HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/010

Raz­zia bei der Ar­bei­ter­wohl­fahrt

Die Ar­bei­ter­wohl­fahrt sucht nach ei­nem Aus­weg aus dem Skan­dal, doch ei­ne Raz­zia sorgt für ei­nen neu­en Hö­he­punkt in der Af­fä­re
Geld schenken, Geldscheine übergeben

14.01.2020. (dpa/fle) - Die Ar­bei­ter­wohl­fahrt kommt nicht zur Ru­he.

Der Wohl­fahrts­ver­band, der in Deutsch­land rund 18.000 Ein­rich­tun­gen und Diens­te be­treibt und mehr als 230.000 haupt­amt­li­che Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt, wird seit Wo­chen von ei­nem Skan­dal um zwei hes­si­sche Kreis­ver­bän­de er­schüt­tert.

Es geht un­ter an­de­rem um Vor­wür­fe des Be­trugs und der Selbst­be­die­nung, merk­wür­di­ge per­so­nel­le Ver­flech­tun­gen und teu­re Dienst­wa­gen. Und das aus­ge­rech­net bei ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on, die im so­zia­len Be­reich tä­tig ist und viel mit öf­fent­li­chen Stel­len zu­sam­men­ar­bei­tet und da­für Geld er­hält. Am Diens­tag gip­fel­ten die staats­an­walt­schaft­li­chen Er­mitt­lun­gen in ei­ner Durch­su­chungs­ak­ti­on in Räu­men der Ar­bei­ter­wohl­fahrt - kurz Awo - in Frank­furt und Wies­ba­den.

Auch Pri­vat­woh­nun­gen wur­den durch­sucht, wie ei­ne Spre­che­rin der Frank­fur­ter Staats­an­walt­schaft sag­te. Die Ak­ti­on rich­tet sich ge­gen sechs Awo-Ver­ant­wort­li­che, zwei Frau­en und vier Män­ner. Sie hät­ten bei der Or­ga­ni­sa­ti­on in Frank­furt be­zie­hungs­wei­se Wies­ba­den - teil­wei­se in bei­den Kreis­ver­bän­den gleich­zei­tig - zum Teil eh­ren­amt­lich lei­ten­de Funk­tio­nen ge­habt.

Die Staats­an­walt­schaft er­mit­telt schon seit Mo­na­ten. An­fangs ging es im Zu­sam­men­hang mit dem Be­trieb von zwei Flücht­lings­un­ter­künf­ten um Be­trugs­ver­dacht zum Nach­teil der Stadt Frank­furt - Per­so­nal­kos­ten in sechs­stel­li­ger Hö­he sol­len falsch ab­ge­rech­net wor­den sein. Dann dran­gen über Me­di­en­be­rich­te, of­fen­bar über ei­nen Whist­leb­lo­wer, im­mer neue Vor­wür­fe an die Öf­fent­lich­keit: So soll es Lu­xus­dienst­wa­gen und un­ge­wöhn­lich ho­he Ge­häl­ter ei­ni­ger Mit­ar­bei­ter ge­ge­ben ha­ben, Ho­no­rar­ver­trä­ge für ei­gent­lich haupt­amt­lich be­schäf­tig­te Mit­ar­bei­ter so­wie teu­re Ho­tel­über­nach­tun­gen.

Nach den Durch­su­chun­gen und der von der Staats­an­walt­schaft ge­nann­ten mög­li­cher­wei­se sechs­stel­li­gen Scha­dens­sum­me stell­te die Stadt Frank­furt am Diens­tag Straf­an­zei­ge.

Der Bun­des­ver­band will die Vor­wür­fe kon­se­quent auf­klä­ren und hat ein ei­ge­nes Prü­ferteam ge­schickt. Zu­dem setz­te der Be­zirks­ver­band Hes­sen Süd ei­ne Task Force un­ter Lei­tung der frü­he­ren Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Her­ta Däu­bler-Gme­lin (SPD) ein. "Die Hand­lun­gen der Staats­an­walt­schaft ma­chen die Trag­wei­te der Vor­wür­fe in Frank­furt am Main und Wies­ba­den deut­lich. Sie zei­gen auch, dass die von uns ein­ge­lei­te­ten in­ter­nen Prü­fun­gen der rich­ti­ge Weg wa­ren", sagt der Vor­stands­vor­sit­zen­de des Awo-Bun­des­ver­ban­des, Wolf­gang Stad­ler. Jetzt ge­he es um ei­ne voll­stän­di­ge Auf­klä­rung und die Be­glei­chung von fi­nan­zi­el­len Schä­den, "da nur die­se ei­nen ra­di­ka­len und glaub­wür­di­gen Neu­an­fang er­mög­li­chen", be­tont er.

Der Bun­des­ver­band wer­de die Staats­an­walt­schaft bei Be­darf in vol­lem Um­fang un­ter­stüt­zen. "Wir for­dern auch von den Ver­ant­wort­li­chen vor Ort, un­ein­ge­schränk­ten Auf­klä­rungs­wil­len zu zei­gen", sagt Stad­ler. "Al­les an­de­re scha­det dem in über 100 Jah­ren hart er­ar­bei­te­ten An­se­hen der ge­sam­ten Awo." Die Spre­cher der be­trof­fe­nen Kreis­ver­bän­de Frank­furt und Wies­ba­den wa­ren am Diens­tag zu­nächst nicht für ei­ne Stel­lung­nah­me er­reich­bar.

"An­ge­sichts der Schwe­re der Vor­wür­fe ge­gen lei­ten­de Awo-Mit­ar­bei­ter in Frank­furt und Wies­ba­den sind die Durch­su­chun­gen von heu­te nur fol­ge­rich­tig", hieß es in ei­ner Re­ak­ti­on des Ge­ne­ral­se­kre­tär der hes­si­schen SPD, Chris­toph De­gen. "Wenn Straf­ta­ten vor­lie­gen, müs­sen die­se kon­se­quent ver­folgt und ge­ahn­det wer­den."

Auch der Frank­fur­ter Ober­bür­ger­meis­ter Pe­ter Feld­mann (SPD) war zeit­wei­se in den Sog des Awo-Skan­dals ge­ra­ten - sei­ne heu­ti­ge Ehe­frau soll als Lei­te­rin ei­ner deutsch-tür­ki­schen Kin­der­ta­ges­stät­te der Awo un­ter an­de­rem ein hö­he­res Ge­halt als üb­lich be­kom­men ha­be. Feld­mann kün­dig­te dar­auf­hin an: "Soll­te tat­säch­lich oh­ne sach­li­chen Grund auch nur ein Cent Ge­halt zu­viel ge­zahlt wor­den sein, wird von uns je­der Cent zu­rück­be­zahlt."

Die Durch­su­chungs­ak­ti­on der Er­mitt­ler kommt zu ei­nem Zeit­punkt, an dem die Awo ei­gent­lich nach vor­ne schau­en möch­te: An die­sem Sams­tag will der Frank­fur­ter Ver­band zu ei­ner Kreis­kon­fe­renz zu­sam­men­kom­men, bei der es um ei­ne per­so­nel­le Neu­auf­stel­lung und die Su­che nach ei­nem Neu­an­fang ge­hen soll.

Der FDP-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te und Frank­fur­ter Stadt­ver­ord­ne­te Yan­ki Pür­sün sag­te, al­le of­fe­nen Fra­gen müss­ten so­fort be­ant­wor­tet wer­den. "Der Skan­dal hat ei­nen Um­fang er­reicht, der das Ver­trau­en der Be­völ­ke­rung in die In­sti­tu­tio­nen der Kom­mu­nen und des Lan­des zu­recht er­schüt­tert", sag­te er.

Awo-Prä­si­dent Wil­helm Schmidt sprach vor kur­zem bei ei­nem Ter­min in Frank­furt von "Ver­feh­lun­gen, die wir nicht hin­neh­men kön­nen". Geld, das wo­mög­lich ver­un­treut wor­den sei, wol­le der Bun­des­ver­band "bis zum letz­ten Cent" zu­rück­ho­len. Be­son­ders rüg­ten die Ver­tre­ter des Bun­des­ver­bands als "Hü­ter des gu­ten Na­mens der Awo" per­so­nel­le Ver­flech­tun­gen zwi­schen den Kreis­ver­bän­den Frank­furt und Wies­ba­den, die ei­ne ef­fek­ti­ve Kon­trol­le er­schwer­ten so­wie "un­an­ge­mes­se­ne" Ge­halts­struk­tu­ren.

Ab­ge­se­hen von den lau­fen­den ju­ris­ti­schen Er­mitt­lun­gen sind nach An­ga­ben ei­nes Frank­fur­ter Awo-Spre­chers die fi­nan­zi­el­len und wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen noch nicht ab­zu­schät­zen. Auch das Fi­nanz­amt prüft den Frank­fur­ter Ver­band. Die Stadt Frank­furt will eben­falls prü­fen, ob sie wei­ter­hin mit der Awo zu­sam­men­ar­bei­tet oder Ver­trä­ge ge­kün­digt wer­den.

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Letzte Überarbeitung: 15. Januar 2020

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