HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

BVerfG, Ur­teil vom 12.06.2018, 2 BvR 1738/12 2 BvR 1395/13 2 BvR 1068/14 2 BvR 646/15

   
Schlagworte: Streikrecht, Beamte, Lehrer
   
Gericht: Bundesverfassungsgericht
Aktenzeichen: 2 BvR 1738/12
2 BvR 1395/13
2 BvR 1068/14
2 BvR 646/15
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 12.06.2018
   
Leitsätze: 1.Der persönliche Schutzbereich des Art. 9 Abs. 3 GG umfasst auch Beamte (vgl. BVerfGE 19, 303 <312, 322>). Das Grundrecht der Koalitionsfreiheit ist zwar vorbehaltlos gewährleistet. Es kann aber durch kollidierende Grundrechte Dritter und andere mit Verfassungsrang ausgestattete Rechte begrenzt werden.
2.a) Das Streikverbot für Beamte stellt einen eigenständigen hergebrachten Grundsatz des Berufsbeamtentums im Sinne des Art. 33 Abs. 5 GG dar. Es erfüllt die für eine Qualifikation als hergebrachter Grundsatz notwendigen Voraussetzungen der Traditionalität und Substanzialität.
b) Das Streikverbot für Beamte ist als hergebrachter Grundsatz des Berufsbeamtentums vom Gesetzgeber zu beachten. Es weist eine enge Verbindung auf mit dem beamtenrechtlichen Alimentationsprinzip, der Treuepflicht, dem Lebenszeitprinzip sowie dem Grundsatz der Regelung des beamtenrechtlichen Rechtsverhältnisses einschließlich der Besoldung durch den Gesetzgeber.
3.a) Die Bestimmungen des Grundgesetzes sind völkerrechtsfreundlich auszulegen. Der Text der Europäischen Menschenrechtskonvention und die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte dienen auf der Ebene des Verfassungsrechts als Auslegungshilfen für die Bestimmung von Inhalt und Reichweite von Grundrechten und rechtsstaatlichen Grundsätzen des Grundgesetzes (vgl. BVerfGE 74, 358 <370>; 111, 307 <317>; 128, 326 <367 f.>; stRspr).
b) Während sich die Vertragsparteien durch Art. 46 EMRK verpflichtet haben, in allen Rechtssachen, in denen sie Partei sind, das endgültige Urteil des Gerichtshofs zu befolgen (vgl. auch BVerfGE 111, 307 <320>), sind bei der Orientierung an der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte jenseits des Anwendungsbereiches des Art. 46 EMRK die konkreten Umstände des Falles im Sinne einer Kontextualisierung in besonderem Maße in den Blick zu nehmen. Die Vertragsstaaten haben zudem Aussagen zu Grundwertungen der Konvention zu identifizieren und sich hiermit auseinanderzusetzen. Die Leit- und Orientierungswirkung ist dann besonders intensiv, wenn Parallelfälle im Geltungsbereich derselben Rechtsordnung in Rede stehen, mithin (andere) Verfahren in dem von der Ausgangsentscheidung des Gerichtshofs betroffenen Vertragsstaat betroffen sind.
c) Die Grenzen einer völkerrechtsfreundlichen Auslegung ergeben sich aus dem Grundgesetz. Die Möglichkeiten einer konventionsfreundlichen Auslegung enden dort, wo diese nach den anerkannten Methoden der Gesetzesauslegung und Verfassungsinterpretation nicht mehr vertretbar erscheint (vgl. BVerfGE 111, 307 <329>; 128, 326 <371>). Im Übrigen ist auch im Rahmen der konventionsfreundlichen Auslegung des Grundgesetzes die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte möglichst schonend in das vorhandene, dogmatisch ausdifferenzierte nationale Rechtssystem einzupassen.
4.Das Streikverbot für Beamtinnen und Beamte in Deutschland steht mit dem Grundsatz der Völkerrechtsfreundlichkeit des Grundgesetzes im Einklang und ist insbesondere mit den Gewährleistungen der Europäischen Menschenrechtskonvention vereinbar. Auch unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte lässt sich eine Kollisionslage zwischen dem deutschen Recht und Art. 11 EMRK nicht feststellen.

Vorinstanzen: Verwaltungsgericht Düsseldorf,Urteil vom 15.12.2010, 31 K 3904/10
Verwaltungsgericht Osnabrück,Urteil vom 19.08.2011, 9 A 1/11
Verwaltungsgericht Osnabrück, Urteil vom 19.08.2011, 9 A 2/11
Verwaltungsgericht Schleswig, Urteil vom 08.08.2012, 17 A 21/11
Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 07.03.2012, 3d A 317/11
Oberverwaltungsgericht Niedersachsen, Urteil vom 12.06.2012, 20 BD 7/11
Oberverwaltungsgericht Niedersachsen, Urteil vom 12.06.2012, 20 BD 8/11
Oberverwaltungsgericht Schleswig-Holstein, Urteil vom 29.09.2014, 14 LB 3/13
Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 02.01.2013, 2 B 46.12
Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 27.02.2014, 2 C 1.13
Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 26.02.2015, 2 B 10.15
   

BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT

Verkündet
am
12. Ju­ni 2018
Fischböck
Amts­in­spek­to­rin
als Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

- 2 BvR 1738/12 -

- 2 BvR 1395/13 -

- 2 BvR 1068/14 -

- 2 BvR 646/15 -

 

IM NA­MEN DES VOL­KES

 

In den Ver­fah­ren
über
die Ver­fas­sungs­be­schwer­den

I.des Herrn G …,
- Be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte Dr. Hart­wig Schröder, Kat­rin Löber,
Rei­fen­ber­ger Straße 21, 60489 Frank­furt am Main -

ge­gen

a)das Ur­teil des Nie­dersäch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts

vom 12. Ju­ni 2012 - 20 BD 8/11 -,

b)das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Os­nabrück

vom 19. Au­gust 2011 - 9 A 1/11 -,

c)die Dis­zi­pli­nar­verfügung der Nie­dersäch­si­schen Lan­des­schul­behörde

vom 11. Ja­nu­ar 2011 - OS 1 P.103 -

- 2 BvR 1738/12 -,

II.der Frau W …,
- Be­vollmäch­tig­ter: Rechts­an­walt Karl Ot­te,
An der Lu­ther­kir­che 19, 30167 Han­no­ver -

ge­gen

a)den Be­schluss des Nie­dersäch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts

vom 16. Mai 2013 - 20 AD 2/13 -,

b)das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Sta­de

vom 6. De­zem­ber 2012 - 9 A 171/11 -,

c)die Dis­zi­pli­nar­verfügung der Nie­dersäch­si­schen Lan­des­schul­behörde

vom 10. Ja­nu­ar 2011 - LG 1 P 120 - 03150/F 21 -

- 2 BvR 1395/13 -,

III.der Frau D …,
- Be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte Dr. Hart­wig Schröder,
Kat­rin Löber, Vol­ker Busch,
Rei­fen­ber­ger Straße 21, 60489 Frank­furt am Main -

ge­gen

a)das Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts

vom 27. Fe­bru­ar 2014 - BVerwG 2 C 1.13 -,

b)das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts
für das Land Nord­rhein-West­fa­len
vom 7. März 2012 - 3d A 317/11.O -,

c)die Dis­zi­pli­nar­verfügung der Be­zirks­re­gie­rung Köln

vom 10. Mai 2010 - 10.05.08 - 4/09 -

- 2 BvR 1068/14 -,

IV.der Frau H …,
- Be­vollmäch­tig­ter: Rechts­an­walt Karl Ot­te,
An der Lu­ther­kir­che 19, 30167 Han­no­ver -

ge­gen

a)den Be­schluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts

vom 26. Fe­bru­ar 2015 - BVerwG 2 B 10.15 -,

b)das Ur­teil des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts

vom 29. Sep­tem­ber 2014 - 14 LB 3/13 -,

c)das Ur­teil des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ver­wal­tungs­ge­richts

vom 8. Au­gust 2012 - 17 A 21/11 -,

d)die Dis­zi­pli­nar­verfügung des Mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und Kul­tur

des Lan­des Schles­wig-Hol­stein

vom 5. Ju­li 2011 - III 131-1 -

- 2 BvR 646/15 -

hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt - Zwei­ter Se­nat -

un­ter Mit­wir­kung der Rich­te­rin­nen und Rich­ter

Präsi­dent Voßkuh­le,

Hu­ber,

Her­manns,

Müller,

Kes­sal-Wulf,

König,

Mai­dow­ski,

Lan­gen­feld

auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 17. Ja­nu­ar 2018 durch

Ur­teil

für Recht er­kannt:

1.Die Ver­fah­ren wer­den zur ge­mein­sa­men Ent­schei­dung ver­bun­den.

2.Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den wer­den zurück­ge­wie­sen.

Gründe:

1

A.

Die – zur ge­mein­sa­men Ent­schei­dung ver­bun­de­nen – Ver­fas­sungs­be­schwer­den be­tref­fen die Fra­ge, ob deut­schen Be­am­tin­nen und Be­am­ten ein Streik­recht zu­steht. Der Be­schwer­deführer im Ver­fah­ren 2 BvR 1738/12 (Be­schwer­deführer zu I.) so­wie die Be­schwer­deführe­rin­nen in den Ver­fah­ren 2 BvR 1395/13, 2 BvR 1068/14 und 2 BvR 646/15 (Be­schwer­deführe­rin­nen zu II. bis IV.) nah­men als be­am­te­te Lehr­kräfte während der Dienst­zeit an Streik­maßnah­men teil. Sie wen­den sich mit den vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ge­gen die ih­nen ge­genüber dar­auf­hin er­gan­ge­nen Dis­zi­pli­nar­maßnah­men.

I.

2 1. Im Text des Grund­ge­set­zes ist we­der ein Streik­recht noch ein Streik­ver­bot für Be­am­te aus­drück­lich ge­re­gelt. Art. 9 Abs. 3 Satz 1 GG gewähr­leis­tet für je­der­mann und für al­le Be­ru­fe das Recht, zur Wah­rung und Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen zu bil­den. Nach Art. 33 Abs. 5 GG ist das Recht des öffent­li­chen Diens­tes un­ter Berück­sich­ti­gung der her­ge­brach­ten Grundsätze des Be­rufs­be­am­ten­tums zu re­geln und fort­zu­ent­wi­ckeln.
3

2. Die Tex­te der Lan­des­ver­fas­sun­gen von Ber­lin, Bran­den­burg, Bre­men, Hes­sen, Rhein­land-Pfalz, des Saar­lands so­wie Thürin­gens gewähr­leis­ten ein all­ge­mei­nes Streik­recht; le­dig­lich die Ver­fas­sung des Saar­lan­des vom 15. De­zem­ber 1947 (Amts­bl S. 1077, zu­letzt geändert durch das Ge­setz vom 13. Ju­li 2016 [Amts­bl I S. 710]) enthält in Art. 115 Abs. 5 ein aus­drück­li­ches Streik­ver­bot für Be­am­te. Die Vor­schrift lau­tet:

Die Stel­lung des Be­am­ten zum Staat schließt das Streik­recht aus.

4

3. Auf der Ebe­ne des Völker­rechts be­fass­te sich der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te in der jünge­ren Ver­gan­gen­heit wie­der­holt mit Art. 11 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on [EM­RK]) in ih­rer Aus­prägung als Gewähr­leis­tung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Die Be­stim­mung lau­tet in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 22. Ok­to­ber 2010 (BGBl II S. 1198):

Art. 11

Ver­samm­lungs- und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit

(1) Je­de Per­son hat das Recht, sich frei und fried­lich mit an­de­ren zu ver­sam­meln und sich frei mit an­de­ren zu­sam­men­zu­sch­ließen; da­zu gehört auch das Recht, zum Schutz sei­ner In­ter­es­sen Ge­werk­schaf­ten zu gründen und Ge­werk­schaf­ten bei­zu­tre­ten.

(2) Die Ausübung die­ser Rech­te darf nur Ein­schränkun­gen un­ter­wor­fen wer­den, die ge­setz­lich vor­ge­se­hen und in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig sind für die na­tio­na­le oder öffent­li­che Si­cher­heit, zur Auf­recht­er­hal­tung der Ord­nung oder zur Verhütung von Straf­ta­ten, zum Schutz der Ge­sund­heit oder der Mo­ral oder zum Schutz der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer. Die­ser Ar­ti­kel steht rechtmäßigen Ein­schränkun­gen der Ausübung die­ser Rech­te für An­gehöri­ge der Streit­kräfte, der Po­li­zei oder der Staats­ver­wal­tung nicht ent­ge­gen.

5

Der Rechts­sa­che De­mir und Bay­ka­ra v. Türkei (Ur­teil der Großen Kam­mer vom 12. No­vem­ber 2008, Nr. 34503/97) lag ei­ne In­di­vi­du­al­be­schwer­de zu­grun­de, die die Fra­ge der Wirk­sam­keit ei­nes Kol­lek­tiv­ver­tra­ges be­traf, der zwi­schen der türki­schen Ge­werk­schaft Tüm Bel Sen und der türki­schen Ge­mein­de Ga­zi­an­tep ge­schlos­sen wor­den war. Die Große Kam­mer des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te setz­te sich in ih­rem Ur­teil un­ter an­de­rem mit der Fra­ge aus­ein­an­der, ob Art. 11 Abs. 1 EM­RK ein „Recht auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen“ gewähr­leis­te.

6

In dem der Rechts­sa­che En­er­ji Ya­pi-Yol Sen v. Türkei (Ur­teil vom 21. April 2009, Nr. 68959/01) zu­grun­de lie­gen­den Aus­gangs­ver­fah­ren wand­te sich ei­ne türki­sche Ge­werk­schaft ge­gen ei­nen mi­nis­te­ri­el­len Rund­er­lass, der die Beschäftig­ten des öffent­li­chen Sek­tors auf das Ver­bot ei­ner Streik­teil­nah­me hin­wies. In sei­ner Ent­schei­dung be­ton­te der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te, dass Art. 11 Abs. 1 EM­RK grundsätz­lich ein Streik­recht ga­ran­tie­re.

II.

7

1. a) Der 1951 ge­bo­re­ne Be­schwer­deführer zu I. wur­de im Jahr 1981 zum Be­am­ten auf Le­bens­zeit er­nannt und war als Leh­rer im Schul­dienst des Lan­des Nie­der­sach­sen tätig. Am 25. Fe­bru­ar 2009 nahm er an ei­ner Pro­test­ver­an­stal­tung der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) im Zu­sam­men­hang mit sei­ner­zeit statt­fin­den­den Ta­rif­ver­hand­lun­gen im öffent­li­chen Dienst teil und kam aus die­sem Grund sei­ner Un­ter­richts­ver­pflich­tung nicht nach. We­gen der nicht ge­neh­mig­ten Teil­nah­me er­ließ die nie­dersäch­si­sche Lan­des­schul­behörde, nach­dem zu­vor be­reits der ent­spre­chen­de Ver­lust der Dienst­bezüge fest­ge­stellt wor­den war, un­ter dem 11. Ja­nu­ar 2011 ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung, mit der dem Be­schwer­deführer ei­ne Geld­buße in Höhe von 100 EUR auf­er­legt wur­de. Er ha­be ge­gen die be­am­ten­recht­li­chen Pflich­ten des § 67 Abs. 1 Nie­dersäch­si­sches Be­am­ten­ge­setz (NBG) so­wie ge­gen § 33 Abs. 1, §§ 34 und 35 Be­am­ten­sta­tus­ge­setz (Be­am­tStG) ver­s­toßen.

§ 67 NBG

Fern­blei­ben vom Dienst

(1) Die Be­am­tin oder der Be­am­te darf dem Dienst nur mit Ge­neh­mi­gung fern­blei­ben, es sei denn, dass sie oder er we­gen Krank­heit oder aus ei­nem an­de­ren wich­ti­gen Grund ge­hin­dert ist, ih­re oder sei­ne Dienst­pflich­ten zu erfüllen.

(2) (…).
§ 33 Be­am­tStG

Grund­pflich­ten

(1) Be­am­tin­nen und Be­am­te die­nen dem gan­zen Volk, nicht ei­ner Par­tei. Sie ha­ben ih­re Auf­ga­ben un­par­tei­isch und ge­recht zu erfüllen und ihr Amt zum Wohl der All­ge­mein­heit zu führen. Be­am­tin­nen und Be­am­te müssen sich durch ihr ge­sam­tes Ver­hal­ten zu der frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes be­ken­nen und für de­ren Er­hal­tung ein­tre­ten.

(2) (…).
§ 34

Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben, Ver­hal­ten

Be­am­tin­nen und Be­am­te ha­ben sich mit vol­lem persönli­chen Ein­satz ih­rem Be­ruf zu wid­men. Sie ha­ben die über­tra­ge­nen Auf­ga­ben un­ei­gennützig nach bes­tem Ge­wis­sen wahr­zu­neh­men. Ihr Ver­hal­ten muss der Ach­tung und dem Ver­trau­en ge­recht wer­den, die ihr Be­ruf er­for­dert.

§ 35

Wei­sungs­ge­bun­den­heit

Be­am­tin­nen und Be­am­te ha­ben ih­re Vor­ge­setz­ten zu be­ra­ten und zu un­terstützen. Sie sind ver­pflich­tet, de­ren dienst­li­che An­ord­nun­gen aus­zuführen und de­ren all­ge­mei­ne Richt­li­ni­en zu be­fol­gen. Dies gilt nicht, so­weit die Be­am­tin­nen und Be­am­ten nach be­son­de­ren ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten an Wei­sun­gen nicht ge­bun­den und nur dem Ge­setz un­ter­wor­fen sind.

8

Die ge­nann­ten Vor­schrif­ten sind mit Wir­kung zum 1. April 2009 in Kraft ge­tre­ten (Art. 23 Abs. 1 Satz 1 des Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung des nie­dersäch­si­schen Be­am­ten­rechts vom 25. März 2009 [Nds. GVBl S. 72]; § 63 Abs. 3 Be­am­tStG). Der Sa­che nach ent­spre­chen sie den be­reits zu­vor be­ste­hen­den be­am­ten­recht­li­chen Pflich­ten des § 81 NBG in der bis zum 31. März 2009 gel­ten­den Fas­sung (Nds. GVBl 2001 S. 33) so­wie der §§ 35 bis 37 Be­am­ten­rechts­rah­men­ge­setz in der bis zum 31. März 2009 gel­ten­den Fas­sung (BGBl I 1999 S. 654).

9

Ab­ge­se­hen von dem vor­lie­gend in Re­de ste­hen­den Vor­wurf war der Be­schwer­deführer zu I. bis zu die­sem Zeit­punkt we­der straf- noch dis­zi­pli­nar­recht­lich in Er­schei­nung ge­tre­ten.

10

b) Die ge­gen die Dis­zi­pli­nar­verfügung ge­rich­te­te Kla­ge wies das Ver­wal­tungs­ge­richt Os­nabrück mit Ur­teil vom 19. Au­gust 2011 - 9 A 1/11 - ab. Der Be­schwer­deführer zu I. ha­be mit der Streik­teil­nah­me ein Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen. Ob­wohl die vom Grund­ge­setz gewähr­leis­te­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit des Art. 9 Abs. 3 GG grundsätz­lich auch auf Be­am­te An­wen­dung fin­de, ste­he die­sen ein Streik­recht we­gen Art. 33 Abs. 5 GG nicht zu. Das sta­tus­be­zo­ge­ne Streik­ver­bot sei ein tra­gen­der Ver­fas­sungs­grund­satz; da­bei könne da­hin­ste­hen, ob es sich um ei­nen selbständi­gen her­ge­brach­ten Grund­satz han­de­le. Je­den­falls gehöre das Streik­ver­bot zu­min­dest als Aus­prägung der Treue­pflicht zu den Kern­pflich­ten des Be­am­ten­verhält­nis­ses. Darüber hin­aus ergänze das be­am­ten­recht­li­che Streik­ver­bot das eben­falls als her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums an­er­kann­te Ali­men­ta­ti­ons­prin­zip.

11

Der Kern­be­stand des Art. 33 Abs. 5 GG und da­mit das ver­fas­sungs­recht­li­che Streik­ver­bot für Be­am­te sei auch mit Blick auf die Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te zu Art. 11 EM­RK nicht an­ders zu be­ur­tei­len. Zwar deu­te vie­les dar­auf hin, dass ein ab­so­lu­tes Streik­ver­bot für Be­am­te in Deutsch­land Art. 11 EM­RK wi­der­spre­che und völker­recht­lich ei­ne funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung in­ner­halb der Be­am­ten­schaft nach dem kon­kret aus­geübten Amt er­for­der­lich sei. Die­se Einschätzung führe in­des nicht da­zu, dass das dog­ma­tisch aus­dif­fe­ren­zier­te Sys­tem des deut­schen Be­rufs­be­am­ten­tums mit sei­nen in Art. 33 Abs. 5 GG ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­ten Rech­ten und Pflich­ten in sei­nem Kern­be­stand zwangsläufig verändert wer­de. Hin­sicht­lich des Streik­ver­bots für Be­am­te ha­be die deut­sche Ver­fas­sung wei­ter­hin das letz­te Wort. Es lie­ge da­her kein Ver­s­toß ge­gen den Grund­satz der Völker­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes vor. Hier­an ände­re auch die im Jahr 2006 in Art. 33 Abs. 5 GG auf­ge­nom­me­ne Fort­ent­wick­lungs­klau­sel nichts.

12 c) Die Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Os­nabrück wur­de mit Ur­teil des Nie­dersäch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts vom 12. Ju­ni 2012 - 20 BD 8/11 - zurück­ge­wie­sen. Die Streik­teil­nah­me stel­le ei­ne schuld­haf­te Ver­let­zung be­am­ten­recht­li­cher Dienst­pflich­ten dar, die ver­fas­sungs­recht­lich nicht ge­recht­fer­tigt sei. Zwar könn­ten sich auch Be­am­te auf die von Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit be­ru­fen. Ein Streik­recht be­ste­he für die­se Per­so­nen­grup­pe al­ler­dings nicht, da für ei­ne ent­spre­chen­de Ab­lei­tung aus Art. 9 Abs. 3 GG be­reits das le­gi­ti­me Streik­ziel, der Ab­schluss ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges, feh­le. Auch die hin­sicht­lich be­stimm­ter Beschäfti­gungs­be­din­gun­gen be­ste­hen­de Möglich­keit der Be­am­ten, Kol­lek­tiv­ver­ein­ba­run­gen über das Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht (Dienst­ver­ein­ba­run­gen) ab­zu­sch­ließen, ände­re nichts dar­an, dass ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Ge­stal­tung des Be­am­ten­verhält­nis­ses aus­ge­schlos­sen sei. Ein Streik­recht sei nicht mit dem Ver­fas­sungs­grund­satz der ho­heit­li­chen Ge­stal­tung des Be­am­ten­verhält­nis­ses aus Art. 33 Abs. 4 und 5 GG ver­ein­bar.
13

Je­den­falls aber schränke Art. 33 Abs. 5 GG als kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht die Ko­ali­ti­ons­frei­heit ein. Die Un­zulässig­keit des Be­am­ten­streiks sei ein her­ge­brach­ter Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums. Das Streik­ver­bot ge­he ein­her mit der Treue­pflicht, die eben­falls ei­nen her­ge­brach­ten Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums dar­stel­le. Dies ver­bie­te den Be­am­ten kol­lek­ti­ve wirt­schaft­li­che Kampf­maßnah­men ein­sch­ließlich auch nur psy­chi­scher Un­terstützung streikähn­li­cher Maßnah­men an­de­rer An­gehöri­ger des öffent­li­chen Diens­tes (So­li­da­ritäts- be­zie­hungs­wei­se Un­terstützungs­streiks). Die­se Ein­schränkung der Ko­ali­ti­ons­frei­heit sei auch verhält­nismäßig. Die Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit der Be­am­ten wer­de durch die Möglich­keit ei­ner Mit­glied­schaft in Ge­werk­schaf­ten so­wie durch die Be­tei­li­gung der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen an der Vor­be­rei­tung all­ge­mei­ner Re­ge­lun­gen der be­am­ten­recht­li­chen Verhält­nis­se geschützt. Auf­grund des Feh­lens der Ta­rif­pa­rität sei ein Streik­ver­bot aber ge­bo­ten. Den Be­am­ten ste­he es frei, ge­richt­lich ge­gen ei­ne aus ih­rer Sicht zu ge­rin­ge Be­sol­dung oder ge­gen un­zu­rei­chen­de Ar­beits­be­din­gun­gen vor­zu­ge­hen. Mit dem (frei­wil­li­gen) Ein­tritt in den Be­am­ten­sta­tus ge­he das Ver­bot des „Ro­si­nen­pi­ckens“ ein­her.

14

Die Streik­teil­nah­me ei­nes Be­am­ten las­se sich auch nicht mit Blick auf Art. 11 EM­RK und die hier­zu er­gan­ge­ne jünge­re Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te recht­fer­ti­gen. Es spre­che zwar ei­ni­ges dafür, dass ein ge­ne­rel­les Streik­ver­bot für be­am­te­te Lehr­kräfte in Deutsch­land nicht nach Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK ge­recht­fer­tigt sei, da die­se nicht den in der Aus­nah­me­vor­schrift kon­kret be­nann­ten Beschäfti­gungs­grup­pen un­ter­fie­len. Auch sei zwei­fel­haft, ob sich ei­ne Ein­schränkung des Streik­rechts be­am­te­ter Leh­rer mit der all­ge­mei­nen Schran­ken­klau­sel des Art. 11 Abs. 2 Satz 1 EM­RK recht­fer­ti­gen las­se. Letzt­lich könne aber da­hin­ste­hen, ob das ge­ne­rel­le Streik­ver­bot für deut­sche Be­am­te – je­den­falls für be­am­te­te Lehr­kräfte – mit der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on un­ver­ein­bar sei. Der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Kern­be­stand des Art. 33 Abs. 4 und 5 GG set­ze ei­ner völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung Gren­zen. Ein mit Art. 11 EM­RK zu ver­ein­ba­ren­der Rechts­zu­stand las­se sich nicht im We­ge ei­ner völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung von Art. 33 Abs. 4 und 5 GG her­beiführen.

15

Ei­ne Re­vi­si­on ist im nie­dersäch­si­schen Lan­des­dis­zi­pli­nar­recht nicht vor­ge­se­hen (vgl. § 61 Abs. 2 Nie­dersäch­si­sches Dis­zi­plinar­ge­setz).

16

2. a) Die im Jahr 1960 ge­bo­re­ne Be­schwer­deführe­rin zu II. steht eben­falls im nie­dersäch­si­schen Schul­dienst. Sie nahm am 25. Fe­bru­ar 2009 oh­ne Ge­neh­mi­gung des Dienst­herrn an ei­ner Ver­an­stal­tung der GEW teil. Un­ter dem 10. Ja­nu­ar 2011 er­ging ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung ge­gen sie, mit der ihr ei­ne Geld­buße in Höhe von 100 EUR auf­er­legt wur­de. Die Be­gründung hin­sicht­lich der ver­letz­ten Dienst­pflich­ten deckt sich mit der dem Be­schwer­deführer zu I. ge­genüber er­gan­ge­nen Dis­zi­pli­nar­verfügung vom 11. Ja­nu­ar 2011.

17

b) Die ge­gen die Dis­zi­pli­nar­verfügung ge­rich­te­te Kla­ge wies das Ver­wal­tungs­ge­richt Sta­de mit Ur­teil vom 6. De­zem­ber 2012 - 9 A 171/11 - ab. Die Be­schwer­deführe­rin ha­be mit der Streik­teil­nah­me ein Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen, für das ihr kein Recht­fer­ti­gungs­grund zur Sei­te ste­he. Zur Be­gründung nahm das Ver­wal­tungs­ge­richt weit­ge­hend Be­zug auf das Ur­teil des Nie­dersäch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts vom 12. Ju­ni 2012 - 20 BD 8/11 -. Die Be­ru­fung wur­de nicht zu­ge­las­sen.

18

c) Der An­trag auf Zu­las­sung der Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Sta­de vom 6. De­zem­ber 2012 wur­de mit Be­schluss des Nie­dersäch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts vom 16. Mai 2013 - 20 AD 2/13 - ab­ge­lehnt. Die Be­ru­fung sei ins­be­son­de­re nicht we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung zu­zu­las­sen, da es die in der Zu­las­sungs­be­gründung auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen be­reits in sei­nem Ur­teil vom 12. Ju­ni 2012 ab­sch­ließend und um­fas­send be­han­delt und ent­schie­den ha­be.

19

3. a) Die im Jahr 1965 ge­bo­re­ne Be­schwer­deführe­rin zu III. stand als Leh­re­rin im Dienst des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len. Sie nahm am 28. Ja­nu­ar 2009 so­wie am 5. und 10. Fe­bru­ar 2009 an Warn­streiks der GEW in Nord­rhein-West­fa­len teil. We­gen die­ser nicht ge­neh­mig­ten Teil­nah­me er­ließ die Be­zirks­re­gie­rung Köln ge­gen die Be­schwer­deführe­rin zu III. un­ter dem 10. Mai 2010 ei­ne Dis­zi­pli­nar­verfügung, mit der ihr ei­ne Geld­buße in Höhe von 1.500 EUR auf­er­legt wur­de. Sie ha­be ge­gen die be­am­ten­recht­li­chen Pflich­ten nach § 57 Satz 1 und 3, § 58 Satz 2 so­wie § 79 Abs. 1 Satz 1 Lan­des­be­am­ten­ge­setz Nord­rhein-West­fa­len a.F. ver­s­toßen. Die Vor­schrif­ten lau­te­ten in der bis zum 31. März 2009 gel­ten­den Fas­sung (GV. NRW. 1981 S. 234 in der Fas­sung des Ge­set­zes vom 17. De­zem­ber 2003 [GV. NRW. S. 814]):

§ 57

Be­rufs­pflicht

Der Be­am­te hat sich mit vol­ler Hin­ga­be sei­nem Be­ruf zu wid­men. Er hat sein Amt un­ei­gennützig nach bes­tem Ge­wis­sen zu ver­wal­ten. Sein Ver­hal­ten in­ner­halb und außer­halb des Diens­tes muß der Ach­tung und dem Ver­trau­en ge­recht wer­den, die sein Be­ruf er­for­dert.

§ 58

Be­ra­tungs- und Ge­hor­sams­pflicht

Der Be­am­te hat sei­ne Vor­ge­setz­ten zu be­ra­ten und zu un­terstützen. Er ist ver­pflich­tet, die von ih­nen er­las­se­nen An­ord­nun­gen aus­zuführen und ih­re all­ge­mei­nen Richt­li­ni­en zu be­fol­gen, so­fern es sich nicht um Fälle han­delt, in de­nen er nach be­son­de­rer ge­setz­li­cher Vor­schrift an Wei­sun­gen nicht ge­bun­den und nur dem Ge­setz un­ter­wor­fen ist.

§ 79

Fern­blei­ben vom Dienst

(1) Der Be­am­te darf dem Dienst nicht oh­ne Ge­neh­mi­gung fern­blei­ben. (…).

(2) (…).

20

Ab­ge­se­hen von den vor­lie­gend in Re­de ste­hen­den Vorwürfen war die Be­schwer­deführe­rin zu III. bis zu die­sem Zeit­punkt we­der straf- noch dis­zi­pli­nar­recht­lich in Er­schei­nung ge­tre­ten. Im Jahr 2012 schied sie auf ei­ge­nen An­trag aus dem Be­am­ten­verhält­nis aus.

21

b) Der ge­gen die Dis­zi­pli­nar­verfügung ge­rich­te­ten Kla­ge gab das Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf mit Ur­teil vom 15. De­zem­ber 2010 - 31 K 3904/10.O - statt und hob die Dis­zi­pli­nar­verfügung vom 10. Mai 2010 auf. Zwar ha­be die Be­schwer­deführe­rin zu III. durch ih­re Teil­nah­me an den Streik­maßnah­men ein Dienst­ver­ge­hen be­gan­gen. Auch sei die­ses durch die ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit we­der ge­recht­fer­tigt noch ent­schul­digt. Aus Art. 9 Abs. 3 GG er­ge­be sich schon kein Streik­recht für Be­am­te, da ein sol­ches nach Art. 33 Abs. 5 GG aus­ge­schlos­sen sei. Auch ste­he das deut­sche Recht ei­ner völker­rechts­freund­li­chen In­ter­pre­ta­ti­on vor­lie­gend nicht of­fen, da ei­ne sol­che die Gren­zen der Aus­le­gung über­schrit­te. Es sei viel­mehr Auf­ga­be des Ge­setz­ge­bers, ei­nen kon­ven­ti­ons­gemäßen Zu­stand her­zu­stel­len. Ei­ne ent­ge­gen­ste­hen­de Re­ge­lung der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on las­se auch nicht die Schuld der Be­schwer­deführe­rin ent­fal­len, da sie vor der Streik­teil­nah­me über das Streik­ver­bot be­lehrt wor­den sei und sich im Übri­gen über die für sie gel­ten­de Rechts­la­ge ha­be in­for­mie­ren müssen.

22

Der Er­lass ei­ner Dis­zi­pli­nar­verfügung ver­s­toße aber ge­gen die Gewähr­leis­tun­gen der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ha­be mehr­fach ent­schie­den, dass Ver­trags­staa­ten kon­ven­ti­ons­wid­rig han­del­ten, wenn sie an die Streik­teil­nah­me ei­nes Be­am­ten ei­ne Sank­ti­on knüpften. Ei­nen Ver­s­toß müsse der Dienst­herr durch ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der ein­fach­ge­setz­li­chen Be­am­ten­vor­schrif­ten ver­mei­den. § 17 Abs. 1 LDG NRW ver­lan­ge zwar die Ein­lei­tung ei­nes Dis­zi­pli­nar­ver­fah­rens bei dem be­ste­hen­den Ver­dacht ei­nes Dienst­ver­ge­hens, § 33 Abs. 1 Nr. 4 LDG NRW er­lau­be a