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BAG, Ur­teil vom 13.07.1993, 1 AZR 676/92

   
Schlagworte: Streik, Gleichbehandlungsgrundsatz, Streikbruchprämie
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 1 AZR 676/92
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 13.07.1993
   
Leitsätze: Die Zahlung einer Prämie an diejenigen Arbeitnehmer, die sich nicht an einem Streik beteiligen, stellt eine unzulässige Maßregelung der streikenden Arbeitnehmer dar im Sinne des Maßregelungsverbots der Nr. 1 der Vereinbarung vom 27. Mai 1991 zwischen dem Hauptverband der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie e.V. und der IG Medien. Dies gilt auch dann, wenn die Prämie schon während des Arbeitskampfs zugesagt und gezahlt wurde.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Mainz, Urteil vom 18.03.1992, 2 Ca 480/92
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 21.10.1992, 3 Sa 473/92
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 AZR 676/92
3 Sa 473/92 Rhein­land-Pfalz

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
13. Ju­li 1993

Ur­teil

Clo­bes,
Amts­in­spek­tor
als Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

pp

 

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 13. Ju­li 1993 durch den Präsi­den­ten Pro­fes­sor Dr. Kis­sel, die Rich­ter Pro­fes­sor Dr. Wel­ler und Dr. Rost so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Bar­telt und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Lap­pe für Recht er­kannt:

 

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Auf die Re­vi­si­on des Klägers wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Rhein­land-Pfalz vom 21. Ok­to­ber 1992 - 3 Sa 473/92 - auf­ge­ho­ben.

Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Mainz vom 18. März 1992 - 2 Ca 480/92 - wird zurück­ge­wie­sen.

Die Kos­ten der Be­ru­fung und der Re­vi­si­on trägt die Be­klag­te.

Von Rechts we­gen

Tat­be­stand:

Die Par­tei­en strei­ten über die Zah­lung ei­ner Zu­la­ge, die die Be­klag­te während ei­nes Ar­beits­kampfs Ar­beit­neh­mern für die Nicht­be­tei­li­gung am Streik zu­ge­sagt und gewährt hat.

Bei der Be­klag­ten han­delt es sich um ei­ne Dru­cke­rei, in der Ver­pa­ckun­gen wie Falt­schach­teln oder ka­schier­te Well­pap­pe mit dem Auf­druck des je­wei­li­gen Ab­neh­mers her­ge­stellt wer­den. Die Be­klag­te beschäftigt ca. 130 ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer und ca. 70 An­ge­stell­te.

Der 1946 ge­bo­re­ne Kläger ist seit 1984 als Ma­schi­nenführer bei der Be­klag­ten beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fin­den kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­bin­dung die Ta­rif­verträge für die Pa­pier, Pap­pe und Kunst­stof­fe ver­ar­bei­ten­de In­dus­trie An­wen­dung.

Nach­dem Ver­hand­lun­gen über ei­nen Lohn- und Man­tel­ta­rif­ver­trag ge­schei­tert wa­ren, rief die IG Me­di­en im April und Mai 1991 zu Streik­maßnah­men auf. Im Zu­ge des Ar­beits­kampfs wur­de am 

 

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14./15. Mai 1991 auch der Be­trieb der Be­klag­ten be­streikt. An­ge­sichts der zu er­war­ten­den Verzöge­run­gen bei der Auf­trags­ab­wick­lung und der Ge­fahr von Auf­trags­stor­nie­run­gen ver­such­te der Be­triebs­lei­ter der Be­klag­ten an bei­den Ta­gen, die zu Schicht­be­ginn vor den To­ren des Be­triebs be­find­li­chen strei­ken­den Ar­beit­neh­mer zur Ar­beits­auf­nah­me zu be­we­gen, in­dem er ih­nen für je­den Tag der Ar­beits­leis­tung während des Streiks ei­ne Prämie in Höhe von 50,-- DM in Aus­sicht stell­te. Die­sem An­ge­bot folg­ten ca. 15 Ar­beit­neh­mer. Ins­ge­samt ar­bei­te­ten an den Streik­ta­gen we­ni­ger als die Hälf­te der ge­werb­li­chen Ar­bei­ter. Die er­schie­ne­nen Ar­beit­neh­mer mußten bis auf et­wa zehn Aus­nah­men bis zur ge­setz­li­chen Höchst­ar­beits­zeit­gren­ze von zehn St­un­den ar­bei­ten. Die Aus­zah­lung der Prämie er­folg­te je­weils in bar. Der Kläger nahm am Streik teil.

Un­ter dem 16. Mai 1991 rich­te­te die Be­klag­te fol­gen­des Schrei­ben an die nicht am Streik be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer:

"Lie­be Mit­ar­bei­te­rin­nen, lie­be Mit­ar­bei­ter,
wir möch­ten uns mit die­sem Be­trag noch­mals für Ih­re Mit­ar­beit an den ver­gan­ge­nen be­streik­ten Ar­beits­ta­gen be­dan­ken.
Ge­ra­de für ein Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ist es be­son­ders wich­tig, daß wir uns in sol­chen Si­tua­tio­nen auf die gu­te Zu­sam­men­ar­beit der Mit­ar­bei­ter ver­las­sen können.
Die IG Me­di­en ver­sucht durch die­se Streiks be­wußt den Mit­tel­stand zu schwächen, da hier die vor­han­de­ne Fi­nanz­de­cke ei­nen Streik nicht zuläßt. Wie an­ders kann erklärt wer­den, daß mit un­se­rem Un­ter­neh­men kon­kur­rie­ren­de Dis­play-Großun­ter­neh­men (teil­wei­se mit mehr als 400 Mit­ar­bei­tern) nicht be­streikt wer­den. Die­ser Streik trifft un­ser Un­ter­neh­men be­son­ders hart, da bis zum 15.05.91

 

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meh­re­re Kun­den­aufträge stor­niert und an eben die­se Kon­kur­renz­un­ter­neh­men ver­ge­ben wur­den.
Sie ha­ben durch Ih­re Mit­ar­beit die­sen Scha­den be­grenzt!
Noch­mals herz­li­chen Dank!
Un­ter­schrift
Geschäfts­lei­tung, J GmbH"

Anläßlich der Be­en­di­gung des Ar­beits­kampfs schlos­sen die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en am 27. Mai 1991 ei­ne Ver­ein­ba­rung zur Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­frie­dens, die wie folgt lau­tet:

"1. Je­de Maßre­ge­lung von Beschäftig­ten aus An­laß oder im Zu­sam­men­hang mit der Ta­rif­be­we­gung in der Pa­pier­ver­ar­bei­tung 1991 un­ter­bleibt oder wird rückgängig ge­macht, falls sie er­folgt ist.
Scha­den­er­satz­ansprüche aus An­laß oder im Zu­sam­men­hang mit der Ta­rif­be­we­gung ent­fal­len."

Mit sei­ner am 22. Ja­nu­ar 1992 er­ho­be­nen Kla­ge hat der Kläger die Zah­lung ei­ner Prämie von 100,-- DM net­to gel­tend ge­macht. Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Zah­lung der Prämie an die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer al­lein dafür, daß sie sich nicht am Streik be­tei­lig­ten, ver­s­toße ge­gen den bei frei­wil­li­gen Leis­tun­gen zu be­ach­ten­den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. Die Dif­fe­ren­zie­rung nach der Teil­nah­me am Streik ge­be kei­nen recht­fer­ti­gen­den Grund für ei­ne Un­gleich­be­hand­lung ab. Die Zah­lung sei auch nicht als Ar­beits­kampf­mit­tel zulässig. Die Zah­lung ei­ner Streik­bre­cher­prämie die­ne nicht der Ar­beits­kampf­pa­rität; die­se wer­de erst durch die Zah­lung von Streik­geld als Leis­tung der Ge­werk­schaft zur mi­ni­ma­len Exis­tenz­si­che­rung ermöglicht. Die Zah­lung ver­s­toße auch ge­gen

 

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das ta­rif­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot. Die Rückgängig­ma­chung der Maßre­ge­lung sei nur in der Wei­se möglich, daß auch die am Streik be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer ei­nen ent­spre­chen­den Be­trag er­hiel­ten.

Der Kläger hat be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger 100,-- DM net­to nebst 4 % Zin­sen seit dem 25. Ja­nu­ar 1992 zu zah­len.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die als Ar­beits­be­reit-schafts­prämie auf­zu­fas­sen­de Zah­lung stel­le ein zulässi­ges Ar­beits­kampf­mit­tel dar. Der Ar­beit­ge­ber müsse die Möglich­keit ha­ben, die Streik­fol­gen ab­zu­mil­dern. Dies könne durch Gewährung ei­nes fi­nan­zi­el­len An­rei­zes in glei­cher Wei­se ge­sche­hen wie durch die all­ge­mein als zulässig an­er­kann­te vorüber­ge­hen­de Ein­stel­lung an­de­rer Ar­beit­neh­mer. Da die Zah­lun­gen hier nicht nach Ab­schluß des Ar­beits­kampfs, son­dern während sei­nes Ver­laufs er­folgt sei­en, bestünden auch un­ter zeit­li­chen Ge­sichts­punk­ten kei­ne Be­den­ken ge­gen ih­re An­er­ken­nung als Ar­beits­kampf­maßnah­me.

Wenn sie mit der Zah­lung der Prämie in zulässi­ger Wei­se von ih­ren aus Art. 9 Abs. 3 GG fol­gen­den Rech­ten Ge­brauch ge­macht ha­be, so lie­ge in der Nicht­zah­lung der Prämie an die strei­ken­den Ar­beit­neh­mer we­der ein Ver­s­toß ge­gen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz noch ge­gen das ge­setz­li­che oder das ta­rif­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot, zu­mal nach des­sen Sinn und Zweck nur Sach­ver­hal­te er­faßt sei­en, die über die Be­en­di­gung des Streiks hin­aus Wir­kun­gen äu-

 

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ßer­ten. Hier sei je­doch ein ab­ge­schlos­se­ner und un­mit­tel­bar mit dem Ar­beits­kampf zu­sam­menhängen­der Vor­gang zu be­ur­tei­len, der kei­ne Aus­wir­kun­gen für die Zu­kunft zei­ti­ge.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben, das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sie auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten ab­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on des Klägers ist be­gründet.

Der Kläger hat nach dem ta­rif­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bot An­spruch auf Zah­lung ei­nes der an die nicht­strei­ken­den Ar­beit­neh­mer ge­zahl­ten Prämie ent­spre­chen­den Be­tra­ges.

I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, die Be­klag­te sei zur Zah­lung der an den bei­den Streik­ta­gen an die zur Ar­beit er­schie­ne­nen Ar­beit­neh­mer ge­zahl­ten Prämie auch an den sich am Streik be­tei­li­gen­den Kläger nicht ver­pflich­tet. Ein sol­cher An­spruch er­ge­be sich nicht aus ei­ner Ver­let­zung des ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in Ver­bin­dung mit dem ge­setz­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bot des § 612 a BGB bzw. dem in­halt­lich ent­spre­chen­den ta­rif­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bot in der Fas­sung der Ver­ein­ba­rung über die Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­frie­dens vom 27. Mai 1991 bzw. Art. 9 Abs. 3 Satz 1 und 2 GG. Die Zah­lung der Prämie sei als zulässi­ges Ar­beits­kampf­mit­tel an­zu­se­hen, da sie während des Ar­beits­kampfs er­folgt sei.

 

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Dem ist je­den­falls hin­sicht­lich der Be­ur­tei­lung des ta­rif­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bots nicht bei­zu­pflich­ten.

Der Se­nat hat sich in der Ver­gan­gen­heit be­reits mehr­fach mit der Zah­lung sog. Streik­bruch­prämi­en be­fas­sen müssen. Der Ent­schei­dung vom 4. Au­gust 1987 (BA­DE 56, 6 = AP Nr. 88 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf = EzA Art. 9 GG Ar­beits­kampf Nr. 70 m. Anm. von Bel­ling = SAE 1989, 20 m. Anm. von Kon­zen = AR-Blat­tei Ar­beits­kampf II Streik Entsch. Nr. 29 m. Anm. von Löwisch/Rum­ler) lag ein Sach­ver­halt zu­grun­de, in dem der Ar­beit­ge­ber bei ver­gleich­ba­rem ta­rif­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bot ei­ne Prämie von 100,-- DM je Streik­tag teils während, teils nach Be­en­di­gung des Ar­beits­kampfs an die nicht­strei­ken­den Ar­beit­neh­mer ge­zahlt hat­te. Der Se­nat hat an­ge­nom­men, die­se Leis­tung ver­s­toße ge­gen das ta­rif­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot. Er hat den strei­ken­den Ar­beit­neh­mern aus dem ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz i. Verb. mit dem Maßre­ge­lungs­ver­bot ei­nen An­spruch in glei­cher Höhe zu­er­kannt.

Ge­gen die­se Ent­schei­dung ist kri­tisch u.a. ein­ge­wandt wor­den, in der Zah­lung ei­ner Prämie während des Ar­beits­kampfs sei ein zulässi­ges Ar­beits­kampf­mit­tel zu se­hen, so daß in­so­weit kei­ne Maßre­ge­lung an­ge­nom­men wer­den könne (vgl. ins­bes. Bel­ling, aaO; Kon­zen, aaO; Löwisch/Rum­ler, aaO; s. wei­ter vor al­lem auch von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1466; Bel­ling, NZA 1990, 214 ff.; Bel­ling/von St­ein­au-St­einrück, DB 1993, 534 ff.).

Der Se­nat hat in sei­nen nach­fol­gen­den Ent­schei­dun­gen kei­nen

 

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An­laß ge­habt, über die Fra­ge der ar­beits­kampf­recht­li­chen Zulässig­keit von während des Ar­beits­kampfs ge­zahl­ten Streik­bruch­prämi­en zu ent­schei­den (Ur­teil vom 17. Sep­tem­ber 1991 - 1 AZR 26/91 - AP Nr. 120 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf; Ur­teil vom 28. Ju­li 1992 1 AZR 87/92 - AP Nr. 123 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf = SAE 1993, 48 m. Anm von Bel­ling/von St­ein­au-St­einrück; Ur­teil vom 11. Au­gust 1992 - 1 AZR 103/92 - AP Nr. 124 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf = SAE 1993, 57 m. Anm. von Her­genröder). In den die­sen Ent­schei­dun­gen zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­hal­ten wa­ren die Prämi­en je­weils erst nach Be­en­di­gung des Ar­beits­kampfs oh­ne vor­he­ri­ge Zu­sa­ge ge­zahlt wor­den (für die­sen Fall ver­nei­nen die ar­beits­kampf­recht­li­che Recht­fer­ti­gung et­wa auch von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1470; Kon­zen, SAE 1989, 22, 23). Für nachträglich ge­zahl­te Prämi­en hat der Se­nat dar­an fest­ge­hal­ten, daß hier­in ei­ne un­zulässi­ge Maßre­ge­lung im Sin­ne ent­spre­chen­der ta­rif­li­cher Maßre­ge­lungs­ver­bo­te (Ur­teil vom 28. Ju­li 1992, aaO) bzw. des § 612 a BGB liegt (Ur­teil vom 11. Au­gust 1992, aaO). Ei­nen sach­li­chen Grund für die Zah­lung ei­ner Prämie auch nach Ab­schluß des Ar­beits­kampfs an die sich nicht am Streik be­tei­li­gen­den Ar­beit­neh­mer hat der Se­nat al­lein dar­in ge­se­hen, daß die Begüns­tig­ten während der Streikar­beit Be­las­tun­gen aus­ge­setzt wa­ren, die er­heb­lich über das nor­ma­le Maß der mit je­der Streikar­beit ver­bun­de­nen Er­schwe­rung hin­aus­ge­hen (Ur­teil vom 28. Ju­li 1992, aaO).

2. Die im vor­lie­gen­den Fall zu be­ur­tei­len­den Prämi­en sind während des Ar­beits­kampfs und nicht erst nach des­sen Be­en­di­gung ge­zahlt wor­den. Nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts hat der Be­triebs­lei­ter der Be­klag­ten an den bei­den Streik­ta­gen je­weils vor Schicht­be­ginn ver­sucht, die vor den To­ren des Be-

 

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triebs­geländes be­find­li­chen Ar­beit­neh­mer durch In­aus­sicht­stel­len ei­ner Prämie von 50,-- DM für je­den Tag der Ar­beits­leis­tung zur Ar­beits­auf­nah­me zu be­we­gen. Die Prämie ist dann noch während des Ar­beits­ta­ges im Be­trieb aus­ge­zahlt wor­den.

Die­se Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts sind von der Re­vi­si­on mit Ver­fah­rensrügen nicht an­ge­grif­fen wor­den. So­weit die Re­vi­si­on auf das Schrei­ben der Be­klag­ten aus der Zeit nach dem Streik, nämlich vom 16. Mai 1991, ver­weist, er­gibt sich hier­aus nichts Ge­gen­tei­li­ges. Die Be­klag­te be­dankt sich in die­sem Schrei­ben "noch­mals" für die Mit­ar­beit. Die­ser nachträgli­che Dank ändert aber nichts dar­an, daß die Zah­lung der Prämie be­reits vor Ar­beits­be­ginn des je­wei­li­gen Streik­ta­ges an­gekündigt war. Da­mit war je­dem Ar­beit­neh­mer bei der Ent­schei­dung, ob er sich an die­sem Ta­ge am Streik be­tei­li­gen woll­te oder nicht, das An­ge­bot der Be­klag­ten be­kannt. Die Zu­sa­ge der Prämie er­folg­te al­so noch während des Ar­beits­kampfs; dies gilt im übri­gen auch für die Zah­lung selbst.

3. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat wei­ter fest­ge­stellt, Zweck der Zu­la­gen­zah­lung sei nicht die Ab­gel­tung be­son­de­rer Be­las­tun­gen ge­we­sen, die er­heb­lich über das nor­ma­le Maß der mit je­der Streikar­beit ver­bun­de­nen Er­schwer­nis­se hin­aus­ge­hen und die des­halb ei­ne Son­der­zah­lung - selbst nach Ab­schluß des Ar­beits­kampfs - sach­lich recht­fer­ti­gen können (Se­nats­ur­teil vom 28. Ju­li 1992, aaO, zu II 4 b bb der Gründe). Die Be­klag­te ha­be die Zu­la­ge un­ter­schieds­los in glei­cher Höhe an al­le Be­tei­lig­ten ge­zahlt und auch nicht da­nach dif­fe­ren­ziert, ob der Ein­satz un­ter be­son­de­ren Er­schwer­nis­sen oder kon­kre­ten Be­las­tun­gen er­folgt sei; es sei auch nicht

 

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un­ter­schie­den wor­den zwi­schen den­je­ni­gen, die zehn St­un­den und den­je­ni­gen, die nur in der be­triebsübli­chen Ar­beits­zeit ge­ar­bei­tet hätten. Zweck der Zah­lung sei es ge­we­sen, den nicht­strei­ken­den Ar­beit­neh­mern ei­ne zusätz­li­che Vergütung für die Nicht­teil­nah­me am Streik zu gewähren. Die­ser Zweck ha­be auch und rich­ti­ger­wei­se primär als Mit­tel des Ar­beit­ge­bers ge­dient, die Ar­beit­neh­mer zum Streik­bruch zu be­we­gen und die Fol­gen des Ar­beits­kampfs zu mi­ni­mie­ren.

An die­se Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts ist der Se­nat gleich­falls ge­bun­den. Auch die Be­klag­te hat in­so­weit kei­ne kon­kre­ten Ge­genrügen er­ho­ben. Da­mit ist aus­zu­ge­hen von ei­ner während des Ar­beits­kampfs er­folg­ten Prämi­en­zah­lung, die nicht der Ab­gel­tung be­son­de­rer Be­las­tun­gen im Sin­ne der Se­nats­recht­spre­chung dien­te.

III. Der Se­nat neigt da­zu, die Gewährung ei­ner sog. ech­ten "Streik­bruch­prämie" während des Ar­beits­kampfs in Übe­rein­stim­mung mit dem an­ge­foch­te­nen Ur­teil als grundsätz­lich zulässi­ges Ar­beits­kampf­mit­tel an­zu­se­hen.

1. a) Die in Art. 9 Abs. 3 GG ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit überläßt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts den Ko­ali­tio­nen die freie Wahl der Mit­tel, die sie zur Her­beiführung des Ta­rif­ab­schlus­ses für ge­eig­net hal­ten (BVerfG Be­schluß vom 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 - AP Nr. 117 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf, zu C I 1 a der Gründe; BVerfGE 18, 18, 29 ff.). Maßnah­men, die auf den Ab­schluß von Ta­rif­verträgen

 

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ge­rich­tet sind, wer­den je­den­falls in­so­weit von der Ko­ali­ti­ons­frei­heit er­faßt, als sie all­ge­mein er­for­der­lich sind, um ei­ne funk­tio­nie­ren­de Ta­rif­au­to­no­mie si­cher­zu­stel­len.

Die Rechts­ord­nung kennt dem­ent­spre­chend kein ge­schlos­se­nes Sys­tem zulässi­ger Ar­beits­kampf­mit­tel (BA­GE 28, 295 = AP Nr. 51 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf m. Anm. von Rüthers; BA­GE 28, 225 = AP Nr, 6 zu § 1 TVG Form m. Anm. von Wie­de­mann; Sei­ter, Streik­recht und Aus­sper­rungs­recht, S. 140 ff.; Löwisch/Rieb­le, Sch­lich­tungs-und Ar­beits­kampf­recht, Rz 46 ff.).

b) Die Ankündi­gung ei­ner Zu­la­ge mit dem Ziel, Ar­beit­neh­mer zur Nicht­be­tei­li­gung am Streik zu be­we­gen, hat ei­ne ko­ali­ti­ons­gemäße Zweck­set­zung. Er­kenn­ba­re Ab­sicht des Ar­beit­ge­bers ist es, auf die­se Wei­se die Streik­fol­gen für sei­nen Be­trieb zu min­dern. Er nimmt Ein­fluß auf das Ar­beits­kampf­ge­sche­hen, in­dem er die Wirk­sam­keit des Ar­beits­kampf­mit­tels der Ge­gen­sei­te zu schwächen ver­sucht. Dies ist ei­ne ty­pi­sche Ziel­set­zung des Ar­beits­kampfs, in dem durch Druck und Ge­gen­druck ver­sucht wird, den je­wei­li­gen Geg­ner zur Über­nah­me der selbst für rich­tig be­fun­de­nen Po­si­ti­on zu be­we­gen. Aus der Sicht des Ar­beit­ge­bers geht es um die Ab­wehr ei­ner ge­gen ihn ge­rich­te­ten Kampf­maßnah­me, Zu Recht stellt dem­nach et­wa Kon­zen fest (SAE 1989, 23), die Zah­lung ei­ner Streik­bruch­prämie während des Ar­beits­kampfs ent­spre­che al­len Be­griffs­merk­ma­len ei­nes Ar­beits­kampf­mit­tels (zust. auch Bel­ling, NZA 1990, 219; von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1466; Löwisch/Rieb­le, TVG, § 1 Rz 609, Löwisch, RdA 1987, 223; als - al­ler­dings un-

 

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zulässi­ge - ar­beits­kampf­recht­li­che Maßnah­me be­trach­tet die Zah­lung et­wa auch Wol­ter in Däubler, Ar­beits­kampf­recht, 2. Aufl., Rz 280 )

c) Art. 9 Abs. 3 Satz 2 GG schließt ein Ar­beits­kampf­mit­tel Streik­bruch­prämie nicht von vorn­her­ein aus. Die Zah­lung ei­ner Streik­bruch­prämie ist kei­ne ge­gen die po­si­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit ge­rich­te­te Maßnah­me. Ob ei­ne sol­che an­zu­neh­men wäre, wenn der Ar­beit­ge­ber die Prämie ge­zielt nur Ge­werk­schafts­mit­glie­dern an­bie­ten würde, um sie auf die­se Wei­se zum Streik­bruch zu be­we­gen, be­darf hier kei­ner Ent­schei­dung (be­ja­hend Wol­ter, aaO, Rz 280 wy; of­fen­ge­las­sen von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1467; vgl. zur Un­zulässig­keit ei­ner nur ge­gen Ge­werk­schafts­mit­glie­der ge­rich­te­ten Aus­sper­rung BA­GE 33, 195 = AP Nr. 66 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf). Die Be­klag­te hat ei­ne sol­che Tren­nung nicht vor­ge­nom­men. Sie hat die Zah­lung un­ter­schieds­los al­len Ar­beit­neh­mern an­ge­bo­ten, die zur Ar­beits­auf­nah­me be­reit wa­ren. Es ist auch nicht fest­ge­stellt, ob sich un­ter den tatsächlich ar­bei­ten­den Ar­beit­neh­mern über­haupt Ge­werk­schafts­mit­glie­der be­fan­den.

So­lan­ge je­den­falls die Zah­lung un­ter­schieds­los al­len Ar­beit­neh­mern an­ge­bo­ten wird, liegt ein Ver­s­toß ge­gen Art. 9 Abs. 3 Satz 2 GG nicht vor. Die Be­ein­träch­ti­gung der ge­werk­schaft­li­chen Kampfführung al­lein stellt noch kei­ne un­zulässi­ge Störung der ko­ali­ti­onsmäßigen Betäti­gung dar. Sie ist We­sens­merk­mal ei­nes durch Art. 9 Abs. 3 GG im Grund­satz ga­ran­tier­ten Ar­beits­kampfs. In­so­weit un­ter­schei­det sich die Streik­bruch­prämie nicht von an­de­ren Ar­beits­kampf­mit­teln des Ar­beit­ge­bers wie et­wa der Aus­sper-

 

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rung. Hier­in al­lein liegt kei­ne un­zulässi­ge Be­ein­träch­ti­gung der grund­ge­setz­lich geschütz­ten ko­ali­ti­onsmäßigen Betäti­gung (als ge­gen Art. 9 Abs. 3 Satz 2 GG ver­s­toßend sieht die Zu­la­ge al­ler­dings et­wa auch an Stau­din­ger/Ri­char­di, BGB, 12. Aufl., Vor­bem. zu §§ 611 ff. Rz 1279).

d) Vie­les spricht nach Auf­fas­sung des Se­nats auch für die An­nah­me, daß der An­er­ken­nung ei­nes Ar­beits­kampf­mit­tels Streik­bruch­prämie nicht der Grund­satz der Ver­hand­lungs­pa­rität ent­ge­gen­steht. Da­nach ist je­den­falls im Prin­zip si­cher­zu­stel­len, daß nicht ei­ne Ta­rif­ver­trags­par­tei der an­de­ren von vorn­her­ein ih­ren Wil­len auf­zwin­gen kann, son­dern daß möglichst glei­che Ver­hand­lungs­chan­cen be­ste­hen. Die Ta­rif­au­to­no­mie kann sonst un­ter Aus­schluß der staat­li­chen Zwangs­sch­lich­tung nicht funk­tio­nie­ren (BA­GE 23, 292 = AP Nr. 43 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf; bestätigt durch BVerfG Be­schluß vom 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 - AP Nr. 117 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf).

Die­ser Grund­satz wird durch die Zah­lung ei­ner Streik­bruch­prämie nicht ge­ne­rell in Fra­ge ge­stellt. Es ist nicht er­kenn­bar, daß auf die­se Wei­se das Streik­recht als zen­tra­les Ar­beits­kampf­mit­tel der Ge­werk­schaft der­art ent­wer­tet wird, daß von ei­nem struk­tu­rel­len Un­gleich­ge­wicht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aus­zu­ge­hen wäre.

Dem be­streik­ten Ar­beit­ge­ber ist es grundsätz­lich er­laubt, ei­nem Streik da­durch zu be­geg­nen, daß er durch or­ga­ni­sa­to­ri­sche oder sons­ti­ge Maßnah­men die Aus­wir­kun­gen auf sei­nen Be­trieb zu min­dern ver­sucht So ist er be­rech­tigt, durch Streik aus­ge­fal­le­ne

 

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Ar­beit durch ar­beits­wil­li­ge Ar­beit­neh­mer ver­rich­ten zu las­sen, er darf neue Ar­beit­neh­mer ein­stel­len, durch den Streik aus­ge­fal­le­ne Ar­bei­ten an Drit­te ver­ge­ben und ähn­li­ches. Auch die Ein­stel­lung der Lohn­zah­lung an Ar­beit­neh­mer, die in­fol­ge ei­nes Streiks nicht beschäftigt wer­den können, ist nur ei­ne zulässi­ge Re­ak­ti­on auf streik­be­ding­te Störun­gen des Be­triebs (BA­GE 34, 331, 343 = AP Nr. 70 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf, zu C I 2 b (1) der Gründe; HA­GE 49, 303, 311 = AP Nr. 86 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf, zu B II 1 der Gründe).

Sol­che Maßnah­men wer­den nicht des­halb zu ei­nem Ein­griff in das Streik­recht der Ge­werk­schaft, weil sich die­se auf­grund sol­cher Re­ak­tio­nen des Ar­beit­ge­bers genötigt sieht, den mit ih­rem Ar­beits­kampf be­zweck­ten Druck durch Aus­wei­tung des Ar­beits­kampfs zu verstärken. Das gilt selbst dann, wenn da­durch der Er­folg des Ar­beits­kampfs in Fra­ge ge­stellt wird, eben­so wie in dem bloßen Durch­ste­hen ei­nes Streiks bis zur Erschöpfung der Streikfähig­keit der Ge­werk­schaft kein Ein­griff in das Streik­recht liegt. Mit der Ga­ran­tie des Streiks ist kei­ne Er­folgs­ga­ran­tie ver­bun­den. Die Ta­rif­au­to­no­mie überläßt es dem frei­en Spiel der Kräfte, zu wel­chem Er­geb­nis Ta­rif­ver­hand­lun­gen und letzt­lich auch Ar­beitskämp­fe führen (BVerfGE 18, 18 = AP Nr. 15 zu § 2 TVG; BA­GE 49, 303, 311 f. = AP Nr. 86 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf, zu B II 1 der Gründe).

Die Gewährung ei­nes fi­nan­zi­el­len An­rei­zes an die ei­ge­nen Ar­beit­neh­mer, um sie auf die­se Wei­se zur Ar­beits­auf­nah­me zu be­we­gen und die Aus­wir­kun­gen des Streiks auf den Be­trieb da­mit zu min­dern, ist als ei­ne im An­satz ver­gleich­ba­re Maßnah­me an­zu­se­hen. Es liegt letzt­lich in der ei­ge­nen Ent­schei­dung der Ar­beit­neh­mer, ob

 

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sie die­ses An­ge­bot an­neh­men. Die Ge­werk­schaft hat die Möglich­keit und das Recht, mit fried­li­chen, aber durch­aus in­ten­si­ven Mit­teln - et­wa durch Streik­pos­ten - ih­rer­seits die Ar­beit­neh­mer zum Streik an­zu­hal­ten, sie zu in­for­mie­ren über die Zie­le des Ar­beits­kampfs und über die Fol­gen ei­nes Bruchs der So­li­da­rität durch Auf­nah­me der Ar­beit.

Es kann al­so nicht ge­sagt wer­den, daß ein Ar­beits­kampf­mit­tel Streik­bruch­prämie zwin­gend ei­ne struk­tu­rel­le Ent­wer­tung ge­werk­schaft­li­cher Ar­beits­kampfführung im Ge­fol­ge hat, so daß von ei­ner Störung der Ver­hand­lungs­pa­rität ge­spro­chen wer­den müßte (so auch Bel­ling, NZA 1990, 217 ff.; von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1466, 1467; Kon­zen, SAE 1989, 23). Die in­so­weit si­cher not­wen­di­ge Be­gren­zung die­ses Kampf­mit­tels - et­wa im Hin­blick auf un­an­ge­mes­sen ho­he Prämi­en - ist über den Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit zu gewähr­leis­ten.

e) Es spricht da­her vie­les dafür, die Gewährung ei­ner Streik­bruch­prämie im Sin­ne ei­ner während des Ar­beits­kampfs zu­ge­sag­ten Son­der­zu­wen­dung mit der Ab­sicht, streik­be­rei­te Ar­beit­neh­mer zur Ar­beits­auf­nah­me zu ver­an­las­sen, als zulässi­ges Kampf­mit­tel des Ar­beit­ge­bers an­zu­se­hen (so auch Bel­ling, NZA 1990, 214 ff.; von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1467 f.; Kon­zen, SAE 1989, 22 ff.; Löwisch, RdA 1987, 223; Löwisch/Rieb­le, TVG, § 1 Rz 609; Zöll­ner/ Lo­ritz, Ar­beits­recht, 4. Aufl., § 39 IV 5; a.A. Däubler, Ta­rif­ver­trags­recht, 3. Aufl., Rz 1236; Wol­ter, aaO, Rz 280 x ff.; Stau­din­ger/Ri­char­di, aaO, Vor­bem zu §S 611 ff. Rz 1279).

 

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Geht man ein­mal hier­von aus, verstößt die vor­lie­gend zu be­ur­tei­len­de Ar­beits­kampf­maßnah­me auch nicht er­kenn­bar ge­gen das Ge­bot der Verhält­nismäßig­keit, an dem Ar­beits­kampf­maßnah­men nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts seit dem Be­schluß des Großen Se­nats vom 21. April 1971 (BA­GE 23, 292 =•AP Nr. 43 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf) zu mes­sen sind. Da­nach sind nur Ar­beits­kampf­maßnah­men zulässig, die zur Er­rei­chung ei­nes rechtmäßigen Kampf­zie­les ge­eig­net und er­for­der­lich sind so­wie nicht außer Verhält­nis zu dem an­ge­streb­ten Ziel ste­hen.

Ein der­ar­ti­ger Ver­s­toß ist hier nicht fest­zu­stel­len. Der Be­trieb der Be­klag­ten soll­te be­streikt wer­den. Die Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers war als Ab­wehr­re­ak­ti­on ge­eig­net, die Streik­fol­gen und da­mit das Ar­beits­kamp­f­ri­si­ko zu min­dern. Die Aus­lo­bung ei­ner Prämie von 50,-- DM pro Ar­beits­tag ist auch von der Höhe her nicht als un­verhält­nismäßig an­zu­se­hen, zu­mal es ins­ge­samt nur um zwei Streik­ta­ge ging.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat fest­ge­stellt, daß die Aus­lo­bung er­folg­te an­ge­sichts der zu er­war­ten­den Verzöge­run­gen bei der Auf­trags­ab­wick­lung und der Ge­fahr der Stor­nie­rung von Auf­trägen. Da­mit lag aber ei­ne ein­deu­ti­ge Be­trof­fen­heit der Be­klag­ten durch die Streik­maßnah­men vor, so daß auch von hier ein grundsätz­lich an­er­ken­nens­wer­tes In­ter­es­se an der Mi­ni­mie­rung der Streik­fol­gen ge­ge­ben war.

IV. 1. Geht man aus von der Zulässig­keit der Prämi­en­zah­lung als Mit­tel des Ar­beits­kampfs auf sei­ten der Be­klag­ten, hat dies zur

 

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Fol­ge, daß die vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen nicht­strei­ken­den und strei­ken­den Ar­beit­neh­mern bei der Prämi­en­zah­lung an sich recht­lich zulässig ist. Der Kläger kann da­her ei­nen An­spruch auf die aus­be­zahl­te Prämie nicht al­lein auf den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz stützen.

Die während des Ar­beits­kampfs in ar­beits­kampf­recht­lich zulässi­ger Wei­se aus­ge­lob­te Prämie für die Nicht­teil­nah­me am Streik stellt - eben­so­we­nig wie die Aus­sper­rung - rich­ti­ger Auf­fas­sung nach dann auch kei­ne Maßre­ge­lung im Sin­ne des § 612 a BGB dar (von Ho­y­nin­gen-Hue­ne, DB 1989, 1469; Kon­zen, SAE 1989, 22; Löwisch, RdA 1987, 223; Löwisch/Rieb­le, TVG, § 1 Rz 609; Zöll­ner/ Lo­ritz, aaO, § 39 IV 5; so im Grund­satz auch Bel­ling/von St­ein­au-St­einrück, SAE 1993, 51, 54 f.; a.A. Stau­din­ger/Ri­char­di, aaO, Vor­bem zu SS 611 ff. Rz 1279 und § 612 a Rz 8 und Rz 14; im Er­geb­nis auch Wol­ter, aaO, Rz 280 ww, der die Maßnah­me ins­ge­samt als un­zulässig und da­mit rechts­wid­rig an­sieht; Münch­Komm-Schaub, BGB, 2. Aufl., § 612 a Rz 9, al­ler­dings nur un­ter Ver­weis auf das Se­nats­ur­teil vom 4. Au­gust 1987 - 1 AZR 486/85 - oh­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach dem Zeit­punkt der Prämi­en­zah­lung; in die­sem Sin­ne auch RGRK-Mi­chels-Holl, BGB, 12. Aufl., § 612 a Rz 8). Für die An­nah­me, daß mit § 612 a BGB auch ei­ne die Ar­beits­kampf­ord­nung ein­schränken­de Re­ge­lung ge­trof­fen wer­den soll­te, be­steht kein An­halts­punkt.

Es bleibt al­ler­dings den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­be­nom­men, die durch die Zah­lung von Streik­bruch­prämi­en vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen nicht­strei­ken­den und strei­ken­den Ar­beit­neh-

 

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mern in ei­nem Maßre­ge­lungs­ver­bot nach Be­en­di­gung des Ar­beits­kampfs wie­der auf­zu­he­ben. Von die­ser Möglich­keit ha­ben die be­tei­lig­ten Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts mit dem Maßre­ge­lungs­ver­bot vom 27. Mai 1991 Ge­brauch ge­macht.

2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat an­ge­nom­men, der Kläger könne sei­nen An­spruch auf Zah­lung der Prämie nicht auf das ta­rif­ver­trag­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot stützen. Die­ses Maßre­ge­lungs­ver­bot ha­be ge­genüber § 612 a BGB kei­nen wei­ter­ge­hen­den In­halt. Es gewähre dem Ar­beit­neh­mer le­dig­lich zusätz­lich den Schutz des § 4 Abs. 4 TVG und ver­pflich­te den ta­rif­sch­ließen­den Ar­beit­ge­ber­ver­band, bei sei­nen Mit­glie­dern auf die Ein­hal­tung des Ta­rif­ver­tra­ges hin­zu­wir­ken. Das Maßre­ge­lungs­ver­bot sei ein­schränkend aus­zu­le­gen und er­fas­se nicht die Zah­lung von Streik­bruch­prämi­en, wenn der Ar­beit­ge­ber die­se als recht­lich zulässi­ges Ar­beits­kampf­mit­tel ein­ge­setzt ha­be. An­de­ren­falls würde das nach Art. 9 Abs. 3 GG zulässi­ge Ar­beits­kampf­mit­tel völlig ent­wer­tet. Die­ser Auf­fas­sung kann der Se­nat nicht bei­pflich­ten.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­deu­tung des ta­rif­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bots ver­kannt. Das Maßre­ge­lungs­ver­bot vom 27. Mai 1991 hat ei­nen wei­ter­ge­hen­den In­halt als § 612 a BGB (eben­so be­reits zu ei­nem na­he­zu gleich­lau­ten­den Maßre­ge­lungs­ver­bot Se­nats­ur­teil vom 4. Au­gust 1987, aa0, zu 3 der Gründe).

Das ta­rif­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot vom 27. Mai 1991 dient der Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­frie­dens nach Be­en­di­gung des Ar­beits­kampfs. An die­sem Ar­beits­kampf ha­ben sich nicht al­le Ar­beit-

 

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neh­mer be­tei­ligt, son­dern nur et­was mehr als die Hälf­te der ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer. Die Be­klag­te hat bei der Zah­lung der Zu­la­ge al­lein an die un­ter­schied­li­che Streik­be­tei­li­gung an­ge­knüpft. Die­se un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der strei­ken­den und nicht­strei­ken­den Ar­beit­neh­mer, die den nicht­strei­ken­den Ar­beit­neh­mern ei­ne Zu­la­ge zu­kom­men läßt, ist für die strei­ken­den Ar­beit­neh­mer ei­ne Be­nach­tei­li­gung, die al­lein des­we­gen er­folgt, weil sie sich am Ar­beits­kampf be­tei­ligt ha­ben. Die im Ar­beits­kampf ge­ge­be­ne Schei­dung der Be­leg­schaft in strei­ken­de und nicht­strei­ken­de Ar­beit­neh­mer wird da­mit über das En­de des Ar­beits­kampfs hin­aus auf­recht er­hal­ten. Das steht aber der Wie­der­her­stel­lung des Ar­beits­frie­dens im Be­trieb, die mit dem Maßre­ge­lungs­ver­bot be­wirkt wer­den soll, ent­ge­gen (eben­so be­reits Se­nats­ur­teil vom 4. Au­gust 1987, aaO, zu 3 b der Gründe).

Aus die­sem Grun­de ist un­ter Maßre­ge­lung i.S. der Ver­ein­ba­rung vom 27. Mai 1991 schon je­de un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Ar­beit­neh­mer zu ver­ste­hen, die nach der Teil­nah­me am Ar­beits­kampf un­ter­schei­det, so­weit die­se Un­ter­schei­dung nicht schon durch die Rechts­ord­nung selbst vor­ge­ge­ben ist. Ein Maßre­ge­lungs­ver­bot, das le­dig­lich die Vor­ent­hal­tung oder Be­schnei­dung von Rech­ten we­gen der Teil­nah­me am Ar­beits­kampf oder die tatsächli­che Be­nach­tei­li­gung als Sank­tio­nie­rung für die Ausübung des Streik­rechts ver­bie­ten würde, wäre weit­ge­hend oh­ne Be­deu­tung, weil sich die da­mit an­ge­ord­ne­ten Rechts­fol­gen oh­ne­hin aus der Rechts­ord­nung, wie et­wa aus § 612 a BGB er­ge­ben. Sinn des ta­rif­ver­trag­li­chen Maßre­ge-lungs­ver­bots ist es viel­mehr, auch darüber hin­aus zu ver­hin­dern, daß der Ar­beits­kampf und sei­ne Be­tei­li­gung an die­sem zum An­laß

 

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ge­nom­men wird, bei der Aus­ge­stal­tung und Ab­wick­lung der Ar­beits­verhält­nis­se da­nach zu dif­fe­ren­zie­ren, wer über­haupt und in wel­cher Wei­se sich am Ar­beits­kampf be­tei­ligt hat oder nicht. Das ta­rif­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot vom 27. Mai 1991 ver­bie­tet da­her, bei der Gewährung frei­wil­li­ger Leis­tun­gen al­lein da­nach zu dif­fe­ren­zie­ren, ob der Ar­beit­neh­mer sich am Ar­beits­kampf be­tei­ligt hat oder nicht.

Für die­se Aus­le­gung des ta­rif­li­chen Maßre­ge­lungs­ver­bots spricht maßgeb­lich, daß die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die Ver­ein­ba­rung in Kennt­nis des Se­nats­ur­teils vom 4. Au­gust 1987 (aaO) ge­schlos­sen ha­ben. Ih­nen war da­mit be­kannt, daß das Bun­des­ar­beits­ge­richt auch Streik­bruch­prämi­en, und zwar auch sol­che, die während des Ar­beits­kampfs ge­zahlt wer­den, als von dem Maßre­ge­lungs­ver­bot er­faßt an­sieht. Wenn die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in Kennt­nis des Se­nats­ur­teils vom 4. Au­gust 1987 (aaO) im vor­lie­gen­den Fall ein na­he­zu gleich­lau­ten­des Maßre­ge­lungs­ver­bot ver­ein­bart ha­ben, ist dies ein ge­wich­ti­ges In­diz dafür, daß sie ihm den In­halt bei­ge­mes­sen ha­ben, den der Se­nat im Ur­teil vom 4. Au­gust 1987 durch Aus­le­gung für das dort streit­ge­genständ­li­che Maßre­ge­lungs­ver­bot er­mit­telt hat.

Durch die­se Aus­le­gung wird das Ar­beits­kampf­mit­tel der Streik­bruch­prämi­en auch kei­nes­wegs ent­wer­tet, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt meint. Es steht den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en frei, ein Maßre­ge­lungs­ver­bot an­de­ren In­halts zu ver­ein­ba­ren. Von der ta­rif­ver­trag­lich nicht ab­ding­ba­ren Rechts­ord­nung ist ein so weit­ge­hen­des Maßre­ge­lungs­ver­bot, wie es die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en am 27. Mai 1991 ver­ein­bart ha­ben, kei­nes­wegs zwin­gend vor­ge­ge­ben.

 

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V. Die von der Be­klag­ten dem­nach mit der Zah­lung der Prämie an die nicht­strei­ken­den Ar­beit­neh­mer her­bei­geführ­te Maßre­ge­lung der strei­ken­den Ar­beit­neh­mer ist nach Nr. 1 der Maßre­ge­lungs­ver­ein­ba­rung vom 27. Mai 1991 rückgängig zu ma­chen. Das kann nur in der Wei­se ge­sche­hen, daß auch die strei­ken­den Ar­beit­neh­mer ei­ne ent­spre­chen­de Zu­la­ge er­hal­ten (Se­nats­ur­teil vom 4. Au­gust 1987 - BA­GE 56, 6, 13 f. = AP Nr. 88 zu Art. 9 GG Ar­beits­kampf, zu 5 der Gründe). Der Kläger, der an bei­den Ta­gen am Streik teil­ge­nom­men hat, hat da­her An­spruch auf Zah­lung von 100,-- DM. Der Zins­an­spruch recht­fer­tigt sich aus §§ 291, 288 Abs. 1 BGB.

Auf die Re­vi­si­on des Klägers ist da­her das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf­zu­he­ben und die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts zurück­zu­wei­sen.

Die Be­klag­te hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen, da sie un­ter­le­gen ist, § 91 ZPO.

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Lap­pe 

 

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