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ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/154

War­um Ar­beits­pau­sen so wich­tig sind

Ex­per­ten er­klä­ren, wie wir uns im Ur­laub am bes­ten er­ho­len und mög­lichst lang von die­ser Er­ho­lung pro­fi­tie­ren
In den Urlaub fahren, ein Sabbatical einlegen

28.06.2019. (dpa/fle) - Som­mer­zeit, Fe­ri­en­zeit: Wäh­rend es für die meis­ten Men­schen da­bei um Fra­gen nach dem per­fek­ten Rei­se­ziel oder Selbst­ver­sor­gung ver­sus Voll­pen­si­on geht, kann auch die Wis­sen­schaft hel­fen, die­se Zeit so er­hol­sam wie mög­lich zu ge­stal­ten.

So gibt es zahl­rei­che Er­kennt­nis­se aus der Psy­cho­lo­gie und Neu­ro­lo­gie zur Vor­be­rei­tung ei­nes Ur­laubs, zur Län­ge und Ge­stal­tung, so­wie zur Rück­kehr in den Ar­beits­all­tag.

Wenn der Blick aus dem Bü­ro­fens­ter strah­lend blau­en Him­mel und glei­ßen­den Son­nen­schein ver­rät, mag sich so man­cher be­son­ders ur­laubs­reif füh­len. Und das Ge­fühl geht oft tie­fer. "Wis­sen­schaft­lich ge­se­hen wür­de man eher von ei­nem stär­ke­ren Er­schöp­fungs­er­le­ben spre­chen", er­klärt Jo­han­nes Wend­sche von der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin. "Die­se Er­schöp­fung zeigt sich bei­spiels­wei­se, in­dem die Mo­ti­va­ti­on sinkt, man nach der Ar­beit mehr Zeit für sich braucht, Pro­ble­me im so­zia­len Le­ben auf­tau­chen, aber auch in an­hal­ten­den Leis­tungs­schwan­kun­gen."

Ein der­ar­ti­ges Er­mü­dungs­er­le­ben wer­de häu­fig erst spät be­merkt, sagt Wend­sche: "Da­bei ist es der letz­te Warn­schuss des Kör­pers." Oh­ne Er­ho­lungs­pau­sen wür­den die Er­mü­dungs­er­schei­nun­gen ku­mu­lie­ren - mit ent­spre­chen­den ge­sund­heit­li­chen Fol­gen. So er­gab ei­ne Lang­zeit­stu­die der Uni­ver­si­tät Hel­sin­ki von 2018, dass zu we­nig Ur­laub die Sterb­lich­keit er­höht.

Auch Ni­ko­lai Egold, Pro­fes­sor für So­zi­al- und Ar­beits­psy­cho­lo­gie an der Hoch­schu­le Fre­se­ni­us in Frank­furt, be­tont, dass der Kör­per sich rein phy­sio­lo­gisch nach Pha­sen der Be­las­tung er­ho­len müs­se, um et­wa Stress­hor­mo­ne ab­zu­bau­en. "Heut­zu­ta­ge ste­hen die Men­schen al­ler­dings stän­dig un­ter Strom, was sich nicht zu­letzt in ei­ner Zu­nah­me von psy­chi­schen Er­kran­kun­gen wie De­pres­sio­nen oder Angst­stö­run­gen zeigt", so Egold. Um­ge­kehrt hät­ten meh­re­re Stu­di­en be­reits die po­si­ti­ven Aus­wir­kun­gen ei­nes Ur­laubs be­schrie­ben: "Die Men­schen sind ak­ti­ver, krea­ti­ver, leis­tungs­fä­hi­ger und ha­ben in der Zeit nach dem Ur­laub we­ni­ger Fehl­ta­ge."

Da­bei dür­fe man den Ur­laub nicht le­dig­lich als Un­ter­bre­chung der Ar­beits­zeit se­hen, be­tont der Neu­ro­bio­lo­ge und Buch­au­tor Bernd Huf­nagl aus Wien. Seit 2004 über­prüft sein Team mit­hil­fe von EKG-Un­ter­su­chun­gen die Fä­hig­kei­ten von Ar­beit­neh­mern zu ent­span­nen. Da­für sol­len sich die Pro­ban­den in ei­nen Raum set­zen und fünf Mi­nu­ten aus dem Fens­ter schau­en. "Schon 2004, al­so noch vor dem Smart­pho­ne-Hype, zeig­ten nur 30 Pro­zent der Teil­neh­mer ei­ne Ent­span­nungs­re­ak­ti­on", so Huf­nagl. 2018 sei­en es in­des nur noch fünf Pro­zent ge­we­sen: "Wir er­tra­gen das Nichts­tun nicht mehr."

Doch wie viel Ur­laub ist über­haupt nö­tig, um die be­schrie­be­nen Be­las­tun­gen aus­zu­glei­chen? Hier ist sich die Wis­sen­schaft un­ei­nig. "An­schei­nend macht die Do­sis nicht so sehr den Ef­fekt", er­klärt Ar­beits­psy­cho­lo­ge Wend­sche. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass der Er­ho­lungs­ef­fekt nach ei­nem Ur­laub spä­tes­tens nach ein bis zwei Wo­chen ver­pufft sei, deu­te sich aber an, dass meh­re­re kür­ze­re Ur­lau­be vor­teil­haf­ter sei­en als ein lan­ger Jah­res­ur­laub. Und: Auch die Zeit di­rekt vor den Fe­ri­en sei wich­tig. "Je hö­her die Ar­beits­be­las­tung vor dem ers­ten Ur­laubs­tag, um­so ge­rin­ger die Er­ho­lung", fasst Wend­sche zu­sam­men. Er emp­fiehlt da­her, sich vor dem Ur­laub ein­fa­che­ren und ab­schließ­ba­ren Auf­ga­ben zu wid­men und ge­nug zu schla­fen. Um Stress­fak­to­ren zu re­du­zie­ren, rät Wend­sche, die Fe­ri­en­zeit gut vor­zu­be­rei­ten, in­dem man et­wa Ti­ckets vor­ab bu­che.

Im Ur­laub selbst soll­te Ab­stand zur Ar­beit ge­won­nen wer­den, be­tont Egold, in­dem man et­wa te­le­fo­nisch nicht für den Ar­beit­ge­ber er­reich­bar sei. Zu­dem soll­te man sei­ne E-Mails nicht oder nur punk­tu­ell, das heißt zu fes­ten, klar ab­ge­grenz­ten Zeit­räu­men mit ge­rin­gem Um­fang ab­ru­fen, da­mit sich ein Er­ho­lungs­ef­fekt ein­stel­len kön­ne.

Ei­ne ef­fek­ti­ve Er­ho­lung baut dem so­ge­nann­ten "Dram­ma"-Mo­dell zu­fol­ge auf sechs Säu­len auf: So soll­te im Ur­laub Ge­dan­ken­frei­heit (detach­ment) und Ent­span­nung (re­co­very) herr­schen. Wich­tig sei aber auch das Ge­fühl der Selbst­be­stimmt­heit (au­to­no­my). Wei­te­re Fak­to­ren sei­en Her­aus­for­de­rung (mas­te­ry), in­dem man et­wa ei­ne neue Sport­art aus­pro­bie­re, und Sinn­haf­tig­keit (mea­ning), das Ge­fühl im Ur­laub et­was Sinn­vol­les zu tun. Nicht zu­letzt hel­fe es, mit Men­schen, die man ger­ne ha­be, et­was zu un­ter­neh­men, da da­durch das Ge­fühl von Ver­bun­den­heit (af­fi­lia­ti­on) steigt.

Neu­ro­bio­lo­ge Huf­nagl weist zu­dem dar­auf hin, dass im Ur­laub die Ak­ti­vi­tät des Ner­vus va­gus steigt: Je ak­ti­ver die­ser Hirn­nerv sei, um­so ent­spann­ter wer­de man. "Da­für muss man sich aber dar­auf kon­zen­trie­ren, eben nicht die Ar­beit im Kopf zu ha­ben." Er emp­fiehlt, ge­ra­de im Ur­laub auf De­tails zu ach­ten: "Wie rauscht das Meer? Wie riecht das Es­sen? Sol­che In­for­ma­tio­nen be­wusst wahr­zu­neh­men ist wich­tig, weil wir im All­tag durch die vie­len To-Do’s im­mer ober­fläch­li­cher wer­den."

Wie lässt sich aber der Er­ho­lungs­ef­fekt ei­nes Ur­laubs mög­lichst lan­ge er­hal­ten? "Wer sei­ne Ur­laubs­er­in­ne­run­gen re­flek­tiert, pro­fi­tiert län­ger vom Wohl­be­fin­den", sagt Wend­sche von der Bun­des­an­stalt für Ar­beits­schutz und Ar­beits­me­di­zin da­zu. Ent­spre­chend soll­te man Sou­ve­nirs mit­brin­gen, Fo­tos ma­chen und vom Ur­laub er­zäh­len. Ein wei­te­rer Tipp: "Fängt man an ei­nem Mitt­woch wie­der an zu ar­bei­ten, wird man in den meis­ten Fäl­len nur ei­ne kur­ze Ar­beits­wo­che vor sich ha­ben."

Huf­nagl rät zu­dem zu Kurz­ur­lau­ben im All­tag: "Pla­nen Sie kon­kret je­den Tag ei­nen Mi­ni­ur­laub ein, der nichts mit der Ar­beit zu tun hat." Die­ses be­wuss­te Nichts­tun schaf­fe auch neue Ka­pa­zi­tä­ten: "Im Ge­hirn gibt es Netz­wer­ke, die nur dann ak­tiv wer­den, wenn wir nicht ziel­ge­rich­tet den­ken", er­klärt der Neu­ro­bio­lo­ge, der in die­sem Zu­sam­men­hang von "Tag­träu­mer­netz­wer­ken" spricht: "Vie­le Men­schen wer­den mit dem Tag­träu­men Pro­ble­me ha­ben - aber den­noch sind sol­che Pau­sen me­di­zi­nisch nö­tig."

Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:

Letzte Überarbeitung: 28. Juni 2019

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