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ArbG Mün­chen, Ur­teil vom 04.06.2012, 3 Ca 9945/11

   
Schlagworte: Spätehenklausel, Gleichbehandlung
   
Gericht: Arbeitsgericht München
Aktenzeichen: 3 Ca 9945/11
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 04.06.2012
   
Leitsätze:
Vorinstanzen:
   

3 Ca 9945/11

Verkündet am: 04.06.2012

Ih­le
Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Ar­beits­ge­richt München

Im Na­men des Vol­kes

EN­DURTEIL

In dem Rechts­streit

 

A.
A-Straße, A-Stadt

- Kläge­rin -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te:

Rechts­anwälte H., K-Straße, E-Stadt

ge­gen

Fir­ma D.

D-Straße, D-Stadt

- Be­klag­te -

Pro­zess­be­vollmäch­tig­te

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hat die 3. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts München auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 29. Mai 2012 durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt Dr. Schmiedl so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Bu­xe­der und Schalk

für Recht er­kannt:

1. Die Kla­ge wird ab­ge­wie­sen.

2. Die Kläge­rin trägt die Kos­ten des Rechts­streits.

3. Der Streit­wert wird auf 26.045,64 € fest­ge­setzt.

4. Die Be­ru­fung wird zu­ge­las­sen.

 

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten im Rah­men der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung um die Wirk­sam­keit ei­ner sog. Späte­he­klau­sel.

Der Ehe­mann der Wit­wen­pen­si­on be­geh­ren­den Kläge­rin war ab 01.12.1989 auf­grund ei­nes Ar­beits­ver­trags vom 22.08.1989 als Haupt­ab­tei­lungs­lei­ter bei der da­mals un­ter S. GmbH fir­mie­ren­den Be­klag­ten beschäftigt.

§ 4 des Ar­beits­ver­trags enthält un­ter der Über­schrift „Ne­ben­leis­tun­gen“ fol­gen­de Ver­ein­ba­rung:

„Bei der S. GmbH exis­tiert ein Pen­si­ons­plan, der zur­zeit übe­r­ar­bei­tet wird. Wir si­chern Ih­nen zu, dass Sie durch den neu­en Plan nicht schlech­ter ge­stellt wer­den, als die Mit­ar­bei­ter un­se­rer Mut­ter­ge­sell­schaft, der L. AG.“

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Der Kläger hat die Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten vom 01.07.1982 (Bl. 30 ff. d.A.) zur Vor­la­ge ge­bracht. Nach Zif­fer VIII. 1. ist Vor­aus­set­zung für den Be­zug von Wit­wen­ren­te u.a., dass der Mit­ar­bei­ter die Ehe vor Voll­endung sei­nes 60. Le­bens­jah­res ge­schlos­sen hat und dass be­reits am 1. Mai vor sei­nem To­de die Ehe min­des­tens ein Jahr be­stan­den hat.

Die Kläge­rin hat wei­ter­hin ei­ne Pen­si­ons­ord­nung der L. AG vom 01.10.1989 (Bl. 55 ff. d.A.) zur Vor­la­ge ge­bracht. Nach de­ren § 4 Ziff. 2. ist Vor­aus­set­zung für die Wit­wen­pen­si­on u.a., dass die Ehe vor Be­ginn der Al­ters­pen­si­on des Mit­ar­bei­ters ge­schlos­sen wur­de. Ist der Ehe­part­ner mehr als 15 Jah­re jünger als der Mit­ar­bei­ter, so wird die Wit­wen­pen­si­on gekürzt.

Die Be­klag­te und der Ehe­mann der Kläge­rin ha­ben un­ter dem Da­tum 14.08.2008 ei­nen Ver­trag über Al­ters­teil­zeit, be­gin­nend ab 01.07.2008 ge­schlos­sen. Die­ser Al­ters­teil­zeit­ver­trag enthält in § 14 Abs. 2 die Re­ge­lung, dass die übri­gen Be­stim­mun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges Be­stand ha­ben, so­weit der Al­ters­teil­zeit­ver­trag kei­ne ab­wei­chen­den Re­ge­lun­gen vor­sieht.

Der Ehe­mann der Kläge­rin und die Kläge­rin hei­ra­te­ten am 08.08.2008 – un­strei­tig nach dem 60. Le­bens­jahr des Klägers.

Der Ehe­mann der Kläge­rin ver­starb am 14.12.2010 in der Frei­stel­lungs­pha­se sei­ner Al­ters­teil­zeit.
Mit Schrei­ben vom 04.01.2011 (Bl. 26 d.A.) wur­de der Kläge­rin mit­ge­teilt, dass sie „bis zum Be­ginn der Fir­men-Wit­wen­ren­te ab 01.03.2011“ ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­zah­lung be­kom­me und sie zur Ab­rech­nung be­stimm­te Un­ter­la­gen vor­le­gen müsse. Mit Schrei­ben vom 06.05.2011 wur­de der Kläge­rin mit­ge­teilt, dass die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Fir­men-Wit­wen­pen­si­on nicht erfüllt sind.

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Nach ei­ner Be­rech­nung der Be­klag­ten würde die Wit­wen­ren­te der Kläge­rin – so­fern ein Rechts­an­spruch bestünde – mo­nat­lich € 723,49 be­tra­gen (s. zur Be­rech­nung Bl. 106 d.A.).

Die Kläge­rin ver­tritt die Auf­fas­sung, sie ha­be An­spruch auf ei­ne mo­nat­li­che Wit­wen­pen­si­on in Höhe der von der Be­klag­ten mit­ge­teil­ten € 723,49 mo­nat­lich. Die­ser An­spruch er­ge­be sich be­reits aus § 4 des Ar­beits­ver­trags des Ehe­manns der Kläge­rin. Die­se Klau­sel be­inhal­te die Zu­si­che­rung, dass Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten nicht schlech­ter ge­stellt würden als durch die Ver­sor­gungs­ord­nung der Mut­ter­ge­sell­schaft. Die­ses Ver­bot der Schlech­ter­stel­lung sei auch un­abhängig von ei­ner Verände­rung der ein­schlägi­gen Pen­si­ons­ord­nung (s. da­zu im Ein­zel­nen Bl. 101 d.A.). Zu Be­ginn des Ar­beits­ver­trags hätte die Ver­sor­gungs­ord­nung im L.-Kon­zern auf die Pen­si­ons­ord­nung der L. AG als Min­dest­stan­dard an­ge­passt wer­den sol­len. Dies­bezüglich ha­be auch ei­ne Re­ge­lungs­ab­re­de mit den Be­triebsräten be­stan­den (s. da­zu Bl. 102 d.A.). Wei­ter­hin sei auch im Schrei­ben sei­tens des Kon­zerns der Be­klag­ten vom 04.01.2011 ei­ne ver­bind­li­che Zu­sa­ge zu se­hen. Wei­ter­hin er­ge­be sich der An­spruch der Kläge­rin aus ei­ner Gleich­stel­lung mit Mit­ar­bei­tern der L. AG. Fer­ner lie­ge ein Ver­s­toß ge­gen die Art. 3 und 6 GG so­wie ge­gen das AGG vor.

Die Kläge­rin be­an­tragt da­her zu­letzt:

1. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin für die Mo­na­te März 2011 bis April 2012 ei­ne Wit­wen­ren­te (Wit­wen­pen­si­on) von mo­nat­lich € 723,49 nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus je­weils € 723,49 seit dem je­wei­li­gen 1. des Fol­ge­mo­nats zu be­zah­len.

2. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin ab dem 01.05.2012 le­bens­lang zum En­de je­den Mo­nats ei­ne mo­nat­li­che Wit­wen­ren­te (Wit­wen­pen­si­on) in Höhe von mo­nat­lich € 723,49 zu be­zah­len.

3. Hilfs­wei­se: Es wird fest­ge­stellt, dass die Be­klag­te der Kläge­rin ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung (be­trieb­li­che Wit­wen­ren­te) nach der Ver­sor­gungs­ord­nung der S. GmbH vom No­vem­ber 1982 (un­ter Berück­sich­ti­gung des Nach­trags vom

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15.09.1986 und un­ter Nicht­berück­sich­ti­gung des An­spruchs­aus­schlus­ses gemäß Zif­fer VII, 1) ka­len­der­mo­nat­lich der­zeit in Höhe von € 723,49 – be­gin­nend mit dem 01.03.2011 – zu zah­len hat.

4. Hilfs­wei­se: Es wird fest­ge­stellt, dass der Kläge­rin ei­ne Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung (be­trieb­li­che Wit­wen­ren­te) nach der Lin­de-Pen­si­ons­ord­nung vom 1. Ok­to­ber 1989 ab 21.März 2011 ein Le­ben lang zu­steht.

Die Be­klag­te be­an­tragt:

Kla­ge­ab­wei­sung.

Nach Auf­fas­sung der Be­klag­ten hat die Kläge­rin kei­nen An­spruch auf Wit­wen­pen­si­on. Nicht zu­tref­fend sei, dass der Ar­beits­ver­trag die Zu­si­che­rung ent­hal­te, dass der Ehe­mann der Kläge­rin nicht schlech­ter be­han­delt wer­den dürfe, als die Ver­sor­gungs­ord­nung der Mut­ter­ge­sell­schaft dies vor­se­he. Der Ver­sor­gungs­plan der Be­klag­ten sei nie­mals übe­r­ar­bei­tet wor­den und ha­be noch in sei­ner al­ten Fas­sung Gel­tung. Es ha­be im Ar­beits­ver­trag nur si­cher­ge­stellt wer­den sol­len, dass durch die Übe­r­ar­bei­tung des Plans die Mit­ar­bei­ter nicht schlech­ter ge­stellt würden als bei An­wen­dung des Plans der Mut­ter­ge­sell­schaft. Ein An­spruch er­ge­be sich auch nicht aus dem ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, da es sich bei der Be­klag­ten und der L. AG um zwei Rechts­persönlich­kei­ten han­deln würde. Außer­dem würde die Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten we­der ge­gen das Grund­ge­setz noch ge­gen das AGG ver­s­toßen.
Zum Vor­brin­gen der Par­tei­en wird im Übri­gen auf die zwi­schen ih­nen ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men.

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Ent­schei­dungs­gründe:

 

I.

Die Kla­ge ist zulässig.

Der Rechts­weg zu den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen ist nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 a i.V.m. § 3 ArbGG eröff­net. Das Ar­beits­ge­richt München ist zur Ent­schei­dung des Rechts­streits nach §§ 46 Abs. 2 ArbGG, 12, 17 ZPO ört­lich zuständig.

II. 

Die Kla­ge er­wies sich als un­be­gründet. Die Kläge­rin hat kei­nen An­spruch auf Wit­wen­pen­si­on, da die Ehe­sch­ließung mit ih­rem Ehe­mann nach dem 60. Le­bens­jahr des Ehe­manns er­folg­te und die­se sog. Späte­he­klau­sel we­der ge­gen höher­ran­gi­ges Recht verstößt noch die­se ver­trag­lich ab­be­dun­gen war.

1. Die Not­wen­dig­keit der Ein­hal­tung der sog. Späte­he­klau­sel nach Zif­fer VII. 1. der
Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten aus dem Jahr 1982 ist nicht ver­trag­lich ab­be­dun­gen.

a) Die Späte­he­klau­sel – die un­strei­tig im Hin­blick auf die Ehe­sch­ließung der Kläge­rin mit ih­rem Ehe­mann nach des­sen 60. Le­bens­jahr nicht ein­ge­hal­ten wur­de – war nicht im Hin­blick auf Zif­fer 4 a des Ar­beits­ver­trags des Ehe­manns der Kläge­rin vom 22.08.1989 un­be­acht­lich.

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Nach die­ser Re­ge­lung wur­de dem Ehe­mann der Kläge­rin zu­ge­si­chert, im Rah­men der Übe­r­ar­bei­tung des Pen­si­ons­plans nicht schlech­ter ge­stellt zu wer­den als die Mit­ar­bei­ter der Mut­ter­ge­sell­schaft der Be­klag­ten, der L. AG.

Die­se Klau­sel führt aber nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht da­zu, dass die Späte­he­klau­sel aus dem Ver­sor­gungs­werk der Be­klag­ten nicht und an des­sen Stel­le die Späte­he­klau­sel aus der Pen­si­ons­ord­nung der L. AG von 1989 An­wen­dung fin­den würde.

Es ist un­strei­tig ge­blie­ben, dass die Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten vom 1982 nicht übe­r­ar­bei­tet wur­de. Da­bei ist nach Auf­fas­sung der Kam­mer schon der Re­ge­lungs­ge­gen­stand der Zif­fer 4 a des Ar­beits­ver­trags des Ehe­manns der Kläge­rin nicht ein­ge­tre­ten, da die­ser dem Wort­laut nach nur ei­ne Re­ge­lung für den Fall der Übe­r­ar­bei­tung des Pen­si­ons­plans der Be­klag­ten vor­sieht.

Die Kam­mer ist nicht der Auf­fas­sung der Kläge­rin, dass Zif­fer 4 a des Ar­beits­ver­trags vom ver­trags­sch­ließen­den Ehe­mann der Kläge­rin nur so ver­stan­den wer­den konn­te, dass der Ehe­mann der Kläge­rin hin­sicht­lich Ver­sor­gungs­ansprüchen so ge­stellt wur­de, als wenn er di­rekt bei der Kon­zern­mut­ter der L. AG an­ge­stellt wor­den sei. Ei­ne der­ar­ti­ge Re­ge­lung – un­mit­tel­ba­re An­wen­dung von Ver­sor­gungs­wer­ken der L. AG – enthält Zif­fer 4 a des Ar­beits­ver­trags des Ehe­manns der Kläge­rin ge­ra­de nicht.
So­weit die Kläge­rin dar­auf hin­weist (Bl. 102 d.A.), dass die kon­zern­wei­te, ein­heit­li­che Re­ge­lung der Pen­si­ons­ord­nun­gen mit Min­dest­stan­dard der Be­din­gun­gen der L. AG als Re­ge­lungs­ab­re­de mit den ein­zel­nen Be­triebsräten ver­ein­bart wor­den sei, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass Re­ge­lungs­ab­re­den im Ge­gen­satz zur Be­triebs­ver­ein­ba­rung ge­ra­de kei­ne un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Wir­kung ge­genüber den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mern ha­ben.

b) Über die eben be­schrie­be­ne ver­trag­li­che Si­tua­ti­on hin­aus er­hielt die Kläge­rin auch mit dem Schrei­ben aus der L.-Un­ter­neh­mens­grup­pe vom 04.01.2011

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kei­ne ver­bind­li­che Zu­sa­ge ei­ner Fir­men-Wit­wen­ren­te. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer han­delt es sich bei dem Schrei­ben vom 04.01.2011 um ein Stan­dard­schrei­ben, mit wel­chem ins­be­son­de­re wei­te­re Un­ter­la­gen an­ge­for­dert wur­den. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer kann die­sem Schrei­ben kein Rechts­bin­dungs­wil­le der Be­klag­ten zur Zah­lung ei­ner Wit­wen­ren­te ent­nom­men wer­den.

2. Die Kläge­rin hat auch un­ter dem Ge­sichts­punkt des ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes kei­nen An­spruch auf ei­ne Un­be­acht­lich­keit der Frühehe­klau­sel aus Zif­fer VII. 1. der Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten von 1982. Der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz kann sich nur auf Mit­ar­bei­ter des­sel­ben Ar­beit­ge­bers be­zie­hen. Bei der L. AG han­delt es sich um ei­ne an­de­re Rechts­persönlich­keit, die ih­re Ar­beit­neh­mer oh­ne wei­te­res ab­wei­chend von den Ar­beit­neh­mern der Be­klag­ten be­han­deln darf, oh­ne da­mit in ei­nen Kon­flikt mit dem ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu kom­men.

3. Die maßgeb­li­che und vor­lie­gend nicht ein­ge­hal­te­ne Späte­he­klau­sel der Zif­fer VII. 1. der Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten von 1982 verstößt auch nicht ge­gen höher­ran­gi­ges Recht.

a) Die­se Späte­he­klau­sel verstößt nicht ge­gen Grund­rech­te.
Der Drit­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat in sei­ner Ent­schei­dung vom 28.07.2005 (Az.: 3 AZR 457/04) be­reits hin­sicht­lich ei­ner Späte­he­klau­sel, die ei­ne Ver­hei­ra­tung vor dem 50. Le­bens­jahr des Ar­beit­neh­mers vor­sah, zu­tref­fend ent­schie­den, dass Art. 6 Abs. 1 GG nicht ver­letzt ist, da den Ehe­part­nern durch ei­ne sol­che Ver­sor­gungs­re­ge­lung kein Nach­teil ent­steht, den sie oh­ne Hei­rat nicht ge­habt hätten. Der Ar­beit­ge­ber ist nicht ver­pflich­tet, ei­ne Ehe­sch­ließung durch Einräum­ung von Ansprüchen zu fördern.
Ar­ti­kel 3 GG ist nicht ver­letzt. Oh­ne die­se ver­fas­sungs­recht­li­che Rechts­grund­la­ge zu nen­nen, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in der zi­tier­ten Ent­schei­dung vom 28.07.2005 über­zeu­gend aus­geführt, dass der Gleich­be­hand­lungs­grund-

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satz nicht ver­letzt ist, weil für die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von jünge­ren und älte­ren Ar­beit­neh­mern sach­li­che Gründe vor­lie­gen würden (s. da­zu Rn. 35 ff. d. Ent­schei­dung).
Hin­sicht­lich Art. 14 GG folgt die Kam­mer der Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts München vom 01.02.2011, 6 Sa 1078/10. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt München hat in die­ser Ent­schei­dung über­zeu­gend dar­ge­legt, dass die Ei­gen­tums­ga­ran­tie nicht ver­letzt ist, da die Aus­ge­stal­tung der Be­triebs­ren­te wie auch der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung durch die Ver­sor­gungs­zu­sa­ge er­fol­ge; die An­wart­schaft könne da­her al­lein in dem Um­fang und der Aus­ge­stal­tung zur Ent­ste­hung ge­lan­gen, wie die Zu­sa­ge er­folgt ge­we­sen sei.

b) Die im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren strei­ti­ge Späte­he­klau­sel verstößt auch nicht ge­gen das AGG.

aa) Auch im Hin­blick auf die hier strei­ti­ge Ver­sor­gungs­ord­nung aus dem Jahr 1982 fin­det das AGG An­wen­dung. Da nach In­kraft­tre­ten des AGG noch ein Ar­beits­verhält­nis mit dem in­so­weit ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten Ehe­mann der Kläge­rin be­stand (s. da­zu im Ein­zel­nen BAG v. 20.04.2010, 3 AZR 509/08, Rn. 63).

bb) § VII. 1. der Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten aus dem Jahr 1982 enthält im Hin­blick auf die Späte­he­klau­sel – Not­wen­dig­keit der Ver­hei­ra­tung vor dem 60. Le­bens­jahr – ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters. Im Ge­gen­satz zu neu­tra­len Be­stim­mun­gen (et­wa Ver­hei­ra­tung vor Aus­schei­den aus dem Ar­beits­verhält­nis) knüpft die hier strei­ti­ge Späte­he­klau­sel in der Ver­sor­gungs­ord­nung der Be­klag­ten un­mit­tel­bar an das Le­bens­al­ter an. Be­nach­tei­ligt wer­den Mit­ar­bei­ter, die ei­ne Ehe erst nach ih­rem 60. Le­bens­jahr ge­schlos­sen ha­ben, da de­ren Ehe­frau­en von der Wit­wen­ver­sor­gung ge­ne­rell aus­ge­schlos­sen wer­den.

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Un­mit­tel­bar Be­nach­tei­lig­ter war zwar der Ehe­mann der Kläge­rin, da es ge­ra­de auf sein Le­bens­al­ter hin­sicht­lich ei­ner Wie­der­ver­hei­ra­tung an­kam. Die kla­gen­de Ehe­frau kann sich je­doch auf ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung be­ru­fen, die im Fal­le ei­ner nicht vor­lie­gen­den Recht­fer­ti­gung als sol­che nach § 7 Abs. 2 AGG zur Un­wirk­sam­keit der Klau­sel in der Ver­sor­gungs­ord­nung führen würde.

cc) Die Un­gleich­be­hand­lung ist je­doch nach § 10 Abs. 1 Satz 1 AGG sach­lich ge­recht­fer­tigt.

Nach die­ser Vor­schrift ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen des Al­ters zulässig, wenn sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist. Ei­ne der­ar­ti­ge un­ter­schied­li­che Be­hand­lung kann nach dem Re­gel­bei­spiel des § 10 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 AGG ein­sch­ließen die Fest­set­zung von Al­ters­gren­zen bei den be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­che­rung als Vor­aus­set­zung für die Mit­glied­schaft oder den Be­zug für Al­ters­ren­te.

Die im vor­lie­gen­den Rechts­streit be­ste­hen­de Un­gleich­be­hand­lung ist noch nicht al­lei­ne durch das Re­gel­bei­spiel des § 10 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 AGG ge­recht­fer­tigt. Es han­delt sich hier nach all­ge­mei­ner Mei­nung nicht um ei­nen Tat­be­stand, der die Prüfung der all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen des § 10 Abs. 1 Satz 1 überflüssig ma­chen würde. Den­noch kommt die­sem Re­gel­bei­spiel ei­ne In­dizwir­kung zu; ei­ne Recht­fer­ti­gung schei­det nach dem Wil­len des Ge­setz­ge­bers nicht von vorn­her­ein aus.

Die Be­gren­zung des Zu­gangs zu ei­nem Sys­tem der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ist ein le­gi­ti­mes Ziel.

Die Un­gleich­be­hand­lung ist auch im Rechts­sin­ne er­for­der­lich und an­ge­mes­sen.

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Der Ar­beit­ge­ber ent­schei­det bei ei­ner von ihm fi­nan­zier­ten be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung frei über de­ren Einführung. Ent­schließt er sich da­zu, so ist er auch frei in der Ent­schei­dung, für wel­che Ver­sor­gungsfälle er Leis­tun­gen zu­sagt und wie hoch er die ent­spre­chen­de Leis­tung do­tiert. Er kann Leis­tun­gen der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ver­spre­chen, ei­ne Rechts­pflicht hier­zu trifft ihn nicht. Aus die­sem Grun­de ist er grundsätz­lich auch be­fugt, die Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung von zusätz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen abhängig zu ma­chen und da­mit Grup­pen von Ar­beit­neh­mern, die die­se Vor­aus­set­zung nicht erfüllen, von der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung aus­zu­sch­ließen. Ei­ne Be­gren­zung des Krei­ses der an­spruchs­be­rech­tig­ten Drit­ten durch zusätz­li­che an­spruchs­be­gründen­de oder be­son­de­re an­spruchs­aus­sch­ließen­den Merk­ma­le liegt ge­ra­de im Be­reich der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung na­he, weil ein da­hin­ge­hen­des Leis­tungs­ver­spre­chen zusätz­li­che Unwägbar­kei­ten und Ri­si­ken mit sich bringt. Die­se be­tref­fen nicht nur den Zeit­punkt des Leis­tungs­falls, son­dern auch die Dau­er der Leis­tungs­er­brin­gung. Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Ar­beit­ge­ber ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se dar­an, die mit der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ver­bun­de­nen zusätz­li­chen Ri­si­ken zu be­gren­zen, um sie bes­ser kal­ku­lier­bar zu hal­ten (s. da­zu im Ein­zel­nen m.w.N. BAG v. 20.04.2010, 3 AZR 509/98).

Un­ter An­wen­dung die­ser zu­tref­fen­den höchst­rich­ter­li­chen Rechts­grundsätze ist nach Auf­fas­sung der Kam­mer die streit­ge­genständ­li­che Späte­he­klau­sel ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ge­recht­fer­tigt. Die Be­klag­te woll­te die mit der Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung ver­bun­de­nen Leis­tungs­ri­si­ken da­durch ein­schränken, dass ei­ne Wit­wen­ver­sor­gung aus­ge­schlos­sen wur­de, die im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Hei­rat von ver­sor­gungs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern nach de­ren 60. Le­bens­jahr ste­hen.

In die­sem Zu­sam­men­hang hat die Kam­mer auch den wei­ten Ge­stal­tungs­spiel­raum berück­sich­tigt, die so­wohl der na­tio­na­le Ge­setz­ge­ber wie auch der Eu­ropäische Richt­li­ni­en­ge­ber in Fällen von be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit den Ar­beit­ge­bern ein­geräumt ha­ben. Auf die ent­spre­chen­de Be­stim­mung in § 10 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 AGG wur­de be­reits hin­ge-

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wie­sen. Die­se ent­spricht wei­test­ge­hend dem Wort­laut von Art. 6 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf. Auch dort heißt es, dass die Mit­glied­staa­ten – so­lan­ge kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts vor­liegt – vor­se­hen können, dass bei den be­trieb­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit die Fest­set­zung von Al­ters­gren­zen als Vor­aus­set­zung für die Mit­glied­schaft oder den Be­zug von Al­ters­ren­te kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Al­ters dar­stel­len.

III. 

Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf §§ 46 Abs. 2 ArbGG, 91 Abs. 1 ZPO.

IV.

Die Fest­set­zung des Streit­werts fin­det ih­re Rechts­grund­la­ge in §§ 61 Abs. 1 ArbGG, 42 Abs. 2 GKG.

V. 

Nach ih­rem Verständ­nis der Norm hat­te die Kam­mer nach § 64 Abs. 3 a ArbGG un­abhängig vom Streit­wert über die Zu­las­sung der Be­ru­fung zu ent­schei­den. Die Kam­mer hat die Be­ru­fung nach § 64 Abs. 3 Nr. 1 ArbGG we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung zu­ge­las­sen.

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Rechts­mit­tel­be­leh­rung:

 

Ge­gen die­ses Ur­teil kann die Kläge­rin Be­ru­fung ein­le­gen.

Die Be­ru­fung muss in­ner­halb ei­ner Not­frist von ei­nem Mo­nat ab Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich beim

Lan­des­ar­beits­ge­richt München
Win­ze­r­er­s­traße 104
80797 München

ein­ge­legt wer­den.

Die Be­ru­fung muss in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Zu­stel­lung die­ses Ur­teils schrift­lich be­gründet wer­den.

Die Be­ru­fungs­schrift und die Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift müssen je­weils von ei­nem bei ei­nem deut­schen Ge­richt zu­ge­las­se­nen Rechts­an­walt un­ter­zeich­net sein. Sie können auch von dem Be­vollmäch­tig­ten ei­ner Ge­werk­schaft, ei­nes Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des oder ei­nes Zu­sam­men­schlus­ses sol­cher Verbände un­ter­zeich­net wer­den, wenn sie für ein Mit­glied ei­nes sol­chen Ver­ban­des oder Zu­sam­men­schlus­ses oder für den Ver­band oder den Zu­sam­men­schluss selbst ein­ge­legt wird.

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Mit­glie­der der ge­nann­ten Verbände können sich auch durch den Be­vollmäch­tig­ten ei­nes an­de­ren Ver­ban­des oder Zu­sam­men­schlus­ses mit ver­gleich­ba­rer Aus­rich­tung ver­tre­ten las­sen.

 

Dr. Schmiedl

Rich­ter am Ar­beits­ge­richt

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