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BAG, Ur­teil vom 30.08.2016, 3 AZR 272/15

   
Schlagworte: Verzinsung, Versorgungskapital
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 3 AZR 272/15
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 30.08.2016
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Nürnberg, Urteil vom 03.12.2013, 4 Ca 3949/13
Landesarbeitsgericht Nürnberg, Urteil vom 09.03.2015, 7 Sa 64/14
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

3 AZR 272/15
7 Sa 64/14
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nürn­berg

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am 30. Au­gust 2016

UR­TEIL

Kauf­hold, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te, Re­vi­si­onskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

pp.

Kläger, Be­ru­fungskläger, Re­vi­si­ons­be­klag­ter und Re­vi­si­onskläger,

hat der Drit­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 30. Au­gust 2016 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Zwan­zi­ger, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Spin­ner, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ah­rendt so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Blöme­ke und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schüßler für Recht er­kannt:

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Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird - un­ter Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on des Klägers - das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 9. März 2015 - 7 Sa 64/14 - auf­ge­ho­ben, so­weit es der Be­ru­fung des Klägers statt­ge­ge­ben hat.

Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 3. De­zem­ber 2013 - 4 Ca 3949/13 - wird ins­ge­samt zurück­ge­wie­sen.

Der Kläger hat die Kos­ten der Be­ru­fung und des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Höhe der Ver­zin­sung ei­ner ka­pi­ta­li­sier­ten Leis­tung der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung.

Der Kläger war langjährig bei der Be­klag­ten beschäftigt und ist nach der Voll­endung des 65. Le­bens­jah­res im zwei­ten Halb­jahr 2011 aus dem Ar­beits­verhält­nis aus­ge­schie­den. Bei der Be­klag­ten gilt ei­ne Ge­samt­be­triebs­ver­ein­ba­rung „De­fer­red Com­pen­sa­ti­on Re­ge­lung“ (im Fol­gen­den DC-Re­ge­lung). Die­se ermöglicht den Ar­beit­neh­mern der Be­klag­ten den Auf­bau ei­nes Ru­he­geld­kon­tos durch Ent­gelt­um­wand­lung. Als An­la­ge zur DC-Re­ge­lung ver­ein­bar­ten die Be­klag­te und der Ge­samt­be­triebs­rat ei­ne Aus­zah­lungs­richt­li­nie. Die­se be­stimmt - in der für den Streit­fall maßge­ben­den Fas­sung - ua.:

„2.1 Aus­zah­lung in Ra­ten, ra­ten­lauf­zeit­abhängi­ge, marktübli­che Ver­zin­sung

2.1.1 Das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal (vgl. Ziff. 6.3 i.V.m. 7.2.2 der DC-Re­ge­lun­gen) wird nach Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls grundsätz­lich in max. 12 Jah­res­ra­ten aus­ge­zahlt.

...

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2.1.2 Die ers­te Jah­res­ra­te wird gem. Zif­fer 7.2.2 der DC-Re­ge­lun­gen zum auf den Ver­sor­gungs­fall gem. Ziff. 5.2 bzw. Ziff. 7.3 der DC-Re­ge­lun­gen fol­gen­den 31. März fällig. Wei­te­re Jah­res­ra­ten sind je­weils am 31. März der Fol­ge­jah­re fällig.

...

2.1.3 Das noch nicht aus­ge­zahl­te Ver­sor­gungs­ka­pi­tal in Höhe des Erlöses aus dem Ver­kauf der Geld­markt­fonds­an­tei­le ab­zgl. Ab­zugs­steu­ern wird mit ei­nem marktübli­chen Zins­satz p.a. ver­zinst, der abhängig ist von der durch­schnitt­li­chen Ra­ten­lauf­zeit. Das Un­ter­neh­men legt die­sen Zins­satz je­weils im Fe­bru­ar vor Aus­zah­lung der ers­ten Ra­te für je­de Ra­ten­an­zahl (2 bis 12 Ra­ten) fest. Die Fest­le­gung ist ver­bind­lich für die Aus­zah­lung al­ler Ra­ten die­ser Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten.“ 

Mit Schrei­ben vom 13. Fe­bru­ar 2012 teil­te die Be­klag­te dem Kläger mit, der Wert sei­ner Geld­markt­fonds­an­tei­le be­tra­ge zum 31. Ja­nu­ar 2012 363.534,48 Eu­ro. Dem Schrei­ben war als An­la­ge ein vorläufi­ger Aus­zah­lungs­plan bei­gefügt. Die­ser sah bei zwölf Jah­res­ra­ten ei­nen Zins­satz von 0,87 vH vor. Im Fe­bru­ar 2012 ent­schied sich der Kläger für die Aus­zah­lung in zwölf Jah­res­ra­ten. Un­ter dem 15. März 2012 über­sand­te die Be­klag­te dem Kläger den endgülti­gen Aus­zah­lungs­plan. Die­ser weist ein Ver­sor­gungs­ka­pi­tal iHv. 363.702,35 Eu­ro und ei­nen Zins­satz von 0,87 vH aus.

Mit sei­ner Kla­ge hat der Kläger ei­nen höhe­ren Zins­satz für die Ver­zin­sung sei­nes Ver­sor­gungs­ka­pi­tals be­gehrt. 

Er hat gel­tend ge­macht, die Be­klag­te sei nach der Aus­zah­lungs­richt­li­nie ver­pflich­tet, das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal zu ei­nem marktübli­chen Zins­satz zu ver­zin­sen. Un­ter ei­nem marktübli­chen Zins­satz sei der Zins­satz zu ver­ste­hen, der übli­cher­wei­se für ei­ne Al­ters­ver­sor­gung gewählt wer­de. Die­ser lie­ge bei min­des­tens 3,55 vH. Von ihm selbst im Rah­men ei­nes Ren­ten­ver­si­che­rungs­ver­trags an­ge­leg­tes Ka­pi­tal ha­be im Jahr 2012 ei­ne Ver­zin­sung iHv. 3,75 vH und im Jahr 2013 iHv. 3,55 vH er­reicht. Auch sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Be­klag­te die Möglich­keit ha­be, mit dem von ihm an­ge­spar­ten Ka­pi­tal zu ar­bei­ten.

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Da die Be­klag­te sein Ver­sor­gungs­ka­pi­tal je­doch le­dig­lich mit 0,87 vH ver­zin­se, schul­de sie ihm ei­ne wei­te­re Ver­zin­sung iHv. 2,68 vH.

Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 10.595,74 Eu­ro zu zah­len.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt und gel­tend ge­macht, ihr stünde nach Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie ein ein­sei­ti­ges Leis­tungs­be­stim­mungs­recht hin­sicht­lich des marktübli­chen Zins­sat­zes zu. Ein ver­bind­li­cher Maßstab, wie das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal zu ver­zin­sen sei, wer­de von der Aus­zah­lungs­richt­li­nie nicht vor­ge­ge­ben. Sie ha­be sich bei der Fest­le­gung des Zins­sat­zes auf die Zins­struk­tur­kur­ve für deut­sche und französi­sche Staats­null­ku­po­n­an-lei­hen (Bloom­berg Yield Cur­ve) gestützt. Der Zins­satz sei nach der Aus­zah­lungs­richt­li­nie von der durch­schnitt­li­chen Ra­ten­lauf­zeit abhängig und be­tra­ge des­halb bei zwölf Jah­res­ra­ten fünf­ein­halb Jah­re.

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat das En­dur­teil teil­wei­se ab­geändert und die Be­klag­te zur Zah­lung von 4.962,24 Eu­ro ver­ur­teilt. Es hat da­bei den Zins­satz aus der Zins­struk­tur­kur­ve für börsen­no­tier­te Bun­des­wert­pa­pie­re mit ei­ner Lauf­zeit von elf Jah­ren iHv. 2,13 vH zu­grun­de ge­legt. Der Kläger ver­folgt mit der Re­vi­si­on sei­nen darüber hin­aus­ge­hen­den Kla­ge­an­trag wei­ter. Die Be­klag­te er­strebt mit ih­rer Re­vi­si­on die vollständi­ge Kla­ge­ab­wei­sung.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet, die Re­vi­si­on der Be­klag­ten hin­ge­gen be­gründet. Die Kla­ge bleibt ins­ge­samt er­folg­los. Dem Kläger steht nach der Aus­zah­lungs­richt­li­nie kein höhe­rer als der, von der Be­klag­ten im März 2012, fest­ge­leg­te Zins­satz zu.

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I. Die Kla­ge ist - ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts - ins­ge­samt un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat rechts­feh­ler­haft nicht er­kannt, dass bei der Be­stim­mung des marktübli­chen Zins­sat­zes nach Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie eben­so wie bei der kon­kre­ten Fest­set­zung des Zins­sat­zes ei­ne Fest­le­gung nach bil­li­gem Er­mes­sen iSv. § 315 BGB durch die Be­klag­te zu er­fol­gen hat und der Zins­satz von der durch­schnitt­li­chen Ra­ten­lauf­zeit abhängig ist. Die Ent­schei­dung der Be­klag­ten, für die Ver­zin­sung des Ver­sor­gungs­ka­pi­tals den Zins­satz aus der Zins­struk­tur­kur­ve für Null­ku­pon­an­lei­hen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Französi­schen Re­pu­blik mit ei­ner Lauf­zeit von fünf­ein­halb Jah­ren iHv. 0,87 vH zu­grun­de zu le­gen, ist nicht un­bil­lig.

1. Die Be­klag­te ist nach Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie ver­pflich­tet, das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal mit ei­nem marktübli­chen Zins­satz zu ver­zin­sen, der von der durch­schnitt­li­chen Ra­ten­lauf­zeit abhängig ist. Die Be­stim­mung und Fest­le­gung des marktübli­chen Zins­sat­zes er­folgt nach bil­li­gem Er­mes­sen iSv. § 315 BGB durch die Be­klag­te. Dies er­gibt die Aus­le­gung der Aus­zah­lungs­richt­li­nie nach den für Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen maßgeb­li­chen Grundsätzen (vgl. zu die­sen statt vie­ler nur: BAG 8. De­zem­ber 2015 - 3 AZR 267/14 - Rn. 22; 9. Ok­to­ber 2012 - 3 AZR 539/10 - Rn. 21).

a) Die Aus­zah­lungs­richt­li­nie enthält kei­ne aus­drück­li­che Be­stim­mung, was un­ter ei­nem „marktübli­chen“ Zins­satz zu ver­ste­hen ist. Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch meint „marktüblich“ „wie auf dem frei­en Markt üblich“ (vgl. Du­den Deut­sches Uni­ver­salwörter­buch 5. Aufl. Stich­wort „marktüblich“; Wah­rig Deut­sches Wörter­buch 9. Aufl. Stich­wort „marktüblich“). Die Ver­wen­dung des un­be­stimm­ten Ar­ti­kels („ei­nem“) zeigt, dass die Be­triebs­par­tei­en nicht nur die Möglich­keit ver­schie­de­ner Zinssätze, son­dern auch ver­schie­de­ner Märk­te in Be­tracht ge­zo­gen ha­ben. Ein Zins­satz rich­tet sich ua. nach der kon­kre­ten Lauf­zeit der Geld­an­la­ge, der Bo­nität des Schuld­ners und da­mit dem Aus­fall- und Ver­lust­ri­si­ko. Zu­gleich weist das Wort „marktüblich“ dar­auf hin, dass der Zins­satz auf ei­nem auch für die Be­klag­te zugäng­li­chen Fi­nan­zie­rungs­markt zu er­wirt­schaf­ten sein soll, oh­ne dass die Be­klag­te tatsächlich ver­pflich­tet wäre, das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal ih­rer­seits ent­spre­chend an­zu­le­gen. Ei­ne wei­te­re Ein­gren-

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zung auf ei­nen be­stimm­ten Markt ha­ben die Be­triebs­par­tei­en nicht vor­ge­nom­men.

Nach der Aus­zah­lungs­richt­li­nie kommt der Be­klag­ten folg­lich bei der Fest­le­gung ei­nes marktübli­chen Zins­sat­zes ein Be­stim­mungs­recht zu. Die­ses er­streckt sich nicht nur auf die Fest­le­gung ei­nes kon­kre­ten Zins­sat­zes, son­dern auch auf die Aus­wahl des Mark­tes, auf den für die Fest­set­zung ei­nes kon­kre­ten Zins­sat­zes ab­ge­stellt wer­den soll. Das Be­stim­mungs­recht hat die Be­klag­te nach bil­li­gem Er­mes­sen aus­zuüben (§ 315 Abs. 1 BGB). Die­ses Verständ­nis von Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie ermöglicht ei­ne prak­ti­ka­ble Hand­ha­bung so­wie ei­ne Berück­sich­ti­gung der un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen der Ver­sor­gungs­empfänger ei­ner­seits und der Be­klag­ten an­de­rer­seits.

b) Die Leis­tungs­be­stim­mung nach bil­li­gem Er­mes­sen ver­langt ei­ne Abwägung der wech­sel­sei­ti­gen In­ter­es­sen nach ver­fas­sungs­recht­li­chen und ge­setz­li­chen Wer­tent­schei­dun­gen, den all­ge­mei­nen Wer­tungs­grundsätzen der Verhält­nismäßig­keit und An­ge­mes­sen­heit so­wie der Ver­kehrs­sit­te und Zu­mut­bar­keit. In die Abwägung sind al­le Umstände des Ein­zel­falls ein­zu­be­zie­hen. Wel­che Umstände dies im Ein­zel­nen sind, hängt auch von der Art der Leis­tungs­be­stim­mung ab, die der Be­rech­tig­te zu tref­fen hat (BAG 10. Ju­li 2013 - 10 AZR 915/12 - Rn. 28 mwN, BA­GE 145, 341). Maßgeb­lich ist der Zeit­punkt, in dem die Er­mes­sens­ent­schei­dung ge­trof­fen wird. Dem Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten ver­bleibt für die rechts­ge­stal­ten­de Leis­tungs­be­stim­mung ein nach bil­li­gem Er­mes­sen aus­zufüllen­der Spiel­raum. In­ner­halb des Spiel­raums können dem Be­stim­mungs­be­rech­tig­ten meh­re­re Ent­schei­dungsmöglich­kei­ten zur Verfügung ste­hen (BAG 8. De­zem­ber 2015 - 3 AZR 141/14 - Rn. 29; 15. Ja­nu­ar 2014 - 10 AZR 243/13 - Rn. 33 mwN, BA­GE 147, 128).

Die Leis­tungs­be­stim­mung durch ei­nen Teil ist für den an­de­ren ver­bind­lich, falls sie der Bil­lig­keit ent­spricht. Trifft der be­rech­tig­te Teil ei­ne Be­stim­mung, so ist ei­ne ge­richt­li­che Leis­tungs­be­stim­mung nur möglich, wenn die Be­stim­mung un­bil­lig ist (§ 315 Abs.3 BGB). Es ist nicht Auf­ga­be des Ge­richts, von vorn­her­ein sei­ne ei­ge­ne Ent­schei­dung an die Stel­le der Leis­tungs­be­stim­mung durch den hier­zu be­rech­tig­ten Teil zu set­zen.

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2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat nicht die im März 2012 von der Be­klag­ten ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung, den marktübli­chen Zins­satz an­hand der Zins­struk­tur­kur­ve für deut­sche und französi­sche Staats­null­ku­pon­an­lei­hen (Bloom­berg Yield Cur­ve) fest­zu­set­zen, auf de­ren Bil­lig­keit über­prüft, son­dern ei­ne ei­ge­ne Be­stim­mung vor­ge­nom­men und da­mit § 315 BGB ver­letzt. Die­ser Rechts­feh­ler des Lan­des­ar­beits­ge­richts und der Um­stand, dass der maßgeb­li­che Sach­ver­halt fest­steht, be­rech­ti­gen den Se­nat die ge­bo­te­ne Prüfung selbst vor­zu­neh­men (vgl. BAG 23. Ju­ni 2015 - 9 AZR 125/14 - Rn. 26). Da­nach ent­spricht die Fest­le­gung des marktübli­chen Zins­sat­zes durch die Be­klag­te im März 2012 der Bil­lig­keit.

a) Mit der Ori­en­tie­rung an deut­schen und französi­schen Staats­an­lei­hen hat die Be­klag­te ei­nen Markt be­stimmt, des­sen Aus­wahl bil­li­gem Er­mes­sen ent­spricht.

Maßge­bend hierfür ist, dass es im Sta­di­um der Aus­zah­lung des während des Er­werbs­le­bens er­ar­bei­te­ten Ver­sor­gungs­ka­pi­tals nicht mehr um des­sen wei­te­ren Auf­bau geht. Der Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls stellt ei­ne ent­schei­den­de Zäsur dar. Des­halb kann - ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers - auch nicht auf den Zins­satz ei­ner von ihm selbst ab­ge­schlos­se­nen und fi­nan­zier­ten Ka­pi­tal­le­bens- oder Ren­ten­ver­si­che­rung ab­ge­stellt wer­den. Sein Hin­weis, der­ar­ti­ge Ver­si­che­run­gen stell­ten ei­nen übli­chen Durchführungs­weg der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung dar, verfängt nicht. Die­ser Ge­sichts­punkt wäre während der Auf­bau­pha­se vor dem Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls zu berück­sich­ti­gen, nicht aber für die Ver­zin­sung ei­nes be­reits an­ge­spar­ten Ver­sor­gungs­ka­pi­tals. Es ist auch nicht er­sicht­lich, dass im Jahr 2012 ei­ne Ka­pi­tal­le­bens- oder Ren­ten­ver­si­che­rung mit ei­nem ga­ran­tier­ten Zins­satz von 3,55 vH für die An­la­ge ei­nes Ein­mal­ka­pi­tals in der Höhe des Ver­sor­gungs­ka­pi­tals des Klägers und der Aus­zah­lung in zwölf Jah­res­ra­ten an­ge­bo­ten wur­de.

Da­her ent­spricht es der Bil­lig­keit, wenn die Be­klag­te für die Be­stim­mung des maßgeb­li­chen Mark­tes dar­auf ab­ge­stellt hat, wie ein er­reich­tes Ver­sor­gungs­ka­pi­tal si­cher an­zu­le­gen ist. Das spricht dafür, ei­nen Zins­satz als marktüblich an­zu­se­hen, der für ri­si­ko­ar­me Fi­nanz­an­la­gen, wie et­wa Staats­an-

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lei­hen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Französi­schen Re­pu­blik, zu er­wirt­schaf­ten ist. Bei deut­schen und französi­schen Staats­an­lei­hen ist von ei­nem äußerst ge­rin­gen Aus­fall­ri­si­ko aus­zu­ge­hen. Auch ein Wech­sel­kurs­ri­si­ko be­steht nicht.

b) Eben­so we­nig ist es un­bil­lig, dass sich die Be­klag­te auf dem Markt für Staats­an­lei­hen an deut­schen und französi­schen Staats­null­ku­pon­an­lei­hen ori­en­tiert hat. Null­ku­pon­an­lei­hen sind ei­ne übli­che lauf­zei­tori­en­tier­te An­la­ge­form. Es ist des­halb un­ter Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­ten nicht zu be­an­stan­den, wenn die Be­klag­te auf den für die­se gel­ten­den Zins­satz in­ner­halb des Mark­tes für Staats­an­lei­hen ab­ge­stellt hat.

c) Sch­ließlich ist es nicht un­bil­lig, dass sich die Be­klag­te an ei­ner Zins­struk­tur­kur­ve ori­en­tiert hat. Zwar steht we­der der Zins­struk­tur­kur­ve noch der Ren­di­te­kur­ve ein am Markt han­del­ba­res Wert­pa­pier ge­genüber. Ei­ne Zins­struk­tur­kur­ve ist ei­ne gra­phi­sche Dar­stel­lung der je­weils gel­ten­den Zinssätze für kurz-, mit­tel- und lang­fris­ti­ge An­la­gen. Aus ei­ner Zins­struk­tur­kur­ve las­sen sich aber das kurz­fris­tig und das lang­fris­tig er­war­te­te Zins­ni­veau ab­lei­ten, das mit si­che­ren An­la­gen zu er­zie­len ist. Ei­ne Zins­struk­tur­kur­ve ist des­halb ge­eig­net, ei­nen marktübli­chen Zins zu be­stim­men.

3. Die Ent­schei­dung der Be­klag­ten ei­nen Zins­satz iHv. 0,87 vH fest­zu­le­gen ist auch nicht des­halb recht­lich zu be­an­stan­den, weil die Be­klag­te da­bei ei­ne rech­ne­ri­sche Zins­kur­ve für ei­ne Lauf­zeit von fünf­ein­halb Jah­ren zu­grun­de ge­legt hat. Dies ent­spricht viel­mehr den Vor­ga­ben der Aus­zah­lungs­richt­li­nie und ist von ihr ge­for­dert.

Das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal des Klägers ist - wo­von die Par­tei­en übe­rein­stim­mend aus­ge­hen - in zwölf Jah­res­ra­ten aus­zu­zah­len. Die ers­te Jah­res­ra­te wur­de zu Be­ginn der Aus­zah­lungs­zeit zum 31. März 2012 fällig. Die zwölf­te und letz­te Jah­res­ra­te wird elf Jah­re nach dem Be­ginn der Aus­zah­lung, zum 31. März 2023, fällig. Nach elf Jah­ren wird folg­lich das Ver­sor­gungs­ka­pi­tal an den Kläger vollständig aus­ge­zahlt sein. Die durch­schnitt­li­che Ra­ten­lauf­zeit nach Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie beträgt folg­lich fünf­ein­halb Jah­re. Die Be-

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triebs­par­tei­en ha­ben zwar die durch­schnitt­li­che Ra­ten­lauf­zeit nicht ge­son­dert de­fi­niert. Nach der Sys­te­ma­tik der Aus­zah­lungs­richt­li­nie ist da­mit je­doch die durch­schnitt­li­che Aus­zah­lungs­dau­er be­zo­gen auf das ge­sam­te Ver­sor­gungs­ka­pi­tal des je­wei­li­gen Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten ge­meint und nicht die durch­schnitt­li­che Ra­ten­lauf­zeit al­ler Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten. Für die­ses Verständ­nis spricht schon der zwei­te Satz in Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie, der ei­ne Fest­le­gung für je­de Ra­ten­lauf­zeit vor­sieht. Auch der letz­te Satz in Nr. 2.1.3 der Aus­zah­lungs­richt­li­nie, wo­nach der fest­ge­leg­te Zins­satz für die Aus­zah­lung al­ler Ra­ten die­ser Ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten ver­bind­lich sein soll, bestätigt dies. Ei­ner sol­chen Klar­stel­lung be­darf es nur, wenn die Ra­ten­lauf­zeit und die durch­schnitt­li­che Ra­ten­lauf­zeit un­ter­schied­lich sind. Weil das aus­zu­zah­len­de Ver­sor­gungs­ka­pi­tal da­nach als für fünf­ein­halb Jah­re ge­bun­den an­zu­se­hen ist, war für die Be­klag­te die „Cur­ve 13“ des Markt­in­for­ma­ti­ons­sys­tems „Bloom­berg“ maßgeb­lich, die die Ren­di­te deut­scher und französi­scher Staats­an­lei­hen mit ei­ner be­stimm­ten Rest­lauf­zeit wie­der­gibt und bei ei­ner Lauf­zeit von fünf­ein­halb Jah­ren zu ei­nem Zins­satz von 0,87 vH führt.

4. Auf die von den Par­tei­en er­ho­be­nen Ver­fah­rensrügen kommt es da­nach nicht an.

II. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 91 Abs. 1, § 97 Abs. 1 ZPO. 

Zwan­zi­ger
Spin­ner
Ah­rendt
Blöme­ke
Schüßler

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