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BAG, Ur­teil vom 25.02.2015, 5 AZR 849/13

   
Schlagworte: Berufung, Schriftform
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 5 AZR 849/13
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 25.02.2015
   
Leitsätze: Trägt die Berufungsschrift keine Unterschrift, fehlt es an einem von Amts wegen zu prüfenden, für die Zulässigkeit des Rechtsmittels zwingenden und unverzichtbaren Formerfordernis (§ 295 Abs. 2 ZPO), das nicht durch rügelose Einlassung geheilt werden kann (§ 295 Abs. 1 ZPO).
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bamberg, Endurteil vom 23.11.2011 - 5 Ca 626/11
Landesarbeitsgericht Nürnberg, Urteil vom 7.8.2013 - 4 Sa 37/12
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

5 AZR 849/13
4 Sa 37/12
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Nürn­berg

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am

25. Fe­bru­ar 2015

UR­TEIL

Rad­t­ke, Ur­kunds­be­am­tin

der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

Be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

pp.

Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 25. Fe­bru­ar 2015 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Dr. Müller-Glöge, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Biebl, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt We­ber so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Dom­brow­sky und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Zorn für Recht er­kannt:


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1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Nürn­berg vom 7. Au­gust 2013 - 4 Sa 37/12 - wird mit der Maßga­be zurück­ge­wie­sen, dass die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bam­berg vom 23. No­vem­ber 2011 - 5 Ca 626/11 - als un­zulässig ver­wor­fen wird.


2. Die Be­klag­te hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.

Von Rechts we­gen!

Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Dif­fe­renz­vergütung un­ter dem Ge­sichts­punkt des equal pay.

Der 1970 ge­bo­re­ne Kläger war bei der Be­klag­ten, die ge­werb­lich Ar­beit­neh­merüber­las­sung be­treibt, vom 7. Au­gust 2008 bis zum 31. Ju­li 2009 beschäftigt und wur­de während der ge­sam­ten Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses den Stadt­wer­ken B (im Fol­gen­den Ent­lei­he­rin) als Bus­fah­rer über­las­sen. Er er­hielt ei­nen St­un­den­lohn von 9,07 Eu­ro brut­to, ab März 2009 von 9,25 Eu­ro brut­to. Zusätz­lich gewähr­te die Be­klag­te Zu­schläge und Son­der­zah­lun­gen. Die Ent­lei­he­rin zahl­te an­ge­stell­ten Bus­fah­rern im Über­las­sungs­zeit­raum ei­nen Grund­stun­den­lohn von 11,60 Eu­ro brut­to.

Dem Ar­beits­verhält­nis lag ein Ar­beits­ver­trag vom 6. Au­gust 2008 zu­grun­de, in dem es ua. heißt:

„1. Ver­trags­grund­la­gen

...

b) Der Mit­ar­bei­ter ist ein­ge­stellt als: Bus­fah­rer

Sei­ne vor­aus­sicht­li­chen Tätig­kei­ten be­lau­fen sich auf allg. Tätig­kei­ten ei­nes Bus­fah­rers

So­mit wird er in Ent­gelt­grup­pe E4 ein­ge­stuft.

Der Lohn beträgt je St­un­de brut­to für den Ein­satz als Bus­fah­rer Ta­rif­lohn 9,07 €


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zuzüglich Zu­schläge, Zu­la­gen, Prämi­en und Son­der­zah­lun­gen gemäß dem ein­schlägi­gen Man­tel­ta­rif­ver­trag zwi­schen CG­ZP und AMP.

c) Der Lohn wird nach Ab­zug der ge­setz­li­chen Beiträge mo­nat­lich, bis spätes­tens zum 20. des Fol­ge­mo­nats auf ein vom Mit­ar­bei­ter an­zu­ge­ben­des Kon­to über­wie­sen.


...

7. Ta­rif­ver­trag / Ge­setz­li­che Vor­schrif­ten

a) So­weit in die­sem Ver­trag nichts an­de­res ge­re­gelt ist, gel­ten die ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten bzw. die ein­schlägi­gen Ta­rif­verträge in ih­rer je­weils gülti­gen Fas­sung.

b) Die­sem Ar­beits­ver­trag lie­gen die ta­rif­li­chen Be­stim­mun­gen des MTV zwi­schen der Ta­rif­ge­mein­schaft Christ­li­che Ge­werk­schaf­ten Zeit­ar­beit und PSA - CG­ZP - und der Ar­beit­ge­ber­ver­band Mit­tel-ständi­scher Per­so­nal­dienst­leis­ter e.V. - AMP - in der je­weils gülti­gen Fas­sung zu­grun­de.

c) Soll­te der vor­ge­nann­te Ta­rif­ver­trag oder Tei­le aus die­sem als ungültig erklärt wer­den und nicht von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en gemäß § 25 des MTV neu ver­han­delt wer­den, gel­ten die ein­schlägi­gen Ta­rif­be­stim­mun­gen der Ta­rif­ver­ein­ba­rung DGB/BZA.

d) Auf Ver­lan­gen des Ar­beit­neh­mers wer­den ihm die je­weils gewünsch­ten Ta­rif­verträge aus­gehändigt.

...“

Nach er­folg­lo­ser Gel­tend­ma­chung mit Schrei­ben vom 29. Sep­tem­ber 2009 und 12. Ja­nu­ar 2011 hat die DGB Rechts­schutz GmbH für den Kläger beim Ar­beits­ge­richt zwei gleich­lau­ten­de mit Ori­gi­nal­un­ter­schrif­ten ei­nes Rechts­se­kretärs ver­se­he­ne auf den 3. Ju­ni 2011 da­tier­te Kla­ge­schrif­ten ein­ge­reicht. Die Geschäfts­stel­le des Ar­beits­ge­richts hat dies in ei­nem Ver­merk fest­ge­hal­ten und der Be­klag­ten ei­ne der Kla­ge­schrif­ten zu­ge­stellt. In der Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de, die als Da­tum der Zu­stel­lung den 10. Ju­ni 2011 aus­weist, ist ne­ben dem Ak­ten­zei­chen in der Ru­brik „Ggf. wei­te­re Kennz.“ ver­merkt:


„Kls. 03.06.2011

Ldg. z.T. am 06.07.2011“


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Der Kläger hat un­ter Be­ru­fung auf § 10 Abs. 4 AÜG für den Zeit­raum der Über­las­sung an die Ent­lei­he­rin die Dif­fe­renz zwi­schen der von der Be­klag­ten er­hal­te­nen Vergütung und dem Ar­beits­ent­gelt ver­langt, das die Ent­lei­he­rin ver­gleich­ba­ren Stamm­ar­beit­neh­mern gewährt ha­ben soll.

Der Kläger hat zu­letzt sinn­gemäß be­an­tragt,

die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 4.334,03 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in ge­staf­fel­ter Höhe zu zah­len.

Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt.

Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Die Be­klag­te hat hier­ge­gen mit ei­nem am 16. Ja­nu­ar 2012 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt per Te­le­fax und am 18. Ja­nu­ar 2012 als Brief­post ein­ge­reich­ten Schrift­satz vom 16. Ja­nu­ar 2012 Be­ru­fung ein­ge­legt. Die Be­ru­fungs­schrift schließt wie folgt ab:

Die Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift vom 9. März 2012 ist am sel­ben Tag per Te­le­fax und am 13. März 2012 als Brief­post beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen. Sie schließt wie folgt ab:

Be­ru­fungs- und Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift sind auf Briefbögen der Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten ge­fer­tigt und mit ei­nem Ak­ten­zei­chen der Kanz­lei ver­se­hen, das ua. den Na­men „I“ enthält.
 

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Im Ver­hand­lungs­ter­min vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt am 11. Ju­li 2012 ha­ben die Par­tei­en die Anträge ge­stellt und zur Sa­che ver­han­delt. Erst­mals im wei­te­ren Ter­min am 5. De­zem­ber 2012 hat der Kläger be­an­stan­det, die Un­ter­schrift un­ter der Be­ru­fungs­schrift las­se ei­ne Iden­ti­fi­zie­rung des Un­ter­zeich­ners nicht zu. Der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Be­klag­ten hat dies als ver­spätet gerügt. Er ha­be die Be­ru­fungs­schrift un­ter­zeich­net. Die Un­ter­schrift ent­spre­che - hand­schrift­lich aus­geführt - dem ers­ten Buch­sta­ben sei­nes Vor­na­mens im ky­ril­li­schen Al­pha­bet. In glei­cher Wei­se sei­en auch sei­ne Aus­weis­pa­pie­re un­ter­zeich­net. Im An­schluss an den Ter­min hat er mit Schrift­satz vom 5. De­zem­ber 2012 für die Be­klag­te vor­ge­tra­gen, die Un­ter­schrift ge­be die ers­ten bei­den Buch­sta­ben sei­nes Vor- und Nach­na­mens „Zh“ und „Iv“ in ky­ril­li­scher Schrift wie­der. Mit Schrift­satz vom 25. Ju­li 2013 hat die Be­klag­te gel­tend ge­macht, die Kla­ge­schrift sei ihr nicht ord­nungs­gemäß zu­ge­stellt wor­den. Sie ha­be kei­ne be­glau­big­te Ab­schrift er­hal­ten.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­ru­fung der Be­klag­ten als un­be­gründet zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Be­klag­te ihr Kla­ge­ab­wei­sungs­be­geh­ren wei­ter.

Ent­schei­dungs­gründe

Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist un­be­gründet. Das kla­ge­statt­ge­ben­de Ur­teil des Ar­beits­ge­richts ist rechts­kräftig. Die Be­klag­te hat da­ge­gen nicht in­ner-halb der ge­setz­li­chen Frist form­ge­recht Be­ru­fung ein­ge­legt, § 66 Abs. 1, § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, § 519 Abs. 1 ZPO. Ih­re Re­vi­si­on ist des­halb - un­ter Ver­wer­fung ih­rer Be­ru­fung als un­zulässig - zurück­zu­wei­sen.


I. Die Zulässig­keit der Be­ru­fung ist Pro­zess­fort­set­zungs­vor­aus­set­zung für das ge­sam­te wei­te­re Ver­fah­ren nach Ein­le­gung der Be­ru­fung. Sie ist des­halb vom Re­vi­si­ons­ge­richt von Amts we­gen zu prüfen (st. Rspr., vgl. zB BAG 23. März 2004 - 3 AZR 35/03 - zu I 1 der Gründe; 17. Ja­nu­ar 2007 - 7 AZR 20/06 - Rn. 10 mwN, BA­GE 121, 18; 27. Ju­li 2010 - 1 AZR 186/09 - Rn. 17). Ist


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die Be­ru­fung un­zulässig, hat das Re­vi­si­ons­ge­richt ei­ne Sach­ent­schei­dung des Be­ru­fungs­ge­richts auf­zu­he­ben und die Be­ru­fung als un­zulässig zu ver­wer­fen (vgl. BAG 29. No­vem­ber 2001 - 4 AZR 729/00 - zu I 1 der Gründe; 18. Mai 2011 - 4 AZR 552/09 - Rn. 12).

II. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist un­zulässig. Die Be­ru­fungs­schrift trägt kei­ne Un­ter­schrift iSv. § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, § 519 Abs. 4, § 130 Nr. 6 ZPO. Da­mit fehlt es an ei­nem von Amts we­gen zu prüfen­den zwin­gen­den und un­ver­zicht­ba­ren For­mer­for­der­nis der Be­ru­fungs­schrift als be­stim­men­der Schrift­satz. Der Man­gel konn­te - ent­ge­gen der An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts - nicht nach § 295 Abs. 1 ZPO durch rüge­lo­se Ein­las­sung ge­heilt wer­den, § 295 Abs. 2 ZPO.

1. Die Be­ru­fung wird nach § 519 Abs. 1 ZPO durch ei­ne beim Be­ru­fungs­ge­richt ein­zu­rei­chen­de Be­ru­fungs­schrift ein­ge­legt. Für sie gel­ten die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten über vor­be­rei­ten­de Schriftsätze, § 519 Abs. 4 ZPO. Die­se wur­den vor­lie­gend nicht ein­ge­hal­ten.

a) Die Be­ru­fungs­schrift muss als be­stim­men­der Schrift­satz von ei­nem beim Lan­des­ar­beits­ge­richt nach § 11 Abs. 4 Satz 1, 2 und 4 ArbGG ver­tre­tungs­be­rech­tig­ten Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten zwar nicht selbst ver­fasst, aber nach ei­gen­ver­ant­wort­li­cher Prüfung ge­neh­migt und ei­genhändig un­ter­schrie­ben sein, § 130 Nr. 6 ZPO (vgl. BAG 5. Au­gust 2009 - 10 AZR 692/08 - Rn. 17). Bei der Über­mitt­lung ei­nes Schrift­sat­zes per Te­le­fax tritt an die Stel­le der grundsätz­lich zwin­gen­den Un­ter­schrift auf der Ur­kun­de die Wie­der­ga­be die­ser Un­ter­schrift in der bei Ge­richt er­stell­ten Ko­pie (vgl. BAG 5. Au­gust 2009 - 10 AZR 692/08 - Rn. 21). Die Prüfung der für das Vor­lie­gen ei­ner Un­ter­schrift er­for­der­li­chen Merk­ma­le kann vom Re­vi­si­ons­ge­richt selbständig und oh­ne Bin­dung an die Ausführun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts vor­ge­nom­men wer­den (vgl. zur Prüfung im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren: BGH 9. Fe­bru­ar 2010 - VIII ZB 67/09 - Rn. 11; 16. Ju­li 2013 - VIII ZB 62/12 - Rn. 14).

b) Die Be­ru­fungs­schrift der Be­klag­ten schließt nicht mit ei­ner Un­ter­schrift ab.


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aa) Ei­ne Un­ter­schrift setzt ei­nen in­di­vi­du­el­len Schrift­zug vor­aus, der sich - oh­ne les­bar sein zu müssen - als Wie­der­ga­be ei­nes Na­mens dar­stellt und die Ab­sicht ei­ner vol­len Un­ter­schrifts­leis­tung er­ken­nen lässt (st. Rspr., vgl. BAG 30. Au­gust 2000 - 5 AZB 17/00 - zu II 1 der Gründe; 25. April 2007 - 10 AZR 246/06 - Rn. 25). Un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann selbst ein ver­ein­fach­ter, von ei­nem star­ken Ab­schlei­fungs­pro­zess ge­kenn­zeich­ne­ter Na­mens­zug als Un­ter­schrift an­zu­er­ken­nen sein (vgl. BGH 16. Ju­li 2013 - VIII ZB 62/12 - Rn. 11).

bb) Die den Be­ru­fungs­schrift­satz vom 16. Ja­nu­ar 2012 ab­sch­ließen­de Li­ni­enführung lässt die Ab­sicht ei­ner vol­len Un­ter­schrifts­leis­tung nicht er­ken­nen. Sie weist zu­dem (selbst wenn man die dar­un­ter ge­setz­te ma­schi­nen­schrift­li­che Na­mens­an­ga­be und die Nen­nung des Nach­na­mens im Ak­ten­zei­chen berück­sich­tigt) kei­ne Merk­ma­le auf, die auch nur in Tei­len oder ein­zel­nen Buch­sta­ben ei­ner Un­ter­schrift glei­chen.

c) Es kann auch nicht auf­grund sons­ti­ger Umstände von ei­ner ord­nungs­gemäßen Be­ru­fungs­ein­le­gung aus­ge­gan­gen wer­den.

aa) Die ei­genhändi­ge Un­ter­schrift soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Ur­he­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermögli­chen und des­sen un­be­ding­ten Wil­len zum Aus­druck brin­gen, die vol­le Ver­ant­wor­tung für den In­halt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men und die­sen bei Ge­richt ein­zu­rei­chen (vgl. BAG 5. Au­gust 2009 - 10 AZR 692/08 - Rn. 17). Das Feh­len ei­ner Un­ter­schrift kann aus­nahms­wei­se unschädlich sein, wenn - oh­ne Be­weis­auf­nah­me - auf­grund an­de­rer Umstände zwei­fels­frei fest­steht, dass der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te die Ver­ant­wor­tung für den In­halt des Schrift­sat­zes über­nom­men hat. So kann der Man­gel der Un­ter­schrift in dem als Ur­schrift der Be­ru­fung ge­dach­ten Schrift­satz durch die gleich­zei­tig ein­ge­reich­te be­glau­big­te Ab­schrift die­ses Schrift­sat­zes be­ho­ben wer­den, auf der der Be­glau­bi­gungs­ver­merk von dem Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten hand­schrift­lich voll­zo­gen wor­den ist oder der in Re­de ste­hen­de Schrift­satz fest mit ei­nem von dem Rechts­an­walt un­ter­zeich­ne­ten Be­gleit­schrei­ben ver­bun­den war (vgl. BGH 9. De­zem­ber 2010 - IX ZB 60/10 - Rn. 5).


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bb) Sol­che be­son­de­ren Be­gleit­umstände sind hier nicht ge­ge­ben. Ei­ne der Un­ter­schrift ver­gleich­ba­re Gewähr für die Ur­he­ber­schaft des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten und des­sen Wil­len, die Be­ru­fungs­schrift in den Rechts­ver­kehr zu brin­gen, bie­ten we­der die Ver­wen­dung des Brief­bo­gens sei­ner Kanz­lei noch die ma­schi­nen­schrift­li­che Wie­der­ga­be sei­nes Na­mens im Ak­ten­zei­chen und am En­de der Be­ru­fungs­schrift. Et­was an­de­res er­gibt sich auch nicht dar­aus, dass der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Be­klag­ten im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se un­ter­schrie­ben hätte. Die Schriftzüge, die früher von ihm ein­ge­reich­te Schriftsätze ab­sch­ließen, va­ri­ie­ren stark. Sie wei­sen zu­dem - eben­so wie der un­ter der Be­ru­fungs­schrift - kei­ne Merk­ma­le auf, wel­che die Iden­tität des­sen, von dem sie stam­men, hin­rei­chend kenn­zeich­ne­ten.

2. Die man­gel­haf­te Form der Be­ru­fungs­schrift konn­te nicht durch rüge­lo­se Ein­las­sung des Klägers ge­heilt wer­den.

a) Die Ver­let­zung ei­ner das Ver­fah­ren und ins­be­son­de­re die Form ei­ner Pro­zess­hand­lung be­tref­fen­den Vor­schrift kann nicht nach § 295 Abs. 1 ZPO ge­heilt wer­den, wenn ei­ne Par­tei auf ih­re Be­fol­gung nicht wirk­sam ver­zich­ten kann, § 295 Abs. 2 ZPO.

b) Die Un­ter­zeich­nung der Be­ru­fungs­schrift bzw. bei de­ren Über­mitt­lung per Te­le­fax die Wie­der­ga­be der Un­ter­schrift in der bei Ge­richt er­stell­ten Ko­pie ist für die wirk­sa­me Ein­le­gung der Be­ru­fung zwin­gend und un­ver­zicht­bar.

aa) Für die Be­ru­fungs­schrift als be­stim­men­den Schrift­satz ist bei den von der Be­klag­ten gewähl­ten Über­mitt­lungs­for­men die Un­ter­schrift bzw. de­ren Wie­der­ga­be in der bei Ge­richt er­stell­ten Ko­pie zwin­gen­des Wirk­sam­keits­er­for­der­nis der Pro­zess­hand­lung (BGH 11. April 2013 - VII ZB 43/12 - Rn. 8 und 16. Ju­li 2013 - VIII ZB 62/12 - Rn. 11). Die For­mu­lie­rung „sol­len ent­hal­ten ...“ im Ein­gangs­satz von § 130 ZPO ist bezüglich des Un­ter­schrifts­er­for­der­nis­ses in Nr. 6 als „müssen“ zu in­ter­pre­tie­ren. In Kennt­nis der Recht­spre­chung des Ge­mein­sa­men Se­nats der obers­ten Ge­richtshöfe des Bun­des (vgl. GmS-OGB 5. April 2000 - GmS-OGB 1/98 - BGHZ 144, 160) hat der Ge­setz­ge­ber auch bei Ände-

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run­gen des Ge­set­zes kei­nen An­lass ge­se­hen, ein an­de­res Verständ­nis aus­zu­drücken. Viel­mehr hat er bei der im Jah­re 2001 in Kraft ge­tre­te­nen Ände­rung des § 130 Nr. 6 ZPO in sei­ner Be­gründung aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Neu­fas­sung der Vor­schrift das Un­ter­schrifts­er­for­der­nis für Schriftsätze bei­be­hal­te (vgl. hier­zu BAG 5. Au­gust 2009 - 10 AZR 692/08 - Rn. 19 ff.).

bb) Die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulässig­keit ei­nes Rechts­mit­tels sind un­ver­zicht­bar. Die zwin­gen­den ge­setz­li­chen Frist- und Form­vor­schrif­ten über die Ein­le­gung ei­nes Rechts­mit­tels oder Rechts­be­helfs, wie die hier in Fra­ge ste­hen­de, in § 519 Abs. 4, § 130 Nr. 6 ZPO ge­for­der­te Un­ter­zeich­nung der Be­ru­fungs­schrift, die­nen der Rechts­si­cher­heit und Gleichförmig­keit des Ver­fah­rens. Dem ent­spre­chend können Mängel von an Not­fris­ten ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lun­gen nicht durch Ver­zicht oder rüge­lo­se Ein­las­sung der an­de­ren Par­tei ge­heilt wer­den. Die dies­bezügli­chen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten die­nen, wie zB in § 224 Abs. 1 ZPO deut­lich wird, nicht nur dem Schutz der an­de­ren Par­tei, son­dern dem öffent­li­chen In­ter­es­se an ei­ner ge­ord­ne­ten Rechts­pfle­ge (vgl. MüKoZ­PO/Prütting 4. Aufl. § 295 Rn. 25; Mu­sielak/Hu­ber ZPO 11. Aufl. § 295 Rn. 3).

3. Der all­ge­mei­ne Pro­zess­grund­satz ei­nes fai­ren Ver­fah­rens steht der Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on und Ver­wer­fung der Be­ru­fung der Be­klag­ten als un­zulässig nicht ent­ge­gen.


a) Die Be­klag­te hätte ei­ne Ver­wer­fung ih­rer Be­ru­fung durch ei­nen zu­min­dest vor­sorg­li­chen An­trag auf Wie­der­ein­set­zung in den vo­ri­gen Stand ver­mei­den können, un­ter­stellt man zu ih­ren Guns­ten, ihr Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter ha­be, weil sei­ne Art der Un­ter­zeich­nung bis­lang von Ge­rich­ten und im Rechts­ver­kehr nicht be­an­stan­det wor­den sei, trotz ent­ge­gen­ste­hen­der höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung dar­auf ver­trau­en können, die­se wer­de - auch bei be­stim­men­den Schriftsätzen - als ord­nungs­gemäß be­wer­tet (vgl. BVerfG 24. No­vem­ber 1997 - 1 BvR 1023/96 - zu II 2 b der Gründe; BGH 11. April 2013 - VII ZB 43/12 - Rn. 11). Auf­grund der Rüge des Klägers im Be­ru­fungs­ter­min vom 5. De­zem­ber 2012 muss­te die Be­klag­te da­mit rech­nen, die Un­ter­schrift ih­res Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten wer­de nicht als sol­che an­er­kannt. Ei­nen An­trag auf

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Wie­der­ein­set­zung in den vo­ri­gen Stand we­gen Versäum­ung der Be­ru­fungs­frist nach § 233 Satz 1 ZPO hat die Be­klag­te gleich­wohl nicht ge­stellt.

b) Auch hat es die Be­klag­te un­ter­las­sen, die versäum­te Pro­zess­hand­lung nach Maßga­be von § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO nach­zu­ho­len.

aa) Ei­ne er­neu­te, form­ge­rech­te Ein­le­gung der Be­ru­fung war nicht ent­behr­lich, weil in der dem Be­ru­fungs­ge­richt vor­lie­gen­den Be­ru­fungs­be­gründung vom 9. März 2012 zu­gleich die Pro­zess­hand­lung der Be­ru­fung ent­hal­ten ge­we­sen wäre. Die versäum­te Pro­zess­hand­lung braucht dann nicht nach­ge­holt zu wer­den, wenn sie be­reits vor Stel­lung des An­trags auf Wie­der­ein­set­zung in den vo­ri­gen Stand ge­genüber dem Ge­richt vor­ge­nom­men wor­den ist (vgl. BGH 26. Sep­tem­ber 2002 - III ZB 44/02 - zu II 1 b der Gründe). Die Be­ru­fungs­be­gründung war je­doch eben­falls nicht ord­nungs­gemäß un­ter­zeich­net und ent­sprach da­mit nicht den For­mer­for­der­nis­sen ei­ner Be­ru­fungs­schrift, § 66 Abs. 1, § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, § 519 Abs. 4, § 130 Nr. 6 ZPO. Auch die sie ab­sch­ließen­de Li­ni­enführung ist nicht als Wie­der­ga­be ei­nes Na­mens in der Ab­sicht ei­ner vol­len Un­ter­schrifts­leis­tung er­kenn­bar.


bb) Glei­ches gilt für den Schrift­satz der Be­klag­ten vom 5. De­zem­ber 2012. Ob die später für die Be­klag­te beim Be­ru­fungs­ge­richt ein­ge­reich­ten Schriftsätze ih­res Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten mit ei­ner Un­ter­schrift ab­sch­ließen und in ih­nen ei­ne Be­ru­fungs­ein­le­gung ent­hal­ten war, kann da­hin­ge­stellt blei­ben. Die Be­klag­te hat am 5. De­zem­ber 2012 Kennt­nis vom Form­m­an­gel er­langt. Die wei­te­ren Schriftsätze wur­den erst nach der gemäß § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO ein­zu­hal­ten­den zweiwöchi­gen An­trags­frist ein­ge­reicht.


III. Die Un­zulässig­keit der Be­ru­fung der Be­klag­ten steht der Über­prüfung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts ent­ge­gen. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts ist for­mell und ma­te­ri­ell rechts­kräftig. Es kann nicht mehr er­folg­reich an­ge­foch­ten wer­den, § 705 ZPO (vgl. Zöller/Stöber ZPO 30. Aufl. § 705 Rn. 3). Die Be­haup­tung der Be­klag­ten, die Kla­ge sei nicht wirk­sam er­ho­ben wor­den, kann der Re­vi­si­on nicht zum Er­folg ver­hel­fen. Die Rechtshängig­keit der Kla­ge ist mit der von der Geschäfts­stel­le des Ar­beits­ge­richts am 10. Ju­ni 2011 be­wirk­ten Zu­s­tel-


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lung der Kla­ge­schrift vom 3. Ju­ni 2011 ein­ge­tre­ten, § 253 Abs. 1, § 261 Abs. 1 ZPO. Ob der Ver­merk der Geschäfts­stel­le über das Ein­rei­chen von zwei Kla­ge­schrif­ten als Be­glau­bi­gungs­ver­merk zu wer­ten ist, kann der Se­nat an­hand der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht ent­schei­den. Dies kann je­doch of­fen­blei­ben. Wie vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt, be­durf­te es ei­ner Be­glau­bi­gung des zu­ge­stell­ten Ori­gi­nals der Kla­ge­schrift durch die Geschäfts­stel­le des Ar­beits­ge­richts nicht.


1. Mit der Be­glau­bi­gung wird erklärt, die Ab­schrift sei vom Ausführen­den mit der in sei­nem Be­sitz be­find­li­chen Vor­la­ge ver­gli­chen wor­den und stim­me mit die­ser völlig übe­rein (vgl. MüKoZ­PO/Häub­lein 4. Aufl. § 169 Rn. 4). Wird das Schriftstück im Ori­gi­nal über­mit­telt, wie hier durch Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de nach­ge­wie­sen, ist ei­ne der­ar­ti­ge Bestäti­gung ent­behr­lich. Dem Empfänger wird mit dem Ori­gi­nal nicht we­ni­ger als ei­ne be­glau­big­te Ab­schrift zu­ge­stellt, son­dern ein Mehr.


2. Die An­nah­me der Be­klag­ten, die Zu­stel­lung könne aus­sch­ließlich durch Über­mitt­lung ei­ner be­glau­big­ten Ab­schrift be­wirkt wer­den, wird durch den Wort­laut von § 166 Abs. 1 ZPO nicht bestätigt. Der Be­griff „Zu­stel­lung“ ist in § 166 Abs. 1 ZPO als „die Be­kannt­ga­be ei­nes Do­ku­ments an ei­ne Per­son in der in die­sem Ti­tel be­stimm­ten Form“ de­fi­niert. Do­ku­men­te, de­ren Zu­stel­lung vor­ge­schrie­ben oder vom Ge­richt an­ge­ord­net ist, sind nach § 166 Abs. 2 ZPO von Amts we­gen zu­zu­stel­len, so­weit nichts an­de­res be­stimmt ist. § 166 Abs. 1 ZPO re­gelt nicht, in wel­cher Form das Do­ku­ment - Ur­schrift, Aus­fer­ti­gung oder be­glau­big­te Ab­schrift - be­kannt zu ge­ben ist.


3. § 166 Abs. 1 ZPO be­stimmt auch nicht, dass das be­kannt zu ge­ben­de Do­ku­ment, selbst wenn es sich um ein Ori­gi­nal han­delt, vor der Zu­stel­lung zu be­glau­bi­gen sei. Dem­ge­genüber sa­hen die Vorgänger­re­ge­lun­gen in § 170 ZPO aF und § 210 ZPO aF noch vor, die Zu­stel­lung sei durch Überg­a­be ei­ner be­glau­big­ten Ab­schrift zu be­wir­ken.


4. Et­was an­de­res er­gibt sich auch nicht aus § 169 Abs. 2 Satz 1 ZPO. Da­nach wird die Be­glau­bi­gung der zu­zu­stel­len­den Schriftstücke von der Ge-


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schäfts­stel­le vor­ge­nom­men. Die Vor­schrift re­gelt al­lein die funk­tio­nel­le Zuständig­keit für die Be­glau­bi­gung.


5. Der Wirk­sam­keit der Zu­stel­lung steht nicht ent­ge­gen, dass sich das Ori­gi­nal der zu­ge­stell­ten Kla­ge­schrift nicht in der Ge­richts­ak­te be­fin­det. Dies gölte auch dann, wenn der Ver­merk der Geschäfts­stel­le über das Ein­rei­chen von zwei Kla­ge­schrif­ten im Ori­gi­nal nicht als Be­glau­bi­gungs­ver­merk ge­wer­tet wer­den könn­te. Bei et­wai­gen Ab­wei­chun­gen zwi­schen der zu­ge­stell­ten Kla­ge­schrift und der in der Ge­richts­ak­te ver­blie­be­nen zwei­ten Kla­ge­schrift wäre - eben­so wie bei ei­ner Ab­wei­chung der zu­ge­stell­ten be­glau­big­ten Ab­schrift vom Ori­gi­nal - für die Rechtshängig­keit al­lein die zu­ge­stell­te Kla­ge­schrift maßgeb­lich, weil die Be­klag­te nur an­hand die­ser ih­re Rech­te wahr­neh­men konn­te (vgl. zur Aus­fer­ti­gung ei­nes Ur­teils BGH 9. Ju­ni 2010 - XII ZB 132/09 - Rn. 15, BGHZ 186, 22).


IV. Die Be­klag­te hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen.


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