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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/034

Neue Be­triebs­ren­te fin­det kaum An­klang

Die seit An­fang 2018 auf ta­rif­ver­trag­li­cher Grund­la­ge mög­li­che Be­triebs­ren­te in Form der rei­nen Be­trags­zu­sa­ge ("pay and for­get") fin­det bis­lang we­nig An­klang
Sparschwein mit Aufschrift Altersvorsorge

06.02.2019. (dpa/fle) - Seit gut ei­nem Jahr sol­len Be­schäf­tig­te mit der neu­en Be­triebs­ren­te für den Ru­he­stand vor­sor­gen kön­nen.

Zwar bie­ten meh­re­re Ver­si­che­rer ent­spre­chen­de Pro­duk­te an, doch gibt es noch kei­nen Ta­rif­ver­trag zur Ein­füh­rung des Mo­dells in ei­nem Be­trieb oder ei­ner Bran­che.

Die Bun­des­re­gie­rung scheint all­mäh­lich un­ru­hig zu wer­den.

Die be­trieb­li­che Al­ters­vor­sor­ge soll vor al­lem für klei­ne­re und mitt­le­re Un­ter­neh­men und Ge­ring­ver­die­ner at­trak­ti­ver wer­den. Auch nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Fir­men sol­len sich be­tei­li­gen kön­nen. Laut dem jüngs­ten Al­ters­si­che­rungs­be­richt 2016 der Bun­des­re­gie­rung ha­ben knapp 47 Pro­zent der Ge­ring­ver­die­ner mit ei­nem Brut­to­lohn von we­ni­ger als 1.500 EUR pro Mo­nat we­der ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung noch ei­nen Ries­ter-Ver­trag.

"Mit je­der Ta­rif­run­de, die ver­passt wird, fehlt Geld für die be­trieb­li­che Al­ters­vor­sor­ge", wirbt Nor­mann Pan­kratz, Vor­stands­mit­glied der De­be­ka, für ei­nen bal­di­gen Ab­schluss. Die De­be­ka hat sich mit meh­re­ren Ver­si­che­rern im Ren­ten­werk zu­sam­men­ge­schlos­sen, um ent­spre­chen­de Pro­duk­te an­zu­bie­ten. Auch an­de­re ha­ben sich in Stel­lung ge­bracht, zum Bei­spiel die R+V Ver­si­che­rung mit der Fonds­ge­sell­schaft Uni­on In­vest­ment.

Be­schäf­tig­ten, die mit dem neu­en Mo­dell vor­sor­gen, darf kein fes­ter Be­trag mehr zu­ge­si­chert wer­den, er soll nur noch als Ziel ge­nannt wer­den. Die Aus­zah­lun­gen im Al­ter kön­nen da­her schwan­ken. Um ein be­stimm­tes Ver­sor­gungs­ni­veau zu er­rei­chen, kann im Ta­rif­ver­trag ein zu­sätz­li­cher Si­che­rungs­bei­trag ver­ein­bart wer­den, den die Ar­beit­ge­ber zah­len.

Doch bis­lang zün­det die Idee nicht rich­tig. Bun­des­ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) hat Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber zu ei­nem Ge­spräch am 20. Fe­bru­ar ein­ge­la­den. The­ma wird auch die neue Be­triebs­ren­te sein.

"Wir sind start­klar, jetzt müs­sen sich die So­zi­al­part­ner be­we­gen", for­dert Pan­kratz. Der Ver­zicht auf Ga­ran­ti­en sei kein Nach­teil. Der Ma­na­ger wirbt mit Be­rech­nun­gen des Ren­ten­werks, wo­nach das Zu­satz­plus im Al­ter künf­tig deut­lich hö­her aus­fal­len kann als bei dem klas­si­schen Mo­dell mit Ga­ran­tie­zins.

Der Grund: Ga­ran­ti­en müs­sen durch ver­gleichs­wei­se vor­sich­ti­ge An­la­ge­stra­te­gi­en er­wirt­schaf­tet wer­den. Fällt die Ga­ran­tie weg, kön­nen die Gel­der der Ver­si­cher­ten stär­ker in als ris­kan­ter gel­ten­de An­la­gen mit ei­ner hö­he­ren Ver­zin­sung ge­steckt wer­den, zum Bei­spiel in Ak­ti­en.

"Bis­lang ist je­der Ein­bruch an den Ak­ti­en­märk­ten auf mitt­le­re Sicht wie­der auf­ge­fan­gen wor­den. Da­von ge­hen wir auch in Zu­kunft aus", ar­gu­men­tiert Pan­kratz.

Ver­di-Ta­rif­ex­per­te Nor­bert Reu­ter sieht in den ak­tu­el­len Lohn­run­den al­ler­dings "kei­ne Per­spek­ti­ven, dass sich et­was tut". Ent­schei­dend sei, dass auch die Ar­beit­ge­ber ei­nen fi­nan­zi­el­len Bei­trag leis­te­ten. "Zu ei­nem So­zi­al­part­ner­mo­dell ge­hö­ren im­mer zwei. Es kann nicht sein, dass die­je­ni­gen, die oh­ne­hin schon ver­gleichs­wei­se we­nig ver­die­nen, auch noch al­lein für ih­re Be­triebs­ren­te auf­kom­men müs­sen". Für die Be­schäf­tig­ten be­deu­te das letzt­lich, dass sie auf ei­nen Teil der Ge­halts­er­hö­hung ver­zich­ten müss­ten.

Der Ver­zicht auf Ga­ran­ti­en ist aus Reu­ters Sicht nicht un­be­dingt pro­ble­ma­tisch. "So­lan­ge das Geld ver­nünf­tig an­ge­legt wird – und dar­auf wür­den wir als So­zi­al­part­ner schon ach­ten -, kann für die Be­schäf­tig­ten mehr raus­kom­men als bei dem klas­si­schen Mo­dell."

In ver­schie­de­nen Bran­chen gibt es be­reits Ver­sor­gungs­wer­ke. Auch des­we­gen scheint kein Grund zur Ei­le zu be­ste­hen. "Seit 2001 ha­ben wir ei­ge­ne Ta­rif­ver­trä­ge zur be­trieb­li­chen Al­ters­vor­sor­ge. Ak­tu­ell se­hen wir kei­nen An­lass über Än­de­run­gen nach­zu­den­ken", sagt ein Spre­cher der Ge­werk­schaft Nah­rung, Ge­nuss, Gast­stät­ten (NGG).

Die IG Bau­en-Agrar-Um­welt (IG BAU) ver­weist auf ei­ge­ne So­zi­al­kas­sen: "Wir ha­ben da­mit ein Mo­dell, von dem ins­be­son­de­re auch klei­ne­re Hand­werks­be­trie­be pro­fi­tie­ren". Die IG BCE ar­gu­men­tiert mit dem ei­ge­nen Che­mie­ver­sor­gungs­werk: "Wir ha­ben ak­tu­ell kei­nen zeit­li­chen Druck, an­de­re The­men ste­hen eher im Fo­kus."

Die IG Me­tall dis­ku­tiert das The­ma der­zeit, um Chan­cen aber auch Ri­si­ken auf­zei­gen zu kön­nen. "Ziel ist es, bis Mit­te des Jah­res ein ers­tes Mei­nungs­bild zu er­hal­ten, das dann am Ge­werk­schafts­tag der IG Me­tall im Ok­to­ber von den De­le­gier­ten si­cher­lich noch kon­kre­ti­siert wer­den wird", heißt es bei der größ­ten deut­schen Ein­zel­ge­werk­schaft.

Aus Sicht der Ar­beit­ge­ber ist die Not­wen­dig­keit ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges ei­ne be­son­ders ho­he Hür­de. "Nach wie vor gibt es kei­nen Ta­rif­ver­trag zur Um­set­zung des So­zi­al­part­ner­mo­dells. Des­halb kön­nen auch die Be­trie­be die neu­en Mög­lich­kei­ten nicht um­set­zen", so die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de (BDA).

Zu­gleich kri­ti­siert der BDA die aus ih­rer Sicht ho­he Kom­ple­xi­tät der Re­ge­lun­gen: "Die Tat­sa­che, dass die So­zi­al­part­ner an der Durch­füh­rung und Steue­rung mit­wir­ken müs­sen, er­schwert die Um­set­zung. Wie die Mit­wir­kungs­pflicht ist Pra­xis um­ge­setzt wer­den kann, ist der­zeit völ­lig of­fen."

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Letzte Überarbeitung: 10. Februar 2019

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