HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 30.04.2015, C-80/14 - USDAW

   
Schlagworte: Massenentlassung, Betrieb
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-80/14
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 30.04.2015
   
Leitsätze:

Der Begriff „Betrieb“ in Art. 1 Abs. 1 Unterabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richtlinie 98/59/EG des Rates vom 20. Juli 1998 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über Massenentlassungen ist ebenso auszulegen wie in Buchst. a Ziff. i dieses Unterabsatzes.

Art. 1 Abs. 1 Unterabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richtlinie 98/59 ist in dem Sinne auszulegen, dass er einer nationalen Regelung nicht entgegensteht, die eine Pflicht zur Information und Konsultation der Arbeitnehmer vorsieht, wenn innerhalb eines Zeitraums von 90 Tagen mindestens 20 Arbeitnehmer eines einzelnen Betriebs eines Unternehmens entlassen werden, nicht aber, wenn die Gesamtzahl der Entlassungen in allen Betrieben oder in bestimmten Betrieben eines Unternehmens innerhalb desselben Zeitraums die Schwelle von 20 Arbeitnehmern erreicht oder übersteigt.

Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Fünf­te Kam­mer)

30. April 2015(*)

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Mas­sen­ent­las­sun­gen - Richt­li­nie 98/59/EG - Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a - Be­griff ‚Be­trieb‘ - Me­tho­de zur Be­rech­nung der Zahl ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer

In der Rechts­sa­che C-80/14

be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Court of Ap­peal of Eng­land and Wa­les (Ci­vil Di­vi­si­on) (Ver­ei­nig­tes König­reich) mit Ent­schei­dung vom 5. Fe­bru­ar 2014, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 14. Fe­bru­ar 2014, in dem Ver­fah­ren

Uni­on of Shop, Dis­tri­bu­ti­ve and Al­lied Workers (USDAW),

B. Wil­son

ge­gen

WW Rea­li­sa­ti­on 1 Ltd, in Li­qui­da­ti­on,

Ethel Aus­tin Ltd,

Se­creta­ry of Sta­te for Busi­ness, In­no­va­ti­on and Skills

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Fünf­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten T. von Dan­witz so­wie der Rich­ter C. Va­j­da, A. Ro­sas, E. Juhász (Be­richt­er­stat­ter) und D. Šváby,

Ge­ne­ral­an­walt: N. Wahl,

Kanz­ler: I. Illéssy, Ver­wal­tungs­rat,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 20. No­vem­ber 2014, nter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

- der Uni­on of Shop, Dis­tri­bu­ti­ve and Al­lied Workers (USDAW) und von Frau Wil­son, ver­tre­ten urch D. Ro­se, QC, und J. Stee­le, Bar­ris­ter, im Auf­trag von M. Cain, So­li­ci­tor,

- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch L. Chris­tie als Be­vollmäch­tig­ten m Bei­stand von T. Ward, QC, und J. Hol­mes, Bar­ris­ter,

- der spa­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch L. Ban­ci­el­la Ro­dríguez-Miñón und M. J. García-Val­de­ca­sas Dor­re­go als Be­vollmäch­tig­te,

- der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Fehér, G. Koós und A. Pálfy als Be­vollmäch­tig­te,

- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch J. En­e­gren, R. Vi­dal Pu­ig und J. Samnad­da als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 5. Fe­bru­ar 2015 fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20. Ju­li 1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen (ABl. L 225, S. 16).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men von Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen der Uni­on of Shop, Dis­tri­bu­ti­ve and Al­lied Workers (USDAW) und Frau Wil­son auf der ei­nen und der in Li­qui­da­ti­on be­find­li­chen WW Rea­li­sa­ti­on 1 Ltd (im Fol­gen­den: Wool­worths) auf der an­de­ren Sei­te so­wie zwi­schen der USDAW auf der ei­nen und der Ethel Aus­tin Ltd (im Fol­gen­den: Ethel Aus­tin) und dem Se­creta­ry of Sta­te for Busi­ness, In­no­va­ti­on and Skills (Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men, In­no­va­ti­on und be­ruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung, im Fol­gen­den: Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men) auf der an­de­ren Sei­te we­gen der Rechtmäßig­keit von Ent­las­sun­gen, die Wool­worths und Ethel Aus­tin vor­ge­nom­men ha­ben. Dem Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men wur­de im Aus­gangs­ver­fah­ren mit der Be­gründung der Streit verkündet, dass er, falls Wool­worths und Ethel Aus­tin zur Zah­lung ei­ner „Schutz­entschädi­gung“ ver­ur­teilt wer­den, die­se aber nicht leis­ten können, ver­pflich­tet wäre, den Ar­beit­neh­mern, die dies be­an­tra­gen, zum Aus­gleich die­ser For­de­rung ei­ne Entschädi­gung in ei­ner von ihm für an­ge­mes­se­nen er­ach­te­ten Höhe im Rah­men des ge­setz­lich fest­ge­leg­ten Höchst­be­trags zu zah­len.

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3 Aus dem ers­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 98/59 geht her­vor, dass mit ihr die Richt­li­nie 75/129/EWG des Ra­tes vom 17. Fe­bru­ar 1975 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen (ABl. L 48, S. 29) ko­di­fi­ziert wur­de.
4 Nach dem zwei­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 98/59 ist es un­ter Berück­sich­ti­gung der Not­wen­dig­keit ei­ner aus­ge­wo­ge­nen wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ent­wick­lung in der Eu­ropäischen Uni­on wich­tig, den Schutz der Ar­beit­neh­mer bei Mas­sen­ent­las­sun­gen zu verstärken.
5 Die Erwägungs­gründe 3 und 4 die­ser Richt­li­nie lau­ten:

„(3) Trotz ei­ner kon­ver­gie­ren­den Ent­wick­lung be­ste­hen wei­ter­hin Un­ter­schie­de zwi­schen den in den Mit­glied­staa­ten gel­ten­den Be­stim­mun­gen hin­sicht­lich der Vor­aus­set­zun­gen und des Ver­fah­rens für Mas­sen­ent­las­sun­gen so­wie hin­sicht­lich der Maßnah­men, die die Fol­gen die­ser Ent­las­sun­gen für die Ar­beit­neh­mer mil­dern könn­ten.

(4) Die­se Un­ter­schie­de können sich auf das Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­mark­tes un­mit­tel­bar aus­wir­ken.“

6 Im sieb­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie wird her­vor­ge­ho­ben, dass auf die An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen hin­ge­wirkt wer­den muss.
7 Un­ter der Über­schrift „Be­griffs­be­stim­mun­gen und An­wen­dungs­be­reich“ be­stimmt Art. 1 der Richt­li­nie:

„(1) Für die Durchführung die­ser Richt­li­nie gel­ten fol­gen­de Be­griffs­be­stim­mun­gen:

a) ‚Mas­sen­ent­las­sun­gen‘ sind Ent­las­sun­gen, die ein Ar­beit­ge­ber aus ei­nem oder meh­re­ren Gründen, die nicht in der Per­son der Ar­beit­neh­mer lie­gen, vor­nimmt und bei de­nen - nach Wahl der Mit­glied­staa­ten - die Zahl der Ent­las­sun­gen

i) ent­we­der in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 30 Ta­gen

- min­des­tens 10 in Be­trie­ben mit in der Re­gel mehr als 20 und we­ni­ger als 100 Ar­beit­neh­mern,

- min­des­tens 10 v. H. der Ar­beit­neh­mer in Be­trie­ben mit in der Re­gel min­des­tens 100 und we­ni­ger als 300 Ar­beit­neh­mern,

- min­des­tens 30 in Be­trie­ben mit in der Re­gel min­des­tens 300 Ar­beit­neh­mern,

ii) oder in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen min­des­tens 20, und zwar un­abhängig da­von, wie vie­le Ar­beit­neh­mer in der Re­gel in dem be­tref­fen­den Be­trieb beschäftigt sind,

beträgt;

Für die Be­rech­nung der Zahl der Ent­las­sun­gen gemäß [Un­ter­ab­satz] 1 Buch­sta­be a) wer­den die­sen Ent­las­sun­gen Be­en­di­gun­gen des Ar­beits­ver­trags gleich­ge­stellt, die auf Ver­an­las­sung des Ar­beit­ge­bers und aus ei­nem oder meh­re­ren Gründen, die nicht in der Per­son der Ar­beit­neh­mer lie­gen, er­fol­gen, so­fern die Zahl der Ent­las­sun­gen min­des­tens fünf beträgt.

(2) Die­se Richt­li­nie fin­det kei­ne An­wen­dung auf

a) Mas­sen­ent­las­sun­gen im Rah­men von Ar­beits­verträgen, die für ei­ne be­stimm­te Zeit oder Tätig­keit ge­schlos­sen wer­den, es sei denn, dass die­se Ent­las­sun­gen vor Ab­lauf oder Erfüllung die­ser Verträge er­fol­gen;

…“

8 In Art. 2 der Richt­li­nie 98/59 heißt es:

„(1) Be­ab­sich­tigt ein Ar­beit­ge­ber, Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­zu­neh­men, so hat er die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter recht­zei­tig zu kon­sul­tie­ren, um zu ei­ner Ei­ni­gung zu ge­lan­gen.

(2) Die­se Kon­sul­ta­tio­nen er­stre­cken sich zu­min­dest auf die Möglich­keit, Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ver­mei­den oder zu be­schränken, so­wie auf die Möglich­keit, ih­re Fol­gen durch so­zia­le Be­gleit­maßnah­men, die ins­be­son­de­re Hil­fen für ei­ne an­der­wei­ti­ge Ver­wen­dung oder Um­schu­lung der ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mer zum Ziel ha­ben, zu mil­dern.

(3) Da­mit die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter kon­struk­ti­ve Vor­schläge un­ter­brei­ten können, hat der Ar­beit­ge­ber ih­nen recht­zei­tig im Ver­lauf der Kon­sul­ta­tio­nen

a) die zweck­dien­li­chen Auskünf­te zu er­tei­len und

b) in je­dem Fall schrift­lich Fol­gen­des mit­zu­tei­len:

i) die Gründe der ge­plan­ten Ent­las­sung;

ii) die Zahl und die Ka­te­go­ri­en der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer;

iii) die Zahl und die Ka­te­go­ri­en der in der Re­gel beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer;

iv) den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len;

v) die vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer, so­weit die in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Prak­ti­ken dem Ar­beit­ge­ber die Zuständig­keit dafür zu­er­ken­nen;

vi) die vor­ge­se­he­ne Me­tho­de für die Be­rech­nung et­wai­ger Ab­fin­dun­gen, so­weit sie sich nicht aus den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Prak­ti­ken er­ge­ben.

Der Ar­beit­ge­ber hat der zuständi­gen Behörde ei­ne Ab­schrift zu­min­dest der in Un­ter­ab­satz 1 Buch­sta­be b) Zif­fern i) bis v) ge­nann­ten Be­stand­tei­le der schrift­li­chen Mit­tei­lung zu über­mit­teln.

…“

9 Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht vor:

„Der Ar­beit­ge­ber hat der zuständi­gen Behörde al­le be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen schrift­lich an­zu­zei­gen.

Die An­zei­ge muss al­le zweck­dien­li­chen An­ga­ben über die be­ab­sich­tig­te Mas­sen­ent­las­sung und die Kon­sul­ta­tio­nen der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter gemäß Ar­ti­kel 2 ent­hal­ten, ins­be­son­de­re die Gründe der Ent­las­sung, die Zahl der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer, die Zahl der in der Re­gel beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer und den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len.“

10 Art. 4 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie lau­tet:

„(1) Die der zuständi­gen Behörde an­ge­zeig­ten be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen wer­den frühes­tens 30 Ta­ge nach Ein­gang der in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten An­zei­ge wirk­sam; die im Fall der Ein­zelkündi­gung für die Kündi­gungs­frist gel­ten­den Be­stim­mun­gen blei­ben un­berührt.

Die Mit­glied­staa­ten können der zuständi­gen Behörde je­doch die Möglich­keit einräum­en, die Frist des Un­ter­ab­sat­zes 1 zu verkürzen.

(2) Die Frist des Ab­sat­zes 1 muss von der zuständi­gen Behörde da­zu be­nutzt wer­den, nach Lösun­gen für die durch die be­ab­sich­tig­ten Mas­sen­ent­las­sun­gen auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me zu su­chen.“

11 Art. 5 der Richt­li­nie be­stimmt:

„Die­se Richt­li­nie lässt die Möglich­keit der Mit­glied­staa­ten un­berührt, für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen oder für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re ta­rif­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen zu­zu­las­sen oder zu fördern.“

Rechts­vor­schrif­ten des Ver­ei­nig­ten König­reichs

12 Das Kon­so­li­die­rungs­ge­setz von 1992 über Ge­werk­schaf­ten und kol­lek­ti­ve Ar­beits­be­zie­hun­gen (Tra­de Uni­on and La­bour Re­la­ti­ons [Con­so­li­da­ti­on] Act 1992, im Fol­gen­den: TUL­RCA) dient zur Um­set­zung der Ver­pflich­tun­gen des Ver­ei­nig­ten König­reichs aus der Richt­li­nie 98/59.
13 Sec­tion 188(1) des TUL­RCA lau­tet:

„Plant ein Ar­beit­ge­ber, in ei­nem Be­trieb 20 Ar­beit­neh­mer oder mehr in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen oder we­ni­ger zu ent­las­sen, hat er hin­sicht­lich der Ent­las­sun­gen al­le Per­so­nen zu kon­sul­tie­ren, die ge­eig­ne­te Ver­tre­ter der von den ge­plan­ten Ent­las­sun­gen oder von Maßnah­men, die im Zu­sam­men­hang mit die­sen Ent­las­sun­gen ge­trof­fen wer­den, mögli­cher­wei­se be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer sind.“

14 Nach Sec­tion 189(1) des TUL­RCA kann, wenn ein Ar­beit­ge­ber u. a. ei­ner der Ver­pflich­tun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Kon­sul­ta­ti­on nicht nach­kommt, das Em­ploy­ment Tri­bu­nal (Ar­beits­ge­richt) aus die­sem Grund von ei­ner Ge­werk­schaft, falls de­ren Ver­tre­ter nicht kon­sul­tiert wur­den, oder in al­len an­de­ren Fällen von den be­trof­fe­nen oder den ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mern an­ge­ru­fen wer­den. Ist die Kla­ge be­gründet, kann nach Sec­tion 189(2) des TUL­RCA die Zah­lung ei­ner „Schutz­entschädi­gung“ (pro­tec­tive award) an­ge­ord­net wer­den.
15 Sec­tion 189(3) des TUL­RCA be­stimmt, dass ei­ne Schutz­entschädi­gung Ar­beit­neh­mern zu­er­kannt wird, die ent­las­sen wur­den oder wer­den sol­len und bei de­ren Ent­las­sung oder ge­plan­ter Ent­las­sung der Ar­beit­ge­ber u. a. ei­ne der Ver­pflich­tun­gen in Be­zug auf die Kon­sul­ta­ti­on nicht ein­ge­hal­ten hat.
16 Wird ei­ne Schutz­entschädi­gung zu­er­kannt, hat nach Sec­tion 190(1) des TUL­RCA je­der da­durch begüns­tig­te Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich ge­gen sei­nen Ar­beit­ge­ber für den geschütz­ten Zeit­raum An­spruch auf Zah­lung von Ar­beits­ent­gelt.
17 Sec­tion 192(1) des TUL­RCA sieht vor, dass ein Ar­beit­neh­mer, der in den Ge­nuss ei­ner Schutz­entschädi­gung kom­men kann, beim Em­ploy­ment Tri­bu­nal Kla­ge mit der Be­gründung er­he­ben kann, dass sein Ar­beit­ge­ber ihm das als Schutz­entschädi­gung zu­er­kann­te Ar­beits­ent­gelt nicht oder nicht vollständig ge­zahlt ha­be. Wird der Kla­ge statt­ge­ge­ben, ver­ur­teilt die­ses Ge­richt den Ar­beit­ge­ber, dem Ar­beit­neh­mer das ge­schul­de­te Ar­beits­ent­gelt im Ein­klang mit Sec­tion 192(3) des TUL­RCA zu zah­len.
18 Ti­tel XII des Ge­set­zes von 1996 über die Rech­te der Ar­beit­neh­mer (Em­ploy­ment Rights Act 1996, im Fol­gen­den: ERA) dient zur Um­set­zung der Ver­pflich­tun­gen des Ver­ei­nig­ten König­reichs aus der Richt­li­nie 2008/94/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 22. Ok­to­ber 2008 über den Schutz der Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers (ABl. L 283, S. 36).
19 Sec­tion 182 des ERA be­stimmt:

„Kommt der [zuständi­ge] Mi­nis­ter auf­grund ei­nes schrift­li­chen An­trags ei­nes Ar­beit­neh­mers zu dem Er­geb­nis, dass

a) des­sen Ar­beit­ge­ber zah­lungs­unfähig ge­wor­den ist,

b) das Ar­beits­verhält­nis be­en­det wor­den ist und

c) der Ar­beit­neh­mer zum maßgeb­li­chen Zeit­punkt An­spruch auf Zah­lung der ge­sam­ten oder ei­nes Teils der For­de­rung hat, auf die Ti­tel XII [des ERA] An­wen­dung fin­det,

hat er dem Ar­beit­neh­mer vor­be­halt­lich Sec­tion 186 aus dem Na­tio­nal In­suran­ce Fund [na­tio­na­ler Ga­ran­tie­fonds] den Be­trag zu zah­len, der dem Ar­beit­neh­mer nach An­sicht des Mi­nis­ters in Be­zug auf die For­de­rung zu­steht.“

20 Sec­tion 183 des ERA be­trifft die Vor­aus­set­zun­gen für die Zah­lungs­unfähig­keit ei­nes Ar­beit­ge­bers.
21 Nach Sec­tion 184(1)(a) des ERA gehören zu den For­de­run­gen, auf die Ti­tel XII An­wen­dung fin­det, al­le Zah­lun­gen, die ei­ne oder meh­re­re (aber nicht mehr als acht) Wo­chen rückständig sind.
22 Sec­tion 184(2) des ERA be­stimmt, dass das als Schutz­entschädi­gung nach Art. 189 des TUL­RCA zu zah­len­de Ar­beits­ent­gelt als rückständi­ge Zah­lung zu be­han­deln ist.
23 Gemäß Sec­tion 188 des ERA kann ei­ne Per­son, die nach Sec­tion 182 des ERA ei­ne Zah­lung be­an­tragt hat, Kla­ge bei ei­nem Em­ploy­ment Tri­bu­nal er­he­ben, wenn der Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men kei­ne Zah­lung vor­nimmt oder wenn die Zah­lung ge­rin­ger ausfällt als der ge­schul­de­te Be­trag. Kommt das Ge­richt zu dem Er­geb­nis, dass der Mi­nis­ter ei­ne Zah­lung gemäß Sec­tion 182 zu leis­ten hat, erlässt es ei­ne ent­spre­chen­de Ent­schei­dung und legt den zu zah­len­den Be­trag fest.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­la­ge­fra­gen

24 Wool­worths und Ethel Aus­tin wa­ren lan­des­weit im Ein­zel­han­del tätig und be­trie­ben La­den­ket­ten un­ter den Fir­men­na­men „Wool­worths“ bzw. „Ethel Aus­tin“. Nach­dem sie zah­lungs­unfähig ge­wor­den wa­ren, wur­den sie un­ter In­sol­venz­ver­wal­tung ge­stellt, was die Er­stel­lung von So­zi­alplänen für Tau­sen­de von Ar­beit­neh­mern im ge­sam­ten Ver­ei­nig­ten König­reich zur Fol­ge hat­te.
25 Vor die­sem Hin­ter­grund er­hob die USDAW in ih­rer Ei­gen­schaft als Ge­werk­schaft im Na­men und für Rech­nung meh­re­rer Tau­send Mit­glie­der, die ehe­ma­li­ge und be­triebs­be­dingt ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer die­ser bei­den Ge­sell­schaf­ten wa­ren, ge­gen sie Kla­gen vor dem Li­ver­pool Em­ploy­ment Tri­bu­nal und dem Lon­don Cen­tral Em­ploy­ment Tri­bu­nal.
26 Die USDAW zählt im Ver­ei­nig­ten König­reich mehr als 430 000 Mit­glie­der, die in ganz un­ter­schied­li­chen Be­ru­fen ar­bei­ten.
27 Frau Wil­son war in ei­nem La­den­geschäft der Ket­te „Wool­worths“ in Saint Ives (Ver­ei­nig­tes König­reich) beschäftigt und gehörte als De­le­gier­te der USDAW dem na­tio­na­len Ar­beit­neh­mer­fo­rum („Col­le­ague Cir­cle“) an, das Wool­worths ge­schaf­fen hat­te, da­mit es sich mit ver­schie­de­nen Fra­gen, u. a. mit Kon­sul­ta­tio­nen vor Mas­sen­ent­las­sun­gen, be­fasst.
28 Die USDAW und Frau Wil­son be­an­trag­ten, die Ar­beit­ge­ber zu ver­ur­tei­len, den ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mern Schutz­entschädi­gun­gen zu zah­len, weil das im TUL­RCA vor­ge­se­he­ne Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren vor Er­lass der So­zi­alpläne nicht ein­ge­hal­ten wor­den sei.
29 Die ein­schlägi­gen Vor­schrif­ten des ERA be­rech­tig­ten ei­nen Ar­beit­neh­mer, im Fall der Ver­ur­tei­lung von Wool­worths oder Ethel Aus­tin zur Zah­lung von Schutz­entschädi­gun­gen und des Aus­blei­bens die­ser Zah­lun­gen vom Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men ih­re Zah­lung zu ver­lan­gen; er wäre dann ver­pflich­tet, den Ar­beit­neh­mer we­gen der Zah­lungsrückstände bis zum ge­setz­li­chen Höchst­be­trag zu entschädi­gen. Soll­te der Mi­nis­ter die Entschädi­gung nicht zah­len, könn­te der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer beim Em­ploy­ment Tri­bu­nal be­an­tra­gen, ihn da­zu zu zwin­gen.
30 Mit Ent­schei­dun­gen vom 2. No­vem­ber 2011 und vom 18. Ja­nu­ar 2012 er­kann­ten das Li­ver­pool Em­ploy­ment Tri­bu­nal und das Lon­don Cen­tral Em­ploy­ment Tri­bu­nal ei­ner Rei­he ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer von Wool­worths und Ethel Aus­tin Schutz­entschädi­gun­gen zu. Et­wa 4 500 Ar­beit­neh­mern wur­de die Entschädi­gung je­doch mit der Be­gründung ver­wei­gert, dass sie in La­den­geschäften mit we­ni­ger als 20 Ar­beit­neh­mern ge­ar­bei­tet hätten und dass je­des Geschäft als ei­genständi­ger Be­trieb an­zu­se­hen sei.
31 Auf die von der USDAW und Frau Wil­son beim Em­ploy­ment Ap­peal Tri­bu­nal (Be­ru­fungs­ge­richt in Ar­beits­sa­chen) ein­ge­leg­te Be­ru­fung ge­gen die­se Ent­schei­dun­gen ent­schied die­ses Ge­richt am 30. Mai 2013, dass ei­ne mit der Richt­li­nie 98/59 zu ver­ein­ba­ren­de Aus­le­gung von Sec­tion 188(1) des TUL­RCA es er­for­der­lich ma­che, im Ein­klang mit der dem na­tio­na­len Ge­richt nach dem Ur­teil Mar­lea­sing (C-106/89, EU:C:1990:395) ob­lie­gen­den Pflicht, sein na­tio­na­les Recht im Licht des Wort­lauts und der Ziel­set­zung der be­tref­fen­den Richt­li­nie aus­zu­le­gen, die Wen­dung „in ei­nem Be­trieb“ außer An­wen­dung zu las­sen. Das Ge­richt ent­schied fer­ner, dass sich die USDAW und Frau Wil­son auf die un­mit­tel­ba­re Wir­kung der Rech­te aus der Richt­li­nie 98/59 be­ru­fen könn­ten, da der Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter sei, und dass die­ser al­len Ar­beit­neh­mern die Schutz­entschädi­gung zu zah­len ha­be. Aus der Ent­schei­dung er­gibt sich zu­dem, dass die Pflicht zur vor­he­ri­gen Kon­sul­ta­ti­on im­mer dann gilt, wenn ein Ar­beit­ge­ber plant, 20 Ar­beit­neh­mer oder mehr in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen oder we­ni­ger zu ent­las­sen, un­abhängig da­von, in wel­chen Be­trie­ben sie beschäftigt sind.
32 Dem vom Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men in die­sem Zu­sam­men­hang ge­stell­ten An­trag auf Zu­las­sung ei­nes Rechts­mit­tels zum vor­le­gen­den Ge­richt gab das Em­ploy­ment Ap­peal Tri­bu­nal mit Be­schluss vom 26. Sep­tem­ber 2013 statt.
33 Nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts ist zwi­schen den Be­tei­lig­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens un­strei­tig, dass sich das Ver­ei­nig­te König­reich bei der Um­set­zung der Richt­li­nie 98/59 für die Lösung in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii die­ser Richt­li­nie ent­schie­den hat.
34 Es führt aus, die USDAW und Frau Wil­son hätten vor ihm gel­tend ge­macht, dass der Be­griff „Mas­sen­ent­las­sun­gen“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 nicht auf den Fall be­schränkt sei, in dem min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mer je­des Be­triebs in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen ent­las­sen würden, son­dern auch den Fall er­fas­se, dass min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mer des­sel­ben Ar­beit­ge­bers in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen ent­las­sen würden, un­abhängig von der Zahl der Ar­beit­neh­mer in den frag­li­chen, d. h. den von den Ent­las­sun­gen be­trof­fe­nen Be­trie­ben.
35 Hilfs­wei­se ma­chen die USDAW und Frau Wil­son gel­tend, selbst wenn die­se Be­stim­mung der Richt­li­nie 98/59 so zu ver­ste­hen sei, dass sie sich auf min­des­tens 20 in je­dem Be­trieb ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer be­zie­he, sei der Be­griff „Be­trieb“ da­hin aus­zu­le­gen, dass er die ge­sam­te Ein­zel­han­delstätig­keit von Wool­worths bzw. Ethel Aus­tin er­fas­se. Es sei nämlich die Ein­zel­han­delstätig­keit als Gan­zes, die ei­ne wirt­schaft­li­che Geschäfts­ein­heit bil­de.
36

Würde man je­des La­den­geschäft als Be­trieb im Sin­ne die­ser Be­stim­mung an­se­hen, führ­te dies zu un­ge­rech­ten und willkürli­chen Er­geb­nis­sen, wenn, wie im vor­lie­gen­den Fall, ein großes Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men sei­ne Tätig­keit fast vollständig ein­stel­le und ei­ne große Zahl von Ar­beit­neh­mern in meh­re­ren Ver­kaufs­stel­len ent­las­se, von de­nen ei­ni­ge 20 oder mehr Ar­beit­neh­mer und an­de­re ei­ne ge­rin­ge­re Zahl von Ar­beit­neh­mern beschäftig­ten. In ei­nem sol­chen Fall er­ge­be es nämlich kei­nen Sinn, dass die An­ge­stell­ten der größten La­den­geschäfte vor der Mas­sen­ent­las­sung ein Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren be­an­spru­chen könn­ten, während die­je­ni­gen, die in klei­ne­ren Geschäften ar­bei­te­ten, hier­auf kei­nen An­spruch hätten.

37 Die USDAW und Frau Wil­son tra­gen fer­ner vor, da die Ar­beit­neh­mer un­abhängig von dem La­den­geschäft, in dem sie ar­bei­te­ten, von ein und der­sel­ben Ent­las­sungs­maßnah­me be­trof­fen sei­en und da das Ziel der Richt­li­nie 98/59 in der Stärkung des Ar­beit­neh­mer­schut­zes be­ste­he, wäre ei­ne sol­che Aus­le­gung der Richt­li­nie 98/59 ein An­reiz für die Ar­beit­ge­ber, ih­re Tätig­kei­ten so auf­zu­spal­ten, dass sie die in der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Pflich­ten um­ge­hen könn­ten.
38 Die USDAW und Frau Wil­son sind der An­sicht, da der Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men nach der Richt­li­nie 2008/94 für die Zah­lung der Schutz­entschädi­gun­gen haf­te, könn­ten sie sich ihm ge­genüber nach dem Grund­satz der ver­ti­ka­len un­mit­tel­ba­ren Wir­kung, die der Richt­li­nie 98/59 zu­kom­me, auf die Wir­kun­gen die­ser Richt­li­nie be­ru­fen.
39 Vor dem vor­le­gen­den Ge­richt hat der Mi­nis­ter für Un­ter­neh­men un­ter Be­zug­nah­me auf die Ur­tei­le Rock­fon (C-449/93, EU:C:1995:420) und Athi­naïki Char­to­poiïa (C-270/05, EU:C:2007:101) gel­tend ge­macht, dass un­ter dem Be­griff „Be­trieb“ im Sin­ne von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 die Ein­heit zu ver­ste­hen sei, der die von der Ent­las­sung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zur Erfüllung ih­rer Auf­ga­be an­gehörten, und dass die­ser Be­griff die glei­che Be­deu­tung ha­ben müsse wie in Art. 1 Abs. 1 Buchst. a ers­ter Ge­dan­ken­strich der Richt­li­nie 75/129 und in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. i der Richt­li­nie 98/59.
40 Er hat hin­zu­gefügt, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber, hätte er ge­wollt, dass Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 al­le bei ei­nem Ar­beit­ge­ber beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer er­fas­se, ei­nen an­de­ren Be­griff als „Be­trieb“ ver­wen­det hätte, et­wa „Un­ter­neh­men“ oder „Ar­beit­ge­ber“.
41 Dar­aus fol­ge, dass bei ei­ner Ent­las­sung von 19 Ar­beit­neh­mern ei­nes Be­triebs kei­ne Mas­sen­ent­las­sung im Sin­ne der Richt­li­nie 98/59 vor­lie­ge, während bei ei­ner Ent­las­sung von 20 Ar­beit­neh­mern die durch die­se Richt­li­nie gewähr­leis­te­ten Rech­te zur An­wen­dung kämen.
42 Un­ter die­sen Umständen hat der Court of Ap­peal (Eng­land & Wa­les) (Ci­vil Di­vi­si­on) be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

1. a) Be­zieht sich die For­mu­lie­rung „min­des­tens 20“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 auf die Zahl der Ent­las­sun­gen in al­len Be­trie­ben des Ar­beit­ge­bers, in de­nen in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den, oder be­zieht sie sich auf die Zahl der Ent­las­sun­gen in je­dem ein­zel­nen Be­trieb?

b) Falls sich Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie auf die Zahl der Ent­las­sun­gen in je­dem ein­zel­nen Be­trieb be­zieht, was ist dann un­ter „Be­trieb“ zu ver­ste­hen? Ist der Be­griff „Be­trieb“ ins­be­son­de­re da­hin zu ver­ste­hen, dass er das ge­sam­te be­trof­fe­ne Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men als ei­ne ein­zi­ge wirt­schaft­li­che Geschäfts­ein­heit oder den Teil die­ses Un­ter­neh­mens, in dem Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len, er­fasst und nicht die Ein­heit, der ein Ar­beit­neh­mer zur Erfüllung sei­ner Auf­ga­ben zu­ge­wie­sen ist, wie das je­wei­li­ge La­den­geschäft?

2. Kann sich ein Mit­glied­staat, wenn ein Ar­beit­neh­mer von ei­nem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber ei­ne Schutz­entschädi­gung ver­langt, dar­auf stützen oder gel­tend ma­chen, dass die Richt­li­nie 98/59 kei­ne un­mit­tel­bar wirk­sa­men Rech­te ge­gen den Ar­beit­ge­ber gewährt, so­fern

a) der pri­va­te Ar­beit­ge­ber, hätte es der Mit­glied­staat nicht versäumt, die Richt­li­nie ord­nungs­gemäß um­zu­set­zen, dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Schutz­entschädi­gung schul­den würde, weil er sei­ner Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht gemäß der Richt­li­nie nicht nach­ge­kom­men ist, und

b) der Mit­glied­staat selbst, wenn der zah­lungs­unfähi­ge pri­va­te Ar­beit­ge­ber ei­ne Schutz­entschädi­gung schul­det, aber nicht ge­leis­tet hat, auf An­trag dem Ar­beit­neh­mer die­se Schutz­entschädi­gung nach den in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2008/94 zah­len müss­te, vor­be­halt­lich ei­ner nach Art. 4 die­ser Richt­li­nie für die Ga­ran­tie­ein­rich­tung des Mit­glied­staats gel­ten­den Haf­tungs­gren­ze?

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

43 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob der Be­griff „Be­trieb“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 eben­so aus­zu­le­gen ist wie der Be­griff „Be­trieb“ in Buchst. a Ziff. i die­ses Un­ter­ab­sat­zes und ob Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 in dem Sin­ne aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­steht, die ei­ne Pflicht zur In­for­ma­ti­on und Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer vor­sieht, wenn in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mer ei­nes ein­zel­nen Be­triebs ei­nes Un­ter­neh­mens ent­las­sen wer­den, nicht aber, wenn die Ge­samt­zahl der Ent­las­sun­gen in al­len Be­trie­ben oder in be­stimm­ten Be­trie­ben ei­nes Un­ter­neh­mens in­ner­halb des­sel­ben Zeit­raums die Schwel­le von 20 Ar­beit­neh­mern er­reicht oder über­steigt.
44 Wie so­wohl aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung als auch aus dem beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor­geht, hat sich das Ver­ei­nig­te König­reich bei der Um­set­zung der Richt­li­nie 98/59 für die in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii die­ser Richt­li­nie ge­nann­te Schwel­le für ih­re An­wend­bar­keit ent­schie­den. Nach dem gel­ten­den na­tio­na­len Recht ist ein Ar­beit­ge­ber, wenn er plant, in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen in ei­nem Be­trieb min­des­tens 20 Ar­beitsplätze zu strei­chen, ver­pflich­tet, da­bei ein Ver­fah­ren der In­for­ma­ti­on und Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer ein­zu­hal­ten.
45 Hier­zu ist zunächst fest­zu­stel­len, dass nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der in der Richt­li­nie 98/59 nicht de­fi­nier­te Be­griff „Be­trieb“ ein uni­ons­recht­li­cher Be­griff ist und dass sein In­halt nicht an­hand der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten be­stimmt wer­den kann (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Rock­fon, C-449/93, EU:C:1995:420, Rn. 25). Er ist da­her in der Uni­ons­rechts­ord­nung au­to­nom und ein­heit­lich aus­zu­le­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Athi­naïki Char­to­poiïa, C-270/05, EU:C:2007:101, Rn. 23).
46 Der Ge­richts­hof hat den Be­griff „Be­trieb“ bzw. „Be­trie­be“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 98/59 be­reits aus­ge­legt.
47 In Rn. 31 des Ur­teils Rock­fon (C-449/93, EU:C:1995:420) hat der Ge­richts­hof un­ter Be­zug­nah­me auf Rn. 15 des Ur­teils Bot­zen u. a. (186/83, EU:C:1985:58) aus­geführt, dass das Ar­beits­verhält­nis im We­sent­li­chen durch die Ver­bin­dung zwi­schen dem Ar­beit­neh­mer und dem Un­ter­neh­mens­teil ge­kenn­zeich­net wird, dem er zur Erfüllung sei­ner Auf­ga­be an­gehört. Er hat da­her in Rn. 32 des Ur­teils Rock­fon (C-449/93, EU:C:1995:420) ent­schie­den, dass der Be­griff „Be­trieb“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 98/59 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er nach Maßga­be der Umstände die Ein­heit be­zeich­net, der die von der Ent­las­sung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zur Erfüllung ih­rer Auf­ga­be an­gehören. Ob die frag­li­che Ein­heit ei­ne Lei­tung hat, die selbständig Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­neh­men kann, ist für die De­fi­ni­ti­on des Be­griffs „Be­trieb“ nicht ent­schei­dend.
48 Aus Rn. 5 des Ur­teils Rock­fon (C-449/93, EU:C:1995:420) geht her­vor, dass sich das König­reich Däne­mark, dem das Ge­richt an­gehörte, das das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen in der die­sem Ur­teil zu­grun­de lie­gen­den Rechts­sa­che vor­ge­legt hat­te, für die in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. i der ge­nann­ten Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Lösung ent­schie­den hat­te.
49 Im Ur­teil Athi­naïki Char­to­poiïa (C-270/05, EU:C:2007:101) hat der Ge­richts­hof den Be­griff „Be­trieb“ wei­ter präzi­siert, wo­bei er ins­be­son­de­re in Rn. 27 die­ses Ur­teils aus­geführt hat, dass für den Zweck der An­wen­dung der Richt­li­nie 98/59 ein „Be­trieb“ im Rah­men ei­nes Un­ter­neh­mens u. a. ei­ne un­ter­scheid­ba­re Ein­heit von ei­ner ge­wis­sen Dau­er­haf­tig­keit und Sta­bi­lität sein kann, die zur Er­le­di­gung ei­ner oder meh­re­rer be­stimm­ter Auf­ga­ben be­stimmt ist und über ei­ne Ge­samt­heit von Ar­beit­neh­mern so­wie über tech­ni­sche Mit­tel und ei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tur zur Erfüllung die­ser Auf­ga­ben verfügt.
50 Durch die Ver­wen­dung der Aus­drücke „un­ter­scheid­ba­re Ein­heit“ und „im Rah­men ei­nes Un­ter­neh­mens“ hat der Ge­richts­hof klar­ge­stellt, dass sich die Be­grif­fe „Un­ter­neh­men“ und „Be­trieb“ un­ter­schei­den und dass der Be­trieb nor­ma­ler­wei­se Teil ei­nes Un­ter­neh­mens ist. Das schließt je­doch nicht aus, dass - so­fern ein Un­ter­neh­men nicht über meh­re­re un­ter­scheid­ba­re Ein­hei­ten verfügt - der Be­trieb und das Un­ter­neh­men eins sein können.
51 In Rn. 28 des Ur­teils Athi­naïki Char­to­poiïa (C-270/05, EU:C:2007:101) hat der Ge­richts­hof aus­geführt, dass die Richt­li­nie 98/59 die so­zioöko­no­mi­schen Aus­wir­kun­gen be­trifft, die Mas­sen­ent­las­sun­gen in ei­nem be­stimm­ten ört­li­chen Kon­text und ei­ner be­stimm­ten so­zia­len Um­ge­bung her­vor­ru­fen können, so dass die frag­li­che Ein­heit we­der recht­li­che noch wirt­schaft­li­che, fi­nan­zi­el­le, ver­wal­tungsmäßige oder tech­no­lo­gi­sche Au­to­no­mie be­sit­zen muss, um als „Be­trieb“ qua­li­fi­ziert wer­den zu können.
52 Folg­lich er­gibt sich aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass bei ei­nem Un­ter­neh­men, das aus meh­re­ren Ein­hei­ten be­steht, die die in den Rn. 47, 49 und 51 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Kri­te­ri­en erfüllen, der „Be­trieb“ im Sin­ne von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 98/59 von der Ein­heit ge­bil­det wird, der die von der Ent­las­sung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zur Erfüllung ih­rer Auf­ga­be an­gehören.
53 Die­se Recht­spre­chung ist auf die vor­lie­gen­de Rechts­sa­che an­zu­wen­den.
54 Es ist fest­zu­stel­len, dass die Be­grif­fe „Be­trieb“ bzw. „Be­trie­be“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. i der Richt­li­nie 98/59 die­sel­be Be­deu­tung ha­ben wie die Be­grif­fe „Be­trieb“ bzw. „Be­trie­be“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii die­ser Richt­li­nie.
55 In­so­weit ist der in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ge­richts­hof an­geführ­te Um­stand, dass der Be­griff „Be­trieb“ u. a. in der eng­li­schen, der spa­ni­schen, der französi­schen und der ita­lie­ni­schen Sprach­fas­sung die­ser Be­stim­mung in der Mehr­zahl ver­wen­det wird, un­er­heb­lich. Denn in die­sen Sprach­fas­sun­gen steht der Be­griff „Be­trieb“ so­wohl in Buchst. a Ziff. i als auch in Buchst. a Ziff. ii der Be­stim­mung in der Mehr­zahl. Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 53 sei­ner Schluss­anträge her­vor­ge­ho­ben hat, ver­wen­den zu­dem meh­re­re an­de­re Sprach­fas­sun­gen von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 die­sen Be­griff in der Ein­zahl, was die Aus­le­gung aus­sch­ließt, dass die in der letzt­ge­nann­ten Be­stim­mung vor­ge­se­he­ne Schwel­le al­le „Be­trie­be“ ei­nes „Un­ter­neh­mens“ er­fasst.
56 Die in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 ent­hal­te­ne Op­ti­on er­scheint - ab­ge­se­hen von den un­ter­schied­li­chen Zeiträum­en, in de­nen die Ent­las­sun­gen er­fol­gen - als ei­ne der in Buchst. a Ziff. i die­ser Be­stim­mung ent­hal­te­nen Op­ti­on im We­sent­li­chen gleich­wer­ti­ge Al­ter­na­ti­ve.
57 Kein Be­stand­teil des Wort­lauts von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 98/59 deu­tet dar­auf hin, dass den Be­grif­fen „Be­trieb“ bzw. „Be­trie­be“ in die­sem Un­ter­ab­satz der Be­stim­mung ei­ne un­ter­schied­li­che Be­deu­tung bei­zu­le­gen ist.
58 In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof in der dem Ur­teil Athi­naïki Char­to­poiïa (C-270/05, EU:C:2007:101) zu­grun­de lie­gen­den Rechts­sa­che nicht ge­prüft hat, ob sich die Hel­le­ni­sche Re­pu­blik für die in Buchst. a Ziff. i oder die in Buchst. a Ziff. ii von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 98/59 vor­ge­se­he­ne Lösung ent­schie­den hat­te. Der Te­nor die­ses Ur­teils be­trifft Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a, oh­ne zwi­schen den Op­tio­nen in Buchst. a Ziff. i und in Buchst. a Ziff. ii zu un­ter­schei­den.
59 Dass der Ge­setz­ge­ber den Mit­glied­staa­ten ei­ne Wahl zwi­schen den Op­tio­nen in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. i und Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 bie­tet, zeigt, dass der Be­griff „Be­trieb“ kei­ne völlig un­ter­schied­li­che Be­deu­tung ha­ben kann, je nach­dem, ob sich der be­tref­fen­de Mit­glied­staat für die ei­ne oder die an­de­re der ihm an­ge­bo­te­nen Al­ter­na­ti­ven ent­schie­den hat.
60 Darüber hin­aus würde ein Un­ter­schied von sol­cher Trag­wei­te dem im sieb­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 98/59 her­vor­ge­ho­be­nen Er­for­der­nis zu­wi­der­lau­fen, auf die An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten hin­zu­wir­ken.
61 Was die vom vor­le­gen­den Ge­richt auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge be­trifft, ob Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 ei­ne ge­son­der­te Berück­sich­ti­gung der in je­dem Be­trieb vor­ge­nom­me­nen Ent­las­sun­gen ver­langt, so würde die Aus­le­gung, wo­nach die­se Be­stim­mung es ver­lang­te, die Ge­samt­zahl der in al­len Be­trie­ben ei­nes Un­ter­neh­mens vor­ge­nom­me­nen Ent­las­sun­gen zu berück­sich­ti­gen, zwar die Zahl der Ar­beit­neh­mer, die in den Ge­nuss des Schut­zes der Richt­li­nie 98/59 ge­lan­gen könn­ten, er­heb­lich erhöhen, was ei­nem ih­rer Zie­le entspräche.
62 Es ist je­doch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­se Richt­li­nie nicht nur den Schutz der Ar­beit­neh­mer bei Mas­sen­ent­las­sun­gen stärken soll, son­dern auch ei­nen ver­gleich­ba­ren Schutz der Rech­te der Ar­beit­neh­mer in den ver­schie­de­nen Mit­glied­staa­ten im Fall von Mas­sen­ent­las­sun­gen gewähr­leis­ten und die für die Un­ter­neh­men in der Uni­on mit die­sen Schutz­vor­schrif­ten ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen ein­an­der an­glei­chen soll (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Kom­mis­si­on/Ver­ei­nig­tes König­reich, C-383/92, EU:C:1994:234, Rn. 16, Kom­mis­si­on/Por­tu­gal, C-55/02, EU:C:2004:605, Rn. 48, und Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., C-385/05, EU:C:2007:37, Rn. 43).
63 Ei­ne Aus­le­gung des Be­griffs „Be­trieb“ in dem in Rn. 61 des vor­lie­gen­den Ur­teils dar­ge­leg­ten Sin­ne würde aber zum ei­nen dem Ziel zu­wi­der­lau­fen, ei­nen ver­gleich­ba­ren Schutz der Rech­te der Ar­beit­neh­mer in al­len Mit­glied­staa­ten zu gewähr­leis­ten, und zum an­de­ren zu sehr un­ter­schied­li­chen Be­las­tun­gen für die Un­ter­neh­men führen, die - je nach der Wahl des be­tref­fen­den Mit­glied­staats - den In­for­ma­ti­ons- und Kon­sul­ta­ti­ons­pflich­ten nach den Art. 2 bis 4 der Richt­li­nie nach­zu­kom­men hätten, was auch dem vom Uni­ons­ge­setz­ge­ber ver­folg­ten Ziel zu­wi­der­lie­fe, für ein ver­gleich­ba­res Ge­wicht der Be­las­tun­gen in al­len Mit­glied­staa­ten zu sor­gen.
64 Hin­zu­zufügen ist, dass bei die­ser Aus­le­gung nicht nur ei­ne von ei­ner Mas­sen­ent­las­sung be­trof­fe­ne Grup­pe von Ar­beit­neh­mern in den An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie 98/59 fie­le, son­dern un­ter Umständen auch ein ein­zi­ger Ar­beit­neh­mer ei­nes Be­triebs - et­wa ei­nes Be­triebs, der sich in ei­ner von an­de­ren Be­trie­ben des­sel­ben Un­ter­neh­mens ge­trenn­ten und ent­fern­ten Stadt be­fin­det -, was dem übli­chen Sin­ne des Be­griffs „Mas­sen­ent­las­sung“ wi­derspräche. Außer­dem würde die Ent­las­sung die­ses ein­zi­gen Ar­beit­neh­mers die in den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 98/59, die für ei­nen der­ar­ti­gen Ein­zel­fall nicht ge­eig­net sind, vor­ge­se­he­nen In­for­ma­ti­ons- und Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren auslösen.
65 Es ist je­doch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Richt­li­nie 98/59 ein Min­dest­maß an Schutz in Be­zug auf die In­for­ma­ti­on und die Kon­sul­ta­ti­on von Ar­beit­neh­mern im Fall von Mas­sen­ent­las­sun­gen schafft (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., C-385/05, EU:C:2007:37, Rn. 44). In­so­weit ist fest­zu­stel­len, dass die Mit­glied­staa­ten nach Art. 5 der Richt­li­nie die Möglich­keit ha­ben, für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen oder für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re ta­rif­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen zu­zu­las­sen oder zu fördern.
66 Im Rah­men die­ser Möglich­keit er­laubt Art. 5 der Richt­li­nie 98/59 es den Mit­glied­staa­ten u. a., den in die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Schutz nicht nur den Ar­beit­neh­mern ei­nes Be­triebs im Sin­ne von Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie, die ent­las­sen wor­den sind oder ent­las­sen wer­den, zu gewähren, son­dern auch al­len Ar­beit­neh­mern, die von ei­ner Ent­las­sung durch ein Un­ter­neh­men oder ei­nen Teil ei­nes Un­ter­neh­mens des­sel­ben Ar­beit­ge­bers be­trof­fen sind, da der Be­griff „Un­ter­neh­men“ da­hin ver­stan­den wird, dass er die Ge­samt­heit der ein­zel­nen Beschäfti­gungs­ein­hei­ten die­ses Un­ter­neh­mens oder die­ses Un­ter­neh­mens­teils er­fasst.
67 Auch wenn die Mit­glied­staa­ten so­mit be­fugt sind, für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Vor­schrif­ten auf der Grund­la­ge von Art. 5 der Richt­li­nie 98/59 zu er­las­sen, sind sie je­doch an die au­to­no­me und ein­heit­li­che Aus­le­gung des uni­ons­recht­li­chen Be­griffs „Be­trieb“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. i und ii die­ser Richt­li­nie, wie sie sich aus Rn. 52 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, ge­bun­den.
68 Aus dem Vor­ste­hen­den folgt, dass die De­fi­ni­ti­on in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. i und Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 es er­for­dert, die Ent­las­sun­gen in je­dem Be­trieb für sich ge­nom­men zu berück­sich­ti­gen.
69 Die in den Rn. 47, 49 und 51 die­ses Ur­teils wie­der­ge­ge­be­ne Aus­le­gung des Be­griffs „Be­trieb“ durch den Ge­richts­hof wird durch die Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 11. März 2002 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer in der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft (ABl. L 80, S. 29) gestützt, in de­ren Art. 2 Buchst. a und b eben­falls klar zwi­schen dem Be­griff „Un­ter­neh­men“ und dem Be­griff „Be­trieb“ un­ter­schie­den wird.
70 Im vor­lie­gen­den Fall, in dem die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Ent­las­sun­gen bei zwei Ein­zel­han­dels­ket­ten vor­ge­nom­men wur­den, die ih­re Tätig­keit mit­tels La­den­geschäften, in de­nen meist we­ni­ger als 20 Ar­beit­neh­mer beschäftigt wa­ren, an ver­schie­de­nen Or­ten im ge­sam­ten Ge­biet des Mit­glied­staats ausübten, er­gibt sich aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen, dass die Em­ploy­ment Tri­bu­nals die Geschäfte, de­nen die von den Ent­las­sun­gen be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zu­ge­wie­sen wa­ren, als ge­son­der­te „Be­trie­be“ an­sa­hen. Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, zu prüfen, ob dies an­ge­sichts der kon­kre­ten Umstände des Aus­gangs­ver­fah­rens nach der in den Rn. 47, 49 und 51 des vor­lie­gen­den Ur­teils wie­der­ge­ge­be­nen Recht­spre­chung zu­trifft.
71 Un­ter die­sen Umständen ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass der Be­griff „Be­trieb“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 eben­so aus­zu­le­gen ist wie in Buchst. a Ziff. i die­ses Un­ter­ab­sat­zes und dass Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 in dem Sin­ne aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, die ei­ne Pflicht zur In­for­ma­ti­on und Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer vor­sieht, wenn in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mer ei­nes ein­zel­nen Be­triebs ei­nes Un­ter­neh­mens ent­las­sen wer­den, nicht aber, wenn die Ge­samt­zahl der Ent­las­sun­gen in al­len Be­trie­ben oder in be­stimm­ten Be­trie­ben ei­nes Un­ter­neh­mens in­ner­halb des­sel­ben Zeit­raums die Schwel­le von 20 Ar­beit­neh­mern er­reicht oder über­steigt.
72 Da die Prüfung durch den Ge­richts­hof nicht er­ge­ben hat, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Rechts­vor­schrif­ten des Ver­ei­nig­ten König­reichs nicht mit der Richt­li­nie 98/59 im Ein­klang ste­hen, ist die zwei­te Fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.

Kos­ten

73 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in den beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­strei­tig­kei­ten; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Fünf­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

Der Be­griff „Be­trieb“ in Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20. Ju­li 1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen ist eben­so aus­zu­le­gen wie in Buchst. a Ziff. i die­ses Un­ter­ab­sat­zes.

Art. 1 Abs. 1 Un­terabs. 1 Buchst. a Ziff. ii der Richt­li­nie 98/59 ist in dem Sin­ne aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, die ei­ne Pflicht zur In­for­ma­ti­on und Kon­sul­ta­ti­on der Ar­beit­neh­mer vor­sieht, wenn in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mer ei­nes ein­zel­nen Be­triebs ei­nes Un­ter­neh­mens ent­las­sen wer­den, nicht aber, wenn die Ge­samt­zahl der Ent­las­sun­gen in al­len Be­trie­ben oder in be­stimm­ten Be­trie­ben ei­nes Un­ter­neh­mens in­ner­halb des­sel­ben Zeit­raums die Schwel­le von 20 Ar­beit­neh­mern er­reicht oder über­steigt.

Un­ter­schrif­ten

* Ver­fah­rens­spra­che: Eng­lisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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