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LAG Hamm, Ur­teil vom 30.10.2012, 9 Sa 158/12

   
Schlagworte: Videoüberwachung, Persönlichkeitsrecht, Schmerzensgeld, Geldentschädigung
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Aktenzeichen: 9 Sa 158/12
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 30.10.2012
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bocholt, 23.12.2011 - 1 Ca 1646/11
   

Te­nor:

Die Be­ru­fun­gen der Be­klag­ten und des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bo­cholt vom 23.12.2011, Az. 1 Ca 1646/11, wer­den zurück­ge­wie­sen.

Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens wer­den dem Kläger zu 73 Pro­zent, der Be­klag­ten zu 27 Pro­zent auf­er­legt.

Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.


Tat­be­stand

1

Der Kläger be­gehrt von der Be­klag­ten ei­ne Gel­dentschädi­gung we­gen ei­ner Vi­deoüber­wa­chung am Ar­beits­platz noch für den Zeit­raum vom 10.03.2012 bis zum Ab­lauf des 08.11.2011.

2

Der Kläger war bei Kla­ge­er­he­bung Mit­glied des bei der Be­klag­ten gewähl­ten, aus sie­ben Mit­glie­dern be­ste­hen­den Be­triebs­ra­tes und bei der Be­klag­ten seit Ju­li 1998 als La­ger­ar­bei­ter mit den Schwer­punk­ten Kom­mis­sio­nier- und Pa­ck­ar­bei­ten beschäftigt. Sei­ne Brut­to­mo­nats­vergütung beträgt 2.153,73 €.

3
Die Be­klag­te ist ein Han­dels­un­ter­neh­men für Ge­schenk­ar­ti­kel. 4

Auf dem Be­triebs­gelände der Be­klag­ten sind 22 Vi­deo­ka­me­ras in­stal­liert. Zwei der Ka­me­ras wur­den am 18.08.2006 in ei­ner Höhe von et­wa vier Me­tern im Be­reich des Ein­gangs­to­res der La­ger- und Kom­mis­sio­nier­hal­le in­stal­liert.

5

Die Be­klag­te schloss mit dem Be­triebs­rat am 09.03.2010 und noch ein­mal am 23.10.2010 ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung fol­gen­den In­halts über die Vi­deoüber­wa­chungs­an­la­ge:

6
"[…] 7

1. Die Ar­beit­ge­be­rin ist be­rech­tigt, die Vi­deo-Über­wa­chungs­an­la­ge zum Zwe­cke der Ver­mei­dung und Aufklärung von Diebstählen und Un­ter­schla­gun­gen zu be­trei­ben.

8

Die Be­schrei­bung der Vi­deo-Über­wa­chungs­an­la­ge er­gibt sich aus der An­la­ge zu die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung. Die­se An­la­ge ist Be­stand­teil die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung.

9
2. Der Be­trieb der Über­wa­chungs­an­la­ge dient nicht dem Zwe­cke der Leis­tungs- und Ver­hal­tens­kon­trol­le der Ar­beit­neh­mer. Die Ver­wer­tung der Er­kennt­nis­se zu die­sem Zwe­cke ist un­zulässig, mit Aus­nah­me bei Diebstählen oder Un­ter­schla­gun­gen durch Ar­beit­neh­mer. 10
3. Ei­ne lau­fen­de Kon­trol­le am Bild­schirm der Über­wa­chungs­an­la­ge ist un­zulässig. 11

Die Vi­deo­auf­zeich­nun­gen wer­den au­to­ma­tisch über­spielt. Ei­ne wei­te­re Spei­che­rung der Da­ten ist außer zur Be­weis­si­che­rung von Straf­tat­beständen all­ge­mein nicht zulässig.

12

Ein­sicht­nah­me in die Vi­deo­da­ten wird nur bei kon­kret fest­ge­stell­tem Wa­ren­schwund oder außer­gewöhn­li­chen Ver­dachts­mo­men­ten durch­geführt.

13
[…]" 14

Mit Schrei­ben vom 10.03.2010 for­der­te der Kläger die Be­klag­te auf, die Vi­deo­ka­me­ras ab­zu­bau­en. Dem kam die Be­klag­te nicht nach.

15

Im Rechts­streit ArbG Bo­cholt Ak­ten­zei­chen 1 Ca 957/10 hat das ArbG die Be­klag­te mit Ur­teil vom 10.12.2010 ver­ur­teilt, die bei­den am 18.08.2006 in­stal­lier­ten Vi­deo­ka­me­ras, im La­ge­plan mit Nr. 13 und 14 be­zeich­net, ab­zu­bau­en. Die hier­ge­gen ge­rich­te­te Be­ru­fung hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm mit Ur­teil vom 14.04.2011, Az. 15 Sa 125/11, wel­ches bei­den Par­tei­en am 07.07.2011 zu­ge­stellt wur­de, rechts­kräftig zurück­ge­wie­sen.

16

Die Be­klag­te kam der Ver­pflich­tung zum Ab­bau der bei­den Vi­deo­ka­me­ras zunächst nicht nach.

17

Mit Be­schluss des ArbG Bo­cholt vom 08.09.2011 im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren, Az. 1 Ca 957/10 wur­de der Kläger ermäch­tigt, auf Kos­ten der Be­klag­ten die bei­den Vi­deo­ka­me­ras ab­bau­en zu las­sen. Die Be­klag­te wur­de ver­pflich­tet, die durch die vor­zu­neh­men­de Hand­lung ent­ste­hen­den Kos­ten in Höhe von 3.000,00 € vor­aus­zu­zah­len. Die ge­gen die­sen Be­schluss ge­rich­te­te so­for­ti­ge Be­schwer­de wies das LAG Hamm durch Be­schluss vom 12.12.2011, Az. 1 Ta 606/11, zurück.

18

Die ge­nann­ten zwei Ka­me­ras sind — nach kur­zer Un­ter­bre­chung am 22.11.2011 — nach wie vor in­stal­liert.

19

Der Kläger hat vor­ge­tra­gen, ihm ste­he an­ge­sichts des durch das Ar­beits­ge­richt und das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm fest­ge­stell­ten schwer­wie­gen­den Ein­griffs in sein all­ge­mei­nes Persönlich­keits­recht ei­ne Gel­dentschädi­gung zu. Es kom­me nicht dar­auf an, wie oft und wie lan­ge er sich im Be­reich der Ka­me­ras auf­hal­te. Un­abhängig da­von sei dies et­wa die Hälf­te sei­ner Ar­beits­zeit der Fall.

20

Er sei zunächst da­von aus­ge­gan­gen, dass die Ka­me­ras aus­sch­ließlich als Dieb­stahl­schutz nach Dienst­schluss auf­zeich­ne­ten. Dass die Ka­me­ras ständig auf­zeich­ne­ten, ha­be kei­ner der Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten ein­sch­ließlich des Be­triebs­rats ge­wusst. Ob die Ka­me­ras in Be­trieb sei­en, sei auch nicht er­kenn­bar. Erst, als im Be­trieb ei­ne ver­steck­te Ka­me­ra ent­deckt wor­den sei, sei­en Be­triebs­rat und Ar­beit­neh­mer­schaft auf das Aus­maß der Vi­deoüber­wa­chung auf­merk­sam ge­wor­den. Der Kläger ha­be sich so­dann um­ge­hend ge­gen die In­stal­la­ti­on der Ka­me­ras ge­wandt.

21
Der Kläger hat be­an­tragt, 22

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger ei­ne in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stell­te Gel­dentschädi­gung, min­des­tens je­doch 15.000,00 €, zu zah­len.

23
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 24
die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 25

Die Be­klag­te hat vor­ge­tra­gen, der Kläger ha­be kei­nen An­spruch auf ei­ne Gel­dentschädi­gung. Ein schwer­wie­gen­der Ein­griff in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht des Klägers lie­ge nicht vor. Der Kläger hal­te sich pro Ar­beits­tag ma­xi­mal zwölf, ge­ge­be­nen­falls 18 Mi­nu­ten im Er­fas­sungs­be­reich der Ka­me­ras auf. Es würden auch nur Teil­be­rei­che der Hal­le er­fasst.

26

Ein et­wai­ger Ein­griff in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht des Klägers sei an­ge­sichts der ge­schlos­se­nen Be­triebs­ver­ein­ba­rung zu­dem nicht rechts­wid­rig. Durch die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats ent­fal­le die Rechts­wid­rig­keit ei­nes et­wai­gen Ein­griffs. Die Vi­deoüber­wa­chung die­ne „al­lein" der Si­che­rung der Ei­gen­tums­rech­te der Be­klag­ten. Zu­gleich hat sie vor­ge­tra­gen, sie sei we­gen be­ste­hen­der si­cher­heits­recht­li­cher Be­stim­mun­gen ver­pflich­tet, be­stimm­te Si­cher­heits­stan­dards ein­zu­hal­ten. Die­sem Zweck die­ne die Vi­deoüber­wa­chung „aus­sch­ließlich". Ei­ne Über­wa­chung der Be­triebsstätte „per Vi­deo­an­la­ge" sei da­her er­for­der­lich, um die „ge­setz­ge­be­ri­schen und behörd­li­chen Auf­la­gen" zu erfüllen.

27

Das „geschäft­lich kaufmännisch völlig sinn­vol­le Ver­hal­ten" der Be­klag­ten könne auch nicht als vorsätz­li­che Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts des Klägers an­ge­se­hen wer­den. Bis zur Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 14.04.2011 im Be­ru­fungs­ver­fah­ren mit dem Ak­ten­zei­chen 15 Sa 125/11 ha­be die Be­klag­te an­ge­sichts der ab­ge­schlos­se­nen Be­triebs­ver­ein­ba­rung da­von aus­ge­hen dürfen, die Vi­deo­ka­me­ras in­stal­lie­ren zu dürfen. Zu­dem be­ste­he die Ei­gentüme­rin des Be­triebs­geländes und der Vi­deo­ka­me­ras, ei­ne Schwes­ter­ge­sell­schaft der Be­klag­ten, auf ei­ner In­stal­la­ti­on und dem Be­trieb der Ka­me­ras. Ein Ver­schul­den schei­de so­mit ins­ge­samt aus.

28

Die Höhe des gel­tend ge­mach­ten An­spruchs sei über­zo­gen. Selbst wenn dem Grun­de nach ein An­spruch des Klägers be­ste­hen soll­te, stünde dem Kläger nach ei­nem Gut­ach­ten ih­res Steu­er­be­ra­ters in Ana­lo­gie zum Straf­ver­fol­gungs­entschädi­gungs­ge­setz — wenn über­haupt —ein Be­trag in Höhe von 150,68 € zu (Blatt 77 der Ak­te). Der Kläger sei nicht ge­zwun­gen, sich ständig im Er­fas­sungs­be­reich der Ka­me­ras zu be­we­gen. Er könne den Be­reich zum Teil mei­den.

29

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge in Höhe von 4.000,- € statt­ge­ge­ben und sie im Übri­gen ab­ge­wie­sen.

30

We­gen der Ein­zel­hei­ten der Be­gründung wird auf die Ent­schei­dungs­gründe der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung ver­wie­sen (BI. 137 ff. d.A.).

31

Das Ur­teil ist der Be­klag­ten am 19.01.2012 zu­ge­stellt wor­den. Hier­ge­gen rich­tet sich ih­re am 27.01.2012 ein­ge­leg­te und mit dem — nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum19.04.2012 - am 19.04.2012 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründe­te Be­ru­fung.

32

Die Be­klag­te wen­det sich un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­trags zur Sach- und Rechts­la­ge ge­gen das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. Sie trägt ergänzend vor, die Ab­stellfläche für Wa­ren, auf wel­che die Ka­me­ras 13 und 14 ge­rich­tet sei­en, wer­de von al­len Mie­tern be­nutzt, die dort kom­mis­sio­nier­te Wa­re zur Ab­ho­lung be­reit stell­ten. Die­ser Be­reich sei erst­in­stanz­lich als Pack­stati­on be­zeich­net wor­den, rich­ti­ger sei die Be­zeich­nung „Spe­di­ti­ons­kreuz".

33

Der Be­reich sei we­gen der Möglich­keit, dass ei­ne Per­son von außen „un­schwer" ein Pa­ket mit un­zulässi­gem In­halt ein­schmug­geln könne, be­son­ders si­cher­heits­re­le­vant. Sei­ne dau­er­haf­te Über­wa­chung durch Per­so­nen sei die ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve, die nicht als mil­de­res Mit­tel an­zu­se­hen sei.

34

Die durch Be­we­gungs­mel­der ge­kop­pel­ten Ka­me­ras 13 und 14 hätten nur auf­ge­zeich­net, wenn auf der Ab­stellfläche Wa­ren be­wegt wor­den sei­en. Die Ka­me­ras würden sich ein­schal­te­ten, wenn sich das Bild um ca. 7 bis 8 Pro­zent ände­re, so­bald die­se Ände­rung ent­fal­le, würden sich die Ka­me­ras wie­der ab­schal­ten. Ei­ne Ein­sicht in das Bild­ma­te­ri­al sei je­weils nur aus ak­tu­el­lem An­lass er­folgt, et­wa wenn Spe­di­teu­re be­haup­te­ten, ei­ne ge­rin­ge­re Zahl von Pa­let­ten ge­la­den zu ha­ben. Auch hätten Dieb­stahls­vorwürfe be­las­tend wie auch ent­las­tend geklärt wer­den können. Zur Mit­ar­bei­ter­kon­trol­le sei die An­la­ge nie ver­wen­det wor­den.

35

Der Be­triebs­rat ha­be sich die Funk­ti­on der An­la­ge zei­gen las­sen und sei mit die­ser ein­ver­stan­den. Die Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 9.3.2010 sei am 23.10.2010 durch ei­nen La­ge­plan nach­ge­bes­sert wor­den.

36

Da die Be­klag­te Wa­ren welt­weit per Luft­fracht ver­trei­be, ha­be sie ei­nen An­trag auf Zu­las­sung als si­che­rer Ver­sen­der bei dem Luft­fahrt-Bun­des­amt ge­stellt. Hier­zu ha­be sie wie auch die Ei­gentüme­rin der Hal­le Si­cher­heits­erklärun­gen ab­ge­ge­ben. Ge­he der Sta­tus als si­che­rer Ver­sen­der ver­lo­ren, müsse ei­ne Kon­trol­le der Sen­dun­gen am Flug­ha­fen durch Aus­pa­cken oder Rönt­gen mit er­heb­li­cher Kos­ten­be­las­tung er­fol­gen.

37

Die Be­klag­te sei auch ih­rer Ver­mie­te­rin ge­genüber we­gen des­sen ab­ge­ge­be­ner Si­cher­heits­erklärung in der Pflicht, der ge­genüber an­de­ren Mie­tern den Er­halt des Sta­tus als si­che­rer Ver­sen­der si­cher­stel­len müsse.

38

Die Ka­me­ras hätten, nach­dem sie nach dem Ur­teil der 15. Kam­mer des LAG Hamm im Vor­pro­zess vom Netz ge­nom­men wor­den sei­en, auf Be­trei­ben des Ver­mie­ters wie­der in­stal­liert wer­den müssen.

39

Die Ent­nah­me der zu kom­mis­sio­nie­ren­den Wa­ren sei für je­de Wa­re hin­sicht­lich des ge­nau­en Zeit­punk­tes und des Re­gal­plat­zes durch die Da­ten­funk­kon­troll­da­tei er­fasst wor­den. Der Kläger ha­be sich, wie aus den Auf­zeich­nun­gen der Da­ten­funk­kon­troll­da­tei für vier bei­spiel­haft auf­ge­lis­te­te Ta­ge zu er­se­hen sei, ca. 15 bis 20 Mi­nu­ten je Ar­beits­tag im Er­fas­sungs­be­reich der Ka­me­ras auf­ge­hal­ten. Dies sei der auf der Zeich­nung als An­la­ge zu dem Schrift­satz der Be­klag­ten vom 4.9.2012 BI. 594 d.A. gelb um­ran­de­te und mit „Um­schlagfläche" be­zeich­ne­te Be­reich. Der dort rot um­ran­de­te „Pack­platz S1" wer­de von der ca. 45 m ent­fern­ten Ka­me­ra 14 nicht mehr er­fasst.

40

Ein schwer­wie­gen­der Ein­griff in das Persönlich­keits­recht des Klägers lie­ge nicht vor. Ein even­tu­el­ler Ein­griff sei durch die Si­cher­heits­in­ter­es­sen der Be­klag­ten und ih­re grund­recht­lich geschütz­te un­ter­neh­me­ri­sche Betäti­gung, zu wel­cher der Ver­sand per Luft­fracht gehöre, ge­recht­fer­tigt. Auch tref­fe die Be­klag­te kein Ver­schul­den.

41

Ein even­tu­el­ler An­spruch des Klägers sei in An­wen­dung der drei­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist des MW Groß- und Außen­han­del in NRW ver­fal­len, weil der Kläger nach dem Ur­teil des LAG vom 14.4.2011 erst mit Schrei­ben vom 20.7.2011 ei­ne Gel­dentschädi­gung gel­tend ge­macht ha­be und über­dies sei der An­spruch verjährt, weil die bei­den Ka­me­ras be­reits seit 2006 vor­han­den ge­we­sen sei­en.

42
Die Be­klag­te be­an­tragt, 43

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bo­cholt vom 23.12.2012 ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

44
Der Kläger be­an­tragt, 45
die Be­ru­fung kos­ten­pflich­tig zurück­zu­wei­sen 46

und un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Bo­cholt vom 23.12. 2011 — 1 Ca 1646/11 — die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an den Kläger ei­ne in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stell­te Gel­dentschädi­gung, min­des­tens je­doch 15.000,00 € zu zah­len.

47

Der Kläger ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil, so­weit es der Kla­ge ent­spro­chen hat, un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung sei­nes erst­in­stanz­li­chen Vor­trags zur Sach- und Rechts­la­ge.

48

So­weit das Ar­beits­ge­richt mit sei­nem dem Kläger am 19.01.2012 zu­ge­stell­ten Ur­teil die Kla­ge ab­ge­wie­sen hat, rich­tet sich hier­ge­gen die am 02.02.2012 ein­ge­leg­te und mit dem am sel­ben Tag bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründe­te Be­ru­fung des Klägers.

49

Er trägt ergänzend vor, das Ar­beits­ge­richt ha­be nicht über­zeu­gend ein bei ihm lie­gen­des, an­spruchs­min­dern­des Mit­ver­schul­den an­ge­nom­men. Der Kläger sei an­fangs ir­rig da­von aus­ge­gan­gen, dass die Auf­zeich­nungs­pha­se der Ka­me­ras durch Rot­licht kennt­lich ge­macht wer­de. Bis zu dem Zeit­punkt, an dem er das Ge­gen­teil fest­ge­stellt ha­be, we­ni­ge Wo­chen vor dem ers­ten Schrei­ben sei­nes Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten, ha­be er kei­nen An­pas­sungs­druck ver­spürt.

50

Die „Pack­stati­on" lie­ge im Er­fas­sungs­be­reich der Ka­me­ras. Der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de des Be­triebs­rats, Herr L1 und die Mit­ar­bei­te­rin C1 hätten durch die Ka­me­ras den Kläger be­ob­ach­ten können.

51

Der durch das Ar­beits­ge­richt fest­ge­setz­te Be­trag von 4.000,00 € sei si­cher­lich zu nied­rig, wenn man berück­sich­ti­ge, dass durch das LAG Hes­sen in dem Ur­teil vom 25.10.2010 — 7 Sa 1586/09 - bei ei­ner Über­wa­chungs­zeit von we­ni­ger als drei Mo­na­ten ein Be­trag von 7.000,00 € fest­ge­setzt wur­de. An­ge­sichts des un­ge­mein lan­gen Zeit­raums der Über­wa­chung sei bei dem Kläger der Be­trag von 15.000,00 € an­ge­mes­sen.

52

We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Par­tei­en wird auf den von ih­nen in Be­zug ge­nom­me­nen In­halt der in bei­den Rechtszügen zu den Ak­ten ge­reich­ten Schriftsätze nebst An­la­gen ver­wie­sen.

53

Ent­schei­dungs­gründe

54

I. Bei­de Be­ru­fun­gen sind an sich statt­haft (§ 64 Abs. 1 ArbGG), nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des zulässig (§ 64 Abs. 2 Buchst. b ArbGG) so­wie in ge­setz­li­cher Form und Frist ein­ge­legt (§ 519 ZPO i.V.m. § 64 Abs. 6 S. 1 ArbGG, § 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG) und in­ner­halb der Frist (§ 66 Abs. 1 S. 1 ArbGG) und auch ord­nungs­gemäß (§ 520 Abs. 3 ZPO iVm. § 64 Abs. 6 S. 1 ArbGG) be­gründet wor­den.

55

II. Die Be­ru­fun­gen sind un­be­gründet.

56

1. Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge zu Recht im Um­fang von 4.000,00 € statt­ge­ge­ben und sie im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Der Kläger hat ei­nen An­spruch auf Gel­dentschädi­gung in Höhe von 4.000,00 € we­gen ei­ner er­heb­li­chen Ver­let­zung sei­nes Persönlich­keits­rechts durch die Be­klag­te, ein wei­ter­ge­hen­der Entschädi­gungs­an­spruch be­steht in­des nicht. Die Kam­mer folgt den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts, so­weit die­se nicht auf ei­nen Über­wa­chungs­zeit­raum vor dem 10.03.2010 und nach dem 08.11.2011 so­wie ein Mit­ver­schul­den des Klägers be­zo­gen sind so­wie so­weit sich aus den nach­ste­hen­den Ausführun­gen nicht, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich des zeit­li­chen Aus­maßes der Über­wa­chung, Ab­wei­chun­gen er­ge­ben und sieht in­so­weit von der Dar­stel­lung der Ent­schei­dungs­gründe ab (§ 69 Abs. 2 ArbGG).

57

2. Das Vor­brin­gen der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz gibt zu ei­ni­gen Ergänzun­gen An­lass.

58

a) Der in Übe­rein­stim­mung mit dem an­ge­foch­te­nen Ur­teil an­zu­neh­men­de schwer­wie­gen­de Ein­griff in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht des Klägers entfällt nicht da­durch, dass be­rech­tig­te In­ter­es­sen der Be­klag­ten die­sen recht­fer­ti­gen würden; sol­che lie­gen je­den­falls mit hin­rei­chen­dem Ge­wicht nicht vor.

59

Der Vor­trag der Be­klag­ten, die Ab­stellfläche für Wa­ren, auf wel­che die Ka­me­ras 13 und 14 ge­rich­tet sei­en, wer­de von al­len Mie­tern be­nutzt, die dort kom­mis­sio­nier­te Wa­re zur Ab­ho­lung be­reit stell­ten, ändert nichts dar­an, dass sie die den Kläger er­fas­sen­den Ka­me­ras nutzt. Ob der erst­in­stanz­lich als Pack­stati­on be­zeich­ne­te Be­reich rich­ti­ger als „Spe­di­ti­ons­kreuz" zu be­nen­nen wäre, ist be­lang­los.

60

Auch re­le­van­te Si­cher­heits­in­ter­es­sen, wel­che den Ein­griff recht­fer­ti­gen könn­ten, las­sen sich dem Vor­trag der Be­klag­ten nicht ent­neh­men. Ihr da­hin­ge­hen­des Vor­brin­gen ist un­er­heb­lich.

61

Dies gilt zunächst für den Vor­trag, der Be­reich sei we­gen der Möglich­keit, dass ei­ne Per­son von außen „un­schwer" ein Pa­ket mit un­zulässi­gem In­halt ein­schmug­geln könne, be­son­ders si­cher­heits­re­le­vant, sei­ne dau­er­haf­te Über­wa­chung durch Per­so­nen sei die ein­zi­ge Al­ter­na­ti­ve, die nicht als mil­de­res Mit­tel an­zu­se­hen sei. Ein „Ein­schmug­geln" von Ge­genständen von außen lässt sich be­reits nicht durch die hier al­lein zu erörtern­den, im In­nen­be­reich der Hal­le be­find­li­chen Ka­me­ras er­fas­sen ge­schwei­ge denn ver­hin­dern. Zu­dem wird nach dem ei­ge­nen Vor­trag der Be­klag­ten der „Pack­platz Steg­mann" wie auch un­strei­tig der Be­reich in­ner­halb der Re­ga­le — ab­ge­se­hen ggf. von dem Re­gal 15 — nicht von den bei­den Ka­me­ras er­fasst. Ein „Ein­schmug­geln" in ei­ne ab­ge­hen­de Sen­dung lässt sich da­mit nach dem Vor­trag der Be­klag­ten im Er­geb­nis ge­ra­de nicht durch die bei­den pro­ble­ma­ti­sier­ten Ka­me­ras ver­hin­dern.

62

Der Hin­weis der Be­klag­ten dar­auf, da sie Wa­ren welt­weit per Luft­fracht ver­trei­be, ha­be sie ei­nen An­trag auf Zu­las­sung als si­che­rer Ver­sen­der bei dem Luft­fahrt-Bun­des­amt (LBA) ge­stellt und auch wie die Ei­gentüme­rin der Hal­le Si­cher­heits­erklärun­gen ab­ge­ge­ben, ge­he der Sta­tus als si­che­rer Ver­sen­der ver­lo­ren, müsse ei­ne Kon­trol­le der Sen­dun­gen am Flug­ha­fen durch Aus­pa­cken oder Rönt­gen mit er­heb­li­cher Kos­ten­be­las­tung er­fol­gen, trägt eben­falls kein ab­wei­chen­des Er­geb­nis. Den Ver­pflich­tungs­erklärun­gen so­wohl der Be­klag­ten als auch der Ver­mie­tungs­ge­sell­schaft wie auch dem Schrei­ben des LBA ist kei­ne Ver­pflich­tung zu ent­neh­men, dass ir­gend­ei­ne Ka­me­ra zu Über­wa­chungs­zwe­cken auf­zu­stel­len wäre, ins­be­son­de­re ei­ne Ver­pflich­tung zum Be­trieb der zwei hier pro­ble­ma­ti­schen Ka­me­ras ist dar­in an kei­ner Stel­le ent­hal­ten. Auch sonst ist ei­ne der­ar­tig kon­kre­te Ver­pflich­tung nir­gends ge­re­gelt. Dies gilt ins­be­son­de­re für die auf der Home­page des LBA

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(lba.de/DE/Luft­si­cher­heit/Be­kann­te_Ver­sen­der/BekV_FAQ/Si­cher­heit/FAQ_Lis­te.html?nn=39844)

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er­sicht­li­chen Be­din­gun­gen, in de­ren Ter­mi­no­lo­gie es sich oh­ne­hin um den Sta­tus des „be­kann­ten", nicht des „si­che­ren" Ver­sen­ders als mögli­ches In­ter­es­se der Be­klag­ten han­delt. Ob das LBA bei der im Zu­ge der Neu­re­ge­lung des An­er­ken­nungs­ver­fah­rens not­wen­dig wer­den­den Ein­zel­prüfung zukünf­tig den Be­trieb ir­gend­wel­cher Ka­me­ras an­ord­nen wird, ist für die­sen Rechts­streit im Hin­blick auf den ihm zu­grun­de lie­gen­den, auf die Zeit bis zum 08.11.2011 be­grenz­ten Be­ob­ach­tungs­zeit­raum, oh­ne Be­lang. Das Ar­gu­ment, die Be­klag­te sei auch ih­rer Ver­mie­te­rin ge­genüber we­gen de­ren ab­ge­ge­be­ner Si­cher­heits­erklärung in der Pflicht, der ge­genüber an­de­ren Mie­tern den Er­halt des Sta­tus als si­che­rer Ver­sen­der si­cher­stel­len müsse, trägt be­reits des­halb eben­falls nicht. Oh­ne­hin wäre es nicht ge­eig­net, ei­nen Zu­griff ge­ra­de der Be­klag­ten auf die Ka­me­ras zu recht­fer­ti­gen.

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Auch das wei­te­re Vor­brin­gen, die durch Be­we­gungs­mel­der ge­kop­pel­ten Ka­me­ras 13 und 14 hätten nur auf­ge­zeich­net, wenn auf der Ab­stellfläche Wa­ren be­wegt wor­den sei­en, die Ka­me­ras würden sich ein­schal­ten, wenn sich das Bild um ca. 7 bis 8 Pro­zent ände­re, so­bald die­se Ände­rung ent­fal­le, würden sich die Ka­me­ras wie­der ab­schal­ten, ei­ne Ein­sicht in das Bild­ma­te­ri­al sei je­weils nur aus ak­tu­el­lem An­lass er­folgt, et­wa wenn Spe­di­teu­re be­haup­te­ten, ei­ne ge­rin­ge­re Zahl von Pa­let­ten ge­la­den zu ha­be, auch hätten Dieb­stahls­vorwürfe be­las­tend wie auch ent­las­tend geklärt wer­den können und zur Mit­ar­bei­ter­kon­trol­le sei die An­la­ge nie ver­wen­det wor­den, steht der An­nah­me ei­ner er­heb­li­chen Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung nicht ent­ge­gen. Der Kläger wur­de im ge­nann­ten Zeit­raum nicht nur un­er­heb­lich durch die Ka­me­ras oh­ne ei­ne hin­rei­chen­de Recht­fer­ti­gung über­wacht. In­so­weit hat das Ar­beits­ge­richt wie auch die 15. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts im Vor­pro­zess zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Kläger nicht wis­sen konn­te, wann die Ka­me­ras in Be­trieb wa­ren und er be­ob­ach­tet wur­de. Zu­dem konn­te er den ge­nau­en Er­fas­sungs­be­reich nicht ken­nen, so dass er in ei­nem über die rein ob­jek­ti­ve Be­ob­ach­tungs­zeit hin­aus­ge­hen­den Zeit­raum dem An­pas­sungs­druck aus­ge­setzt war, auch wenn die­ser kei­nes­wegs während der je­wei­li­gen vol­len Ar­beits­schicht vor­lag.

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Un­er­heb­lich ist im Er­geb­nis das Vor­brin­gen, der Be­triebs­rat ha­be sich die Funk­ti­on der An­la­ge zei­gen las­sen und sei mit die­ser ein­ver­stan­den, wo­bei die Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 9.3.2010 sei am 23.10.2010 durch ei­nen La­ge­plan nach­ge­bes­sert wor­den sei. Denn der Be­triebs­rat war durch § 75 Be­trVG, Art. 2 Abs. 1 GG ge­hin­dert, die von der Be­klag­ten vor­ge­tra­ge­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung und ei­ne ent­spre­chen­de, be­haup­te­te vor­an­ge­hen­de Re­ge­lungs­ab­re­de zu tref­fen. Die Über­wa­chung durch die zwei Ka­me­ras er­folg­te, so­weit ein Ei­gen­tums­schutz in­ten­diert sein soll­te, be­reits oh­ne ei­nen kon­kre­ten Ver­dacht und da­mit nach den Grundsätzen der Recht­spre­chung des BAG, wel­che be­reits das Ar­beits­ge­richt dar­ge­stellt hat und die durch das BAG mit Be­schluss vom 26.08.2008 — 1 ABR 16/07 —bestätigt wur­den, nicht rechtmäßig. Ins­be­son­de­re han­delt es sich, zu­mal für den zu­letzt von der Be­klag­ten ge­nann­ten Zweck der Si­che­rung der Luft­si­cher­heit, um ei­ne un­verhält­nismäßige weil nicht er­for­der­li­che Maßnah­me. Dem Vor­trag der Be­klag­ten ist, wie be­reits dar­ge­legt wur­de, nicht zu ent­neh­men, dass der Be­trieb der zwei Ka­me­ras auf­grund ver­pflich­ten­der Erklärung ge­genüber dem LBA oder ei­ner durch die­ses er­gan­ge­nen, kon­kre­ten An­ord­nung er­folgt wäre.

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b) Der Um­fang der Zeit, in der sich der Kläger ei­ner Über­wa­chung bzw. ei­nem An­pas­sungs­druck aus­ge­setzt sah, ist für die Er­heb­lich­keit des Ein­griffs (hier­zu im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung BAG 26.08.2008 — 1 ABR 16/07, Rn. 52) - wie auch für die Be­mes­sung der Gel­dentschädi­gung - von Be­deu­tung. Er ist be­reits er­heb­lich, je­doch nicht so groß, dass auch un­ter Be­ach­tung des Ge­wichts der Rechts­ver­let­zung ei­ne an­de­re als die durch das Ar­beits­ge­richt fest­ge­setz­te Entschädi­gung an­ge­mes­sen wäre.

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Nach den Erörte­run­gen im zwei­ten Ter­min vor der Be­ru­fungs­kam­mer ist ent­spre­chend der Be­haup­tung der Be­klag­ten an­zu­neh­men, dass der Kläger sich, wie aus den Auf­zeich­nun­gen der Da­ten­funk­kon­troll­da­tei für vier bei­spiel­haft auf­ge­lis­te­te Ta­ge zu er­se­hen ist, ca. 15 bis 20 Mi­nu­ten je Ar­beits­tag im Er­fas­sungs­be­reich der Ka­me­ras auf­ge­hal­ten hat und die­ser den auf der Zeich­nung als An­la­ge zu dem Schrift­satz der Be­klag­ten vom 4.9.2012 BI. 594 d.A. gelb um­ran­de­ten und mit „Um­schlagfläche" be­zeich­ne­ten Be­reich um­fasst, der dort rot um­ran­de­te „Pack­platz S1" von der ca. 45 m ent­fern­ten Ka­me­ra 14 je­doch nicht mehr in für das Persönlich­keits­recht re­le­van­ter In­ten­sität er­fasst wird.

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Denn der „Pack­platz 31" in recht großer Ent­fer­nung von der al­lein ihn er­fas­sen können­den Ka­me­ra 14 ist nach dem si­che­ren Ein­druck der Kam­mer je­den­falls so weit ent­fernt und im Bild nur im hin­ters­ten obe­ren Be­reich klein er­kenn­bar, dass ei­ne wirk­li­che Be­ob­ach­tung ei­nes als Ein­zel­per­son iden­ti­fi­zier­ba­ren kon­kre­ten Mit­ar­bei­ters und erst recht der De­tails sei­ner Hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen ist. Dies hat die An­sicht ent­spre­chen­der Bild­auf­zeich­nun­gen der Be­klag­ten auf ei­nem Lap­top der Be­klag­ten in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung durch die Kam­mer so­wie die Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten bei­der Par­tei­en nach der Würdi­gung durch die Kam­mer er­ge­ben. Da­bei zeig­te sich, dass selbst in dem Be­reich vor dem Ver­sandbüro und da­mit je­den­falls nicht mehr als rund 20 m von der Ka­me­ra ent­fernt sich be­we­gen­de Men­schen nicht si­cher und al­len­falls dann über­haupt zu iden­ti­fi­zie­ren wa­ren, wenn der Kreis mögli­cher Per­so­nen und de­ren Körper­bau bzw. Klei­dung be­kannt und er­heb­lich un­ter­schied­lich wa­ren. Je­den­falls wa­ren Ge­sichtszüge auch nur annähernd scharf be­reits in die­ser Ent­fer­nung und die­sem noch durch­aus zen­tra­len Aus­schnitt des Bil­des nicht er­kenn­bar. Dar­auf, ob die durch den Kläger be­nann­ten Zeu­gen ihn am „Pack­platz S1" mit­tels des das Ka­me­ra­bild wie­der­ge­ben­den Bild­schirms über­haupt ge­se­hen ha­ben, kommt es für die Be­wer­tung der Er­heb­lich­keit und In­ten­sität des Ein­griffs da­mit nicht an, am „Pack­platz S1" wäre ei­ne mehr als sche­men­haf­te Be­ob­ach­tung nicht möglich ge­we­sen. Zu­dem ist aus­weis­lich der be­reits ge­nann­ten Zeich­nung mit der Dar­stel­lung der räum­li­chen Verhält­nis­se (BI. 594 d.A.) die Sichtmöglich­keit von der Ka­me­ra 14 auf den „Pack­platz S1" be­reits oh­ne den Raum des Herrn El durch das „Ver­sandbüro", wel­ches un­strei­tig während des ge­sam­ten re­le­van­ten Zeit­raums vor­han­den war, um zu­min­dest rund 1/3 ein­ge­schränkt. In­so­weit er­gibt sich, dass von der Ka­me­ra aus der in ei­ner über des­sen hin­te­re lin­ke Ecke in verlänger­ten Li­nie rechts lie­gen­de Teil des „Pack­plat­zes 31" völlig durch das Ver­sandbüro ver­deckt wird.

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Hin­sicht­lich der Zeit­an­tei­le ist von den bei­spiel­haf­ten Aus­wer­tun­gen der Be­klag­ten, die die­se an­hand der um­fang­rei­chen Funk­kon­troll­da­ten­lis­ten für vier Ta­ge des zur An­spruchs­be­gründung an­geführ­ten Zeit­raums ge­fer­tigt hat, aus­zu­ge­hen. Der Kläger be­strei­tet we­der, dass die­se Ta­ge re­präsen­ta­tiv für den Zeit­raum sind noch die kon­kre­ten Aus­wer­tungs­er­geb­nis­se der Be­klag­ten, aus de­nen ei­ne Be­ob­ach­tungsmöglich­keit auf der Um­schlagfläche von ca. 15 bis 20 Mi­nu­ten, je­den­falls nicht über 30 Mi­nu­ten hin­aus, je Ar­beits­schicht folgt. Das Be­strei­ten des Klägers er­folgt un­sub­stan­ti­iert oh­ne je­de kon­kre­te Aus­ein­an­der­set­zung mit dem an­hand der Funk­kon­troll­da­ten­lis­ten sub­stan­ti­ier­ten Vor­trag der Be­klag­ten, es ist da­her un­be­acht­lich gemäß § 138 ZPO. Der Vor­trag des Klägers, er sei auch am „Pack­platz S1" zu be­ob­ach­ten ge­we­sen, ist in die­sem Zu­sam­men­hang für den zeit­li­chen Um­fang der re­le­van­ten Be­ob­ach­tungsmöglich­keit nicht von we­sent­li­cher Be­deu­tung, wie be­reits dar­ge­legt wur­de.

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c) Die Be­klag­te trifft auch ein Ver­schul­den. Sie hat ent­ge­gen den zu­tref­fen­den ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen in dem Ver­fah­ren ArbG Bo­cholt 1 Ca 957/10 und nach­ge­hend LAG Hamm 15 Sa 125/11, rechts­kräftig an­ge­sichts ei­ner Zu­stel­lung des Ur­teils am 07.07.2011 bei der Be­klag­ten seit dem Be­ginn des 08.08.2011, de­nen die Be­ru­fungs­kam­mer folgt, die Ka­me­ras rechts­wid­rig in­ner­halb des hier re­le­van­ten Zeit­raums nicht ab­ge­baut. Dafür, dass die Kläge­rin vor der in den ge­nann­ten Ur­tei­len ge­trof­fe­nen Fest­stel­lung der Rechts­wid­rig­keit auf die Zulässig­keit des Be­triebs der Ka­me­ras ver­trau­en durf­te, ist kein ernst­haft tragfähi­ger An­halt er­sicht­lich. 72
d) Die für die An­spruchshöhe maßgeb­li­chen Rechts­grundsätze hat das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend dar­ge­legt. 73

In tatsäch­li­cher Hin­sicht ist klar­zu­stel­len, dass nach der in der Be­ru­fungs­ver­hand­lung ge­trof­fe­nen Fest­stel­lung, dass der Kläger ei­ne Gel­dentschädi­gung für den Be­ob­ach­tung­zeit­raum ab dem 10.03.2012 bis zum 08.11.2011 be­gehrt, der Ge­sichts­punkt der länge­ren Hin­nah­me ei­ner Be­ob­ach­tung kei­ne Be­deu­tung mehr hat. Denn mit Be­ginn des ge­nann­ten An­spruchs­zeit­raums hat der Kläger sich be­reits ge­gen die Be­ob­ach­tung ge­wandt. Dies ändert nichts dar­an, dass die Fest­set­zung der Entschädi­gung durch das Ar­beits­ge­richt auf 4.000,00 € an­ge­mes­sen ist. Denn we­sent­li­cher als die Dau­er der Be­ob­ach­tung ist im Streit­fall der Grad des Ver­schul­dens der Be­klag­ten. Die­ser ist der­art ge­wich­tig, dass be­reits der fest­ge­setz­te Be­trag nicht un­ter­schrit­ten wer­den kann. Dies er­gibt sich we­sent­lich dar­aus, dass die Be­klag­te auch nach Rechts­kraft des sie zum Ab­bau der bei­den Ka­me­ras ver­pflich­ten­den Ur­teil die­ser Ver­pflich­tung nicht nach­kam, son­dern sich noch im Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren mit nicht durch­grei­fen­den Äußerun­gen ih­rer Pflicht zu ent­zie­hen such­te, wie der in Be­zug ge­nom­me­ne Be­schluss des LAG Hamm vom 12.12.2011 — 1 Ta 606/11, auf­zeigt. An­ge­sichts des­sen tritt bei der Be­mes­sung der Entschädi­gung auch in den Hin­ter­grund, dass der Kläger kei­nes­wegs wei­te Tei­le sei­ner Ar­beits­schich­ten un­ter ständi­gen Be­ob­ach­tungsmöglich­keit stand, an­ders als dies in dem von ihm an­ge­zo­ge­nen Fall des LAG Hes­sen — 7 Sa 1586/09 — lag, in dem ei­ne voll­zei­ti­ge Über­wa­chung vor­lag. Der Um­stand dass die Über­wa­chung zwar nicht un­er­heb­li­che, aber doch bei Wei­tem nicht über­wie­gen­de Tei­le der Ar­beits­zeit des Klägers um­fass­te führt an­de­rer­seits da­zu, dass auch die mit der Be­ru­fung des Klägers ver­folg­te Erhöhung der Gel­dentschädi­gung nicht zu er­fol­gen hat. In­so­weit tritt hin­zu, dass der Kläger nur während ei­ner be­grenz­ten Zahl nicht son­der­lich lan­ger Zeit­ab­schnit­te im Er­fas­sungs­be­reich der Ka­me­ras war und während die­ser Zeit nicht et­wa der Ent­fal­tung sei­ner en­ge­ren Pri­vat­sphäre zu­gehöri­ge Ver­rich­tun­gen vor­nahm, son­dern alltägli­che Ar­bei­ten ei­nes Ver­sand­mit­ar­bei­ters ver­rich­te­te.

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e) Der An­spruch des Klägers ist in An­wen­dung der drei­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist des MW Groß- und Außen­han­del in NRW nicht des­we­gen ver­fal­len, weil der Kläger nach dem Ur­teil des LAG Hamm im ge­nann­ten Vor­pro­zess vom 14.4.2011 erst mit Schrei­ben vom 20.7.2011 ei­ne Gel­dentschädi­gung gel­tend ge­macht hat. 75

In Fällen, in de­nen die zur Er­satz­pflicht führen­de Hand­lung ei­nen Dau­er­tat­be­stand dar­stellt, be­ginnt die Aus­schluss­frist re­gelmäßig erst mit der zeit­lich letz­ten Hand­lung (so zu Mob­bing-Fällen BAG 16. Mai 2007 - 8 AZR 709/06 - NZA 2007, 1154). Je­den­falls un­ter den Verhält­nis­sen des Streit­falls war der Kläger erst un­ter Berück­sich­ti­gung der be­son­de­ren In­ten­sität der man­geln­den Rechtstreue der Be­klag­ten nach den Ur­tei­len im ge­nann­ten Vor­pro­zess in der La­ge, die Höhe der Entschädi­gungs­vor­stel­lung annähernd zu be­zif­fern. Da­mit be­gann die Aus­schluss­frist frühes­tens mit dem En­de der rechts­wid­ri­gen Über­wa­chung, wel­ches mit der Frei­stel­lung des Klägers An­fang No­vem­ber 2011 ein­trat. Da­her war die Aus­schluss­frist er­sicht­lich nicht ver­stri­chen.

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f) Der An­spruch ist auch nicht des­halb verjährt, weil die bei­den Ka­me­ras be­reits seit 2006 vor­han­den wa­ren. Der Kläger macht ei­nen An­spruch erst für den Zeit­raum ab dem 10.03.2010 gel­tend. Die dreijähri­ge Verjährungs­frist kann da­mit bei Er­he­bung der Kla­ge am 24.08.2011 nicht ver­stri­chen sein.

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3. Das wei­te­re um­fang­rei­che Vor­brin­gen der Par­tei­en, wel­ches die Kam­mer be­dacht hat, be­darf da­nach kei­ner Erörte­rung.

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III. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 i.V.m. § 92 Abs. 1 ZPO. 79

IV. Gründe, die Re­vi­si­on nach § 72 Abs. 2 ArbGG zu­zu­las­sen, sind nicht er­sicht­lich. Das Be­ru­fungs­ge­richt ist der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ge­folgt. Ei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­fra­ge von grundsätz­li­cher Be­deu­tung liegt nicht vor.

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