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Stahl­ko­cher for­dern mehr In­ves­ti­tio­nen

Bei Thys­sen­krupp wächst die Un­ru­he. Jah­re­lang sei nicht in mo­der­ne An­la­gen in­ves­tiert wor­den. Das rä­che sich jetzt
Stahlkocher, Stahlindustrie

03.12.2019. (dpa/fle) - Bei den Stahl­ar­bei­tern von Thys­sen­krupp wächst die Wut.

Vor ei­ner Auf­sichts­rats­sit­zung der Stahl­spar­te des an­ge­schla­ge­nen In­dus­trie­kon­zerns mach­ten sie am Diens­tag ih­rem Un­mut laut­stark Luft und for­der­ten den Er­halt ih­rer Ar­beits­plät­ze.

Thys­sen­krupp will bis zu 2.000 der ins­ge­samt 27.000 Ar­beits­plät­ze beim Stahl ab­bau­en. Ein Ta­rif­ver­trag, der be­triebs­be­ding­te Kün­di­gun­gen aus­schließt, läuft En­de des Jah­res aus. Nach An­ga­ben der IG Me­tall wa­ren 6.000 Mit­ar­bei­ter vor das Ver­wal­tungs­ge­bäu­de von Thys­sen­krupp Steel in Duis­burg ge­zo­gen.

Der Vor­stand der Stahl­spar­te woll­te in der Auf­sichts­rats­sit­zung sein Kon­zept für die Zu­kunft des größ­ten deut­schen Stahl­pro­du­zen­ten vor­stel­len. Die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter for­dern, dass der Kün­di­gungs­schutz ver­län­gert wird. Thys­sen­krupp mit welt­weit 162.000 Mit­ar­bei­tern hat­te be­reits den kon­zern­wei­ten Ab­bau von 6.000 Ar­beits­plät­zen an­ge­kün­digt.

Der Ruhr­kon­zern steckt seit lan­gem in der Kri­se und schreibt ro­te Zah­len. Zu­letzt muss­te er so­gar den füh­ren­den Bör­sen­in­dex Dax ver­las­sen. Auch die Stahl­spar­te steht un­ter Druck, weil die ge­plan­te Stahl­fu­si­on mit dem eu­ro­päi­schen Zweig des in­di­schen Stahl­kon­zerns Ta­ta von der EU un­ter­sagt wor­den war. Der Bau von zwei Stahl­wer­ken vor über zehn Jah­ren in Bra­si­li­en und den USA hat­te den Kon­zern an den Rand des Ru­ins ge­bracht und be­las­tet ihn noch heu­te.

Red­ner von IG Me­tall und Be­triebs­rat war­fen dem Ma­nage­ment vor, mit Blick auf die Fu­si­on jah­re­lang not­wen­di­ge In­ves­ti­tio­nen in den Stahl un­ter­las­sen zu ha­ben. "Der Stahl­be­reich ist durch feh­len­de In­ves­ti­tio­nen der letz­ten Jah­re re­gel­recht aus­ge­hun­gert", sag­te der frü­he­re IG-Me­tall-Vor­sit­zen­de Det­lef Wet­zel, der stell­ver­tre­ten­der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­der bei Thys­sen­krupp Steel ist. Das Un­ter­neh­men er­klär­te, an­ge­sichts der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on sei der fi­nan­zi­el­le Spiel­raum be­grenzt. Für den Stahl­be­reich sei­en aber be­reits In­ves­ti­tio­nen von 570 Mil­lio­nen EUR jähr­lich ge­plant. Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter hat­ten ei­ne fast drei­mal so ho­he Sum­me ge­for­dert.

Der Ge­samt­be­triebs­rats­vor­sit­zen­de von Thys­sen­krupp Steel, Te­kin Na­sik­kol, mach­te die Füh­rung des Kon­zerns für die Mi­se­re beim Stahl ver­ant­wort­lich. "Die­ser Kon­zern wur­de von un­fä­hi­gen Ma­na­gern zu­grun­de ge­wirt­schaf­tet", sag­te er. Jah­re­lang sei­en die Stahl­ar­bei­ter als "Schmud­del­kin­der des Kon­zerns" be­han­delt wor­den. So­gar Re­pa­ra­tu­ren sei­en un­ter­las­sen oder nur not­dürf­tig durch­ge­führt wor­den. Da­bei ha­be der Stahl in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren 3,5 Mil­li­ar­den EUR an Ge­win­nen in die Kon­zern­kas­se über­wie­sen. "Jetzt ist es an der Zeit, dass die­ses Geld wie­der zu­rück­fließt", for­der­te Na­sik­kol.

Zu der Kund­ge­bung wa­ren Thys­sen­krupp-Be­schäf­tig­te aus ganz Nord­rhein-West­fa­len nach Duis­burg ge­kom­men. Mi­cha­el Faust war aus dem Sie­ger­land an­ge­reist, wo er in ei­ner Band­be­schich­tungs­an­la­ge ar­bei­tet. "Die Stim­mung un­ter den Kol­le­gen ist schlecht", be­rich­te­te er. "Vom Vor­stand gibt es kei­ne kla­ren Aus­sa­gen zur Zu­kunft." Jörg Ja­kob, der aus der Ko­ke­rei des Stahl­werks ge­kom­men war, for­der­te: "Wir brau­chen fri­sches Geld. Jah­re­lang hat es nur Spar­pro­gram­me ge­ge­ben."

Nach der Auf­sichts­rats­sit­zung teil­te die IG Me­tall am Abend mit, das vom Vor­stand vor­ge­leg­te Stra­te­gie­pa­pier be­inhal­te "In­ves­ti­ti­ons­pla­nun­gen in er­heb­li­chem Um­fang, aber auch Re­struk­tu­rie­rungs­maß­nah­men". Ge­werk­schaft und Be­triebs­rat wür­den das Kon­zept jetzt prü­fen. Da­für sei Zeit ge­won­nen, weil es die Zu­sa­ge ge­be, dass der En­de des Jah­res aus­lau­fen­de Kün­di­gungs­schutz um min­des­tens drei und ma­xi­mal sechs Mo­na­te ver­län­gert wer­de. Für die Ge­werk­schaft blei­be klar: "Am En­de darf der ge­sam­te Pro­zess nicht zu be­triebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen füh­ren", sag­te der NRW-Be­zirks­lei­ter der IG Me­tall, Knut Gies­ler.

Die erst seit An­fang Ok­to­ber am­tie­ren­de neue Thys­sen­krupp-Che­fin Mar­ti­na Merz muss ei­nen Stra­te­gie­schwenk beim Stahl ein­lei­ten. Das Joint Ven­ture mit Ta­ta soll­te die Ab­hän­gig­keit des Kon­zerns vom kon­junk­tur­ab­hän­gi­gen Stahl­ge­schäft deut­lich ver­rin­gern. Jetzt könn­te die Be­deu­tung des Stahls für den Kon­zern wie­der wach­sen - und das in schwie­ri­gen Zei­ten. Al­lein bis En­de Ok­to­ber ist die Roh­stahl­pro­duk­ti­on in Deutsch­land nach An­ga­ben des Bran­chen­ver­bands um 4,6 Pro­zent ge­sun­ken. Hin­zu kommt, dass der Kli­ma­schutz im­men­se Sum­men er­for­dert. Thys­sen­krupp kal­ku­liert mit In­ves­ti­tio­nen von rund 10 Mil­li­ar­den EUR in den kom­men­den 30 Jah­ren.

Geld für den Um­bau des Kon­zerns soll die pro­fi­ta­ble Auf­zugs­spar­te brin­gen. Ob dies über ei­nen Bör­sen­gang, ei­nen Kom­plett- oder ei­nen Teil­ver­kauf ge­sche­hen soll, ist nach Un­ter­neh­mens­an­ga­ben noch of­fen. Auch bei den Mit­ar­bei­tern des Auf­zugs­ge­schäfts herrscht Ver­un­si­che­rung. Sie ha­ben für Mitt­woch ei­ne Kund­ge­bung vor der Kon­zern­zen­tra­le in Es­sen an­ge­kün­digt. Die Zei­ten bei Thys­sen­krupp blei­ben un­ru­hig.

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Letzte Überarbeitung: 3. Dezember 2019

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