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BAG, Ur­teil vom 18.11.2014, 1 AZR 257/13

   
Schlagworte: Fragerecht, Gewerkschaft, Tarifpluralität
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 1 AZR 257/13
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 18.11.2014
   
Leitsätze:

1. Art. 9 Abs. 3 GG schützt eine Gewerkschaft auch darin, der Arbeitgeberseite in einer konkreten Tarifvertragsverhandlungssituation Angaben über ihren Organisationsgrad und die Verteilung ihrer Mitglieder in bestimmten Betrieben vorzuenthalten.

2. Verlangt ein Arbeitgeber während laufender Tarifvertragsverhandlungen von seinen Arbeitnehmern die Offenlegung ihrer Gewerkschaftszugehörigkeit, handelt es sich um eine gegen die gewerkschaftliche Koalitionsbetätigungsfreiheit gerichtete Maßnahme.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 15.2.2011 - 10 Ca 6462/10
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 7.11.2012 - 12 Sa 654/11
   

Bun­des­ar­beits­ge­richt

1 AZR 257/13

12 Sa 654/11

Hes­si­sches

Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

18. No­vem­ber 2014

Ur­teil

Met­ze, Ur­kunds­be­am­ter

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Kläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te, Re­vi­si­onskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

pp.

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin, Re­vi­si­ons­be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin

 

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 18. No­vem­ber 2014 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Koch, die Rich­te-

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rin am Bun­des­ge­richt K. Schmidt so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wiss­kir­chen und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schwit­zer für Recht er­kannt:

Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 7. No­vem­ber 2012 - 12 Sa 654/11 - wird zurück­ge­wie­sen.

Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das ge­nann­te Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts in­so­weit auf­ge­ho­ben, als es die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 15. Fe­bru­ar 2011 - 10 Ca 6462/10 - zurück­ge­wie­sen hat. Die Kla­ge wird auch in­so­weit ab­ge­wie­sen.

Die Kläge­rin hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand



Die Par­tei­en strei­ten über die Be­fug­nis der Ar­beit­ge­be­rin, be­triebs­zu­gehöri­ge Ar­beit­neh­mer nach ih­rer Mit­glied­schaft in ei­ner be­stimm­ten Ge­werk­schaft zu be­fra­gen.

Die Kläge­rin - die Ge­werk­schaft Deut­scher Lo­ko­mo­tivführer (GDL) - or­ga­ni­siert ua. das Fahr­per­so­nal von Nah­ver­kehrs­un­ter­neh­men im Frei­staat Bay­ern und ist Mit­glied der dbb ta­rif­uni­on. Die Be­klag­te ist als kom­mu­na­les Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men mit Sitz in M ua. im Per­so­nen­nah­ver­kehr tätig und gehört dem Kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­ver­band Bay­ern e.V. (KAV Bay­ern) an. Die­ser schloss am 18. Au­gust 2006 mit der dbb ta­rif­uni­on so­wie mit der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft (ver.di) - Lan­des­be­zirk Bay­ern - je­weils ei­nen gleich­lau­ten­den, am 1. Ja­nu­ar 2007 in Kraft ge­tre­te­nen „Ta­rif­ver­trag Nah­ver­kehrs­be­trie­be Bay­ern (TV-N Bay­ern)“. Seit­dem ent­hal­ten die Ar­beits­verträge der bei der Be­klag­ten beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ei­ne Be­zug­nah­me auf den TV-N Bay­ern. Zu­vor ge­schlos­se­ne „Alt“ar­beits­verträge ver­wei­sen - in un­ter-

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schied­li­chen For­mu­lie­run­gen - auf die Be­stim­mun­gen des „Bun­des­man­tel­ta­rif­ver­trags für Ar­bei­ter ge­meind­li­cher Ver­wal­tun­gen und Be­trie­be“.

Nach Kündi­gun­gen des je­weils mit ih­nen ge­schlos­se­nen TV-N Bay­ern (in den Fas­sun­gen des 2. Ände­rungs­ta­rif­ver­trags) zum 30. Ju­ni 2010 ver­han­del­ten ver.di und dbb ta­rif­uni­on zunächst ge­mein­sam mit dem KAV Bay­ern über ei­nen neu­en Ta­rif­ab­schluss. Am 20. Au­gust 2010 er­ziel­ten ver.di und der KAV Bay­ern ei­ne Ei­ni­gung. Die dbb ta­rif­uni­on erklärte in ei­nem an den KAV Bay­ern ge­rich­te­ten Schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 „die Ver­hand­lun­gen … for­mal für ge­schei­tert“ und teil­te mit, dass „der Vor­stand … die Durchführung der Ur­ab­stim­mung be­schlos­sen“ ha­be. Mit Schrei­ben vom sel­ben Tag wand­te sich die Be­klag­te an „die Ta­rif­beschäftig­ten des Un­ter­neh­mens­be­reichs Ver­kehr“. Das Schrei­ben und ein ihm bei­ge­leg­tes Ant­wort­for­mu­lar lau­ten:


„…

es hat nach Kündi­gung des Ta­rif­ver­trag Nah­ver­kehrs­be­trie­be Bay­ern (TV-N Bay­ern) durch die Ge­werk­schaft ver.di und GDL/dbb Ta­rif­uni­on meh­re­re Ver­hand­lungs­run­den, zu­letzt am 20. Au­gust 2010, in Nürn­berg ge­ge­ben.

Mit der Ge­werk­schaft ver.di wur­de am 20. Au­gust 2010 ei­ne Ta­rif­ei­ni­gung er­zielt.

Die­se Ei­ni­gung sieht un­ter an­de­rem be­reits zum 1. Sep­tem­ber ei­ne Erhöhung des Ta­bel­len­ent­gel­tes um 1,6% so­wie ei­ne Ein­mal­zah­lung von 240 EUR vor.

Eben­falls wur­de mit ver.di ver­ein­bart, dass die Schicht- und Wech­sel­schicht­zu­la­gen ab dem 1. Sep­tem­ber 2010 um 1,6 % erhöht wer­den und es zu zusätz­li­chen struk­tu­rel­len Ver­bes­se­run­gen beim Zu­satz­ur­laub für Nacht­ar­beit kommt.

Im Ge­gen­satz da­zu, hat die GDL / dbb ta­rif­uni­on die Ver­hand­lun­gen für ge­schei­tert erklärt.

Ansprüche aus der Ei­ni­gung mit der Ge­werk­schaft ver.di können GDL Mit­glie­der da­her nicht gel­tend ma­chen.

Für die Mit­glie­der der GDL gibt es kei­ne ent­spre­chen­de Ei­ni­gung über ei­ne pro­zen­tua­le Erhöhung des Ta­bel­len­ent­gel­tes, der Erhöhung der Schicht- und Wech­sel­schicht­zu­la­gen, der struk­tu­rel­len Ver­bes­se­run­gen beim Zu­satz­ur­laub für Nacht­ar­beit so­wie über ei­ne Ein­mal­zah­lung zum 01. Sep­tem­ber 2010.

 

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Da­mit die S M GmbH ih­rer ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tun­gen auf die Um­set­zung des mit ver.di ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­tra­ges nach­kom­men kann und - wie auch in der Ver­gan­gen­heit - die nicht­or­ga­ni­sier­ten Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter eben­falls an der Um­set­zung teil­ha­ben, sind wir auf Ih­re Mit­wir­kung an­ge­wie­sen.

Dies ist in Ih­rem ei­ge­nen In­ter­es­se, da wir oh­ne Be­ant­wor­tung und Rück­mel­dung der als An­la­ge bei­geführ­ten Fra­ge da­von aus­ge­hen müssen, dass Sie kei­nen An­spruch auf die Um­set­zung des Ta­rif­er­geb­nis­ses aus der Ei­ni­gung vom 20.08.2010 ha­ben.

Ih­re Ant­wort wird aus­sch­ließlich für die Prüfung ei­nes An­spru­ches auf die Ta­rif­ei­ni­gung mit der Ge­werk­schaft ver.di ver­wen­det.

Bit­te sen­den oder fa­xen Sie uns Ih­re Ant­wort un­ter­schrie­ben bis spätes­tens 10. Sep­tem­ber 2010 in bei­gefügtem Rück­ant­wort­ku­vert an Herrn D, P-SC-S1. Soll­ten Sie an der zeit­ge­rech­ten Rück­mel­dung ge­hin­dert sein, ho­len Sie die­se schnellstmöglich nach. So­lan­ge kei­ne Rück­mel­dung er­folgt, kann die Ta­rif­ei­ni­gung für Sie in der Ent­gel­tab­rech­nung nicht um­ge­setzt wer­den.



Rück­ant­wort



Na­me: …

Vor­na­me: …

Per­so­nal­num­mer: …


Hier­mit erkläre ich, dass ich Mit­glied der Ge­werk­schaft Deut­scher Lo­ko­mo­tivführer GDL bin (bit­te an­kreu­zen).


ja ☐

nein ☐


M, den ……………………


Un­ter­schrift“

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Im An­schluss an ei­ne Ur­ab­stim­mung vom 1. bis 6. Sep­tem­ber 2010 rief die dbb ta­rif­uni­on - in Ab­stim­mung mit der GDL - erst­mals für den 10. Sep­tem­ber 2010 zum Streik auf. Nach wei­te­ren Streik­auf­ru­fen ei­nig­ten sich die dbb ta­rif­uni­on und der KAV Bay­ern am 15. No­vem­ber 2010 über Ände­run­gen des TV-N Bay­ern mit Wir­kung ua. zum 1. Sep­tem­ber 2010.

Durch die Be­fra­gungs­ak­ti­on vom 25. Au­gust 2010 sieht sich die Kläge­rin in ih­ren Rech­ten aus Art. 9 Abs. 3 GG be­ein­träch­tigt. Mit ih­rer am 22. Sep­tem­ber 2010 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge - und späte­ren Kla­ge­er­wei­te­run­gen um Hilfs­anträge - hat sie die Be­klag­te auf Un­ter­las­sung in An­spruch ge­nom­men. Zur Be­gründung hat sie erst­in­stanz­lich vor­ge­bracht, es ge­he nicht dar­um, ob ein Ar­beit­ge­ber ge­ne­rell be­rech­tigt sei, die bei ihm beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer nach ei­ner be­stimm­ten Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit zu fra­gen; ei­ne Be­fug­nis der Be­klag­ten zur Fra­ge nach der Zu­gehörig­keit zur GDL sei „in der mo­men­ta­nen kon­kre­ten Si­tua­ti­on“ aber „nicht ge­ra­ten“ ge­we­sen. Das Schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 ha­be auf die Einschätzung ih­res Or­ga­ni­sa­ti­ons­gra­des im Un­ter­neh­men der Be­klag­ten ge­zielt. Das ver­let­ze sie in ih­rer Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Un­ter den kon­kre­ten be­trieb­li­chen und ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Umständen sei­en kei­ne Fall­kon­stel­la­tio­nen denk­bar, in de­nen die Be­klag­te die Ta­rif­ge­bun­den­heit der bei ihr beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ken­nen müsse. Vor al­lem in der Be­ru­fungs­in­stanz hat die Kläge­rin den Stand­punkt ein­ge­nom­men, ein Fra­ge­recht des Ar­beit­ge­bers nach der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit der bei ihm beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer be­ste­he grundsätz­lich nicht. Ei­ne sol­che Fra­ge sei im­mer, al­so un­abhängig von ei­nem Zu­sam­men­hang mit Ar­beits­kampf oder Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen und auch un­abhängig da­von, ob der Ar­beit­ge­ber die Mit­glied­schaft von Ar­beit­neh­mern in an­de­ren Ge­werk­schaf­ten eru­ie­re, ein nicht ge­recht­fer­tig­ter Ein­griff in die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der be­trof­fe­nen Ge­werk­schaft. Das gel­te auch in ei­nem ta­rifp­lu­ra­len Be­trieb.

Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt,


die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, es zu un­ter­las­sen, die in ih­rem Un­ter­neh­men beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer schrift­lich auf­zu­for­dern, schrift­lich zu erklären, ob sie Mit­glied der Ge­werk­schaft Deut­scher Lo­ko­mo­tivführer GDL sind oder nicht;

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hilfs­wei­se,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, es zu un­ter­las­sen, die in ih­rem Un­ter­neh­men beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer schrift­lich auf­zu­for­dern, schrift­lich zu erklären, ob sie Mit­glied der Ge­werk­schaft deut­scher Lo­ko­mo­tivführer GDL sind oder nicht, es sei denn, dass die Fra­ge zur Klärung der An­wen­dung von Ar­beits­be­din­gun­gen aus ei­nem mit der Kläge­rin ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag er­for­der­lich ist.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt und ge­meint, im Hin­blick auf die Gel­tung meh­re­rer Ta­rif­verträge in ih­rem Be­trieb sei sie zu der mit dem Schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 for­mu­lier­ten Auf­for­de­rung be­rech­tigt ge­we­sen. We­gen der mit ver.di er­ziel­ten Ta­rif­ei­ni­gung ha­be sie wis­sen müssen, wer Mit­glied der GDL sei, denn die­sen Beschäftig­ten hätten kei­ne - auch kei­ne ver­trag­li­chen - Ansprüche aus der Ei­ni­gung zu­ge­stan­den. Zu­dem fol­ge ih­re Be­rech­ti­gung zu der ge­stell­ten Fra­ge in ei­ner Ar­beits­kampf­si­tua­ti­on wie der im Au­gust/Sep­tem­ber 2010 be­ste­hen­den dar­aus, dass sie we­gen der auf die Mit­glie­der der GDL zu be­schränken­den Möglich­keit von Aus­sper­run­gen wis­sen müsse, wer in die­ser als der streikführen­den Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert sei. Auch für das Auf­stel­len von Not­e­in­satz­plänen in ih­rem Un­ter­neh­men der Da­seins­vor­sor­ge sei die­se Kennt­nis un­erläss­lich ge­we­sen. Un­ge­ach­tet des­sen set­ze die An­er­ken­nung der Ta­rifp­lu­ra­lität ein ge­ne­rel­les Fra­ge­recht des Ar­beit­ge­bers nach der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit der bei ihm beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer zu­min­dest während des Be­stands des Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus. Nur so könne sich der Ar­beit­ge­ber ge­set­zes­kon­form ver­hal­ten.

Das Ar­beits­ge­richt hat dem Haupt­an­trag der Kläge­rin statt­ge­ge­ben und aus­geführt, die Be­fra­gung der Ar­beit­neh­mer nach ih­rer Zu­gehörig­keit zur Kläge­rin ver­let­ze die­se in ih­rem Ko­ali­ti­ons­recht „un­abhängig von ih­rer zeit­li­chen La­ge im Zu­sam­men­hang mit ei­nem Ar­beits­kampf oder Ta­rif­ver­hand­lun­gen und un­abhängig da­von, ob auch die Mit­glied­schaft in an­de­ren Ge­werk­schaf­ten und die Nicht­or­ga­ni­sa­ti­on er­fragt“ wer­de. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten den Haupt­an­trag ab­ge­wie­sen und nach dem zu­letzt ge­stell­ten Hilfs­an­trag er­kannt. Mit ih­rer Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils und be­an­tragt außer­dem „äußerst hilfs­wei­se

 

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die Be­klag­te zu ver­pflich­ten, es zu un­ter­las­sen, Ar­beit­neh­mer ih­res Be­trie­bes nach der Mit­glied­schaft in der Kläge­rin zu be­fra­gen, oh­ne gleich­zei­tig auch nach der Mit­glied­schaft in an­de­ren Ge­werk­schaf­ten, die Ta­rif­verträge ab­ge­schlos­sen ha­ben, die im Be­trieb Gel­tung ha­ben, zu fra­gen“. Die Be­klag­te ver­folgt mit ih­rer Re­vi­si­on die Ab­wei­sung auch des Hilfs­an­trags. Im Übri­gen be­an­tra­gen bei­de Par­tei­en je­weils die Zurück­wei­sung der geg­ne­ri­schen Re­vi­si­on.

 

 

Ent­schei­dungs­gründe



Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat das hauptsächli­che Un­ter­las­sungs­be­geh­ren im Er­geb­nis zu Recht ab­ge­wie­sen. Der nicht auf ei­nen Sach­ver­halt wie den An­lass­fall des Schrei­bens vom 25. Au­gust 2010 be­schränk­te, son­dern al­le denk­ba­ren Fall­ge­stal­tun­gen um­fas­sen­de Un­ter­las­sungs­an­spruch be­steht schon aus de­liktsrecht­li­chen Gründen nicht. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten hat da­ge­gen Er­folg. Zu Un­recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nach dem Hilfs­an­trag der Kläge­rin er­kannt. Die­ser ist un­zulässig. Bei dem höchst hilfs­wei­sen An­trag der Kläge­rin han­delt es sich um ei­ne in der Re­vi­si­ons­in­stanz un­zulässi­ge Kla­geände­rung.

A. Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ist un­be­gründet.

I. Sie hat nicht be­reits des­halb Er­folg, weil das Lan­des­ar­beits­ge­richt mit der Abände­rung des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils und der Ab­wei­sung des Haupt­an­trags un­ter Ver­s­toß ge­gen § 308 Abs. 1 ZPO über ei­nen an­de­ren Streit­ge­gen­stand als den von der Kläge­rin zur Ent­schei­dung ge­stell­ten be­fun­den hat. Al­ler­dings kommt es durch­aus in Be­tracht, dass je­den­falls das Ar­beits­ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO ver­letzt hat.

1. Nach § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist das Ge­richt nicht be­fugt, ei­ner Par­tei et­was zu­zu­spre­chen, was nicht be­an­tragt ist. Um­ge­kehrt darf die be­klag­te Par­tei nicht zu et­was an­de­rem ver­ur­teilt wer­den als zu dem, wor­auf sie ih­re Ver­tei­di­gung ein­rich­ten muss­te. Das ist Aus­druck der den Zi­vil­pro­zess be­herr­schen-

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den Dis­po­si­ti­ons­ma­xi­me. Das Ge­richt darf der kla­gen­den Par­tei we­der quan­ti­ta­tiv mehr noch qua­li­ta­tiv et­was an­de­res zu­er­ken­nen. Ein in den Vor­in­stan­zen er­folg­ter Ver­s­toß ge­gen § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist vom Re­vi­si­ons­ge­richt von Amts we­gen zu be­ach­ten (BAG 28. Fe­bru­ar 2006 - 1 AZR 460/04 - Rn. 10 mwN, BA­GE 117, 137).

2. Vor­lie­gend kann im Er­geb­nis of­fen blei­ben, ob das Ar­beits­ge­richt der Kläge­rin et­was an­de­res zu­ge­spro­chen hat als die­se erst­in­stanz­lich be­an­tragt hat­te.

a) Der ar­beits­ge­richt­li­che Ent­schei­dungs­aus­spruch ist sprach­lich nicht an­ders ge­fasst als der von der Kläge­rin ge­stell­te Haupt­an­trag. Aus­ge­hend vom An­trags­verständ­nis liegt es den­noch na­he, dass das Ar­beits­ge­richt über et­was an­de­res ent­schie­den hat als das von der Kläge­rin Be­gehr­te.

aa) Ent­schei­dend für die Be­ur­tei­lung der Fra­ge, wel­chen Streit­ge­gen­stand ein Kläger mit ei­nem An­trag zur Ent­schei­dung ge­stellt und über wel­chen Streit­ge­gen­stand das Ge­richt ent­schie­den hat, ist nicht al­lein der Wort­laut von An­trag und Ur­teils­aus­spruch. Es kommt viel­mehr auf de­ren - ggf. durch Aus­le­gung zu er­mit­teln­den - streit­ge­genständ­li­chen In­hal­te an. Der Streit­ge­gen­stand (der pro­zes­sua­le An­spruch) wird durch den Kla­ge­an­trag be­stimmt, in dem sich die vom Kläger in An­spruch ge­nom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Le­bens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund), aus dem der Kläger die be­gehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet (vgl. zB BAG 26. Ju­ni 2013 - 5 AZR 428/12 - Rn. 16 mwN). Nach die­sem „zwei­glied­ri­gen Streit­ge­gen­stand“ im Zi­vil­pro­zess kenn­zeich­net al­lein das Kla­ge­ziel den Streit­ge­gen­stand nicht. Zum Streit­ge­gen­stand zählen viel­mehr al­le Tat­sa­chen, die bei ei­ner natürli­chen, vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den, den Sach­ver­halt sei­nem We­sen nach er­fas­sen­den Be­trach­tungs­wei­se zu dem zur Ent­schei­dung ge­stell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehören, der zur Stützung des Rechts­schutz­be­geh­rens un­ter­brei­tet wird (vgl. BAG 15. Mai 2013 - 7 AZR 665/11 - Rn. 23, BA­GE 145, 142; 11. Ok­to­ber 2011 - 3 AZR 795/09 - Rn. 17 mwN; vgl. zum iden­ti­schen Streit­ge­gen­stands­be­griff im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren zB BAG 5. März 2013 - 1 ABR 75/11 - Rn. 13). Der Streit­ge­gen­stand wird aus­sch­ließlich vom Kläger mit sei­nem Kla­ge­be­geh­ren be­stimmt.

 

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Das Vor­brin­gen des Be­klag­ten oder Ver­tei­di­gungs­vor­brin­gen des Klägers ge­genüber dem Be­klag­ten­vor­trag verändert den vom Kläger mit sei­nem An­trag und sei­nem Kla­ge­vor­brin­gen fest­ge­leg­ten Streit­ge­gen­stand nicht (BAG 25. Sep­tem­ber 2013 - 10 AZR 454/12 - Rn. 17, BA­GE 146, 123; BGH 23. Ju­li 2008 - XII ZR 158/06 - Rn. 20). Er ändert sich iSv. § 263 ZPO je­doch dann, wenn zwar nicht der ge­stell­te An­trag als sol­cher, aber der ihm zu­grun­de lie­gen­de Le­bens­sach­ver­halt ein an­de­rer ge­wor­den ist (BAG 2. Ok­to­ber 2007 - 1 ABR 79/06 - Rn. 18).

bb) Bei ei­nem Un­ter­las­sungs­an­trag be­steht die be­gehr­te Rechts­fol­ge in dem Ver­bot ei­ner be­stimm­ten - als rechts­wid­rig an­ge­grif­fe­nen - Ver­hal­tens­wei­se (Ver­let­zungs­form), die der Kläger in sei­nem An­trag so­wie sei­ner zur An­trags­aus­le­gung her­an­zu­zie­hen­den Kla­ge­be­gründung fest­ge­legt hat und mit dem An­trag ab­stra­hie­rend be­schrei­ben muss. Die Ver­let­zungs­hand­lung stellt den Kla­ge­grund dar, durch den der Streit­ge­gen­stand der Un­ter­las­sungs­kla­ge ne­ben dem Kla­ge­ziel be­stimmt wird (vgl. BAG 19. Ja­nu­ar 2010 - 1 ABR 55/08 - Rn. 16 mwN, BA­GE 133, 75). Die um­schrie­be­ne Ver­let­zungs­form be­stimmt und be­grenzt den In­halt des Kla­ge­be­geh­rens.

cc) Ge­mes­sen hier­an spricht vie­les dafür, dass die Kläge­rin den erst­in­stanz­lich ge­stell­ten Un­ter­las­sungs­haupt­an­trag nur auf sol­che schrift­li­che Be­fra­gun­gen der bei der Be­klag­ten beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer nach de­ren Zu­gehörig­keit zur GDL be­zo­gen hat, die in ei­nem Zu­sam­men­hang mit Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen und - sei es sich ab­zeich­nen­den oder be­vor­ste­hen­den - Ar­beits­kampf­maßnah­men ste­hen. Sie hat als be­haup­te­te Ver­let­zungs­hand­lung auf das Schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 und die Be­gleit­umstände sei­ner Fer­ti­gung ver­wie­sen. Un­ter Zu­grun­de­le­gung ei­ner aus ih­rer Sicht ge­ge­be­nen Ziel­rich­tung der schrift­li­chen Be­fra­gung, den Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad der GDL im Be­klag­ten­un­ter­neh­men er­gründen zu wol­len, hat sie den von ihr ver­folg­ten An­spruch auf ei­nen un­zulässi­gen Ein­griff in ih­re Ko­ali­ti­ons­frei­heit gestützt. Es ging ihr (zunächst) nicht all­ge­mein und un­abhängig von den Umständen dar­um, dass die Be­klag­te jeg­li­che schrift­li­che Auf­for­de­run­gen an die bei ihr beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer un­terlässt, ei­ne Erklärung ab­zu­ge­ben, ob sie Mit­glied der Kläge­rin sind oder

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nicht. Das zeigt sich vor al­lem dar­in, dass sie die Be­fug­nis der Be­klag­ten zu der Fra­ge­stel­lung „in der mo­men­ta­nen kon­kre­ten Si­tua­ti­on“ in Ab­re­de ge­stellt und „un­ter den kon­kre­ten be­trieb­li­chen und ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Umständen kei­ner­lei Fall­kon­stel­la­tio­nen“ als „denk­bar“ an­ge­se­hen hat, „in de­nen die Be­klag­te dar­auf an­ge­wie­sen ist, ex­akt zu wis­sen, wel­che nor­ma­ti­ven ta­rif­li­chen Bin­dun­gen zu den … beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern be­ste­hen“. Dem­ge­genüber hat das Ar­beits­ge­richt oh­ne nähe­re Ausführun­gen das Be­geh­ren of­fen­sicht­lich so ver­stan­den, dass es auf die Un­ter­sa­gung jeg­li­cher schrift­li­cher Be­fra­gun­gen von Ar­beit­neh­mern im Un­ter­neh­men der Be­klag­ten zu ei­ner Mit­glied­schaft bei der GDL zielt. Es hat die er­streb­te Un­ter­las­sung als Glo­balan­trag an­ge­se­hen und aus­geführt, es sei­en „kei­ne Kon­stel­la­tio­nen er­sicht­lich“, in de­nen ei­ne Auf­for­de­rung zur Of­fen­le­gung der Zu­gehörig­keit zur Kläge­rin kei­nen Ein­griff in de­ren Ko­ali­ti­ons­frei­heit dar­stell­te. Da­mit hat es aber letzt­lich den mit der Kla­ge zur Ent­schei­dung ge­stell­ten Le­bens­sach­ver­halt er­wei­tert.

b) Ein dar­in lie­gen­der Ver­s­toß ge­gen § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO wäre al­ler­dings in zwei­ter In­stanz ge­heilt.

aa) Die Ver­let­zung des § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO kann ge­heilt wer­den, wenn die kla­gen­de Par­tei sich die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung im zwei­ten Rechts­zug durch den An­trag auf Zurück­wei­sung der Be­ru­fung zu Ei­gen macht (vgl. BAG 28. Fe­bru­ar 2006 - 1 AZR 460/04 - Rn. 15 mwN, BA­GE 117, 137).

bb) Die Kläge­rin hat vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt vor­be­halt­los die Zurück­wei­sung der Be­ru­fung der Be­klag­ten be­an­tragt. Da­mit hat sie sich das erst­in­stanz­li­che Ur­teil - und ins­be­son­de­re des­sen An­trags­verständ­nis - zu Ei­gen ge­macht. Das zei­gen auch ih­re Ausführun­gen in der Be­ru­fungs­er­wi­de­rung, die sich nun­mehr los­gelöst vom kon­kre­ten An­lass­fall - dem Be­klag­ten­schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 - auf jeg­li­che Be­fra­gun­gen der Be­klag­ten zu ei­ner Mit­glied­schaft ih­rer Beschäftig­ten bei der Kläge­rin be­zie­hen. Die Be­klag­te hat hier­ge­gen kei­ne Ein­wen­dun­gen er­ho­ben. Sie hat we­der die Ver­let­zung des § 308 Abs. 1 Satz 1 ZPO gerügt noch sich ge­gen die in dem An­trag auf Zurück­wei­sung der Be­ru­fung et­wa lie­gen­de Kla­ge­er­wei­te­rung ge­wandt. 

 

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II. Das hauptsächli­che Un­ter­las­sungs­be­geh­ren ist in der Fas­sung, das es je­den­falls im zwei­ten Rechts­zug er­fah­ren hat, zulässig, aber un­be­gründet.

1. Der An­trag ist zulässig.

a) Die Kläge­rin ver­langt die Un­ter­las­sung jeg­li­cher schrift­li­cher Auf­for­de­run­gen der Be­klag­ten an die in ih­rem Un­ter­neh­men beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer zu ei­ner schrift­li­chen Erklärung, ob sie bei der Kläge­rin or­ga­ni­siert sind oder nicht. Die­ses Be­geh­ren ist da­hin zu ver­ste­hen, dass die Un­ter­las­sungs­pflicht der Be­klag­ten un­abhängig von der Ziel­rich­tung und den kon­kre­ten Ein­zel­fal­l­umständen ei­ner schrift­li­chen Auf­for­de­rung zu der be­schrie­be­nen Erklärung be­ste­hen soll.

b) In die­sem Verständ­nis be­geg­nen dem in ers­ter Li­nie ver­folg­ten An­trag kei­ne Zulässig­keits­be­den­ken; ins­be­son­de­re ist er hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Er lässt mit der er­for­der­li­chen Deut­lich­keit er­ken­nen, wel­che Hand­lung der Be­klag­ten un­ter­sagt wer­den soll. Dass es sich um ei­nen Glo­balan­trag han­delt, der ei­ne un­be­stimm­te Viel­zahl mögli­cher zukünf­ti­ger Fall­ge­stal­tun­gen er­fasst, steht sei­ner Be­stimmt­heit nicht ent­ge­gen. Er ist aus­nahms­los auf al­le denk­ba­ren Fälle ge­rich­tet. Ob das ver­folg­te Un­ter­las­sungs­be­geh­ren für sämt­li­che Fälle be­rech­tigt ist, be­trifft die Be­gründet­heit und nicht die Zulässig­keit des An­trags (BAG 24. April 2007 - 1 AZR 252/06 - Rn. 25, BA­GE 122, 134).

2. Der An­trag ist un­be­gründet. Die Kläge­rin hat ge­gen die Be­klag­te kei­nen An­spruch auf Un­ter­las­sung jeg­li­cher schrift­li­cher Auf­for­de­run­gen an die in de­ren Un­ter­neh­men beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer zu ei­ner schrift­li­chen Erklärung, ob sie Mit­glied der GDL sind oder nicht. Ein sol­cher An­spruch folgt nicht aus § 1004 Abs. 1, § 823 Abs. 1 BGB iVm. Art. 9 Abs. 3 GG. Zwar ver­letzt das Schrei­ben der Be­klag­ten vom 25. Au­gust 2010 die Kläge­rin in ih­rer von Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten kol­lek­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Die be­an­spruch­te Un­ter­las­sung um­fasst aber auch Fall­ge­stal­tun­gen, bei de­nen es schon an ei­ner Wie­der­ho­lungs- oder Erst­be­ge­hungs­ge­fahr fehlt, die ei­ne - von der Kläge­rin dar­zu­le­gen­de - An­spruchs­vor­aus­set­zung ist.

 

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a) Nach § 1004 Abs. 1 BGB kann der Ei­gentümer vom Störer die Be­sei­ti­gung und wei­te­re Un­ter­las­sung der Be­ein­träch­ti­gung ver­lan­gen, wenn das Ei­gen­tum in an­de­rer Wei­se als durch Ent­zie­hung oder Vor­ent­hal­tung des Be­sit­zes be­ein­träch­tigt wird. Die­se Ansprüche sind nicht auf Ei­gen­tums­ver­let­zun­gen be­schränkt, son­dern be­ste­hen darüber hin­aus zur Ab­wehr von Ein­grif­fen in al­le nach § 823 Abs. 1 BGB geschütz­ten Rech­te, Le­bensgüter und In­ter­es­sen (BAG 17. Mai 2011 - 1 AZR 473/09 - Rn. 39, BA­GE 138, 68). Hier­zu gehört auch die durch Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­te kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Ge­gen rechts­wid­ri­ge Ein­grif­fe in die­se Frei­heit kann sich ei­ne Ko­ali­ti­on mit auf § 1004 Abs. 1 Satz 2, § 823 Abs. 1 BGB iVm. Art. 9 Abs. 3 GG gestütz­ten Un­ter­las­sungs­kla­gen weh­ren (zum Un­ter­las­sungs­an­spruch ei­ner Ge­werk­schaft vgl. BAG 17. Mai 2011 - 1 AZR 473/09 - Rn. 39, aaO; 20. April 1999 - 1 ABR 72/98 - zu B II 2 a der Gründe, BA­GE 91, 210; zum Un­ter­las­sungs­an­spruch ei­nes Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des vgl. BAG 24. April 2007 - 1 AZR 252/06 - Rn. 54, BA­GE 122, 134).

b) Für die mit dem Haupt­an­trag er­streb­te Un­ter­las­sung lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes sol­chen An­spruchs aber nicht vor.

aa) Al­ler­dings hat die Be­klag­te mit ih­rer Fra­ge­ak­ti­on die kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Kläge­rin aus Art. 9 Abs. 3 GG ver­letzt.

(1) Die Be­fra­gung von Ar­beit­neh­mern nach Maßga­be des Schrei­bens vom 25. Au­gust 2010 be­ein­träch­tigt die kol­lek­ti­ve Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit der Kläge­rin.

(a) Der sich auf al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Betäti­gungs­wei­sen er­stre­cken­de Schutz des Art. 9 Abs. 3 GG um­fasst ins­be­son­de­re die Ta­rif­au­to­no­mie, die im Zen­trum der den Ko­ali­tio­nen ein­geräum­ten Möglich­kei­ten zur Ver­fol­gung ih­rer Zwe­cke steht (BVerfG 10. Sep­tem­ber 2004 - 1 BvR 1191/03 - zu B II 1 der Gründe mwN; BAG 22. Sep­tem­ber 2009 - 1 AZR 972/08 - Rn. 33, BA­GE 132, 140). Ih­re Auf­ga­be ist es, den von der staat­li­chen Recht­set­zung frei ge­las­se­nen Raum des Ar­beits­le­bens durch Ta­rif­verträge sinn­voll zu ord­nen, ins­be­son­de­re die Höhe der Ar­beits­vergütung für die ver­schie­de­nen Be­rufstätig­kei­ten fest­zu­le-

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gen, und so letzt­lich die Ge­mein­schaft so­zi­al zu be­frie­den (BVerfG 6. Mai 1964 - 1 BvR 79/62 - BVerfGE 18, 18). Da­zu ver­su­chen die Ko­ali­tio­nen auf Ar­beit­ge­ber- und Ar­beit­neh­mer­sei­te in ge­mein­sa­men Ver­hand­lun­gen zu ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich zu ge­lan­gen und die je­weils an­de­re Sei­te zur Über­nah­me der selbst für rich­tig be­fun­de­nen Po­si­ti­on ganz oder in Tei­len zu be­we­gen (BAG 13. Ju­li 1993 - 1 AZR 676/92 - zu III 1 b der Gründe, BA­GE 73, 320). Die Ver­hand­lungsstärke ei­ner Ar­beit­neh­mer­ko­ali­ti­on hängt von der Zahl ih­rer Mit­glie­der ab (BVerfG 14. No­vem­ber 1995 - 1 BvR 601/92 - BVerfGE 93, 352). Die­se si­chern nicht nur de­ren fi­nan­zi­el­len Be­stand, son­dern sind auch Ga­ran­ten ih­rer Durch­set­zungsfähig­keit in den Ver­trags­ver­hand­lun­gen mit dem so­zia­len Ge­gen­spie­ler. Der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad ei­ner Ge­werk­schaft wie die Ver­tei­lung ih­rer Mit­glie­der in den Be­trie­ben des je­wei­li­gen Ta­rif­ge­biets sind be­stim­mend für die Wahl der Mit­tel, die ei­ne Ar­beit­neh­mer­ko­ali­ti­on ein­set­zen kann, um in Ta­rif­ver­hand­lun­gen mit der Ar­beit­ge­ber­sei­te zum Ab­schluss zu ge­lan­gen. Ein sol­ches Mit­tel ist auch der Ar­beits­kampf. Wel­ches Ar­beits­kampf­mit­tel die Ar­beit­neh­mer­or­ga­ni­sa­ti­on in wel­chem Um­fang ein­setzt und wel­ches Kampf­ge­biet sie hierfür wählt, ge­ben vor al­lem der Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad und die be­trieb­li­che Zu­ord­nung ih­rer Mit­glie­der vor. Sind der Ar­beit­ge­ber­sei­te die­se Da­ten be­kannt, kann sie so­wohl ih­re Ver­hand­lungs­po­si­ti­on als auch im Fal­le ei­nes Ar­beits­kamp­fes ih­re Ar­beits­kampf­mit­tel hier­auf ein­stel­len. Die Un­ge­wiss­heit des so­zia­len Ge­gen­spie­lers über die tatsächli­che Durch­set­zungs­kraft der Ar­beit­neh­mer­ko­ali­ti­on in ei­ner kon­kre­ten Ver­hand­lungs­si­tua­ti­on ist dem­nach grund­le­gend dafür, des­sen Ver­hand­lungs­be­reit­schaft zu fördern und zu ei­nem an­ge­mes­se­nen In­ter­es­sen­aus­gleich zu ge­lan­gen. Im Hin­blick dar­auf schützt Art. 9 Abs. 3 GG ei­ne Ge­werk­schaft auch dar­in, die­se An­ga­ben der Ar­beit­ge­ber­sei­te in ei­ner kon­kre­ten Ver­hand­lungs­si­tua­ti­on vor­zu­ent­hal­ten, um sich nicht selbst zu schwächen.

(b) Die Be­fra­gungs­ak­ti­on der Be­klag­ten ist ei­ne ge­gen die ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gungs­frei­heit der Kläge­rin ge­rich­te­te Maßnah­me. Die von ih­ren Ar­beit­neh­mern ge­for­der­ten Auskünf­te ver­schaf­fen der Be­klag­ten Kennt­nis vom Um­fang des Mit­glie­der­be­stan­des der GDL in ih­rem „Un­ter­neh­mens­be­reich Ver­kehr“ so­wie des­sen kon­kre­ter in­ner­be­trieb­li­cher Ver­tei­lung. Bei wahr­heits­gemäßer Be­ant­wor­tung er­lang­te die Be­klag­te an­hand des ge­for­der­ten Na­mens

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so­wie der Per­so­nal­num­mer In­for­ma­tio­nen über den Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad der GDL und zum kon­kre­ten Ein­satz­ort des ein­zel­nen GDL-Mit­glieds. Die­se In­for­ma­tio­nen des ge­werk­schaft­li­chen Bin­nen­be­reichs er­lau­ben es ihr, die Ver­hand­lungsstärke der Ge­werk­schafts­sei­te in ei­ner lau­fen­den Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zung kon­kret ein­zuschätzen und da­mit die Ver­hand­lungsmöglich­kei­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te hier­auf ein­zu­stel­len. Darüber hin­aus ist die mit der Be­fra­gungs­ak­ti­on ver­bun­de­ne Zu­sa­ge, al­len Ar­beit­neh­mern, die nicht Mit­glied der GDL sind, un­ge­ach­tet ei­ner Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit den mit ver.di er­ziel­ten Ta­rif­ab­schluss zu­kom­men zu las­sen, ge­eig­net, durch fi­nan­zi­el­le An­rei­ze Nicht­or­ga­ni­sier­te von ei­nem Bei­tritt zur GDL ab­zu­hal­ten und da­mit Ein­fluss auf de­ren Mit­glie­der­be­stand zu neh­men. Die­sen Druck verstärkt die wei­te­re Ankündi­gung der Be­klag­ten, bei Aus­blei­ben ei­ner Ant­wort die Ta­rif­ei­ni­gung in der Ent­gel­tab­rech­nung nicht um­zu­set­zen.

(2) Die von der Be­klag­ten vor­ge­brach­ten Gründe für die Be­fra­gungs­ak­ti­on vermögen die Be­ein­träch­ti­gung der kol­lek­ti­ven Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit der Kläge­rin nicht zu recht­fer­ti­gen.

(a) Un­taug­lich ist schon die als Be­gründung für die Auf­for­de­rung vom 25. Au­gust 2010 an­ge­ge­be­ne Ta­rif­ei­ni­gung zwi­schen ver.di und dem KAV Bay­ern. In ih­rem Schrei­ben geht die Be­klag­te von „ih­rer ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tung“ zur „Um­set­zung des mit ver.di ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­tra­ges“ aus. Hierfür ist die Kennt­nis von ei­ner Mit­glied­schaft zur GDL aber un­maßgeb­lich. Nach ih­rem ei­ge­nen Vor­brin­gen ver­wen­det die Be­klag­te in ih­ren For­mu­lar­ar­beits­verträgen Be­zug­nah­me­klau­seln, die nicht nach ei­ner Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit dif­fe­ren­zie­ren. So­weit die­se Ta­rif­ab­schlüsse mit ver.di er­fas­sen, ist die Be­klag­te ver­trag­lich al­len Ar­beit­neh­mern zur An­wen­dung die­ser Ta­rif­verträge ver­pflich­tet, de­ren Verträge ei­ne ent­spre­chen­de Be­zug­nah­me ent­hal­ten. An­sons­ten be­gründen die­se Ta­rif­ab­schlüsse nur ei­ne nor­ma­ti­ve Ver­pflich­tung ge­genüber den Mit­glie­dern von ver.di (§ 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG). Hier­zu muss die Be­klag­te ein­zig die Ta­rif­ge­bun­den­heit die­ser Ar­beit­neh­mer und nicht die von An­ders- oder Nicht­or­ga­ni­sier­ten ken­nen.

 

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(b) Glei­ches gilt für ih­re An­nah­me, sie ha­be die Zu­gehörig­keit ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer zur GDL ken­nen müssen, um ei­nem zu er­war­ten­den Streik­druck der GDL mit ei­ner se­lek­ti­ven Aus­sper­rung von de­ren Mit­glie­dern be­geg­nen zu können. Un­abhängig da­von, dass die Be­klag­te in dem Schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 aus­drück­lich an­ge­ge­ben hat, die Ant­wort der Ar­beit­neh­mer wer­de „aus­sch­ließlich für die Prüfung ei­nes An­spruchs auf die Ta­rif­ei­ni­gung mit der Ge­werk­schaft ver.di ver­wen­det“, ver­letzt ei­ne se­lek­ti­ve Aus­sper­rung, die ge­zielt nur die Mit­glie­der der strei­ken­den Ge­werk­schaft er­fasst, al­so schon Nicht­or­ga­ni­sier­te hier­von aus­nimmt, ih­rer­seits die po­si­ti­ve Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit der kampfführen­den Ge­werk­schaft (st. Rspr. BAG 10. Ju­ni 1980 - 1 AZR 331/79 - BA­GE 33, 195). Darüber hin­aus wäre die Be­klag­te schon aus all­ge­mei­nen ar­beits­kampf­recht­li­chen Grundsätzen zu ei­ner Ab­wehr­aus­sper­rung nicht be­fugt ge­we­sen. Sie be­fand sich in ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung um ei­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trag. In ei­nem sol­chen Fall liegt die Ent­schei­dung über Kampf­maßnah­men der Ar­beit­ge­ber­sei­te al­lein in der Ver­ant­wor­tung des kampfführen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des und nicht in der ei­nes ein­zel­nen Mit­glieds (vgl. BAG 31. Ok­to­ber 1995 - 1 AZR 217/95 - zu I 1 der Gründe, BA­GE 81, 213).

(c) Zur sach­li­chen Recht­fer­ti­gung der Be­ein­träch­ti­gung der Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit ist auch der Hin­weis der Be­klag­ten, zur Auf­recht­er­hal­tung ei­ner Grund­ver­sor­gung im öffent­li­chen Nah­ver­kehr auf das Wis­sen um die Zu­gehörig­keit ih­rer Ar­beit­neh­mer zur GDL an­ge­wie­sen zu sein, nicht ge­eig­net. Ab­ge­se­hen da­von, dass es Auf­ga­be des kampfführen­den Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des wäre, ent­spre­chen­de Not­dienst­ver­ein­ba­run­gen mit der streikführen­den Ge­werk­schaft zu tref­fen, wäre hierfür die Kennt­nis, wel­cher Ar­beit­neh­mer der Be­klag­ten bei der Kläge­rin or­ga­ni­siert ist, oh­ne je­de Be­deu­tung.


bb) Gleich­wohl hat der nicht auf die Be­fra­gungs­ak­ti­on vom 25. Au­gust 2010 be­schränk­te Un­ter­las­sungs­an­trag kei­nen Er­folg. Das zur Ent­schei­dung ge­stell­te Glo­bal­be­geh­ren um­fasst auch Fall­ge­stal­tun­gen, in de­nen sich der Un­ter­las­sungs­an­spruch be­reits aus de­liktsrecht­li­chen Gründen als un­be­gründet er­weist.

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(1) Das in die Re­vi­si­ons­in­stanz ge­lang­te Be­geh­ren ist nicht nur - im Sinn ei­ner abs­trak­ten Be­schrei­bung der mit dem Be­klag­ten­schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 er­folg­ten Ver­let­zungs­hand­lung - auf die Un­ter­sa­gung von Be­fra­gun­gen der Ar­beit­neh­mer im Un­ter­neh­men der Be­klag­ten nach ih­rer Zu­gehörig­keit zu der Kläge­rin im Zu­sam­men­hang mit Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen oder be­vor­ste­hen­den Ar­beits­kampf­maßnah­men ge­rich­tet. Es er­fasst viel­mehr jeg­li­che schrift­li­che Auf­for­de­run­gen der Be­klag­ten an die im Un­ter­neh­men beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer, schrift­lich zu erklären, ob sie Mit­glied der Kläge­rin sind oder nicht.

(2) Ob in solch ei­ner Auf­for­de­rung ge­ne­rell und aus­nahms­los ei­ne rechts­wid­ri­ge Be­ein­träch­ti­gung der kol­lek­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Kläge­rin liegt - oder ob und un­ter wel­chen Umständen der Ar­beit­ge­ber in ei­nem ta­rifp­lu­ra­len Be­trieb nach der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­keit der Ar­beit­neh­mer fra­gen darf -, muss nicht ent­schie­den wer­den. Es fehlt bei den nicht vom An­lass­fall um­fass­ten Fall­ge­stal­tun­gen an der für ei­nen An­spruch aus § 1004 Abs. 1, § 823 Abs. 1 BGB iVm. Art. 9 Abs. 3 GG not­wen­di­gen Be­ge­hungs­ge­fahr. Die Be­sorg­nis wei­te­rer Be­ein­träch­ti­gun­gen (vgl. § 1004 Abs. 1 Satz 2 BGB) ist Tat­be­stands­merk­mal des Un­ter­las­sungs­an­spruchs und da­mit ma­te­ri­el­le An­spruchs­vor­aus­set­zung (vgl. BAG 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 179/11 - Rn. 82, BA­GE 143, 354).

(a) Künf­ti­ge Be­ein­träch­ti­gun­gen ei­nes geschütz­ten Rechts sind grundsätz­lich zu be­sor­gen, wenn sie auf ei­ner be­reits er­folg­ten Ver­let­zungs­hand­lung be­ru­hen (Wie­der­ho­lungs­ge­fahr) oder ei­ne sol­che ernst­haft zu befürch­ten ist (Erst­be­ge­hungs­ge­fahr). Wie­der­ho­lungs­ge­fahr ist die ob­jek­ti­ve Ge­fahr der er­neu­ten Be­ge­hung ei­ner kon­kre­ten Ver­let­zungs­hand­lung. Sie ist nicht auf die iden­ti­sche Ver­let­zungs­form be­schränkt, son­dern um­fasst al­le im Kern gleich­ar­ti­gen Ver­let­zungs­for­men (vgl. BGH 9. Sep­tem­ber 2004 - I ZR 93/02 - zu II 4 b der Gründe). Ei­ne Erst­be­ge­hungs­ge­fahr be­steht, wenn ein rechts­wid­ri­ger Ein­griff in ein ab­so­lu­tes Recht oder ein sonst vom Recht geschütz­tes Gut oder In­ter­es­se un­mit­tel­bar be­vor­steht. Dafür muss die Be­ein­träch­ti­gung ei­nes geschütz­ten Rechts kon­kret dro­hen (vgl. BGH 18. Sep­tem­ber 2009 - V ZR 75/08 - Rn. 12); sie muss ernst­haft und greif­bar zu befürch­ten sein (BGH 15. April 1999 - I ZR 83/97 -

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zu II 2 b der Gründe). Berühmt sich ei­ne Par­tei ei­nes Rechts, be­gründet dies ei­ne Erst­be­ge­hungs­ge­fahr, wenn den Erklärun­gen bei Würdi­gung der Ein­zel­umstände des Fal­les auch die Be­reit­schaft zu ent­neh­men ist, sich un­mit­tel­bar oder in na­her Zu­kunft in die­ser Wei­se zu ver­hal­ten (BGH 4. De­zem­ber 2008 - I ZR 94/06 - Rn. 14). An­ders als bei der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr spricht für das Vor­lie­gen ei­ner Erst­be­ge­hungs­ge­fahr kei­ne Ver­mu­tung, so dass der­je­ni­ge, der sie gel­tend macht, al­le Umstände dar­le­gen und be­wei­sen muss, aus de­nen sie sich im kon­kre­ten Fall er­ge­ben soll (zu all dem BAG 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 179/11 - Rn. 81 mwN, BA­GE 143, 354).

(b) Bei der Erst­be­ge­hungs- und der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr han­delt es sich um ma­te­ri­el­le An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen des Un­ter­las­sungs­an­spruchs. Stützt der Kläger sein Un­ter­las­sungs­be­geh­ren so­wohl auf ei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr we­gen ei­ner be­haup­te­ten Ver­let­zungs­hand­lung als auch auf ei­ne Erst­be­ge­hungs­ge­fahr we­gen be­stimm­ter Erklärun­gen des Be­klag­ten, sind zwei ver­schie­de­ne Streit­ge­genstände zur Ent­schei­dung ge­stellt, da die ein­heit­li­che Rechts­fol­ge aus un­ter­schied­li­chen Le­bens­sach­ver­hal­ten her­ge­lei­tet wird. Hat der Kläger sein Un­ter­las­sungs­be­geh­ren zunächst nur mit ei­ner Wie­der­ho­lungs­ge­fahr be­gründet, kann er sich in der Re­vi­si­on nicht auf ei­ne Erst­be­ge­hungs­ge­fahr stützen, denn in das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren kann kein neu­er Streit­ge­gen­stand ein­geführt wer­den (BAG 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 179/11 - Rn. 82 mwN, BA­GE 143, 354).

(c) Nach die­sen Grundsätzen be­steht im Hin­blick auf das Be­klag­ten­schrei­ben vom 25. Au­gust 2010 zwar ei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr für Fra­gen nach der Zu­gehörig­keit der bei der Be­klag­ten beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer zur Kläge­rin, al­ler­dings nur hin­sicht­lich der in dem Schrei­ben lie­gen­den - im Zu­sam­men­hang mit Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen und mit (be­vor­ste­hen­den) Ar­beits­kampf­maßnah­men an­zu­neh­men­den - Ver­let­zungs­hand­lung. Das Schrei­ben be­gründet da­her kei­ne Wie­der­ho­lungs­ge­fahr zu be­leg­schafts­be­zo­ge­nen Be­fra­gun­gen, die kei­nen sol­chen si­tua­ti­ven und zeit­li­chen Kon­text auf­wei­sen. Ei­ne sol­che hat die Kläge­rin auch nicht vor­ge­tra­gen. Auf ei­ne Erst­be­ge­hungs­ge­fahr in an­de­ren kon­kre­ten Zu­sam­menhängen hat sie sich nicht be­ru­fen. 

 

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B. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. Der von ihr er­fass­te Hilfs­an­trag ist man­gels hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO un­zulässig. Das hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­kannt.

I. Nach § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO sind Anträge, mit de­nen die Un­ter­las­sung von Hand­lun­gen ver­langt wird, so ge­nau zu be­zeich­nen, dass der In­an­spruch­ge­nom­me­ne im Fall ei­ner dem An­trag ent­spre­chen­den ge­richt­li­chen Ent­schei­dung ein­deu­tig er­ken­nen kann, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen was von ihm ver­langt wird (BAG 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 611/11 - Rn. 25, BA­GE 144, 1). Für ihn muss auf­grund des Un­ter­las­sungs­ti­tels er­kenn­bar sein, wel­che Hand­lun­gen er künf­tig zu un­ter­las­sen hat, um sich rechtmäßig ver­hal­ten zu können (BAG 14. März 2012 - 7 ABR 67/10 - Rn. 9). Die Prüfung, wel­che Ver­hal­tens­wei­sen der Schuld­ner un­ter­las­sen soll, darf nicht durch ei­ne un­ge­naue An­trags­for­mu­lie­rung und ei­nen dem­ent­spre­chen­den ge­richt­li­chen Ti­tel aus dem Er­kennt­nis- in das Zwangs­voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den. Al­ler­dings dürfen die An­for­de­run­gen in­so­weit auch nicht über­spannt wer­den, weil an­dern­falls ef­fek­ti­ver Rechts­schutz ver­ei­telt würde. Dem­ent­spre­chend sind die Ge­rich­te auch ver­pflich­tet, Anträge nach Möglich­keit so aus­zu­le­gen, dass ei­ne Sach­ent­schei­dung er­ge­hen kann (vgl. BAG 22. Mai 2012 - 1 ABR 11/11 - Rn. 15, BA­GE 141, 360). Zu­kunfts­ge­rich­te­te Ver­bo­te las­sen sich häufig nur ge­ne­ra­li­sie­rend for­mu­lie­ren. Die Not­wen­dig­keit ge­wis­ser Sub­sum­ti­ons­pro­zes­se im Rah­men ei­ner et­wa er­for­der­lich wer­den­den Zwangs­voll­stre­ckung steht da­her der Ver­wen­dung ausfüllungs­bedürf­ti­ger Be­grif­fe in ei­nem Un­ter­las­sungs­ti­tel und dem dar­auf ge­rich­te­ten An­trag nicht ge­ne­rell ent­ge­gen (BAG 22. Sep­tem­ber 2009 - 1 AZR 972/08 - Rn. 11, BA­GE 132, 140).

II. Da­nach ist der Un­ter­las­sungs­hilfs­an­trag nicht hin­rei­chend be­stimmt. Die Kläge­rin hat von der be­gehr­ten Un­ter­las­sung die Kon­stel­la­ti­on aus­ge­nom­men, „dass die Fra­ge zur Klärung der An­wen­dung von Ar­beits­be­din­gun­gen aus ei­nem mit der Kläge­rin ab­ge-

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schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag er­for­der­lich ist“. Die­se den An­trag ein­schränken­de Be­din­gung („…, es sei denn, dass…“) ist nicht aus­rei­chend klar. Die Pro­ble­ma­tik, wann die be­schrie­be­ne Fra­ge­stel­lung „zur Klärung“ der An­wen­dung von Ar­beits­be­din­gun­gen aus ei­nem mit der Kläge­rin ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag „er­for­der­lich“ - al­so nicht von der er­streb­ten Un­ter­las­sung um­fasst - ist, kann nur un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls, so ins­be­son­de­re dem je­wei­li­gen Gel­tungs- oder An­wen­dungs­an­spruch ei­nes mit der Kläge­rin ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trags be­ur­teilt wer­den. Eben­so wie die Par­tei­en ge­ra­de auch im vor­lie­gen­den Rechts­streit un­ter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen da­zu ver­tre­ten, ob das Schrei­ben der Be­klag­ten vom 25. Au­gust 2010 zur Klärung der An­wen­dung der Ar­beits­be­din­gun­gen aus der mit ver.di am 20. Au­gust 2010 er­ziel­ten Ta­rif­ei­ni­gung „er­for­der­lich“ war, sind - je nach Fall­kon­stel­la­ti­on - un­ter­schied­li­che Einschätzun­gen zur Not­wen­dig­keit der Be­fra­gung der Ar­beit­neh­mer nach ih­rer Zu­gehörig­keit zur Kläge­rin zu er­war­ten, wenn die­se ei­nen ein­schlägi­gen Ta­rif­ver­trag ge­schlos­sen hat. Die im An­trag for­mu­lier­te Be­din­gung ist auch nicht nur von dem Wil­len der Be­klag­ten abhängig (vgl. BAG 20. No­vem­ber 2012 - 1 AZR 611/11 - Rn. 30, BA­GE 144, 1). Die Ent­schei­dung über die Un­erläss­lich­keit der Fra­ge­stel­lung zu ei­nem be­stimm­ten Zweck würde in das Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren ver­la­gert und da­mit für die Be­klag­te als Un­ter­las­sungs­schuld­ne­rin ei­ne un­zu­mut­ba­re Un­si­cher­heit über die Reich­wei­te des ihr auf­er­leg­ten Un­ter­las­sungs­ge­bots be­deu­ten.

C. Bei dem we­gen der Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on der Kläge­rin und der Statt­ga­be der Re­vi­si­on der Be­klag­ten zur Se­nats­ent­schei­dung an­fal­len­den „äußerst hilfs­wei­se ge­stell­ten“ An­trag der Kläge­rin, „die Be­klag­te zu ver­pflich­ten, es zu un­ter­las­sen, Ar­beit­neh­mer ih­res Be­trie­bes nach der Mit­glied­schaft in der Kläge­rin zu be­fra­gen, oh­ne gleich­zei­tig auch nach der Mit­glied­schaft in an­de­ren Ge­werk­schaf­ten, die Ta­rif­verträge ab­ge­schlos­sen ha­ben, die im Be­trieb Gel­tung ha­ben, zu fra­gen“, han­delt es sich um ei­ne in der Re­vi­si­ons­in­stanz un­zulässi­ge Kla­geände­rung.

I. Im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren können neue pro­zes­sua­le Ansprüche grundsätz­lich nicht zur ge­richt­li­chen Ent­schei­dung ge­stellt wer­den (vgl. BAG 5. De­zem­ber 2012 - 7 AZR 698/11 - Rn. 60 mwN, BA­GE 144, 85). Kla­geände­run­gen und Kla­ge­er­wei­te­run­gen können in der Re­vi­si­ons­in­stanz nur dann aus­nahms­wei­se aus pro­zessöko­no­mi­schen Gründen zu­ge­las­sen wer­den, wenn sich der neue An­trag - ab­ge­se­hen von den Fällen des § 264 Nr. 2 ZPO (hier­zu BAG

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14. De­zem­ber 2010 - 9 AZR 642/09 - Rn. 21 mwN) - auf den vom Lan­des­ar­beits­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt oder ggf. auf den un­strei­ti­gen Par­tei­vor­trag stützt (vgl. zB [im Be­schluss­ver­fah­ren] BAG 20. April 2010 - 1 ABR 78/08 - Rn. 37, BA­GE 134, 62). Er­for­der­lich ist außer­dem, dass be­rech­tig­te In­ter­es­sen der geg­ne­ri­schen Par­tei nicht be­ein­träch­tigt wer­den (BAG 25. Ja­nu­ar 2012 - 4 AZR 147/10 - Rn. 15 mwN).

II. Da­nach ist die mit dem äußerst hilfs­wei­sen Un­ter­las­sungs­be­geh­ren an­ge­brach­te Kla­geände­rung un­zulässig. Die Kläge­rin hat da­mit ih­ren Haupt- oder Hilfs­an­trag nicht im We­ge ei­ner Teil­kla­gerück­nah­me iSd. § 264 Nr. 2 ZPO be­schränkt. Die Un­ter­las­sung von Fra­gen nach der Mit­glied­schaft bei der Kläge­rin, oh­ne gleich­zei­tig auch nach der Mit­glied­schaft in an­de­ren Ge­werk­schaf­ten, die Ta­rif­verträge ab­ge­schlos­sen und die im Be­trieb Gel­tung ha­ben, zu fra­gen, be­trifft mit den da­mit auf­ge­wor­fe­nen Gleich­be­hand­lungs­fra­gen ei­nen an­de­ren Streit­ge­gen­stand und ändert das recht­li­che Prüfpro­gramm.


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