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Lok­füh­rer­man­gel in Bay­ern

Weil die Be­trei­ber kei­ne Lok­füh­rer fin­den, fal­len im Nah­ver­kehr hun­der­te Bahn­ver­bin­dun­gen aus. Be­son­ders hart triff es länd­li­che Ge­mein­den
Deutsche Bahn, Zugverkehr

18.07.2019. (dpa/fle) - "Ich ha­be es auf­ge­ge­ben, mit dem Zug zu fah­ren", sagt Tu­nahan Gü­müs. Es ist kurz vor 7.00 Uhr, der 16-Jäh­ri­ge sitzt im Ex­press­bus auf dem Weg von Eich­stätt nach In­gol­stadt.

Ei­gent­lich fah­re er gern mit der Bahn zur Be­rufs­ober­schu­le, sagt Gü­müs. "Aber weil die so un­zu­ver­läs­sig ist, fah­ren wir nur noch mit dem Bus", sagt sein 17 Jah­re al­ter Klas­sen­ka­me­rad Ni­ko­la Ca­pin.

Das Zen­trum von Eich­stätt, der Gro­ßen Kreis­stadt, in der die bei­den Ju­gend­li­chen woh­nen, hat seit dem 10. Ju­li kein Zug der Baye­ri­schen Re­gi­o­bahn (BRB) mehr er­reicht. Es feh­len Lok­füh­rer.

Den Per­so­nal­man­gel ha­be man schon in den Wo­chen zu­vor nur da­durch auf­fan­gen kön­nen, "dass Mit­ar­bei­ter mit enor­mem Ein­satz und durch Über­stun­den und Son­der­schich­ten ein­ge­sprun­gen sind", sagt ein Spre­cher der BRB. Auch Mit­ar­bei­ter, die ei­gent­lich im Bü­ro ar­bei­ten, aber Zü­ge fah­ren dür­fen, sei­en als Lok­füh­rer ein­ge­setzt wor­den. Dass nun ge­ballt Ver­bin­dun­gen aus­fal­len, lie­ge an Krank­heits­fäl­len, Ur­laubs­zeit und dem Weg­gang von Leih-Lok­füh­rern.

Da­mit ist die BRB nicht al­lein un­ter pri­va­ten Ei­sen­bahn­un­ter­neh­men, die in Bay­ern ak­tiv sind: Bei agi­lis fal­len we­gen Lok­füh­rer­man­gels zwi­schen Co­burg und Bad Ro­dach so­wie Forch­heim und Bam­berg Zü­ge aus. Die Län­der­bahn schränkt den Ver­kehr auf meh­re­ren Stre­cken vor al­lem in der Ober­pfalz stark ein. Mit dem En­de der Som­mer­fe­ri­en sol­le sich die Si­tua­ti­on wie­der ent­span­nen, sag­te ein Spre­cher des Un­ter­neh­mens.

Auch oh­ne Ur­laubs­zeit hat­te die BRB, ei­ne Toch­ter des fran­zö­si­schen Trans­dev-Kon­zerns, schon An­fang des Jah­res mas­si­ve Pro­ble­me, Lok­füh­rer zu fin­den. Auf der Ost­all­gäu-Lech­feld-Bahn fie­len vor al­lem zwi­schen Kau­fe­ring und Lands­berg vie­le Ver­bin­dun­gen aus.

Ob­wohl die BRB al­so schon zum zwei­ten Mal in­ner­halb ei­nes hal­ben Jah­res ein Li­ni­en­bün­del nicht zu­ver­läs­sig be­die­nen kann, soll sie laut Baye­ri­scher Ei­sen­bahn­ge­sell­schaft (BEG), die den Schie­nen­nah­ver­kehr im Frei­staat plant, fi­nan­ziert und kon­trol­liert, bei künf­ti­gen Be­wer­bun­gen im Nah­ver­kehr wie al­le an­de­ren An­bie­ter be­han­delt wer­den: "Die der­zei­ti­gen Pro­ble­me bei Trans­dev ste­hen in kei­nem Zu­sam­men­hang mit zu­künf­ti­gen Ver­ga­be­ver­fah­ren."

Das The­ma pres­siert in­zwi­schen so sehr, dass es am heu­ti­gen Don­ners­tag im Land­tag dis­ku­tiert wird. Die Grü­nen wol­len un­ter an­de­rem prü­fen las­sen, ob Ei­sen­bahn­un­ter­neh­men, bei de­nen über­durch­schnitt­lich vie­le Fahr­ten we­gen Lok­füh­rer­man­gels aus­ge­fal­len sind, künf­tig von Ver­ga­be­ver­fah­ren aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Die SPD for­dert an­ge­sichts der ak­tu­el­len "Somm­mer­kri­se" ei­nen Be­richt der Staats­re­gie­rung mit kon­kre­ten Lö­sungs­vor­schlä­gen. Auch die Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on aus CSU und Frei­en Wäh­lern ha­ben ei­ge­ne An­trä­ge zu dem The­ma ein­ge­reicht.

So­wohl die BEG als Auf­sichts­be­hör­de als auch die BRB ver­wei­sen dar­auf, dass der Lok­füh­rer­man­gel ein bun­des­wei­tes Pro­blem sei. "Der Trieb­fahr­zeug­füh­rer ist seit meh­re­ren Jah­ren ein so­ge­nann­ter Eng­pass­be­ruf", be­stä­tigt der Ver­band Deut­scher Ver­kehrs­un­ter­neh­men. Bis ei­ne aus­ge­schrie­be­ne Stel­le be­setzt wer­den kann, müss­ten Ar­beit­ge­ber im Schnitt et­wa ein hal­bes Jahr lang su­chen.

Ge­ra­de kür­ze­re Stre­cken im Nah­ver­kehr sei­en als Ein­satz­or­te auf Dau­er nicht at­trak­tiv, sagt Uwe Böhm, Be­zirks­vor­sit­zen­der der Ge­werk­schaft Deut­scher Lok­füh­rer in Bay­ern. "Es gibt zwar auch Kol­le­gen, die glück­lich sind, wenn sie im­mer die glei­chen zehn Ki­lo­me­ter fah­ren dür­fen - aber eben nicht für 30 Jah­re." Durch die Pri­va­ti­sie­rung der Bahn­un­ter­neh­men und de­ren un­ter­schied­li­che Fahr­zeug­ty­pen sei­en die Ein­satz­ge­bie­te für Lok­füh­rer im Nah­ver­kehr im­mer klei­ner ge­wor­den.

Als ers­tes ein­ge­schränkt wer­den oft Stre­cken in länd­li­che Ge­bie­te. Dort sind meist we­ni­ger Fahr­gäs­te be­trof­fen als in Bal­lungs­räu­men. Das sei auch ein Grund, wes­halb die BRB nun zwi­schen Eich­stätt und In­gol­stadt aus­schließ­lich auf Bus­se und Ta­xis set­ze, sagt ein Spre­cher. "Wir ha­ben den Fo­kus bei der Pla­nung der Zug­ver­bin­dun­gen auf er­fah­rungs­ge­mäß stark nach­ge­frag­te Stre­cken ge­legt."

Da­bei sei ge­ra­de für Städ­te und Ge­mein­den im länd­li­chen Raum ein gut funk­tio­nie­ren­der Schie­nen­nah­ver­kehr es­sen­zi­ell, sagt Wil­fried Scho­ber vom Baye­ri­schen Ge­mein­de­tag: "Spricht es sich her­um, dass Or­te "ab­ge­hängt" sind, wer­den sie für Bür­ger un­at­trak­tiv – mit der Fol­ge, dass ge­ra­de jun­ge Leu­te in die Groß­städ­te und Bal­lungs­zen­tren mit S-Bahn-An­schluss ab­wan­dern."

Für Tu­nahan Gü­müs und Ni­ko­la Ca­pin im Ex­press­bus in Rich­tung In­gol­stadt ist das bis­her kei­ne Op­ti­on. Frus­triert sind sie den­noch: "Die Zü­ge wa­ren schon vor Ju­li öf­ter ver­spä­tet oder sind aus­ge­fal­len", sagt Ca­pin. "Und dann stan­den wir ir­gend­wann am Bahn­hof und es wa­ren nur Ta­xis, aber kei­ne Zü­ge da."

Die Deut­sche Bahn ha­be schon kei­nen gu­ten Ruf, er­gänzt Mit­schü­ler Gü­müs, kurz be­vor sie aus­stei­gen. "Aber die BRB ist noch schlim­mer." Auch wenn nach den Som­mer­fe­ri­en wie­der Zü­ge ins Eich­stät­ter Zen­trum fah­ren sol­len, wol­len die Ju­gend­li­chen wei­ter den Bus nut­zen. "Der ist ein­fach viel, viel zu­ver­läs­si­ger", sagt Ca­pin. Die län­ge­re War­te­zeit nach dem Un­ter­richt neh­men die bei­den Be­rufs­schü­ler da­für gern in Kauf.

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Letzte Überarbeitung: 3. August 2019

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