HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/172

IG Me­tall über­mäch­tig?

Seit Jahr­zehn­ten han­delt IG Me­tall re­gel­mä­ßig den Flä­chen­ta­rif­ver­trag für Mil­lio­nen In­dus­trie­be­schäf­tig­te aus - zu un­ge­bremst kri­ti­siert Ge­samt­me­tall
Tariflohn, Lohn und Gehalt, Tarifvertrag, Tarifverhandlungen

23.07.2019. (dpa/fle) - Zwi­schen den Ta­rif­part­nern in der deut­schen Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie knirscht es ge­wal­tig.

Ge­samt­me­tall-Prä­si­dent Rai­ner Dul­ger hat in ei­nem In­ter­view mit der "Süd­deut­schen Zei­tung" (Diens­tag) sei­nem Frust über Mit­glie­der­schwund und die Fol­gen des ak­tu­el­len Ta­rif­ab­schlus­ses frei­en Lauf ge­las­sen.

In letz­ter Kon­se­quenz droh­te der Ar­beit­ge­ber-Chef so­gar mit ei­nem En­de des Flä­chen­ta­rifs, der letzt­lich die Ar­beits­be­din­gun­gen für knapp vier Mil­lio­nen Be­schäf­tig­te in den deut­schen Schlüs­sel­in­dus­tri­en wie Au­to oder Ma­schi­nen­bau re­gelt.

Dul­ger warn­te da­vor, dass im­mer mehr Mit­glieds­fir­men we­der die kräf­ti­gen Lohn­stei­ge­run­gen ver­kraf­ten noch die im­mer kom­ple­xe­ren Ar­beits­zeit­ver­ein­ba­run­gen ad­mi­nis­tra­tiv um­set­zen könn­ten. We­gen der 2018 erst­mals von der IG Me­tall ein­ge­setz­ten Ta­ges­streiks be­ste­he ein Un­gleich­ge­wicht der Kräf­te, in dem die Ar­beit­ge­ber nichts ent­ge­gen­zu­set­zen hät­ten. Ob­wohl die­se ex­tre­me Form des Warn­streiks in an­de­ren Bran­chen schon viel län­ger üb­lich ist, soll­ten die 24-St­un­den-Aus­stän­de in der Me­tall­in­dus­trie erst nach ei­ner ge­schei­ter­ten Sch­lich­tung mög­lich sein, ver­lang­te Dul­ger von sei­nem Ge­gen­über.

Auf den Ein­wand, dass dies wohl kaum im In­ter­es­se der Ge­werk­schaft lie­gen kön­ne, sag­te Dul­ger der Zei­tung die­sen Satz: "Aber wenn al­le Un­ter­neh­men die Ta­rif­bin­dung ver­las­sen, kann die Ge­werk­schaft zu­se­hen, wie sie sich im Häu­ser­kampf durch­schlägt." Die Ver­mei­dung ei­ner zer­plit­ter­ten Ta­ri­fland­schaft ist aber ei­gent­lich die Kö­nigs­auf­ga­be sei­nes Ver­ban­des. "Wenn die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en so wei­ter­ma­chen, ge­hen wei­te­re Fir­men aus der Ta­rif­bin­dung her­aus, was ich sehr be­dau­ern wür­de", schiebt Dul­ger da­her noch nach.

Die IG Me­tall warn­te Ge­samt­me­tall um­ge­hend da­vor, die von ih­nen selbst mit un­ter­zeich­ne­ten Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge in­fra­ge zu stel­len. Dass die Ge­werk­schaft nicht gleich ih­ren Ers­ten Vor­sit­zen­den Jörg Hof­mann vor­ge­schickt hat, kann man als be­wuss­te De­es­ka­la­ti­on wer­ten. "Die Ta­rif­au­to­no­mie und die Flä­chen­ta­rif­ver­trä­ge sind die Eck­pfei­ler un­se­res seit Jahr­zehn­ten er­folg­rei­chen Wirt­schafts­stand­orts", er­klär­te ei­ne Spre­che­rin in Frank­furt. "Da­von pro­fi­tie­ren Un­ter­neh­men wie Be­schäf­tig­te glei­cher­ma­ßen. Dies ein­sei­tig in Fra­ge zu stel­len, scha­det al­len."

Der Öko­nom Mar­cel Frat­scher ver­wies auf die un­ge­bro­che­ne Wett­be­werbs­fä­hig­keit der In­dus­trie und be­wer­te­te die Lohn­stei­ge­run­gen als maß­voll. Der "Saar­brü­cker Zei­tung" sag­te der Prä­si­dent des Deut­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (DIW): "Wenn man sich die La­ge der Un­ter­neh­men in Deutsch­land ins­ge­samt an­schaut, dann ist die schlei­chen­de Aus­höh­lung der Ta­rif­bin­dung durch die Ar­beit­ge­ber­sei­te nicht nach­voll­zieh­bar."

Die Dro­hung Dul­gers fällt in ei­ne Zeit der Ent­frem­dung zwi­schen Ge­werk­schaft und Ar­beit­ge­bern. Zu­letzt hat die So­zi­al­part­ner­schaft kaum noch po­si­ti­ve Er­geb­nis­se ge­bracht. Die IG Me­tall ist tief ver­är­gert über das La­vie­ren von Ge­samt­me­tall und sei­nen Re­gio­nal­ver­bän­den in der Fra­ge der An­glei­chung der Re­gel­ar­beits­zeit in den ost­deut­schen Län­dern, wo fürs glei­che Geld im­mer noch drei St­un­den pro Wo­che län­ger ge­ar­bei­tet wer­den muss als im Wes­ten. 30 Jah­re nach der Wen­de und ein­ein­halb Jah­re nach ei­ner ein­deu­ti­gen Ver­hand­lungs­ver­pflich­tung ist ei­ne Lö­sung im­mer noch nicht in Sicht, ein in Ber­lin-Bran­den­burg aus­ge­han­del­ter Kom­pro­miss wur­de von den Ar­beit­ge­bern wie­der vom Tisch ge­zo­gen.

Der zu­nächst auch von Ge­samt­me­tall noch hoch­ge­lob­te Ta­rif­ab­schluss aus dem Fe­bru­ar 2018 brach­te im ers­ten Jahr ei­ne Lohn­stei­ge­rung um 4,3 Pro­zent und im lau­fen­den Jahr ein neu­es ta­rif­li­ches Zu­satz­geld im Ge­gen­wert von wei­te­ren 2 Pro­zent. Es kann von ei­ner gan­zen Rei­he Be­schäf­tig­ter in Frei­zeit um­ge­wan­delt wer­den kann. Rund ei­ne Vier­tel­mil­li­on Me­tal­ler nutz­te die­se Mög­lich­keit, für Dul­ger ein Zei­chen: "Al­le ver­die­nen ge­nug, jetzt geht's ums gu­te Le­ben." Mit dem ho­hen Lohn­ab­schluss ha­be der Ver­trag im Mit­tel­stand enor­me Ver­wer­fun­gen aus­ge­löst. "Das Ta­rif­sys­tem muss aber für klei­ne, mitt­le­re und gro­ße Be­trie­be glei­cher­ma­ßen an­wend­bar sein."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 23. Juli 2019

Bewertung:

Auf Facebook teilen Auf Google+ teilen Ihren XING-Kontakten zeigen Beitrag twittern

 

Für Personaler, betriebliche Arbeitnehmervertretungen und andere Arbeitsrechtsprofis: "Update Arbeitsrecht" bringt Sie regelmäßig auf den neusten Stand der arbeitsgerichtlichen Rechtsprechung. Informationen zu den Abo-Bedingungen und ein kostenloses Ansichtsexemplar finden Sie hier:

Alle vierzehn Tage alles Wichtige
verständlich / aktuell / praxisnah

HINWEIS: Sämtliche Texte dieser Internetpräsenz mit Ausnahme der Gesetzestexte und Gerichtsentscheidungen sind urheberrechtlich geschützt. Urheber im Sinne des Gesetzes über Urheberrecht und verwandte Schutzrechte (UrhG) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Dr. Martin Hensche, Lützowstraße 32, 10785 Berlin.

Wörtliche oder sinngemäße Zitate sind nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Urhebers bzw. bei ausdrücklichem Hinweis auf die fremde Urheberschaft (Quellenangabe iSv. § 63 UrhG) rechtlich zulässig. Verstöße hiergegen werden gerichtlich verfolgt.

© 1997 - 2019:
Rechtsanwalt Dr. Martin Hensche, Berlin
Fachanwalt für Arbeitsrecht
Lützowstraße 32, 10785 Berlin
Telefon: 030 - 26 39 62 0
Telefax: 030 - 26 39 62 499
E-mail: hensche@hensche.de