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BAG, Ur­teil vom 29.08.2012, 10 AZR 499/11

   
Schlagworte: Ehrenamt, Ehrenamtliche Tätigkeit, Arbeitnehmer, Kündigungsschutz, Nebentätigkeit, Weisungsrecht
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 10 AZR 499/11
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 29.08.2012
   
Leitsätze: Durch die Ausübung unentgeltlicher ehrenamtlicher Tätigkeit wird kein Arbeitsverhältnis begründet.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Chemnitz, Urteil vom 18.6.2010 - 5 Ca 429/10
Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 20.5.2011 - 3 Sa 579/10
   


BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT


10 AZR 499/11
3 Sa 579/10

Säch­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

29. Au­gust 2012

UR­TEIL

Brüne, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Be­klag­ter, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 29. Au­gust 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Mi­kosch, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt
 


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Schmitz-Scho­le­mann und Rein­fel­der so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Si­mon und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Fie­back für Recht er­kannt:

1. Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 20. Mai 2011 - 3 Sa 579/10 - wird zurück­ge­wie­sen.

2. Die Kläge­rin hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Kläge­rin macht die Un­wirk­sam­keit ei­ner nach ih­rer Auf­fas­sung aus­ge­spro­che­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gung gel­tend. Da­bei steht die Fra­ge im Vor­der­grund, ob die Par­tei­en in ei­nem Ar­beits­verhält­nis stan­den.


Der Be­klag­te ist ei­ne kirch­li­che Ein­rich­tung und im Be­reich der Stadt C und Um­land Träger der Te­le­fon­seel­sor­ge. Die Kläge­rin war für den Be­klag­ten auf der Grund­la­ge von schrift­li­chen „Be­auf­tra­gun­gen“ vom 26. April 2002 und 22. April 2005 seit April 2002 eh­ren­amt­lich als Te­le­fon­seel­sor­ge­rin im Um­fang von zehn St­un­den im Mo­nat tätig. Sie er­hielt hierfür zu­letzt ei­ne mo­nat­li­che Auf­wands­entschädi­gung in Höhe von 30,00 Eu­ro.


Für die Tätig­keit ei­nes eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ters in der Te­le­fon­seel­sor­ge be­darf es ei­ner Aus­bil­dung gemäß der Rah­me­n­ord­nung für die Aus- und Fort­bil­dung eh­ren­amt­li­cher Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter in der Te­le­fon­seel­sor­ge und der Of­fe­nen Tür. Beim Be­klag­ten gilt ei­ne Dienst­ord­nung. Dar­in ist ua. Fol­gen­des be­stimmt:


„3. Dienst­um­fang

Ziel für je­de TS [Te­le­fon­seel­sor­ge] ist die Ab­si­che­rung ei­nes 24-St­un­den-Diens­tes.
Dies ist kurz­fris­tig in C noch nicht er­reich­bar. Aber ge­mein­sam und ab­ge­stimmt mit an­de­ren säch­si­schen TS-Stel­len ist ei­ne un­un­ter­bro­che­ne Er­reich­bar­keit der TS gewähr­leis­tet.

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Um die­se Er­reich­bar­keit ab­zu­si­chern und aus­zu­bau­en, ist von je­dem Eh­ren­amt­li­chen ei­ne Dienst­be­reit­schaft von mo­nat­lich ca. 10 St­un­den er­for­der­lich, das ent­spricht zwei bis drei Abend­diens­ten oder ei­nem Nacht­dienst.
Ei­ne re­gelmäßige Be­tei­li­gung der Mit­ar­bei­terIn­nen in die­sem Um­fang wird er­war­tet. Ei­ne zeit­wei­se Ent­las­tung vom nor­ma­len Dienst ist in Ab­spra­che mit dem TS-Lei­ter möglich.
Zum Dienst­um­fang zählt wei­ter­hin die Teil­nah­me an der mo­nat­li­chen Fall­be­spre­chung in ei­ner Klein­grup­pe.

4. Ver­hin­de­rung und Ver­tre­tung im TS-Dienst

4.1. Können Mit­ar­bei­terIn­nen aus zwin­gen­den Gründen ei­nen ge­plan­ten Dienst nicht wahr­neh­men, sind sie ver­pflich­tet, selbst ei­ne Ver­tre­tung zu or­ga­ni­sie­ren. Ist ih­nen das nicht möglich, so sind die haupt­amt­li­chen TS-Mit­ar­bei­ter zu in­for­mie­ren und um Un­terstützung zu bit­ten.
...


5. Um­gang mit an­kom­men­den An­ru­fen

5.1. An­ru­fe sind spätes­tens nach dem 3. Ruf­zei­chen ent­ge­gen zu neh­men, um even­tu­el­le Ruf­wei­ter­lei­tun­gen zu ver­mei­den.
5.2. Al­le an­kom­men­den An­ru­fe sind sta­tis­tisch zu er­fas­sen (Dienst­buch, Sta­tis­tik­blatt, evtl. später PC). Für Auf­le­ger und kur­ze Scher­zan­ru­fe ist kein Sta­tis­tik­blatt aus­zufüllen, sie sind - wie auch Sper­run­gen (Call Guard) - durch ei­nen Strich in der ent­spre­chen­den Dienst­buch­spal­te als An­zahl fest­zu­hal­ten.
5.3. Bei je­dem Ver­las­sen des Dienst­zim­mers ist der Hörer des Seel­sor­ge-Te­le­fons ne­ben das Gerät zu le­gen. Das gilt auch bei Diens­ten­de, wenn (planmäßig) kei­ne Ablösung er­folgt.


6. Er­hal­tung und Ver­tie­fung der Be­ra­tungs­kom­pe­tenz


Zur Er­hal­tung und Ver­tie­fung der Be­ra­tungs­kom­pe­tenz sind die Re­fle­xi­on über das Be­ra­tungs­ge­sche­hen und Im­pul­se aus Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen un­erläss­lich. Des-halb wird fol­gen­des von je­dem TS-Mit­ar­bei­ter er­war­tet:


6.1. Über je­des Be­ra­tungs­gespräch sind nach ei­nem vor­ge­ge­be­nen Ras­ter kur­ze No­ti­zen (auf das Sta­tis­tik­blatt) nie­der­zu­schrei­ben.
6.2. Die Teil­nah­me an der mo­nat­li­chen Fall­be­spre­chung ist ver­pflich­tend. Da­bei soll­te je­der we­nigs­tens ein­mal im Jahr ein Gespräch vor­stel­len.
Der Lei­ter der Fall­be­spre­chung (er­satz­wei­se das TS-
 


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Büro) ist vor­her zu in­for­mie­ren, wenn ein Grup­pen­mit­glied nicht an ei­ner Fall­be­spre­chung teil­neh­men kann.
6.3. Ein­mal jähr­lich soll­te je­der an ei­ner an­de­ren Wei­ter­bil­dungs­ver­an­stal­tung teil­neh­men, die die Be­ra­tungs­kom­pe­tenz fördert. Hierfür können auch Wei­ter­bil­dun­gen der Stadt­mis­si­on C ge­nutzt wer­den.“

Ne­ben der Dienst­ord­nung hat der Be­klag­te ei­nen Leit­fa­den „Stich­wor­te zum TS-Dienst“ her­aus­ge­ge­ben. Dar­in sind ua. Hin­wei­se zum Um­gang mit so­ge­nann­ten Auf­le­gern, Scherz- und Schwei­ge­an­ru­fen so­wie Sui­zi­dankündi­gun­gen ent­hal­ten. Für die Er­fas­sung und Do­ku­men­ta­ti­on ha­ben die Mit­ar­bei­ter ei­nen vom Be­klag­ten be­reit­ge­stell­ten Vor­druck zu ver­wen­den.


Der Seel­sor­ge­dienst war in ei­ner Woh­nung zu leis­ten, die der Be­klag­te zu die­sem Zweck an­ge­mie­tet hat. Je­weils im Vor­mo­nat leg­te der Be­klag­te Dienst­pläne für den Fol­ge­mo­nat aus, in die sich die eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter ein­tru­gen. Da­bei be­stand die Möglich­keit, sich im Zeit­raum von 8:00 bis 24:00 Uhr für Vier-St­un­den-Diens­te in der Zeit von 8:00 bis 12:00 Uhr, 12:00 bis 16:00 Uhr, 16:00 bis 20:00 Uhr oder 20:00 bis 24:00 Uhr ein­zu­tra­gen oder an Wo­chen­en­den für Acht-St­un­den-Diens­te in der Zeit von 0:00 bis 8:00 Uhr. Für die zeit­li­che La­ge der Su­per­vi­si­on durf­ten die Mit­ar­bei­ter Vor­schläge un­ter­brei­ten. Da ei­ne Viel­zahl von Mit­ar­bei­tern an der Su­per­vi­si­on teil­nahm, wur­de der Ter­min letzt­lich vom je­wei­li­gen Su­per­vi­sor be­stimmt.


Lei­ter der Te­le­fon­seel­sor­ge war der haupt­amt­lich täti­ge Mit­ar­bei­ter Herr D, der bei kurz­fris­ti­gen Ausfällen oder schwer zu be­set­zen­den Dienst­zei­ten auch den Dienst am Te­le­fon ver­sah.


Am 22. Ja­nu­ar 2010 ent­band Herr D die Kläge­rin münd­lich von ih­rem Dienst. Nach Ab­ga­be der Schlüssel muss­te die Kläge­rin die Räum­lich­kei­ten der Te­le­fon­seel­sor­ge um­ge­hend ver­las­sen. Gründe hierfür hat der Be­klag­te nicht mit­ge­teilt.


Die Kläge­rin hat die An­sicht ver­tre­ten, zwi­schen den Par­tei­en ha­be ein Ar­beits­verhält­nis be­stan­den. Sie ha­be ih­re ver­trag­li­chen Leis­tun­gen in persönli­cher Abhängig­keit zum Be­klag­ten er­bracht. Auf die Fra­ge der wirt­schaft­li­chen
 


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Abhängig­keit kom­me es für ein Ar­beits­verhält­nis nicht an. Die Ent­bin­dung vom Dienst im Ja­nu­ar 2010 sei als frist­lo­se Kündi­gung an­zu­se­hen und be­reits man­gels Schrift­form un­wirk­sam. Des Wei­te­ren lägen auch kei­ne Kündi­gungs­gründe vor.


Die Kläge­rin hat be­an­tragt 


1. fest­zu­stel­len, dass die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 22. Ja­nu­ar 2010 das zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis nicht auf­gelöst hat,

2. den Be­klag­ten zu ver­ur­tei­len, sie bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Ver­fah­rens als Te­le­fon­seel­sor­ge­rin auf Ba­sis von zehn St­un­den pro Mo­nat un­ent­gelt­lich wei­ter­zu­beschäfti­gen.

Der Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Die Kläge­rin sei als eh­ren­amt­li­che Mit­ar­bei­te­rin kei­ne Ar­beit­neh­me­rin ge­we­sen, da sie so­wohl ih­re Tätig­keit als auch ih­re Ar­beits­zeit im We­sent­li­chen ha­be frei ge­stal­ten können.


Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ih­re Kla­ge­anträge wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen.

I. Die Kla­ge ist un­be­gründet. Die Kläge­rin stand nicht in ei­nem Ar­beits­verhält­nis zum Be­klag­ten.

1. Ar­beit­neh­mer ist, wer auf­grund ei­nes pri­vat­recht­li­chen Ver­trags im Diens­te ei­nes an­de­ren zur Leis­tung wei­sungs­ge­bun­de­ner, fremd­be­stimm­ter Ar­beit in persönli­cher Abhängig­keit ver­pflich­tet ist (BAG 14. März 2007 - 5 AZR 499/06 - Rn. 13 mwN, AP BGB § 611 Ar­beit­neh­merähn­lich­keit Nr. 13 = EzA BGB 2002 § 611 Ar­beit­neh­mer­be­griff Nr. 10).
 


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a) Das Wei­sungs­recht kann In­halt, Durchführung, Zeit, Dau­er und Ort der Tätig­keit be­tref­fen. Ar­beit­neh­mer ist der­je­ni­ge Mit­ar­bei­ter, der nicht im We­sent­li­chen frei sei­ne Tätig­keit ge­stal­ten und sei­ne Ar­beits­zeit be­stim­men kann (vgl. § 84 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 HGB; BAG 25. Mai 2005 - 5 AZR 347/04 - zu I der Gründe mwN, BA­GE 115, 1). Der Grad der persönli­chen Abhängig­keit hängt da­bei auch von der Ei­gen­art der je­wei­li­gen Tätig­keit ab. Letzt­lich kommt es für die Be­ant­wor­tung der Fra­ge, wel­ches Rechts­verhält­nis im kon­kre­ten Fall vor­liegt, auf ei­ne Ge­samtwürdi­gung al­ler maßge­ben­den Umstände des Ein­zel­falls an. Der je­wei­li­ge Ver­trags­typ er­gibt sich aus dem wirk­li­chen Geschäfts­in­halt. Die zwin­gen­den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen für Ar­beits­verhält­nis­se können nicht da­durch ab­be­dun­gen wer­den, dass die Par­tei­en ih­rem Ar­beits­verhält­nis ei­ne an­de­re Be­zeich­nung ge­ben. Der ob­jek­ti­ve Geschäfts­in­halt ist den aus­drück­lich ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen und der prak­ti­schen Durchführung des Ver­trags zu ent­neh­men. Wi­der­spre­chen sich Ver­ein­ba­rung und tatsächli­che Durchführung, ist Letz­te­re maßge­bend (BAG 15. Fe­bru­ar 2012 - 10 AZR 301/10 - Rn. 13, NZA 2012, 731; 20. Mai 2009 - 5 AZR 31/08 - Rn. 19 mwN, AP BGB § 611 Ar­beit­neh­merähn­lich­keit Nr. 16 = EzA BGB 2002 § 611 Ar­beit­neh­mer­be­griff Nr. 15).


b) Mit dem Ar­beits­verhält­nis ist ty­pi­scher­wei­se die Ver­ein­ba­rung oder je­den­falls die be­rech­tig­te Er­war­tung ei­ner an­ge­mes­se­nen Ge­gen­leis­tung für die ver­spro­che­nen Diens­te ver­bun­den, wie aus §§ 611, 612 BGB her­vor­geht (vgl. HWK/Thüsing 5. Aufl. BGB vor § 611 Rn. 10, § 612 Rn. 8; ErfK/Preis 12. Aufl. § 611 BGB Rn. 20 f.; BAG 11. De­zem­ber 2003 - 2 AZR 667/02 - zu B III 2 c der Gründe, BA­GE 109, 87). We­sen des Ar­beits­verhält­nis­ses ist der Aus­tausch von Ar­beit und Lohn. Der dem Ar­beits­verhält­nis zu­grun­de lie­gen­de Ver­trag ist ein ge­gen­sei­ti­ger Ver­trag (§ 611 BGB). Ob ei­ne be­rech­tig­te Vergütungs­er­war­tung be­steht, rich­tet sich nach der Art der Ar­beit und nach den Umständen, un­ter de­nen sie ge­leis­tet wird (§ 612 Abs. 1 BGB). Auch wenn die Er­werbs­ab­sicht kei­ne not­wen­di­ge Be­din­gung für die Ar­beit­neh­mer­ei­gen­schaft ist, spricht ihr Feh­len doch im Rah­men ei­ner Ge­samtwürdi­gung ge­gen die An­nah­me ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses. Denn ty­pi­scher­wei­se ver­folgt ein Ar­beit­neh­mer das Ziel, für sei­ne Ar­beit ein Ent­gelt zu er­hal­ten. Dass ne­ben die­sem ma­te­ri­el­len In­te­res-
 


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se oft­mals auch im­ma­te­ri­el­le In­ter­es­sen ei­ne Rol­le spie­len, schließt nicht aus, die Er­werbs­ab­sicht als we­sent­li­ches Merk­mal zur Ab­gren­zung von Tätig­kei­ten her­an­zu­zie­hen, die vor­wie­gend auf ide­el­len Be­weg­gründen be­ru­hen (BAG 26. Sep­tem­ber 2002 - 5 AZB 19/01 - zu B II 4 a der Gründe, BA­GE 103, 20; vgl. auch 28. Ju­li 1999 - 4 AZR 192/98 - zu 1 a aa der Gründe, BA­GE 92, 140). Es ist ge­ra­de die durch die Ent­gelt­lich­keit ver­mit­tel­te Funk­ti­on der Si­che­rung wirt­schaft­li­cher Exis­tenz des Ar­beit­neh­mers, die Ge­gen­stand des grund­recht­li­chen Schut­zes nach Art. 12 Abs. 1 GG ist (BVerfG 27. Ja­nu­ar 1998 - 1 BvL 15/87 - zu B I 3 b aa der Gründe, BVerfGE 97, 169).


c) Diens­te können auch im Rah­men ei­nes Auf­trags ver­rich­tet wer­den. Durch die An­nah­me ei­nes Auf­trags ver­pflich­tet sich der Be­auf­trag­te, ein ihm von dem Auf­trag­ge­ber über­tra­ge­nes Geschäft für die­sen un­ent­gelt­lich zu be­sor­gen (§ 662 BGB). Der Auf­trag hat mit dem Ar­beits­verhält­nis ge­mein, dass der Be­auf­trag­te im Zwei­fel in Per­son zu leis­ten hat (§ 664 BGB) und Wei­sun­gen des Auf­trag­ge­bers un­ter­liegt (§ 665 BGB). Al­ler­dings be­zieht sich das Wei­sungs­recht des Auf­trag­ge­bers, an­ders als das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­bers nach § 106 Ge­wO, re­gelmäßig auf ei­nen be­stimm­ten Auf­trag und ist in sei­nen Rechts­wir­kun­gen auch des­halb be­grenzt, weil die Tätig­keit des Be­auf­trag­ten nicht im Ge­gen­sei­tig­keits­verhält­nis zu ei­ner für sie zu zah­len­den Vergütung steht. Das Auf­trags­verhält­nis un­ter­schei­det sich vom Ar­beits­verhält­nis durch die Un­ent­gelt­lich­keit der zu er­brin­gen­den Diens­te (vgl. HWK/Thüsing BGB vor § 611 Rn. 10; ErfK/Preis § 611 BGB Rn. 20 f.; Münch­KommBGB/Sei­ler 5. Aufl. BGB § 662 Rn. 25, der al­ler­dings die Taug­lich­keit der Ent­gelt­lich­keit als Ab­gren­zungs­merk­mal be­zwei­felt; eben­so MüKoBGB/Müller-Glöge 6. Aufl. BGB § 611 Rn. 34) und durch die je­der­zeit für bei­de Sei­ten be­ste­hen­de Möglich­keit grund­lo­ser Be­en­di­gung (§ 671 BGB). Je­den­falls zeigt § 662 BGB, dass dem Ge­setz die un­ent­gelt­li­che Leis­tung von Diens­ten nicht schon um ih­rer Un­ent­gelt­lich­keit wil­len fremd ist. Außer­dem wei­sen ei­ni­ge ge­setz­li­che Vor­schrif­ten dar­auf hin, dass wei­sungs­ge­bun­de­ne Tätig­kei­ten, die Ge­gen­stand ei­nes Ar­beits­ver­trags sein können, auch eh­ren­amt­lich aus­geübt wer­den können (vgl. zB § 11 Abs. 1 BWahlG). Es gibt kei­nen Rechts­satz des In­halts, dass Diens­te in persönli­cher Abhängig­keit aus­sch­ließlich auf­grund ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses



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er­bracht wer­den können (BAG 6. Ju­li 1995 - 5 AZB 9/93 - zu B I 2 b der Gründe, BA­GE 80, 256).


d) In­des darf - wie die Be­gründung ver­eins­recht­li­cher Ar­beits­pflich­ten (BAG 6. Ju­li 1995 - 5 AZB 9/93 - zu B I 2 b der Gründe, BA­GE 80, 256) - auch die Be­auf­tra­gung zu eh­ren­amt­li­cher Tätig­keit nicht zur Um­ge­hung zwin­gen­der ar­beits­recht­li­cher Schutz­be­stim­mun­gen führen. Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann ein Rechts­geschäft ge­gen §§ 134, 138 BGB ver­s­toßen, wenn es sich als Um­ge­hung zwin­gen­der Rechts­nor­men dar-stellt (BAG 26. Sep­tem­ber 2002 - 5 AZB 19/01 - zu B II 1 der Gründe, BA­GE 103, 20).


2. Ge­mes­sen an die­sen Grundsätzen ist die Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, dass die Kläge­rin nicht Ar­beit­neh­me­rin des Be­klag­ten war, nicht zu be­an­stan­den.


a) Die Kläge­rin un­ter­lag kei­nem ar­beits­recht­li­chen Di­rek­ti­ons­recht. Der Be­klag­te ord­ne­te den Ein­satz der Kläge­rin nicht an. Das auf­trags­recht­li­che Wei­sungs­recht hätte sol­che An­ord­nun­gen auch nicht ge­deckt. Die Kläge­rin er­hielt vom Be­klag­ten kei­ne Wei­sung, zu be­stimm­ten Zei­ten Te­le­fon­dienst zu leis­ten. Sie war auch frei zu ent­schei­den, ob sie sich über­haupt in die Dienst­pläne ein­tra­gen woll­te. Al­ler­dings wur­de von ihr er­war­tet, dass sie im Mo­nat zehn St­un­den zum Te­le­fon­dienst be­reit stand. Fer­ner war sie an Wei­sun­gen des Be­klag­ten ge­bun­den, was die in­halt­li­che Ge­stal­tung ih­rer Be­ra­tungs­auf­ga­be be­trifft. Sie hat­te die Dienst­ord­nung für die Te­le­fon­seel­sor­ge zu be­ach­ten, nach ins Ein­zel­ne ge­hen­der Vor­schrift Gesprächs­ver­mer­ke an­hand ei­nes Form­blatts zu er­stel­len und die in den „Stich­wor­ten zum TS-Dienst“ ent­hal­te­nen Vor­ga­ben zu be­ach­ten. Die­se Umstände wa­ren aber im Streit­fall nicht Aus­druck ei­nes von dem Be­klag­ten in An­spruch ge­nom­me­nen ar­beits­ver­trag­li­chen Di­rek­ti­ons­rechts, son­dern hiel­ten sich in den für den Auf­trag ty­pi­schen, auf die Er­le­di­gung des je­wei­li­gen Auf­trags be­zo­ge­nen Gren­zen des Wei­sungs­rechts nach § 665 BGB. Den In­halt ih­rer Te­le­fon­gespräche hat­te al­lein die Kläge­rin zu ver­ant­wor­ten.


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b) Je­den­falls spricht ent­schei­dend ge­gen die Ar­beit­neh­mer­ei­gen­schaft der Kläge­rin, dass sie die Tätig­keit un­ent­gelt­lich und oh­ne Vergütungs­er­war­tung als eh­ren­amt­li­che ka­ri­ta­ti­ve Ar­beit leis­te­te. Den ka­ri­ta­ti­ven und un­ent­gelt­li­chen Cha­rak­ter ih­rer Tätig­keit zieht die Kläge­rin selbst nicht in Zwei­fel. Ih­re Tätig­keit hat sie nicht in der Er­war­tung ei­ner Ge­gen­leis­tung er­bracht. Sie be­an­sprucht auch mit der Kla­ge kei­ne Vergütung für das von ihr ent­fal­te­te seel­sor­ge­ri­sche Wir­ken. Die­ses soll­te nicht, auch nicht teil­wei­se, der Si­che­rung oder Ver­bes­se­rung ih­rer wirt­schaft­li­chen Exis­tenz die­nen. Das An­lie­gen der Kläge­rin galt dem frei­wil­li­gen und un­ent­gelt­li­chen Ein­satz für die Sor­gen und Nöte der rat- und trost­bedürf­ti­gen An­ru­fer. Es war Aus­druck ei­ner re­li­giös be­gründe­ten in­ne­ren Hal­tung ge­genüber dem Ge­mein­wohl und ge­genüber ih­ren Mit­men­schen. Die­sem un­ent­gelt­li­chen und eh­ren­amt­li­chen Cha­rak­ter ent­sprach es, dass die Par­tei­en in der Ver­ein­ba­rung über die „Be­auf­tra­gung“ der Kläge­rin die Be­en­di­gung ih­rer Zu­sam­men­ar­beit ent­spre­chend den Vor­schrif­ten des Auf­trags­rechts ge­re­gelt ha­ben, wo­nach es kei­ner Kündi­gung be­darf. Außer­dem war je­der­zei­ti­ger Wi­der­ruf möglich. Auch für die Kündi­gung der Kläge­rin war kei­ne Frist vor­ge­schrie­ben, viel­mehr wur­de ihr - ent­spre­chend § 671 Abs. 2 BGB - le­dig­lich emp­foh­len, ih­ren Wunsch „we­nigs­tens drei Mo­na­te vor­her“ mit­zu­tei­len. Un­ter die­sen Umständen wäre die Er­war­tung ei­ner Vergütung für die Tätig­keit auch nicht be­rech­tigt ge­we­sen.


c) An­halts­punk­te für ei­ne Um­ge­hung zwin­gen­der ar­beits­recht­li­cher Vor­schrif­ten sind nicht er­kenn­bar. Dass Tätig­kei­ten der vor­lie­gen­den ka­ri­ta­ti­ven und seel­sor­ge­ri­schen Art oh­ne Ent­gelt ge­leis­tet wer­den können, zeigt die vielfälti­ge An­er­ken­nung die­ser Beschäfti­gungs­for­men durch den Ge­setz­ge­ber. So gel­ten et­wa nach § 5 Abs. 2 Nr. 3 Be­trVG Per­so­nen, de­ren Beschäfti­gung nicht in ers­ter Li­nie ih­rem Er­werb dient, son­dern vor­wie­gend durch Be­weg­gründe ka­ri­ta­ti­ver oder re­li­giöser Art be­stimmt ist, nicht als Ar­beit­neh­mer.

3. Über die Fra­ge, wel­chen recht­li­chen Be­gren­zun­gen die Be­en­di­gung ei­nes Auf­trags nach § 671 BGB un­ter­liegt und ob der Be­klag­te sei­nen ei­ge­nen Ansprüchen an den Um­gang mit eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­tern ge­recht ge­wor­den ist, hat­te der Se­nat nicht zu ent­schei­den.
 


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II. Die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens fal­len der Kläge­rin nach § 97 Abs. 1 ZPO zur Last.

Mi­kosch

W. Rein­fel­der 

Schmitz-Scho­le­mann

Si­mon 

Fie­back

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