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LAG Hamm, Ur­teil vom 24.07.2019, 5 Sa 676/19

   
Schlagworte: Urlaub: Hinweispflicht, Urlaub: Übertragung, Urlaub: Verfall, Urlaubsgewährung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Aktenzeichen: 5 Sa 676/19
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 24.07.2019
   
Leitsätze: Eine Belehrungspflicht des Arbeitgebers dahingehend, dass Urlaubsansprüche bei Nichtinanspruchnahme bis zum 31.12. des Kalenderjahres oder bis zum 31.03. des Folgejahres im Fall der Übertragung erlöschen, besteht bei einer langfristig erkrankten Arbeitnehmerin nicht; diese Pflicht besteht erst wieder nach Wiedergenesung bezogen auf die konkreten Ansprüche der Arbeitnehmerin.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Paderborn, 04.04.2019, 2 Ca 1602/18,
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, 07.07.2020, 9 AZR 401/19
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, 5 Sa 676/19


Te­nor:

Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Pa­der­born vom 04.04.2019 – 2 Ca 1602/18 – wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird für die Kläge­rin zu­ge­las­sen.


Tat­be­stand

1

Die Par­tei­en strei­ten über das Be­ste­hen ei­nes Ur­laubs­an­spruchs der Kläge­rin aus dem Jahr 2017.

2

Die Kläge­rin ist gemäß den Re­ge­lun­gen des Dienst­ver­trags vom 09.07.2010 bei der Be­klag­ten im K Hos­pi­tal in T beschäftigt. Ihr Brut­to­mo­nats­ge­halt beträgt ak­tu­ell 1.647,00 €. Im Jahr 2017 er­krank­te die Kläge­rin und konn­te von dem ihr zu­ste­hen­den Ur­laubs­an­spruch im Jahr 2017 14 Ta­ge nicht neh­men. Die Kläge­rin ist seit dem Jahr 2017 durch­ge­hend er­krankt.

3

Mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 06.11.2018 for­der­te die Kläge­rin die Be­klag­te zur Ab­gel­tung des Ur­laubs für das Jahr 2017 auf (Bl. 3 d. A.). Mit Schrei­ben vom 12.11.2018 (Bl. 4 d. A.) wies die Be­klag­te den An­spruch zurück.

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4

it ei­ner am 19.12.2018 bei dem Ar­beits­ge­richt Pa­der­born ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge­schrift hat die Kläge­rin zunächst die Ab­gel­tung von 14 Ur­laubs­ta­gen aus dem Jahr 2017 be­an­sprucht. Mit Schrift­satz vom 07.03.2019 hat die Kläge­rin hilfs­wei­se zum Zah­lungs­an­trag ei­nen Fest­stel­lungs­an­trag gel­tend ge­macht. Im Kam­mer­ter­min vom 04.04.2019 hat die Kläge­rin nur noch den Fest­stel­lungs­an­trag ge­stellt.

5

Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der rest­li­che Ur­laubs­an­spruch aus dem Jahr 2017 sei nicht ver­fal­len. Sie ver­weist auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 19.02.2019 (Az: 9 AZR 541/15). Ihr rest­li­cher Ur­laubs­an­spruch aus dem Jahr 2017 sei schon des­halb nicht ver­fal­len, da die Be­klag­te es un­ter­las­sen ha­be, die Kläge­rin recht­zei­tig auf den dro­hen­den Ver­fall hin­zu­wei­sen.

6
Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt, 7

fest­zu­stel­len, dass der Kläge­rin aus dem Ka­len­der­jahr 2017 noch ein Ur­laubs­an­spruch in Höhe von 14 Ur­laubs­ta­gen zu­steht.

8
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 9
die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 10

Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der streit­ge­genständ­li­che An­spruch be­ste­he nicht. Sie weist dar­auf hin, dass die Be­stim­mun­gen der Richt­li­ni­en für Ar­beits­verträge in den Ein­rich­tun­gen des Deut­schen Ca­ri­tas­ver­ban­des (AVR Ca­ri­tas) auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den.

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Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen und hier­zu aus­geführt, der Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin sei auf­grund der wei­ter­hin fort­be­ste­hen­den Ar­beits­unfähig­keit auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des EuGH am 31.03.2019 er­lo­schen.

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Et­was an­de­res er­ge­be sich auch nicht aus der Ent­schei­dung des EuGH in dem Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren vom 06.11.2018 (Az: C-684/16) wo­nach der Ar­beit­ge­ber ge­hal­ten ist, kon­kret und in völli­ger Trans­pa­renz dafür zu sor­gen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in der La­ge ist, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, in­dem er ihn – er­for­der­li­chen­falls förm­lich – auf­for­dert, dies zu tun. Der Ar­beit­ge­ber ha­be hier­zu klar und recht­zei­tig mit­zu­tei­len, dass der Ur­laub am En­de des Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums ver­fal­len wird, wenn der Ar­beit­neh­mer ihn nicht nimmt. Nach der Ent­schei­dung des BAG könne der Ver­fall von Ur­laub da­her in der Re­gel nur ein­tre­ten, wenn der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer zu­vor kon­kret auf­ge­for­dert ha­be, den Ur­laub zu neh­men und ihn klar und recht­zei­tig dar­auf hin­ge­wie­sen ha­be, dass der Ur­laub an­de­ren­falls mit Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res oder Über­tra­gungs­zeit­rau­mes er­lischt.

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Die­se Grundsätze gölten je­doch nicht im Fal­le ei­ner lang­zeit­er­krank­ten Ar­beit­neh­me­rin wie der Kläge­rin, da es dem Ar­beit­ge­ber we­gen der Ar­beits­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers nicht möglich sei, dafür zu sor­gen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in der La­ge ist, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men. Der ar­beits­unfähi­ge Ar­beit­neh­mer könne auch bei ei­ner förm­li­chen Auf­for­de­rung, den Jah­res­ur­laub zu neh­men, die­sen we­gen sei­ner Ar­beits­unfähig­keit nicht an­tre­ten. Ei­ne Be­leh­rung als Ob­lie­gen­heit des Ar­beit­ge­bers er­ge­be so­mit nur dann Sinn, wenn der Ar­beit­neh­mer in der La­ge sei, auf die­se zu re­agie­ren und den Ur­laub tatsächlich zu neh­men. Dies sei im Fal­le ei­ner durch­ge­hen­den Ar­beits­unfähig­keit nicht der Fall.

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Sei die Ar­beit­neh­me­rin lang­an­hal­tend er­krankt, be­ste­he ei­ne Ob­lie­gen­heit des Ar­beit­ge­bers zur Be­leh­rung der Ar­beit­neh­me­rin über den kon­kre­ten Ur­laubs­an­spruch und die Ver­fall­fris­ten erst dann, wenn die­se die Ar­beitsfähig­keit wie­der­er­langt ha­be und in der La­ge sei, den Ur­laub an­zu­tre­ten. Blei­be die­se durch­ge­hend ar­beits­unfähig er­krankt,

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ver­blei­be es bei dem Ver­fall der ge­setz­li­chen Ur­laubs­ansprüche 15 Mo­na­te nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res, oh­ne dass ei­ne vor­he­ri­ge Be­leh­rung des Ar­beit­ge­bers er­fol­gen müsse.

15

Et­was an­de­res er­ge­be sich auch nicht bei An­wend­bar­keit der AVR-Ca­ri­tas, da gemäß § 1 Abs. 5 Satz 5 AVR Ca­ri­tas der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laubs­an­spruch 15 Mo­na­te nach Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res erlösche, wenn er in­fol­ge Ar­beits­unfähig­keit nicht an­ge­tre­ten wer­den könne und der über den ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruch hin­aus­ge­hen­de Ur­laub ab­wei­chend hier­von be­reits zum 30. April des Fol­ge­jah­res erlösche (§ 1 Abs. 5 Satz 2 AVR). Auch un­ter Zu­grun­de­le­gung der AVR-Ca­ri­tas wäre der Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin aus dem Jahr 2017 da­her be­reits ver­fal­len. Ei­ne Hin­weis- und Be­leh­rungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers be­ste­he auf­grund der in­fol­ge der Ar­beits­unfähig­keit nicht be­ste­hen­den Möglich­keit des Ar­beit­neh­mers, den Ur­laub zu neh­men, nicht.

16

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Ent­schei­dung wird auf die Ur­teils­gründe (Bl. 17 - 23 d.A.) Be­zug ge­nom­men.

17

Ge­gen das ihr am 10.04.2019 zu­ge­stell­te Ur­teil wen­det sich die Kläge­rin mit der am 09.05.2019 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Be­ru­fung, die sie mit am 06.06.2019 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz be­gründet hat.

18

Sie ist der Auf­fas­sung, die Hin­weis­pflicht der Be­klag­ten sei nicht auf­grund der Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin ent­fal­len, da zum En­de des Jah­res 2017 die Art und Dau­er der wei­te­ren Ar­beits­unfähig­keit noch nicht fest­ge­stan­den ha­be, wes­halb auf den Ver­fall der Ur­laubs­ansprüche aus dem Jahr 2017 hin­zu­wei­sen ge­we­sen sei. An­sons­ten be­ste­he ei­ne Un­gleich­be­hand­lung der er­krank­ten mit der nicht er­krank­ten Ar­beit­neh­me­rin.

19
Die Kläge­rin be­an­tragt, 20
das Ur­teil des Ar­beits­ge­rich­tes Pa­der­born vom 04.04.2019 auf­zu­he­ben 21
und 22

fest­zu­stel­len, dass der Kläge­rin aus dem Jahr 2017 noch ein Ur­laubs­an­spruch von 14 Ta­gen zu­steht

23
Die Be­klag­te be­an­tragt, 24
die Be­ru­fung zurück­zu­wei­sen. 25

Sie ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens.

26

We­gen des wei­te­ren zweit­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf die in zwei­ter In­stanz ge­wech­sel­ten Schriftsätze Be­zug ge­nom­men.

27

Auf übe­rein­stim­men­den An­trag der Par­tei­en, von der Kläge­rin erklärt mit Schrift­satz vom 14.06.2019 und von der Be­klag­ten mit Schrift­satz vom 17.05.2019, er­ging die Ent­schei­dung oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung.

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Ent­schei­dungs­gründe

 

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I. Die Be­ru­fung ist an sich statt­haft (§ 64 Abs. 1 ArbGG), nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des zulässig (§ 64 Abs. 2 Buchst. b ArbGG) so­wie in ge­setz­li­cher Form und Frist ein­ge­legt (§ 519 ZPO i.V.m. § 64 Abs. 6 S. 1 ArbGG, § 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG) und in­ner­halb der Frist (§ 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG) und auch ord­nungs­gemäß (§ 520 Abs. 3 ZPO iVm. § 64 Abs. 6 S. 1 ArbGG) be­gründet wor­den.

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II. Die Be­ru­fung ist un­be­gründet. Zu Recht und mit zu­tref­fen­der Be­gründung hat das 31 Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Die Kam­mer folgt den sorgfälti­gen, ausführ­li­chen und recht­lich zu­tref­fen­den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts zum Erlöschen der Ur­laubs­ansprüche aus dem Ka­len­der­jahr 2017 so­wie der feh­len­den Ver­pflich­tung der Be­klag­ten, die Kläge­rin auf ei­nen mögli­chen Ver­fall hin­zu­wei­sen, vollständig und sieht in­so­weit von der Dar­stel­lung der Ent­schei­dungs­gründe ab (§ 69 Abs. 2 ArbGG).

31
Die Be­ru­fungs­be­gründung gibt zu fol­gen­den Ergänzun­gen An­lass: 32

a) So­weit sich die Kläge­rin dar­auf be­ruft, durch ei­ne Recht­spre­chung wie der des Ar­beits­ge­rich­tes würden ar­beits­unfähi­ge Ar­beit­neh­mer schlech­ter ge­stellt als ar­beitsfähi­ge, kann die­ser Auf­fas­sung nicht ge­folgt wer­den.

33

Die Kläge­rin ver­kennt in­so­weit, dass es sich bei ei­ner Ar­beit­neh­me­rin, die länger­fris­tig ar­beits­unfähig er­krankt ist und ei­ner sol­chen, die ar­beitsfähig ist, um zwei in Be­zug auf die Ur­laubser­tei­lung nicht ver­gleich­ba­re Per­so­nen han­delt, so dass ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung noch kei­ne Un­gleich­be­hand­lung oder Schlech­ter­stel­lung dar­stellt, son­dern viel­mehr ei­ne an den un­ter­schied­li­chen Le­bens­sach­ver­hal­ten aus­ge­rich­te­te Be­hand­lung.

34

Die Kläge­rin setzt sich an die­ser Stel­le mit der Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­rich­tes, wel­ches hier­zu aus­geführt hat, dass es dem Ar­beit­ge­ber we­gen der Ar­beits­unfähig­keit der Ar­beit­neh­me­rin nicht möglich sei, dafür zu sor­gen, dass sie tatsächlich in der La­ge ist, den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, da die ar­beits­unfähi­ge Ar­beit­neh­me­rin die­sen auch bei ei­ner förm­li­chen Auf­for­de­rung, den Jah­res­ur­laub zu neh­men, we­gen der Ar­beits­unfähig­keit nicht an­tre­ten könne, nicht aus­ein­an­der. Ei­ne Be­leh­rung als Ob­lie­gen­heit des Ar­beit­ge­bers er­gibt, wie das Ar­beits­ge­richt zu Recht aus­geführt hat, nur dann Sinn, wenn die Ar­beit­neh­me­rin in der La­ge ist, auf die­se zu re­agie­ren und den Ur­laub tatsächlich zu neh­men. Dies ist im Fal­le ei­ner durch­ge­hen­den Ar­beits­unfähig­keit nicht der Fall.

35

Die­sen Ausführun­gen ist nichts hin­zu­zufügen. Selbst wenn der Ar­beit­ge­ber ge­gen En­de des Jah­res 2017 noch nicht wuss­te, wie lan­ge die Ar­beits­unfähig­keit an­dau­ern würde, be­stand so­lan­ge kei­ne Be­leh­rungs­pflicht, so­lan­ge die Ar­beits­unfähig­keit an­hielt, da un­abhängig von ei­ner Be­leh­rung durch die Ar­beit­ge­be­rin ein Ver­fall von Ur­laubs­ansprüchen zum 31.12. des Ka­len­der­jah­res je­den­falls nicht durch Un­kennt­nis der Ar­beit­neh­me­rin von ei­nem dro­hen­den Ver­fall und ei­ner not­wen­di­gen Be­an­tra­gung erlöschen konn­te. Ei­ne sol­che Be­an­tra­gung oder Er­tei­lung des Ur­lau­bes war viel­mehr ob­jek­tiv nicht möglich.

 

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b) Ganz im Ge­gen­teil zur Auf­fas­sung der Kläge­rin konn­te die Be­klag­te die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG, Ur­teil vom 19.02.2019, 9 AZR 541/15, bis­her nur PM; BAG, Ur­teil vom 19.02.2019, 9 AZR 423/16, ju­ris) im Fall des Be­ste­hens von Ur­laubs­ansprüchen bei ei­ner ar­beitsfähi­gen Ar­beit­neh­me­rin ver­lang­te Be­leh­rung auch nicht er­tei­len, da die­se dann un­zu­tref­fend ge­we­sen wäre. Die Be­leh­rung da­hin­ge­hend, dass be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche erlöschen, wenn die­se nicht bis zum 31.12. des Ka­len­der­jah­res be­an­sprucht wer­den, wäre im Fall ei­ner lang­zeit­er­krank­ten Ar­beit­neh­me­rin schlicht falsch, da die­se im Fall der Ar­beits­unfähig­keit erst nach Ab­lauf von 15 Mo­na­ten nach dem Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res erlöschen, aus dem sie re­sul­tie­ren. Die Fra­ge ei­nes frühe­ren Erlöschens hätte sich erst wie­der nach Ge­ne­sung der Kläge­rin ge­stellt und so­dann ei­ne Be­leh­rung der Be­klag­ten er­for­dert. Hier­zu ist es aber bis­her nicht ge­kom­men.

37

Das BAG hat hier­zu aus­geführt, der Ar­beit­ge­ber müsse sich bei Erfüllung sei­ner Mit­wir­kungs­ob­lie­gen­hei­ten auf ei­nen „kon­kret“ be­zeich­ne­ten Ur­laubs­an­spruch ei­nes be­stimm­ten Jah­res be­zie­hen und den An­for­de­run­gen an ei­ne „völli­ge Trans­pa­renz“ genügen. Er könne sei­ne Mit­wir­kungs­ob­lie­gen­hei­ten re­gelmäßig zum Bei­spiel da­durch erfüllen, dass er dem Ar­beit­neh­mer zu Be­ginn des Ka­len­der­jah­res in Text­form mit­tei­le, wie vie­le Ar­beits­ta­ge Ur­laub ihm im Ka­len­der­jahr zu­ste­hen, ihn auf­for­de­re, sei­nen Jah­res­ur­laub so recht­zei­tig zu be­an­tra­gen, dass er in­ner­halb des lau­fen­den Ur­laubs­jah­res ge­nom­men wer­den könne und ihn über die Kon­se­quen­zen be­leh­re, die ein­träten, wenn die­ser den Ur­laub nicht ent­spre­chend der Auf­for­de­rung be­an­tragt würde. Die An­for­de­run­gen an ei­ne „kla­re“ Un­ter­rich­tung sei­en re­gelmäßig durch den Hin­weis erfüllt, dass der Ur­laub grundsätz­lich am En­de des Ka­len­der­jah­res ver­fal­le, wenn der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ge­we­sen sei, sei­nen Ur­laub im Ka­len­der­jahr zu neh­men, er ihn aber nicht be­an­tragt. Abs­trak­te An­ga­ben et­wa im Ar­beits­ver­trag, in ei­nem Merk­blatt oder in ei­ner Kol­lek­tiv­ver­ein­ba­rung würden den An­for­de­run­gen ei­ner kon­kre­ten und trans­pa­ren­ten Un­ter­rich­tung hin­ge­gen in der Re­gel nicht genügen (BAG, Ur­teil vom 19.02.2019, 9 AZR 423/16, Rz. 41, 42).

38

Da­mit soll sich die Be­leh­rung durch den Ar­beit­ge­ber auf den kon­kre­ten Fall be­zie­hen. Im Fall der Kläge­rin lag aber im Jahr 2017 kein Sach­ver­halt vor, auf­grund des­sen ihr Ur­laubs­an­spruch zum 31.12.2017 erlöschen würde,

39

c) Un­abhängig da­von ver­kennt die Kläge­rin, dass die von ihr gel­tend ge­mach­ten Ansprüche auch bei ei­ner Be­leh­rung durch die Be­klag­te er­lo­schen wären. Die feh­len­de Be­leh­rung des Ar­beit­ge­bers zei­tigt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes (BAG, Ur­teil vom 19.02.2019, 9 AZR 423/16, ju­ris, Rz. 43, 44) le­dig­lich die Fol­ge, dass be­ste­hen­de An­spru­che auf das Fol­ge­jahr bis zum 31.03. über­tra­gen wer­den und im Fall, dass ei­ne wei­te­re Be­leh­rung des Ver­falls bis 31.03. bei Nicht­i­n­an­spruch­nah­me un­ter­bleibt, auf das ge­sam­te Fol­ge­jahr.

 

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Nicht an­ders sind die Fol­gen des we­gen Ar­beits­unfähig­keit nicht an­ge­tre­te­nen Ur­lau­bes. Die­ser wird auf das Fol­ge­jahr über­tra­gen. Gleich­wohl er­lischt die­ser, wenn er we­gen an­hal­ten­der Ar­beits­unfähig­keit nicht an­ge­tre­ten wer­den kann. Der EuGH hat hier­zu aus­geführt, mit dem Ur­laubs­an­spruch wer­de ein dop­pel­ter Zweck ver­folgt, der dar­in be­steht, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Ausübung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum für Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen. Die­sen Zweck­be­stim­mun­gen könne ei­ne Ur­laubsüber­tra­gung nur in­so­weit ent­spre­chen, als der Über­trag ei­ne ge­wis­se zeit­li­che Gren­ze nicht über­schrei­te. Über ei­ne sol­che Gren­ze hin­aus feh­le dem Jah­res­ur­laub nämlich sei­ne po­si­ti­ve Wir­kung für den Ar­beit­neh­mer als Er­ho­lungs­zeit; er­hal­ten blie­be ihm le­dig­lich sei­ne Ei­gen­schaft als Zeit­raum für Ent­span­nung und Frei­zeit. Aus die­sem Grun­de sei ein Ar­beit­neh­mer nicht be­rech­tigt, un­be­grenzt Ur­laubs­ansprüche an­zu­sam­meln, viel­mehr sei ei­ne Be­gren­zung des Über­tra­gungs­zeit­rau­mes zulässig (EuGH, Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10, ju­ris).

41

Da­mit hat der EuGH selbst her­aus­ge­stellt, dass der Zeit­punkt der Ur­lau­bin­an­spruch­nah­me noch in ei­nem Zeit­raum ge­sche­hen soll, der ei­nen zeit­li­chen Be­zug zum Ka­len­der­jahr des Ent­ste­hens auf­weist. Nach Ab­lauf die­ses Zeit­rau­mes, der mit 15 Mo­na­ten nach En­de des Ka­len­der­jah­res des Ent­ste­hens fest­ge­legt ist (sie­he nur BAG, Ur­teil vom 11.6.2013, 9 AZR 855/11, ju­ris), er­lischt der Ur­laubs­an­spruch in je­dem Fall.

42
Die Be­ru­fung der Kläge­rin war da­her zurück­zu­wei­sen. 43

III. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 ZPO. Die Kläge­rin hat die Kos­ten des er­folg­los ge­blie­be­nen Rechts­mit­tels zu tra­gen.

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IV. Gründe, die Re­vi­si­on nach § 72 Abs. 2 ArbGG zu­zu­las­sen, sind nicht er­sicht­lich. Das Be­ru­fungs­ge­richt ist der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ge­folgt. Ei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge mit grundsätz­li­cher Be­deu­tung liegt nicht vor.

 

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