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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/002

Ar­beit­ge­ber set­zen bei der Mit­ar­bei­ter­aus­bil­dung auf "Vir­tu­al Rea­li­ty"

3D-Op­tik und High­tech-Sen­so­ren er­lau­ben das Ein­tau­chen in ei­ne vir­tu­el­le Rea­li­tät. Un­ter­neh­men setz­ten die­se Tech­nik zur Schu­lung für auf­wen­di­ge oder heik­le Si­tua­tio­nen ein
Zusammenarbeit Roboter und Mensch, Digitalisierung, Industrie 4.0

03.01.2019. (dpa/fle) - Zu­erst den Vier­kant­schlüs­sel raus­ho­len, dann zwei Si­che­rungs­he­bel lö­sen und zahl­rei­che an­de­re Hand­grif­fe tä­ti­gen: Nach­dem Zug­be­glei­ter Da­ni­el von Cont­zen al­le 28 Ar­beits­schrit­te er­le­digt hat, ist der Hub­lift - ei­ne Art Mi­ni-Lift am Zug - aus­ge­klappt.

Nun kann ein Roll­stuhl­fah­rer rein in den ICE. Doch der Roll­stuhl­fah­rer ist gar nicht da. Und auch ein Zug ist nicht vor Ort. Von Cont­zen übt die Ar­beits­schrit­te in ei­nem Köl­ner Kon­fe­renz­raum - mit ei­ner Vir­tu­al-Rea­li­ty-Bril­le. Er hält Kon­troll­ge­rä­te und steu­ert da­mit sei­ne vir­tu­el­len Hän­de. Was ge­nau er ge­ra­de tut, se­hen an­de­re Schu­lungs­teil­neh­mer oh­ne VR-Bril­le auf ei­ner Lein­wand.

Die Idee ist sim­pel, die Um­set­zung kom­plex: Übun­gen in der Wirk­lich­keit sind auf­wen­dig, schließ­lich muss ein ech­ter Zug da­für be­reit­ste­hen. Al­so greift die Bahn auf die VR-Tech­nik zu­rück. Die rea­li­täts­na­he Schu­lung soll die Zug­be­glei­ter fit ma­chen für den Tag, wenn auf ei­ner Fahrt tat­säch­lich ein­mal ein Roll­stuhl­fah­rer am Bahn­steig ist und er in den Zug soll. Die Übungs­sze­na­ri­en be­zie­hen sich größ­ten­teils auf den neu­en ICE 4. Se­pa­rat hier­zu gibt es auch Übun­gen im ech­ten Zug.

Die Rea­li­täts­nä­he der VR-Schu­lung ist un­ter den Teil­neh­mern ein gro­ßes The­ma. "Die Hand­grif­fe kom­men de­nen am ech­ten Hub­lift schon nah", er­zählt der Zug­be­glei­ter von Cont­zen nach sei­nem VR-Trai­ning. Von Cont­zen ist ei­ner von rund 1.000 Mit­ar­bei­tern der Deut­schen Bahn, die 2018 mit der neu­en Tech­nik ge­schult wur­den.

Die Bahn ist nur ein Bei­spiel für Fir­men, die auf VR-Schu­lun­gen set­zen. Auch in an­de­ren Bran­chen wird auf die­se Tech­nik zum Leh­ren und Ler­nen ge­setzt. In der In­dus­trie, im Ge­sund­heits­we­sen oder im Ret­tungs­dienst wird die­se Tech­nik eben­falls be­reits zum Leh­ren und Ler­nen ver­wen­det. Die Kos­ten für die Tech­nik sei­en deut­lich ge­sun­ken, sagt Mar­tin Zim­mer­mann, Grün­der der eu­ro­päi­schen Kom­pe­tenz­ein­rich­tung Vir­tu­al Di­men­si­on Cen­ter (VDC) in Fell­bach und St. Ge­or­gen. Über das VDC ver­net­zen sich seit 15 Jah­ren Un­ter­neh­men, Hoch­schu­len und Ent­wick­ler von Soft- und Hard­ware.

In den An­fän­gen sei­en für ei­ne VR-An­la­ge meh­re­re Mil­lio­nen Mark fäl­lig ge­we­sen, heu­te sei man für ei­ne VR-Bril­le, Sen­so­ren und ei­nen Rech­ner mit ei­nem nied­ri­gen vier­stel­li­gen Eu­ro-Be­trag da­bei, sagt Zim­mer­mann. Man ar­bei­te nun auch mit Volks­hoch­schu­len, Be­rufs­schu­len und all­ge­mein­bil­den­den Schu­len zu­sam­men.

Der Fach­mann sieht die Vor­tei­le der Schu­lun­gen in der Kom­bi­na­ti­on aus in­ter­ak­ti­vem Ler­nen und drei­di­men­sio­na­ler Um­ge­bung. Da­durch kön­ne man die Auf­ga­be ganz an­ders wahr­neh­men und be­grei­fen als über ei­nen klas­si­schen Vor­trag oder Fron­tal­un­ter­richt. Au­ßer­dem bie­te VR ein Grup­pen­er­leb­nis. Wenn die vir­tu­el­le Rea­li­tät über ei­nen Bea­mer an die Wand ge­wor­fen wer­de, könn­ten al­le Teil­neh­mer mit­hel­fen, ei­ne Auf­ga­be zu lö­sen. "Und na­tür­lich spielt der Spaß am Ler­nen ei­ne Rol­le."

Auch der Mo­tor­sä­gen­her­stel­ler Stihl setzt auf Vir­tu­el­le Rea­li­tät: Das schwä­bi­sche Un­ter­neh­men schult ei­ge­ne Mit­ar­bei­ter und Fach­händ­ler in ei­nem Mo­tor­sä­gen-Si­mu­la­tor. Ei­ne ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on - das Fäl­len ei­nes Bau­mes - wird in ei­ner si­che­ren Um­ge­bung ge­übt. Der Schu­lungs­teil­neh­mer hält ei­ne ech­te Sä­ge in der Hand, auf der Sen­sor­tech­nik an­ge­bracht ist. "Mit dem Si­mu­la­tor kann man das Baum­fäl­len Schritt für Schritt durch­ge­hen und wird da­durch auf den ech­ten Wald vor­be­rei­tet", er­klärt der zu­stän­di­ge Stihl-Ab­tei­lungs­lei­ter Mar­bod Lem­ke. Auch der Zeit­fak­tor ist ein Vor­teil, denn das Trai­ning kann bei je­dem Wet­ter und zu je­der Jah­res­zeit durch­ge­führt wer­den - die Übung ist al­so gut plan­bar.

Die Rea­li­tät er­set­zen sol­len die Schu­lun­gen im vir­tu­el­len Raum nicht, son­dern das Trai­ning er­gän­zen. "Mit dem VR-Pro­gramm kön­nen Be­we­gungs­ab­läu­fe in Ru­he ge­übt wer­den, die in der Pra­xis schnell ab­lau­fen müs­sen", er­klärt Lars Tie­der­mann. Er hat das Pro­gramm "Eve" mit­ent­wi­ckelt, mit dem die Bahn-Mit­ar­bei­ter ler­nen. Es geht bei den Ar­beits­schrit­ten nicht nur um den Hub­lift für Roll­stuhl­fah­rer, son­dern zum Bei­spiel auch um das Öff­nen vir­tu­el­ler Bug­klap­pen zum Ab­schlep­pen ei­nes Zu­ges. Ab die­sem Jahr sol­len Aus­zu­bil­den­de mit der VR-Bril­le auch üben, Wag­gons zu kup­peln.

Po­si­tiv sieht das The­ma die Ei­sen­bahn- und Ver­kehrs­ge­werk­schaft (EVG). Solch ein Si­mu­la­ti­ons­trai­ning sei hilf­reich, da es Hand­lungs­si­cher­heit ge­be, sagt Ge­werk­schaf­te­rin Clau­dia Dunst. "Vie­le Kol­le­gen müs­sen ja im­mer wie­der di­rekt auf die Glei­se, und das ist im­mer ge­fähr­lich." Das Trai­ning er­set­ze je­doch nicht die Ein­wei­sung vor Ort. Und es müs­se re­gel­mä­ßig über­prüft wer­den, ob die er­lern­ten Ar­beits­schrit­te auch in der Pra­xis um­setz­bar sei­en.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 17. März 2019

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