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Zeit­wen­de bei Ver­di

Nach 18 Jah­ren zieht sich Frank Bsirs­ke zu­rück - und macht sei­nem Vi­ze Frank Wer­ne­ke Platz. Die­ser gibt sich kämp­fe­risch
Stimmzettel in Wahlurne werden, Betriebsratswahl

24.09.2019. (dpa/fle) - Frank Wer­ne­ke ist in Leip­zig zum Nach­fol­ger des lang­jäh­ri­gen Vor­sit­zen­den Frank Bsirs­ke ge­wählt wor­den.

Die knapp 1.000 De­le­gier­ten des Ver­di-Bun­des­kon­gres­ses wähl­ten Wer­ne­ke mit ei­nem über­zeu­gen­den Er­geb­nis von 92,7 Pro­zent der Stim­men.

Bsirs­ke stand 18 Jah­re an der Spit­ze der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft und trat mit 67 Jah­ren nicht er­neut an. Der 52-jäh­ri­ge Wer­ne­ke stell­te sich in ei­ner kämp­fe­ri­schen Re­de vor. Er ist seit 17 Jah­ren stell­ver­tre­ten­der Ver­di-Chef und war bis­her un­ter an­de­rem für die Fi­nan­zen der 1,97 Mil­lio­nen Mit­glie­der zäh­len­den Ge­werk­schaft ver­ant­wort­lich.

Wer­ne­ke er­in­ner­te dar­an, dass er seit sei­ner Zeit als Azu­bi ge­werk­schaft­lich ak­tiv ge­we­sen sei. "Ich bin stolz und mit Stolz Ge­werk­schaf­ter, weil ich ganz per­sön­lich er­lebt und er­fah­ren ha­be, dass durch ge­mein­sa­mes Han­deln, dass durch ge­mein­sa­me Kämp­fe die Ar­ro­ganz der Macht über­wun­den und ge­bro­chen wer­den kann", sag­te er. Er sprach sich für ei­nen ak­ti­ven So­zi­al­staat aus und kri­ti­sier­te die Pri­va­ti­sie­rung in der Al­ten­pfle­ge. "Wir wol­len Pro­fit­gier durch Ge­mein­wohl er­set­zen", ver­sprach Wer­ne­ke. "Des­halb wol­len wir Reich­tum end­lich an­ge­mes­sen be­steu­ern, um bes­se­re Ren­ten zu fi­nan­zie­ren und mehr Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit durch­zu­set­zen." Ver­di sol­le aber auch klar ge­gen wei­te­ren Rüs­tungs­wett­lauf und für To­le­ranz ein­tre­ten. Zur neu­en Vi­ze­che­fin wur­de mit 91,1 Pro­zent Chris­ti­ne Beh­le (51) ge­wählt. Im Vi­ze-Amt be­stä­tigt wur­de An­drea Koc­sic (54) mit 91,5 Pro­zent.

Bsirs­ke war 2015 mit 88,5 Pro­zent noch ein­mal für vier Jah­re im Amt be­stä­tigt wor­den. Es war da­mals sein schlech­tes­tes Er­geb­nis. Be­reits da­mals hat­te der Lang­zeit­vor­sit­zen­de sei­nen Rück­zug für die­ses Jahr an­ge­kün­digt. Nun sprach sich der Ge­werk­schafts­füh­rer mit grü­nem Par­tei­buch noch ein­mal un­ter an­de­rem für so­zi­al ge­rech­te Fi­nan­zie­rung nö­ti­ger In­ves­ti­tio­nen in Kli­ma­schutz aus und schloss mit den Wor­ten: "Das woll­te ich sa­gen, und jetzt bin ich durch."

Bsirs­ke wur­de be­kannt als streit­ba­rer Streik­füh­rer im öf­fent­li­chen Dienst, schreck­te vor klas­sen­kämp­fe­ri­schen Tö­nen nicht zu­rück und ver­tritt lin­ke Po­si­tio­nen. Wer­ne­ke ist öf­fent­lich bis­her we­nig auf­ge­fal­len. Der Ost­west­fa­le nimmt für sich in An­spruch, dass die Ent­fal­tung öf­fent­li­cher Strahl­kraft bis­her auch nicht sei­ne Auf­ga­be ge­we­sen sei. Er ist be­reits seit 1982 SPD-Mit­glied. In­halt­lich war Wer­ne­ke für den Me­di­en­be­reich zu­stän­dig.

Auf­ge­wach­sen ist Wer­ne­ke in der Klein­stadt Schloß Hol­te-Stu­ken­brock na­he Bie­le­feld. Er mach­te ei­nen Re­al­schul­ab­schluss und be­gann 1983 ei­ne Aus­bil­dung als Druck­vor­la­gen­her­stel­ler. 1993 wur­de er Bun­des­se­kre­tär der da­ma­li­gen IG Me­di­en.

Da ist zu­nächst die Mit­glie­der­ent­wick­lung. Von den zur Grün­dung 2001 noch 2,81 Mil­lio­nen Mit­glie­dern sind 1,97 Mil­lio­nen üb­rig ge­blie­ben. 120.000 Men­schen dürf­ten die­ses Jahr da­zu­sto­ßen, aber mehr als 140.000 aus­tre­ten. "Wir müs­sen auf der Ein­tritts­sei­te noch ei­nen Schritt nach vor­ne ma­chen", sagt der neue Chef, der be­reits die Mit­glie­der­ent­wick­lung in sei­nem Port­fo­lio hat­te.

Ver­di kämpft aber auch mit schwie­ri­gen Be­din­gun­gen in den Bran­chen. Von den 129 Streiks im ver­gan­ge­nen Jahr führ­te Ver­di vie­le, um Ta­rif­flucht zu ver­hin­dern. Be­triebs­tei­le wer­den viel­fach aus­ge­grün­det, der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad ist - wie et­wa in der Al­ten­pfle­ge - oft ge­ring. Wer­ne­ke pocht wie Bsirs­ke dar­auf, dass die Ta­rif­bin­dung ge­stärkt wird: Der Staat sol­le Ta­rif­ver­trä­ge in Bran­chen mit un­fai­ren Ar­beits­be­din­gun­gen ver­stärkt all­ge­mein­ver­bind­lich er­klä­ren, wenn ei­ne Ge­werk­schaft nur in ei­nem Teil der Bran­che Ta­rif­be­din­gun­gen durch­set­zen kann.

Bsirs­ke nahm für sich in An­spruch, die For­de­run­gen nach ei­ner Lohn­un­ter­gren­ze zu­nächst im Ge­werk­schafts­la­ger und dann ge­gen­über der Po­li­tik mit durch­ge­setzt zu ha­ben. Der Min­dest­lohn be­schäf­tigt Ver­di in Leip­zig wie­der. Fast zwei Dut­zend An­trä­ge des Kon­gres­ses zie­len dar­auf ab, ihn deut­lich über die der­zeit gel­ten­den 9,19 EUR an­zu­he­ben, auf bis zu 18,50, wie ein An­trag aus Bay­ern es for­dert. Die For­de­rung nach 12 EUR galt als wahr­schein­lich.

Wer­ne­ke stell­te sich eben­falls als po­li­ti­scher Kopf vor. Ver­di, so sag­te er, sol­le auch als Teil der Frie­dens­be­we­gung ge­gen wei­te­ren Rüs­tungs­wett­lauf ein­tre­ten, für To­le­ranz und ge­gen Rechts­ex­tre­me. Auch wenn die Fuß­stap­fen Bsirs­kes groß sind, spricht al­so man­ches für Kon­ti­nui­tät. Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er hat­te zur Er­öff­nung des Kon­gres­ses am Sonn­tag­abend ge­sagt: "So­gar die Brie­fe an den Vor­sit­zen­den kön­nen wahr­schein­lich wei­ter­hin mit "Lie­ber Frank" be­gin­nen. Wenn das kei­ne Kon­ti­nui­tät ist."

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Letzte Überarbeitung: 24. September 2019

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