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Ex­port­stopp für Sau­di-Ara­bi­en könn­te 20 Pa­trouil­len­boo­te tref­fen

Die Bun­des­re­gie­rung hat Rüs­tungs­ex­por­te nach Sau­di-Ara­bi­en vor­erst ein­ge­stellt. Für die Klein­stadt Wol­gast an der Ost­see ist das ein har­ter Schlag
Schiffsbau, Schiffswerft, Reederei

02.11.2018 (dpa/fle) - Der Rüs­tungs­ex­port­stopp der Bun­des­re­gie­rung für Sau­di-Ara­bi­en könn­te bis zu 20 Pa­trouil­len­boo­te der Wol­gas­ter Lürs­sen-Werft tref­fen und hun­der­te Ar­beits­plät­ze ge­fähr­den.

Nach In­for­ma­tio­nen der Deut­schen Pres­se-Agen­tur sind von 35 von dem Kö­nig­reich bei der Lürs­sen AG be­stell­ten Boo­ten erst 15 aus­ge­lie­fert. Die Schif­fe 16 und 17, de­ren Aus­lie­fe­rung im März ge­neh­migt wor­den war, sind be­reits fer­tig.

Sie soll­ten ur­sprüng­lich im No­vem­ber nach Sau­di-Ara­bi­en ge­hen. Der Bau von acht wei­te­ren Schif­fen hat auf der Werft in Meck­len­burg-Vor­pom­mern mit ih­ren et­wa 300 Mit­ar­bei­tern be­reits be­gon­nen.

Die Bun­des­re­gie­rung hat­te als Re­ak­ti­on auf den ge­walt­sa­men Tod des sau­di­schen Jour­na­lis­ten Ja­mal Khas­hog­gi im Istan­bu­ler Kon­su­lat Sau­di-Ara­bi­ens an­ge­kün­digt, für die Zeit der Er­mitt­lun­gen kei­ne wei­te­ren Rüs­tungs­lie­fe­run­gen mehr zu ge­neh­mi­gen. Der­zeit wird ge­prüft, ob der Ex­port­stopp auch die Ge­schäf­te be­trifft, für die es be­reits ei­ne Vor­ge­neh­mi­gung gibt. Soll­te sich die Re­gie­rung da­für ent­schei­den, wür­de das die Pa­trouil­len­boo­te aus Wol­gast be­tref­fen.

Da­bei han­delt es sich um die größ­te öf­fent­lich be­kann­te deut­sche Rüs­tungs­pro­duk­ti­on für die sau­di-ara­bi­schen Streit­kräf­te. Der Wert ei­nes Boo­tes wird auf 20 Mil­lio­nen Eu­ro ge­schätzt. Zu­letzt wur­de im März - kurz vor der Ver­ei­di­gung des neu­en Ka­bi­netts - die Aus­lie­fe­rung von acht Boo­ten end­gül­tig ge­neh­migt.

Soll­te der Auf­trag ge­stoppt wer­den, wä­re das ein schwe­rer Schlag für die Re­gi­on. Die Werft ist der größ­te in­dus­tri­el­le Ar­beit­ge­ber und der größ­te Ge­wer­be­steu­er­zah­ler in der 12.000 Ein­woh­ner zäh­len­den Stadt Wol­gast an der Ost­see. "Auf der Werft schlägt der Puls von Wol­gast", sagt der par­tei­lo­se Bür­ger­meis­ter Ste­fan Weig­ler. Mit der Plei­te der P+S-Werf­ten im Jahr 2012 fie­len fast zwei Drit­tel der 850 Ar­beits­plät­ze dort weg. Die Stadt ha­be auf ei­nen Schlag 1.000 Ein­woh­ner ver­lo­ren, er­in­nert sich der Stadt­chef. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te und die Woh­nungs-Leer­stands­quo­te klet­ter­ten in die Hö­he.

Mit der Über­nah­me durch Lürs­sen hoff­te die vor­pom­mer­sche Klein­stadt auf ei­ne si­che­re Zu­kunft. Nun be­fürch­tet Weig­ler, dass mit ei­nem Auf­trags­stopp die Lich­ter auf der Werft aus­ge­hen und 300 Schiff­bau­er ih­re Ar­beit und wei­te­re Zu­lie­fe­rer Auf­trä­ge ver­lie­ren könn­ten. An­schluss-Auf­trä­ge ge­be es erst ab 2020. "Die Si­tua­ti­on ist exis­tenz­be­dro­hend."

Die For­de­rung der Lan­des­po­li­tik, für Er­satz­auf­trä­ge durch die Deut­sche Ma­ri­ne zu sor­gen, hält Weig­ler für un­rea­lis­tisch. Schif­fe müss­ten kon­stru­iert wer­den. "Be­vor ein Neu­bau auf Kiel ge­legt wird, ver­ge­hen zwei Jah­re." Er rät des­halb auch zu ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Be­wer­tung des Auf­trags. "Wol­gast baut Pa­trouil­len­boo­te für die Küs­ten­wa­che und kei­ne Zer­stö­rer. Die sind aus Alu­mi­ni­um. Die ha­ben ei­ne Fahr­fä­hig­keit von fünf Ta­gen. Da­mit kann man doch kei­nen Krieg ge­win­nen", sagt er. "Ei­ne po­li­ti­sche Ges­te in die Welt zu sen­den und da­mit ei­ne Stadt in den Ab­grund zu stür­zen, kann nicht rich­tig sein."

Ähn­lich sieht das der CDU-Ab­ge­ord­ne­te Phil­ipp Amt­hor, der im Bun­des­tag den Wahl­kreis Wol­gast ver­tritt. "Ein Stopp des Ex­ports der Wol­gas­ter Küs­ten­schutz­boo­te wird das sau­di­sche Kö­nigs­haus wohl kaum be­ein­dru­cken. Für die be­ruf­li­che Exis­tenz der Wol­gas­ter Werft­ar­bei­ter und für ih­re Fa­mi­li­en könn­te er hin­ge­gen schwe­re Ein­schnit­te be­deu­ten."

Die IG Me­tall hofft auf Al­ter­na­tiv­auf­trä­ge, soll­te der Sau­di-Deal weg­bre­chen. "Wir ha­ben die Er­war­tung, dass sich Lürs­sen auf die Si­tua­ti­on ein­stellt und al­les ge­tan wird, die Ar­beits­plät­ze zu er­hal­ten", sagt der Ge­werk­schafts­spre­cher Hei­ko Mes­ser­schmidt. Zu­dem ste­he die Po­li­tik in der Ver­ant­wor­tung, für ei­ne Kom­pen­sa­ti­on zu sor­gen, bei­spiels­wei­se mit Auf­trä­gen für die Deut­sche Ma­ri­ne.

Die Pa­trouil­len­boo­te der Lürs­sen-Werft brin­gen auch die SPD in Ber­lin in die Zwick­müh­le. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten hat­ten schon in den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen we­gen der zen­tra­len Rol­le Sau­di-Ara­bi­ens im Je­men-Krieg ei­nen Rüs­tungs­ex­port­stopp für den rei­chen Wüs­ten­staat durch­ge­setzt, ihn dann aber wie­der auf­ge­weicht. Für be­reits er­teil­te Vor­ge­neh­mi­gun­gen wur­den Aus­nah­men zu­ge­las­sen. Da­zu dürf­te auch Meck­len­burg-Vor­pom­merns SPD-Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Ma­nue­la Schwe­sig ei­nen we­sent­li­chen Teil bei­ge­tra­gen ha­ben - we­gen der Pa­trouil­len­boo­te.

Im Zu­ge der Khas­hog­gi-Af­fä­re sind nun die Ru­fe nach ei­nem kom­plet­ten Ex­port­stopp in­ner­halb der SPD wie­der lau­ter ge­wor­den. "Ich bin da­für, dass al­le Rüs­tungs­ex­por­te ge­stoppt wer­den, auch die da­mals ei­ne po­si­ti­ve Vor­an­fra­ge ge­habt ha­ben", sag­te der SPD-Au­ßen­po­li­ti­ker Rolf Müt­zenich kürz­lich dem Baye­ri­schen Rund­funk.

Auch Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ist in ei­ner schwie­ri­gen Si­tua­ti­on. Kurz vor der Bun­des­tags­wahl be­such­te sie im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber noch die Werft, die in ih­rem Nach­bar­wahl­kreis liegt. Ein Ex­port­stopp könn­te der Bun­des­re­gie­rung teu­er zu ste­hen kom­men, weil Re­gress­for­de­run­gen zu er­war­ten sind. An­de­rer­seits steht der Groß­teil der Be­völ­ke­rung Rüs­tungs­ex­por­ten nach Sau­di-Ara­bi­en kri­tisch ge­gen­über.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 3. November 2018

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