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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/006

Wie Ärz­tin­nen Kar­rier­ehür­den über­win­den

Ob­wohl die An­zahl an weib­li­chen Me­di­zin­stu­den­ten über­wiegt, lan­den we­ni­ge von ih­nen spä­ter in Spit­zen­po­si­tio­nen. War­um?
Arzt, Belastung

08.01.2020 (dpa/fle) - Wer heut­zu­ta­ge ei­nen Blick in die Hör­sä­le me­di­zi­ni­scher Fa­kul­tä­ten wirft, wird ten­den­zi­ell mehr Frau­en se­hen als Män­ner.

Et­wa zwei Drit­tel der Stu­die­ren­den sind weib­lich, wie Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts zei­gen. Doch in den Chef­eta­gen der Kran­ken­häu­ser oder an den Lehr­stüh­len der Uni­ver­si­tä­ten sieht es an­ders aus.

Ganz nach oben zu kom­men, scheint für Frau­en in der Me­di­zin noch im­mer eher die Aus­nah­me als die Re­gel zu sein. Ein Pro­blem ist die Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie.

Nach dem Stu­di­um fol­gen in der Re­gel fünf oder sechs Jah­re Wei­ter­bil­dung zur Fach­ärz­tin. Die Zeit ver­län­ge­re sich pro­zen­tu­al, wenn man in Teil­zeit ar­bei­tet, sagt Chris­tia­ne Groß, Prä­si­den­tin des Deut­schen Ärz­tin­nen­bun­des (DÄB). "Da­mit ist der Kar­rie­re­knick bei Frau­en mit Kin­dern schon vor­pro­gram­miert." Trotz Fa­mi­lie ei­nen Fuß in der Tür zu be­hal­ten und nicht et­wa bei Fort­bil­dun­gen im­mer hin­ten an­zu­ste­hen, ist oft ei­ne Her­aus­for­de­rung.

Die Ge­burt von Kin­dern sei häu­fig ein mar­kan­ter Ein­schnitt, be­stä­tigt Chris­ti­ne Kur­mey­er, zen­tra­le Frau­en- und Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te der Cha­rité in Ber­lin. "Es kom­men vie­le Frau­en mit An­fra­gen, die mit ei­ner Schwan­ger­schaft zu tun ha­ben."

Häu­fig ge­he es um das Pro­blem, dass be­fris­te­te Ver­trä­ge in der For­schung wäh­rend des Mut­ter­schut­zes oder in der El­tern­zeit aus­lau­fen. "Das ist ei­ne dras­ti­sche Be­nach­tei­li­gung von Frau­en." In­zwi­schen sei des­halb an der Cha­rité ver­ein­bart wor­den, dass die­se Zei­ten nach­ge­holt wer­den kön­nen.

Kur­mey­er rät Frau­en in sol­chen Fäl­len, mög­lichst schrift­lich ei­nen über­sicht­li­chen Zeit­plan zu er­stel­len. Au­ßer­dem sei es wich­tig, sich über Aus­fall­re­ge­lun­gen zu in­for­mie­ren und klar und deut­lich zu for­mu­lie­ren, dass ein Ver­bleib in den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­wer­ken er­wünscht ist.

Man kön­ne - je nach­dem, wie das or­ga­ni­sa­to­risch mach­bar ist - auch wäh­rend der El­tern­zeit am Ar­beits­platz vor­bei­kom­men. Wich­tig sei, Kon­tak­te zu pfle­gen und zu si­gna­li­sie­ren, dass mit der Ge­burt des Kin­des der Wunsch, Fach­ärz­tin zu wer­den, nicht ver­flo­gen ist.

Ei­ne Kar­rie­re in der Uni­ver­si­täts­me­di­zin, die ne­ben Leh­re und For­schung auch die Kran­ken­ver­sor­gung um­fasst, sei mit ei­nem be­son­ders gro­ßen Zeit­auf­wand ver­bun­den. "Da wird sehr viel mehr ver­langt als in an­de­ren Kli­ni­ken", sagt Kur­mey­er.

Zwar sei­en zwei Drit­tel al­ler Stu­die­ren­den in der Me­di­zin weib­lich, aber nur 13 Pro­zent der Lehr­stüh­le an Uni­ver­si­tä­ten von Frau­en be­setzt, kri­ti­siert Groß. Die DÄB-Prä­si­den­tin for­dert pa­ri­tä­tisch be­setz­te Be­ru­fungs­kom­mis­sio­nen. "Wenn wir das schaf­fen, wä­ren wir ei­nen rie­si­gen Schritt wei­ter."

Auch zwi­schen den Fach­be­rei­chen ge­be es gro­ße Un­ter­schie­de, so Kur­mey­er. "Was Rol­len­bil­der an­geht, ha­ben Chir­ur­gen ei­ne an­de­re Kul­tur als die In­ter­nis­ten. Das wirkt sich auf den Frau­en­teil in den un­ter­schied­li­chen Dis­zi­pli­nen aus." Wäh­rend nie­der­ge­las­se­ne Ärz­tin­nen in der Re­gel selbst­be­stimmt und gleich­be­rech­tigt ar­bei­ten, sei der All­tag in Kli­ni­ken noch von Rol­lens­te­reo­ty­pen ge­prägt.

"Ich glau­be, das ist nicht nur ein Pro­blem von Frau­en. Aber Frau­en sa­gen eher: Das tue ich mir nicht an", so die Ver­bands­prä­si­den­tin. Sie for­dert auch ei­nen Aus­bau der Kin­der­be­treu­ungs­stät­ten an Kli­ni­ken - auch sol­cher, die 24 St­un­den ge­öff­net sind. "Denn wel­che Mög­lich­kei­ten hat man sonst, wenn das häus­li­che Kin­der­be­treu­ungs­sys­tem zu­sam­men­bricht und man Nacht­dienst hat?"

Um Gleich­be­rech­ti­gung zu er­rei­chen, müss­ten Män­ner er­mu­tigt wer­den, El­tern­zeit zu neh­men - und an­de­rer­seits Frau­en be­stärkt wer­den, Füh­rungs­po­si­tio­nen zu be­set­zen, sagt Kur­mey­er. In­for­mel­le Netz­wer­ke spiel­ten für die Kar­rie­re im­mer noch ei­ne wich­ti­ge Rol­le. "Aus die­sen Krei­sen sind Frau­en oft aus­ge­schlos­sen, weil sie nicht ein Wo­chen­en­de lang mit dem Chef se­geln ge­hen kön­nen."

Ver­net­zung sei des­halb wich­tig - mit Män­nern wie mit Frau­en. Vie­ler­orts exis­tie­ren des­halb Men­to­rin­nen-Pro­gram­me, die jun­ge Frau­en un­ter­stüt­zen. So auch an der Cha­rité. En­ga­gier­te Nach­wuchs­wis­sen­schaft­le­rin­nen wer­den ein Jahr lang et­wa durch ein Se­mi­nar­pro­gramm ge­zielt ge­för­dert und da­bei von Men­to­ren be­glei­tet.

"Der Ef­fekt sol­cher Pro­gram­me be­steht viel­fach auch dar­in, zu er­ken­nen, dass es an­de­ren Frau­en in der Me­di­zin ganz ge­nau­so geht", sagt Chris­ti­ne Kur­mey­er. Sie rät: "Be­ge­ben Sie sich ak­tiv auf die Su­che nach Gleich­ge­sinn­ten!" Es sei für al­le wich­tig, sich aus­zu­tau­schen - von der Stu­den­tin bis zur Pro­fes­so­rin. "Als Ein­zel­kämp­fe­rin funk­tio­niert das nicht."

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Letzte Überarbeitung: 3. Februar 2020

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