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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/081

Über­tra­gung von Füh­rungs­auf­ga­ben in Ma­trix­or­ga­ni­sa­tio­nen

Bei der Ein­stel­lung ei­ner Füh­rungs­kraft mit Wei­sungs­be­fug­nis­sen in zwei Be­trie­ben müs­se bei­de Be­triebs­rä­te zu­stim­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 22.10.2019, 1 ABR 13/18
Betriebsratssitzung, Versammlung, Konferenz, Meeting

14.07.2020. Möch­te ein Ar­beit­ge­ber in ei­nem Be­trieb mit über 20 wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern ei­nen Ar­beit­neh­mer ein­stel­len, braucht er ge­mäß § 99 Abs.1 Satz 1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) die Zu­stim­mung des Be­triebs­ra­tes.

Aber was ist er­for­der­lich, wenn ei­ne Füh­rungs­kraft Wei­sungs­rech­te für Mit­ar­bei­ter zwei­er ver­schie­de­ner Be­triebs er­hal­ten soll? Müs­sen dann die Be­triebs­rä­te bei­der Be­trie­be in­for­miert wer­den und zu­stim­men?

Ja, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­ner Grund­satz­ent­schei­dung: BAG, Be­schluss vom 22.10.2019, 1 ABR 13/18.

Ei­ne Ein­stel­lung, zwei Zu­stim­mungs­ver­fah­ren?

Im Som­mer 2019 hat­te das BAG ent­schie­den, dass ei­ne Ein­stel­lung gemäß § 99 Abs.1 Satz 1 Be­trVG auch vor­liegt, wenn ein Ar­beit­neh­mer, der re­gelmäßig in ei­nem an­de­ren Be­trieb des­sel­ben Un­ter­neh­mens ar­bei­tet und dort auch sei­nen Dienst­sitz hat, zum Vor­ge­setz­ten von Ar­beit­neh­mern ei­nes an­de­ren Be­triebs be­stellt wird.

Durch die Über­tra­gung der Vor­ge­setz­ten­stel­lung wird ein sol­cher Ar­beit­neh­mer in dem Be­trieb ein­ge­stellt, in dem er, gleich­sam „aus der Fer­ne“, Führungs­auf­ga­ben ge­genüber den ihm un­ter­stell­ten Mit­ar­bei­tern wahr­nimmt (BAG, Be­schluss vom 12.06.2019, 1 ABR 5/18, s. da­zu Ar­beits­recht ak­tu­ell: 20/050 Er­nen­nung zum Vor­ge­setz­ten als Ein­stel­lung).

Aus die­ser Ent­schei­dung folgt, dass ei­ne Ein­stel­lung im Sin­ne von § 99 Abs.1 Satz 1 Be­trVG gleich­zei­tig in meh­re­ren Be­trie­ben des­sel­ben Un­ter­neh­mens möglich sein kann (BAG, Be­schluss vom 12.06.2019, 1 ABR 5/18, Rn.24). Die­se Kon­se­quenz hat das BAG jetzt in ei­ner wei­te­ren Ent­schei­dung aus­drück­lich klar­ge­stellt (Be­schluss vom 22.10.2019, 1 ABR 13/18).

Der Streit­fall: Führungs­kraft mit Ar­beits­ort in Müns­ter lei­tet auch zwei Ar­beit­neh­mer ei­nes Be­triebs in Han­no­ver an

Ein Großun­ter­neh­men mit Be­trie­ben in Frank­furt, Müns­ter und Han­no­ver stell­te Herrn D. als Be­reichs­lei­ter mit Dienst­sitz in Müns­ter ein. Ihm wur­de Per­so­nal­ver­ant­wor­tung für Ar­beit­neh­mer in Müns­ter über­tra­gen und außer­dem für zwei Ar­beit­neh­mer in Han­no­ver. Die bei­den dort täti­gen Mit­ar­bei­tern lei­ten wie­der­um je­weils zehn bis 20 Ar­beit­neh­mer an.

Je nach Ar­beits­an­fall ar­bei­tet Herr D. ta­ge­wei­se in Müns­ter oder in Han­no­ver, hat aber nur in Müns­ter ein ei­ge­nes Büro. Da­her be­tei­lig­te das Un­ter­neh­men zwar den Be­triebs­rat des Be­triebs in Müns­ter, nicht aber den Be­triebs­rat in Han­no­ver. Der be­an­trag­te dar­auf­hin vor dem Ar­beits­ge­richt Han­no­ver, den Ar­beit­ge­ber zu ver­pflich­ten, die Ein­stel­lung von Herrn D. in Han­no­ver auf­zu­he­ben (§ 101 Satz 1 Be­trVG).

Da­mit hat­te der Han­no­ve­ra­ner Be­triebs­rat we­der vor dem Ar­beits­ge­richt (Be­schluss vom 07.09.2017, 4 BV 6/17) noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nie­der­sach­sen Er­folg (Be­schluss vom 13.02.2018, 11 TaBV 91/17).

BAG: Bei der Ein­stel­lung ei­ner Führungs­kraft mit Wei­sungs­be­fug­nis­sen in zwei Be­trie­ben müsse bei­de Be­triebsräte zu­stim­men

Das BAG ent­schied pro Be­triebs­rat.

Denn Herr D. war we­gen sei­ner Wei­sungs­be­fug­nis­se in die Ar­beits­pro­zes­se in Han­no­ver ein­ge­bun­den, d.h. in den dor­ti­gen Be­trieb „ein­ge­glie­dert“, so die Er­fur­ter Rich­ter. Dass Herr D. in Han­no­ver kein Büro hat­te, dort nur hin und wie­der an­we­send war und in Han­no­ver sei­ner­seits kei­nen Vor­ge­setz­ten hat­te, schließt ei­ne Ein­glie­de­rung in die­sen Be­trieb nicht aus. Auch die ar­beits­ver­trag­li­che An­bin­dung an Müns­ter (Dienst­sitz samt Büro) ändern dar­an nichts.

Da­her wur­de Herr D. in zwei Be­trie­be ein­ge­glie­dert, nämlich in Müns­ter und in Han­no­ver (Be­schluss, Rn.22). Folg­lich wa­ren bei­de Be­triebsräte gemäß § 99 Abs.1 Satz 1 Be­trVG zu be­tei­li­gen, d.h. der Ar­beit­ge­ber brauch­te die Zu­stim­mung bei­der Be­triebsräte. Da­ge­gen war der (hier ge­bil­de­te) Ge­samt­be­triebs­rat nicht zuständig (BAG, Be­schluss, Rn.11).

Fa­zit: Er­tei­len Un­ter­neh­men be­triebsüberg­rei­fend Wei­sungs­rech­ten an ei­ne Führungs­kraft, müssen die Be­triebsräte sämt­li­cher Be­trie­be gemäß § 99 Abs.1 Satz 1 Be­trVG be­tei­ligt wer­den, in de­nen Ar­beit­neh­mer tätig sind, de­nen ge­genüber die Führungs­kraft wei­sungs­be­rech­tigt ist.

Das sind bei ei­ner sog. Ma­trix­struk­tur ei­nes Un­ter­neh­mens al­le Be­trie­be, für die die Führungs­kraft in ei­nem be­triebsüberg­rei­fen­den Un­ter­neh­mens­be­reich zuständig ist.

Da­ge­gen spielt es kei­ne Rol­le, an wel­chen Be­trieb oder an Kos­ten­stel­le die Führungs­kraft ar­beits­ver­trag­lich „an­ge­bun­den“ ist, von wo aus sie ih­rer­seits Wei­sun­gen erhält und an wel­chem Ort bzw. in wel­chem Be­trieb sie ständig oder über­wie­gend persönlich an­we­send ist.

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Letzte Überarbeitung: 5. Oktober 2020

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