HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 25.06.2020, C-762/18, C-37/19

   
Schlagworte: Urlaub, Urlaubsanspruch, Arbeitszeitgestaltung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-762/18,
C-37/19
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 25.06.2020
   
Leitsätze:

1. Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung ist dahin auszulegen, dass er einer nationalen Rechtsprechung entgegensteht, wonach ein Arbeitnehmer, der rechtswidrig entlassen wurde und sodann nach nationalem Recht infolge der Nichtigerklärung seiner Entlassung durch eine Gerichtsentscheidung seine Beschäftigung wieder aufgenommen hat, deshalb keinen Anspruch auf bezahlten Jahresurlaub für den Zeitraum zwischen dem Tag der Entlassung und dem Tag der Wiederaufnahme seiner Beschäftigung hat, weil er während dieses Zeitraums keine tatsächliche Arbeitsleistung für den Arbeitgeber erbracht hat.

 

2. Art. 7 Abs. 2 der Richtlinie 2003/88 ist dahin auszulegen, dass er einer nationalen Rechtsprechung entgegensteht, wonach der betreffende Arbeitnehmer bei Beendigung eines Arbeitsverhältnisses, nachdem er rechtswidrig entlassen worden war und sodann nach nationalem Recht infolge der Nichtigerklärung seiner Entlassung durch eine Gerichtsentscheidung seine Beschäftigung wieder aufgenommen hatte, keinen Anspruch auf eine finanzielle Vergütung für während des Zeitraums vom Tag der rechtswidrigen Entlassung bis zum Tag der Wiederaufnahme seiner Beschäftigung nicht genommenen bezahlten Jahresurlaub hat.

 

Vorinstanzen: Rayonen sad Haskovo (Kreisgericht Haskovo, Bulgarien),
Corte suprema di cassazione (Kassationsgerichtshof, Italien)
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHOFS (Ers­te Kam­mer)

25. Ju­ni 2020

 

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung – So­zi­al­po­li­tik – Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­merRicht­li­nie 2003/88/EG – Art. 7 – Rechts­wid­rig ent­las­se­ner und durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung wie­der in sei­ne Funk­tio­nen ein­ge­setz­ter Ar­beit­neh­mer – Aus­schluss des An­spruchs auf den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum zwi­schen der Ent­las­sung und der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung – Kein An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub für den­sel­ben Zeit­raum im Fall ei­ner späte­ren Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses

 

In den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen C‑762/18 und C‑37/19

be­tref­fend zwei Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Rayo­nen sad Has­ko­vo (Kreis­ge­richt Has­ko­vo, Bul­ga­ri­en) (C‑762/18) und von der Cor­te su­pre­ma di cas­sa­zio­ne (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof, Ita­li­en) (C‑37/19) mit Ent­schei­dun­gen vom 26. No­vem­ber und vom 27. No­vem­ber 2018, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 4. De­zem­ber 2018 bzw. am 21. Ja­nu­ar 2019, in den Ver­fah­ren

QH

ge­gen
Var­ho­ven ka­sa­t­sio­nen sad na Re­pu­bli­ka Bul­ga­ria,
Be­tei­lig­te:
Pro­ku­ra­tu­ra na Re­pu­bli­ka Bul­ga­ria (C‑762/18),

und

CV
ge­gen
Ic­crea Ban­ca SpA (C‑37/19)
erlässt

DER GERICH­TSHOF (Ers­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J.‑C. Bo­ni­chot, der Vi­ze­präsi­den­tin des Ge­richts­hofs R. Sil­va de La­pu­er­ta (Be­richt­er­stat­te­rin), des Rich­ters L. Bay Lar­sen, der Rich­te­rin C. Toa­der und des Rich­ters N. Jääski­nen,

Ge­ne­ral­an­walt: G. Ho­gan,

Kanz­ler: M. Alek­se­jev, Re­fe­rats­lei­ter,

auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 11. De­zem­ber 2019,

un­ter Berück­sich­ti­gung der Erklärun­gen

  • von QH, ver­tre­ten durch S. La­te­va und A. Sla­vchev, ad­vo­ka­ti,
  • des Var­ho­ven ka­sa­t­sio­nen sad na Re­pu­bli­ka Bul­ga­ria, ver­tre­ten durch M. Hris­to­va-Ni­ko­l­o­va, Z. Stoy­kov und L. Pa­nov als Be­vollmäch­tig­te,
  • von CV, ver­tre­ten durch F. Pro­i­et­ti, av­vo­ca­to,
  • der Ic­crea Ban­ca SpA, ver­tre­ten durch A. Ma­re­sca und F. Boc­cia, av­vo­ca­ti,
  • der bul­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch E. Pe­tra­no­va und L. Za­ha­rie­va als Be­vollmäch­tig­te,
  • der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Pal­mie­ri als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von L. Fi­an­da­ca, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,
  • der pol­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch B. Ma­jc­zy­na, D. Lu­tostańska und A. Si­wek-Ślusarek als Be­vollmäch­tig­te,
  • der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek, C. Za­dra und Y. G. Ma­ri­no­va als Be­vollmäch­tig­te,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 29. Ja­nu­ar 2020

fol­gen­des

Ur­teil

 

Die Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­tref­fen die Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 2003, L 299, S. 9) und von Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta). 
2

Die­se Er­su­chen er­ge­hen im Rah­men zwei­er Rechts­strei­tig­kei­ten zum ei­nen zwi­schen QH und dem Var­ho­ven ka­sa­t­sio­nen sad na Re­pu­bli­ka Bul­ga­ria (Obers­tes Kas­sa­ti­ons­ge­richt der Re­pu­blik Bul­ga­ri­en, im Fol­gen­den: Kas­sa­ti­ons­ge­richt) über die An­wen­dung ei­ner ver­meint­lich mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­ba­ren Recht­spre­chung durch die­ses Ge­richt, die zur Fol­ge hat­te, dass QH ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum zwi­schen dem Tag ih­rer rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me ih­rer Beschäfti­gung ver­sagt wur­de (Rechts­sa­che C‑762/18), und zum an­de­ren zwi­schen CV und der Ic­crea Ban­ca Spa über ei­nen ähn­li­chen Sach­ver­halt (Rechts­sa­che C‑37/19).

 

Recht­li­cher Rah­men

Uni­ons­recht

3

Der fünf­te Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 lau­tet:

„Al­le Ar­beit­neh­mer soll­ten an­ge­mes­se­ne Ru­he­zei­ten er­hal­ten. Der Be­griff ‚Ru­he­zeit‘ muss in Zeit­ein­hei­ten aus­ge­drückt wer­den, d. h. in Ta­gen, St­un­den und/oder Tei­len da­von. Ar­beit­neh­mern in der Ge­mein­schaft müssen Min­destru­he­zei­ten – je Tag, Wo­che und Jahr – so­wie an­ge­mes­se­ne Ru­he­pau­sen zu­ge­stan­den wer­den. In die­sem Zu­sam­men­hang muss auch ei­ne wöchent­li­che Höchst­ar­beits­zeit fest­ge­legt wer­den.“

4

Art. 7 („Jah­res­ur­laub“) die­ser Richt­li­nie lau­tet wie folgt:

„(1) Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen nach Maßga­be der Be­din­gun­gen für die In­an­spruch­nah­me und die Gewährung erhält, die in den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder nach den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind.

(2) Der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub darf außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den.“

 

Bul­ga­ri­sches Recht

 

Ar­beits­ge­setz­buch

5 Nach Art. 155 Abs. 1 des Ko­deks na tru­da (Ar­beits­ge­setz­buch) hat „[j]eder Ar­bei­ter und An­ge­stell­te … An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub“.
6

In Art. 224 Abs. 1 die­ses Ge­setz­buchs heißt es:

„Bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses hat der Ar­bei­ter oder An­ge­stell­te An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub …“

7

Art. 225 des ge­nann­ten Ge­setz­buchs sieht vor:

„1. Im Fall ei­ner rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung hat der Ar­bei­ter oder An­ge­stell­te An­spruch dar­auf, dass ihm der Ar­beit­ge­ber ei­ne Entschädi­gung in Höhe sei­nes Brut­to­ar­beits­ent­gelts für den Zeit­raum be­zahlt, in dem er auf­grund die­ser Ent­las­sung ar­beits­los war, je­doch höchs­tens für sechs Mo­na­te.

2. Wenn der Ar­bei­ter oder An­ge­stell­te während des Zeit­raums im Sin­ne des vor­ste­hen­den Ab­sat­zes ei­ne schlech­ter be­zahl­te Stel­le hat­te, hat er An­spruch auf Zah­lung der Lohn- bzw. Ge­halts­dif­fe­renz. Die­ser An­spruch wird eben­falls ei­nem Ar­bei­ter oder An­ge­stell­ten gewährt, der rechts­wid­rig auf ei­ne schlech­ter be­zahl­te an­de­re Stel­le ver­setzt wird.

…“

8

Art. 354 Abs. 1 des Ge­setz­buchs lau­tet fol­gen­der­maßen:

„Als zurück­ge­leg­te Ar­beits­zeit wird auch der Zeit­raum an­er­kannt, in dem in fol­gen­den Fällen kein Ar­beits­verhält­nis be­stand:

  1. wenn der Ar­bei­ter oder An­ge­stell­te auf­grund ei­ner Ent­las­sung ar­beits­los war, die von den zuständi­gen Behörden für rechts­wid­rig erklärt wird, und zwar ab dem Tag der Ent­las­sung bis zum Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung;

…“

Zi­vil­pro­zess­ord­nung

9

Art. 290 des Grazh­dan­ski prot­se­sua­len ko­deks (Zi­vil­pro­zess­ord­nung) lau­tet:

  1. Die Kas­sa­ti­ons­be­schwer­de wird von ei­nem dreiköpfi­gen Spruchkörper [des Kas­sa­ti­ons­ge­richts] in öffent­li­cher Sit­zung ge­prüft.
  2. [Das Kas­sa­ti­ons­ge­richt] prüft die Rechtmäßig­keit des Be­ru­fungs­ur­teils nur hin­sicht­lich der vor­ge­brach­ten Kas­sa­ti­ons­gründe.“
10

Art. 291 der Zi­vil­pro­zess­ord­nung sieht vor:

„Wenn das Be­ru­fungs­ur­teil in ei­nem Kon­text wi­dersprüch­li­cher Recht­spre­chung er­gan­gen ist,

  1. gibt [das Kas­sa­ti­ons­ge­richt] in ei­ner be­gründe­ten Ent­schei­dung die­je­ni­ge Recht­spre­chung an, die es für rich­tig hält; in die­sem Fall ent­schei­det es in der Rechts­sa­che auf der Grund­la­ge die­ser Recht­spre­chung;
  2. wenn es der An­sicht ist, dass die Recht­spre­chung in den Ent­schei­dun­gen ver­fehlt ist, gibt es den Grund dafür in ei­ner be­gründe­ten Ent­schei­dung an; in die­sem Fall ent­schei­det es un­ter Aus­le­gung des Ge­set­zes auf der Grund­la­ge der kon­kre­ten Sach­ver­halts­umstände;
  3. wenn es der An­sicht ist, dass die wi­dersprüchli­che Recht­spre­chung auf den Rechts­streit nicht an­wend­bar ist, gibt es den Grund dafür in ei­ner be­gründe­ten Ent­schei­dung an; in die­sem Fall ent­schei­det es un­ter Aus­le­gung des Ge­set­zes auf der Grund­la­ge der kon­kre­ten Sach­ver­halts­umstände.“

 

Ita­lie­ni­sches Recht

11

Art. 36 Abs. 3 der Co­sti­tu­zio­ne del­la Re­pubb­li­ca Ita­lia­na (Ver­fas­sung der Ita­lie­ni­schen Re­pu­blik) sieht vor:

„Der Ar­beit­neh­mer hat An­spruch auf wöchent­li­che Ru­he­zeit so­wie auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und darf nicht dar­auf ver­zich­ten.“

12

Art. 10 des De­cre­to le­gis­la­tivo n. 66, At­tua­zio­ne del­le di­ret­ti­ve 93/104/CE e 2000/34/CE con­cer­nen­ti tal­uni as­pet­ti dell’or­ga­niz­za­zio­ne dell’ora­rio di la­voro (Ge­set­zes­ver­tre­ten­des De­kret Nr. 66 zur Um­set­zung der Richt­li­ni­en 93/104/EG und 2000/34/EG über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung) vom 8. April 2003 (GURI Nr. 87 vom 14. April 2003, Supple­men­to Or­di­na­rio n. 61) in sei­ner auf den Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens in der Rechts­sa­che C‑37/19 an­wend­ba­ren Fas­sung lau­tet wie folgt:

„… [D]er Ar­beit­neh­mer hat An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Um­fang von min­des­tens vier Wo­chen. Un­be­scha­det der Be­stim­mun­gen der Ta­rif­verträge oder der Son­der­re­geln für die Ka­te­go­ri­en im Sin­ne von Art. 2 Abs. 2 muss der Ar­beit­neh­mer min­des­tens zwei Wo­chen die­ses Zeit­raums – falls er dies be­an­tragt, auf­ein­an­der fol­gend – im Lau­fe des Jah­res neh­men, in dem die­ser An­spruch ent­stan­den ist, und die zwei übri­gen Wo­chen in­ner­halb von 18 Mo­na­ten nach Ab­lauf des Jah­res, in dem die­ser An­spruch ent­stan­den ist.

Die­ser Min­dest­zeit­raum von vier Wo­chen darf außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub er­setzt wer­den …“

13

Art. 52 („Ur­laub“) des Con­trat­to col­let­tivo na­zio­na­le di la­voro per le Ban­che di Credi­to Co­ope­ra­tivo, Cas­se Rura­li ed Ar­ti­gia­ne (Na­tio­na­ler Ta­rif­ver­trag für Ge­nos­sen­schafts­ban­ken so­wie Land­wirt­schafts- und Hand­werks­kas­sen) vom 7. De­zem­ber 2000 sieht in sei­ner auf den Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens in der Rechts­sa­che C‑37/19 an­wend­ba­ren Fas­sung vor:

„…

Auf das Recht auf Ur­laub kann nicht ver­zich­tet wer­den. Der Ur­laub ist im Lau­fe des Ka­len­der­jah­res zu neh­men, auf das er sich be­zieht.

Im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses hat ein Ar­beit­neh­mer, der den Ur­laub, auf den er im lau­fen­den Ka­len­der­jahr für je­den vollständig ge­ar­bei­te­ten Mo­nat ab dem 1. Ja­nu­ar im Um­fang ei­nes Zwölf­tels des Jah­res­ur­laubs An­spruch er­wor­ben hat, ganz oder teil­wei­se nicht ge­nom­men hat, An­spruch auf ei­ne Vergütung, die dem Ent­gelt für die ver­fal­le­nen Ur­laubs­ta­ge ent­spricht.

Im Fall der Ab­we­sen­heit vom Dienst wird der zu­ste­hen­de Ur­laub um so vie­le Zwölf­tel gekürzt, wie die Zahl der gan­zen Mo­na­te der Ab­we­sen­heit beträgt.

…“

14

Art. 53 („Son­der­ur­laubs­ta­ge für auf­ge­ho­be­ne Fei­er­ta­ge“) die­ses Ta­rif­ver­trags sieht vor:

„An­ge­sichts der Rechts­vor­schrif­ten im Be­reich Fei­er­ta­ge wer­den Ur­laubs- und/oder Son­der­ur­laubs­ta­ge gewährt, die im Lau­fe des Ka­len­der­jah­res, auch in Ver­bin­dung mit Ur­laubs­zeiträum­en, zu neh­men sind.

Die oben vor­ge­se­he­nen Son­der­ur­laubs­ta­ge, die in­des­sen im Lau­fe des Ka­len­der­jah­res nicht ge­nom­men wor­den sind,… sind auf der Grund­la­ge des letz­ten in dem be­tref­fen­den Jahr be­zo­ge­nen Ar­beits­ent­gelts aus­zu­zah­len.“

15

Aus dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen in der Rechts­sa­che C‑37/19 geht im We­sent­li­chen her­vor, dass Art. 18 („Schutz des Ar­beit­neh­mers im Fall rechts­wid­ri­ger Ent­las­sung“) der Leg­ge n. 300/1970 (Ge­setz Nr. 300/1970) vom 20. Mai 1970 (GURI Nr. 131 vom 27. Mai 1970) in der im Aus­gangs­ver­fah­ren maßgeb­li­chen Fas­sung vor­sah, dass das Ge­richt in ei­nem sol­chen Fall in dem Ur­teil, mit dem es die als dis­kri­mi­nie­rend an­ge­se­he­ne Ent­las­sung für nich­tig erklärt, dem Ar­beit­ge­ber un­abhängig da­von, wel­cher Grund for­mal gel­tend ge­macht wur­de und wie vie­le Ar­beit­neh­mer er beschäftigt, die Wie­der­ein­glie­de­rung des Ar­beit­neh­mers am Ar­beits­platz auf­gibt. Das Ge­richt ver­ur­teilt den Ar­beit­ge­ber auch da­zu, dem Ar­beit­neh­mer den durch die für nich­tig oder un­wirk­sam erklärte Ent­las­sung ver­ur­sach­ten Scha­den mit­tels ei­ner Entschädi­gung zu er­set­zen.

 

Aus­gangs­rechts­strei­tig­kei­ten, Vor­la­ge­fra­gen und Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof

Rechts­sa­che C762/18

16 QH, die in ei­ner Schu­le beschäftigt war, wur­de mit Ent­schei­dung vom 29. April 2004 ent­las­sen. Mit rechts­kräfti­gem Ur­teil des Rayo­nen sad Plov­div (Kreis­ge­richt Plov­div, Bul­ga­ri­en) wur­de die­se Ent­las­sung für rechts­wid­rig erklärt, und QH nahm ih­re Beschäfti­gung am 10. No­vem­ber 2008 wie­der auf.
17 Mit Ent­schei­dung vom 13. No­vem­ber 2008 wur­de QH er­neut ent­las­sen. Die­se Ent­las­sung wur­de nicht an­ge­foch­ten.
18 Am 1. Ju­li 2009 er­hob QH beim Rayo­nen sad Plov­div (Kreis­ge­richt Plov­div) Kla­ge ge­gen die Schu­le, die sie beschäftigt hat­te, und be­an­trag­te u. a. die Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung in Höhe von 7 125 bul­ga­ri­schen Le­va (BGN) (ca. 3 641 Eu­ro) für 285 Ta­ge nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, d. h. 57 Ta­ge pro Jahr für die Zeit vom 30. April 2004 bis zum 13. No­vem­ber 2008, so­wie die Zah­lung ei­nes Be­trags von 1 100 BGN (ca. 562 Eu­ro) für den Zah­lungs­ver­zug hin­sicht­lich die­ser Vergütung für den Zeit­raum vom 13. No­vem­ber 2008 bis zum 1. Ju­li 2009.
19 Die­se Kla­ge wur­de mit Ur­teil vom 15. April 2010, das in zwei­ter In­stanz durch ein Ur­teil des Okrazhen sad Plov­div (Be­zirks­ge­richt Plov­div, Bul­ga­ri­en) vom 10. Fe­bru­ar 2011 bestätigt wur­de, ab­ge­wie­sen.
20 QH leg­te beim Kas­sa­ti­ons­ge­richt ge­gen das letz­te­re Ur­teil Kas­sa­ti­ons­be­schwer­de ein. Mit Be­schluss vom 25. Ok­to­ber 2011 ließ das Kas­sa­ti­ons­ge­richt die­se Be­schwer­de nicht zu und bestätig­te in­halt­lich das erst­in­stanz­li­che Ur­teil des Rayo­nen sad Plov­div (Kreis­ge­richt Plov­div) vom 15. April 2010 in der Form, wie es in zwei­ter In­stanz bestätigt wor­den war.
21 Ins­be­son­de­re stand es nach An­sicht des Kas­sa­ti­ons­ge­richts im Ein­klang mit sei­ner bin­den­den Recht­spre­chung, dass die Vor­ge­rich­te die Kla­ge von QH, die im We­sent­li­chen dar­auf ab­ge­zielt ha­be, dass ein rechts­wid­rig ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für die Zeit vom Tag der Ent­las­sung bis zum Tag der durch ein rechts­kräfti­ges Ur­teil an­ge­ord­ne­ten Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung gel­tend ma­chen könne, ab­ge­wie­sen hätten.
22 Nach die­ser Recht­spre­chung hat ein rechts­wid­rig ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer in der Zeit von der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zur Nich­ti­gerklärung der Ent­las­sung durch ein rechts­kräfti­ges Ur­teil und der Wie­der­auf­nah­me sei­ner frühe­ren Beschäfti­gung kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung im Rah­men des Ar­beits­verhält­nis­ses er­bracht, so dass für die­se Zeit kein An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ent­steht und der Ar­beit­ge­ber im Fall ei­ner er­neu­ten Ent­las­sung dem Ar­beit­neh­mer für die­sen Zeit­raum kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Sin­ne von Art. 224 Abs. 1 des Ar­beits­ge­setz­buchs schul­det.
23 QH be­fass­te das vor­le­gen­de Ge­richt, den Rayo­nen sad Has­ko­vo (Kreis­ge­richt Has­ko­vo, Bul­ga­ri­en), mit ei­ner Scha­dens­er­satz­kla­ge ge­gen das Kas­sa­ti­ons­ge­richt, die auf den Er­satz des Scha­dens ge­rich­tet ist, der ihr da­durch ent­stan­den sei, dass das Kas­sa­ti­ons­ge­richt in sei­nem Be­schluss vom 25. Ok­to­ber 2011 ge­gen Uni­ons­recht ver­s­toßen ha­be. Zur Stützung die­ser Kla­ge bringt QH u. a. vor, dass das Kas­sa­ti­ons­ge­richt Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 hätte an­wen­den müssen und ih­ren An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum, in dem sie den Ur­laub auf­grund ih­rer rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung nicht ha­be neh­men können, hätte be­ja­hen müssen. QH fügt hin­zu, dass das Kas­sa­ti­ons­ge­richt, falls es Zwei­fel an der An­wend­bar­keit die­ser Vor­schrift ge­habt ha­ben soll­te, als letzt­in­stanz­li­ches Ge­richt dem Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV über die Aus­le­gung die­ser uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mung hätte vor­le­gen müssen. Da­her ist nach An­sicht von QH die Nicht­ein­hal­tung der Ver­pflich­tung des Kas­sa­ti­ons­ge­richts zur Vor­la­ge ei­nes Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens als schuld­haf­te Hand­lung des Kas­sa­ti­ons­ge­richts an­zu­se­hen, die ihr ei­nen Scha­den in Höhe der ge­for­der­ten Beträge ver­ur­sacht ha­be.
24

Un­ter die­sen Umständen hat der Rayo­nen sad Has­ko­vo (Kreis­ge­richt Has­ko­vo) be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

  1. Ist Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung und/oder Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach ein Ar­beit­neh­mer, wenn er rechts­wid­rig ent­las­sen wur­de und da­nach die Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung ge­richt­lich an­ge­ord­net wur­de, kei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für die Zeit vom Tag der Ent­las­sung bis zum Tag der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung hat?
  2. Falls die ers­te Fra­ge be­jaht wird: Ist Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung und/oder Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach die­ser Ar­beit­neh­mer bei er­neu­ter Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für die Zeit vom Tag der vor­he­ri­gen Ent­las­sung bis zum Tag der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung hat?

 

Rechts­sa­che C37/19

25 CV, die Mit­ar­bei­te­rin von Ic­crea Ban­ca war, wur­de mit Schrei­ben vom 11. Ju­li 2002 im Rah­men ei­nes Mas­sen­ent­las­sungs­ver­fah­rens ent­las­sen. Mit Be­schluss vom 4. Sep­tem­ber 2003 ord­ne­te das Tri­bu­na­le di Ro­ma (Be­zirks­ge­richt Rom, Ita­li­en) je­doch ih­re Wie­der­beschäfti­gung ab dem 6. Ok­to­ber 2003 an.
26 Mit Schrei­ben vom 13. Ok­to­ber und vom 15. No­vem­ber 2003 be­en­de­te Ic­crea Ban­ca den Ar­beits­ver­trag von CV er­neut mit so­for­ti­ger Wir­kung. Die bei­den Ent­las­sun­gen wur­den in­des­sen durch in Rechts­kraft er­wach­se­ne Ge­richts­ent­schei­dun­gen für rechts­wid­rig erklärt, und CV nahm ih­re Beschäfti­gung am 26. Sep­tem­ber 2008 wie­der auf.
27 Am 17. Sep­tem­ber 2010 wur­de der Ar­beits­ver­trag von CV er­neut be­en­det.
28 Zwi­schen­zeit­lich hat­te CV beim Tri­bu­na­le di Ro­ma (Be­zirks­ge­richt Rom) zwei Mahn­be­schei­de er­wirkt, wo­bei Ic­crea Ban­ca mit dem ers­ten die Zah­lung von 3 521 Eu­ro zuzüglich Ne­ben­kos­ten als ge­schul­de­ter Be­trag für 30,5 Ur­laubs­ta­ge und fünf Son­der­ur­laubs­ta­ge für auf­ge­ho­be­ne Fei­er­ta­ge, auf die sie für das Jahr 2003 An­spruch er­wor­ben und die sie nicht ge­nom­men ha­be, und mit dem zwei­ten die Zah­lung von 2 596,16 Eu­ro zuzüglich Ne­ben­kos­ten als ge­schul­de­ter Be­trag für 27 Ur­laubs­ta­ge und fünf Son­der­ur­laubs­ta­ge für auf­ge­ho­be­ne Fei­er­ta­ge, auf die sie für das Jahr 2004 An­spruch er­wor­ben und die sie nicht ge­nom­men ha­be, auf­ge­ge­ben wur­de.
29 Nach­dem Ic­crea Ban­ca da­ge­gen Wi­der­spruch er­ho­ben hat­te, hob das Tri­bu­na­le di Ro­ma (Be­zirks­ge­richt Rom) den ers­ten Mahn­be­scheid auf und ver­ur­teil­te Ic­crea Ban­ca zur Zah­lung von 3 784,82 Eu­ro brut­to aus dem­sel­ben Rechts­grund, aber be­schränkt auf den vor der zwei­ten Ent­las­sung lie­gen­den Zeit­raum. Im Übri­gen hob das Tri­bu­na­le di Ro­ma (Be­zirks­ge­richt Rom) sei­nen zwei­ten Mahn­be­scheid be­tref­fend die für das Jahr 2004 gel­tend ge­mach­ten Ansprüche auf.
30 CV leg­te ge­gen die­se Ur­tei­le Be­ru­fung ein. Die Cor­te d’ap­pel­lo di Ro­ma (Be­ru­fungs­ge­richt Rom, Ita­li­en) wies die­se Be­ru­fun­gen un­ter Ver­weis auf Präze­denzfälle der Cor­te su­pre­ma di cas­sa­zio­ne (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof, Ita­li­en) mit der Be­gründung zurück, dass CV während des Zeit­raums, auf den sich ihr An­trag be­zie­he, kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung er­bracht ha­be und der An­spruch auf ei­ne Er­satz­leis­tung für Ur­laubs- und Son­der­ur­laubs­ta­ge nur zu­er­kannt wer­den könne, wenn die be­ruf­li­che Tätig­keit während des maßgeb­li­chen Zeit­raums aus­geübt wor­den sei.
31 CV leg­te bei dem vor­le­gen­den Ge­richt, der Cor­te su­pre­ma di cas­sa­zio­ne (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof) ge­gen die­se Ur­tei­le der Cor­te d’ap­pel­lo di Ro­ma (Be­ru­fungs­ge­richt Rom) Kas­sa­ti­ons­be­schwer­de ein.
32 Das vor­le­gen­de Ge­richt stellt klar, dass sich der ver­fah­rens­ge­genständ­li­che An­trag auf die Fest­stel­lung des An­spruchs von CV auf ei­ne Er­satz­leis­tung für nicht ge­nom­me­ne Ur­laubs- und Son­der­ur­laubs­ta­ge für den Zeit­raum vom 15. No­vem­ber 2003 bis zum 31. De­zem­ber 2004 be­schränke. Ins­be­son­de­re stellt sich nach An­sicht die­ses Ge­richts in Be­zug auf die­sen Zeit­raum die Fra­ge, ob der rechts­wid­rig ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer, der so­dann sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, auf der Grund­la­ge von Art. 31 der Char­ta und Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 An­spruch auf ei­ne Er­satz­leis­tung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum zwi­schen sei­ner Ent­las­sung und der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung hat.
33 In­so­weit ist das vor­le­gen­de Ge­richt zunächst der An­sicht, dass im Licht der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht aus­ge­schlos­sen wer­den könne, dass die Ausübung der be­ruf­li­chen Tätig­keit während des maßgeb­li­chen Zeit­raums kei­ne un­ab­ding­ba­re Vor­aus­set­zung für den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub dar­stel­le, und je­den­falls der Ein­fluss äußerer Fak­to­ren, die dem Ar­beit­neh­mer nicht zu­ge­rech­net wer­den könn­ten, im Hin­blick auf die Zu­er­ken­nung ei­ner Er­satz­leis­tung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub re­le­vant sein könn­te.
34 So­dann weist das vor­le­gen­de Ge­richt auf be­stimm­te re­le­van­te As­pek­te der ita­lie­ni­schen Recht­spre­chung im Be­reich Ent­las­sung, Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung und An­spruch auf ei­ne Vergütung für nicht ge­nom­me­ne Ur­laubs­ta­ge im Fall der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung hin.
35 Ins­be­son­de­re legt das vor­le­gen­de Ge­richt zum ei­nen dar, dass nach ständi­ger ita­lie­ni­scher Recht­spre­chung der Ar­beit­neh­mer, so­bald die Rechts­wid­rig­keit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­richt­lich fest­ge­stellt wor­den sei, grundsätz­lich An­spruch auf Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung ha­be. Die Ge­richts­ent­schei­dung, mit der die Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers an­ge­ord­net wer­de, be­wir­ke die Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­verhält­nis­ses, das so­mit in jeg­li­cher recht­li­cher und wirt­schaft­li­cher Hin­sicht auf der bloßen Grund­la­ge der Ent­schei­dung des Ge­richts als wie­der­her­ge­stellt gel­te, oh­ne dass es er­for­der­lich wäre, dass der Ar­beit­ge­ber ei­ne er­neu­te Ein­stel­lung vor­neh­me. Zum an­de­ren be­wirk­ten die ge­richt­li­che Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit der Ent­las­sung und die da­mit ein­her­ge­hen­de An­ord­nung der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung nach Art. 18 des Ge­set­zes Nr. 300/1970 die recht­li­che Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­verhält­nis­ses, das da­her so an­zu­se­hen sei, als wäre es nie be­en­det wor­den.
36 Sch­ließlich nimmt das vor­le­gen­de Ge­richt Be­zug auf sei­ne Recht­spre­chung, nach der im Fall ei­ner für rechts­wid­rig erklärten Ent­las­sung die Ar­beits­ent­gel­te, die dem Ar­beit­neh­mer für den Zeit­raum zwi­schen dem Tag der Mit­tei­lung der Ent­las­sung und dem Tag der Ausübung des Rechts, für ei­ne Entschädi­gung an­stel­le der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung zu op­tie­ren, zu­ge­spro­chen würden, we­der die Er­satz­leis­tung für nicht ge­nom­me­ne Ur­laubs­ta­ge noch je­ne für Son­der­ur­laubs­ta­ge zur mo­nat­li­chen Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit um­fass­ten. Nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts ist die­se Lösung im Hin­blick auf die Dop­pel­na­tur die­ser Er­satz­leis­tun­gen, mit de­nen gleich­zei­tig ein Scha­den er­setzt und ei­ne Vergütung ge­zahlt wer­den sol­le, ge­recht­fer­tigt, wes­halb sie nur in Fällen ge­schul­det würden, in de­nen der Ar­beit­neh­mer, der tatsächlich ar­bei­te, sei­ne Tätig­keit während des ge­sam­ten Jah­res aus­geübt ha­be, oh­ne den Ur­laub zu neh­men. Der ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer be­fin­de sich nicht in der­sel­ben Si­tua­ti­on, da er sich in dem Zeit­raum zwi­schen der Be­en­di­gung sei­nes Ar­beits­ver­trags und der Ausübung sei­nes Rechts, für die Entschädi­gung zu op­tie­ren, in ei­ner – wenn auch „er­zwun­ge­nen“ – Ru­he­zeit be­fin­de.
37

Un­ter die­sen Umständen hat die Cor­te su­pre­ma di cas­sa­zio­ne (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof) be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof die fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:

Sind Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta, ge­ge­be­nen­falls ge­son­dert be­trach­tet, da­hin aus­zu­le­gen, dass sie na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder ei­ner na­tio­na­len Pra­xis ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses der An­spruch auf Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für er­wor­be­nen, aber nicht ge­nom­me­nen Ur­laub (und für ein Rechts­in­sti­tut wie die so­ge­nann­ten „Fes­ti­vità sop­pres­se“ [„auf­ge­ho­be­ne Fei­er­ta­ge“], das nach Art und Funk­ti­on mit dem Jah­res­ur­laub ver­gleich­bar ist) in ei­nem Kon­text nicht be­steht, in dem der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub vor der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses we­gen ei­ner dem Ar­beit­ge­ber zu­zu­rech­nen­den rechts­wid­ri­gen Hand­lung (ei­ne von ei­nem na­tio­na­len Ge­richt durch ei­ne rechts­kräfti­ge Ent­schei­dung, mit der die rück­wir­ken­de Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­verhält­nis­ses an­ge­ord­net wird, als rechts­wid­rig fest­ge­stell­te Ent­las­sung) für die Zeit zwi­schen die­ser rechts­wid­ri­gen Hand­lung des Ar­beit­ge­bers und der späte­ren Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung nicht in An­spruch neh­men konn­te?

38

Mit Be­schluss des Präsi­den­ten der Ers­ten Kam­mer vom 2. März 2020 sind die Rechts­sa­chen C‑762/18 und C‑37/19 zu ge­mein­sa­mer Ent­schei­dung ver­bun­den wor­den.

 

Zu den Vor­la­ge­fra­gen

Zur Zuständig­keit des Ge­richts­hofs in der Rechts­sa­che C762/18

39 Als Ers­tes macht die bul­ga­ri­sche Re­gie­rung gel­tend, dass der Ge­richts­hof für die im Rah­men der Rechts­sa­che C‑762/18 vor­ge­leg­ten Fra­gen nicht zuständig sei, da die Scha­dens­er­satz­kla­ge von QH un­mit­tel­bar mit ih­rer ers­ten Ent­las­sung zu­sam­menhänge und die­se Ent­las­sung am 29. April 2004 er­folgt sei, al­so vor dem Bei­tritt der Re­pu­blik Bul­ga­ri­en zur Eu­ropäischen Uni­on, d. h. vor dem 1. Ja­nu­ar 2007.
40

In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Kla­ge von QH, wie sich aus den Rn. 21 bis 23 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, auf den Er­satz der Schäden ge­rich­tet ist, die da­durch ent­stan­den sein sol­len, dass das Kas­sa­ti­ons­ge­richt ge­gen Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­s­toßen ha­be, in­dem es in Be­zug auf die Rechts­wir­kun­gen der Nich­ti­gerklärung die­ser ers­ten Ent­las­sung und der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung der Be­trof­fe­nen ei­ne na­tio­na­le Recht­spre­chung an­ge­wandt ha­be, die mit die­ser uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mung un­ver­ein­bar sei. Das vor­le­gen­de Ge­richt in der Rechts­sa­che C‑762/18 fragt sich da­her, ob ei­ne sol­che na­tio­na­le Recht­spre­chung mit die­ser Be­stim­mung ver­ein­bar ist, so dass die von ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen mit den recht­li­chen Kon­se­quen­zen zu­sam­menhängen, die sich aus der Nich­ti­gerklärung der ers­ten Ent­las­sung von QH so­wie aus der Wie­der­auf­nah­me ih­rer Beschäfti­gung er­ge­ben.


41 Wie aus Art. 2 der Ak­te über die Be­din­gun­gen des Bei­tritts der Bul­ga­ri­schen Re­pu­blik und Rumäniens und die An­pas­sun­gen der die Eu­ropäische Uni­on be­gründen­den Verträge (ABl. 2005, L 157, S. 203) her­vor­geht, sind die ursprüng­li­chen Verträge und die vor dem Bei­tritt er­las­se­nen Rechts­ak­te der Or­ga­ne – u. a. die Richt­li­nie 2003/88 – für die Re­pu­blik Bul­ga­ri­en vom Zeit­punkt ih­res Bei­tritts an ver­bind­lich, so dass sie für zukünf­ti­ge Aus­wir­kun­gen vor dem Bei­tritt ent­stan­de­ner Sach­ver­hal­te gel­ten (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 14. Fe­bru­ar 2019, Mi­li­vo­je­vić, C‑630/17, EU:C:2019:123, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
42 Die ers­te Ent­las­sung von QH er­folg­te zwar vor dem Bei­tritt der Re­pu­blik Bul­ga­ri­en zur Uni­on, aber ih­re Nich­ti­gerklärung und die Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung von QH, de­ren Rechts­fol­gen Ge­gen­stand der Aus­gangs­rechts­sa­che sind, fan­den bei­de nach die­sem Zeit­punkt statt. Da­her ist Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 in zeit­li­cher Hin­sicht auf die Wir­kun­gen die­ser Nich­ti­gerklärung und die­ser Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung an­wend­bar, so­weit sol­che Wir­kun­gen nach dem 1. Ja­nu­ar 2007 ein­ge­tre­ten sind.
43 Als Zwei­tes tra­gen in der Rechts­sa­che C‑762/18 so­wohl das Kas­sa­ti­ons­ge­richt als auch die bul­ga­ri­sche Re­gie­rung vor, dass QH während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag ih­rer ers­ten Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me ih­rer Beschäfti­gung nicht die Ei­gen­schaft ei­nes „Ar­beit­neh­mers“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 ge­habt ha­be und da­her nicht in de­ren An­wen­dungs­be­reich bzw. im All­ge­mei­nen in den des Uni­ons­rechts ge­fal­len sei, so dass der Ge­richts­hof für die Be­ant­wor­tung der in die­ser Rechts­sa­che vor­ge­leg­ten Fra­gen nicht zuständig sei.
44 In­so­weit er­gibt sich aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass die Richt­li­nie 2003/88 nur für Ar­beit­neh­mer gilt und dass als „Ar­beit­neh­mer“ ei­ne Per­son an­zu­se­hen ist, die während ei­ner be­stimm­ten Zeit für ei­ne an­de­re nach de­ren Wei­sung Leis­tun­gen er­bringt, für die sie als Ge­gen­leis­tung ei­ne Vergütung erhält (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 20. No­vem­ber 2018, Sin­di­ca­tul Fa­mi­lia Cons­tanţa u. a., C‑147/17, EU:C:2018:926, Rn. 40 und 41).
45 Im vor­lie­gen­den Fall be­tref­fen die im Rah­men der Rechts­sa­che C‑762/18 vor­ge­leg­ten Fra­gen den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Kon­text ei­ner rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung ei­nes Ar­beit­neh­mers und der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung nach na­tio­na­lem Recht auf­grund ei­ner Ge­richts­ent­schei­dung.
46 Der Vor­la­ge­ent­schei­dung ist in­des­sen zu ent­neh­men, dass nach bul­ga­ri­schem Recht die Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit ei­ner Ent­las­sung be­deu­tet, dass der Zeit­raum zwi­schen dem Tag der Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung der be­trof­fe­nen Per­son rück­wir­kend als Teil der zurück­ge­leg­ten Ar­beits­zeit die­ser Per­son ge­genüber ih­rem Ar­beit­ge­ber an­zu­se­hen ist.
47 Da­her ist die Richt­li­nie 2003/88 in sach­li­cher Hin­sicht auf den Aus­gangs­rechts­streit in die­ser Rechts­sa­che an­wend­bar.
48

Dem­nach ist der Ge­richts­hof auf­ge­ru­fen, uni­ons­recht­li­che Be­stim­mun­gen, die auf die­sen Aus­gangs­rechts­streit an­wend­bar sind, aus­zu­le­gen, wes­halb er für die Be­ant­wor­tung der in der Rechts­sa­che C‑762/18 vor­ge­leg­ten Fra­gen zuständig ist.

 

Zur Zulässig­keit des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens in der Rechts­sa­che C37/19

49 Ic­crea Ban­ca und die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung zwei­feln an der Zulässig­keit des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens in der Rechts­sa­che C‑37/19, da es der Vor­la­ge­ent­schei­dung in die­ser Rechts­sa­che an Ge­nau­ig­keit und Klar­heit in Be­zug auf den Sach­ver­halt so­wie auf die na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder die na­tio­na­le Pra­xis, die even­tu­ell im Wi­der­spruch zum Uni­ons­recht stünden, feh­le.
50 In­so­weit ist fest­zu­stel­len, dass das vor­le­gen­de Ge­richt recht­lich hin­rei­chend die uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mun­gen anführt, de­ren Aus­le­gung er­for­der­lich ist, so­wie die na­tio­na­le Recht­spre­chung, die mit die­sen Be­stim­mun­gen un­ver­ein­bar sein könn­te. Im Übri­gen las­sen sich an­hand der im Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ent­hal­te­nen An­ga­ben die Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts so­wie der Kon­text, in dem die­se vor­ge­legt wird, nach­voll­zie­hen.
51

Dar­aus folgt, dass das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen in der Rechts­sa­che C‑37/19 zulässig ist.

 

Zur ers­ten Vor­la­ge­fra­ge in der Rechts­sa­che C762/18

52 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge in der Rechts­sa­che C‑762/18 möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach ein Ar­beit­neh­mer, der rechts­wid­rig ent­las­sen wur­de und so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, des­halb kei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum zwi­schen dem Tag der Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung hat, weil er während die­ses Zeit­raums kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung für den Ar­beit­ge­ber er­bracht hat.
53 In­so­weit ist ers­tens dar­auf hin­zu­wei­sen, dass je­der Ar­beit­neh­mer, wie sich un­mit­tel­bar aus dem Wort­laut von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 er­gibt, An­spruch auf ei­nen be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen hat. Die­ser An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ist als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen, des­sen Um­set­zung durch die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len nur in den Gren­zen er­fol­gen kann, die in der Richt­li­nie 2003/88 selbst aus­drück­lich vor­ge­se­hen sind (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 32 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
54 Im Übri­gen ist zu be­ach­ten, dass dem An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on nicht nur be­son­de­re Be­deu­tung zu­kommt, son­dern dass er auch in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta, die nach Art. 6 Abs. 1 EUV den glei­chen recht­li­chen Rang wie die Verträge hat, aus­drück­lich ver­an­kert ist (Ur­teil vom 21. Ju­ni 2012, AN­GED, C‑78/11, EU:C:2012:372, Rn. 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
55 Zu­dem hat der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den darf (Ur­teil vom 30. Ju­ni 2016, Sobc­zy­szyn, C‑178/15, EU:C:2016:502, Rn. 21 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
56 Sch­ließlich er­gibt sich aus dem Wort­laut der Richt­li­nie 2003/88 und aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass es zwar Sa­che der Mit­glied­staa­ten ist, die Vor­aus­set­zun­gen für die Ausübung und die Um­set­zung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub fest­zu­le­gen, sie da­bei aber nicht be­reits die Ent­ste­hung die­ses sich un­mit­tel­bar aus der Richt­li­nie er­ge­ben­den An­spruchs von ir­gend­ei­ner Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen dürfen (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
57 Zwei­tens ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs mit dem in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­ker­ten An­spruch auf Jah­res­ur­laub ein dop­pel­ter Zweck ver­folgt wird, der dar­in be­steht, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Ausübung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum der Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
58 Die­ser Zweck, durch den sich der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub von an­de­ren Ar­ten des Ur­laubs mit an­de­ren Zwe­cken un­ter­schei­det, be­ruht auf der Prämis­se, dass der Ar­beit­neh­mer im Lau­fe des Be­zugs­zeit­raums tatsächlich ge­ar­bei­tet hat. Das Ziel, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zu er­ho­len, setzt nämlich vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer ei­ne Tätig­keit aus­geübt hat, die es zu dem in der Richt­li­nie 2003/88 vor­ge­se­he­nen Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit recht­fer­tigt, dass er über ei­nen Zeit­raum der Er­ho­lung, der Ent­span­nung und der Frei­zeit verfügt. Da­her sind die Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub grundsätz­lich an­hand der auf der Grund­la­ge des Ar­beits­ver­trags tatsächlich ge­leis­te­ten Ar­beits­zeiträume zu be­rech­nen (Ur­teil vom 4. Ok­to­ber 2018, Di­cu, C‑12/17, EU:C:2018:799, Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
59 Gleich­wohl kann ein Mit­glied­staat in be­stimm­ten be­son­de­ren Fällen, in de­nen ein Ar­beit­neh­mer nicht in der La­ge ist, sei­ne Auf­ga­ben zu erfüllen, den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht von der Vor­aus­set­zung abhängig ma­chen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich ge­ar­bei­tet hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 20 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
60 Dies ist ins­be­son­de­re bei Ar­beit­neh­mern der Fall, die we­gen ei­ner Krank­schrei­bung während des Be­zugs­zeit­raums der Ar­beit fern­blei­ben. Wie sich nämlich aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs er­gibt, wer­den die­se Ar­beit­neh­mer hin­sicht­lich des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub sol­chen gleich­ge­stellt, die in die­sem Zeit­raum tatsächlich ge­ar­bei­tet ha­ben (Ur­teil vom 4. Ok­to­ber 2018, Di­cu, C‑12/17, EU:C:2018:799, Rn. 29 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
61 So­mit darf nach Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 das Recht ei­nes je­den während des Be­zugs­zeit­raums krank­ge­schrie­be­nen Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wo­chen nicht be­ein­träch­tigt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 30).
62 In die­sem Zu­sam­men­hang hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Be­stim­mun­gen oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub mit Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums er­lischt, wenn sich der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von im Krank­heits­ur­laub be­fand und es ihm des­halb tatsächlich nicht möglich war, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men (Ur­teil vom 30. Ju­ni 2016, Sobc­zy­szyn, C‑178/15, EU:C:2016:502, Rn. 24 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
63 Nach der an­geführ­ten Recht­spre­chung ist es da­her aus­ge­schlos­sen, dass sich der uni­ons­recht­lich gewähr­leis­te­te An­spruch ei­nes Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub ver­rin­gert, wenn er sei­ner Ar­beits­pflicht we­gen ei­ner Er­kran­kung im Be­zugs­zeit­raum nicht nach­kom­men konn­te (Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
64 So­mit er­laubt die Richt­li­nie 2003/88 es den Mit­glied­staa­ten we­der, die Ent­ste­hung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub aus­zu­sch­ließen, noch vor­zu­se­hen, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­nes an der Ausübung die­ses An­spruchs ge­hin­der­ten Ar­beit­neh­mers nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums er­lischt (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 51 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
65 Es ist da­her zu prüfen, ob die aus der Recht­spre­chung zum An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­nes Ar­beit­neh­mers, der we­gen ei­ner Er­kran­kung sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub während des Be­zugs­zeit­raums und/oder des im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums nicht wahr­neh­men konn­te, her­vor­ge­gan­ge­nen Grundsätze ent­spre­chend auf ei­ne Si­tua­ti­on über­tra­gen wer­den können, wie sie in den Aus­gangs­ver­fah­ren der vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen in Re­de steht, in der ein rechts­wid­rig ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer, der so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung für sei­nen Ar­beit­ge­ber er­bracht hat.
66 In­so­weit ist zu be­ach­ten, dass sich der Ge­richts­hof auf den Um­stand gestützt hat, dass das Ein­tre­ten ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit grundsätz­lich nicht vor­her­seh­bar und vom Wil­len des Ar­beit­neh­mers un­abhängig ist, um in Be­zug auf Ar­beit­neh­mer, die we­gen ei­ner Krank­schrei­bung der Ar­beit fern­blei­ben, von dem Grund­satz ab­zu­wei­chen, nach dem sich die Ansprüche auf Jah­res­ur­laub nach den tatsächli­chen Ar­beits­zeiträum­en zu rich­ten ha­ben (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­teil vom 4. Ok­to­ber 2018, Di­cu, C‑12/17, EU:C:2018:799, Rn. 32 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
67 Eben­so wie das Ein­tre­ten ei­ner krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­unfähig­keit ist aber auch der Um­stand, dass dem Ar­beit­neh­mer die Möglich­keit zu ar­bei­ten auf­grund ei­ner an­sch­ließend als rechts­wid­rig ein­ge­stuf­ten Ent­las­sung ver­wehrt wur­de, grundsätz­lich nicht vor­her­seh­bar und vom Wil­len die­ses Ar­beit­neh­mers un­abhängig.
68 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 48 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, be­ruht der Um­stand, dass der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag sei­ner rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung die­ser Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung für sei­nen Ar­beit­ge­ber er­bracht hat, nämlich auf den Hand­lun­gen des Ar­beit­ge­bers, die zu der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung geführt ha­ben, oh­ne die der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ge­we­sen wäre, während des ge­nann­ten Zeit­raums zu ar­bei­ten und sei­nen An­spruch auf Jah­res­ur­laub wahr­zu­neh­men.
69 Da­her ist in ei­ner Si­tua­ti­on, wie sie in den Aus­gangs­ver­fah­ren der vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen in Re­de steht, der Zeit­raum zwi­schen dem Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me der Beschäfti­gung des Ar­beit­neh­mers nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung die­ser Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung für die Zwe­cke der Fest­stel­lung der Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­nem tatsächli­chen Ar­beits­zeit­raum gleich­zu­stel­len.
70 So­mit kann die Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zum An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­nes Ar­beit­neh­mers, der we­gen ei­ner Er­kran­kung sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub während des Be­zugs­zeit­raums und/oder des im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums nicht wahr­neh­men konn­te, ent­spre­chend auf ei­ne Si­tua­ti­on wie die, die in den Aus­gangs­ver­fah­ren je­der der bei­den vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen in Re­de steht, über­tra­gen wer­den, in der ein rechts­wid­rig ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer, der so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag die­ser rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und je­nem der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung für sei­nen Ar­beit­ge­ber er­bracht hat.
71 Drit­tens hat der Ge­richts­hof un­ter den be­son­de­ren Umständen, dass ein Ar­beit­neh­mer während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähig ist, mit Blick nicht nur auf den Schutz des Ar­beit­neh­mers, der mit der Richt­li­nie 2003/88 be­zweckt wird, son­dern auch auf den des Ar­beit­ge­bers, der sich der Ge­fahr der An­samm­lung von zu lan­gen Ab­we­sen­heits­zei­ten des Ar­beit­neh­mers und den Schwie­rig­kei­ten, die sich dar­aus für die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on er­ge­ben können, aus­ge­setzt sieht, ent­schie­den, dass Art. 7 die­ser Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten nicht ent­ge­gen­steht, die die Möglich­keit für ei­nen während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mer, Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­zu­sam­meln, da­durch ein­schränken, dass sie ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum von 15 Mo­na­ten vor­se­hen, nach des­sen Ab­lauf der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lischt (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 55 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
72 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 49 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, können je­doch Umstände wie je­ne, die in den Aus­gangs­ver­fah­ren der vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen in Re­de ste­hen, kei­ne Aus­nah­me von dem in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 auf­ge­stell­ten Grund­satz recht­fer­ti­gen, wo­nach ein An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums nicht erlöschen kann, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men.
73 Denn zum ei­nen darf nach der in Rn. 55 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den.
74 Ab­wei­chun­gen von der mit der Richt­li­nie 2003/88 vor­ge­se­he­nen Uni­ons­re­ge­lung über die Ar­beits­zeit­ge­stal­tung müssen da­her so aus­ge­legt wer­den, dass ihr An­wen­dungs­be­reich auf das zur Wah­rung der In­ter­es­sen, de­ren Schutz sie ermögli­chen, un­be­dingt Er­for­der­li­che be­grenzt wird (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 58 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
75 Un­ter Umständen wie den in den Aus­gangs­ver­fah­ren der vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen in Re­de ste­hen­den er­scheint aber ein Schutz der In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers nicht un­be­dingt er­for­der­lich und wäre da­her a prio­ri nicht ge­eig­net, ein Ab­wei­chen vom An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu recht­fer­ti­gen.
76 Zum an­de­ren liegt es, wie in Rn. 68 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt wor­den ist, auch un­ter sol­chen Umständen an den Hand­lun­gen des Ar­beit­ge­bers selbst, der den be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mer rechts­wid­rig ent­las­sen hat, dass die­ser während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag die­ser Ent­las­sung und je­nem der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung we­der in der La­ge war, zu ar­bei­ten, noch in der Fol­ge in der La­ge war, sei­nen An­spruch auf Jah­res­ur­laub wahr­zu­neh­men.
77 Es ob­liegt je­doch dem Ar­beit­ge­ber, den Ar­beit­neh­mer in die La­ge zu ver­set­zen, den An­spruch auf Jah­res­ur­laub wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 6. No­vem­ber 2018, Kreu­zi­ger, C‑619/16, EU:C:2018:872, Rn. 51 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). In­so­weit hat – an­ders als im Fall des An­sam­melns von Ansprüchen auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub durch ei­nen Ar­beit­neh­mer, der aus Krank­heits­gründen dar­an ge­hin­dert war, die­sen Ur­laub zu neh­men – der Ar­beit­ge­ber, der ei­nen Ar­beit­neh­mer nicht in die La­ge ver­setzt, sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub aus­zuüben, die sich hier­aus er­ge­ben­den Fol­gen zu tra­gen (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 63).
78 Da­her ist ein rechts­wid­rig ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer, der so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, be­rech­tigt, al­le Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, die er während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der auf­grund die­ser Nich­ti­gerklärung er­folg­ten Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung er­wor­ben hat, gel­tend zu ma­chen.
79 Sch­ließlich ist, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 59 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, klar­zu­stel­len, dass der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer, falls er in dem Zeit­raum zwi­schen dem Tag sei­ner rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung in dem ursprüng­li­chen Ar­beits­verhält­nis ei­ner an­de­ren Beschäfti­gung nach­ge­gan­gen ist, beim ursprüng­li­chen Ar­beit­ge­ber die Ansprüche auf Jah­res­ur­laub, die dem Zeit­raum ent­spre­chen, in dem er ei­ner an­de­ren Beschäfti­gung nach­ge­gan­gen ist, nicht gel­tend ma­chen kann.
80 Un­ter sol­chen Umständen hat der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer nämlich sei­ne Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, die dem letz­te­ren Zeit­raum ent­spre­chen, bei sei­nem neu­en Ar­beit­ge­ber gel­tend zu ma­chen.
81

Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge in der Rechts­sa­che C‑762/18 zu ant­wor­ten, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach ein Ar­beit­neh­mer, der rechts­wid­rig ent­las­sen wur­de und so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, des­halb kei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum zwi­schen dem Tag der Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung hat, weil er während die­ses Zeit­raums kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung für den Ar­beit­ge­ber er­bracht hat.

 

Zur zwei­ten Fra­ge in der Rechts­sa­che C762/18 und zur ein­zi­gen Fra­ge in der Rechts­sa­che C37/19

82 Mit der zwei­ten Fra­ge in der Rechts­sa­che C‑762/18 und der ein­zi­gen Fra­ge in der Rechts­sa­che C‑37/19, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­ten die vor­le­gen­den Ge­rich­te wis­sen, ob Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses, nach­dem er rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den war und so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat­te, kei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für während des Zeit­raums vom Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung bis zum Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat.
83 Es ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der An­spruch auf Jah­res­ur­laub nur ei­nen der bei­den As­pek­te des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als we­sent­li­cher Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on dar­stellt, der in Art. 7 der Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 1993, L 307, S. 18) und in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 zum Aus­druck kommt und in­zwi­schen in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­drück­lich als Grund­recht ver­an­kert ist. Die­ses Grund­recht um­fasst so­mit auch ei­nen An­spruch auf Be­zah­lung und – als eng mit die­sem An­spruch auf „be­zahl­ten“ Jah­res­ur­laub ver­bun­de­nen An­spruch – den An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub (Ur­teil vom 6. No­vem­ber 2018, Bau­er und Will­meroth, C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:2018:871, Rn. 58).
84 Der Ge­richts­hof hat be­tont, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 für das Ent­ste­hen des An­spruchs auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung auf­stellt als die, dass zum ei­nen das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und dass zum an­de­ren der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te (Ur­teil vom 6. No­vem­ber 2018, Kreu­zi­ger, C‑619/16, EU:C:2018:872, Rn. 31).
85 In­so­weit geht aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs her­vor, dass die­se Be­stim­mung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass sie ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen dem Ar­beit­neh­mer am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­zahlt wird, wenn es ihm nicht möglich war, den ge­sam­ten be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, der ihm vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­stand, weil er sich z. B. während des ge­sam­ten Be­zugs- und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von im Krank­heits­ur­laub be­fand (Ur­teil vom 6. No­vem­ber 2018, Kreu­zi­ger, C‑619/16, EU:C:2018:872, Rn. 32 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
86 Wie sich aber aus Rn. 78 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, kann ein rechts­wid­rig ent­las­se­ner Ar­beit­neh­mer, der so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, al­le Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, die er während des Zeit­raums zwi­schen dem Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der in­fol­ge die­ser Nich­ti­gerklärung er­folg­ten Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung er­wor­ben hat, gel­tend ma­chen.
87 Da­her kann der Ar­beit­neh­mer, wenn er wie je­ne, um die es in den bei­den vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen geht, nach der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung er­neut ent­las­sen wird, auf der Grund­la­ge von Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 bei die­ser neu­er­li­chen Ent­las­sung ei­ne Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub ein­sch­ließlich des Ur­laubs, der dem Zeit­raum zwi­schen dem Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung ent­spricht, ver­lan­gen.
88 Wie sich aus Rn. 79 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, kann der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer je­doch, wenn er während die­ses Zeit­raums ei­ner an­de­ren Beschäfti­gung nach­ge­gan­gen ist, von sei­nem ursprüng­li­chen Ar­beit­ge­ber nicht ei­ne Vergütung ver­lan­gen, die dem Zeit­raum ent­spricht, in dem er ei­ner an­de­ren Beschäfti­gung nach­ge­gan­gen ist.
89

Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge in der Rechts­sa­che C‑762/18 und auf die ein­zi­ge Fra­ge in der Rechts­sa­che C‑37/19 zu ant­wor­ten, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses, nach­dem er rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den war und so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat­te, kei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für während des Zeit­raums vom Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung bis zum Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat.

 

Kos­ten

90

Für die Par­tei­en der Aus­gangs­ver­fah­ren ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in den bei den vor­le­gen­den Ge­rich­ten anhängi­gen Rechts­strei­tig­kei­ten; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ser Ge­rich­te. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.

 

Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Ers­te Kam­mer) für Recht er­kannt:

  1. Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach ein Ar­beit­neh­mer, der rechts­wid­rig ent­las­sen wur­de und so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat, des­halb kei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für den Zeit­raum zwi­schen dem Tag der Ent­las­sung und dem Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung hat, weil er während die­ses Zeit­raums kei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung für den Ar­beit­ge­ber er­bracht hat.
  2. Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Recht­spre­chung ent­ge­gen­steht, wo­nach der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses, nach­dem er rechts­wid­rig ent­las­sen wor­den war und so­dann nach na­tio­na­lem Recht in­fol­ge der Nich­ti­gerklärung sei­ner Ent­las­sung durch ei­ne Ge­richts­ent­schei­dung sei­ne Beschäfti­gung wie­der auf­ge­nom­men hat­te, kei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für während des Zeit­raums vom Tag der rechts­wid­ri­gen Ent­las­sung bis zum Tag der Wie­der­auf­nah­me sei­ner Beschäfti­gung nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat.

 

Un­ter­schrif­ten

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