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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/011

Flücht­lin­ge in der Aus­bil­dung

Al­ler An­fang ist schwer - vor al­lem, wenn man nach der Flucht aus der Hei­mat im Ar­beits­all­tag ei­nes frem­den Lan­des Fuß fas­sen will
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15.01.2020. (dpa/fle) - Sie ha­ben oft Fä­hig­kei­ten, die auf dem deut­schen Ar­beits­markt drin­gend ge­braucht wer­den - doch der Start in ei­ner neu­en Spra­che und an der Be­rufs­schu­le ist schwie­rig.

Um die Chan­cen auf In­te­gra­ti­on über den Job zu er­hö­hen, hat der VW-Kon­zern mit Part­nern aus Wirt­schaft und Ver­wal­tung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ein spe­zi­el­les Vor­be­rei­tungs­pro­gramm für Flücht­lin­ge auf­ge­baut.

Mitt­ler­wei­le ha­ben ins­ge­samt mehr als 5.000 Men­schen teil­ge­nom­men.

Bis­he­ri­ge Bi­lanz: Ei­ni­ge schei­den wie­der aus, aber für et­li­che Flücht­lin­ge kann die­se "Aus­bil­dung light" ei­ne Vor­stu­fe zur ech­ten Leh­re sein. Die Zahl de­rer, die am En­de ei­nen Ver­trag be­kom­men, ist noch über­schau­bar. Al­ler­dings ge­he es auch ge­ne­rell um Ori­en­tie­rung und Hil­fen beim Start in die Ar­beits­welt, er­klärt Frank Wit­ter.

Der VW-Fi­nanz­vor­stand ist Schirm­herr der "Aus­bil­dungs­per­spek­ti­ve für Ge­flüch­te­te". Da­bei wer­den die meist jun­gen Leu­te in Kern­kom­pe­ten­zen wie deut­scher Spra­che und Grund­fer­tig­kei­ten ge­schult. Die Kern­säu­le "Be­ruf­li­che In­te­gra­ti­on" - Prak­ti­ka, Kom­pe­tenz­tests, mög­li­che Ein­stiegs­pro­gram­me - er­reich­te bis­lang rund 2.400 Teil­neh­mer. Nach dem gro­ßen Zu­strom im Herbst 2015 wur­den kon­kre­te Qua­li­fi­zie­rungs­zie­le auf­ge­legt, in­zwi­schen steht der drit­te Jahr­gang vor dem Ab­schluss.

Das nutzt bei­lei­be nicht nur der Au­to­in­dus­trie. El­sie Ka­mi­ka­zi kommt aus Ru­an­da, sie ist im zwei­ten Lehr­jahr als Au­gen­op­ti­ke­rin bei ei­nem Wolfs­bur­ger Be­trieb. "Es ist ein in­ter­es­san­ter Be­ruf, ich bin dank­bar und ver­ste­he mich gut mit den Mit­ar­bei­tern", er­zählt die 26-Jäh­ri­ge.

In der Aus­bil­dungs­werk­statt des VW-Stamm­werks sä­gen und fei­len Dut­zen­de Azu­bis und Prak­ti­kan­ten - manch ei­ner ist hier auch nur auf Stipp­vi­si­te. So wie Ma­jed Mu­rad (21) aus Sy­ri­en. Er will ei­gent­lich Zahn­me­di­zi­ni­scher Fach­an­ge­stell­ter wer­den, macht aber ge­ra­de ei­ne zwei­mo­na­ti­ge Hos­pi­tanz bei VW. Kol­le­gen zei­gen ihm die In­stal­la­ti­on von Elek­tro­tech­nik. "Es ge­fällt mir sehr", sagt er - auch wenn er sich vor al­lem auf den Lehr­be­ginn im Som­mer in der Pra­xis freut.

Di­rek­ter ist der Au­to-Be­zug bei Sa­hel Yo­so­fi. Der 21-jäh­ri­ge Af­gha­ne ist seit 2016 in Deutsch­land, lernt im ers­ten Jahr Fahr­zeug­la­ckie­rer in ei­nem Au­to­haus. "Ich wer­de nie den Tag ver­ges­sen, an dem mein Meis­ter mit sag­te, dass ich mei­ne Aus­bil­dung bei ihm ma­chen kann", be­rich­tet der jun­ge Mann in fast ak­zent­frei­em Deutsch. Ins­ge­samt sei es "su­per ge­lau­fen". Das war al­ler­dings nicht im­mer so. "Am An­fang war es schwer, rich­tig krass", er­zählt Yo­so­fi über die Mo­na­te nach der An­kunft im Land. "Aber ich ha­be mich auf mei­nem Weg ver­bes­sert."

Ge­nau um sol­che Er­fah­run­gen und Ent­wick­lungs­schü­be ge­he es, sagt Wit­ter. Man müs­se nicht im­mer nur nach "Mehr­wert" für die Wirt­schaft su­chen. "Wir al­le ha­ben das The­ma Flucht 2015 in neu­en Di­men­sio­nen er­lebt. Die Pro­ble­me sind auch uns da­mals über den Kopf ge­wach­sen", sagt er. "Aber In­te­gra­ti­on ist schwie­rig. Das geht nicht über Nacht. Und nicht je­der hält das durch, man­che Er­war­tungs­hal­tung er­füllt sich nicht." Das gel­te frei­lich auch für ei­ni­ge der hei­mi­schen Azu­bis.

Bei VW in Wolfs­burg und den lo­ka­len Part­nern wur­den 2017 und 2018 im­mer­hin schon 20 Aus­bil­dungs­ver­trä­ge mit Teil­neh­mer des Pro­gramms ge­schlos­sen. Kon­zern­weit wa­ren es seit 2016 ins­ge­samt 154 Azu­bis aus den ei­ge­nen Pro­gram­men.

Part­ner sind hier ne­ben der Bun­des­agen­tur für Ar­beit (BA) die ört­li­chen In­dus­trie- und Han­dels- so­wie Hand­werks­kam­mern und der Re­gio­nal­ver­bund für Aus­bil­dung. Des­sen Che­fin Kris­tin Pan­se be­tont, auch oh­ne Lehr­be­ginn bie­te das Kon­zept Flücht­lin­gen Hil­fe. Es sei ei­ne "Brü­cke in die Be­rufs­aus­bil­dung" - mit so­zi­al­päd­ago­gi­schen An­ge­bo­ten, Un­ter­stüt­zung bei All­tags­sor­gen und Be­hör­den­gän­gen. Initia­ti­ven gibt es auch bei den VW-Nutz­fahr­zeu­gen, der Fi­nanz­toch­ter, Au­di, Por­sche, MAN und in den Kom­po­nen­ten-Wer­ken.

Her­bert Brü­cker vom In­sti­tut für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung der BA glaubt, dass sol­che Be­rufs­vor­be­rei­tungs­pro­gram­me Vor­tei­le für bei­de Sei­ten brin­gen. Na­tür­lich ge­he es nicht um fer­tig aus­ge­bil­de­te Ex­per­ten, auch die Schul­bil­dung sei "häu­fig nicht kom­pa­ti­bel mit dem, was man hier bei uns er­war­tet". Aber: "Vie­le Flücht­lin­ge brin­gen Qua­li­fi­ka­tio­nen on-the-job mit", sagt der Wis­sen­schaft­ler.

Zwar sei der An­teil de­rer, die in Deutsch­land Hilfs­tä­tig­kei­ten aus­üb­ten, grö­ßer. Doch et­li­che, die da­heim als Fach­kräf­te ar­bei­te­ten, könn­ten dies wei­ter tun - wenn­gleich ihr An­teil sin­ke. Nur et­wa 20 Pro­zent hät­ten Aus­bil­dung oder gar Stu­di­um. "Aber wir be­ob­ach­ten, dass es er­heb­li­chen Tei­len ge­lingt, als Fach­kräf­te tä­tig zu sein."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 16. Januar 2020

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