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LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Be­schluss vom 09.08.2012, 3 TaBV 1/12

   
Schlagworte: Betriebsrat, Arbeitsschutzausschuss
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg
Aktenzeichen: 3 TaBV 1/12
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 09.08.2012
   
Leitsätze: § 11 Satz 1 ASiG verpflichtet den Arbeitgeber bei Vorliegen der dort genannten Voraussetzungen zur Einrichtung eines Arbeitsschutzausschusses. Dieser Norm ist notfalls, gegebenenfalls auf Anregung des Betriebsrats, durch die nach § 12 Abs. 1 ASiG zuständige Behörde Geltung zu verschaffen. Weder das Arbeitssicherheitsgesetz noch das Betriebsverfassungsgesetz räumen dem Betriebsrat das Recht ein, eine entsprechende arbeitgeberseitige Verpflichtung im Rahmen eines arbeitsgerichtlichen Beschlussverfahrens durchzusetzen (im Anschluss an LAG Hamburg 27. September 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213; a. A. LAG Hessen 1. Februar 1996 - 12 TaBV 32/95 - NZA 1997, 114).
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Stuttgart, Beschluss vom 23.11.2011, 14 BV 103/11
   

LArbG Ba­den-Würt­tem­berg Be­schluß vom 9.8.2012, 3 TaBV 1/12

 

Te­nor

1. Die Be­schwer­de des Be­triebs­rats/Be­tei­lig­ten zu 1 ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 23.11.2011 - 14 BV 103/11 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Rechts­be­schwer­de wird zu­ge­las­sen.

 

Gründe

I.

Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Ver­pflich­tung der Be­tei­lig­ten zu 2 (i. F.: Ar­beit­ge­be­rin), ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss für die Fi­lia­le 3106 in S. ein­zu­rich­ten.

Bei der Ar­beit­ge­be­rin han­delt es sich um ein Un­ter­neh­men mit Sitz in H. und Fi­lia­len im ge­sam­ten Bun­des­ge­biet.
Für die Fi­lia­le 3106 in S., die we­gen der räum­li­chen Ent­fer­nung vom Haupt­be­trieb nach § 4 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG als selbstständi­ger Be­trieb im Sin­ne des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes gilt und in der 65 Ar­beit­neh­mer tätig sind, ist der an­trag­stel­len­de Be­triebs­rat gewählt.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat auf Un­ter­neh­mens­ebe­ne un­ter Be­tei­li­gung des Ge­samt­be­triebs­rats ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss ein­ge­rich­tet.

Der Be­triebs­rat hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass er ver­lan­gen könne, die Ar­beit­ge­be­rin zu ver­pflich­ten, ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss auf Be­triebs­ebe­ne zu er­rich­ten. Nach dem Wort­laut des § 11 ASiG sei Be­zugs­punkt der Be­trieb und nicht das Un­ter­neh­men. Ein un­ter­neh­mens­wei­ter Ar­beits­schutz­aus­schuss rei­che nicht aus.

Der Be­triebs­rat hat erst­in­stanz­lich be­an­tragt:

Der An­trags­geg­ner wird ver­pflich­tet, für den Be­trieb K. 50 - 52, S. - Fi­lia­le 3106 - ei­nen Ar­beits­si­cher­heits­aus­schuss zu bil­den.

Die Ar­beit­ge­be­rin hat die Zurück­wei­sung des An­trags be­an­tragt und zur Be­gründung aus­geführt, dass der Be­triebs­rat nicht ak­tiv­le­gi­ti­miert sei. Ihm ste­he kein Mit­be­stim­mungs­recht im Hin­blick auf die Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses zu. Auch ma­te­ri­ell be­ste­he kei­ne Ver­pflich­tung zur Bil­dung ei­nes sol­chen in der Fi­lia­le 3106, da es sich bei die­ser nicht um ei­nen ei­genständi­gen Be­trieb, son­dern um ei­nen Be­triebs­teil han­de­le, der le­dig­lich nach § 4 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG als selbstständi­ger Be­trieb gel­te. Dem­gemäß sei die Er­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses auf Un­ter­neh­mens­ebe­ne fol­ge­rich­tig.

Das Ar­beits­ge­richt hat den An­trag des Be­triebs­rats mit Be­schluss vom 23.11.2011 zurück­ge­wie­sen. Es hat sich zur Be­gründung der im Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ham­burg vom 27. Sep­tem­ber 1995 (4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213) ver­tre­te­nen Auf­fas­sung an­ge­schlos­sen, wo­nach es an ei­nem Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats und da­mit ei­ner An­spruchs­grund­la­ge feh­le. Die ge­gen­tei­li­ge Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hes­sen (Be­schluss vom 1. Fe­bru­ar 1996 - 12 TaBV 32/95 - NZA 1997, 114) über­zeu­ge nicht, weil dort ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats zwar pos­tu­liert, aber nicht be­gründet wor­den sei.

- 2 -

Ge­gen die­sen dem Be­triebs­rat am 30.01.2012 zu­ge­stell­ten Be­schluss rich­tet sich die am 22.02.2012 per Te­le­ax und am 23.02.2012 im Ori­gi­nal ein­ge­gan­ge­ne und nach Verlänge­rung der Be­schwer­de­be­gründungs­frist bis 30.04.2012 am 30.04.2012 aus­geführ­te Be­schwer­de des Be­triebs­rats. Er ver­tritt die Auf­fas­sung, dass der gel­tend ge­mach­te An­spruch aus § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG iVm. § 11 ASiG fol­ge. Das Ar­beits­ge­richt ver­ken­ne, dass die Zahl und Aus­wahl der zu be­tei­li­gen­den Be­triebsärz­te, Fach­kräfte für Ar­beits­si­cher­heit und Si­cher­heits­be­auf­trag­ten der Mit­be­stim­mung un­ter­lie­ge und außer­dem ei­ne ge­setz­li­che Pflicht zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses be­ste­he, de­ren Be­fol­gung auch durch behörd­li­che An­ord­nung er­zwun­gen wer­den könne. Wer­de ein Ar­beits­schutz­aus­schuss nicht ge­bil­det, so blei­be dem Be­triebs­rat die Wahr­neh­mung sei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts aus § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG iVm. § 11 ASiG ver­sperrt. Da dies vom Ge­setz­ge­ber nicht ge­wollt sein könne, sei es zwin­gend ge­bo­ten, das Mit­be­stim­mungs­recht da­hin­ge­hend aus­zu­wei­ten, dass der Be­triebs­rat die Er­rich­tung des Aus­schus­ses er­zwin­gen könne.

Der Be­triebs­rat be­an­tragt,

den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 23.11.2011 - 14 BV 103/11 - ab­zuändern und der Ar­beit­ge­be­rin auf­zu­ge­ben, für die Fi­lia­le 3106 in S., K. 50 - 52 ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den.

Die Ar­beit­ge­be­rin be­an­tragt,

die Be­schwer­de zurück­zu­wei­sen.

Sie ver­tei­digt den an­ge­foch­te­nen Be­schluss und macht hier­zu ver­tie­fen­de Rechts­ausführun­gen.

Hin­sicht­lich des wei­te­ren Vor­brin­gens der Be­tei­lig­ten in der Be­schwer­de­instanz wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen und das Pro­to­koll der Anhörung vom 09.08.2012 Be­zug ge­nom­men.

II.

A.

Die statt­haf­te, form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te und aus­geführ­te Be­schwer­de des Be­triebs­rats ist auch im Übri­gen zulässig.

B.

In der Sa­che hat die Be­schwer­de des Be­triebs­rats kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat den An­trag zu Recht zurück­ge­wie­sen. Ei­ne An­spruchs­grund­la­ge für das ver­folg­te Be­geh­ren des Be­triebs­rats ist nicht ge­ge­ben.

1. Der An­trag des Be­triebs­rats ist zulässig, ins­be­son­de­re genügend be­stimmt (§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO ana­log).

a) Der Be­triebs­rat hat im Anhörungs­ter­min vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt klar­ge­stellt, dass er trotz der in der Wort­wahl ab­wei­chen­den An­trags­fas­sung in ers­ter In­stanz („Ar­beits­si­cher­heits­aus­schuss“) die Ver­pflich­tung der Ar­beit­ge­be­rin zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses nach § 11 ASiG er­strebt.

b) Würde der Ar­beit­ge­be­rin auf­ge­ge­ben, ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss für die Fi­lia­le 3106 zu bil­den, so wäre die Ver­pflich­tung der Ar­beit­ge­be­rin da­mit auch in­halt­lich aus­rei­chend deut­lich be­schrie­ben. Da­mit kann sie im Fal­le ei­ner dem An­trag statt­ge­ben­den Ent­schei­dung er­ken­nen, was von ihr ver­langt wird. Dass sie die­se Hand­lun­gen selbst noch näher kon­kre­ti­sie­ren muss, spricht nicht ge­gen die Be­stimmt­heit des An­trags. Die Wahl der ge­eig­ne­ten Maßnah­men ist grundsätz­lich ih­re Sa­che (vgl. BAG 29. April 2004 - 1 ABR 30/02 - BA­GE 110, 252).

2. Der An­trag des Be­triebs­rats hat aber man­gels An­spruchs­grund­la­ge in der Sa­che kei­nen Er­folg.

a) Ein An­spruch des Be­triebs­rats auf Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses er­gibt sich nicht aus § 11 ASiG. 2 von 5 20.09.2016 09:23

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aa) § 11 Satz 1 Halbs. 1 ASiG be­stimmt, dass der Ar­beit­ge­ber in Be­trie­ben mit mehr als 20 Beschäftig­ten ein Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den hat, so­weit nicht in ei­ner sons­ti­gen Rechts­vor­schrift et­was an­de­res be­stimmt ist.

Da kei­ne ent­ge­gen­ste­hen­de Rechts­vor­schrift exis­tiert (MüArbR/Ko­the 3. Aufl. § 290 Rn. 75) und die Ar­beit­ge­be­rin so­wohl un­ter­neh­mens­weit als auch in der Fi­lia­le 3106 mehr als 20 Ar­beit­neh­mer im Sin­ne des § 11 Satz 1 Halbs. 2 ASiG beschäftigt, ist sie zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses ver­pflich­tet. Ob sie die­ser Ver­pflich­tung durch die Ein­rich­tung ei­nes un­ter­neh­mens­wei­ten Ar­beits­schutz­aus­schus­ses nach­ge­kom­men ist, kann da­hin­ge­stellt blei­ben, da der Be­triebs­rat selbst dann, wenn die Fi­lia­le 3106 als Be­trieb im Sin­ne des § 11 Satz 1 Halbs. 1 ASiG an­zu­se­hen wäre, nicht die Er­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses für die Fi­lia­le 3106 im We­ge des ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens ver­lan­gen könn­te. Dies er­gibt die Aus­le­gung des § 11 ASiG.

bb) Bei der ein­fach-ge­setz­li­chen Aus­le­gung ist vom Wort­laut, dem sys­te­ma­ti­schen Ge­samt­zu­sam­men­hang, der Ent­ste­hungs­ge­schich­te und dem Zweck, so­weit er im Ge­setz er­kenn­bar Aus­druck ge­fun­den hat, aus­zu­ge­hen (BAG 20. Mai 2008 - 9 AZR 219/07 - NZA 2008, 1237).

aaa) Der Wort­laut des § 11 ASiG spricht ge­gen die vom Be­triebs­rat ver­tre­te­ne Mei­nung. Wenn die­ser un­ter Be­ru­fung auf den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hes­sen vom 1. Fe­bru­ar 1996 (12 TaBV 32/95, - NZA 1997, 114) meint, dass sich aus der vom Wort­laut her ein­deu­ti­gen Re­ge­lung in § 11 Satz 1 ASiG ein An­spruch des Be­triebs­rats auf Er­rich­tung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses er­ge­be, so folgt dem die Kam­mer nicht. § 11 Satz 1 ASiG sta­tu­iert un­zwei­fel­haft ei­ne Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, bei Vor­lie­gen der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den. Ei­ne da­von zu tren­nen­de Fra­ge ist, ob der Be­triebs­rat die­se ge­setz­li­che Ver­pflich­tung im We­ge ei­nes ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens durch­set­zen kann. Dafür gibt der Wort­laut des § 11 Satz 1 ASiG, in dem der Be­triebs­rat nicht erwähnt wird, nichts her. Auch Satz 2 des § 11 ASiG be­stimmt nur, dass im Ar­beits­schutz­aus­schuss zwei vom Be­triebs­rat be­stimm­te Be­triebs­rats­mit­glie­der ver­tre­ten sein müssen. Ein An­spruch des Be­triebs­rats, die Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses als sol­che ar­beits­ge­richt­lich durch­zu­set­zen, lässt sich auch die­ser Re­ge­lung nicht ent­neh­men (an­de­rer An­sicht Anz­in­ger/Bien­eck ASiG § 11 Rn. 46; Pie­per Ar­bSchR 5. Aufl. Stich­wort „Ar­beits­si­cher­heits­ge­setz“ Rn. 134: we­gen der Teil­nah­me von Be­triebs­rats­mit­glie­dern be­ste­he hier ei­ne ei­genständi­ge Rechts­po­si­ti­on des Be­triebs­ra­tes).

bbb) Auch die Sys­te­ma­tik des Ar­beits­si­cher­heits­ge­set­zes spricht ge­gen die vom Be­triebs­rat ver­tre­te­ne Rechts­auf­fas­sung. Nach der durch das ASiG fest­ge­leg­ten öffent­lich-recht­li­chen Ord­nung ist al­lein der Ar­beit­ge­ber für die Ein­hal­tung der Vor­schrif­ten ver­ant­wort­lich (H/S/W/G/N/R-Worz­al­la Be­trVG 8. Aufl. § 87 Rn. 450). Trotz Mit­wir­kung des Be­triebs­rats liegt die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für die Durchführung des Ar­beits­schut­zes beim Ar­beit­ge­ber (LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213). An wel­chen Maßnah­men der Be­triebs­rat in wel­chem Aus­maß zu be­tei­li­gen ist, ist ge­setz­lich v. a. in § 9 ASiG ge­re­gelt. Nach § 12 ASiG ist es Auf­ga­be der zuständi­gen Behörde, den Ar­beit­ge­ber ge­ge­be­nen­falls im Ein­zel­fall durch ent­spre­chen­de An­ord­nun­gen zur Erfüllung der sich aus dem ASiG er­ge­ben­den Pflich­ten an­zu­hal­ten. Dass da­ne­ben auch noch dem Be­triebs­rat das Recht ein­geräumt sein soll, die sich aus § 11 ASiG er­ge­ben­de Ver­pflich­tung zur Bil­dung ei­nes Ar­beits­schutz­aus­schus­ses aus ei­ge­nem Recht durch­zu­set­zen, ist nicht er­sicht­lich. Hierfür be­steht auch kei­ne Not­wen­dig­keit, da der Be­triebs­rat je­der­zeit gem. § 89 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG die Möglich­keit hat, bei der nach § 12 Abs. 1 ASiG zuständi­gen Behörde auf die ver­meint­li­che Nich­terfüllung der sich aus § 11 ASiG er­ge­ben­den ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Ver­pflich­tung hin­zu­wei­sen (BAG 3. Ju­ni 2003 - 1 ABR 19/02 - BA­GE 106, 188) und ein ent­spre­chen­des behörd­li­ches Tätig­wer­den an­zu­re­gen (vgl. Fit­ting Be­trVG 26. Aufl. § 87 Rn. 327). Auf ei­ne ent­spre­chen­de ge­richt­li­che Fra­ge im Anhörungs­ter­min im Be­schwer­de­ver­fah­ren hat der Be­triebs­rat mit­ge­teilt, dass er bis jetzt von der Möglich­keit, die zuständi­ge Behörde nach § 12 ASiG zum Tätig­wer­den auf­zu­for­dern, kei­nen Ge­brauch ge­macht ha­be (vgl. zum Er­lass ei­ner auf § 12 Abs. 1 ASiG gestütz­ten behörd­li­chen Verfügung VG Han­no­ver 6. Ok­to­ber 1995 - 7 A 4246/95 - Ge­wArch 1996, 28).

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cc) Sch­ließlich ent­spricht die hier ver­tre­te­ne Auf­fas­sung auch der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zu ei­ne ähn­lich ge­la­ger­ten Pro­ble­ma­tik im Rah­men des AGG.

Nach § 13 Abs. 1 AGG ha­ben Beschäftig­te im Sin­ne des § 6 Abs. 1 AGG das Recht, sich bei den zuständi­gen Stel­len des Be­triebs, des Un­ter­neh­mens oder der Dienst­stel­le zu be­schwe­ren. Nach § 13 Abs. 2 AGG blei­ben die Rech­te der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tun­gen un­berührt.

Zu die­ser Be­stim­mung wird all­ge­mein die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass hin­sicht­lich der Fra­ge, ob über­haupt ei­ne Be­schwer­de­stel­le ein­ge­rich­tet wer­den soll, kein Mit­be­stim­mungs­recht be­steht (BAG 21. Ju­li 2009 - 1 ABR 42/08 - BA­GE 131, 225; LAG Nürn­berg 19. Fe­bru­ar 2008 - 6 TaBV 80/07 - DB 2009, 71; LAG Ham­burg 17. April 2007 - 3 TaBV 6/07 - LA­GE § 13 AGG Nr. 1).

b) Der ver­folg­te An­spruch kann auch nicht auf § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG iVm. § 11 ASiG gestützt wer­den. Hier­nach hat der Be­triebs­rat Re­ge­lun­gen über die Verhütung von Ar­beits­unfällen und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie über den Ge­sund­heits­schutz im Rah­men der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten oder der Un­fall­verhütungs­vor­schrif­ten mit­zu­be­stim­men, so­weit ei­ne ge­setz­li­che oder ta­rif­li­che Re­ge­lung nicht be­steht.

Ei­ne sol­che ge­setz­li­che Re­ge­lung exis­tiert aber in Ge­stalt des § 11 ASiG. Ge­setz im Sin­ne des § 87 Abs. 1 Ein­lei­tungs­satz Be­trVG ist je­des for­mel­le oder ma­te­ri­el­le Ge­setz, so­weit es sich um ei­ne zwin­gen­de Re­ge­lung han­delt. Dies be­ruht auf der Erwägung, dass für ei­ne be­trieb­li­che Mit­be­stim­mung kein Bedürf­nis mehr be­steht, wenn ei­ne den Ar­beit­ge­ber bin­den­de Re­ge­lung durch Ge­setz oder Ta­rif­ver­trag vor­liegt (BAG 10. März 2009 - 1 ABR 87/07 - BA­GE 129, 364). Zweck des Mit­be­stim­mungs­rechts nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG ist die Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats an be­trieb­li­chen Re­ge­lun­gen, die der Ar­beit­ge­ber zwar auf Grund ei­ner öffent­lich-recht­li­chen Rah­men­vor­schrift zu tref­fen hat, bei de­ren Um­set­zung ihm aber Hand­lungs­spielräume ver­blei­ben. Mit­zu­be­stim­men hat der Be­triebs­rat bei der Ausfüllung die­ses Spiel­raums. Das Mit­be­stim­mungs­recht setzt da­nach ein, wenn ei­ne ge­setz­li­che Hand­lungs­pflicht ob­jek­tiv be­steht und we­gen Feh­lens ei­ner zwin­gen­den Vor­ga­be be­trieb­li­che Re­ge­lun­gen ver­langt, um das vom Ge­setz vor­ge­ge­be­ne Ziel des Ar­beits- und Ge­sund­heits­schut­zes zu er­rei­chen (BAG 15. Ja­nu­ar 2002 - 1 ABR 13/01 - BA­GE 100, 173). Im vor­lie­gen­den Fall geht es aber um die Rechts­fra­ge, ob die Ar­beit­ge­be­rin ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss für die Fi­lia­le 3106 er­rich­ten muss. Ein ausfüllungs­bedürf­ti­ger Hand­lungs­spiel­raum be­steht nicht, wes­halb ein Mit­be­stim­mungs- und da­mit auch ein ent­spre­chen­des Initia­tiv­recht nach § 87 Abs. 1 Nr. 7 Be­trVG aus­schei­det (LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213; Fit­ting Be­trVG 26. Aufl. § 87 Rn. 327; GK-Wie­se Be­trVG 9. Aufl. § 87 Rn. 668; Löwisch/Kai­ser Be­trVG 6. Aufl. § 87 Rn. 151; Stau­din­ger-Oet­ker BGB Neu­be­ar­bei­tung 2011 § 618 Rn. 226).

c) Auch auf § 89 Be­trVG kann der Be­triebs­rat sein Ver­lan­gen nicht stützen.

Aus § 89 Abs. 1 Be­trVG iVm. § 80 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG folgt ein grund­le­gen­des Über­wa­chungs­recht, § 89 Abs. 2 bis 5 Be­trVG räum­en dem Be­triebs­rat ein brei­tes In­for­ma­ti­ons­recht ein (LAG Ham­burg 27. Sep­tem­ber 1995 - 4 TaBV 2/95 - NZA-RR 1996, 213). Die Vor­schrift des § 89 Be­trVG be­schränkt die Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats je­doch auf des­sen Mit­wir­kung, oh­ne ihm ein Mit­be­stim­mungs­recht zu gewähren (GK-Wie­se Be­trVG 9. Aufl. § 89 Rn. 39; WP/Ben­der Be­trVG 3. Aufl. § 89 Rn. 5).

III.

A.

Die­se Ent­schei­dung er­geht gem. § 2 Abs. 2 GKG ge­richts­kos­ten- und -gebühren­frei.

B.

Die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de be­ruht auf § 92 Abs. 1 Satz 2 iVm. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.

- 5 -

Die Fra­ge, ob der im Be­trieb ge­bil­de­te Be­triebs­rat die sich aus § 11 Satz 1 ASiG er­ge­ben­de Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers, ei­nen Ar­beits­schutz­aus­schuss zu bil­den, im We­ge des ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­rens durch­set­zen kann, hat grundsätz­li­che Be­deu­tung und ist bis­her nicht durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt geklärt.

Es kann da­hin­ge­stellt blei­ben, ob außer­dem der Zu­las­sungs­grund des § 72 Abs. 2 Nr. 2 ArbGG im Hin­blick auf die di­ver­gie­ren­de Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hes­sen vom 1. Fe­bru­ar 1996, die zu der bis 20.08.1996 gülti­gen Fas­sung des § 11 ASiG er­ging, ge­ge­ben wäre.

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