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BVerfG, Be­schluss vom 15.07.2015, 2 BvR 2292/13

   
Schlagworte: Kirchenrecht, Streikrecht, Verfassungsbeschwerde
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Aktenzeichen: 2 BvR 2292/13
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 15.07.2015
   
Leitsätze: Zur isolierten Angreifbarkeit von Urteilsgründen im Wege der Verfassungsbeschwerde.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bielefeld, Urteil vom 03.03.2010, 3 Ca 2958/09
Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 13.01.2011, 8 Sa 788/10
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.11.2012, 1 AZR 179/11
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT

- 2 BvR 2292/13 -

 

IM NA­MEN DES VOL­KES

In dem Ver­fah­ren

über

die Ver­fas­sungs­be­schwer­de

 

der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di,
ver­tre­ten durch ih­ren Vor­stand, die­ser ver­tre­ten durch sei­nen Vor­sit­zen­den Frank Bsirs­ke so­wie durch das Bun­des­vor­stands­mit­glied Syl­via Bühler, Pau­la-Thie­de-Ufer 10, 10179 Ber­lin,

- Be­vollmäch­tig­te: 

1. Rechts­an­walt Prof. Dr. Hen­ner Wol­ter,

Witz­le­bens­traße 31, 14057 Ber­lin,

2. Prof. Dr. Jens M. Schu­bert,

Pau­la-Thie­de-Ufer 10, 10179 Ber­lin -

ge­gen

a) das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 179/11 -,

b) das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 13. Ja­nu­ar 2011 - 8 Sa 788/10 -,

c) das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bie­le­feld vom 3. März 2010 - 3 Ca 2958/09 -

hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Zwei­ter Se­nat -
un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin­nen und Rich­ter

Präsi­dent Voßkuh­le,

Land­au,

Hu­ber,

Her­manns,

Müller,

Kes­sal-Wulf,

König,

Mai­dow­ski

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am 15. Ju­li 2015 be­schlos­sen:

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wird ver­wor­fen.

Gründe:

A.

Ge­gen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­de der im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren er­folg­rei­chen Be­schwer­deführe­rin ist der Aus­schluss des Streik­rechts in kirch­li­chen und dia­ko­ni­schen Ein­rich­tun­gen durch kir­chen­recht­li­che Ar­beits­rechts­re­ge­lun­gen (so­ge­nann­ter „Drit­ter Weg“).

I.

Die evan­ge­li­sche Kir­che und die ka­tho­li­sche Kir­che stim­men dar­in übe­rein, dass es dem We­sen des Diens­tes in der Kir­che nicht ge­recht wird, wenn der In­halt der Ar­beits­verträge ih­rer Mit­ar­bei­ter ein­sei­tig durch den kirch­li­chen Ge­setz­ge­ber oder durch kirch­li­che Lei­tungs­or­ga­ne ge­stal­tet wird. Um­strit­ten war in der Ver­gan­gen­heit, ob die­ser so­ge­nann­te „Ers­te Weg“ durch den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen zwi­schen Kir­chen und Ge­werk­schaf­ten ab­gelöst (so­ge­nann­ter „Zwei­ter Weg“) oder statt­des­sen in der Ent­wick­lung ei­nes ei­genständi­gen kirch­li­chen Be­tei­li­gungs­mo­dells ein „Drit­ter Weg“ ge­gan­gen wer­den soll­te (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 13 Rn. 1).

1. Die evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen ha­ben sich mit Aus­nah­me zwei­er Lan­des­kir­chen, die ein Ver­fah­ren ei­nes kir­chen­gemäßen „Zwei­ten We­ges“ gewählt ha­ben, für den „Drit­ten Weg“, al­so für die Schaf­fung ei­nes ei­ge­nen kirch­li­chen Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­ver­fah­rens ent­schie­den (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 13 Rn. 1; Keßler, in: Fest­schrift für Wolf­gang Git­ter, 1995, S. 461 <465>). Sie sind da­mit der Emp­feh­lung des Ra­tes der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD) in ei­ner Richt­li­nie vom 8. Ok­to­ber 1976 ge­folgt, die Ar­beits­verhält­nis­se der Mit­ar­bei­ter im kirch­li­chen Dienst auf der Grund­la­ge ei­nes von ihm ver­ab­schie­de­ten Mus­ter­ent­wurfs ei­nes Kir­chen­ge­set­zes über das Ver­fah­ren zur Re­ge­lung der Ar­beits­verhält­nis­se der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter im kirch­li­chen Dienst zu re­geln (Richt­li­nie gemäß Art. 9 Buch­sta­be b) der Grund­ord­nung der EKD für ein Kir­chen­ge­setz über das Ver­fah­ren zur Re­ge­lung der Ar­beits­verhält­nis­se der Mit­ar­bei­ter im kirch­li­chen Dienst [Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­ge­setz - ARRG] vom 8. Ok­to­ber 1976 [ABl. EKD S. 398]).

a) Kernstück des Ver­fah­rens­kon­zepts des „Drit­ten We­ges“ ist die Ar­beits­recht­li­che Kom­mis­si­on als ein durch Kir­chen­ge­setz ge­schaf­fe­nes Gre­mi­um, das pa­ritätisch mit Ver­tre­tern von Dienst­ge­bern und Dienst­neh­mern be­setzt ist. Ih­re Auf­ga­be liegt dar­in, Nor­men zu schaf­fen, die Ab­schluss, In­halt und Be­en­di­gung des Ein­zel­ar­beits­verhält­nis­ses re­geln. Ihr ist da­mit ei­ne Funk­ti­on zu­ge­wie­sen, die sonst durch den Ab­schluss von Ta­rif­verträgen wahr­ge­nom­men wird (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 14 Rn. 7; Ham­mer, Kirch­li­ches Ar­beits­recht, 2002, S. 189). Hin­sicht­lich der per­so­na­len Vor­aus­set­zun­gen für die Mit­glied­schaft in ei­ner Ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­si­on, des Be­set­zungs­ver­fah­rens und der Fra­ge nach dem Letz­tent­schei­dungs­recht zwi­schen Kom­mis­si­on und Syn­ode wei­sen die Lösun­gen der Lan­des­kir­chen vielfälti­ge Re­ge­lun­gen auf (vgl. Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 14 Rn. 8 ff.). Kommt in der Ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­si­on kein Be­schluss zu­stan­de, so wird ein eben­falls pa­ritätisch zu­sam­men­ge­setz­ter Sch­lich­tungs­aus­schuss mit der An­ge­le­gen­heit be­fasst. Die­ser ent­schei­det ab­sch­ließend. Streiks und Aus­sper­rung sind aus­ge­schlos­sen.

b) Für die am ar­beits­ge­richt­li­chen Aus­gangs­ver­fah­ren be­tei­lig­te Evan­ge­li­sche Kir­che von West­fa­len und ihr Dia­ko­ni­sches Werk wur­den die Ar­beits­rechts­re­ge­lun­gen nach dem Kir­chen­ge­setz über das Ver­fah­ren zur Re­ge­lung der Ar­beits­verhält­nis­se der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter im kirch­li­chen Dienst (Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­ge­setz - ARRG-West­fa­len) vom 15. No­vem­ber 2001 (KABl 2002, S. 70) in der Fas­sung vom 17. No­vem­ber 2011 (KABl S. 285) durch ei­ne pa­ritätisch mit je neun Ar­beit­neh­mer- und Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern be­setz­te Ar­beits­recht­li­che Kom­mis­si­on und ei­ne Schieds­kom­mis­si­on fest­ge­legt. Zwi­schen­zeit­lich wur­de das Kir­chen­ge­setz geändert und liegt nun­mehr in der Fas­sung vom 21. No­vem­ber 2013 (KABl S. 268) vor.

c) Für die eben­falls fach­ge­richt­lich be­tei­lig­te Evan­ge­lisch-lu­the­ri­sche Lan­des­kir­che Han­no­vers gilt dies im We­sent­li­chen ent­spre­chend. Das dor­ti­ge Ver­fah­ren des „Drit­ten We­ges“ ist im Kir­chen­ge­setz der Konföde­ra­ti­on evan­ge­li­scher Kir­chen in Nie­der­sach­sen zur Re­ge­lung des Ar­beits­rechts für Ein­rich­tun­gen

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der Dia­ko­nie (Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­ge­setz Dia­ko­nie - ARRGD) vom 3. No­vem­ber 1997 (KABl S. 261) ge­re­gelt. Das Kir­chen­ge­setz wur­de am 2. Ju­li 2012 (KABl S. 217) zu­letzt geändert und am 8. März 2014 (KABl S. 60) grund­le­gend neu­ge­fasst.

2. Die Diöze­sen der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che fol­gen aus­nahms­los dem „Drit­ten Weg“ gemäß Art. 7 Abs. 1 der Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se, die auf kir­chen­ge­setz­li­cher Grund­la­ge all­ge­mei­nes Recht für den Ge­samt­be­reich der ka­tho­li­schen Kir­che in der Bun­des­re­pu­blik ist (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 13 Rn. 1, § 14 Rn. 15). In Art. 7 Abs. 2 der Grund­ord­nung ist fest­ge­legt, dass we­gen der Ein­heit des kirch­li­chen Diens­tes und der Dienst­ge­mein­schaft als Struk­tur­prin­zip des kirch­li­chen Ar­beits­rechts kirch­li­che Dienst­ge­ber kei­ne Ta­rif­verträge mit Ge­werk­schaf­ten ab­sch­ließen. Streik und Aus­sper­rung schei­den da­nach eben­falls aus.

3. Ins­ge­samt stim­men die christ­li­chen Kir­chen trotz der Ver­schie­den­heit ih­rer Be­tei­li­gungs­mo­del­le dar­in übe­rein, dass nach ih­rem Selbst­verständ­nis je­de Dienst- und Ar­beits­leis­tung den kirch­li­chen Auf­trag in der Welt ver­wirk­licht. Der Ge­dan­ke der christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft soll des­halb auch in den Ver­fah­rens­struk­tu­ren ei­ner Ar­beit­neh­mer­be­tei­li­gung an der Ge­stal­tung der Ar­beits­be­din­gun­gen zum Aus­druck kom­men (Ri­char­di, Ar­beits­recht in der Kir­che, 6. Aufl. 2012, § 13 Rn. 2; Jous­sen, RdA 2007, S. 328 <333>; Till­manns, NZA 2013, S. 178 <179 f.>; vgl. im Übri­gen BVerfG, Be­schluss des Zwei­ten Se­nats vom 22. Ok­to­ber 2014 - 2 BvR 661/12 -, ju­ris, Rn. 10, zur Veröffent­li­chung in der amt­li­chen Samm­lung vor­ge­se­hen).

Ei­nen Ar­beits­kampf mit Streik und Aus­sper­rung kann es aus Sicht der christ­li­chen Kir­chen auf die­ser Ba­sis nicht ge­ben. Die Dienst­ge­mein­schaft ist da­nach auf das Mit­ein­an­der im Diens­te Got­tes und sei­nes Auf­trags an die Kir­che ge­rich­tet, so dass es die Ge­mein­sam­keit des Ziels und der Auf­ga­be aus­sch­ließe, durch of­fe­nen Druck ge­gen­ein­an­der ei­ne Ände­rung der Ar­beits­be­din­gun­gen er­zwin­gen zu wol­len.

4. Nach Ab­schluss des Aus­gangs­ver­fah­rens vor den Ar­beits­ge­rich­ten wur­den im Be­reich der EKD mit dem Kir­chen­ge­setz über die Grundsätze zur Re­ge­lung der Ar­beits­verhält­nis­se der Mit­ar­bei­ter und Mit­ar­bei­te­rin­nen in der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land und ih­rer Dia­ko­nie vom 13. No­vem­ber 2013 (Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­grundsätze­ge­setz - ARGG-EKD; ABl. EKD S. 420; vgl. da­zu Jous­sen, Zev­KR 59 (2014), S. 50; Klumpp, ZMV 2014, S. 2) kir­chen­gemäße ta­rif­ver­trag­li­che Lösun­gen, al­so der „Zwei­te Weg“, erst­mals gleich­ran­gig ne­ben den Re­ge­lun­gen über den „Drit­ten Weg“ nor­miert.

Zwi­schen­zeit­lich ist zu­dem das Kir­chen­ge­setz der Konföde­ra­ti­on evan­ge­li­scher Kir­chen in Nie­der­sach­sen zur Re­ge­lung der Ar­beits­be­din­gun­gen in Ein­rich­tun­gen der Dia­ko­nie (Ar­beits­rechts­re­ge­lungs­ge­setz Dia­ko­nie - ARRGD) vom 8. März 2014 (KABl S. 60) in Kraft ge­tre­ten. Da­nach ha­ben al­le er­fass­ten Recht­sträger der Dia­ko­nie in al­len be­trof­fe­nen Ein­rich­tun­gen nun­mehr in ers­ter Li­nie kir­chen­gemäße Ta­rif­verträge an­zu­wen­den. Die Be­schwer­deführe­rin schloss im Sep­tem­ber 2014 mit dem Dia­ko­ni­schen Dienst­ge­ber­ver­band Nie­der­sach­sen ei­nen sol­chen Ta­rif­ver­trag ab, wel­cher am 1. Ok­to­ber 2014 in Kraft trat. In ihm sind im We­sent­li­chen al­le Re­ge­lun­gen zu­sam­men­ge­fasst, die zu­vor in den Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en fest­ge­schrie­ben wa­ren.

Fer­ner wur­den in den bei­den im Aus­gangs­ver­fah­ren be­tei­lig­ten Lan­des­kir­chen kir­chen­ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen mo­di­fi­ziert, un­ter an­de­rem um künf­tig si­cher­zu­stel­len, dass für kirch­li­che Ar­beit­ge­ber kein Wahl­recht zwi­schen ver­schie­de­nen kirch­li­chen Ar­beits­rechts­re­ge­lun­gen be­steht.

In der römisch-ka­tho­li­schen Kir­che kam es im An­schluss an das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20. No­vem­ber 2012 eben­falls zu Neue­run­gen. Die Neu­fas­sung der Grund­ord­nung vom 27. April 2015 re­gelt erst­mals aus­drück­lich, dass die Mit­wir­kung der Ge­werk­schaf­ten in den ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­sio­nen des „Drit­ten We­ges“ gewähr­leis­tet ist (Art. 6 Abs. 3 der Grund­ord­nung).

II.

Die Be­schwer­deführe­rin ist ei­ne Ge­werk­schaft. Sie ist Mit­glied des Deut­schen Ge­werk­schafts­bun­des. In ihr sind un­ter an­de­rem Mit­glie­der aus dem Be­reich ka­ri­ta­ti­ver und kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen or­ga­ni­siert.

Die Kläge­rin­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens sind zwei evan­ge­li­sche Lan­des­kir­chen so­wie sie­ben in kirch­li­cher Träger­schaft ste­hen­de Ein­rich­tun­gen der Dia­ko­nie. Im Aus­gangs­ver­fah­ren be­gehr­ten sie die Ver­pflich­tung der Be­schwer­deführe­rin, zukünf­tig Streik­auf­ru­fe so­wie die Durchführung und Or­ga­ni­sa­ti­on

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von Streiks, Warn­streiks und sons­ti­gen Ar­beits­nie­der­le­gun­gen in Ein­rich­tun­gen der Kläge­rin­nen zu un­ter­las­sen.

1. Die Kla­ge hat­te vor dem Ar­beits­ge­richt im We­sent­li­chen Er­folg. Mit Ur­teil vom 3. März 2010 hat das Ar­beits­ge­richt ent­schie­den, den Kläge­rin­nen ste­he ge­gen die Be­schwer­deführe­rin ein An­spruch auf Un­ter­las­sung rechts­wid­ri­ger Streik­maßnah­men nach § 1004 BGB in Ver­bin­dung mit § 823 BGB zu. Die an­gekündig­ten Streik­maßnah­men sei­en rechts­wid­rig, weil den Ge­werk­schaf­ten ge­gen Kir­chen und Träger kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen kein Streik­recht zu­ste­he.

2. Auf die Be­ru­fung der Be­schwer­deführe­rin hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt un­ter Zurück­wei­sung der An­schluss­be­ru­fung der Kläge­rin­nen mit Ur­teil vom 13. Ja­nu­ar 2011 das erst­in­stanz­li­che Ur­teil auf­ge­ho­ben, so­weit die­se ob­siegt hat­ten, und die Kla­ge ins­ge­samt ab­ge­wie­sen.

Auch un­ter Berück­sich­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­ten Au­to­no­mie der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten so­wie der kirch­lich ge­prägten Ei­gen­hei­ten und der be­son­de­ren Auf­ga­ben­stel­lung der kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen ge­he ein vollständi­ger Aus­schluss von Ar­beits­kampf­maßnah­men, wel­cher auch Ar­beit­neh­mer in Rand­be­rei­chen und Hilfs­funk­tio­nen um­fas­sen sol­le, über das recht­lich ge­bo­te­ne Maß hin­aus. Dies führe zu ei­ner übermäßigen Be­ein­träch­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­lich gestütz­ten Rechts­po­si­ti­on der Be­schwer­deführe­rin.

3. Mit Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20. No­vem­ber 2012 sind die Re­vi­sio­nen der kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen ge­gen die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts zurück­ge­wie­sen wor­den. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts wa­ren die Anträge - so­weit zulässig - un­be­gründet.

Ei­ne der Re­vi­si­onskläge­rin­nen könne sich be­reits nicht auf das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht be­ru­fen. Bei wei­te­ren Re­vi­si­onskläge­rin­nen feh­le es an der für den gel­tend ge­mach­ten Un­ter­las­sungs­an­spruch er­for­der­li­chen Wie­der­ho­lungs­ge­fahr.

Die übri­gen Re­vi­si­onskläge­rin­nen könn­ten sich zwar auf das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht be­ru­fen; ins­be­son­de­re ste­he es in ih­rer frei­en Ent­schei­dung, ih­re kol­lek­ti­ve Ar­beits­rechts­ord­nung nicht durch Ta­rif­verträge zu ge­stal­ten, son­dern pa­ritätisch be­setz­ten und am Leit­bild der Dienst­ge­mein­schaft aus­ge­rich­te­ten Kom­mis­sio­nen zu über­las­sen („Drit­ter Weg“). Die Aus­rich­tung der kol­lek­ti­ven Ar­beits­rechts­ord­nung am Leit­bild der Dienst­ge­mein­schaft sei ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

Die Kol­li­si­on ei­nes Aus­schlus­ses von Ar­beits­kampf­maßnah­men in dia­ko­ni­schen Ein­rich­tun­gen im Rah­men des „Drit­ten We­ges“ mit der in Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit sei im Rah­men ei­ner Güter­abwägung nach dem Grund­satz der prak­ti­schen Kon­kor­danz zu ei­nem Aus­gleich zu brin­gen. Das Re­ge­lungs­mo­dell der Kir­chen dürfe die Ko­ali­ti­ons­frei­heit und das Kon­zept der Ta­rif­au­to­no­mie nur in­so­weit ver­drängen, wie es für die Wah­rung ih­res Leit­bil­des von der Dienst­ge­mein­schaft er­for­der­lich sei und das an­ge­streb­te Ziel ei­nes fai­ren, sach­ge­rech­ten und ver­bind­li­chen In­ter­es­sen­aus­gleichs tatsächlich und kohären­ter Wei­se er­reicht wer­de. Das set­ze vor­aus, dass das Ver­fah­ren des „Drit­ten We­ges“ ge­eig­net sei, ei­ne gleich­ge­wich­ti­ge Kon­fliktlösung zu gewähr­leis­ten, sich die Ge­werk­schaf­ten dar­in in ver­fas­sungs­kon­for­mer Wei­se ein­brin­gen könn­ten und das Er­geb­nis der Ver­hand­lun­gen ein­sch­ließlich ei­ner dar­auf ge­rich­te­ten Sch­lich­tung für die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ver­bind­lich und ei­ner ein­sei­ti­gen Abände­rung durch den Dienst­ge­ber ent­zo­gen sei.

Die kir­chen­ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen der kla­gen­den Lan­des­kir­chen und die sat­zungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen der in ih­rer Träger­schaft ste­hen­den Dia­ko­ni­schen Wer­ke ord­ne­ten kei­ne aus­rei­chend ver­bind­li­che Gel­tung der in ei­ner Ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­si­on oder de­ren Schieds­kom­mis­si­on be­schlos­se­nen Ar­beits­rechts­re­ge­lun­gen an. Die Kläge­rin­nen könn­ten sich zur Be­gründung ei­ner ge­ne­rel­len Rechts­wid­rig­keit von Kampf­maßnah­men auch nicht auf den Grund­satz der Ar­beits­kampf­pa­rität be­ru­fen. Die­ser fin­de in dem Re­ge­lungs­mo­dell des „Drit­ten We­ges“ kei­ne An­wen­dung. Feh­le es an ei­ner ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­ge­stal­tung des „Drit­ten We­ges“, be­ste­he für ei­nen wei­ter­ge­hen­den Schutz re­li­giöser Betäti­gungs­frei­heit kein Raum.

III.

Die Be­schwer­deführe­rin wen­det sich mit ih­rer Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen die fach­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen, ins­be­son­de­re ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 20. No­vem­ber 2012.

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1. Die Be­schwer­deführe­rin ver­tritt die Auf­fas­sung, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de sei zulässig. Ei­ne Be­schwer sei zwar nicht durch den Te­nor, je­doch durch die Ent­schei­dungs­gründe des Ur­teils des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­ge­ben. Aus­nahms­wei­se sei­en die Gründe und nicht der Ent­schei­dungs­te­nor re­le­vant, wenn die­se den Be­trof­fe­nen so be­las­te­ten, dass ei­ne er­heb­li­che, ihm nicht zu­mut­ba­re Be­ein­träch­ti­gung grund­recht­lich geschütz­ter In­ter­es­sen fest­zu­stel­len sei. Das sei hier der Fall. Nach den Ent­schei­dungs­gründen be­ein­träch­tig­ten ge­werk­schaft­li­che ta­rif­be­zo­ge­ne Streiks das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht in rechts­wid­ri­ger Wei­se. Zu­dem er­ge­be sich aus den Ur­teils­gründen, dass ge­werk­schaft­li­che Streiks oh­ne ta­rif­li­ches Re­ge­lungs­ziel ge­ne­rell rechts­wid­rig sei­en.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Maßgeb­lich­keit des Te­nors bei Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen könne bei ge­setz­lich nicht nor­mier­ten Rechts­ge­bie­ten wie dem Ar­beits­kampf­recht, bei dem die Ge­rich­te als „Er­satz­ge­setz­ge­ber“ auf­träten und „Rechtssätze“ auf­stell­ten, kei­ne Gel­tung be­an­spru­chen. Die­se „Rechtssätze“ ergäben sich dem In­halt nach aus den Ent­schei­dungs­gründen und nicht aus dem Te­nor.

In den Ur­teils­gründen des Bun­des­ar­beits­ge­richts sei­en al­lein die man­geln­de Ver­bind­lich­keit des „Drit­ten We­ges“ so­wie das Be­ste­hen ei­nes Wahl­rechts der Dienst­ge­ber­sei­te zwi­schen meh­re­ren Re­ge­lun­gen des „Drit­ten We­ges“ ent­schei­dungs­er­heb­lich. Über­schießen­de Obersätze - et­wa zu der christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft, dem Ver­fah­ren des „Drit­ten We­ges“ und der kol­lek­ti­ven Ar­beits­recht­set­zung - be­schwer­ten die Be­schwer­deführe­rin. Die Be­schwer sei po­ten­ti­ell, be­dingt al­lein durch je­der­zeit mögli­che kir­chen- und sat­zungs­recht­li­che Mo­di­fi­ka­tio­nen sei­tens der Kir­chen, auf de­ren Er­lass die Be­schwer­deführe­rin kei­nen Ein­fluss ha­be. Der mögli­che Weg­fall des Streik­rechts ma­che ei­ne verläss­li­che Pla­nung ge­werk­schaft­li­cher Po­li­tik unmöglich. An­ders als in den Fällen, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­reits ent­schie­den ha­be, beträfen die über­schießen­den Gründe nicht den zu ent­schei­den­den Fall selbst, son­dern po­ten­ti­el­le Fall­ge­stal­tun­gen und das Ar­beits­kampf­recht im All­ge­mei­nen, je­weils außer­halb des vor­lie­gen­den Fal­les.

Zu­dem sei nach BVerfGE 83, 130 <145 f.> („Jo­se­fi­ne Mut­zen­ba­cher“) ein Ein­griff auch bei Ent­schei­dun­gen von Staats­or­ga­nen an­zu­neh­men, die ge­eig­net sei­en, über den kon­kre­ten Fall hin­aus präven­ti­ve Wir­kung zu ent­fal­ten, und in künf­ti­gen Fällen die Be­reit­schaft zu min­dern, von dem be­trof­fe­nen Grund­recht Ge­brauch zu ma­chen. Streik­auf­ru­fe würden die Be­schwer­deführe­rin schon jetzt und übe­r­all dem Ri­si­ko wei­te­rer Kla­gen kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen auf Un­ter­las­sung und auf Scha­dens­er­satz un­ter Be­zug­nah­me auf das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil aus­set­zen. Da­mit ha­be das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts über den kon­kre­ten Fall hin­aus präven­ti­ve Wir­kung, die in künf­ti­gen Fällen die Be­reit­schaft der Be­schwer­deführe­rin er­heb­lich min­dern würde, von ih­rem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG Ge­brauch zu ma­chen.

Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts führ­ten zu weit ge­fass­te Un­ter­las­sungs­anträge (Glo­balanträge) nicht zur Un­zulässig­keit der Kla­ge we­gen man­geln­der Be­stimmt­heit, son­dern zur Ab­wei­sung als un­be­gründet, wenn das Ver­hal­ten, des­sen Un­ter­las­sung gel­tend ge­macht wer­de, un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen rechtmäßig sein könne. In­so­weit lie­ge im Ar­beits­kampf­recht ein Aus­nah­me­fall vor, der es recht­fer­ti­ge, die Gründe ei­ner Ent­schei­dung für das Vor­lie­gen ei­ner Be­schwer aus­rei­chen zu las­sen.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Be­schwer durch den Te­nor be­tref­fe bis­her nur die Be­schwer des nach dem Te­nor ob­sie­gen­den Klägers durch die Ur­teils­gründe. Vor­lie­gend ge­he es da­ge­gen um die Be­schwer der be­klag­ten Be­schwer­deführe­rin, zwar nicht durch den Te­nor, wohl aber durch die Gründe. Die Be­schwer der Be­klag­ten sei ma­te­ri­ell, al­so nicht al­lein nach dem Te­nor, son­dern auch nach den Ent­schei­dungs­gründen zu be­stim­men.

2. Mit ih­ren Ausführun­gen zur Be­gründet­heit wen­det sich die Be­schwer­deführe­rin vor al­lem ge­gen drei „Rechtssätze ge­set­zes­ver­tre­ten­den Richter­rechts“ in dem Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts. Da­nach sei­en ta­rif­be­zo­ge­ne ge­werk­schaft­li­che Streiks ge­genüber dem „Drit­ten Weg“ un­ter den vom Bun­des­ar­beits­ge­richt for­mu­lier­ten Vor­aus­set­zun­gen rechts­wid­rig. Zu­dem tref­fe das Ge­richt Aus­sa­gen zur Ta­rif­be­zo­gen­heit des ge­werk­schaft­li­chen Streik­rechts und be­stim­me über­dies, dass nur den Kir­chen, nicht aber den Ge­werk­schaf­ten ein Wahl­recht zwi­schen dem „Zwei­ten“ und dem „Drit­ten Weg“ zu­ste­he.

Die­se „Rechtssätze“ ver­letz­ten sie in ih­rem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Bun­des­ar­beits­ge­richts sei der Schutz­be­reich des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3

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WRV vor­lie­gend nicht ein­schlägig. Selbst wenn die­ser Schutz­be­reich eröff­net sei, ha­be das Bun­des­ar­beits­ge­richt die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maßstäbe für die Be­sei­ti­gung der be­ste­hen­den Grund­rechts­kol­li­si­on ver­kannt.

IV.

1. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz und für Ver­brau­cher­schutz, dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les, dem Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len, der Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts, dem Christ­li­chen Ge­werk­schafts­bund Deutsch­lands, dem Kom­mis­sa­ri­at der deut­schen Bischöfe, dem Rat der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, dem Zen­tral­rat der Ju­den in Deutsch­land K.d.ö.R., dem Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (Bun­des­ver­band) so­wie den Kläge­rin­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens zu­ge­stellt. Den Be­tei­lig­ten wur­de Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben.

a) Die Kläge­rin­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens tra­gen vor, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de sei un­zulässig. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sei grundsätz­lich al­lein der Te­nor für die Be­ur­tei­lung der Be­schwer maßgeb­lich. Die Un­zulässig­keit ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Fal­le des Ob­sie­gens sei un­abhängig von der Par­tei­rol­le im Aus­gangs­ver­fah­ren. Die Erwägun­gen der Be­schwer­deführe­rin zum Glo­balan­trag gin­gen an der Sa­che vor­bei. Von ei­ner aus­nahms­wei­sen Zulässig­keit we­gen für sich ge­nom­men un­zu­mut­bar be­las­ten­der Ent­schei­dungs­gründe sei nicht aus­zu­ge­hen. Aus der von der Be­schwer­deführe­rin befürch­te­ten Präju­dizwir­kung könne die Zulässig­keit nicht her­ge­lei­tet wer­den. Sch­ließlich wer­de die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht da­durch zulässig, dass die Ent­schei­dungs­gründe zu „Richter­recht“ um­de­kla­riert würden. Über­dies sei die Ver­fas­sungs­be­schwer­de un­be­gründet.

b) Das Kom­mis­sa­ri­at der deut­schen Bischöfe und die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land hal­ten die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eben­falls für un­zulässig. Im Übri­gen sei die Ver­fas­sungs­be­schwer­de un­be­gründet.

c) Nach Auf­fas­sung des Zen­tral­rats der Ju­den in Deutsch­land ist die Möglich­keit ei­nes Ar­beits­kamp­fes mit dem Verständ­nis und dem Auf­ga­ben­be­reich der jüdi­schen Ge­mein­schaft un­ver­ein­bar. Die jüdi­schen Ge­mein­den, Lan­des­verbände, In­sti­tu­tio­nen und Or­ga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land ge­stal­te­ten ih­re Beschäfti­gungs­verhält­nis­se ent­spre­chend dem „Ers­ten Weg“ in­di­vi­du­ell. Das staat­li­che Ar­beits­recht wer­de in dem je­wei­li­gen Auf­ga­ben­be­reich ent­spre­chend mo­di­fi­ziert. Er­reich­te die jüdi­sche Ge­mein­schaft in Deutsch­land die er­for­der­li­che Größe, würde auch sie die Ge­stal­tung von Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen nach dem „Drit­ten Weg“ erwägen.

d) Der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund hält die Ver­fas­sungs­be­schwer­de für be­gründet. Das In­stru­men­ta­ri­um des „Drit­ten We­ges“ sei kein funk­tio­nel­les Äqui­va­lent zum Ta­rif­ver­trag. Ta­rif­for­de­run­gen, Ta­rif­verträge und Ar­beitskämp­fe berühr­ten den Schutz­be­reich des Art. 137 Abs. 3 WRV oder die Frei­heit der Re­li­gi­ons­ausübung nicht. Oh­ne­hin dürfe die im Rah­men prak­ti­scher Kon­kor­danz er­for­der­li­che Abwägung nicht da­zu führen, dass ei­ne grund­recht­li­che Po­si­ti­on gänz­lich ver­drängt wer­de. Dies be­wir­ke das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts, je­den­falls nach­dem die dort skiz­zier­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sei­en.

e) Die übri­gen Be­tei­lig­ten ha­ben von der Ge­le­gen­heit, sich zum Ver­fah­ren zu äußern, kei­nen Ge­brauch ge­macht.

2. a) Die Be­schwer­deführe­rin und die Kläge­rin­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens ha­ben nach Kennt­nis der ein­ge­gan­ge­nen Stel­lung­nah­men ih­re Ausführun­gen ver­tieft und ergänzt.

b) Die Be­schwer­deführe­rin ver­weist dar­auf, die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zur Reich­wei­te der Be­schwer ei­nes frei­ge­spro­che­nen An­ge­klag­ten ge­he von der Zulässig­keit der je­wei­li­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­de aus. Die dor­ti­gen Be­schwer­deführer sei­en in ei­ner ähn­li­chen De­fen­siv- oder „Ob­jektrol­le“ wie der Be­klag­te in ei­nem Zi­vil­pro­zess, wes­halb die­se Recht­spre­chung auf ih­ren Fall zu über­tra­gen sei. Die als un­zulässig an­ge­se­he­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­den außer­halb des Straf­rechts sei­en dem­ge­genüber mit der vor­lie­gen­den Si­tua­ti­on nicht ver­gleich­bar.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be die sei­ner Ent­schei­dung zu­grun­de ge­leg­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen

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Sätze ab­sch­ließend „er­las­sen“. Die­se ließen dem ge­werk­schaft­li­chen ta­rif­be­zo­ge­nen Streik­recht in den Kir­chen schon jetzt kei­ner­lei Exis­tenz­be­rech­ti­gung. Der Be­schwer­deführe­rin stünden kei­ner­lei Be­tei­li­gungs­rech­te am Pro­zess der kol­lek­ti­ven Ar­beits­rechts­set­zung der Kir­chen zu. Zu­dem ha­be sie kei­ner­lei Rechts­macht, ge­gen die künf­ti­ge Rechts­set­zung durch die Kir­chen mit Wir­kung ge­gen die Be­schwer­deführe­rin vor­zu­ge­hen. Da­mit sei Art. 9 Abs. 3 GG ge­ra­de auch bezüglich der Ef­fek­ti­vität der Grund­rechts­gewähr­leis­tung (Art. 19 Abs. 4 GG) ver­letzt.

Darüber hin­aus ver­tieft die Be­schwer­deführe­rin ih­re Ausführun­gen zur aus­nahms­wei­se vor­lie­gen­den Be­schwer durch die Ent­schei­dungs­gründe und erörtert, wie die dies­bezügli­che Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus­zu­le­gen sei. Selbst wenn höchst­rich­ter­li­che Ur­tei­le kein Ge­set­zes­recht sei­en, könne je­den­falls de­ren fak­ti­sche Wirk­sam­keit ei­ne Be­schwer be­gründen.

Sch­ließlich ist die Be­schwer­deführe­rin der An­sicht, das Bun­des­ar­beits­ge­richt über­ge­he die bis­he­ri­gen ar­beits­kampf­recht­li­chen Prin­zi­pi­en und ver­wer­fe sie. Dies sei ein Sys­tem­bruch und ver­letz­te sie in ih­rem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip und der Bin­dung an das Recht nach Art. 20 Abs. 3 GG.

3. Die Ak­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens ha­ben dem Se­nat bei der Ent­schei­dungs­fin­dung vor­ge­le­gen. 

B.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist un­zulässig. 

Die im fach­ge­richt­li­chen Aus­gangs­ver­fah­ren er­folg­rei­che Be­schwer­deführe­rin ist durch die an­ge­grif­fe­nen ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen, na­ment­lich durch das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts, nicht ge­genwärtig und un­mit­tel­bar be­schwert.

I.

Die Zulässig­keit ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de setzt nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG die Be­haup­tung des Be­schwer­deführers vor­aus, durch ei­nen Akt der öffent­li­chen Ge­walt in sei­nen Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten ver­letzt zu sein (Be­schwer­de­be­fug­nis). Die Be­schwer­de­be­fug­nis be­trifft ei­nen be­son­de­ren As­pekt des Rechts­schutz­bedürf­nis­ses (Be­th­ge, in: Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge, BVerfGG, § 90 Rn. 338, 436 <Ok­to­ber 2013>; Lenz/Han­sel, BVerfGG, 2. Aufl. 2015, § 90 Rn. 324).

1. Rich­tet sich ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen, kann sich die Be­schwer in al­ler Re­gel nur aus dem Te­nor der Ent­schei­dung er­ge­ben; er al­lein be­stimmt ver­bind­lich, wel­che Rechts­fol­gen auf­grund des fest­ge­stell­ten Sach­ver­halts ein­tre­ten (BVerfGE 28, 151 <160>; 74, 358 <374>; 82, 106 <116>; BVerfGK 17, 203 <207 f.>). Er­for­der­lich ist ei­ne Be­schwer im Rechts­sin­ne; ei­ne fak­ti­sche Be­schwer al­lein genügt nicht (BVerfGE 8, 222 <224 f.>; 15, 283 <286>). Rechts­ausführun­gen so­wie nach­tei­li­ge oder als nach­tei­lig emp­fun­de­ne Ausführun­gen in den Gründen ei­ner Ent­schei­dung al­lein be­gründen kei­ne Be­schwer. Die­ser im Ver­fah­rens­recht all­ge­mein an­er­kann­te Rechts­grund­satz gilt auch für das Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de, da sie in ers­ter Li­nie dem Rechts­schutz des Ein­zel­nen ge­genüber der Staats­ge­walt dient. Des­halb kann ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht dar­auf gestützt wer­den, dass ein Ge­richt le­dig­lich in den Gründen sei­ner Ent­schei­dung ei­ne Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten hat, die der Be­schwer­deführer für grund­rechts­wid­rig er­ach­tet (vgl. BVerfGE 8, 222 <224 f.>; BVerfGK 10, 263 <265>; 17, 203 <207 f.>; BVerfG, Be­schluss der 3. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 30. Mai 2012 - 2 BvR 800/12, 2 BvR 1003/12 -, ju­ris, Rn. 8).

2. Ana­log zur Recht­spre­chung zu fak­ti­schen Grund­rechts­ein­grif­fen (vgl. in­so­weit BVerfGE 40, 287 <293>; 105, 252 <268 ff.>; 105, 279 <294 ff.>; 136, 323 <333 Rn. 28 f.>) hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in eng be­grenz­ten Aus­nah­mefällen Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen die al­lein in den Gründen ei­ner ge­richt­li­chen Ent­schei­dung lie­gen­de Be­las­tung für möglich ge­hal­ten.

a) Bei straf­pro­zes­sua­len Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen können Schuld­zu­wei­sun­gen oder -fest­stel­lun­gen in den Gründen ei­nen selbständi­gen Grund­rechts­ver­s­toß be­deu­ten, wenn durch die­se dem Be­schul­dig­ten straf­recht­li­che Schuld at­tes­tiert wird, ob­wohl das Ver­fah­ren ein­ge­stellt, al­so dem Tat­ver­dacht nicht wei­ter nach­ge­gan­gen wor­den ist und das ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Ver­fah­ren zum Nach­weis der Schuld nicht statt­ge­fun­den hat (BVerfGE 74, 358 <374>; 82, 106 <116 f.>; BVerfG, Be­schluss der 1. Kam­mer des

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Zwei­ten Se­nats vom 17. No­vem­ber 2005 - 2 BvR 878/05 -, ju­ris, Rn. 17 ff.). Denn ein der­ar­ti­ger rich­ter­li­cher Spruch zur Schuld­fra­ge hat Ge­wicht, auch wenn er dem Be­trof­fe­nen im Rechts­ver­kehr nicht vor­ge­hal­ten wer­den darf (BVerfGE 74, 358 <374>; 82, 106 <116 f.>). Auch frei­spre­chen­de Ur­tei­le können durch die Art ih­rer Be­gründung Grund­rech­te ver­let­zen, wenn die Ent­schei­dungs­gründe - für sich ge­nom­men - den An­ge­klag­ten so be­las­ten, dass ei­ne er­heb­li­che, ihm nicht zu­mut­ba­re Be­ein­träch­ti­gung ei­nes grund­recht­lich geschütz­ten Be­reichs fest­zu­stel­len ist, die durch den Frei­spruch nicht auf­ge­wo­gen wird (BVerfGE 6, 7 <9>; 8, 222 <225>; 28, 151 <160 f.>).

b) So­weit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Hin­blick auf ehr­ver­let­zen­de Äußerun­gen ei­ne Grund­rechts­ver­let­zung durch die Gründe ei­ner ge­richt­li­chen Ent­schei­dung in Erwägung ge­zo­gen hat, kam es in der Ent­schei­dung letzt­lich nicht dar­auf an (BVerfGE 15, 283 <286 f.>).

c) Ein ver­fas­sungs­ge­richt­li­ches Ein­grei­fen ge­genüber straf­pro­zes­sua­len Ein­stel­lungs­ent­schei­dun­gen hat die Kam­mer­recht­spre­chung fer­ner in Fällen gro­ben pro­zes­sua­len Un­rechts er­wo­gen, sol­che aber bis­her nicht als ge­ge­ben er­ach­tet (BVerfG, Be­schluss der 2. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 6. April 1999 - 2 BvR 456/99 -, ju­ris, Rn. 4; Be­schluss der 3. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 6. Sep­tem­ber 2004 - 2 BvR 1280/04 -, ju­ris, Rn. 2; Be­schluss der 3. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 15. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1802/04 -, ju­ris, Rn. 2).

d) Der in der Se­nats­recht­spre­chung auf den An­ge­klag­ten im Straf­pro­zess be­schränk­te Ober­satz, wo­nach in ein­zel­nen Ausführun­gen der Ent­schei­dungs­gründe ei­ne Grund­rechts­ver­let­zung des An­ge­klag­ten er­blickt wer­den könne, wenn sie - für sich ge­nom­men - die­sen so be­las­te­ten, dass ei­ne er­heb­li­che, ihm nicht zu­mut­ba­re Be­ein­träch­ti­gung ei­nes grund­recht­lich geschütz­ten Be­reichs fest­zu­stel­len sei (BVerfGE 28, 151 <160 f.>), wur­de in jünge­ren Kam­mer­ent­schei­dun­gen all­ge­mein zwar auf den „Be­trof­fe­nen“ aus­ge­dehnt (BVerfGK 17, 203 <208>; vgl. auch die Par­al­lel­ent­schei­dung der 3. Kam­mer des Ers­ten Se­nats vom 29. März 2010 - 1 BvR 1433/08 -, ju­ris, Rn. 17; Be­schluss der 3. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats vom 30. Mai 2012 - 2 BvR 800/12, 2 BvR 1003/12 -, ju­ris, Rn. 8). Zum Tra­gen kam dies in den Ent­schei­dun­gen in­des nicht.

e) Wei­te­re Aus­nah­mefälle sind bis­her nicht er­wo­gen wor­den. Viel­mehr ließen sich die in Re­de ste­hen­den Rechts­fra­gen un­ter Rück­griff auf die Be­schwer­de­be­fug­nis und die Dar­le­gung ei­ner ver­fas­sungs­pro­zes­su­al re­le­van­ten, recht­li­chen Be­schwer nach § 90 Abs. 1 BVerfGG zu­frie­den­stel­lend lösen.

3. Um be­schwer­de­be­fugt zu sein, muss ein Be­schwer­deführer be­haup­ten können, selbst, ge­genwärtig und un­mit­tel­bar in ei­nem sei­ner Grund­rech­te oder ei­nem der die­sen gleich­ge­stell­ten Rech­te (§ 90 Abs. 1 BVerfGG) ver­letzt zu sein. Die­se For­mel wur­de ursprüng­lich (seit BVerfGE 1, 97 <101 f.>) für Ver­fas­sungs­be­schwer­den un­mit­tel­bar ge­gen Ge­set­ze ent­wi­ckelt, ist aber auch bei Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen an­zu­wen­den (BVerfGE 53, 30 <48>; 72, 1 <5> [dort un­ter dem Ge­sichts­punkt des Rechts­schutz­bedürf­nis­ses]; Stern, Das Staats­recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Bd. III/2, 1. Aufl. 1994, § 91 IV. 3., S. 1320; Be­th­ge, in: Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge, BVerfGG, § 90 Rn. 342 <Ok­to­ber 2013>).

Bei Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen liegt die Tri­as des ei­ge­nen, ge­genwärti­gen und un­mit­tel­ba­ren Be­trof­fen­seins des Be­schwer­deführers (vgl. Be­th­ge, in: Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge, BVerfGG, § 90 Rn. 343 <Ok­to­ber 2013>; Spran­ger, AöR 127 (2002), S. 27 <50>) re­gelmäßig vor. Da­her be­darf es in der Re­gel kei­ner nähe­ren Prüfung die­ser Vor­aus­set­zung (BVerfGE 53, 30 <48>), weil sie in die­ser Kon­stel­la­ti­on re­gelmäßig kei­nen be­son­de­ren Er­kennt­nis­ge­winn er­bringt (Lenz/Han­sel, BVerfGG, 2. Aufl. 2015, § 90 Rn. 292; vgl. auch Stern, Das Staats­recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Bd. III/2, 1. Aufl. 1994, § 91 IV. 3., S. 1320). Ein Rück­griff auf die Be­trof­fen­heits­tri­as ist je­doch in Son­derfällen an­ge­zeigt, et­wa wenn sich die Be­schwer - wie vor­lie­gend - aus an­de­ren Umständen als dem für den Be­schwer­deführer ei­gent­lich güns­ti­gen Te­nor er­ge­ben soll (Lenz/Han­sel, BVerfGG, 2. Aufl. 2015, § 90 Rn. 250).

a) Selbst­be­trof­fen­heit liegt vor, wenn der Be­schwer­deführer Adres­sat der Norm, des be­tref­fen­den Ur­teils oder aus­nahms­wei­se auch ei­nes Ein­zel­akts ist (vgl. BVerfGE 102, 197 <206 f.>; 119, 181 <212>; Rup­pert, in: Um­bach/Cle­mens/Dol­lin­ger, BVerfGG, 2. Aufl. 2005, § 90 Rn. 79).

b) Ge­genwärti­ge Be­trof­fen­heit ist das Ab­gren­zungs­kri­te­ri­um ge­genüber zukünf­ti­gen

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Be­ein­träch­ti­gun­gen. Ge­for­dert ist ei­ne „ak­tu­el­le“ Be­trof­fen­heit (BVerfGE 1, 97 <102>). Sie liegt vor, wenn der Be­schwer­deführer schon oder noch von dem an­ge­grif­fe­nen Akt öffent­li­cher Ge­walt be­trof­fen ist (Be­th­ge, in: Maunz/Schmidt-Bleib­treu/Klein/Be­th­ge, BVerfGG, § 90 Rn. 366 <Ok­to­ber 2013>). Maßgeb­lich ist der Zeit­punkt, in dem die Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­ho­ben wird (Stern, Das Staats­recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Bd. III/2, 1. Aufl. 1994, § 91 IV. 3., S. 1322).

Ge­genwärtig­keit in die­sem Sin­ne ist ge­ge­ben, wenn ei­ne an­ge­grif­fe­ne Vor­schrift auf die Rechts­stel­lung des Be­schwer­deführers ak­tu­ell und nicht nur po­ten­ti­ell ein­wirkt, wenn das Ge­setz die Nor­madres­sa­ten mit Blick auf sei­ne künf­tig ein­tre­ten­de Wir­kung zu später nicht mehr kor­ri­gier­ba­ren Ent­schei­dun­gen zwingt oder wenn klar ab­zu­se­hen ist, dass und wie der Be­schwer­deführer in der Zu­kunft von der Re­ge­lung be­trof­fen sein wird (BVerfGE 114, 258 <277>; vgl. BVerfGE 97, 157 <164>; 102, 197 <207>; 119, 181 <212>). Al­lein die va­ge Aus­sicht, dass der Be­schwer­deführer ir­gend­wann ein­mal in der Zu­kunft von der be­an­stan­de­ten Ge­set­zes­vor­schrift be­trof­fen sein könn­te, genügt hin­ge­gen nicht (BVerfGE 114, 258 <277>). Die­se Grundsätze gel­ten glei­cher­maßen für Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen (BVerfGE 72, 1 <5> [for­mu­liert un­ter dem Ge­sichts­punkt des Rechts­schutz­bedürf­nis­ses]; vgl. BVerfGE 53, 30 <48>).

c) Un­mit­tel­bar­keit setzt vor­aus, dass die Ein­wir­kung auf die Rechts­stel­lung des Be­trof­fe­nen nicht erst ver­mit­tels ei­nes wei­te­ren Akts be­wirkt wer­den darf oder vom Er­ge­hen ei­nes sol­chen Akts abhängig ist (vgl. BVerfGE 1, 97 <102 f.>; 68, 319 <325>; 110, 370 <381 f.>; 125, 39 <75 f.>; 126, 112 <133>; stRspr). So­weit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt da­zu Grundsätze an­hand von Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen Rechts­nor­men ent­wi­ckelt hat, gel­ten die­se auch für Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen (vgl. BVerfGE 53, 30 <48>).

Ei­ne Vor­schrift muss - oh­ne dass es ei­nes wei­te­ren Voll­zugs­ak­tes be­darf - in den Rechts­kreis des Be­schwer­deführers der­ge­stalt ein­wir­ken, dass et­wa kon­kre­te Rechts­po­si­tio­nen un­mit­tel­bar kraft Ge­set­zes zu ei­nem dort fest­ge­leg­ten Zeit­punkt erlöschen oder ei­ne zeit­lich oder in­halt­lich ge­nau be­stimm­te Ver­pflich­tung be­gründet wird, die be­reits spürba­re Rechts­fol­gen mit sich bringt (BVerfGE 53, 366 <389>). Da­mit schei­tert ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de re­gelmäßig, wenn es noch ei­ner Um­set­zung des „Ge­set­zes­be­fehls“ durch Ge­setz, Ver­ord­nung, Sat­zung oder ei­nen Voll­zugs­akt der Exe­ku­ti­ve be­darf (vgl. BVerfGE 68, 319 <325>).

Das Er­for­der­nis der Un­mit­tel­bar­keit dient auch da­zu, dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fall­an­schau­ung der Fach­ge­rich­te zu ver­mit­teln (BVerfGE 65, 1 <37 f.>; 72, 39 <43>). Die Un­mit­tel­bar­keit der Be­trof­fen­heit ist da­mit auch ei­ne Fra­ge der Zu­mut­bar­keit der vor­he­ri­gen Durchführung ei­nes fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens, in­ner­halb des­sen die Ver­fas­sungsmäßig­keit ei­ner Norm in­zi­dent ge­prüft wer­den kann (Hill­gru­ber/Goos, Ver­fas­sungs­pro­zess­recht, 4. Aufl. 2015, Rn. 204).

Die Un­mit­tel­bar­keit ist zu ver­nei­nen, wenn ei­ne Rechts­norm nur ei­ne Ermäch­ti­gung für ein Tätig­wer­den der öffent­li­chen Ge­walt dar­stellt, das sei­ner­seits die Rechts­stel­lung des Adres­sa­ten schmälert oder fak­tisch sei­ne Grund­rech­te be­ein­träch­tigt (Zuck, Das Recht der Ver­fas­sungs­be­schwer­de, 4. Aufl. 2013, Rn. 703). Es muss ge­ra­de die an­ge­foch­te­ne Norm und nicht ei­ne an­de­re Maßnah­me des Staa­tes oder ei­nes Drit­ten sein, die die Be­trof­fen­heit des Be­schwer­deführers be­wirkt (BVerfGK 17, 448 <451 f.>).

Dass ein Voll­zugs­akt er­for­der­lich ist, um für ein­zel­ne Adres­sa­ten der Norm in­di­vi­du­ell be­stimm­te Rechts­fol­gen ein­tre­ten zu las­sen, ist le­dig­lich An­zei­chen für ein denk­ba­res Feh­len der un­mit­tel­ba­ren Grund­rechts­be­trof­fen­heit. Ob es aus­schlag­ge­bend ist, be­darf in je­dem Fall der Über­prüfung an­hand des Ver­fas­sungs­pro­zess­rechts (BVerfGE 70, 35 <51>; 73, 40 <68 f.>). Ins­be­son­de­re wenn die an­ge­grif­fe­ne Norm kei­nen Aus­le­gungs- und Ent­schei­dungs­spiel­raum lässt, kann aus­nahms­wei­se ein Rechts­schutz­bedürf­nis für die un­mit­tel­ba­re An­fech­tung ei­nes Ge­set­zes be­reits vor Er­lass des Voll­zie­hungs­ak­tes zu be­ja­hen sein. Dies ist der Fall, wenn das Ge­setz den Be­trof­fe­nen schon vor­her zu ent­schei­den­den Dis­po­si­tio­nen ver­an­lasst, die er nach dem späte­ren Ge­set­zes­voll­zug nicht mehr nach­ho­len oder kor­ri­gie­ren könn­te (BVerfGE 43, 291 <386>; 59, 1 <18>; oh­ne Be­zug­nah­me auf ei­nen Ent­schei­dungs­spiel­raum BVerfGE 55, 185 <195>; 65, 1 <37>; 68, 287 <300>; 71, 25 <35>; 90, 128 <136>). Auch wenn ei­ne Rechts­norm, ob­wohl sie voll­zugs­bedürf­tig ist, un­abhängig da­von schon die Rechts­po­si­ti­on des Be­trof­fe­nen nach­tei­lig verändert, kann die Un­mit­tel­bar­keit zu be­ja­hen sein (BVerfGE 70, 35 <52 f.>).

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II.

Nach die­sen Grundsätzen ist die Be­schwer­deführe­rin durch die an­ge­foch­te­nen ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen nicht in ih­ren durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten oder an­de­ren In­ter­es­sen ge­genwärtig und un­mit­tel­bar be­schwert und folg­lich nicht be­schwer­de­be­fugt.

1. Nach dem Grund­satz, dass sich bei Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung die Be­schwer in al­ler Re­gel nur aus dem Te­nor der Ent­schei­dung er­ge­ben kann, fehlt es an ei­ner Be­schwer der Be­schwer­deführe­rin. Die­se hat in dem von den kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen an­ge­streng­ten Rechts­streit vor den Ar­beits­ge­rich­ten ob­siegt. Die ge­gen sie ge­rich­te­te Kla­ge ist in vol­lem Um­fang ab­ge­wie­sen wor­den. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­schwer­deführe­rin folgt aus der Art der Be­tei­li­gung im Aus­gangs­ver­fah­ren nichts an­de­res. Ent­schei­dend ist al­lein das Vor­lie­gen recht­li­cher Nach­tei­le bei dem je­wei­li­gen Be­schwer­deführer (BVerfGE 8, 222 <224>; 15, 283 <286>; 28, 151 <160>; 74, 358 <374>; 82, 106 <116>; BVerfGK 17, 203 <207 f.>).

2. Die Be­schwer­deführe­rin kann sich nicht auf ei­ne der oben un­ter B. I. 2. a) - c) erörter­ten Aus­nah­men von die­sem Grund­satz be­ru­fen. Die zu d) ge­nann­te Fall­grup­pe erschöpft sich in der Prüfung der all­ge­mei­nen An­for­de­run­gen der Be­schwer­de­be­fug­nis (sie­he so­gleich 3.).

3. Die Be­schwer­deführe­rin ist nicht aus­nahms­wei­se durch die Gründe der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­genwärtig und un­mit­tel­bar be­schwert.

a) Ei­ne ge­genwärti­ge Be­schwer ist vor­lie­gend nicht ge­ge­ben. Die an­ge­foch­te­nen ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen wir­ken auf die Rechts­stel­lung der Be­schwer­deführe­rin nicht ak­tu­ell son­dern al­len­falls po­ten­ti­ell ein. Die Be­schwer­deführe­rin wird we­der zu später nicht mehr kor­ri­gier­ba­ren Ent­schei­dun­gen ge­zwun­gen, noch ist be­reits jetzt ih­re zukünf­ti­ge Be­trof­fen­heit durch die vor­lie­gend an­ge­grif­fe­nen ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen klar ab­zu­se­hen.

aa) Ei­ne ge­genwärti­ge oder ak­tu­el­le Be­schwer folgt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­schwer­deführe­rin nicht dar­aus, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht nur ge­schrie­be­nes Recht an­ge­wandt, son­dern das im We­sent­li­chen durch die Recht­spre­chung ge­prägte Ar­beits­kampf­recht (Däubler, in: Däubler <Hrsg.>, Ar­beits­kampf­recht, 3. Aufl., 2011, § 9 Rn. 25; vgl. auch Ri­char­di/Bay­reu­ther, Kol­lek­ti­ves Ar­beits­recht, 2. Aufl., 2012, § 10 Rn. 10) richter­recht­lich wei­ter­ent­wi­ckelt hat. Da­mit hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht Recht ge­setzt, das für die Be­schwer­deführe­rin zukünf­tig ver­bind­lich wäre.

Ent­ge­gen der Dar­stel­lung in der Ver­fas­sungs­be­schwer­de han­delt es sich bei den vom Bun­des­ar­beits­ge­richt selbst ent­wi­ckel­ten Grundsätzen, an de­nen es Ar­beits­kampf­maßnah­men misst, nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht um Rechtssätze im Sin­ne des Art. 20 Abs. 3 GG. Dies wird nicht da­durch in Fra­ge ge­stellt, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts prüft, ob auch der Ge­setz­ge­ber sol­che Rechtssätze oh­ne Ver­let­zung von Grund­rech­ten der Be­schwer­deführe­rin hätte er­las­sen können (vgl. BVerfGE 59, 231 <256 f.>; 84, 212 <228 f.>).

Die Fach­ge­rich­te sind an durch die Recht­spre­chung ent­wi­ckel­tes Recht nicht in glei­cher Wei­se ge­bun­den wie an Ge­set­ze. Nach deut­schem Recht gibt es grundsätz­lich kei­ne Präju­di­zi­en­bin­dung (vgl. statt vie­ler Röhl/Röhl, All­ge­mei­ne Rechts­leh­re, 3. Aufl. 2008, S. 562 ff. m.w.N.). Auch aus den Vor­schrif­ten zur Be­ru­fungs- oder Re­vi­si­ons­zu­las­sung in § 64 Abs. 3 Nr. 3 ArbGG und § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG folgt kei­ne sol­che Bin­dung.

Dies gilt auch, so­weit die Be­schwer­deführe­rin gel­tend macht, das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be anläss­lich der Ent­schei­dung über den kon­kre­ten Sach­ver­halt nicht nur fall­re­le­van­te, son­dern „über­schießen­de Obersätze“ auf­ge­stellt, die es über­wie­gend auf die feh­len­de Ver­bind­lich­keit des „Drit­ten We­ges“ gestützt ha­be. War­um ein der­ar­ti­ger „über­schießen­der Ober­satz“, der - nach der Prämis­se der Be­schwer­deführe­rin - nicht ein­mal im kon­kre­ten Fall Rechts­wir­kung ent­fal­tet hat, trotz feh­len­der recht­li­cher Bin­dungs­wir­kung ei­ne ge­genwärti­ge Be­schwer der Be­schwer­deführe­rin be­gründen können soll, er­sch­ließt sich nach al­le­dem nicht.

Auch die ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zu Glo­balanträgen (vgl. da­zu Koch, in: Er­fur­ter Kom­men­tar zum Ar­beits­recht, 15. Aufl. 2015, § 81 ArbGG Rn. 3 m.w.N.) führt zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis. In der Recht­spre­chung der Ver­wal­tungs­ge­rich­te in per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten wird die­sel­be Rechts­auf­fas­sung zur Ab­wei­sung von Glo­balanträgen wie vom

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Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­tre­ten (vgl. BVerwG, Be­schluss vom 20. No­vem­ber 2012 - 6 PB 14/12 -, ju­ris, Rn. 9). Es liegt auf der Hand, dass die fach­ge­richt­li­che Hand­ha­bung be­stimm­ter pro­zes­sua­ler Fra­ge­stel­lun­gen Ein­fluss auf die je­wei­li­gen Ent­schei­dun­gen und da­mit auf die Be­schwer mögli­cher Be­schwer­deführer ha­ben kann. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die­se pro­zes­sua­le Aus­gangs­la­ge vor den Fach­ge­rich­ten grundsätz­lich hin­zu­neh­men. Zu­dem be­steht - ent­ge­gen dem Be­schwer­de­vor­trag - kei­ne Ge­fahr, dass ein Kläger sich ab­sicht­lich mit zu weit ge­fass­ten Glo­balanträgen ab­wei­sen lässt und auf ihm güns­ti­ge Gründe hofft. In der Sa­che stre­ben Kläger ein be­stimm­tes Er­geb­nis im Ein­zel­fall an. Dies können sie mit un­be­gründe­ten, weil zu weit ge­fass­ten Glo­balanträgen nicht er­rei­chen. Dem­ge­genüber ist die Er­war­tung güns­ti­ger Gründe spe­ku­la­tiv.

bb) So­weit sich die Be­schwer­deführe­rin mit Blick auf künf­ti­ge Streiks und Streik­auf­ru­fe dem Ri­si­ko aus­ge­setzt sieht, von kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen auf Un­ter­las­sung oder Scha­dens­er­satz in An­spruch ge­nom­men zu wer­den, be­gründet auch dies kei­ne ge­genwärti­ge Be­schwer. So­weit sie be­haup­tet, ihr sei ei­ne verläss­li­che Pla­nung ge­werk­schaft­li­cher Po­li­tik nicht möglich, bleibt of­fen, zu wel­chen ir­re­ver­si­blen Dis­po­si­tio­nen die Be­schwer­deführe­rin genötigt sein soll. Je­des Ge­setz und je­der von ei­nem Ge­richt ent­wi­ckel­te Rechts­satz, der ei­nem Be­tei­lig­ten Hand­lungs­op­tio­nen eröff­net, kann für an­de­re Be­tei­lig­te, na­ment­lich den Ver­pflich­te­ten, mit Un­ge­wiss­hei­ten und Un­si­cher­hei­ten ver­bun­den sein. Dies führt je­doch nicht da­zu, da­ge­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­he­ben zu können, noch be­vor fach­ge­richt­lich ent­schie­den ist, ob ord­nungs­gemäß von den Rech­ten Ge­brauch ge­macht wur­de. Et­wai­ge Rechts­un­si­cher­hei­ten auf Sei­ten der Be­schwer­deführe­rin sind ver­gleich­bar mit de­nen, die sich - spie­gel­bild­lich - auf Sei­ten der Kir­chen und ih­rer ka­ri­ta­ti­ven und dia­ko­ni­schen Ein­rich­tun­gen hin­sicht­lich der Fra­ge er­ge­ben, ob die Ände­run­gen der Kir­chen­ge­set­ze und Sat­zun­gen den vom Bun­des­ar­beits­ge­richt for­mu­lier­ten An­for­de­run­gen ent­spre­chen.

Dem von der Be­schwer­deführe­rin an­geführ­ten Be­schluss des Ers­ten Se­nats vom 27. No­vem­ber 1990 (BVerfGE 83, 130 <145 f.>) lässt sich nichts an­de­res ent­neh­men. Dort ging es um das Vor­lie­gen be­son­ders nach­hal­ti­ger Ein­grif­fe mit der Fol­ge ei­ner erhöhten Prüfungs­in­ten­sität. Vom Er­for­der­nis, dass die Be­schwer­deführe­rin ei­ne ak­tu­el­le Be­schwer be­haup­ten muss, ent­bin­det dies nicht.

cc) Die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt for­mu­lier­ten An­for­de­run­gen an den „Drit­ten Weg“ führen schließlich nicht da­zu, dass klar ab­zu­se­hen wäre, dass und wie die Be­schwer­deführe­rin zukünf­tig be­trof­fen wäre.

Wie die Vor­ga­ben des Bun­des­ar­beits­ge­richts in der kon­kre­ten prak­ti­schen Ge­stal­tung des „Drit­ten We­ges“ um­zu­set­zen sind oder um­ge­setzt wer­den, ist nicht im De­tail vor­her­seh­bar (vgl. Klumpp, ZAT 2013, S. 120 <121>). Die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt be­schrie­be­nen An­for­de­run­gen wur­den nicht in Ge­stalt sub­su­mier­ba­rer Nor­men for­mu­liert (vgl. Schu­bert, JbAr­bR 50 <2013>, S. 101 <102>). Ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Ein­bin­dung der Ge­werk­schaf­ten wer­den den Kir­chen kei­ne de­tail­lier­ten Vor­ga­ben ge­macht. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung viel­mehr aus­drück­lich be­tont, die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ein­bin­dung der Ge­werk­schaf­ten sei Sa­che der Kir­chen, und in die­sem Zu­sam­men­hang auf den ih­nen da­bei zu­ste­hen­den Ge­stal­tungs­spiel­raum hin­ge­wie­sen (vgl. da­zu auch Klumpp, ZMV 2014, S. 2 <3>; Jous­sen, ZMV 2014, S. 189 <193>). Es steht den Kir­chen frei, im Rah­men des ih­nen zu­kom­men­den Selbst­be­stim­mungs­rechts kirch­li­ches Recht ei­genständig zu ge­stal­ten (vgl. Mor­lok, in: Drei­er, GG, Bd. 3, 3. Aufl. 2013, Art. 137 WRV Rn. 49; Hes­se, in: Listl/Pir­son, Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts, Bd. I, 2. Aufl. 1994, § 17, S. 521 <535>). Un­abhängig da­von sind zunächst die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt for­mu­lier­ten Grundsätze durch Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen zu kon­kre­ti­sie­ren (Melms/ Wie­gel­mann, DB 2013, S. 2504 <2505>).

So­weit die Be­schwer­deführe­rin ei­ne endgülti­ge Wir­kung der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts in der un­mit­tel­bar und so­fort wirk­sa­men vollständi­gen Ex­klu­si­on der Be­schwer­deführe­rin von ei­ner au­to­no­men Ko­ali­ti­ons­betäti­gung und der Kon­kre­ti­sie­rung des Ver­fah­rens der kol­lek­ti­ven Ar­beits­rechts­set­zung bei den Kir­chen rügt, ist nicht er­kenn­bar, wor­in ei­ne sol­che lie­gen soll. Das Streik­recht der Be­schwer­deführe­rin wur­de in der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung ge­ra­de nicht in Ab­re­de ge­stellt. Zu­dem ist nicht er­sicht­lich, in­wie­weit das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts die Be­schwer­deführe­rin von der Kon­kre­ti­sie­rung des Ver­fah­rens der kol­lek­ti­ven Ar­beits­rechts­set­zung bei Kir­chen aus­sch­ließen könn­te. Der Er­lass kir­chen­recht­li­cher Ge­set­ze und Sat­zun­gen ist ori­ginäre Auf­ga­be der Kir­chen selbst. Ei­ne Mit­wir­kung dar­an kann die Be­schwer­deführe­rin von Ver­fas­sungs we­gen nicht ver­lan­gen.

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b) Die Be­schwer­deführe­rin ist durch die an­ge­foch­te­nen ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen und die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt for­mu­lier­ten An­for­de­run­gen auch nicht un­mit­tel­bar be­trof­fen. Viel­mehr sind in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on be­son­de­re Voll­zugs- und Um­set­zungs­ak­te er­for­der­lich. Wären die Ent­schei­dungs­gründe des Bun­des­ar­beits­ge­richts Rechtssätze, wären sie je­den­falls nicht zum Nach­teil der Be­schwer­deführe­rin im Sin­ne ei­nes Streik­ver­bo­tes un­mit­tel­bar voll­zieh­bar. Ein Aus­schluss des Streik­rechts der Be­schwer­deführe­rin ergäbe sich nicht aus den von ihr an­ge­nom­me­nen „Rechtssätzen des staat­li­chen Rechts“, die le­dig­lich den den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten frei ge­hal­te­nen Raum be­schrei­ben, in­ner­halb des­sen die­se von ih­rem Selbst­be­stim­mungs­recht Ge­brauch ma­chen können. Der po­ten­ti­el­le Aus­schluss des Streik­rechts könn­te sich viel­mehr erst aus kir­chen­recht­li­chen und sat­zungsmäßigen Re­ge­lun­gen er­ge­ben, setzt al­so zwin­gend wei­te­re Maßnah­men der Kir­chen und kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen vor­aus.

Die vor­he­ri­ge Be­fas­sung der Fach­ge­rich­te ist der Be­schwer­deführe­rin zu­mut­bar (vgl. BVerfGK 14, 6 <8>) und ermöglicht es, dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fall­an­schau­ung der Fach­ge­rich­te hin­sicht­lich der in­zwi­schen mo­di­fi­zier­ten kir­chen­recht­li­chen Vor­schrif­ten zu ver­mit­teln (vgl. BVerfGE 65, 1 <37 f.>; 72, 39 <43>). Soll­ten die Fach­ge­rich­te bei An­wen­dung der vom Bun­des­ar­beits­ge­richt for­mu­lier­ten An­for­de­run­gen an den „Drit­ten Weg“ auf das mo­di­fi­zier­te kirch­li­che Ar­beits­recht zu dem Er­geb­nis ge­lan­gen, dass die­ses den auf­ge­stell­ten An­for­de­run­gen zwi­schen­zeit­lich ge­recht würde, und wäre die Be­schwer­deführe­rin da­durch selbst, ge­genwärtig und un­mit­tel­bar be­trof­fen, blie­be es ihr un­be­nom­men, den sie be­schwe­ren­den Sach­ver­halt dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Prüfung vor­zu­le­gen.

4. Nichts an­de­res gilt zu­letzt, so­weit die Be­schwer­deführe­rin ei­ne Ver­let­zung von Art. 19 Abs. 4 GG so­wie durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ei­nen ge­gen Art. 20 Abs. 3 GG ver­s­toßen­den Sys­tem­bruch gel­tend macht. Auch dies­bezüglich fehlt es an ei­ner Be­schwer der Be­schwer­deführe­rin, die im Recht­streit vor den Ar­beits­ge­rich­ten ob­siegt hat.

 

Voßkuh­le 

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Mai­dow­ski

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