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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/007

Be­hin­der­te als Bil­dungs­fach­kräf­te

In ei­nem Pro­jekt wer­den Be­hin­der­te als Bil­dungs­fach­kräf­te ein­ge­stellt, um an­ge­hen­den So­zi­al­ar­bei­tern ih­re Sicht zu ver­mit­teln
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09.01.2019. (dpa/fle) - Sie­ben Jah­re lang hat Hart­mut Ka­be­litz in ei­ner Werk­statt für be­hin­der­te Men­schen Schläu­che für Pum­pen auf­ge­rollt und in Plas­tik­beu­teln ver­packt.

Mehr als 100 Stück am Tag. Ein­zi­ge Ab­wechs­lung: Mal wa­ren die Schläu­che di­cker, mal schma­ler.

"Ich fühl­te mich to­tal un­ter­for­dert", er­zählt der 52-jäh­ri­ge Hei­del­ber­ger, der bei ei­nem Un­fall in sei­ner Ju­gend ein Schä­del-Hirn-Trau­ma er­litt und seit­dem als geis­tig be­hin­dert gilt. Nur beim Schach­spie­len in der Frei­zeit er­leb­te er An­er­ken­nung.

Doch 2017 kam über­ra­schend die be­ruf­li­che Wen­de: Un­ter mehr als 40 Be­wer­bern für ei­ne neu­ar­ti­ge Qua­li­fi­zie­rung als Bil­dungs­fach­kraft wur­de er als ei­ner von sechs An­wär­tern aus­ge­wählt. "Das war wie ein Sech­ser im Lot­to", sagt Ka­be­litz. Vor al­lem schätzt er, dass er der Mo­no­to­nie der Werk­statt ent­flie­hen und sich in­tel­lek­tu­ell be­tä­ti­gen kann.

Der Kern des Pro­jek­tes ist, dass Men­schen mit Be­hin­de­run­gen an­ge­hen­den So­zi­al­ar­bei­tern und Päd­ago­gen ih­re Sicht auf die Ar­beits- und Le­bens­welt ver­mit­teln. Die Stu­den­ten sol­len ihr bis­lang theo­re­ti­sches Fach­wis­sen durch den Aus­tausch mit den Bil­dungs­fach­kräf­ten er­wei­tern. "Sie sol­len aus ers­ter Hand ler­nen, was es heißt, mit Han­di­caps zu le­ben", be­tont Pro­jekt­lei­ter Ste­phan Frie­be. Ziel sei, die Be­geg­nung ge­mäß dem Mot­to "Nichts über uns oh­ne uns" zum re­gu­lä­ren Be­stand­teil der Leh­re an Hoch­schu­len zu ma­chen. Ähn­li­ches ge­be es bun­des­weit nur in Schles­wig-Hol­stein.

Für Frie­be ist der Man­gel an Teil­ha­be von Men­schen mit Be­hin­de­rung ein ge­samt­ge­sell­schaft­li­ches The­ma. "Das Spek­trum von Men­schen, die mit Men­schen mit Be­hin­de­rung zu tun ha­ben, ist un­end­lich groß." Es um­fas­se Po­li­tik, Ver­wal­tung, Ver­bän­de und Un­ter­neh­men. "Aber die an­dau­ern­de Tren­nung der Le­bens- und Ar­beits­be­rei­che führt zu Ver­un­si­che­rung."

Die an­ge­hen­de Bil­dungs­fach­kraft Ka­be­litz gibt auch wäh­rend der Aus­bil­dung Se­mi­na­re. Das me­tho­di­sche Rüst­zeug da­zu ist Teil des Lehr­plans. Schon zum fünf­ten Mal sitzt er mit sei­nem Kol­le­gen Mi­cha­el Gäns­man­tel vor 30 Stu­die­ren­den der So­zi­al­ar­beit, der in­klu­si­ven Päd­ago­gik und Heil­päd­ago­gik der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le in Lud­wigs­burg. Heu­te dreht sich al­les um das The­ma Ar­beit. Selbst­ver­wirk­li­chung, freie Be­rufs­wahl, Exis­tenz­si­che­rung oder Sinn und Spaß ver­bin­den die über­wie­gend weib­li­chen Stu­die­ren­den mit dem Be­griff Ar­beit.

Vie­le die­ser zum Teil in der UN-Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on fest­ge­schrie­be­nen Wer­te konn­te Ka­be­litz in der Werk­statt nicht um­set­zen. Nur 0,5 Pro­zent von 300.000 Werk­stät­ten-Be­schäf­tig­ten schaf­fen es nach sei­nen An­ga­ben, im ers­ten Ar­beits­markt Fuß fas­sen. Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin The­re­sia Bau­er (Grü­ne), die das Pro­je­jkt un­ter­stützt, er­in­nert al­ler­dings dar­an, dass Werk­stät­ten als Schutz­räu­me für man­che Men­schen un­ent­behr­lich sei­en. Sie leh­ne da ein Schwarz-Weiß-Den­ken ab.

Zu die­sem ge­rin­gen An­teil ge­hö­ren bald Ka­be­litz und Gäns­man­tel. Mit En­de der Aus­bil­dung im Ok­to­ber die­sen Jah­res wer­den die bei­den und ih­re vier Kol­le­gen so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig ar­bei­ten. Nach der För­de­rung des bun­des­weit un­ge­wöhn­li­chen und im Süd­wes­ten ein­zig­ar­ti­gen Pro­jek­tes durch die Die­ter Schwarz Stif­tung steigt das Land in die dau­er­haf­te Fi­nan­zie­rung ein. Das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um stellt 2020/21 mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Eu­ro für "In­klu­si­ve Bil­dung Ba­den-Würt­tem­berg" be­reit.

In den Werk­stät­ten er­hal­ten die Be­schäf­tig­ten nur we­nig Ge­halt und sind da­mit auf Grund­si­che­rung an­ge­wie­sen. Gäns­man­tel, der frü­her Schrau­ben sor­tier­te, emp­fin­det das ma­ge­re Ent­gelt als dis­kri­mi­nie­rend. "Da­mit kann man kei­ne gro­ßen Sprün­ge ma­chen." Der 23-Jäh­ri­ge, der un­ter den Fol­gen ei­nes of­fe­nen Rü­ckens lei­det, ver­langt mehr be­ruf­li­che Chan­cen für Men­schen mit Be­hin­de­rung. Schon im Schul­sys­tem wer­de aus­sor­tiert. Jun­ge Leu­te mit Han­di­cap und oh­ne an­er­kann­ten Schul­ab­schluss hät­ten kei­ne Al­ter­na­ti­ven zu den Werk­stät­ten. Doch für den Ab­sol­ven­ten ei­ner För­der­schu­le er­öff­nen sich mit dem neu­en Job neue Mög­lich­kei­ten, auch pri­vat. Viel­leicht kann der Mos­ba­cher sich bald sei­nen Traum von ei­nem Ur­laub auf den Ka­na­ri­schen In­seln er­fül­len.

Was bringt der Aus­tausch mit den be­ein­träch­tig­ten Men­schen den Stu­die­ren­den? Stu­dent Mar­kus fin­det die Idee su­per. Er be­wun­de­re die Of­fen­heit der bei­den Män­ner. "Das ist ein Per­spek­tiv­wech­sel", fin­det er.

Ver­än­de­run­gen sieht Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin Bau­er auch bei den Leh­ren­den, die sie zu Be­ginn der drei­jäh­ri­gen Qua­li­fi­zie­rung 2017 in Hei­del­berg be­sucht hat­te. "Sie ha­ben seit­her durch ih­re Aus­bil­dung ei­ne enor­me Ent­wick­lung durch­lau­fen und enorm an Selbst­si­cher­heit, Re­fle­xi­ons­ver­mö­gen und Kom­pe­tenz ge­won­nen. Ich ha­be sie kaum wie­der­er­kannt."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 9. Januar 2020

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