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Stür­mi­sche Zei­ten für Au­to­zu­lie­fe­rer

Stel­len­ab­bau und Werks­schlie­ßun­gen: Ei­ne schwä­cheln­de Au­to­kon­junk­tur macht den Au­to­zu­lie­fe­rern schwer zu schaf­fen
Autoproduktion in Fabrik

06.08.2019. (dpa/fle) - Kla­rer könn­ten die Wor­te des Bosch-Chefs kaum sein. "Nein, das ist kei­ne kurz­fris­ti­ge Del­le, die schnell wie­der auf­ge­holt wer­den kann", sag­te Volk­mar Den­ner der "Süd­deut­schen Zei­tung". "Der Rü­cken­wind ist weg."

Schon im Ju­li hat­te sein Fi­nanz­chef Ste­fan Asen­kersch­bau­mer in der "Bör­sen-Zei­tung" ge­warnt: Der Rück­gang der welt­wei­ten Au­to­mo­bil­pro­duk­ti­on 2019 dürf­te mit fünf Pro­zent noch deut­li­cher aus­fal­len als zu Jah­res­be­ginn er­war­tet.

Der Zu­lie­fe­rer mit Sitz in Ger­lin­gen bei Stutt­gart steht da­mit nicht al­lei­ne da. In ei­ner Be­fra­gung der Stra­te­gie­be­ra­tung Be­rylls ge­hen die 30 der welt­weit füh­ren­den Au­to­zu­lie­fe­rer da­von aus, dass sich ih­re La­ge noch ver­schärft. Nach ei­nem Um­satz­rück­gang von fünf Pro­zent im ers­ten Halb­jahr 2019 dürf­ten es in der zwei­ten Jah­res­hälf­te fünf bis zehn Pro­zent sein.

"Zu dem kon­junk­tu­rell be­ding­ten Rück­gang kom­men die Pro­ble­me mit dem Ver­bren­ner und dem Die­sel", sagt Be­rylls-Part­ner Jan Dan­nen­berg. Das macht ins­be­son­de­re Bosch zu schaf­fen. Ge­ra­de in Eu­ro­pa und In­di­en trifft der schrump­fen­de Markt­an­teil den Zu­lie­fe­rer, bei dem welt­weit et­wa 50.000 der 410.000 Ar­beits­plät­ze vom Die­sel ab­hän­gen. In Deutsch­land sind es gut 15.000.

Schon im ver­gan­ge­nen Jahr hat­te Bosch 600 Stel­len in dem Be­reich ab­ge­baut, in­dem be­fris­te­te Ver­trä­ge nicht ver­län­gert oder Mit­ar­bei­ter et­wa in Al­ters­teil­zeit ge­schickt wur­den. Die wei­te­re Ent­wick­lung hat­te Den­ner vom Markt­ver­lauf ab­hän­gig ge­macht. Nun sag­te er: "Na­tür­lich müs­sen wir auf die zu­rück­ge­hen­de Nach­fra­ge re­agie­ren. Wir wer­den noch se­hen, in wel­chem Um­fang." Es wer­de aber al­les ge­tan, um das so­zi­al­ver­träg­lich um­zu­set­zen, be­ton­te er und sprach von Zeit­kon­ten, Ab­fin­dungs­pro­gram­men, Vor­ru­he­stands­re­ge­lun­gen oder der Re­du­zie­rung der Zahl der tem­po­rär Be­schäf­tig­ten. Der Ge­samt­be­triebs­rats­chef rech­net zum Jah­res­en­de mit et­wa 1.000 Stel­len we­ni­ger in dem Be­reich.

Die Die­sel­kri­se, der Um­bau zur E-Mo­bi­li­tät und nun die Del­le in der Au­to­kon­junk­tur: Vie­ler­orts in der Bran­che ste­hen der­zeit Stel­len auf dem Spiel. Ku­ka, de­ren Ro­bo­ter in fast je­der Au­to­fa­brik ste­hen, will 380 Jobs in Augs­burg strei­chen. Mar­quardt, ein Spe­zia­list für Schalt- und Be­dien­sys­te­me, ver­la­gert Hun­der­te Ar­beits­plät­ze ins Aus­land. Beim Fil­ter­spe­zia­lis­ten Mann+Hum­mel sol­len welt­weit 1.200 Stel­len weg­fal­len. Der ös­ter­rei­chi­sche An­la­gen­bau­er An­dritz streicht bei sei­ner deut­schen Toch­ter­fir­ma, dem Pres­sen­her­stel­ler Schuler, rund 500 Stel­len. Und der An­la­gen­bau­er Ei­sen­mann aus Böb­lin­gen, der un­ter an­de­rem La­ckier­an­la­gen für die Au­to­bran­che her­stellt, mel­de­te jüngst In­sol­venz an. Grund: Ho­he Ver­lus­te we­gen Pro­ble­men mit Groß­pro­jek­ten.

Der frän­ki­sche Au­to­mo­bil­zu­lie­fe­rer Scha­eff­ler kün­dig­te erst am Mon­tag an, dass an meh­re­ren Stand­or­ten in der zwei­ten Jah­res­hälf­te ta­ge­wei­se der Be­trieb still­ste­hen könn­te. Da­für kä­men et­wa Brü­ck­en­ta­ge zwi­schen Fei­er­ta­gen und Wo­chen­en­den in­fra­ge. Schon im März hat­te Scha­eff­ler auch ei­nen Stel­len­ab­bau be­kannt ge­macht. Für die Zu­kunft sei auch Kurz­ar­beit nicht aus­ge­schlos­sen, sag­te ei­ne Un­ter­neh­mens­spre­che­rin.

Da­mit bil­det die Fir­ma aus Her­zo­ge­nau­rach die Aus­nah­me - noch: "Wir se­hen noch kei­ne Kurz­ar­beit im grö­ße­ren Stil", sagt Be­ra­ter Dan­nen­berg. "Woll­te sich der Trend fort­set­zen, ist das aber sehr wahr­schein­lich." Der Chef der ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Re­gio­nal­di­rek­ti­on der Bun­des­agen­tur für Ar­beit sieht das ähn­lich: Bis­lang se­he man nur ei­nen leich­ten An­stieg in den An­zei­gen von Kurz­ar­beit, je­doch ei­nen deut­li­chen An­stieg in der Be­ra­tung. "Rich­tig re­le­vant wird das nach den Be­triebs­fe­ri­en", er­war­tet Chris­ti­an Rauch. "Ich rech­ne kurz­fris­tig aber nicht mit ei­nem An­stieg auf das Ni­veau, das wir in den Jah­ren 2008 und 2009 ge­se­hen ha­ben."

An­de­re Un­ter­neh­men grei­fen be­reits zu dras­ti­sche­ren Maß­nah­men: Mah­le - spe­zia­li­siert auf Mo­tor­kom­po­nen­ten - streicht nicht nur 380 Stel­len in Stutt­gart, son­dern schließt auch ein Werk in Öh­rin­gen, das stark an der Ver­bren­ner-Tech­no­lo­gie hängt. Con­ti­nen­tal hat eben­falls das Aus für ein Werk ver­kün­det, das seit Jah­ren Ver­lus­te schrieb.

In Län­dern mit ho­hen Löh­nen dürf­ten sich die Werks­schlie­ßun­gen auch fort­set­zen, er­war­tet Dan­nen­berg. "Das ist kei­ne Re­ak­ti­on auf die kur­ze Del­le. Die Fir­men nut­zen aber die­se Zeit, um sol­che Maß­nah­men um­zu­set­zen."

Zu­dem muss die Bran­che den Struk­tur­wan­del hin zur Elek­tro­mo­bi­li­tät voll­zie­hen. Was das für die Be­schäf­tig­ten be­deu­tet, rech­net Bosch-Chef Den­ner vor: "Wenn wir bei ei­nem Die­sel­ein­spritz­sys­tem zehn Mit­ar­bei­ter be­schäf­ti­gen, sind es bei ei­nem Ben­zin­sys­tem drei und bei ei­nem Elek­tro­fahr­zeug nur noch ei­ner", sag­te Den­ner. In ei­ner Um­fra­ge der Ge­werk­schaft IG Me­tall rech­nen die Be­triebs­rä­te in je­der zwei­ter Fir­ma der Au­to und Zu­lie­fer­bran­che des­halb mit ei­nem Job­ab­bau.

Dass sich zu­min­dest die Kon­junk­tur schnell bes­sert, ist nicht zu er­war­ten. Wäh­rend sich der Au­to­markt in den USA be­reits wie­der sta­bi­li­siert, geht es in Chi­na und Eu­ro­pa noch berg­ab. "Ich rech­ne 2020 mit kei­ner grund­le­gen­den Bes­se­rung", sagt Dan­nen­berg. "Das sieht auch die Mehr­heit der von uns be­frag­ten Zu­lie­fe­rer so."

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Letzte Überarbeitung: 27. November 2019

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