HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

EuGH, Ur­teil vom 22.01.2002, C-218/00 - Ci­sal

   
Schlagworte: Unfallversicherung
   
Gericht: Europäischer Gerichtshof
Aktenzeichen: C-218/00
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 22.01.2002
   
Leitsätze: Eine Einrichtung, die wie das Istituto nazionale per l'assicurazione contro gli infortuni sul lavoro (INAIL) durch Gesetz mit der Verwaltung eines Systems der Versicherung gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten betraut ist, fällt nicht unter den Begriff des Unternehmens im Sinne der Artikel 85 und 86 EG-Vertrag (jetzt Artikel 81 EG und 82 EG).
Vorinstanzen:
   

UR­TEIL DES GERICH­TSHO­FES (Fünf­te Kam­mer)

22. Ja­nu­ar 2002 (1)

„Ar­ti­kel 85, 86 und 90 EG-Ver­trag (jetzt Ar­ti­kel 81 EG, 82 EG und 86 EG) - Pflicht­ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle - Ein­stu­fung ei­ner Ein­rich­tung zur Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle als Un­ter­neh­men“

In der Rechts­sa­che C-218/00

be­tref­fend ein dem Ge­richts­hof nach Ar­ti­kel 234 EG vom Tri­bu­na­le di Vicen­za (Ita­li­en) in dem bei die­sem anhängi­gen Rechts­streit

Ci­sal di Bat­ti­stel­lo Ven­an­zio & C. Sas

ge­gen

Isti­tu­to na­zio­na­le per l'as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (INAIL),

vor­ge­leg­tes Er­su­chen um Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung der Ar­ti­kel 85, 86 und 90 EG-Ver­trag (jetzt Ar­ti­kel 81 EG, 82 EG und 86 EG)

erlässt

DER GERICH­TSHOF (Fünf­te Kam­mer)

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten der Vier­ten Kam­mer S. von Bahr in Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben des Präsi­den­ten der Fünf­ten Kam­mer so­wie der Rich­ter D. A. O. Ed­ward, A. La Per­go­la, M. Wa­the­let (Be­richt­er­stat­ter) und C. W. A. Tim­mer­m­ans,

Ge­ne­ral­an­walt: F. G. Ja­cobs


Kanz­ler: H. von Hol­stein, Hilfs­kanz­ler

un­ter Berück­sich­ti­gung der schrift­li­chen Erklärun­gen

- der Ci­sal di Bat­ti­stel­lo Ven­an­zio & C. Sas, ver­tre­ten durch D. Fan­ti­ni, av­vo­ca­to,

- des Isti­tu­to na­zio­na­le per l'as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (INAIL), ver­tre­ten durch F. Ar­tu­sa und A. Pi­gna­ta­ro, av­vo­ca­ti,

- der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch U. Le­an­za als Be­vollmäch­tig­ten, im Bei­stand von D. Del Gai­zo, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,

- der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch L. Pi­gna­ta­ro und W. Wils als Be­vollmäch­tig­te,

auf­grund des Sit­zungs­be­richts,

nach Anhörung der münd­li­chen Ausführun­gen der Ci­sal di Bat­ti­stel­lo Ven­an­zio & C. Sas, des Isti­tu­to na­zio­na­le per l'as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (INAIL), der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung und der Kom­mis­si­on in der Sit­zung vom 7. Ju­ni 2001,

nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 13. Sep­tem­ber 2001,

fol­gen­des

Ur­teil

1 Das Tri­bu­na­le Vicen­za hat mit Be­schluss vom 25. Mai 2000, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 2. Ju­ni 2000, gemäß Ar­ti­kel 234 EG zwei Fra­gen nach der Aus­le­gung der Ar­ti­kel 85, 86 und 90 EG-Ver­trag (jetzt Ar­ti­kel 81 EG, 82 EG und 86 EG) zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.
2

Die­se Fra­gen stel­len sich in ei­nem Rechts­streit zwi­schen der Ci­sal di Bat­ti­stel­lo Ven­an­zio & C. SAS (im Fol­gen­den: Ci­sal) und dem Isti­tu­to na­zio­na­le per l'as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (Staat­li­che Un­fall­ver­si­che­rungs­an­stalt; im Fol­gen­den: INAIL) über ei­nen Mahn­be­scheid we­gen Zah­lung ei­nes Be­tra­ges von 6 606 890 ITL für von der Ci­sal nicht ent­rich­te­te Ver­si­che­rungs­beiträge.

Recht­li­cher Rah­men

3 Die ita­lie­ni­schen Vor­schrif­ten über die Pflicht­ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten sind im We­sent­li­chen im De­kret Nr. 1124 des Präsi­den­ten der Re­pu­blik vom 30. Ju­ni 1965 be­tref­fend ei­ne ko­di­fi­zier­te Fas­sung der Vor­schrif­ten über die Pflicht­ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten (GURI Nr. 257 vom 13. Ok­to­ber 1965; im Fol­gen­den: De­kret Nr. 1124) in der geänder­ten Fas­sung ent­hal­ten.
4 Ar­ti­kel 126 des De­krets Nr. 1124 ver­pflich­tet das INAIL, für Rech­nung des Staa­tes und un­ter des­sen Auf­sicht die Pflicht­ver­si­che­rung der Ar­beit­neh­mer ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten ent­spre­chend den An­for­de­run­gen des Ar­ti­kels 38 der ita­lie­ni­schen Ver­fas­sung zu über­neh­men. Ar­ti­kel 126 Ab­satz 3 be­trifft Hand­wer­ker, die übli­cher­wei­se ei­ne ma­nu­el­le Tätig­keit in ih­rem Un­ter­neh­men ausüben.
5 Nach Ar­ti­kel 55 des Ge­set­zes Nr. 88 vom 9. März 1989 über die Um­struk­tu­rie­rung des Isti­tu­to na­zio­na­le del­la pr­e­vi­den­za so­cia­le (Staat­li­che An­stalt für so­zia­le Vor­sor­ge) und des INAIL (GURI Nr. 60 vom 13. März 1989) gehört Letz­te­res zu den öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen, die Leis­tun­gen der Da­seins­vor­sor­ge er­brin­gen, und un­ter­steht der Auf­sicht des Mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und so­zia­le Si­cher­heit. Das Ge­setz sieht fer­ner vor, dass das INAIL sei­ne Auf­ga­ben nach Ge­sichts­punk­ten der Wirt­schaft­lich­keit und des un­ter­neh­me­ri­schen Han­delns wahr­nimmt und sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on au­to­nom an das Er­for­der­nis ei­ner ef­fi­zi­en­ten und recht­zei­ti­gen Er­he­bung der Beiträge und Er­brin­gung der Leis­tun­gen an­passt so­wie sein be­weg­li­ches und un­be­weg­li­ches Vermögen so ver­wal­tet, dass an­ge­mes­se­ne fi­nan­zi­el­le Erträge gewähr­leis­tet sind. Bei der Kon­trol­le und Über­wa­chung der Tätig­kei­ten des INAIL muss die Re­gie­rung die­sel­ben Zie­le ver­fol­gen.
6 Nach Ar­ti­kel 9 des De­krets Nr. 1124 sind die Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet, ih­re An­ge­stell­ten zu ver­si­chern, eben­so wie Ge­sell­schaf­ten ih­re Ge­sell­schaf­ter ver­si­chern müssen; da­ge­gen sind selbständi­ge Hand­wer­ker ver­pflich­tet, sich selbst zu ver­si­chern, wenn die aus­geübte Tätig­keit zu den in Ar­ti­kel 1 des De­krets vor­ge­se­he­nen ge­fahr­ge­neig­ten Tätig­kei­ten gehört und die ver­si­cher­te Per­son zu ei­ner der in Ar­ti­kel 4 des De­krets auf­geführ­ten Grup­pen gehört.
7 Was die Höhe der Beiträge an­geht, sieht Ar­ti­kel 39 Ab­satz 2 des De­krets Nr. 1124 für den ge­werb­li­chen Sek­tor das Sys­tem der „Auf­tei­lung des De­ckungs­ka­pi­tals“ vor. Hier­nach wer­den die Beiträge jähr­lich so fest­ge­setzt, dass sie sämt­li­che Aus­ga­ben de­cken, die mit den im Lau­fe des Jah­res ein­tre­ten­den Unfällen zu­sam­menhängen, d. h. so­wohl Leis­tun­gen von kur­zer Dau­er als auch den Ka­pi­tal­wert der Ren­ten für Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten.
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Ar­ti­kel 40 des De­krets Nr. 1124 be­stimmt:

„Der Ta­rif der Prämi­en und Beiträge für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie die Durchführungs­be­stim­mun­gen wer­den vom INAIL be­schlos­sen und durch De­kret des Mi­nis­ters für Ar­beit und so­zia­le Si­cher­heit ge­neh­migt ... Der Ta­rif setzt Prämi­ensätze ent­spre­chend dem für je­de ver­si­cher­te be­ruf­li­che Tätig­keit be­stimm­ten na­tio­na­len Durch­schnitts­ri­si­ko fest, un­ter Ein­be­zie­hung der fi­nan­zi­el­len Be­las­tung im Sin­ne des Ar­ti­kels 39 Ab­satz 2.“

9 Die Be­rech­nung der Beiträge der selbständi­gen Hand­wer­ker er­folgt nach Ar­ti­kel 42 des De­krets Nr. 1124 so­wie, was den im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Zeit­punkt an­geht, nach dem Mi­nis­te­ri­al­de­kret vom 21. Ju­ni 1988 (GURI Nr. 151 vom 29. Ju­ni 1988). Die Tätig­kei­ten der selbständi­gen Hand­wer­ker wer­den ent­spre­chend dem mit ih­nen ver­bun­de­nen Ri­si­ko­grad in 10 Klas­sen ein­ge­teilt, die ih­rer­seits in 320 Un­ter­grup­pen ent­spre­chend eben­so vie­len be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten un­ter­glie­dert sind.
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Nach Ar­ti­kel 66 des De­krets Nr. 1124 gibt es fol­gen­de Ar­ten von Leis­tun­gen:

- Ta­ge­geld bei vorüber­ge­hen­der Ar­beits­unfähig­keit,

- Ren­te we­gen dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit,

- Bei­hil­fe für die ständi­ge persönli­che Be­treu­ung,

- Hin­ter­blie­be­nen­ren­te und ein­ma­li­ge Zu­wen­dung im To­des­fall,

- me­di­zi­ni­sche und chir­ur­gi­sche Be­hand­lung ein­sch­ließlich kli­ni­scher Un­ter­su­chun­gen und

- Stel­lung von Pro­the­sen.

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Ar­ti­kel 67 des De­krets Nr. 1124 stellt den Grund­satz der au­to­ma­ti­schen Leis­tungs­gewährung auf, wo­nach die Ver­si­cher­ten die Leis­tun­gen auch be­an­spru­chen können, wenn die be­ruf­li­che Tätig­keit nicht an­ge­mel­det ist oder der Ar­beit­ge­ber kei­ne Prämi­en ge­zahlt hat. Nach Ar­ti­kel 59 Ab­satz 19 des Ge­set­zes Nr. 449 vom 27. De­zem­ber 1997 be­tref­fend Maßnah­men zur Sta­bi­li­sie­rung der öffent­li­chen Fi­nan­zen (GURI Nr. 302 vom 30. De­zem­ber 1997) wur­de die­ser Au­to­ma­tis­mus mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 1998 für Selbständi­ge ein­sch­ließlich der Hand­wer­ker auf­ge­ho­ben. Im­Fal­le ei­ner späte­ren Erfüllung der versäum­ten Pflich­ten können die Leis­tun­gen je­doch gewährt wer­den.

Aus­gangs­ver­fah­ren und Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­gen

12 Im De­zem­ber 1998 gab der Pre­to­re Vicen­za der Ci­sal im We­ge des Mahn­be­scheids auf, an das INAIL ei­nen Be­trag von 6 606 890 ITL zu zah­len, ent­spre­chend den für den Zeit­raum von 1992 bis 1996 nicht ent­rich­te­ten Ver­si­che­rungs­beiträgen für den geschäftsführen­den Ge­sell­schaf­ter Herrn Bat­ti­stel­lo. Die­ser Mahn­be­scheid war dar­auf gestützt, dass Letz­te­rer gemäß Ar­ti­kel 4 des De­krets Nr. 1124 als Schrei­ner, der in sei­nem ei­ge­nen Un­ter­neh­men ei­ne ma­nu­el­le Tätig­keit ausübt, beim INAIL ge­gen Ar­beits­unfälle hätte ver­si­chert wer­den müssen.
13 Die Ci­sal leg­te beim Tri­bu­na­le Vicen­za Ein­spruch ge­gen den Mahn­be­scheid ein und führ­te aus, Herr Bat­ti­stel­lo sei seit 1986 bei ei­ner pri­va­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ge­gen Ar­beits­unfälle ver­si­chert. Die Rechts­vor­schrif­ten, auf­grund de­ren sie ver­pflich­tet sei, ihn ge­gen die­sel­ben Ri­si­ken auch beim INAIL zu ver­si­chern, ver­stießen ge­gen das ge­mein­schaft­li­che Wett­be­werbs­recht, da sie zu Un­recht das Mo­no­pol des INAIL auf­recht­er­hiel­ten, was die­ses zum Miss­brauch sei­ner be­herr­schen­den Stel­lung ver­lei­te. Sie ver­weist auf ei­ne Stel­lung­nah­me der Au­to­rità ga­ran­te del­la con­cor­ren­za e del mer­ca­to (na­tio­na­le Kar­tell­behörde) vom 9. Fe­bru­ar 1999, wo­nach „das INAIL kei­ne Ele­men­te der So­li­da­rität auf[weist], die die wirt­schaft­li­che Na­tur sei­ner Tätig­keit nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­ho­fes aus­sch­ließen könn­ten“.
14 Nach Auf­fas­sung des vor­le­gen­den Ge­richts weist das INAIL ei­ni­ge Ei­gen­schaf­ten auf, die sich schlecht mit dem Un­ter­neh­mens­be­griff im Sin­ne des ge­mein­schaft­li­chen Wett­be­werbs­rechts ver­ein­ba­ren las­sen. Es ver­weist hier­zu auf den Leis­tungs­au­to­ma­tis­mus, die Pflicht­mit­glied­schaft und das Feh­len ei­ner Ge­winn­erzie­lungs­ab­sicht. Al­ler­dings überwögen im vor­lie­gen­den Fall an­de­re Merk­ma­le, die kenn­zeich­nend für Ein­rich­tun­gen mit rein wirt­schaft­li­cher Betäti­gung sei­en. Es nennt in­so­fern die Er­he­bung von un­mit­tel­bar mit dem ver­si­cher­ten Ri­si­ko zu­sam­menhängen­den Beiträgen, die Un­ter­tei­lung des Ri­si­kos in 10 ver­schie­de­ne Klas­sen auf­grund ei­nes wirt­schaft­li­chen und un­ter­neh­me­ri­schen Kri­te­ri­ums so­wie die ge­setz­li­che Ver­pflich­tung des INAIL, sei­ne Tätig­keit nach Wirt­schaft­lich­keits­ge­sichts­punk­ten aus­zuüben. Nach­dem für Hand­wer­ker die Pflicht zur Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle ein­geführt wor­den sei, ha­be der ita­lie­ni­sche Ge­setz­ge­ber 1965 an­er­kannt, dass die De­ckung durch ei­ne pri­va­te Pflicht­ver­si­che­rung vorüber­ge­hend ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur Ver­si­che­rung durch das INAIL dar­stel­len könne.
15 In der Erwägung, dass die ita­lie­ni­schen Rechts­vor­schrif­ten ge­gen die Ar­ti­kel 90 und 86 EG-Ver­trag ver­s­toßen könn­ten, weil für die selbständi­gen Hand­wer­ker ei­ne Ver­si­che­rungs­pflicht beim INAIL be­gründet wird, auch wenn die­se be­reits bei ei­ner pri­va­ten Ge­sell­schaft ver­si­chert sind, und dass die Auf­he­bung der Ver­si­che­rungs­pflicht für die an­der­wei­tig ver­si­cher­ten Hand­wer­ker die Wahr­neh­mung der an­de­ren dem INAIL durch den ita­lie­ni­schen Ge­setz­ge­ber zu­ge­wie­se­nen spe­zi­fi­schen Auf­ga­ben nicht­be­ein­träch­ti­gen würde, hat das Tri­bu­na­le Vicen­za das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
Ist ei­ne öffent­lich-recht­li­che Ver­si­che­rungs­ein­rich­tung wie das INAIL, die oh­ne Ge­winn­erzie­lungs­ab­sicht han­delt und ein Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, das auf ei­ner Pflicht­mit­glied­schaft be­ruht und Leis­tun­gen teil­wei­se au­to­ma­tisch gewährt, auch wenn der Ar­beit­ge­ber die Ver­si­che­rungs­prämi­en nicht ge­zahlt hat (wo­durch Ar­beit­neh­mer, seit 1998 aber nicht mehr selbständi­ge Hand­wer­ker ab­ge­si­chert sind), und in dem die Prämi­en auf­grund der Ri­si­ko­klas­se, un­ter die die ver­si­cher­te Tätig­keit fällt, be­rech­net wer­den, nach Ge­sichts­punk­ten der Wirt­schaft­lich­keit und des un­ter­neh­me­ri­schen Han­delns mo­no­pol­ar­tig ver­wal­tet, als Un­ter­neh­men im Sin­ne der Ar­ti­kel 81 ff. EG an­zu­se­hen?

Verstößt, wenn die ers­te Fra­ge be­jaht wird, die Tat­sa­che, dass die­se öffent­lich-recht­li­che Ein­rich­tung von ei­nem selbständi­gen Hand­wer­ker, der die­sel­ben Ri­si­ken, die ei­ne Mit­glied­schaft bei die­ser Ein­rich­tung ab­de­cken würde, be­reits bei ei­nem pri­va­ten Un­ter­neh­men ver­si­chert hat, Ver­si­che­rungs­prämi­en ver­langt, ge­gen die Ar­ti­kel 86 und 82 EG?

Zur Zulässig­keit des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens

16 Das INAIL macht gel­tend, die vor­ge­leg­ten Fra­gen sei­en un­zulässig, da sie im Zu­sam­men­hang mit der Ab­schaf­fung des Grund­sat­zes der völlig au­to­ma­ti­schen Gewährung, dem zu­fol­ge das INAIL zur Er­brin­gung der Leis­tun­gen ver­pflich­tet sei, auch wenn die Beiträge nicht ent­rich­tet wor­den sei­en, in Be­zug auf die Hand­wer­ker ge­stellt wor­den sei­en. Da die­se Ab­schaf­fung erst mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 1998 er­folgt sei, sei der Ver­si­che­rungs­zeit­raum, um den es im Aus­gangs­ver­fah­ren ge­he, nicht er­fasst.
17 Selbst wenn der Ge­richts­hof die bei­den Vor­la­ge­fra­gen be­ja­hen soll­te, wäre das vor­le­gen­de Ge­richt nicht be­fugt, von der An­wen­dung der na­tio­na­len Vor­schrif­ten, die dem INAIL ein Mo­no­pol auf dem Ge­biet der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle einräum­ten, ab­zu­se­hen, da al­lein die Kom­mis­si­on dafür zuständig sei, über die Ein­hal­tung des Ar­ti­kels 90 Ab­satz 2 EG-Ver­trag zu wa­chen, in­dem sie gemäß Ab­satz 3 die­ses Ar­ti­kels Ent­schei­dun­gen oder Richt­li­ni­en er­las­se.
18 Die­sem Vor­brin­gen kann nicht ge­folgt wer­den. Zum ei­nen ist es nach ständi­ger Recht­spre­chung im Rah­men der durch Ar­ti­kel 234 EG ge­schaf­fe­nen Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen dem Ge­richts­hof und den na­tio­na­len Ge­rich­ten al­lein Sa­che des mit dem Rechts­streit be­fass­ten na­tio­na­len Ge­richts, in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die zu er­las­sen­de ge­richt­li­che Ent­schei­dung fällt, im Hin­blick auf die Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem Ge­richts­hof von ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen zu be­ur­tei­len (vgl. u. a. Ur­teil vom 10. Mai 2001 in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen C-223/99 und C-260/99, Agorà und Ex­cel­si­or, Slg. 2001, I-3605, Rand­nrn. 18 f.). Je­den­falls er­gibt sich aus dem Wort­laut des Vor­la­ge­be­schlus­ses kein An­halts­punkt­dafür, dass das Tri­bu­na­le Vicen­za die Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­gen nur im Hin­blick auf die 1997 ein­ge­tre­te­ne Re­form im Zu­sam­men­hang mit der au­to­ma­ti­schen Gewährung der Leis­tun­gen ge­stellt hätte. Das Ge­richt hat die­se Re­form im Übri­gen nur im Rah­men der Be­schrei­bung des na­tio­na­len recht­li­chen Kon­tex­tes erwähnt.
19 Zum an­de­ren er­gibt sich aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­ho­fes, ins­be­son­de­re aus den Ur­tei­len vom 19. Mai 1993 in der Rechts­sa­che (C-320/91, Cor­beau Slg. 1993, I-2533) und vom 21. Sep­tem­ber 1999 in der Rechts­sa­che (C-67/96, Al­ba­ny Slg. 1999, I-5751), dass der Ein­zel­ne sich vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten auf Ar­ti­kel 90 Ab­satz 2 EG-Ver­trag be­ru­fen kann, um prüfen zu las­sen, ob die dort auf­ge­stell­ten Be­din­gun­gen erfüllt sind.
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Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist da­her zulässig.

Zur ers­ten Fra­ge

21 Die ers­te Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts geht da­hin, ob ei­ne Ein­rich­tung, die wie das INAIL durch Ge­setz mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten be­traut ist, als Un­ter­neh­men im Sin­ne der Ar­ti­kel 85 und 86 EG-Ver­trag an­zu­se­hen ist.
22 Nach ständi­ger Recht­spre­chung um­fasst der Be­griff des Un­ter­neh­mens im Rah­men des Wett­be­werbs­rechts je­de ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit ausüben­de Ein­heit un­abhängig von ih­rer Rechts­form und der Art ih­rer Fi­nan­zie­rung (sie­he u. a. Ur­teil vom 12. Sep­tem­ber 2000 in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen C-180/98 bis C-184/98, Pavlov u. a., Slg. 2000, I-6451, Rand­nr. 74).
23

Nach eben­falls ständi­ger Recht­spre­chung ist ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit je­de Tätig­keit, die dar­in be­steht, Güter oder Dienst­leis­tun­gen auf ei­nem be­stimm­ten Markt an­zu­bie­ten (Ur­tei­le vom 16. Ju­ni 1987 in der Rechts­sa­che 118/85, Kom­mis­si­on/Ita­li­en, Slg. 1987, 2599, Rand­nr. 7, und vom 18. Ju­ni 1998 in der Rechts­sa­che C-35/96, Kom­mis­si­on/Ita­li­en, Slg. 1998, I-3851, Rand­nr. 36, so­wie das zi­tier­te Ur­teil Pavlov u. a., Rand­nr. 75).

Vor­brin­gen der Par­tei­en

24

Ci­sal trägt vor, das INAIL sei ein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Ar­ti­kel 85 und 86 EG-Ver­trag.

25 Die Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen, die das INAIL den Hand­wer­kern er­brin­ge, sei­en den von ei­ner pri­va­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft er­brach­ten Leis­tun­gen völlig ver­gleich­bar: Zunächst ein­mal sei­en die Leis­tun­gen aus­sch­ließlich durch Beiträge fi­nan­ziert, die nach Maßga­be des Ri­si­kos fest­ge­setzt würden; so­dann be­ste­he ein en­ger Zu­sam­men­hang zwi­schen den ent­rich­te­ten Beiträgen und den er­brach­ten Leis­tun­gen, da bei­de ei­nen Pro­zent­satz der Vergütung des Geschädig­ten dar­stell­ten, und schließlich sei das INAIL­ver­pflich­tet, das Ver­si­che­rungs­sys­tem, für das es ver­ant­wort­lich sei, nach Wirt­schaft­lich­keits­ge­sichts­punk­ten zu ver­wal­ten. We­der die Ver­fol­gung ei­nes so­zia­len Zwe­ckes noch das Feh­len ei­ner Ge­winn­erzie­lungs­ab­sicht noch die we­ni­gen So­li­da­ritäts­merk­ma­le, die mit die­sem Sys­tem ver­bun­den sei­en, nähmen den Tätig­kei­ten des INAIL ih­ren im We­sent­li­chen wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter.
26 Das INAIL, die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung und die Kom­mis­si­on tra­gen dem­ge­genüber vor, auf­grund der dem INAIL über­tra­ge­nen, dem Ge­mein­wohl die­nen­den Auf­ga­be und der Merk­ma­le des von ihm ver­wal­te­ten Ver­si­che­rungs­sys­tems könne das INAIL nicht als Un­ter­neh­men an­ge­se­hen wer­den. In­so­weit sei die­ser Fall ver­wandt mit dem­je­ni­gen in der Rechts­sa­che, die zum Ur­teil vom 17. Fe­bru­ar 1993 in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen C-159/91 und C-160/91 (Poucet und Pist­re, Slg. 1993, I-637) geführt ha­be.
27 Zur Un­terstützung die­ser Auf­fas­sung wer­den fol­gen­de Merk­ma­le des Ver­si­che­rungs­sys­tems an­geführt.
28 Ers­tens gehörten zu den Leis­tun­gen des INAIL nicht nur fi­nan­zi­el­le Zu­wen­dun­gen, son­dern auch die Teil­nah­me an Maßnah­men der Vor­beu­gung, der Re­ad­ap­ta­ti­on und der persönli­chen Be­treu­ung; sie deck­ten nicht nur den un­mit­tel­ba­ren und aku­ten Scha­den ab, son­dern auch die mehr mit­tel­ba­ren wirt­schaft­li­chen Fol­gen des Un­falls; im Übri­gen be­ru­he die Höhe der fi­nan­zi­el­len Leis­tun­gen, die von der Vergütung des Geschädig­ten und nicht vom Um­fang des zu er­set­zen­den Scha­dens abhänge, auf ge­setz­lich fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en und hänge we­der von den vom Ver­si­cher­ten ent­rich­te­ten Beiträgen noch von den fi­nan­zi­el­len Fol­gen für das INAIL ab. Für die Be­rech­nung der Ren­ten könn­te nur die in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten, auf der Grund­la­ge des na­tio­na­len Durch­schnitts­ein­kom­mens fest­ge­leg­ten Mar­ge zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­be­trag an­ge­sie­del­ten Gehälter berück­sich­tigt wer­den.
29 Der Grund­satz der au­to­ma­ti­schen Gewährung der Leis­tun­gen, auf­grund des­sen die­se auch gewährt würden, wenn der Ar­beit­ge­ber die fälli­gen Beiträge nicht ent­rich­tet ha­be, sei ein wich­ti­ger So­li­da­ritäts­fak­tor, der das Sys­tem des Schut­zes ge­gen die fi­nan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen der Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten maßgeb­lich kenn­zeich­ne. Die­se au­to­ma­ti­sche Gewährung sei zwar im Hin­blick auf die Selbständi­gen mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 1998 ab­ge­schafft wor­den, doch könn­ten die versäum­ten Pflich­ten noch später erfüllt wer­den, und die Re­form sei je­den­falls erst nach den Ver­si­che­rungs­zei­ten ein­ge­tre­ten, um die es im Aus­gangs­ver­fah­ren ge­he.
30

Zwei­tens ma­chen das INAIL und die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung zur Fi­nan­zie­rung des Ver­si­che­rungs­sys­tems gel­tend, die Beiträge sei­en nicht durchgängig pro­por­tio­nal zum Ri­si­ko, da be­stimm­te Ri­si­ken wie die mit As­best oder Lärm ver­bun­de­nen Ri­si­ken, nach ei­nem Prin­zip der So­li­da­rität teil­wei­se von an­de­ren Sek­to­ren ge­tra­gen würden. Die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung und die Kom­mis­si­on ma­chen wei­ter gel­tend, die Höhe der Beiträge müsse durch De­kre­te des zuständi­gen Mi­nis­ters ge­neh­migt wer­den. Ren­ten im Zu­sam­men­hang mit Ar­beits­unfällen würden großent­eils nach dem Ver­tei­lungs­grund­satz fi­nan­ziert, wo­bei nur ein Teil, der dem Ka­pi­tal­wert der ursprüng­li­chen Ren­te­ent­spre­che, bei­sei­te ge­legt wer­de, um ei­ne tech­ni­sche Re­ser­ve zu bil­den, die die Gewährung der Leis­tun­gen ga­ran­tie­re.

Würdi­gung durch den Ge­richts­hof

31 Vor­ab ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Ge­mein­schafts­recht nach ständi­ger Recht­spre­chung die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten zur Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 28. April 1998 in der Rechts­sa­che C-158/96, Kohll, Slg. 1998, I-1931, Rand­nr. 17, und vom 12. Ju­li 2001 in der Rechts­sa­che C-157/99, Smits und Peer­booms, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 44).
32 Be­son­ders der Schutz ge­gen die Ri­si­ken ei­nes Ar­beits­un­falls und ei­ner Be­rufs­krank­heit gehört seit lan­ger Zeit zum so­zia­len Schutz, den die Mit­glied­staa­ten ih­rer ge­sam­ten Bevölke­rung oder ei­nem Teil hier­von gewähren.
33 Fer­ner ist fest­zu­stel­len, dass die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1408/71 des Ra­tes vom 14. Ju­ni 1971 zur An­wen­dung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit auf Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge so­wie de­ren Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge, die in­ner­halb der Ge­mein­schaft zu- und ab­wan­dern, in ih­rer durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 118/97 des Ra­tes vom 2. De­zem­ber 1996 (ABl. 1997, L 28, S. 1) geänder­ten und ak­tua­li­sier­ten Fas­sung be­son­de­re Vor­schrif­ten zur Ko­or­di­nie­rung der na­tio­na­len Sys­te­me für Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten enthält, für de­ren An­wen­dung im Hin­blick auf die Ita­lie­ni­sche Re­pu­blik das INAIL aus­drück­lich als zuständi­ger Träger im Sin­ne des Ar­ti­kels 1 Buch­sta­be o die­ser Ver­ord­nung be­nannt wur­de (vgl. An­hang 2, „Zuständi­ge Träger“, H Num­mer 2 der Ver­ord­nung [EWG] Nr. 574/72 des Ra­tes vom 21. März 1972 über die Durchführung der Ver­ord­nung Nr. 1408/71 [ABl. Nr. 74, S. 1] in ih­rer durch die Ver­ord­nung Nr. 118/97 geänder­ten und ak­tua­li­sier­ten Fas­sung) be­nannt ist.
34 Im Übri­gen ver­folgt das ge­setz­li­che Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, um das es im Aus­gangs­ver­fah­ren geht, in­so­fern, als es ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche so­zia­le Si­che­rung für al­le Selbständi­gen außer­halb des Agrar­be­reichs vor­sieht, die ei­ne vom Ge­setz als „ge­fahr­ge­neigt“ qua­li­fi­zier­te Tätig­keit ausüben, ei­nen so­zia­len Zweck.
35 Ein sol­ches Sys­tem soll nämlich al­len geschütz­ten Per­so­nen ei­ne De­ckung ge­gen die Ri­si­ken des Ar­beits­un­falls und der Be­rufs­krank­heit gewähren, un­abhängig von je­der Pflicht­ver­let­zung des Geschädig­ten oder des Ar­beit­ge­bers und da­mit oh­ne dass der­je­ni­ge zi­vil­recht­lich haft­bar ge­macht wer­den müss­te, der die Vor­tei­le aus der ge­fahr­ge­neig­ten Tätig­keit zieht.
36 Der so­zia­le Zweck des frag­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tems wird fer­ner da­durch bestätigt, dass die Leis­tun­gen auch gewährt wer­den, wenn die fälli­gen Beiträge nicht ent­rich­tet wur­den; dies trägt of­fen­sicht­lich zum Schutz al­ler Ver­si­cher­ten ge­gen die wirt­schaft­li­chen Fol­gen von Ar­beits­unfällen oder Be­rufs­krank­hei­ten bei. Auch nach der­Re­form von 1997, die die­se au­to­ma­ti­sche Gewährung so­zia­len Schut­zes für Selbständi­ge auf­hob, können die Leis­tun­gen, wenn die Beiträge nicht recht­zei­tig ent­rich­tet wur­den, bei ei­ner späte­ren Erfüllung der versäum­ten Pflicht noch gewährt wer­den.
37 Al­ler­dings genügt der so­zia­le Zweck ei­nes Ver­si­che­rungs­sys­tems als sol­cher nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­ho­fes nicht, um ei­ne Ein­stu­fung der be­tref­fen­den Tätig­keit als wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­zu­sch­ließen (vgl. das zi­tier­te Ur­teil Pavlov u. a., Rand­nr. 118). Hier­zu sind zwei As­pek­te her­vor­zu­he­ben.
38 Ers­tens er­lau­ben meh­re­re Fak­to­ren die Fest­stel­lung, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Ver­si­che­rungs­sys­tem den Grund­satz der So­li­da­rität um­setzt.
39 Zum ei­nen wird das Ver­si­che­rungs­sys­tem durch Beiträge fi­nan­ziert, de­ren Höhe nicht streng pro­por­tio­nal zum ver­si­cher­ten Ri­si­ko ist. So er­gibt sich aus den Ak­ten, dass der Bei­trags­satz ei­nen be­stimm­ten Höchst­be­trag nicht über­stei­gen kann, auch wenn die aus­geübte Tätig­keit mit ei­nem sehr ho­hen Ri­si­ko ver­bun­den ist; die Fi­nan­zie­rungslücke wird von al­len Un­ter­neh­men ge­tra­gen, die der­sel­ben Ri­si­ko­grup­pe an­gehören. Fer­ner wer­den die Beiträge nicht nur auf der Grund­la­ge des mit der Tätig­keit des be­tref­fen­den Un­ter­neh­mens ver­bun­de­nen Ri­si­kos be­rech­net, son­dern auch nach Maßga­be der Einkünf­te des Ver­si­cher­ten.
40 Zum an­de­ren ist die Höhe der gewähr­ten Leis­tun­gen nicht not­wen­dig pro­por­tio­nal zu den Einkünf­ten des Ver­si­cher­ten, da für die Be­rech­nung der Ren­ten nur die Gehälter berück­sich­tigt wer­den können, die zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­be­trag lie­gen, ent­spre­chend dem na­tio­na­len Durch­schnitts­ein­kom­men, ver­rin­gert oder erhöht um 30 %.
41 Auf­grund des­sen ist es möglich, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Num­mer 66 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, dass die Zah­lung ho­her Beiträge nur zur Gewährung von in der Höhe be­grenz­ten Leis­tun­gen führt, wenn das be­tref­fen­de Ein­kom­men den durch De­kret fest­ge­setz­ten Höchst­be­trag über­steigt, und dass um­ge­kehrt re­la­tiv nied­ri­ge, auf der Grund­la­ge des ge­setz­li­chen Min­dest­ein­kom­mens be­rech­ne­te Beiträge ei­nen An­spruch auf Leis­tun­gen eröff­nen, die nach Maßga­be ei­nes über die­sem Min­dest­be­trag lie­gen­den Ein­kom­mens, nämlich dem um 30 % ver­rin­ger­ten Durch­schnitts­ein­kom­men, be­rech­net wer­den.
42 Das Feh­len ei­nes un­mit­tel­ba­ren Zu­sam­men­hangs zwi­schen den ent­rich­te­ten Beiträgen und den gewähr­ten Leis­tun­gen be­wirkt so­mit ei­ne So­li­da­rität zwi­schen den hoch be­zahl­ten Ar­beit­neh­mern und den­je­ni­gen, die in An­be­tracht ih­rer nied­ri­gen Einkünf­te kei­ne an­ge­mes­se­ne so­zia­le Ab­si­che­rung hätten, wenn ein sol­cher Zu­sam­men­hang bestünde.
43 Zwei­tens er­gibt sich aus den Ak­ten, dass die Tätig­keit des INAIL, dem die Ver­wal­tung des strei­ti­gen Sys­tems ge­setz­lich über­tra­gen wur­de, staat­li­cher Auf­sicht un­ter­wor­fen ist und dass die Höhe der Leis­tun­gen so­wie der Beiträge letzt­lich staat­lich fest­ge­setz­tist. Zum ei­nen ist die Höhe der Leis­tun­gen ge­setz­lich fest­ge­legt, und die­se müssen un­abhängig von den ent­rich­te­ten Beiträgen so­wie den fi­nan­zi­el­len Erträgen der vom INAIL vor­ge­nom­me­nen An­la­gen ge­zahlt wer­den. Zum an­de­ren muss die Höhe der Beiträge, über die das INAIL be­sch­ließt, durch Mi­nis­te­ri­al­de­kret ge­neh­migt wer­den; der zuständi­ge Mi­nis­ter hat nämlich die Be­fug­nis, die vor­ge­schla­ge­nen Ta­ri­fe zurück­zu­wei­sen und das INAIL auf­zu­for­dern, ihm ei­nem neu­en Vor­schlag un­ter Berück­sich­ti­gung be­stimm­ter Kri­te­ri­en vor­zu­le­gen.
44 Aus al­le­dem folgt, dass die Höhe der Leis­tun­gen und der Beiträge, die zwei we­sent­li­che Ele­men­te des vom INAIL ver­wal­te­ten Sys­tems dar­stel­len, staat­li­cher Auf­sicht un­ter­lie­gen und dass die Pflicht­mit­glied­schaft, die für ein sol­ches Ver­si­che­rungs­sys­tem kenn­zeich­nend ist, für des­sen fi­nan­zi­el­les Gleich­ge­wicht so­wie für die Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität, der ver­langt, dass die dem Ver­si­cher­ten gewähr­ten Leis­tun­gen nicht pro­por­tio­nal zu den von ihm ent­rich­te­ten Beiträgen sind, un­erläss­lich ist.
45 Das INAIL nimmt folg­lich durch sei­ne Mit­wir­kung an der Ver­wal­tung ei­nes der tra­di­tio­nel­len Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit, der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr. Sei­ne Tätig­keit ist da­her kei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit im Sin­ne des Wett­be­werbs­rechts, und die­se Ein­rich­tung ist so­mit kein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Ar­ti­kel 85 und 86 EG-Ver­trag.
46

Auf­grund all des­sen ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass ei­ne Ein­rich­tung, die wie das INAIL durch Ge­setz mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten be­traut ist, nicht un­ter den Be­griff des Un­ter­neh­mens im Sin­ne der Ar­ti­kel 85 und 86 EG-Ver­trag fällt.

Zur zwei­ten Fra­ge

47

In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge braucht die zwei­te Fra­ge nicht be­ant­wor­tet zu wer­den.

Kos­ten

48 Die Aus­la­gen der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung und der Kom­mis­si­on, die Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof ab­ge­ge­ben ha­ben, sind nicht er­stat­tungsfähig. Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts.
Aus die­sen Gründen

hat

DER GERICH­TSHOF (Fünf­te Kam­mer)

auf die ihm vom Tri­bu­na­le Vicen­za mit Be­schluss vom 25. Mai 2000 vor­ge­leg­ten Fra­gen für Recht er­kannt:

Ei­ne Ein­rich­tung, die wie das Isti­tu­to na­zio­na­le per l'as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (INAIL) durch Ge­setz mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten be­traut ist, fällt nicht un­ter den Be­griff des Un­ter­neh­mens im Sin­ne der Ar­ti­kel 85 und 86 EG-Ver­trag (jetzt Ar­ti­kel 81 EG und 82 EG).


von Bahr
Ed­ward
La Per­go­la

Wa­the­let

Tim­mer­m­ans

Verkündet in öffent­li­cher Sit­zung in Lu­xem­burg am 22. Ja­nu­ar 2002.

Der Kanz­ler
R. Grass

Der Präsi­dent der Fünf­ten Kam­mer
P. Jann


* Ver­fah­rens­spra­che: Ita­lie­nisch.

Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu

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