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LAG Mün­chen, Be­schluss vom 24.11.2010, 11 TaBV 48/10

   
Schlagworte: Betriebsrat
   
Gericht: Landesarbeitsgericht München
Aktenzeichen: 11 TaBV 48/10
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 24.11.2010
   
Leitsätze:

1. Der Arbeitgeber ist gem. § 80 Abs. 2 Satz 1 BetrVG verpflichtet, den Betriebsrat zur Durchführung seiner Überwachungspflicht gem. § 84 Abs. 2 Satz 7 SGB IX über die Beschäftigten zu informieren, die innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen ununterbrochen oder wiederholt arbeitsunfähig waren und bei denen daher ein betriebliches Eingliederungsmanagement gem. § 84 SGB IX einzuleiten war.


2. Der vorherigen Zustimmung der betroffenen Person bedarf es nicht.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht München, Beschluss vom 16.04.2010, 27 BV 346/09
   

11 TaBV 48/10

27 BV 346/09

(ArbG München)

 

Verkündet am:

24.11.2010

 

He­ger
Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

 

Lan­des­ar­beits­ge­richt München

Im Na­men des Vol­kes

BESCHLUSS

In dem Be­schluss­ver­fah­ren

mit den Be­tei­lig­ten

 

1. Be­triebs­rat D. Z. f. L. u. R. e. V., Be­trieb O.


- An­trag­stel­ler und Be­tei­lig­ter zu 1 -

Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­te:


2. D. Z. f. L. u. R. e. V.

- Be­tei­lig­ter zu 2 und Be­schwer­deführer -

Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­te:

 

- 2 -

hat die 11. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts München auf Grund der münd­li­chen Anhörung vom 24. No­vem­ber 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Müller und die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Eckin­ger und Wie­land


für Recht er­kannt:


1. Die Be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers und Be­tei­lig­ten zu 2 ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts München vom 16.04.2010 - 27 BV 346/09 - wird zurück­ge­wie­sen.


2. Die Rechts­be­schwer­de wird nicht zu­ge­las­sen.


Gründe:


I.


Die Be­tei­lig­ten strei­ten darüber, wel­che Un­ter­rich­tungs­ansprüche dem Be­triebs­rat im Rah­men des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments und ei­ner hier­zu ab­ge­schlos­se­nen Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­kom­men.


Der An­trag­stel­ler ist der am Stand­ort O. ge­bil­de­te Be­triebs­rat im Un­ter­neh­men des Ar­beit­ge­bers, der Luft- und Raum­fahrt­for­schung be­treibt.


Am 11.12.2008 schlos­sen die Be­triebs­par­tei­en ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung zur „Durchfüh¬rung des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach § 84 Abs. 2 SGB IX“ (im Fol­gen­den: BV BEM). Die­se sieht u. a. fol­gen­de Re­ge­lun­gen vor:


„...

§ 3 Gel­tungs­be­reich

(1) Die­se BV fin­det für al­le Mit­ar­bei­ter An­wen­dung, die in­ner­halb von zwölf Mo­na­ten
länger als sechs Wo­chen un­un­ter­bro­chen oder wie­der­holt ar­beits­unfähig sind.
 


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(2) Darüber hin­aus können Mit­ar­bei­ter von sich aus je­der­zeit ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment be­an­tra­gen.


§ 4 In­te­gra­ti­ons­team

(1) Für die Mit­ar­bei­ter, die gem. den Be­stim­mun­gen nach § 4 für ein BEM in Be­tracht kom­men und hier­zu ihr Ein­verständ­nis erklärt ha­ben, wird ein In­te­gra­ti­ons­team ge­bil­det. Die­ses tritt für das BEM bei Be­darf im kon­kre­ten Fall zu­sam­men. In die­sem Team sind fol­gen­de Mit­glie­der ver­tre­ten:


• ein Be­auf­trag­ter des Ar­beit­ge­bers mit Ent­schei­dungs­be­fug­nis,
• ein Be­auf­trag­ter des Be­triebs­rats,
• die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung.
...

§ 5 Maßnah­men

(1) Der Ar­beit­ge­ber be­nach­rich­tigt den Be­triebs­rat un­verzüglich über Mit­ar­bei­ter, die die Vor­aus­set­zun­gen für ein BEM erfüllen. In­ner­halb von 6 Ar­beits­ta­gen trifft das In­te­gra­ti­ons­team ei­ne Ent­schei­dung, ob ein BEM an­ge­bo­ten wird. Er­ach­tet das In­te­gra­ti­ons­team ein BEM nicht als sinn­voll, wird ein BEM nicht an­ge­bo­ten.


(2) So­weit die Be­triebs­par­tei­en hierüber nicht ei­nig sind, nimmt ein Mit­glied des In­te­gra­ti­ons­teams ei­nen ers­ten, nicht for­mel­len Kon­takt mit dem Be­trof­fe­nen auf. In die­sem Sta­di­um ist auf die Ver­wen­dung von Schriftstücken zu ver­zich­ten. In die­sem münd­li­chen Erst­kon­takt erhält der Mit­ar­bei­ter die Ankündi­gung, dass ihm die er­for­der­li­chen In­for­ma­tio­nen zu BEM zeit­nah zu­ge­lei­tet wer­den (BV und An­la­gen). Teilt der Be­trof­fe­ne mit, dass er an der Teil­nah­me an ei­nem BEM in­ter­es­siert ist, wird er in das Ver­fah­ren nach die­ser BV ein­be­zo­gen. Lehnt der be­trof­fe­ne Mit­ar­bei­ter ei­ne Teil­nah­me ab, ist das Ver­fah­ren für ihn be­en­det. Der Mit­ar­bei­ter hat sei­ne Ent­schei­dung nach Zu­lei­tung der Un­ter­la­gen in der Form der An­la­ge 2 mit­zu­tei­len. Der BR wird über die Ent­schei­dung des Mit­ar­bei­ters in­for­miert.


(3) Der vor­ste­hen­de Ab­satz gilt auch für die Mit­ar­bei­ter, die nach übe­rein­stim­men­der Einschätzung der Be­triebs­par­tei­en für das BEM in Be­tracht kom­men.


(4) Die Teil­nah­me an ei­nem BEM ist in je­dem Sta­di­um frei­wil­lig.

(5) Mit­ar­bei­tern, die an ei­nem BEM nicht teil­neh­men möch­ten, dürfen hier­durch kei­ne Nach­tei­le ent­ste­hen.

(6) Die An­la­gen können durch ein­stim­mi­gen Be­schluss des In­te­gra­ti­ons­amts ab­geändert wer­den.

(7) Das An­schrei­ben ist nicht an die Pri­vat­adres­se des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters zu sen­den.

...
 


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§ 7 Da­ten­schutz


(1) Das BEM er­folgt un­ter Wah­rung der je­weils gülti­gen da­ten­schutz­recht­li­chen Be­stim­mun­gen. Das In­te­gra­ti­ons­team ist zur Ver­schwie­gen­heit ge­genüber je­der­mann ver­pflich­tet mit Aus­nah­me der Be­richts­pflicht nach § 5 Abs. 3 die­ser BV.


(2) Wenn per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten an Nicht­mit­glie­der wei­ter­ge­ge­ben wer­den sol­len, hat das In­te­gra­ti­ons­team die be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ter über die­se Ab­sicht zu in­for­mie­ren und vor der Wei­ter­ga­be ih­re schrift­li­che Ein­wil­li­gung ein­zu­ho­len. Wenn Ärz­te an­gehört und ge­sund­heit­li­che In­for­ma­tio­nen erörtert wer­den sol­len, dürfen die Ärz­te ih­nen be­kannt ge­wor­de­ne ge­sund­heit­li­che In­for­ma­tio­nen erst an das In­te­gra­ti­ons­team wei­ter­ge­ben, wenn die Mit­ar­bei­ter sie vor­her schrift­lich von der Schwei­ge­pflicht ent­bun­den ha­ben.


(3) Die im Rah­men die­ser BV mit Zu­stim­mung des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters zulässig er­ho­be­nen Da­ten dürfen aus­sch­ließlich für die in der Ver­ein­ba­rung be­nann­ten Zie­le des BEM ver­wandt wer­den. Zu an­de­ren Zwe­cken ist ih­re Ver­wen­dung un­ter­sagt. Die Ver­wen­dung der Da­ten, die nach § 84 SGB IX die Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers zu ei­nem BEM auslösen, blei­ben hier­von un­berührt. Ge­sund­heits­da­ten sind beim In­te­gra­ti­ons­team un­ter Ver­schluss und auf je­den Fall ge­trennt von der Per­so­nal­ak­te auf­zu­be­wah­ren. Nach Ab­schluss des BEM sind al­le per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters (bis auf ei­ne ab­sch­ließen­de Fall­sta­tis­tik) un­ter Ver­schluss zu hal­ten und dürfen nur mit Zu­stim­mung des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters ver­wandt wer­den.
...“


Im Übri­gen wird auf die BV BEM (Bl. 5/6 d. A.) Be­zug ge­nom­men.


Dem ent­spre­chend der BV BEM ge­bil­de­ten In­te­gra­ti­ons­team wur­de am 30.01.2009 ei­ne Lis­te mit na­ment­li­cher Be­nen­nung von Mit­ar­bei­tern über­ge­ben, die mehr als 42 Ar­beits­unfähig­keits­ta­ge im Zeit­raum vom 01.02.2008 bis 31.01.2009 auf­wie­sen (Bl. 20 d. A.).


Ei­ne In­for­ma­ti­on des Be­triebs­rats ist nicht er­folgt.


Der Be­triebs­rat hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass ihm ein Un­ter­rich­tungs­an­spruch darüber zu­ste­he, wel­che Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer im Be­trieb seit dem 01.01.2009 ei­ne Ar­beits­unfähig­keit von sechs Wo­chen oder mehr in­ner­halb der zurück­lie­gen­den zwölf Mo­na­te auf­wei­sen oder bei de­nen die­se be­reits ein­ge­tre­ten sei. Zu­gleich be­gehr­te er Aus­kunft darüber, wel­che Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer des Be­triebs seit dem 01.01.2009 die Durchführung des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments be­an­tragt ha­ben.

 

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Er hat vor­ge­tra­gen, dass er die Ein­hal­tung der BV BEM nur über­wa­chen könne, wenn er Kennt­nis da­von ha­be, wel­che Ar­beit­neh­mer un­ter den An­wen­dungs­be­reich die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung fal­len. Da­ten­schutz­recht­li­che Be­stim­mun­gen stünden dem nicht ent¬ge­gen, oh­ne Kennt­nis der Da­ten sei ihm auch die Gel­tend­ma­chung des Initia­tiv­rechts aus § 84 Abs. 2 Satz 6 SGB IX nicht möglich.


Der Be­triebs­rat hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt:


1. Der An­trags­geg­ner wird ver­pflich­tet, dem An­trag­stel­ler darüber Aus­kunft zu ge­ben, bei wel­chen Ar­beit­neh­me­rin­nen oder Ar­beit­neh­mern des Be­triebs O. seit dem 01.01.2009 ei­ne Ar­beits­unfähig­keit von sechs Wo­chen oder mehr in­ner­halb der zurück­lie­gen­den zwölf Mo­na­te ein­ge­tre­ten ist oder be­reits am 01.01.2009 vor­ge­le­gen hat.


2. Dem An­trags­geg­ner wird auf­ge­ge­ben, den An­trag­stel­ler darüber zu un­ter­rich­ten, wel­che Ar­beit­neh­me­rin­nen oder Ar­beit­neh­mer des Be­triebs O. ih­rer­seits seit dem 01.01.2009 die Durchführung des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments be­an­tragt ha­ben.


Der Ar­beit­ge­ber hat dem­ge­genüber be­an­tragt,


die Anträge ab­zu­wei­sen.

Er ist der Auf­fas­sung, dass der Aus­kunfts­an­spruch auf­grund da­ten­schutz­recht­li­cher Gründe nicht ge­ge­ben sei, da gem. § 84 Abs. 2 SGB IX ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nur mit Zu­stim­mung und Ein­wil­li­gung des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers in Be­tracht kom­me. Da­her sei die Er­he­bung und Ver­ar­bei­tung und da­mit die Wei­ter­ga­be sei­ner Da­ten nur mit Ein­wil­li­gung des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers möglich.


Das Ar­beits­ge­richt München hat mit Be­schluss vom 16.04.2010, auf den we­gen der wei­te­ren tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen und der Be­schluss­gründe Be­zug ge­nom­men wird, den Anträgen statt­ge­ge­ben und dies im We­sent­li­chen da­mit be­gründet, dass so­wohl aus § 84 Abs. 2 Satz 7 SGB IX als auch aus § 80 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG dem Be­triebs­rat die be­an-
 


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spruch­ten Aus­kunfts­ansprüche zu­kom­men. Da­ten­schutz­recht­li­che Be­stim­mun­gen stünden dem nicht ent­ge­gen, da die Nut­zung der be­an­spruch­ten per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten durch die ar­beits­recht­li­chen Son­der­be­stim­mun­gen er­laubt sei.


Ge­gen den den Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten des Ar­beit­ge­bers am 11.05.2010 zu­ge­stell­ten Be­schluss ha­ben die­se am 10.06.2010 Be­schwer­de ein­ge­legt und die­se nach er­folg­ter Frist­verlänge­rung bis 30.07.2010 an die­sem Tag be­gründet.


Der Ar­beit­ge­ber ist der Auf­fas­sung, dass den be­gehr­ten Aus­kunfts­ansprüchen das in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mungs­recht der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­ste­he. Un­ter Ver­weis auf Stim­men in Li­te­ra­tur und ver­wal­tungs­ge­richt­li­cher In­stanz­recht­spre­chung ist er der Mei­nung, die Vor­abüber­mitt­lung der Ar­beits­unfähig­keits­da­ten be­deu­te ei­ne Ein­schränkung des Persönlich­keits­rechts des Be­trof­fe­nen gem. Art. 2 Abs. 1 GG und sei in­so­weit un­zulässig.


Im Ge­gen­satz zu der Mit­be­stim­mung bei der In­stal­la­ti­on des Ver­fah­rens des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments set­ze die Ein­schal­tung des Be­triebs­rats und die da­mit ver­bun­de­ne Über­mitt­lung der sen­si­blen Ge­sund­heits­da­ten die zu­vor er­teil­te Zu­stim­mung des Be­trof­fe­nen an der Durchführung des Ver­fah­rens vor­aus. Die Re­ge­lun­gen des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes würden erst an kon­kre­ti­sier­ten Sach­ver­hal­ten und noch nicht bei abs­trak­ten Sach­ver­hal­ten grei­fen.


Das be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment nach § 84 Abs. 2 SGB IX glie­de­re sich in zwei Pha­sen. Vor­ab müsse der Ar­beit­ge­ber den Kreis der Beschäftig­ten be­stim­men, die in den Klärungs­pro­zess nach § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ein­zu­be­zie­hen sei­en, die er zu un­ter­rich­ten und um Zu­stim­mung zur Durchführung des be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach­zu­fra­gen ha­be.


Ha­be der Ar­beit­neh­mer zu­ge­stimmt, be­gin­ne in der zwei­ten Pha­se der ei­gent­li­che Klärungs­pro­zess, bei dem der Be­triebs­rat dann mit­zu­wir­ken ha­be.
 


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Würde man ent­spre­chend dem Ver­lan­gen des Be­triebs­rats vor­ab al­le Da­ten der die Fehl­zei­ten erfüllen­den Ar­beit­neh­mer über­mit­teln, wären dar­un­ter auch die­je­ni­gen, die ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment ab­leh­nen.


Zu­tref­fend ha­be zwar das Erst­ge­richt fest­ge­stellt, dass der Be­triebs­rat nicht Drit­ter i. S. der da­ten­schutz­recht­li­chen Vor­schrif­ten sei, da­bei je­doch ver­kannt, dass das In­for­ma­ti­ons­recht an den Maßstab und die Vor­aus­set­zun­gen des § 84 Abs. 2 SGB IX ge­bun­den sei und die­se Vor­schrift als spe­zi­fi­sche Re­ge­lung ei­nem et­wa wei­ter­rei­chen­den Da­ten­schutz vor­geht.


Auch aus der BV BEM könne sich der Aus­kunfts­an­spruch nicht er­ge­ben, da dort so­gar ei­ne Ein­schränkung der Wei­ter­ga­be an Nicht­mit­glie­der des In­te­gra­ti­ons­teams von der schrift­li­chen Ein­wil­li­gung des Be­trof­fe­nen abhängig ge­macht sei.


Der Ar­beit­ge­ber stellt fol­gen­de Anträge:


1. Der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts München vom 16.04.2010, Az. 27 BV 346/09, wird ab­geändert.


2. Der An­trag des Be­schwer­de­geg­ners, Aus­kunft zu ge­ben, bei wes­sen Ar­beit­neh­me­rin oder Ar­beit­neh­mern des Be­triebs O. seit dem 01.01.2009 ei­ne Ar­beits­unfähig­keit von sechs Wo­chen oder mehr in­ner­halb der zurück­lie­gen­den Mo­na­te ein­ge­tre­ten ist oder be­reits am 01.01.2009 vor­ge­le­gen hat und den Be­schwer­de­geg­ner darüber zu un­ter­rich­ten, wel­che Ar­beit­neh­me­rin oder Ar­beit¬neh­mer des Be­triebs O. ih­rer­seits seit dem 01.01.2009 die Durchführung des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments be­an­tragt ha­ben, wird ab­ge­wie­sen.


Der Be­triebs­rat be­an­tragt dem­ge­genüber,

die Be­schwer­de zurück­zu­wei­sen.
 


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Er ver­tei­digt die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung und ver­weist dar­auf, dass gem. § 84 Abs. 1 SGB IX bei ei­ner sechswöchi­gen Ar­beits­unfähig­keit i. S. des § 84 Abs. 2 SGB IX die Ein­schal­tung des Be­triebs­rats den­knot­wen­dig vor­aus­ge­gan­gen sein muss.


Der Be­triebs­rat benöti­ge die Na­men der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer so­wie die Da­ten zu Be­ginn und En­de der Ar­beits­unfähig­keit, da die­se Da­ten vom Ar­beit­neh­mer er­ho­ben und ge­spei­chert würden, da­mit er, der Be­triebs­rat, sei­ner Ver­pflich­tung zur Ein­lei­tung des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach­kom­men könne. Er könne nur in Kennt­nis die­ser Da­ten er­ken­nen, wer länger als sechs Wo­chen ar­beits­unfähig krank ge­we­sen sei. Die­ser Auf­fas­sung ha­be sich nun­mehr auch für den Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an­ge­schlos­sen.


We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des bei­der­sei­ti­gen Vor­brin­gens wird auf die Schriftsätze vom 30.07.2010 und 01.09.2010 Be­zug ge­nom­men.


Im Anhörungs­ter­min vom 24.11.2010 hat der Ar­beit­ge­ber un­ter Be­zug­nah­me auf ein nach sei­ner An­sicht sa­chi­den­ti­sches Ver­fah­ren beim Ar­beits­ge­richt Bonn, 5 BV 20/10, bei dem die Sprung­rechts­be­schwer­de zu­ge­las­sen wor­den sei, die Aus­set­zung des Ver­fah­rens bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss beim Bun­des­ar­beits­ge­richt be­an­tragt. Der Be­triebs­rat hat sich dem wi­der­setzt und dar­auf ver­wie­sen, dass dem dor­ti­gen Streit ei­ne an­de­re Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­grun­de lie­ge.


II.


Die zulässi­ge Be­schwer­de des Ar­beit­ge­bers ist un­be­gründet.


1. Die Be­schwer­de ist zulässig. Sie ist gem. § 87 Abs. 1 ArbGG statt­haft und auch sonst zulässig, da form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet (§ 89 Abs. 1 und 2 ArbGG; § 87 Abs. 2 ArbGG i. V. m. §§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519, 520 ZPO).


2. Ent­ge­gen dem Aus­set­zungs­an­trag des Ar­beit­ge­bers war in der Sa­che zu ent­schei­den, ein Fall der Vor­greif­lich­keit i. S. d. § 148 ZPO liegt nicht vor. Die Ent­schei­dung
 

 

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des Rechts­streits hängt nicht vom Be­ste­hen oder Nicht­be­ste­hen ei­nes Rechts­verhält­nis­ses ab, das Ge­gen­stand der Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Bonn war. Dies schon des­halb, da kei­ne Iden­tität zwi­schen den Be­tei­lig­ten bei­der Be­schluss­ver­fah­ren be­steht. Al­lein die Par­al­le­lität zur zu be­ant­wor­ten­den Rechts­fra­ge reicht nicht für die in § 148 ZPO ge­for­der­te Vor­greif­lich­keit. Das Führen ei­nes sog. „Mus­ter­pro­zes­ses“ kann nur mit Zu­stim­mung bei­der Sei­ten zu ei­nem Ru­hen des Ver­fah­rens gem. § 251 ZPO führen. Die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats ist vor­lie­gend nicht ge­ge­ben. Es kann da­her da­hin­ste­hen, ob und in wel­chem Um­fang § 251 ZPO im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren An­wen­dung fin­det.


3. Die Be­schwer­de ist je­doch un­be­gründet. Dem Be­triebs­rat ste­hen die be­gehr­ten Aus­kunfts­ansprüche gem. § 77 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG i. V. m. § 5 BV BEM, § 84 Abs. 2 Satz 7 SGB IX, § 80 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG zu.


4. Die vom Be­triebs­rat ver­folg­ten Aus­kunfts­anträge sind zulässig, ins­be­son­de­re sind die Anträge hin­rei­chend kon­kret (§§ 80 Abs. 2, 87 Abs. 2 ArbGG i. V. m. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO).


5. Das Ar­beits­ge­richt hat dem Be­triebs­rat die be­gehr­ten Aus­kunfts­ansprüche mit recht­lich zu­tref­fen­der Be­gründung zu­ge­spro­chen. Die Be­schwer­de­kam­mer folgt der erst-in­stanz­li­chen Ent­schei­dung und nimmt des­sen Dar­stel­lung der Gründe in Be­zug (§ 87 Abs. 2 i. V. m. § 69 Abs. 2 ArbGG ana­log). Im Übri­gen gilt im Hin­blick auf die An­grif­fe der Be­schwer­de Fol­gen­des:


6. Die be­gehr­ten Aus­kunfts­ansprüche ste­hen dem Be­triebs­rat be­reits aus § 5 Abs. 1 Satz 1 i. V. m. § 3 Abs. 1 und Abs. 2 BV BEM zu, da der Ar­beit­ge­ber gem. § 77 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG zur Durchführung die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung in­so­weit ge­genüber dem Be­triebs­rat ver­pflich­tet ist.


§ 5 BV BEM nor­miert sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut nach die un­verzügli­che Be­nach­rich­ti­gungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers ge­genüber dem Be­triebs­rat über Mit­ar­bei­ter, die die Vor­aus­set­zun­gen für ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment erfüllen. Gem. § 3 BV BEM erfüllen die Vor­aus­set­zun­gen für ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment al­le
 


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Mit­ar­bei­ter, die in­ner­halb von zwölf Mo­na­ten länger als sechs Wo­chen un­un­ter­bro­chen oder wie­der­holt ar­beits­unfähig sind (§ 3 Abs. 1 BV BEM) oder von sich aus ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment be­an­tra­gen (§ 3 Abs. 2 BV BEM).


7. Die von der Ar­beit­ge­ber­sei­te erklärte Kündi­gung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­sei­tigt die Ver­pflich­tung nicht, da nach dem un­strei­ti­gen Be­tei­lig­ten­vor­brin­gen ei­ne ablösen­de Be­triebs­ver­ein­ba­rung bis­her nicht ge­schlos­sen wur­de und die BV BEM da­her gem. § 77 Abs. 6 Be­trVG nach­wirkt. Die Aus­kunfts­pflich­ten wer­den nicht durch § 7 Abs. 2 und Abs. 3 BV BEM ent­ge­gen dem Un­ter­rich­tungs­ver­lan­gen des Be­triebs­rats ein­ge­schränkt. Die dort nor­mier­ten Zu­stim­mungs­vor­be­hal­te des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters be­zie­hen sich auf die - wie der Wort­laut des § 7 Abs. 3 Ein­gangs­satz BV BEM deut­lich macht - „im Rah­men die­ser BV mit Zu­stim­mung des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters zulässig er­ho­be­nen Da­ten“ und be­tref­fen da­her al­len­falls die in der BV BEM ge­re­gel­ten Durchführungs­be­stim­mun­gen, nicht aber die Fra­ge des Gel­tungs­be­reichs die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung und eben­so we­nig die Fra­ge der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX.


8. Dem Be­triebs­rat ste­hen die be­gehr­ten Aus­kunfts­ansprüche auch aus § 80 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG i. V. m. § 84 Abs. 2 Satz 7 SGB IX zu.


Nach letzt­ge­nann­ter Be­stim­mung hat der Be­triebs­rat darüber zu wa­chen, dass der Ar­beit­ge­ber die ihm nach § 84 SGB IX ob­lie­gen­den Ver­pflich­tun­gen erfüllt. Die­se Ver­pflich­tun­gen set­zen gem. § 84 Abs. 2 SGB IX für den Ar­beit­ge­ber zwin­gend im­mer dann ein, wenn Beschäftig­te in­ner­halb ei­nes Jah­res länger als sechs Wo­chen un­un­ter­bro­chen oder wie­der­holt ar­beits­unfähig er­kran­ken.


Die Über­wa­chungs­ver­pflich­tung des Be­triebs­rats aus § 84 Abs. 2 Satz 7 SGB IX kann die­ser je­doch nur dann erfüllen, wenn der Ar­beit­ge­ber ihm mit­teilt, wel­che be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ter in­ner­halb des Re­fe­renz­zeit­raums von ei­nem Jahr länger als sechs Wo­chen er­krankt wa­ren. Zur Durchführung die­ser dem Be­triebs­rat aus­drück­lich zu­ge­wie­se­nen Über­wa­chungs­auf­ga­be, die im Übri­gen auch aus § 80 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG folgt, ist der Be­triebs­rat da­her im Um­fang der ge­stell­ten Aus­kunfts­ansprüche recht­zei­tig und um­fas­send vom Ar­beit­ge­ber zu un­ter­rich­ten (§ 80 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG).
 


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9. Die Auf­fas­sung des Ar­beit­ge­bers ist da­her un­zu­tref­fend, dass In­for­ma­ti­ons­rech­te des Be­triebs­rats erst nach ei­ner Zu­stim­mung des be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­ters ein­set­zen.


Die in § 84 Abs. 2 Satz 1 SGB IX ge­nann­te Zu­stim­mung der be­trof­fe­nen Per­son setzt, vor­aus­ge­hend die ar­beit­ge­ber­sei­tig zu tref­fen­de Fest­stel­lung, vor­aus, ob Beschäftig­te länger als sechs Wo­chen ar­beits­unfähig er­krankt sind und ei­ne ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge An­fra­ge an die be­trof­fe­ne Per­son vor­aus­ging. Dies macht auch § 84 Abs. 2 Satz 2 SGB IX deut­lich, wo­nach die be­trof­fe­ne Per­son „zu­vor“ auf die Zie­le des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments so­wie auf Art und Um­fang der hierfür er­ho­be­nen und ver­wen­de­ten Da­ten hin­zu­wei­sen ist. Oh­ne Kennt­nis der vom Be­triebs­rat be­an­spruch­ten Da­ten kann die­ser nicht über­wa­chen, ob der Ar­beit­ge­ber sei­ner ge­setz­lich ge­bo­te­nen Initia­tiv­last nach­kommt. Die In­for­ma­ti­ons­ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers be­zieht sich so­mit be­reits ent­ge­gen sei­ner Rechts­auf­fas­sung auf die ers­te Pha­se des be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments nach § 84 Abs. 2 SGB IX.


10. Ein Über­wa­chungs- und In­for­ma­ti­ons­recht des Be­triebs­rats be­steht ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ar­beit­ge­bers auch zu­guns­ten der be­trof­fe­nen Per­so­nen, die dann in der Fol­ge ein be­trieb­li­ches Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment ab­leh­nen. Denn ei­ne wirk­sa­me Ab­leh­nung kann nur auf ein wirk­sa­mes An­ge­bot ei­nes be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ments sei­tens des Ar­beit­ge­bers gestützt wer­den. Da­mit dient die Über­wa­chungs­ver­pflich­tung auch der Ein­hal­tung der Wahl­frei­heit der be­trof­fe­nen Per­so­nen und kann nicht erst zeit­lich da­nach ein­set­zen. Dem so ver­stan­de­nen Aus­kunfts­an­spruch des Be­triebs­rats ste­hen auch kei­ne durch­grei­fen­den da­ten­schutz­recht­li­chen Gren­zen ent­ge­gen.


11. Gem. § 32 Abs. 1 BDSG in der ab 01.09.2009 gel­ten­den Fas­sung (BGBl. I, S. 2814) dürfen per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten ei­nes Beschäftig­ten, wo­zu auch die Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten gehören, für Zwe­cke des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses er­ho­ben, ver­ar­bei­tet oder ge­nutzt wer­den, wenn dies für die Ent­schei­dung über die Be­gründung ei­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses oder nach Be­gründung des­sel­bi­gen für des­sen Durchführung oder Be­en­di­gung er­for­der­lich ist.

 

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Die Er­he­bung der „Krank­heits­da­ten“ ist für den Ar­beit­ge­ber schon zur Prüfung und Durchführung der Ent­gelt­fort­zah­lungs­pflicht nach dem Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz er­for­der­lich, die Nut­zung der der­ge­stalt er­ho­be­nen Da­ten durch den Be­triebs­rat ist nach den vor­an dar­ge­stell­ten Gründen gem. § 80 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG er­for­der­lich.

Die Zulässig­keit der Da­ten­nut­zung durch den Be­triebs­rat wird auch durch § 32 Abs. 3 BDSG bestätigt, wo­nach die Be­tei­li­gungs­rech­te der In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen der Beschäftig­ten un­berührt blei­ben.


12. Durch die Neu­fas­sung des § 32 BDSG, ein­gefügt durch Art. 1 Nr. 12 des Ge­set­zes vom 14.08.2009 (aaO), hat der Ge­setz­ge­ber die be­reits langjährig auf § 4 Abs. 1 BDSG gestütz­te Recht­spre­chung zur Nut­zung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten im Rah­men der Be­triebs­rats­auf­ga­ben bestätigt.


Be­reits mit Ur­teil vom 17.03.1983 (6 ABR 33/80, zit. n. Ju­ris) ist das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­von aus­ge­gan­gen, dass die Be­stim­mun­gen des Bun­des­da­ten­schutz­ge­set­zes dem Ein­blicks­recht des Be­triebs­rats in Brut­to­lohn- und -ge­halts­lis­ten nicht ent­ge­gen­steht. Zu­dem geht das Bun­des­ar­beits­ge­richt auch in ständi­ger Recht­spre­chung da­von aus, dass die Ver­ar­bei­tung von per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten der Ar­beit­neh­mer da­ten­schutz­recht­lich schon dann zulässig ist, wenn sie durch ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­laubt wird (vgl. BAG v. 27.05.1986, 1 ABR 48/84 und v. 30.08.1995, 1 ABR 4/95, jew. zit. n. Ju­ris).


So­weit das Bun­des­ar­beits­ge­richt da­von aus­geht, dass da­ten­schutz­recht­li­che Re­ge­lun­gen in Ta­rif­verträgen oder Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen nicht ei­nen be­lie­bi­gen In­halt ha­ben können, son­dern sich im Rah­men der Re­ge­lungs­au­to­no­mie hal­ten und die für die­se Au­to­no­mie gel­ten­den grund­ge­setz­li­chen Wer­tun­gen, ins­be­son­de­re zwin­gen­des Ge­set­zes­recht und Grundsätze des Ar­beits­rechts be­ach­ten müssen (vgl. BAG v. 27.05.1986, aaO), erfüllt die vor­lie­gen­de Be­triebs­ver­ein­ba­rung oh­ne wei­te­res die­se An­for­de­run­gen.


13. Zwar ist es zu­tref­fend, dass die „Krank­heits­da­ten“ der be­trof­fe­nen Per­so­nen persönlich­keits­rechts­geschütz­te Da­ten in An­wen­dung des Art. 2 Abs. 1 GG dar­stel­len.


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Das al­lein macht je­doch ei­ne Nut­zung der vor­lie­gen­den Art, wie von der BV BEM vor­ge­nom­men, in Be­zug auf den Be­triebs­rat nicht un­zulässig. De­ren Zulässig­keit oder Un­zulässig­keit kann sich, viel­mehr wie auch sonst im Persönlich­keits­schutz des Ar­beit­neh­mers, nur aus ei­ner Abwägung der ge­gen­sei­ti­gen In­ter­es­sen we­gen ei­ner sol­chen Nut­zung der Ar­beit­neh­mer­da­ten er­ge­ben.


Die In­ter­es­sen­abwägung er­gibt zunächst, dass sich die Re­ge­lung in § 5 BV BEM im Rah­men der Re­ge­lungs­macht der Be­triebs­part­ner hält. Sie wird ins­be­son­de­re durch § 84 SGB IX und die dort ge­re­gel­te Ein­schal­tung des Be­triebs­rats in das be­trieb­li­che Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment ge­recht­fer­tigt. Hin­zu­tritt, dass die BV BEM auch nicht ei­nen Zu­griff auf die we­sent­lich sen­si­ble­ren kon­kre­ten Be­fund­da­ten (wel­che Krank­heit, kon­kre­te Dau­er der kon­kre­ten Er­kran­kung) ermöglicht und dies vom an­trag­stel­len­den Be­triebs­rat auch nicht ein­ge­for­dert wird.


Dem­ge­genüber be­steht für die Wei­ter­ga­be der per­so­nen­be­zo­ge­nen, le­dig­lich An­fang und En­de der an­ge­zeig­ten Ar­beits­unfähig­keit be­zeich­nen­den Da­ten der be­trof­fe­nen Per­so­nen auf­sei­ten des Be­triebs­rats ein über­wie­gen­des In­ter­es­se.


Ne­ben dem - wie be­reits dar­ge­stellt - ei­ge­nem In­ter­es­se der be­trof­fe­nen Per­son ist vor al­lem das kol­lek­ti­ve In­ter­es­se der ge­sam­ten vom Be­triebs­rat re­präsen­tier­ten Ar­beit­neh­mer da­hin­ge­hend zu berück­sich­ti­gen, dass der Ar­beit­ge­ber ein­heit­lich auf al­le be­trof­fe­nen Per­so­nen i. S. d. § 84 Abs. 2 SGB IX zu­geht und un­ter Be­ach­tung der Grundsätze der Gleich­be­hand­lung das ge­setz­lich vor­ge­ge­be­ne In­stru­ment der be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rung an­bie­tet.


Es be­ste­hen schließlich auch kei­ne recht­li­chen noch vor­lie­gend tatsächli­chen Ansätze, da­von aus­zu­ge­hen, dass die vom Ar­beit­ge­ber oh­ne­hin schon er­ho­be­nen per­so­nen­be­zo­ge­nen Ar­beits­unfähig­keits­da­ten in der Sphäre des Be­triebs­rats we­ni­ger sen­si­bel ge­hand­habt würden als in der­je­ni­gen des Ar­beit­ge­bers.


14. Zur Ab­run­dung sei noch dar­auf ver­wie­sen - wenn­gleich es für die be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Be­wer­tung nicht un­mit­tel­bar dar­auf an­kommt -, dass nun­mehr auch die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit grundsätz­lich da­von

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aus­geht (vgl. BVerwG vom 23.06.2010, 6 P 8/09), dass da­ten­schutz­recht­li­che Be­stim­mun­gen dem In­for­ma­ti­ons­an­spruch der Beschäftig­ten­ver­tre­tung nicht ent­ge­gen­ste­hen und hier­zu ei­ne vor­he­ri­ge Zu­stim­mung des je­weils Be­trof­fe­nen nicht er­for­der­lich ist (vgl. VG Ber­lin v. 04.04.2007, 61 A 28.06, zit. n. Ju­ris).


III.

Das Ver­fah­ren ist gem. § 2 Abs. 2 GKG ge­richts­kos­ten­frei.


IV.

Ge­gen die­se Ent­schei­dung ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben, da die Rechts­be­schwer­de gem. § 92 Abs. 1 i. V. m. § 72 Abs. 2 ArbGG nicht zu­zu­las­sen war, da die Ent­schei­dung auf ei­ner langjährig ge­fes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­baut und auch durch das von der Ar­beit­ge­ber­sei­te ge­nann­te Ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt Bonn kei­ne grundsätz­li­che Be­deu­tung ge­winnt. Auf die Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gem. § 92 a i. V. m. § 72 a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.


Müller 

Eckin­ger 

Wie­land

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