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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/008

Sie­mens plant Sie­mens­stadt 2.0

Der Sie­mens-Kon­zern will nicht nur sich selbst neu er­fin­den, son­dern auch ei­nen gan­zen Stadt­teil in Ber­lin
Techniker_Ingenieur_

10.01.2020. (dpa/fle) - Einst schrieb Sie­mens in Ber­lin ne­ben In­dus­trie- auch Ar­chi­tek­tur­ge­schich­te.

Denn vor rund 100 Jah­ren ent­stan­den im heu­ti­gen Stadt­be­zirk Span­dau nicht nur Werks­hal­len, Ha­fen­an­la­gen und re­prä­sen­ta­ti­ve Ver­wal­tungs­ge­bäu­de.

Hin­zu kam viel­mehr ei­ne kom­plet­te Wohn­sied­lung für die Ar­bei­ter in­klu­si­ve In­fra­struk­tur und Ver­kehrs­an­bin­dung, was da­mals in­ter­na­tio­nal für Fu­ro­re sorg­te.

Heu­te will der Tech­no­lo­gie­kon­zern, der 1847 in ei­nem Kreuz­ber­ger Hin­ter­hof sei­nen An­fang nahm, den Grün­dungs­stand­ort Ber­lin wie­der auf­mot­zen. Aus der in die Jah­re ge­kom­me­nen, von so­zia­len Pro­ble­men ge­präg­ten Sie­mens­stadt so­wie den Be­triebs­stät­ten mit 11.500 Be­schäf­tig­ten soll bis 2030 ein kom­plett neu­er Stadt­teil mit al­lem wer­den, was ei­ne "Smart Ci­ty" der Zu­kunft aus­macht.

"Bis zu 600 Mil­lio­nen EUR" will der Kon­zern, der sei­nen Haupt­sitz seit Jahr­zehn­ten in Mün­chen, sei­nen größ­ten Pro­duk­ti­ons­stand­ort aber in Ber­lin hat, für die neue Stadt in der Stadt in die Hand neh­men. Und nach ei­nem Ar­chi­tek­ten-Wett­be­werb steht nun zu­min­dest in gro­ben Zü­gen fest, wie das 70 Hekt­ar um­fas­sen­de Are­al im Wes­ten Ber­lins - es ent­spricht der Grö­ße von 100 Fuß­ball­fel­dern - ein­mal aus­se­hen soll.

Raum für Ar­beit, Pro­duk­ti­on, For­schung und Wis­sen­schaft ist ge­plant, 2.750 Woh­nun­gen, ei­ne Schu­le, Ki­tas, ein Ju­gend­treff, ein Ho­tel, Han­del, Gas­tro­no­mie. Frei- und Grün­flä­chen kom­men hin­zu, ein 150 Me­ter ho­her Wol­ken­krat­zer soll das Zen­trum mar­kie­ren, al­te Bau­sub­stanz er­hal­ten und in­te­griert wer­den. Die in den 1980er Jah­ren still­ge­leg­te S-Bahn-Ver­bin­dung Sie­mens­bahn soll re­ak­ti­viert wer­den, neue Zu­kunfts­lö­sun­gen für die Ar­beits- und Le­bens­welt, für E-Mo­bi­li­tät, Kli­ma- und Res­sour­cen­schutz, Di­gi­ta­li­sie­rung und künst­li­che In­tel­li­genz zum Tra­gen kom­men.

"Das ist ein Jahr­hun­dert­pro­jekt", ist sich Sie­mens-Vor­stand Cedrik Nei­ke si­cher. Aus ei­ner "his­to­ri­schen In­dus­trie-Iko­ne" ent­ste­he ein Zu­kunfts­ort mit in­ter­na­tio­na­ler Aus­strah­lung. Man wol­le ein "of­fe­nes Öko­sys­tem" schaf­fen. Soll hei­ßen: Das kom­plet­te Are­al, das heu­te zu gro­ßen Tei­len hin­ter Werks­to­ren liegt, wird zu­min­dest eben­er­dig frei zu­gäng­lich für al­le sein - auch die Ge­wer­be­stand­or­te.

Ber­lins Re­gie­rungs­chef Mi­cha­el Mül­ler (SPD) ist voll des Lo­bes über das Zu­sam­men­spiel mit der Sie­mens AG: Sei­ne Stadt, de­ren Be­völ­ke­rung wach­se, brau­che neue Woh­nun­gen, aber auch Räu­me für wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung und Ar­beits­plät­ze. Da­her spie­le die Sie­mens­stadt ei­ne "her­aus­ra­gen­de Rol­le". "Das be­rei­chert die gan­ze Stadt."

Hin­ter dem Me­ga-Pro­jekt ste­hen auch wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen. Denn der Tech­no­lo­gie­kon­zern mit welt­weit 385.000 Be­schäf­tig­ten und 87 Mil­li­ar­den EUR Jah­res­um­satz, der un­ter an­de­rem im En­er­gie- und Mo­bi­li­täts­sek­tor ak­tiv ist, be­fin­det sich ak­tu­ell in ei­ner der größ­ten Um­bruch­pha­sen sei­ner Ge­schich­te.

Mit neu­er Un­ter­neh­mens- und Füh­rungs­struk­tur - dar­un­ter fällt auch die ge­plan­te Ab­spal­tung der Gas- und Kraft­werks­spar­te - will sich Sie­mens von ei­nem Misch­kon­zern mit vie­len tra­di­tio­nel­len Ge­schäfts­fel­dern im In­dus­trie­sek­tor zu ei­nem ef­fi­zi­en­ten Play­er im Di­gi­tal­zeit­al­ter mau­sern. Die Ber­li­ner Sie­mens­stadt 2.0, mit der der Kon­zern zum gro­ßen Im­mo­bi­li­en­ent­wick­ler wird, soll da­bei ein Leucht­turm­pro­jekt sein.

Sie­mens will al­so nicht nur ei­nen Teil Ber­lins neu er­fin­den, son­dern auch sich selbst. Ent­spre­chend selbst­be­wusst und for­dernd trat der Kon­zern dem Ver­neh­men nach bei den Ver­hand­lun­gen zur Fra­ge auf, ob er die Me­ga-In­ves­ti­ti­on über­haupt in der Haupt­stadt tä­tigt oder eher wo­an­ders. Sie­mens-Chef Joe Ka­e­ser per­sön­lich misch­te mit, rang dem Ber­li­ner Se­nat vor Un­ter­zeich­nung ei­nes ge­mein­sa­men Me­mo­ran­dums im Ok­to­ber 2018 man­ches Zu­ge­ständ­nis ab. Das be­trifft et­wa Auf­la­gen für Denk­mal­schutz, die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur und die Ver­kehrs­an­bin­dung. Ber­lin sag­te Mil­lio­nen­gel­der zu, nicht zu­letzt für die Sie­mens­bahn.

Doch so man­cher in Ber­lin ist noch skep­tisch, ob das Ex­pe­ri­ment, das po­li­ti­sche, kom­mu­na­le, so­zia­le und wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen zu­sam­men­füh­ren soll, funk­tio­nie­ren wird. So darf die Ant­wort auf die Fra­ge, ob das Are­al tat­säch­lich bis 2030 fer­tig ist, in ei­ner Stadt als of­fen gel­ten, in der sich Bau­pro­jek­te ger­ne mal ver­zö­gern. Die IG Me­tall mahnt, In­dus­trie­ar­beits­plät­ze zu er­hal­ten.

Die Lin­ke sieht mit Skep­sis, dass ein Kon­zern über Stadt­ent­wick­lung be­stim­men wol­le. "Sie­mens darf nicht die al­lei­ni­ge De­fi­ni­ti­ons­macht ha­ben über die Zu­kunfts­fra­gen Ber­lins", sagt die Spre­che­rin für Stadt­ent­wick­lung und Smart Ci­ty der Lin­ke-Frak­ti­on, Ka­ta­lin Gen­n­burg. Die Vi­sio­nen für die Sie­mens­stadt sei­en noch "schwam­mig", so­zia­le Fra­gen wie der Er­halt von In­dus­trie­ar­beits­plät­zen un­be­ant­wor­tet. Und: "Der neue Stadt­teil darf kei­ne Open-Air-Mul­ti-Me­dia-Aus­stel­lung für Sie­mens-Pro­duk­te und tech­ni­schen Schnick-Sch­nack wer­den."

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Letzte Überarbeitung: 12. Januar 2020

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