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BAG, Ur­teil vom 21.08.2019, 7 AZR 572/17

   
Schlagworte: Befristung des Arbeitsvertrags, Befristung: Missbrauch, Befristung: Sachgrund, Befristung: Vorübergehender Bedarf, Zeitbefristung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 7 AZR 572/17
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 21.08.2019
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Erfurt, Urteil vom 15.07.2016, 8 Ca 2776/15,
Landesarbeitsgericht Thüringen, Urteil vom 18.10.2017, 6 Sa 287/16
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

7 AZR 572/17
6 Sa 287/16
Thürin­ger
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
21. Au­gust 2019

UR­TEIL

Schie­ge, Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

 

Kläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin,

 

pp.

 

Be­klag­ter, Be­ru­fungskläger und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

 

hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21. Au­gust 2019 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Bun­de­sar­beits­ge­richt Gräfl, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Klo­se, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Renn­pferdt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Glatt-Ei­pert und Meißner für Recht er­kannt:

 

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Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird das Ur­teil des Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 18. Ok­to­ber 2017 - 6 Sa 287/16 - auf­ge­ho­ben.

Die Sa­che wird zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung - auch über die Kos­ten der Re­vi­si­on - an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

 

Von Rechts we­gen!

 

Tat­be­stand

 

Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob ihr Ar­beits­verhält­nis auf­grund Be­fris­tung am 31. De­zem­ber 2015 ge­en­det hat.

1

Nach­dem zwi­schen den Par­tei­en be­reits in der Zeit vom 7. Ja­nu­ar 2013 bis zum 26. Sep­tem­ber 2013 ein Ar­beits­verhält­nis be­stan­den hat­te, stell­te der be­klag­te Frei­staat, ver­tre­ten durch den Präsi­den­ten des Thürin­ger Lan­des­ver-wal­tungs­amts, die Kläge­rin er­neut mit Ar­beits­ver­trag vom 17./19. De­zem­ber 2013 be­fris­tet für die Zeit vom 1. Ja­nu­ar 2014 bis zum 31. De­zem­ber 2014 als Teil­zeit­beschäftig­te ein. Die­ser Ar­beits­ver­trag wur­de drei­mal verlängert, und zwar mit dem Ände­rungs­ver­trag vom 16./17. De­zem­ber 2014 bis zum 31. Au­gust 2015, mit dem Ände­rungs­ver­trag vom 15./20. Ja­nu­ar 2015 bis zum 31. Ok­to­ber 2015 so­wie mit dem Ände­rungs­ver­trag vom 21./29. Ok­to­ber 2015 bis zum 31. De­zem­ber 2015. Die Kläge­rin war im Re­fe­rat 460 „Länd­li­cher Raum“ des Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amts ein­ge­setzt. Die­ses nahm die Auf­ga­ben der Obe­ren Na­tur­schutz­behörde wahr und war für die Be­wil­li­gung und Ab­wick­lung von Förder­maßnah­men zuständig. Hier­zu gehörten Förder­maßnah­men, die auf der Grund­la­ge der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1698/2005 vom 20. Sep­tem­ber 2005 über die Förde­rung der Ent­wick­lung des länd­li­chen Rau­mes (ELER) und der zum 31. De­zem­ber 2015 be­fris­te­ten Richt­li­nie des Thürin­ger Mi­nis­te­ri­ums für Land­wirt­schaft, Na­tur­schutz und Um­welt zur Förde­rung von Maßnah­men zur Ent­wick­lung von Na­tur und Land­schaft vom 14. Mai 2008

 

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(ENL) durch­geführt wur­den. Die Kläge­rin war aus­sch­ließlich mit Ver­wal­tungs­auf­ga­ben im Zu­sam­men­hang mit Förder­maßnah­men auf der Grund­la­ge der ELER/ENL be­fasst. Die Förder­pe­ri­ode be­gann am 1. Ja­nu­ar 2007 und en­de­te am 31. De­zem­ber 2013. Auf­grund ei­ner Über­g­angs­re­ge­lung konn­ten da­nach noch ENL-Rest­mit­tel in Höhe von 3,4 Mio. Eu­ro aus­ge­reicht wer­den.

2

Das Thürin­ger Mi­nis­te­ri­um für Um­welt, En­er­gie und Na­tur­schutz wies das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt mit Schrei­ben von 1. Ju­li 2015 dar­auf hin, dass die Zuständig­keit für die Be­wil­li­gung neu­er ENL-Vor­ha­ben im Rah­men der neu­en Förder­pe­ri­ode ab dem 1. Ju­li 2015 auf die Thürin­ger Auf­bau­bank über­ge­he. Das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt blei­be für die vor dem 1. Ju­li 2015 be­wil­lig­ten Vor­ha­ben die zuständi­ge ENL-Be­wil­li­gungs­behörde. Ab dem 1. Ju­li 2015 sei die Be­wil­li­gung neu­er ENL-Vor­ha­ben mit Mit­teln der al­ten Förder­pe­ri­ode nicht mehr möglich. Zulässig sei­en nur ge­ringfügi­ge Ände­run­gen und Ver­länge­run­gen be­wil­lig­ter Pro­jek­te. Es sei zu be­ach­ten, dass al­le ENL-Vor­ha­ben aus der al­ten Förder­pe­ri­ode spätes­tens bis zum En­de des Jah­res 2015 ab­ge­schlos­sen sein müss­ten. Mit E-Mail vom 3. Au­gust 2015 wies das Thürin­ger Mi­nis­te­ri­um für Um­welt, En­er­gie und Na­tur­schutz noch­mals auf die Möglich­keit hin, ENL-Rest­mit­tel für die Verlänge­rung von Vor­ha­ben zu nut­zen, um die För­derlücke zwi­schen al­ter und neu­er Förder­pe­ri­ode möglichst ge­ring zu hal­ten.

3

Mit ih­rer am 21. De­zem­ber 2015 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge, die dem in der Kla­ge­schrift als be­klag­te Par­tei be­zeich­ne­ten Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt am 11. Ja­nu­ar 2016 zu­ge­stellt wur­de, hat die Kläge­rin die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Be­fris­tung zum 31. De­zem­ber 2015 sei un­wirk­sam, da sie nicht durch ei­nen Sach­grund ge­recht­fer­tigt sei.

4

Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den

Par­tei­en nicht auf­grund der Be­fris­tung zum 31. De­zem­ber 2015 be­en­det ist.

5

Der Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Be­fris­tung sei we­gen ei­nes vorüber­ge­hen­den Be­darfs an der Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG ge­recht-

 

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fer­tigt. Bei der er­neu­ten Ein­stel­lung der Kläge­rin mit dem Ar­beits­ver­trag vom 17./19. De­zem­ber 2013 sei auf­grund der durch die Über­g­angs­re­ge­lung eröff­ne­ten Möglich­keit, ENL-Rest­mit­tel in Höhe von 3,4 Mio. Eu­ro bis zum 31. De­zem­ber 2014 aus­zu­rei­chen, und der Not­wen­dig­keit, im Nach­gang zu den be­reits aus­ge­reich­ten Mit­teln Ver­wal­tungs­kon­trol­len, Vor-Ort-Kon­trol­len so­wie Ver­wen­dungs­nach­weisprüfun­gen durch­zuführen, ein vorüber­ge­hen­der Be­schäfti­gungs­be­darf für die Kläge­rin bis zum 31. De­zem­ber 2014 pro­gnos­ti­ziert wor­den. Im Jahr 2014 sei über­ra­schend be­kannt ge­wor­den, dass Neu­be­wil­li­gun­gen auch noch im Jahr 2015 möglich wa­ren und dass dafür er­heb­li­che Mit­tel zur Verfügung stan­den. Des­halb ha­be der Lei­ter des Re­fe­rats 460 des Thü­rin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amts im No­vem­ber 2014 ei­nen vorüber­ge­hen­den Be­schäfti­gungs­be­darf für die Kläge­rin bis zum 31. De­zem­ber 2015 pro­gnos­ti­ziert. Das zuständi­ge Mi­nis­te­ri­um ha­be zunächst nur ei­ner Beschäfti­gung der Kläge­rin bis zum 31. Au­gust 2015 und da­nach bis zum 31. Ok­to­ber 2015 zu­ge­stimmt, so dass es zu den ent­spre­chen­den wei­te­ren Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen ge­kom­men sei. Auf­grund der An­wei­sung des Mi­nis­te­ri­ums vom 1. Ju­li 2015, die Vorgänge bis zum Jah­res­en­de 2015 ab­zu­sch­ließen, und der Möglich­keit, be­reit­ste­hen­de Mit­tel für die Verlänge­rung geförder­ter Maßnah­men zu nut­zen, ha­be sich der Ar­beits­auf­wand im zwei­ten Halb­jahr 2015 noch ein­mal deut­lich erhöht. Bei Ab­schluss des letz­ten Ände­rungs­ver­trags am 21./29. Ok­to­ber 2015 ha­be we­gen des Außer­kraft­tre­tens der ENL-Richt­li­nie zum 31. De­zem­ber 2015 und des Wech­sels der Zuständig­keit für ent­spre­chen­de Förder­maßnah­men zur Thürin­ger Auf­bau­bank fest­ge­stan­den, dass die Ab­wick­lung der ENL-Förder-maßnah­men aus der Förder­pe­ri­ode 2007 bis 2013 nach dem 31. De­zem­ber 2015 durch die Stamm­be­leg­schaft bewältigt wer­den könne.

6

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. In dem Ur­teil ist das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt als be­klag­te Par­tei be­zeich­net. Auf die vom Frei­staat Thürin­gen ein­ge­leg­te Be­ru­fung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt un­ter Ände­rung des Pas­sivru­brums auf den Frei­staat Thürin­gen die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on be­gehrt die Kläge­rin die Wie­der­her­stel­lung der ers­tin-stanz­li­chen Ent­schei­dung.

 

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Ent­schei­dungs­gründe

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Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung und zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das Lan­des­ar­beits­ge­richt. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­nen Be­grün­dung kann die Kla­ge nicht ab­ge­wie­sen wer­den. Der Se­nat kann auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen nicht ab­sch­ließend be­ur­tei­len, ob das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en auf­grund der im Ar­beits­ver­trag vom 21./29. Ok­to­ber 2015 ver­ein­bar­ten Be­fris­tung am 31. De­zem­ber 2015 ge­en­det hat.

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A. Die Kla­ge ist zulässig. Der Kla­ge­an­trag, mit dem die Kläge­rin die Fest­stel­lung be­gehrt, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht auf­grund der Be­fris­tung am 31. De­zem­ber 2015 be­en­det wur­de, ist hin­rei­chend be­stimmt iSd. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO.

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Nach § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO muss der Streit­ge­gen­stand so kon­kret um­schrie­ben wer­den, dass der Um­fang der Rechts­kraft­wir­kung für die Par­tei­en nicht zwei­fel­haft ist (BAG 27. Ju­li 2016 - 7 ABR 16/14 - Rn. 13 mwN). Zwar soll­te das Da­tum der Be­fris­tungs­ab­re­de ne­ben dem streit­be­fan­ge­nen Be­en­di­gungs­ter­min im Kla­ge­an­trag be­zeich­net wer­den, um die not­wen­di­ge Be­stimmt­heit ein­deu­tig zu gewähr­leis­ten. Es genügt aber, wenn sich der Ver­trag, der die an­ge­grif­fe­ne Be­fris­tung enthält, im We­ge der Aus­le­gung aus dem wei­te­ren Kla-ge­vor­brin­gen er­gibt (vgl. BAG 23. Ja­nu­ar 2019 - 7 AZR 733/16 - Rn. 9; 15. Mai 2012 - 7 AZR 6/11 - Rn. 9; 20. Ja­nu­ar 2010 - 7 AZR 542/08 - Rn. 9).

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Zwar hat die Kläge­rin den Ar­beits­ver­trag, des­sen Be­fris­tung an­ge­grif­fen wird, im An­trag nicht aus­drück­lich ge­nannt. Sie hat je­doch be­reits in der Kla­ge­schrift so­wohl den Ar­beits­ver­trag vom 17./19. De­zem­ber 2013 als auch die Än­de­rungs­verträge vom 16./17. De­zem­ber 2014, vom 15./20. Ja­nu­ar 2015 und vom 21./29. Ok­to­ber 2015 be­nannt, in Ko­pie zur Ak­te ge­reicht und da­zu gel­tend ge­macht, dass „spätes­tens die letz­te, in der Ver­trags­verlänge­rung vom

 

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21.10.2015 vor­ge­nom­me­ne Be­fris­tung ... nicht (mehr) ge­recht­fer­tigt“ sei. Da­mit hat sie hin­rei­chend deut­lich zum Aus­druck ge­bracht, dass sie sich mit ih­rer Kla­ge ge­gen die in dem Ände­rungs­ver­trag vom 21./29. Ok­to­ber 2015 ver­ein­bar­te Be­fris­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31. De­zem­ber 2015 wen­det.

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B. Auf­grund der bis­lang ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen lässt sich nicht be­ur­tei­len, ob die Kla­ge be­gründet ist.

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I. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­nen Be­gründung kann die Kla­ge nicht ab­ge­wie­sen wer­den.

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1. Al­ler­dings hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu Recht den Frei­staat Thürin­gen als be­klag­te Par­tei an­ge­se­hen. Die Kläge­rin hat mit der Be­fris­tungs­kon­troll-kla­ge von An­fang an den Frei­staat Thürin­gen in An­spruch ge­nom­men und nicht das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt, wel­ches sie zunächst als be­klag­te Par­tei be­zeich­net hat­te. Dies er­gibt die Aus­le­gung der Kla­ge­schrift.

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a) Nach § 253 Abs. 2 Nr. 1 ZPO muss die Kla­ge­schrift die Be­zeich­nung der Par­tei­en ent­hal­ten. Ist die Be­zeich­nung nicht ein­deu­tig, ist die Par­tei durch Aus­le­gung zu er­mit­teln. Die­se Aus­le­gung ob­liegt auch dem Re­vi­si­ons­ge­richt (BAG 20. Fe­bru­ar 2014 - 2 AZR 248/13 - Rn. 15, BA­GE 147, 227). Da­bei sind nicht nur die im Ru­brum der Kla­ge­schrift ent­hal­te­nen An­ga­ben, son­dern auch die Kla­ge­be­gründung so­wie der Kla­ge­schrift bei­gefügte An­la­gen zu berück­sich­ti­gen (BAG 20. Ja­nu­ar 2010 - 7 AZR 753/08 - Rn. 13, BA­GE 133, 105; 1. März 2007 - 2 AZR 525/05 - Rn. 13; BGH 29. März 2017 - VIII ZR 11/16 - Rn. 20, BGHZ 214, 294). Auch bei äußer­lich ein­deu­ti­ger, aber of­fen­kun­dig un­rich­ti­ger Be­zeich­nung ist grundsätz­lich die­je­ni­ge Per­son als Par­tei an­zu­se­hen, die er­kenn­bar mit der Par­tei­be­zeich­nung ge­meint ist (BAG 20. Ja­nu­ar 2010 - 7 AZR 753/08 - Rn. 13, aaO; 1. März 2007 - 2 AZR 525/05 - Rn. 12 mwN; BGH 29. März 2017 - VIII ZR 11/16 - Rn. 19, aaO; 24. Ja­nu­ar 1952 - III ZR 196/50 - BGHZ 4, 328). Die Be­rich­ti­gung ei­ner of­fen­sicht­lich un­rich­ti­gen Par­tei­be­zeich­nung ist während des ge­sam­ten Ver­fah­rens möglich.

 

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b) Da­nach hat die Kläge­rin die Be­fris­tungs­kon­troll­kla­ge von An­fang an ge­gen den Frei­staat Thürin­gen ge­rich­tet. Zwar hat die Kläge­rin in der Kla­ge­schrift das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt als be­klag­te Par­tei be­zeich­net. Der Kla­ge­schrift wa­ren je­doch die Ar­beits­verträge bei­gefügt, die sie mit dem Frei­staat Thürin­gen ge­schlos­sen hat­te. Ver­trags­ar­beit­ge­ber ist schon aus Rechts­gründen der Frei­staat Thürin­gen und nicht das Lan­des­ver­wal­tungs­amt als des­sen Behörde. Träge­rin öffent­li­cher und pri­va­ter Rech­te und Pflich­ten und als sol­che rechts- so­wie par­teifähig ist die öffent­lich-recht­li­che Ge­bietskörper­schaft, vor­lie­gend al­so der Frei­staat Thürin­gen. Dies hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu Recht bei der Be­zeich­nung des Pas­sivru­brums berück­sich­tigt. Durch die erst im zwei­ten Rechts­zug und nach Ab­lauf der Drei­wo­chen­frist des § 17 Satz 1 Tz­B­fG er­folg­te Be­rich­ti­gung der Par­tei­be­zeich­nung wur­den kei­ne pro­zes­sua­len Rech­te des be­klag­ten Frei­staa­tes verkürzt. Die­ser hat­te durch sei­nen Ver­tre­ter, das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt, von An­fang an Kennt­nis von der pro­zes­sua­len In­an­spruch­nah­me durch die Kläge­rin. Er hat hier­ge­gen auch kei­ne Ein­wen­dun­gen er­ho­ben, son­dern selbst die Be­ru­fung ge­gen das erst­in­stanz­li­che Ur­teil im ei­ge­nen Na­men ein­ge­legt. Ein­wen­dun­gen hier­ge­gen hat auch die Kläge­rin nicht er­ho­ben.

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2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auch zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass al­lein der letz­te am 21./29. Ok­to­ber 2015 ab­ge­schlos­se­ne Ar­beits­ver­trag der Be­fris­tungs­kon­trol­le un­ter­liegt.

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a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Se­nats un­ter­liegt bei meh­re­ren auf­ein­an­der­fol­gen­den be­fris­te­ten Ar­beits­verträgen grundsätz­lich nur der letz­te Ar­beits­ver­trag der Be­fris­tungs­kon­trol­le. Aus­nahms­wei­se ist der vor­letz­te Ar­beits­ver­trag der Be­fris­tungs­kon­trol­le zu un­ter­zie­hen, wenn es sich bei dem nach­fol­gen­den - letz­ten - Ar­beits­ver­trag um ei­nen un­selbständi­gen An­nex zum vor­he­ri­gen Ver­trag han­delt. Von ei­nem An­nex ist al­ler­dings nicht schon dann aus­zu­ge­hen, wenn der letz­te und der vor­letz­te Ver­trag in den Ver­trags­be­din­gun­gen übe­rein­stim­men und auch die zu erfüllen­de Ar­beits­auf­ga­be die glei­che bleibt. Es müssen viel­mehr be­son­de­re Umstände hin­zu­kom­men. Die­se lie­gen vor, wenn der An­schluss­ver­trag le­dig­lich ei­ne verhält­nismäßig ge­ringfügi­ge Kor-

 

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rek­tur des im frühe­ren Ver­trag ver­ein­bar­ten End­zeit­punkts be­trifft, die­se Kor­rek­tur sich am Sach­grund für die Be­fris­tung des frühe­ren Ver­trags ori­en­tiert und al­lein in der An­pas­sung der ursprüng­lich ver­ein­bar­ten Ver­trags­zeit an später ein­tre­ten­de, zum Zeit­punkt des vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­trags­ab­schlus­ses nicht vor­her­seh­ba­re Umstände be­steht. Al­les in al­lem darf es den Par­tei­en nur dar­um ge­gan­gen sein, die Lauf­zeit des al­ten Ver­trags mit dem Sach­grund der Be­fris­tung in Ein­klang zu brin­gen (vgl. BAG 23. Mai 2018 - 7 AZR 875/16 - Rn. 15, BA­GE 163, 16; 24. Fe­bru­ar 2016 - 7 AZR 182/14 - Rn. 21; 6. Ok­to­ber 2010 - 7 AZR 397/09 - Rn. 13, BA­GE 136, 17; 25. März 2009 - 7 AZR 34/08 - Rn. 9 mwN).

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b) Da­nach un­ter­liegt nur der letz­te Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en vom 21./29. Ok­to­ber 2015 der Be­fris­tungs­kon­trol­le. Bei dem letz­ten Ar­beits­ver­trag han­delt es sich nicht um ei­nen un­selbständi­gen An­nex zum Ver­trag vom 15./20. Ja­nu­ar 2015 oder zum Ver­trag vom 16./17. De­zem­ber 2014. Den Par­tei­en ging es mit der Ver­trags­verlänge­rung nicht um ei­ne am Sach­grund für die Be­fris­tung des frühe­ren Ver­trags ori­en­tier­te An­pas­sung des Ver­trags­en­des an erst später ein­ge­tre­te­ne, zum Zeit­punkt des vor­an­ge­gan­ge­nen Ver­trags­schlus­ses nicht vor­her­seh­ba­re Umstände. Viel­mehr be­ruht die Be­fris­tung auf ei­ner neu­en Pro­gno­se­ent­schei­dung des Be­klag­ten, nach­dem die Zuständig­keit für die Be­wil­li­gung neu­er ENL-Vor­ha­ben im Rah­men der neu­en Förder­pe­ri­ode ab dem 1. Ju­li 2015 auf die Thürin­ger Auf­bau­bank über­ge­gan­gen ist.

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3. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist je­doch mit ei­ner rechts­feh­ler­haf­ten Be­gründung zu dem Er­geb­nis ge­langt, die Be­fris­tung des letz­ten Ar­beits­ver­trags der Par­tei­en zum 31. De­zem­ber 2015 sei durch den Sach­grund des nur vo­rüber­ge­hen­den Be­darfs an der Ar­beits­leis­tung nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG ge­recht­fer­tigt.

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a) Nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG liegt ein sach­li­cher Grund für die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­trags vor, wenn der be­trieb­li­che Be­darf an der Ar­beits­leis­tung nur vorüber­ge­hend be­steht. Ein vorüber­ge­hen­der Beschäfti­gungs­be­darf in dem Be­trieb oder der Dienst­stel­le kann so­wohl durch ei­nen vorüber­ge­hen­den An­stieg des Ar­beits­vo­lu­mens im Be­reich der Dau­er­auf­ga­ben des

 

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Ar­beit­ge­bers ent­ste­hen als auch durch die Über­nah­me ei­nes Pro­jekts oder ei­ner Zu­satz­auf­ga­be, für de­ren Er­le­di­gung das vor­han­de­ne Stamm­per­so­nal nicht aus­reicht (vgl. et­wa BAG 16. Ja­nu­ar 2018 - 7 AZR 21/16 - Rn. 16; 27. Ju­li 2016 - 7 AZR 545/14 - Rn. 17 mwN), oder dar­aus, dass sich der Ar­beits­kräfte­be­darf künf­tig ver­rin­gern wird (vgl. hier­zu BT-Drs. 14/4374 S. 19). Der Sach­grund setzt vor­aus, dass im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses mit hin­rei­chen­der Si­cher­heit zu er­war­ten ist, dass nach dem vor­ge­se­he­nen Ver­trags­en­de für die Beschäfti­gung des be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mers in dem Be­trieb oder der Dienst­stel­le kein dau­er­haf­ter Be­darf mehr be­steht. Hierüber hat der Ar­beit­ge­ber bei Ab­schluss des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags ei­ne Pro­gno­se zu er­stel­len, der kon­kre­te An­halts­punk­te zu­grun­de lie­gen müssen. Die Pro­gno­se ist Teil des Sach­grunds für die Be­fris­tung. Die tatsächli­chen Grund­la­gen für die Pro­gno­se hat der Ar­beit­ge­ber im Pro­zess dar­zu­le­gen (st. Rspr. BAG 16. Ja­nu­ar 2018 - 7 AZR 21/16 - Rn. 16; 21. März 2017 - 7 AZR 222/15 - Rn. 28; 17. März 2010 - 7 AZR 640/08 - Rn. 12 f., BA­GE 133, 319; 11. Fe­bru­ar 2004 - 7 AZR 362/03 - zu I 2 a der Gründe, BA­GE 109, 339). Die all­ge­mei­ne Un­si­cher­heit über die zu­künf­tig be­ste­hen­de Beschäfti­gungsmöglich­keit recht­fer­tigt die Be­fris­tung nicht. Ei­ne sol­che Un­si­cher­heit gehört zum un­ter­neh­me­ri­schen Ri­si­ko des Ar­beit­ge­bers, das er nicht durch Ab­schluss ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags auf den Ar­beit­neh­mer abwälzen darf (BAG 21. März 2017 - 7 AZR 222/15 - Rn. 28; 15. Mai 2012 - 7 AZR 35/11 - Rn. 30).

21

b) Der Ar­beit­ge­ber kann sich zur sach­li­chen Recht­fer­ti­gung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags auf ei­ne Tätig­keit in ei­nem zeit­lich be­grenz­ten Pro­jekt nur dann be­ru­fen, wenn es sich bei den im Rah­men des Pro­jekts zu bewälti­gen­den Auf­ga­ben um ei­ne auf vorüber­ge­hen­de Dau­er an­ge­leg­te und ge­genüber den Dau­er­auf­ga­ben des Ar­beit­ge­bers ab­grenz­ba­re Zu­satz­auf­ga­be han­delt.

22

aa) Dau­er­auf­ga­ben des Ar­beit­ge­bers sind Tätig­kei­ten, die im Rah­men sei­ner un­ter­neh­me­ri­schen Aus­rich­tung ständig und im We­sent­li­chen un­verändert an­fal­len. Da­von ab­zu­gren­zen sind Zu­satz­auf­ga­ben, die nur für ei­ne be­grenz­te Zeit durch­zuführen sind und kei­nen auf länge­re Zeit plan­ba­ren Per­so­nal­be­darf mit sich brin­gen. Dies ist nicht der Fall bei Tätig­kei­ten, die der Ar­beit­ge­ber im

 

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Rah­men des von ihm ver­folg­ten Be­triebs­zwecks dau­er­haft wahr­nimmt oder zu de­ren Durchführung er ver­pflich­tet ist. Für das Vor­lie­gen ei­ner Zu­satz­auf­ga­be bzw. ei­nes Pro­jekts spricht es re­gelmäßig, wenn dem Ar­beit­ge­ber für die Durch­führung der in dem Pro­jekt ver­folg­ten Tätig­kei­ten von ei­nem Drit­ten fi­nan­zi­el­le Mit­tel oder Sach­leis­tun­gen zur Verfügung ge­stellt wer­den.

23

bb) Al­ler­dings kann auch die Durchführung zeit­lich be­grenz­ter Vor­ha­ben zu den Dau­er­auf­ga­ben des Ar­beit­ge­bers gehören. Das kann der Fall sein, wenn die in die­sen Vor­ha­ben zu ver­rich­ten­den Tätig­kei­ten im Rah­men des von dem Ar­beit­ge­ber ver­folg­ten Be­triebs­zwecks ih­rer Art nach im We­sent­li­chen un­verän­dert und kon­ti­nu­ier­lich an­fal­len und ei­nen plan­ba­ren Beschäfti­gungs­be­darf ver­ur­sa­chen. Wer­den die Tätig­kei­ten hin­ge­gen ent­we­der nur un­re­gelmäßig - zB nur aus be­son­de­rem An­lass - aus­geführt oder sind sie mit un­vor­her­seh­ba­ren be­son­de­ren An­for­de­run­gen in Be­zug auf die Qua­li­fi­ka­ti­on des benötig­ten Per­so­nals ver­bun­den und ver­ur­sa­chen sie des­halb kei­nen vor­her­seh­ba­ren Per­so­nal­be­darf so­wohl in quan­ti­ta­ti­ver Hin­sicht als auch in Be­zug auf die Qua­li­fi­ka­ti­on des benötig­ten Per­so­nals, han­delt es sich um Zu­satz­auf­ga­ben. Im Be­reich der Dau­er­auf­ga­ben kann sich der Ar­beit­ge­ber nicht da­durch Be­fris­tungsmöglich­kei­ten schaf­fen, dass er die­se Auf­ga­ben künst­lich in „Pro­jek­te“ zer­glie­dert. Kann der Ar­beit­ge­ber im Rah­men sei­nes Be­triebs­zwecks ei­nen im We­sent­li­chen un­veränder­ten Per­so­nal­be­darf pro­gnos­ti­zie­ren und einschätzen, ist es ihm re­gel­mäßig ver­wehrt, den ent­spre­chen­den Ar­beits­an­fall un­ter Be­ru­fung auf die Grundsätze der Pro­jekt­be­fris­tung nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG mit be­fris­tet beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern zu bewälti­gen (BAG 23. Ja­nu­ar 2019 - 7 AZR 212/17 - Rn. 17; 21. No­vem­ber 2018 - 7 AZR 234/17 - Rn. 27).

24

c) Wird ein Ar­beit­neh­mer für die Mit­wir­kung an ei­nem Pro­jekt be­fris­tet ein­ge­stellt, muss im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses zu er­war­ten sein, dass die im Rah­men des Pro­jekts durch­geführ­ten Auf­ga­ben nicht dau­er­haft an­fal­len. Für ei­ne sol­che Pro­gno­se des Ar­beit­ge­bers be­darf es aus­rei­chend kon­kre­ter An­halts­punk­te (BAG 16. Ja­nu­ar 2018 - 7 AZR 21/16 - Rn. 17; 27. Ju­li 2016 - 7 AZR 545/14 - Rn. 19; 24. Sep­tem­ber 2014 - 7 AZR 987/12 - Rn. 18; 7. Mai 2008 - 7 AZR 146/07 - Rn. 15; 7. April 2004 - 7 AZR 441/03 - zu II 2 a aa der

 

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Gründe). Die Pro­gno­se muss sich auf den durch die Be­en­di­gung des kon­kre­ten Pro­jekts vor­her­seh­ba­ren Weg­fall des zusätz­li­chen Beschäfti­gungs­be­darfs für den be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer be­zie­hen. Es ist un­er­heb­lich, ob der be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer nach Frist­ab­lauf auf­grund sei­ner Qua­li­fi­ka­ti­on auf ei­nem frei­en Ar­beits­platz außer­halb des Pro­jekts be­fris­tet oder un­be­fris­tet beschäftigt wer­den könn­te (vgl. BAG 27. Ju­li 2016 - 7 AZR 545/14 - Rn. 19; 24. Sep­tem­ber 2014 - 7 AZR 987/12 - Rn. 19; 7. No­vem­ber 2007 - 7 AZR 484/06 - Rn. 21).

25

d) Da­nach tra­gen die bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts sei­ne An­nah­me, die Be­fris­tung sei we­gen ei­nes nur vorüber­ge­hen­den Be­darfs an der Beschäfti­gung der Kläge­rin ge­recht­fer­tigt, nicht.

26

aa) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, die Ver­wal­tung der För­der­pro­gram­me auf der Grund­la­ge von ELER/ENL sei ei­ne ge­genüber den Dau­er­auf­ga­ben des Be­klag­ten ab­grenz­ba­re Zu­satz­auf­ga­be. Es ge­be kei­ne An­zei­chen dafür, dass Ver­wal­tungs­auf­ga­ben im Rah­men von Förder­pro­gram­men der EU Dau­er­auf­ga­ben des Be­klag­ten und ins­be­son­de­re der Ver­wal­tungs­ein­heit, in der die Kläge­rin beschäftigt war, ge­we­sen sei­en. Das fol­ge dar­aus, dass das Re­fe­rat, in wel­chem die Kläge­rin beschäftigt war, Obe­re Lan­des­behörde im Be­reich des Na­tur­schut­zes ge­we­sen sei, was der An­ga­be der Be­wil­li­gungs­behör­de in Zif­fer 7 ENL zu ent­neh­men sei. Es sei of­fen­kun­dig, dass die Obe­re Na­tur­schutz­behörde dau­er­haft mit an­der­wei­ti­gen Ver­wal­tungs­auf­ga­ben, vor al­lem mit auf­sichts­recht­li­chen Auf­ga­ben be­traut sei. Der vorüber­ge­hen­de Cha­rak­ter der auf der Grund­la­ge von ELER/ENL wahr­zu­neh­men­den Auf­ga­ben er­ge­be sich auch aus der zeit­lich be­grenz­ten Gel­tung der ENL und der zeit­li­chen Be­schrän­kung der Förder­pe­ri­ode. Zu­dem lie­ge die Zuständig­keit für der­ar­ti­ge Förder­pro­gram­me seit dem 1. Ju­li 2015 nicht mehr beim Be­klag­ten, son­dern bei der Thü­rin­ger Auf­bau­bank.

27
bb) Die­se Be­gründung ist nicht frei von Rechts­feh­lern. 28

(1) Die Be­ur­tei­lung, ob der Ar­beit­neh­mer in ei­nem Pro­jekt oder im Rah­men von Dau­er­auf­ga­ben des Ar­beit­ge­bers beschäftigt wer­den soll, ob­liegt den Tat-

 

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sa­chen­ge­rich­ten (BAG 27. Ju­li 2016 - 7 AZR 545/14 - Rn. 18; 7. Mai 2008 - 7 AZR 146/07 - Rn. 14; 7. No­vem­ber 2007 - 7 AZR 484/06 - Rn. 20). Die Wür­di­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist re­vi­si­ons­recht­lich nur dar­auf­hin zu über­prüfen, ob es die­se Rechts­be­grif­fe ver­kannt, ge­gen Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Er­fah­rungssätze ver­s­toßen oder we­sent­li­che Umstände außer Be­tracht ge­las­sen hat oder ob die Würdi­gung in sich wi­dersprüchlich ist (vgl. zum ein­ge­schränk­ten re­vi­si­ons­recht­li­chen Prüfungs­maßstab et­wa BAG 24. Au­gust 2016 - 7 AZR 625/15 - Rn. 17, BA­GE 156, 170).

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(2) Die­ser ein­ge­schränk­ten Über­prüfung hält die Würdi­gung des Lan­de­sar­beits­ge­richts, die Ver­wal­tungs­auf­ga­ben auf der Grund­la­ge der ELER/ENL sei ei­ne ge­genüber den Dau­er­auf­ga­ben des Be­klag­ten ab­grenz­ba­re Zu­satz­auf­ga­be, nicht stand. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat we­sent­li­che Umstände außer Be­tracht ge­las­sen und sei­ne Würdi­gung auf der Grund­la­ge un­zu­rei­chen­der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen vor­ge­nom­men.

30

(a) Bei der Ver­wal­tung des für den Förder­zeit­raum 2007 bis 2013 vor­ge­se­he­nen Förder­pro­gramms auf der Grund­la­ge der ENL vom 14. Mai 2008 han­delt es sich zwar nicht um ei­ne ständig an­fal­len­de Tätig­keit, da die ENL vom 14. Mai 2008 nur bis zum 31. De­zem­ber 2015 galt. Die Ver­wal­tung die­ses Förder­pro­gramms würde aber dann zu den Dau­er­auf­ga­ben gehören, wenn der­ar­ti­ge Ver­wal­tungs­auf­ga­ben im Rah­men von Förder­pro­gram­men in der Dienst­stel­le, in der die Kläge­rin beschäftigt war, ständig und im We­sent­li­chen un­verändert an­fal­len und ei­nen auf länge­re Zeit plan­ba­ren Per­so­nal­be­darf für An­ge­stell­te wie die Kläge­rin mit sich brin­gen würden. Dies hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt bei sei­ner Würdi­gung nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt.

31

(b) So­weit das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­geführt hat, es ge­be kei­ne An­zei­chen dafür, dass Ver­wal­tungs­auf­ga­ben im Rah­men von Förder­pro­gram­men der EU Dau­er­auf­ga­ben des Be­klag­ten und vor al­lem der Ver­wal­tungs­ein­heit, in der die Kläge­rin beschäftigt war, ge­we­sen sei­en, ist es von ei­ner un­zu­tref­fen­den Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Be­weis­last aus­ge­gan­gen. Für die Vor­aus­set­zun­gen der Wirk­sam­keit ei­ner Be­fris­tung ist der Ar­beit­ge­ber dar­le­gungs- und be­weis­pflich­tig (BAG 8. Ju­ni 2016 - 7 AZR 568/14 - Rn. 42). Da­zu gehört bei

 

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ei­ner Pro­jekt­be­fris­tung auch die Dar­le­gung, dass der Ar­beit­neh­mer in ei­nem Pro­jekt, al­so mit ei­ner auf vorüber­ge­hen­de Dau­er an­ge­leg­ten und ge­genüber den Dau­er­auf­ga­ben des Ar­beit­ge­bers ab­grenz­ba­ren Zu­satz­auf­ga­be beschäftigt wor­den ist.

32

(c) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat bei der Be­ur­tei­lung, ob die Ver­wal­tung von Förder­pro­gram­men der EU zu den Dau­er­auf­ga­ben gehört, zu Un­recht nur auf die Verhält­nis­se im Re­fe­rat 460 („Länd­li­cher Raum“) des Thürin­ger Lan­des-ver­wal­tungs­amts ab­ge­stellt und des­halb kei­ne Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen, ob der­ar­ti­ge Ver­wal­tungs­auf­ga­ben in an­de­ren Re­fe­ra­ten des Thürin­ger Lan-des­ver­wal­tungs­amts ständig und im We­sent­li­chen un­verändert an­fal­len und ei­nen auf länge­re Zeit plan­ba­ren Per­so­nal­be­darf für An­ge­stell­te wie die Kläge­rin mit sich brin­gen. Maßge­bend für die Fest­stel­lung des be­trieb­li­chen Be­darfs an der Ar­beits­leis­tung iSv. § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG sind im Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes die Verhält­nis­se in der Dienst­stel­le, für die der Ar­beit­neh­mer be­fris­tet ein­ge­stellt ist. Das ist vor­lie­gend das Thürin­ger Lan­des­ver­wal-tungs­amt. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat rechts­feh­ler­haft an­ge­nom­men, das Re­fe­rat 460 sei als Obe­re Na­tur­schutz­behörde ei­ne im Thürin­ger Lan­des­ver-wal­tungs­amt kon­zen­trier­te Mit­tel­behörde. Nach § 36 Abs. 3 Satz 1 des Thürin­ger Ge­set­zes für Na­tur und Land­schaft (ThürNatG) in der hier maßgeb­li­chen Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 30. Au­gust 2006 ist das Thürin­ger Lan­des-ver­wal­tungs­amt die Obe­re Na­tur­schutz­behörde. Mit­tel­behörde und Dienst­stel­le ist das Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt (Gliech/Sch­will/Sei­del Thürin­ger Per-so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz 6. Aufl. § 6 Rn. 3). Aus Zif­fer 7.2 ENL, wo­nach Be­wil­li­gungs­behörde die Obe­re Na­tur­schutz­behörde im Thürin­ger Lan­des­ver­wal-tungs­amt ist, folgt nichts Ge­gen­tei­li­ges.

33

(d) Die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen recht­fer­ti­gen auch nicht des­sen Würdi­gung, die Ver­wal­tung von Förder­pro­gram­men der EU ha­be nicht zu den Dau­er­auf­ga­ben des Re­fe­rats 460 gehört.

34

(aa) Das gilt zum ei­nen für die Ver­wal­tung von ENL-Förder­maßnah­men. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat kei­ne Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen, ob die För­de­rung von ENL-Pro­jek­ten von vorn­her­ein nur zeit­lich be­grenzt auf der Grund-

 

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la­ge der Richt­li­nie ENL vom 14. Mai 2008 er­fol­gen soll­te oder ob ei­ne Fort­set­zung der Förde­rung auf der Grund­la­ge wei­te­rer Richt­li­ni­en zur Förde­rung von Vor­ha­ben zur Ent­wick­lung von Na­tur und Land­schaft zu er­war­ten war. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat da­bei un­berück­sich­tigt ge­las­sen, dass sich der För­der­pe­ri­ode, der die Richt­li­nie vom 14. Mai 2008 zu­grun­de lag, ei­ne wei­te­re För­der­pe­ri­ode an­schloss, im Rah­men de­rer neue ENL-Pro­jek­te be­wil­ligt wer­den konn­ten. Am 8. De­zem­ber 2015 ist die Richt­li­nie des Thürin­ger Mi­nis­te­ri­ums für Um­welt, En­er­gie und Na­tur­schutz zur Förde­rung von Vor­ha­ben zur Ent­wick­lung von Na­tur und Land­schaft (ENL) vom 11. No­vem­ber 2015 in Kraft ge­tre­ten. Soll­te es sich bei der Ver­wal­tung von ENL-Förder­maßnah­men um ei­ne Dau­er­auf­ga­be ge­han­delt ha­ben, hätte sie sich nicht mit dem Über­gang der Zustän­dig­keit für die Be­wil­li­gung neu­er ENL-Anträge auf die Thürin­ger Auf­bau­bank zu ei­nem Pro­jekt des Be­klag­ten ge­wan­delt.

35

(bb) Auf­grund der ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kann auch nicht be­ur­teilt wer­den, ob Ver­wal­tungs­auf­ga­ben im Rah­men von sons­ti­gen Förder­pro­gram­men im Re­fe­rat 460 ständig und im We­sent­li­chen un­verändert an­fal­len. Das Lan­de­sar­beits­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die­ses Re­fe­rat „Be­wil­li­gungs­behörde“ für die Förder­maßnah­men zur Ent­wick­lung von Na­tur und Land­schaft ba­sie­rend auf Pro­gram­men der EU war und dass die­sen Förder­maßnah­men ua. ELER und ENL zu­grun­de la­gen. Es lie­gen je­doch kei­ne Fest­stel­lun­gen da­zu vor, ob das Re­fe­rat 460 auch für die Ver­wal­tung an­de­rer Förder­pro­gram­me zuständig war. Dies kann nicht des­halb aus­ge­schlos­sen wer­den, weil das Re­fe­rat 460 dau­er­haft mit an­der­wei­ti­gen Ver­wal­tungs­auf­ga­ben, ins­be­son­de­re mit auf­sichts­recht­li­chen Auf­ga­ben be­traut ist. Dies recht­fer­tigt nicht den Schluss, dass Ver­wal­tungs­auf­ga­ben im Rah­men von Förder­pro­gram­men der EU nicht ständig und im We­sent­li­chen un­verändert an­fal­len und ei­nen plan­ba­ren Beschäfti­gungs­be­darf ver­ur­sa­chen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auch kei­ne Fest­stel­lun­gen da­zu ge­trof­fen, ob die von der Kläge­rin wahr­ge­nom­me­nen Auf­ga­ben im Zu­sam­men­hang mit den ENL-Förder­maßnah­men be­son­de­re Qua­li­fi­ka­tio­nen er­for­der­ten, die für die Ver­wal­tung an­de­rer Förder­pro­jek­te nicht benötigt wer­den.

 

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II. Die Rechts­feh­ler führen zur Auf­he­bung der an­ge­foch­te­nen Ent­sch­ei­dung und zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das Lan­des­ar­beits­ge­richt.

37

1. Der Se­nat kann nicht ab­sch­ließend ent­schei­den, ob die Be­fris­tung zum 31. De­zem­ber 2015 nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG ge­recht­fer­tigt ist. Da­zu be­darf es wei­te­rer tatsäch­li­cher Fest­stel­lun­gen sei­tens des Lan­des­ar­beits­ge­richts.

38

a) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird - ggf. nach ergänzen­dem Sach­vor­trag der Par­tei­en - er­neut zu prüfen ha­ben, ob die Ver­wal­tung der Förder­maßnah­men auf der Grund­la­ge von ELER/ENL ein Pro­jekt im Sin­ne ei­ner vorüber­ge­hen­den Zu­satz­auf­ga­be war oder ob sie zu den Dau­er­auf­ga­ben des Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amts gehörte. Dies hängt da­von ab, ob der Be­klag­te bei Ver­trags­schluss am 21./29. Ok­to­ber 2015 da­von aus­zu­ge­hen hat­te, dass die Ver­wal­tung von Förder­pro­gram­men der EU ständig und im We­sent­li­chen un­verändert im Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt durch­zuführen sein würde und dass dies ei­nen plan­ba­ren Beschäfti­gungs­be­darf für An­ge­stell­te wie die Kläge­rin ver­ur­sa­chen würde.

39

b) Soll­te die neue Ver­hand­lung er­ge­ben, dass die Ver­wal­tung von Förder­pro­gram­men zu den Dau­er­auf­ga­ben des Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amts gehörte, wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu prüfen ha­ben, ob die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags we­gen ei­nes vorüber­ge­hen­den be­trieb­li­chen Beschäfti­gungs­be­darfs im Be­reich die­ser Dau­er­auf­ga­ben nach § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG ge­recht­fer­tigt ist. Da­bei könn­te von Be­deu­tung sein, dass die Zuständig­keit für die Be­wil­li­gung neu­er ENL-Maßnah­men mit Wir­kung zum 1. Ju­li 2015 auf die Thürin­ger Auf­bau­bank über­ge­gan­gen ist. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird - ggf. nach wei­te­rem Sach­vor­trag der Par­tei­en - zu prüfen ha­ben, ob der Be­klag­te bei Ab­schluss des letz­ten be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags da­von aus­ge­hen durf­te, dass künf­tig nach Ab­lauf der mit der Kläge­rin ver­ein­bar­ten Ver­trags­lauf­zeit am 31. De­zem­ber 2015 das zu er­war­ten­de Ar­beits­pen­sum im Be­reich der Dau­er­auf­ga­ben im Thürin­ger Lan­des­ver­wal­tungs­amt mit dem vor­han­de­nen Stamm­per­so­nal würde er­le­digt wer­den können (vgl. BAG 14. De­zem­ber 2016 - 7 AZR 688/14 - Rn. 13). Da­bei wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu berück­sich­ti-

 

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gen ha­ben, dass ein die Be­fris­tung recht­fer­ti­gen­der vorüber­ge­hen­der Be­darf an der Ar­beits­leis­tung nicht vor­liegt, wenn dem Ar­beit­neh­mer Dau­er­auf­ga­ben über­tra­gen wer­den, die von dem beschäftig­ten Stamm­per­so­nal we­gen ei­ner von vorn­her­ein un­zu­rei­chen­den Per­so­nal­aus­stat­tung nicht er­le­digt wer­den können (BAG 14. De­zem­ber 2016 - 7 AZR 688/14 - Rn. 13).

40

2. Die Zurück­ver­wei­sung ist nicht des­halb ent­behr­lich, weil es dem Be­klag­ten nach den Grundsätzen des in­sti­tu­tio­nel­len Rechts­miss­brauchs (§ 242 BGB) ver­wehrt wäre, sich auf den Sach­grund des vorüber­ge­hen­den Be­darfs an der Ar­beits­leis­tung zu be­ru­fen. Das ist nicht der Fall. Die Kläge­rin war seit dem 7. Ja­nu­ar 2013 auf der Grund­la­ge von fünf be­fris­te­ten Verträgen ins­ge­samt 33 Mo­na­te bei dem Be­klag­ten beschäftigt. Im Hin­blick dar­auf hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt kei­nen An­lass zu ei­ner wei­ter­ge­hen­den Miss­brauchs­kon­trol­le ge­se­hen und ei­ne miss­bräuch­li­che Nut­zung der Be­fris­tungsmöglich­keit durch den Be­klag­ten ver­neint (vgl. zur Kon­trol­le nach den Grundsätzen des in­sti­tu­tio­nel­len Rechts­miss­brauchs BAG 26. Ok­to­ber 2016 - 7 AZR 135/15 - Rn. 26, BA­GE 157, 125). Dies ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den.

41

 

Gräfl

Klo­se

M. Renn­pferdt

Meißner

J. Glatt-Ei­pert 

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