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Stu­di­um oder Aus­bil­dung?

Wer sich zwi­schen Aus­bil­dung und Stu­di­um ent­schei­den kann, hat die Qual der Wahl. Doch wie trifft man die bes­te Ent­schei­dung?
Einstiegsgehalt für Absolventen, Studium, Akademiker

01.07.2019. (dpa/fle) - Dass Na­di­ne Lin­ke in der Tou­ris­mus­bran­che lan­den wür­de, hat wohl nie­man­den son­der­lich über­rascht.

In In­di­en als Toch­ter zwei­er rei­se­be­geis­ter­ter Gas­tro­no­men ge­bo­ren, wur­de ihr das Fern­weh prak­tisch in die Wie­ge ge­legt.

Und in wel­cher Bran­che ist man da bes­ser auf­ge­ho­ben als in der Ho­tel­le­rie?

So in­for­mier­te sich die heu­te 18-Jäh­ri­ge auf Mes­sen über po­ten­zi­el­le Ar­beit­ge­ber und die Aus­bil­dungs­we­ge nach dem Ab­itur und ent­schied sich schließ­lich für ein dua­les Stu­di­um der Be­triebs­wirt­schafts­leh­re mit Fach­rich­tung Tou­ris­mus. "Ich woll­te auf je­den Fall in den Tou­ris­mus und gleich­zei­tig stu­die­ren", er­zählt sie. "Es ist sehr stres­sig und zeit­in­ten­siv", sagt sie über ihr Stu­di­um. Und rät je­dem, sich vor der Aus­bil­dung gut über die ver­schie­de­nen We­ge zu in­for­mie­ren.

Ihr selbst reich­te ei­ne Aus­bil­dung als Ho­tel­fach­frau nicht. Denn sie will die gro­ßen wirt­schaft­li­chen Zu­sam­men­hän­ge ver­ste­hen, und Ma­the lag ihr schon im­mer. Tief in The­men ein­tau­chen zu wol­len - das ist laut der Bun­des­agen­tur für Ar­beit mit­un­ter ein Grund, der für ein Stu­di­um spricht. Da­ne­ben soll­te man für ein Stu­di­um ein gro­ßes Maß an Dis­zi­plin und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on mit­brin­gen.

San­dra War­den, Ge­schäfts­füh­re­rin vom Deut­schen Ho­tel- und Gast­stät­ten­ver­band (De­ho­ga), wür­de jun­gen Men­schen zu­erst zu ei­ner Leh­re ra­ten: "Wer nicht schon prak­ti­sche Er­fah­run­gen in die­sem Be­reich hat, zum Bei­spiel durch län­ge­re Prak­ti­ka oder re­gel­mä­ßi­ge Fe­ri­en­jobs, dem emp­feh­len wir, sich in ei­ner Aus­bil­dung mit der Bran­che aus­ein­an­der­zu­set­zen." Aus­zu­bil­den­de durch­lau­fen al­le Ab­tei­lun­gen und er­hal­ten ei­nen gu­ten Über­blick in die be­trieb­li­chen und ope­ra­ti­ven Ab­läu­fe. Bet­ten ma­chen und Bä­der put­zen - das ge­hört da ge­nau­so da­zu wie kauf­män­ni­sche Tä­tig­kei­ten im Bü­ro.

Die en­ge Ver­zah­nung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis ist für War­den ein wei­te­rer Vor­teil ei­ner dua­len Be­rufs­aus­bil­dung. Die St­un­den­plä­ne sind ih­rer An­sicht nach bes­ser auf­ein­an­der ab­ge­stimmt als im Stu­di­um, wo un­ter Um­stän­den In­hal­te im ers­ten Stu­di­en­jahr ge­lehrt wer­den, die erst im drit­ten Jahr der Aus­bil­dung zur An­wen­dung kom­men.

Un­ter Um­stän­den ist auch der Zu­gang zur Aus­bil­dung leich­ter. Für die meis­ten dua­len Be­rufs­aus­bil­dun­gen wird for­mal kein Schul­ab­schluss vor­ge­schrie­ben. Den­noch er­war­ten vie­le Be­trie­be min­des­tens ei­nen Haupt­schul- oder Re­al­schul­ab­schluss - oder das Ab­itur.

Ge­ne­rell gibt es ei­nen Trend zur Aka­de­mi­sie­rung. Die Zahl der Stu­di­en­an­fän­ger ist im letz­ten Jahr­zehnt ge­stie­gen - von rund 1,9 Mil­lio­nen im Jahr 2007 auf 2,8 Mil­lio­nen im Jahr 2017, er­klärt Han­ne­lo­re Mott­wei­ler vom Bun­des­in­sti­tut für Be­rufs­bil­dung (BIBB).

Ent­spre­chend ist ein Hoch­schul­ab­schluss heu­te manch­mal we­ni­ger Wert als frü­her. Zwar ist er for­mal die bes­se­re Qua­li­fi­ka­ti­on, ge­ra­de für lei­ten­de Po­si­tio­nen. "Ge­mäß des Deut­schen Qua­li­fi­ka­ti­ons­rah­mens für le­bens­lan­ges Ler­nen wer­den Hoch­schul­ab­sol­ven­ten in ei­ne hö­he­re Stu­fe ein­ge­ord­net", sagt Mott­wei­ler.

Das muss aber nicht zwin­gend be­deu­ten, dass je­mand mit Hoch­schul­ab­schluss an­de­re Tä­tig­kei­ten aus­übt als je­mand mit ei­ner Aus­bil­dung. In Bran­chen wie der Me­di­en­ge­stal­tung ge­be es mitt­ler­wei­le so vie­le Ab­sol­ven­ten aus Me­di­en- und Gra­fik­stu­di­en­gän­gen, dass die­se im­mer häu­fi­ger Fach­ar­bei­ter­tä­tig­kei­ten über­neh­men. Wer sich für ein Stu­di­um ent­schei­det, soll­te vor­her zu­min­dest im­mer ein län­ge­res Prak­ti­kum ab­sol­viert ha­ben.

Im Tou­ris­mus sind zum Bei­spiel be­stimm­te Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten und Vor­lie­ben ge­fragt. Wer gro­ßen Wert legt auf ge­re­gel­te Ar­beits­zei­ten von 9.00 bis 17.00 Uhr, der ist in die­sem Sek­tor falsch. Hin­ge­gen soll­te man ein ge­wis­ses Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent mit­brin­gen, Kom­mu­ni­ka­ti­on und ex­tro­ver­tier­tes Ver­hal­ten nicht scheu­en und vor al­lem stress­re­sis­tent sein. Nacht­schich­ten und Ar­bei­ten am Wo­chen­en­den und Fei­er­ta­gen sind eher die Re­gel als ei­ne Aus­nah­me - das lernt man in der Aus­bil­dung von Be­ginn an.

Ge­ra­de im Ho­tel­fach sei ein Stu­di­um zu­dem kei­ne un­be­ding­te Vor­aus­set­zung für ei­nen lei­ten­den Pos­ten, sagt San­dra War­den. Wenn man sich die Kar­rie­ren der heu­ti­gen Ho­tel­di­rek­to­ren an­schaue, sei es sehr ver­brei­tet, dass sie mit ei­ner Aus­bil­dung zu Ho­tel­fach­leu­ten oder zu Ho­tel­kauf­leu­ten ge­star­tet ha­ben.

Ei­nen wich­ti­gen Un­ter­schied zwi­schen der Aus­bil­dung und dem Stu­di­um gibt es noch: Ge­ra­de wer sich für Aus­lands­auf­ent­hal­te wäh­rend der Aus­bil­dung in­ter­es­siert, ist an der Hoch­schu­le wo­mög­lich bes­ser auf­ge­ho­ben. Dort sind sie oft­mals üb­li­cher und bes­ser mit dem Cur­ri­cu­lum ver­ein­bar als in ei­ner Aus­bil­dung. Ei­ni­ge Kom­mi­li­to­nen von Stu­den­tin Na­di­ne Lin­ke et­wa wech­seln in der Pra­xis­pha­se nicht nur den Be­trieb, son­dern gleich das Land: In gro­ßen Ho­tel­ket­ten sei das kein Pro­blem. Auch wenn es oft noch mehr Stress be­deu­tet.

Lin­kes Ent­schei­dung für ein dua­les Stu­di­um war be­wusst. Auch weil sie noch nicht weiß, ob sie ihr Le­ben lang in ei­nem Ho­tel ar­bei­ten möch­te. Mit dem be­triebs­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­um lässt sie sich wei­te­re Bran­chen für spä­ter of­fen.

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 30. August 2019

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