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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/016

Be­rufs­wün­sche trotz Di­gi­ta­li­sie­rung gleich

Die Wunsch­be­ru­fe von Ju­gend­li­chen ha­ben sich in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren trotz der Di­gi­ta­li­sie­rung kaum ver­än­dert
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22.01.2020. (dpa/fle) - Die Teen­ager von heu­te stre­ben nach An­ga­ben der Or­ga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) im­mer noch vor al­lem in Be­ru­fe aus dem ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert.

Die OECD leg­te am Mitt­woch ei­ne Son­der­aus­wer­tung der neu­es­ten Pi­sa-Stu­die vor und kommt zu dem Schluss, "dass auch im Zeit­al­ter so­zia­ler Me­di­en und künst­li­cher In­tel­li­genz Ju­gend­li­che in den OECD-Län­dern kaum Tä­tig­kei­ten an­stre­ben, die mit der Di­gi­ta­li­sie­rung ent­stan­den sind, son­dern vor al­lem eta­blier­te Be­ru­fe".

Beim Schul­leis­tungs­ver­gleich Pi­sa wur­den ne­ben den ob­li­ga­to­ri­schen Tests in Ma­the, Le­sen und Na­tur­wis­sen­schaf­ten auch per­sön­li­che Da­ten er­ho­ben. Die 15-jäh­ri­gen Teil­neh­mer wur­den zum Bei­spiel ge­fragt, in wel­chem Be­ruf sie glau­ben, spä­ter ein­mal zu ar­bei­ten. Die Fra­ge war nach OECD-An­ga­ben of­fen ge­stellt, es wur­de kei­ne Lis­te be­stimm­ter Be­ru­fe zum Aus­wäh­len vor­ge­ge­ben. An der letz­ten Pi­sa-Stu­die , de­ren Er­geb­nis­se im ver­gan­ge­nen De­zem­ber vor­ge­stellt wur­den, hat­ten 2018 welt­weit rund 600.000 Schü­le­rin­nen und Schü­ler teil­ge­nom­men, dar­un­ter knapp 5.500 deut­sche.

Die meis­ten 15-jäh­ri­gen Mäd­chen in Deutsch­land (10,4 Pro­zent) se­hen sich im Al­ter von 30 wie­der in der Schu­le: als Leh­re­rin. Da­hin­ter fol­gen Ärz­tin (10), Er­zie­he­rin (6,4), Psy­cho­lo­gin (4,5). Auf die Jun­gen in Deutsch­land trifft die Aus­sa­ge der OECD-Stu­die nicht ganz zu: Im­mer­hin er­war­ten die meis­ten 15-Jäh­ri­gen (6,7 Pro­zent), dass sie mit 30 IT-Spe­zia­list sein wer­den. Oben im Ran­king ste­hen aber wei­ter­hin auch die Be­ru­fe In­dus­trie- und Au­to­me­cha­ni­ker (5,2 und 5,1), Po­li­zist (4,5) oder Leh­rer (3,8).

Der Bil­dungs­di­rek­tor der OECD, An­dre­as Schlei­cher, for­der­te am Mitt­woch, dass die The­men Be­rufs­be­ra­tung und Ar­beits­welt in den Schu­len der OECD-Län­der ei­nen deut­lich hö­he­ren Stel­len­wert be­kom­men soll­ten. "Man kann nicht wer­den, was man nicht kennt", sag­te er bei ei­nem Fach­ge­spräch am Ran­de des Welt­wirt­schafts­fo­rums in Da­vos. "Es be­steht ein gro­ßes Ri­si­ko, dass wir die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on für un­se­re Ver­gan­gen­heit aus­bil­den und nicht für de­ren Zu­kunft." Schlei­cher schlug vor, mehr Ar­beit­ge­ber und Job­mes­sen an die Schu­len zu brin­gen.

Hand­lungs­be­darf sieht auch die Wirt­schaft. Vie­le Ju­gend­li­che sei­en auf ih­ren Traum­be­ruf fest­ge­legt und schlü­gen Aus­bil­dungs­an­ge­bo­te in we­ni­ger be­kann­ten Be­ru­fen aus, da sie zu we­nig über be­ruf­li­che Per­spek­ti­ven, Ver­dienst­mög­lich­kei­ten und Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ven wüss­ten, sag­te der Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer­ta­ges (DIHK), Achim Dercks. "Ju­gend­li­che soll­ten so früh wie mög­lich prak­ti­sche Er­fah­run­gen sam­meln. Denn: Wer weiß, was er will und kann, der trifft auch leich­ter die Ent­schei­dung für den rich­ti­gen Be­ruf."

Der Prä­si­dent des Deut­schen Leh­rer­ver­bands, Heinz-Pe­ter Mei­din­ger, macht sich we­gen der Traum­be­ru­festa­tis­tik der deut­schen Schü­ler we­ni­ger Sor­gen: Vie­le der ge­nann­ten Be­ru­fe, wie Leh­rer oder Arzt wür­den wei­ter ge­braucht, dort herr­sche so­gar Nach­wuchs­man­gel, sag­te er der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. Au­ßer­dem sei noch gar nicht ab­seh­bar, wel­che neu­en Be­rufs­bil­der durch Di­gi­ta­li­sie­rung in 5, 10 oder 20 Jah­ren ent­ste­hen wür­den. "Ent­schei­dend für uns als Leh­rer­ver­band ist, dass wir Kin­dern und Ju­gend­li­chen in den Schu­len ei­ne solch um­fas­sen­de All­ge­mein­bil­dung und so viel grund­le­gen­de Kom­pe­ten­zen ver­mit­teln, dass sie fle­xi­bel ge­nug sind, sich auf die sich ver­än­dern­de Be­rufs­welt ein­zu­stel­len." Ge­gen ei­nen in­ten­si­ve­ren Aus­tausch zwi­schen Be­rufs­welt, Wirt­schaft und Schu­le sei aber nichts ein­zu­wen­den. Da pas­sie­re aber auch schon viel.

Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek (CDU) sag­te der dpa am Mitt­woch, die Be­rufs­ori­en­tie­rung be­kom­me ei­ne im­mer hö­he­re Be­deu­tung. Dar­auf wei­se die OECD völ­lig zu recht hin. "Wir er­hö­hen hier aber auch be­reits seit Jah­ren die An­stren­gun­gen". Ähn­lich äu­ßer­te sich die Prä­si­den­tin der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz und rhein­land-pfäl­zi­sche Bil­dungs­mi­nis­te­rin Ste­fa­nie Hu­big (SPD).

Die Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) hat nach An­ga­ben ei­ner Spre­che­rin die Be­rufs­be­ra­tung seit Be­ginn des lau­fen­den Schul­jahrs deut­lich in­ten­si­viert. Hun­der­te zu­sätz­li­che Be­rufs­be­ra­ter sei­en an den all­ge­mein­bil­den­den Schu­len in den ach­ten Klas­sen un­ter­wegs. Auch die Be­rufs­be­ra­tung in hö­he­ren Klas­sen­stu­fen an den Gym­na­si­en sei ver­stärkt wor­den. Die Spre­che­rin ver­wies auch auf ein noch we­nig be­kann­tes "Selbst­er­kun­dungs­tool" der BA. On­line kön­nen Teen­ager dort ei­nen um­fang­rei­chen auf "psy­cho­lo­gisch fun­dier­ten Ver­fah­ren" ba­sie­ren­den Test durch­lau­fen und be­kom­men ei­ne Emp­feh­lung, wel­ches Stu­di­um oder wel­cher Be­ruf zu ih­nen pas­sen könn­te.

In Deutsch­land gibt es 326 dua­le Aus­bil­dungs­be­ru­fe. Die Zahl selbst hat sich nach An­ga­ben des Bun­des­in­sti­tuts für Be­rufs­bil­dung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht maß­geb­lich er­höht. Die Aus­bil­dung für die ein­zel­nen Be­ru­fe sei aber in­halt­lich an die neu­en Ent­wick­lun­gen an­ge­passt wor­den. "Auch ein Schorn­stein­fe­ger ar­bei­tet heu­te an­ders als noch vor 20 Jah­ren", sag­te ein Spre­cher. Im Zu­ge der Di­gi­ta­li­sie­rung neu hin­zu­ge­kom­men sind we­ni­ge Aus­bil­dungs­be­ru­fe, wie "E-Com­mer­ce-Kauf­mann", "Tech­ni­scher Pro­dukt­de­si­gner" oder "Fo­to­m­edi­en­fach­mann".

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Letzte Überarbeitung: 22. Januar 2020

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