bei­spiel als Mo­bi­li­täts­be­glei­ter oder Haus­meis­ter, hel­fen Ob­dach­lo­sen oder über­neh­men un­ter­stüt­zen­de Tä­tig­kei­ten in Schu­len, Ki­tas und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen - mit Aus­sicht auf ei­ne dau­er­haf­te Be­schäf­ti­gung.

Ziel des zu­nächst auf fünf Jah­re aus­ge­leg­ten Mo­dell­pro­jek­tes sei es, Er­werbs­lo­sen Teil­ha­be durch Ar­beit zu er­mög­li­chen, sag­te Ber­lins Re­gie­rungs­chef Mi­cha­el Mül­ler (SPD) nach dem ent­spre­chen­den Se­nats­be­schluss. Das sei bes­ser, als sie in der Ar­beits­lo­sig­keit von ei­ner Wei­ter­bil­dung zur nächs­ten kurz­fris­ti­gen Maß­nah­me zu schie­ben.

Ar­beit schaf­fen statt Ar­beits­lo­sig­keit ver­wal­ten - so lau­tet der Grund­ge­dan­ke des so­li­da­ri­schen Grund­ein­kom­mens, den Mül­ler vor et­wa ein­ein­halb Jah­ren bun­des­weit ins Spiel ge­bracht hat­te. "Wir ge­ben den ar­beits­lo­sen Men­schen schnell wie­der ei­ne Chan­ce auf gu­te Ar­beit - fair be­zahlt, so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig, frei­wil­lig und un­be­fris­tet." Da­mit un­ter­schei­de sich das Pro­jekt grund­le­gend von bis­he­ri­gen Ar­beits­markt­in­stru­men­ten. "Es ist ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Hartz IV und kann da­mit ein wich­ti­ger Bau­stein für ein neu­es So­zi­al­staats­mo­dell sein, an dem wir jetzt ar­bei­ten müs­sen."

Ab Mit­te Ju­li läuft das Mo­dell­vor­ha­ben nach dem Be­schluss im Se­nat lang­sam an. Dar­an teil­neh­men kön­nen Men­schen, die bis zu drei Jah­ren ar­beits­los sind, aber kei­ne Ver­mitt­lungs­chan­ce auf dem ers­ten Ar­beits­markt ha­ben. Aus­ge­sucht wer­den sie von der Ar­beits­agen­tur, kön­nen sich aber auch selbst be­wer­ben. Be­zahlt wer­den sie nach Min­dest- oder Ta­rif­lohn, kön­nen auch Teil­zeit ar­bei­ten und wer­den wäh­rend ih­rer Tä­tig­keit ge­coacht. 50 Ar­beit­ge­ber ha­ben Stel­len an­ge­bo­ten, dar­un­ter die Ver­kehrs­be­trie­be, kom­mu­na­le Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten, Se­nat und Be­zir­ke.

Die ver­an­schlag­ten Kos­ten, die zu­nächst al­lein das Land Ber­lin trägt, lie­gen bei bis zu 35 Mil­lio­nen EUR jähr­lich. Ei­gent­lich hat­te Mül­ler er­rei­chen wol­len, dass 4.000 oder 5.000 Ar­beits­lo­se von dem Mo­dell­ver­such pro­fi­tie­ren, auch in an­de­ren Bun­des­län­dern. Doch der Bund woll­te kein Geld da­zu­ge­ben. Mül­lers Par­tei­freund, Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD), setzt eher auf Lohn­kos­ten­zu­schüs­se für Un­ter­neh­men, die Lang­zeit­ar­beits­lo­se ein­stel­len, als auf Mül­lers Mo­dell. Den­noch will das Land wei­ter ver­su­chen, für das Vor­ha­ben auch Bun­des­mit­tel zu be­kom­men.

Die Ber­li­ner Wirt­schaft sieht das Mo­dell­pro­jekt mit ei­ni­ger Skep­sis. Die In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer warn­te vor we­ni­gen Ta­gen vor ei­ner Kon­kur­renz für pri­va­te Ar­beit­ge­ber. Men­schen, die ver­gleichs­wei­se kurz ar­beits­los sei­en, al­so die Ziel­grup­pe des so­li­da­ri­schen Grund­ein­kom­mens, sei­en ei­gent­lich gut ver­mit­tel­bar und da­mit für Un­ter­neh­men sehr in­ter­es­sant. Die­se gin­gen pri­va­ten Ar­beit­ge­bern nun ver­lo­ren. Das Pro­jekt dür­fe auch nicht zur Fol­ge ha­ben, dass re­gu­lä­re Jobs auf Kos­ten der staat­lich fi­nan­zier­ten weg­fie­len.

Die Op­po­si­ti­on im Ab­ge­ord­ne­ten­haus lehnt das Vor­ha­ben ab. Es sei der fal­sche Weg, um Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit zu be­kämp­fen, er­klär­ten CDU, AfD und FDP. "Wir brau­chen kei­ne be­schäf­ti­gungs­the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­me auf Staats­kos­ten, die Ar­beits­lo­sen kei­ne ech­ten Chan­cen auf Wie­der­ein­stieg in das Be­rufs­le­ben bie­ten", sag­te der CDU- Ar­beits­markt­po­li­ti­ker Jürn Ja­kob Schult­ze-Berndt der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. Bes­ser sei es, Ar­beits­lo­se mit Fort­bil­dung und Qua­li­fi­zie­rung fit zu ma­chen für den ers­ten Ar­beits­markt.

Auch in­ner­halb der rot-rot-grü­nen Ko­ali­ti­on hat­te es kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen ge­ge­ben, so dass es zu Ver­zö­ge­run­gen ge­gen­über dem ur­sprüng­li­chen Zeit­plan kam. Be­män­gelt wur­den nicht zu­letzt die ho­hen Kos­ten. Ins­be­son­de­re die Grü­nen stie­ßen sich je­doch auch an der zu­nächst an­ge­dach­ten Über­nah­me­ga­ran­tie für den öf­fent­li­chen Dienst für Pro­jekt­teil­neh­mer. Nun­mehr soll zu­min­dest ver­sucht wer­den, sie zu über­neh­men - ge­ge­be­nen­falls an an­de­rer Stel­le.

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Letzte Überarbeitung: 2. Juli 2019

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