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LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 20.06.2017, 11 Sa 2068/16

   
Schlagworte: Sonderurlaub, Erholungspause, Urlaubsanspruch
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg
Aktenzeichen: 11 Sa 2068/16
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 20.06.2017
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Cottbus, Urteil vom 26.10.2016, 2 Ca 1516/15
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 19.03.2019, 9 AZR 315/17
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt
Ber­lin-Bran­den­burg

Verkündet am

20. Ju­ni 2017

Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)
11 Sa 2068/16
2 Ca 1516/15
Ar­beits­ge­richt Cott­bus  

F., Ge­richts­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le

 

Im Na­men des Vol­kes

Ur­teil

In dem Rechts­streit
 

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 11. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 2. Mai 2017 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt J. als Vor­sit­zen­der so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter P. und S. für Recht er­kannt:


I. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Cott­bus vom 26.10.2016 - 2 Ca 1516/15 - teil­wei­se ab­geändert und die Be­klag­te ver­ur­teilt, der Kläge­rin für das Ka­len­der­jahr 2014 Er­satz­ur­laub im Um­fang von 20 Ta­gen zu gewähren.

Im Übri­gen wird die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen

II. Die Kos­ten des Rechts­streits in 1. In­stanz tra­gen die Kläge­rin zu 2/3 und die Be­klag­te zu 1/3.

Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens tra­gen die Kläge­rin zu 6/10 und die Be­klag­te zu 4/10.


III. Die Re­vi­si­on wird für die Be­klag­te nicht aber für die Kläge­rin zu­ge­las­sen.

(J.) (P.) (St.)

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über Ur­laubs­ansprüche aus den Ka­len­der­jah­ren 2013, 2014 und 2015.

Die Kläge­rin ist bei der be­klag­ten Stadt seit dem 1. Ju­li 1991 als zunächst als voll­beschäftig­te An­ge­stell­te und später mit un­ter­schied­li­chen Wo­chen­ar­beits­zei­ten beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me der BAT-O und die die­sen ergänzen­den, ändern­den oder er­set­zen­den Ta­rif­verträge in der für den Be­reich der Ver­ei­ni­gung der Kom­mu­na­len Ar­beit­ge­ber­verbände je­weils gel­ten­den Fas­sung so­wie die sons­ti­gen für den Ar­beit­ge­ber je­weils gel­ten­den Ta­rif­verträge An­wen­dung.

Be­fris­tet für das Jahr 2013 hat­ten die Par­tei­en ei­ne wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 28 Wo­chen­stun­den, ver­teilt auf vier Ta­ge pro Wo­che ver­ein­bart (Ände­rungs­ver­trag vom 18. De­zem­ber 2012/9. Ja­nu­ar 2013, An­la­ge B 1, Bl. 35, 36 d. A.). Ab dem 1. Ja­nu­ar 2014 galt wie­der ei­ne Wo­chen­ar­beits­zeit von 40 St­un­den ver­teilt auf fünf Ta­ge pro Wo­che.

Auf An­trag der Kläge­rin gewährt die Be­klag­te der Kläge­rin in der Zeit vom 1. Sep­tem­ber 2013 bis zum 31. Au­gust 2014 un­be­zahl­ten Son­der­ur­laub. Die­ser wur­de auf wei­te­ren An­trag der Kläge­rin bis zum 31. Au­gust 2015 verlängert. Im Jahr 2013 wur­de der Kläge­rin un­strei­tig Ur­laub im Um­fang von min­des­tens 16 Ur­laubs­ta­gen gewährt. Für das Jahr 2015 gewähr­te die Be­klag­te der Kläge­rin ins­ge­samt 23 Ta­ge Ur­laub.
Nach ih­rer Rück­kehr aus dem Son­der­ur­laub führ­ten die Par­tei­en Gespräche über Ur­laubs­ansprüche der Kläge­rin, in de­nen die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­trat, die Ur­laubs­ansprüche sei­en ver­fal­len. Nach er­folg­lo­ser außer­ge­richt­li­cher Gel­tend­ma­chung mit Schrei­ben ih­res jet­zi­gen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 12. No­vem­ber 2015 hat die Kläge­rin mit ih­rer am 24. De­zem­ber 2015 beim Ar­beits­ge­richt Cott­bus ein­ge­gan­ge­nen und der Be­klag­ten am 5. Ja­nu­ar 2016 zu­ge­stell­ten Kla­ge die Gewährung wei­te­ren Ur­laubs für die Jah­re 2013, 2014 und 2015 im Um­fang von ursprüng­lich 90 Ta­gen gel­tend ge­macht.

Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, Ur­laubs­ansprüche entstünden auch im ru­hen­den Ar­beits­verhält­nis und ei­ne Kürzung die­ser Ansprüche sei un­zulässig. Sie ha­be in den Jah­ren 2013, 2014 und 2015 je­weils ei­nen vol­len Jah­res­ur­laubs­an­spruch von je­weils 30 Ta­gen pro Ka­len­der­jahr er­wor­ben, so­dass - un­ter Berück­sich­ti­gung des gewähr­ten Ur­laubs - noch 51 Ta­ge Ur­laub of­fen sei­en. Dies gel­te auch für das Jahr 2013. Den Ände­rungs­ver­trag ha­be sie erst am 9. Ja­nu­ar 2013 un­ter­zeich­net. Da­her sei die nachträgli­che Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit nicht ge­eig­net, die Kürzung ih­res Ur­laubs­an­spruchs zu recht­fer­ti­gen. Darüber

 

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hin­aus sei ei­ne Auf­spal­tung des im Ta­rif­ver­trag vor­ge­se­he­nen ein­heit­li­chen Ur­laubs­an­spruchs in ei­nen ge­setz­li­chen und über­ge­setz­li­chen Ur­laub sei nicht möglich. Weil sie we­gen des Son­der­ur­laubs die­se Ur­laubs­ansprüche nicht ha­be rea­li­sie­ren können, müss­ten die­se über­tra­gen wer­den, wo­bei der Über­tra­gungs­zeit­raum ein Ka­len­der­jahr deut­lich über­schrei­ten müsse. Ein Ver­fall sei nicht ein­ge­tre­ten, die von der Be­klag­ten re­kla­mier­ten Ver­fall­fris­ten sei­en nicht eu­ro­pa­rechts­kon­form. Da­her sei­en die all­ge­mei­nen Verjährungs­fris­ten an­zu­wen­den, die ein­ge­hal­ten sei­en.

Die Kläge­rin hat zu­letzt be­an­tragt,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, der Kläge­rin für die Ka­len­der­jah­re 2013, 2014 und 2015 noch 51 Ta­ge Ur­laub zu gewähren.

Die Be­klag­te hat be­an­tragt,
die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

Zur Be­gründung ih­res Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags hat sie die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Kläger ha­be be­reits mehr Ur­laub er­hal­ten, als ihr zustünde. Im Ka­len­der­jahr 2013 sei we­gen der Verkürzung der Ar­beits­zeit der Ur­laubs­an­spruch an­tei­lig auf 16 Ta­ge zu kürzen. Der Kläge­rin sei­en aber so­gar 20 Ta­ge Ur­laub gewährt wor­den. Ur­laubs­ansprüche aus 2013 sei­en im Übri­gen spätes­tens am 31. März 2014 ver­fal­len. Während des Son­der­ur­laubs sei we­gen der im TVöD ent­hal­te­nen Kürzungs­re­ge­lung im Jahr 2014 nur der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub ent­stan­den, der aber wie­der­um spätes­tens am 31. März 2015 ver­fal­len sei. Auch für das Jahr 2015 sei we­gen des Son­der­ur­laubs nur ein An­spruch auf 23 Ta­ge Ur­laub ent­stan­den, der der Kläge­rin auch gewährt wor­den sei.

Mit sei­nem Ur­teil vom 26. Ok­to­ber 2016, auf das zur wei­te­ren Dar­stel­lung des Sach- und Streit­stan­des ergänzend Be­zug ge­nom­men wird, hat das Ar­beits­ge­richt Cott­bus die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, die Kläge­rin ha­be kei­ne wei­te­ren Ur­laubs­ansprüche; die­se sei­en ent­we­der erfüllt oder un­ter­ge­gan­gen. Zwar sei­en auch während des Son­der­ur­laubs Ur­laubs­ansprüche ent­stan­den. Die­se sei­en aber - so­weit sie den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub über­stie­gen - nach § 26 TVöD an­tei­lig zu kürzen. Die ent­stan­de­nen Ur­laubs­ansprüche un­terlägen dem Fris­ten­re­gime des § 7 BUrlG und des § 26 TVöD und sei­en - so­weit nicht erfüllt - er­lo­schen. Für 2013 sei we­gen des Son­der­ur­laubs ein an­tei­li­ger Ur­laubs­an­spruch von 24 Ta­gen ent­stan­den, von dem 16 Ta­ge gewährt wor­den sei­en. Die rest­li­chen Ur­laubs­ta­ge sei­en, weil kein Über­tra­gungs­tat­be­stand er­sicht­lich sei, am 31. Mai 2014 ver­fal­len. Im Jahr 2014 ha­be die Kläge­rin we­gen der Kürzung auf­grund des

 

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Son­der­ur­laubs nur den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub er­wor­ben, der aber am 31. Mai 2015 ver­fal­len sei. Für 2015 sei nur ein an­tei­li­ger Ur­laubs­an­spruch im Um­fang von 23 Ta­gen ent­stan­den, der auch gewährt wor­den sei. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Be­gründung wird auf das Ur­teil vom 26. Ok­to­ber 2016 (Bl. 73 - 81 d. A.) ver­wie­sen.

Ge­gen das der Kläge­rin am 1. De­zem­ber 2016 zu­ge­stell­te Ur­teil hat sie mit dem am 21. De­zem­ber 2016 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz ih­res Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 1. März 2017 mit dem am 28. Fe­bru­ar 2017 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.

Die Kläge­rin hält die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung für un­zu­tref­fend. Die An­nah­me des Ar­beits­ge­richts, der Ur­laub könne während des Son­der­ur­laubs nach § 26 TVöD an­tei­lig gekürzt wer­den, sei recht­lich nicht halt­bar. Der TVöD re­ge­le ei­nen ein­heit­li­chen Ur­laubs­an­spruch und un­ter­schei­de nicht zwi­schen ge­setz­li­chem und über­ge­setz­li­chem Ur­laub. Auch die An­nah­me, der Ur­laub un­terläge dem Fris­ten­re­gime der §§ 7 BUrlG, 26 TVöD sei falsch und be­deu­te ei­nen Ver­s­toß ge­gen EU-Recht. Ins­be­son­de­re sei­en die dort ge­re­gel­ten Über­tra­gungs­zeiträume zu kurz be­mes­sen und da­her nicht an­zu­wen­den. An­de­re Ver­falls­fris­ten sei­en vor­lie­gend nicht ein­schlägig. Ins­be­son­de­re be­ste­he kei­ne all­ge­mei­ne Ver­falls­fris­ten­re­ge­lung, die bei­spiels­wei­se 15 Mo­na­te nach dem En­de des Ka­len­der­jah­res zu ei­nem Ver­fall der Ur­laubs­ansprüche führe. Es gälten viel­mehr die all­ge­mei­nen Verjährungs­re­geln, die aber vor­lie­gend nicht ein­grif­fen. Das Ar­beits­ge­richt sei für das Ka­len­der­jahr 2013 feh­ler­haft von ei­nem an­tei­li­gen Ur­laubs­an­spruch von 24 Ta­gen aus­ge­gan­gen. Die Re­du­zie­rung der Ar­beits­zeit sei erst im Ja­nu­ar 2013 wirk­sam ge­wor­den. Da­her sei zunächst zu Jah­res­be­ginn der vol­le Ur­laubs­an­spruch von 30 Ta­gen ent­stan­den und ha­be nachträglich nicht mehr gekürzt wer­den können. Im Jahr 2014 sei die In­an­spruch­nah­me von Ur­laub we­gen des Son­der­ur­laubs nicht möglich ge­we­sen. In­so­weit läge ei­ne der Schultz-Hoff-Ent­schei­dung ver­gleich­ba­re Kon­stel­la­ti­on vor. Bei rich­ti­ger Rechts­an­wen­dung hätte das Ar­beits­ge­richt da­her die Ver­falls­fris­ten nicht her­an­zie­hen dürfen. Auch für 2015 ha­be das Ar­beits­ge­richt falsch ent­schie­den. Da die Kürzungs­re­gel nicht grei­fe, sei der vol­le Ur­laubs­an­spruch ent­stan­den.

Die Kläge­rin be­an­tragt,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Cott­bus vom 26. Ok­to­ber 2016 - 2 Ca 1516/15 - ab­zuändern und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, der Kläge­rin für die Jah­re 2013, 2014 und 2015 Er­satz­ur­laub im Um­fang von 51 Ta­gen zu gewähren.

 

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Die Be­klag­te be­an­tragt,
die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­zu­wei­sen. 


Sie ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung nach Maßga­be ih­rer Be­ru­fungs­be­ant­wor­tung vom 24. April 2017 (Bl.128 - 131 d. A.) als rich­tig und meint, Er­satz­ur­laubs­ansprüche stünden der Kläge­rin nicht zu. Die ta­rif­li­che Kürzungs­re­gel des § 26 TVöD sei nur in­so­weit un­wirk­sam, als sie auch den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub er­fas­se; hin­sicht­lich des ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs dürfe je­doch ei­ne Kürzung vor­ge­nom­men wer­den. So­weit die Kläge­rin sich auf ei­ne erst nachträgli­che Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung be­ru­fe, tref­fe dies nicht zu. Die Kläge­rin ha­be ab dem 1. Ja­nu­ar 2013 in ei­ner vier-Ta­ge-Wo­che ge­ar­bei­tet, so­dass der vol­le Ur­laubs­an­spruch für 2013 nur 24 Ta­ge be­tra­ge. Auch im Jahr 2012 sei die Ar­beits­zeit der Kläge­rin be­reits auf vier Ta­ge pro Wo­che ver­teilt ge­we­sen. Die ta­rif­li­che Kürzungs­re­gel sei nicht zu be­an­stan­den. Für 2013 ha­be sie mehr Ur­laub als ge­schul­det gewährt. Ent­ge­gen der An­sicht der Kläge­rin sei die Recht­spre­chung des EuGH zum Ver­fall von Ur­laubs­ansprüchen bei lang­an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit nicht ent­spre­chend an­zu­wen­den. Im Übri­gen sei zu berück­sich­ti­gen, dass die Kläge­rin zunächst bis zum 31. Au­gust 2014 Son­der­ur­laub ge­habt ha­be, der dann auf ih­ren An­trag noch­mals bis zum 31. Au­gust 2015 verlängert wor­den sei. Die Kläge­rin ha­be da­her im Jahr 2014 ih­ren Ur­laub noch rea­li­sie­ren können. Sämt­li­che Ur­laubs­ansprüche sei­en für 2013 spätes­tens am 31. Mai 2014 und für 2014 am 31. Mai 2015 ver­fal­len. Für 2015 sei die Be­rech­nung des Ar­beits­ge­richts zu­tref­fend; der ent­stan­de­ne Ur­laub im Um­fang von 23 Ta­gen sei von ihr un­strei­tig erfüllt.


We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des so­wie des Vor­brin­gens der Par­tei­en wird ergänzend auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze der Par­tei­en, die - so­weit ent­schei­dungs­er­heb­lich - Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung und der Be­ra­tung ge­we­sen sind, Be­zug ge­nom­men.
 

 

Ent­schei­dungs­gründe:

 

Die Be­ru­fung der Kläge­rin ist zulässig und teil­wei­se be­gründet.

 

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I.

 

Sie ist nach §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 und 2 Buch­sta­be b ArbGG statt­haft so­wie form- und frist­ge­recht im Sin­ne der §§ 64 Abs. 6, 66 Abs. 1 Satz 1, 2 und 5 ArbGG i. V. m. §§ 519, 520 Abs. 1 und 3 ZPO ein­ge­legt und be­gründet wor­den.


II.


Die Be­ru­fung ist auch teil­wei­se be­gründet. Denn die die Kla­ge ist zulässig und teil­wei­se be­gründet. Der auf Gewährung von je­weils 51 Ta­gen Ur­laub aus den Jah­ren 2013, 2014 und 2015 ge­rich­te­te Leis­tungs­an­trag ist zulässig. Der An­trag ist hin­rei­chend be­stimmt (§ 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO). Kla­gen, mit de­nen der Ar­beit­ge­ber zur Gewährung ei­ner be­stimm­ten An­zahl von Ur­laubs­ta­gen ab ei­nem in der Zu­kunft lie­gen­den, nicht näher ge­nann­ten Zeit­punkt ver­ur­teilt wer­den soll, sind zulässig (BAG, Ur­tei­le vom 18. März 2014 - 9 AZR 877/13 - ju­ris und - 9 AZR 669/12 - AP Nr. 72 zu § 7 BUrlG; Gall­ner in Er­fur­ter Kom­men­tar zum Ar­beits­recht, 17. Auf­la­ge 2017, § 7 BUrlG Rn. 31). Die Kläge­rin kann von der Be­klag­ten Er­satz­ur­laub für das Jahr 2014 im Um­fang von 20 Ur­laubs­ta­gen ver­lan­gen. Im wei­ter­ge­hen­den Um­fang ist die Kla­ge un­be­gründet.


1.

Für das Jahr 2013 steht der Kläge­rin kein An­spruch auf Er­satz­ur­laub zu. Da­bei kann für die Ent­schei­dung da­hin­ste­hen, in wel­chem Um­fang der Ur­laub für das Jahr 2013 ent­stan­den ist. Denn ein et­waig nicht erfüll­ter Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin wäre auch dann spätes­tens am 31. März 2015 und da­mit vor Ein­tritt ei­nes Ver­zu­ges der Be­klag­ten ver­fal­len, wenn man aus eu­ro­pa­recht­li­chen Gründen die Grundsätze über die Über­trag­bar­keit des Ur­laubs bei lang­an­dau­ern­der Ar­beits­unfähig­keit auch auf Fälle des Ru­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses we­gen Son­der­ur­laubs an­wen­det.


a)

 

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Ein An­spruch auf Er­satz­ur­laub nach §§ 275 Abs. 1 und 4, 289 Abs. 1 und 3, 283 Satz 1, 286 Abs. 1, 287 Satz 2, 249 Abs. 1 BGB setzt vor­aus, dass die Ab­leh­nung des Ur­laubs­wun­sches zu Un­recht er­folg­te, weil im Zeit­punkt der Gel­tend­ma­chung noch ein Ur­laubs­an­spruch be­stand und sich der Ar­beit­ge­ber des­halb im Ver­zug mit der Ur­laubs­gewährung be­fin­det. Die Kläge­rin hat erst­mals nach Rück­kehr aus ih­rem Er­ho­lungs­ur­laub, al­so nach dem 1. Sep­tem­ber 2015 mit der be­klag­ten Gespräche über ih­ren Ur­laub geführt und dann mit dem Schrei­ben ih­res jet­zi­gen Pro­zess­be­vollmäch­ti­gen vom 12. No­vem­ber 2015 Ur­laub aus dem Jahr 2013 gel­tend ge­macht. Selbst wenn ei­ne Gel­tend­ma­chung zu Guns­ten der Kläge­rin be­reits am 1. Sep­tem­ber 2015 an­ge­nom­men würde, be­gründet dies kei­nen Ver­zug der Be­klag­ten mit der Gewährung des Ur­laubs aus dem Jahr 2013, weil ein Ur­laubs­an­spruch zu die­sem Zeit­punkt nicht mehr be­stand. Er war be­reits zu­vor, nämlich spätes­tens am 31. März 2015 ver­fal­len. Er war so­mit schon ver­fal­len, be­vor Ver­zug hätte ein­tre­ten können. Da­her lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen, un­ter de­nen ein Ar­beit­ge­ber, der sich im Ver­zug mit der Ur­laubs­gewährung be­fin­det, dem Ar­beit­neh­mer Scha­dens­er­satz in Form von Er­satz­ur­laub zu leis­ten hat, nicht vor (BAG, Ur­teil vom 14. Fe­bru­ar 2017 - 9 AZR 386/16 - DB 2017, 975).


b)
Man­gels ab­wei­chen­der ar­beits- oder ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen ist der An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Er­ho­lungs­ur­laub be­fris­tet. So­fern kein Über­tra­gungs­grund nach § 7 Abs. 3 BUrlG ge­ge­ben ist, verfällt der am En­de des Ur­laubs­jah­res nicht ge­nom­me­ne Ur­laub. Dies gilt je­den­falls in den Fällen, in de­nen der Ar­beit­neh­mer nicht aus von ihm nicht zu ver­tre­ten­den Gründen an der Ur­laubs­nah­me ge­hin­dert ist. Die ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lung des § 26 Abs. 2 Buch­sta­be a TVöD enthält zwar ei­ne von § 7 Abs. 3 BUrlG ab­wei­chen­de Re­ge­lung (BAG, Ur­teil vom 22. Mai 2012 - 9 AZR 575/10 - AP Nr. 3 zu § 26 TVöD = NZA-RR 2013, 48), re­gelt aber gleich­wohl den Ver­fall von Ur­laub spätes­tens am 31. Mai des Fol­ge­jah­res. Nimmt man - wie die Kläge­rin - an, dass auch im Fal­le des Son­der­ur­laubs die­se Ver­falls­fris­ten nicht an­wend­bar sind, weil während des Son­der­ur­laubs kein be­zahl­ter Ur­laub ge­nom­men wer­den kann (BAG, Ur­teil vom 18. März 2014 - 9 AZR 669/12 - AP Nr. 72 zu § 7 BUrlG) und das Erlöschen des in Art 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88/EG (Ar­beits­zeit­richt­li­nie) ga­ran­tier­te An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub eu­ro­pa­rechts­wid­rig ist, folgt dar­aus aber nicht, dass er un­be­fris­tet über­tra­gen würde. Der EuGH hat fest­ge­stellt, dass Art. 7 Abs. 1 der Ar­beits­zeit­richt­li­nie grundsätz­lich ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, die für den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Re­ge­lun­gen vor­sieht, die so­gar zum Ver­lust die­ses An­spruchs am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums führen können. Al­ler­dings hat er die Vor­aus­set­zung auf­ge­stellt, dass  

 

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der Ar­beit­neh­mer, des­sen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lo­schen ist, tatsächlich die Möglich­keit ge­habt ha­ben muss, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch aus­zuüben (EuGH, Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 - [Schultz-Hoff] Slg. 2009, I-179). Der EuGH hat später ergänzend fest­ge­stellt, dass ein Recht auf ein un­be­grenz­tes An­sam­meln von Ansprüchen auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub aus meh­re­ren Be­zugs­zeiträum­en, die während ei­nes sol­chen Zeit­raums der Ar­beits­unfähig­keit er­wor­ben wur­den, nicht mehr dem Zweck des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ent­spre­chen würde (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2011 - C-214/10 - [KHS] - AP Nr. 6 zu Richt­li­nie 2003/88/EG). Der An­spruch ei­nes während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub könne den Zweck­be­stim­mun­gen des Ur­laubs nur in­so­weit ent­spre­chen, als der Über­trag ei­ne ge­wis­se zeit­li­che Gren­ze nicht über­schrei­te. Das na­tio­na­le Recht könne da­her Über­tra­gungs­zeiträume vor­se­hen, an de­ren En­de auch bei fort­be­ste­hen­der Ar­beits­unfähig­keit der Ur­laubs­an­spruch ent­fal­le. Ein sol­cher Über­tra­gungs­zeit­raum müsse die Dau­er des Be­zugs­zeit­raums, für den er gewährt wer­de, deut­lich über­schrei­ten (EuGH, Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2011 - C-214/10 - [KHS], a. a. O.). Die­sem Fall lag ei­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung mit ei­nem Über­tra­gungs­zeit­raum von 15 Mo­na­ten zu­grun­de. So­weit die Kläge­rin meint, ei­ne sol­che Frist sei vor­lie­gend nicht ein­schlägig und des­halb gölten die all­ge­mei­nen Verjährungs­re­ge­lun­gen, über­sieht sie, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt auf­grund der Recht­spre­chung des EuGH und der der Vor­ga­ben des Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG seit­dem § 7 Abs. 3 BUrlG uni­ons­rechts­kon­form da­hin ge­hend aus­legt, dass der ge­setz­li­che Min­des­t­ur­laub nicht vor Ab­lauf von 15 Mo­na­ten nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res er­lischt, wenn der Ar­beit­neh­mer bis zum En­de des Ur­laubs­jah­res aus nicht von ihm zu ver­tre­ten­den Gründen an der Ur­laubs­nah­me ge­hin­dert war (BAG, Ur­teil vom 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - BA­GE 142, 371 = AP Nr. 61 zu § 7 BUrlG = NZA 2012, 1216). Der aus dem Jahr 2013 stam­men­de Ur­laub hätte un­be­scha­det des Um­stands, dass der Über­tra­gungs­zeit­raum grundsätz­lich am 31. März 2014 bzw. 31. Mai 2014 en­de­te (§ 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG, § 26 Abs. 2 Buch­sta­be a TVöD), bei An­wen­dung der für lang­an­dau­ern­den Er­kran­kung ent­wi­ckel­ten Grundsätze fort­be­stan­den, ist aber mit Ab­lauf des 31. März des zwei­ten Fol­ge­jah­res am 31. März 2015 er­lo­schen.

 


2.

Für das Ka­len­der­jahr 2014 steht der Kläge­rin hin­ge­gen noch ein An­spruch auf 20 Ta­ge Er­satz­ur­laub zu. Die­ser Er­satz­ur­laubs­an­spruch von 20 Ta­gen für das Ur­laubs­jahr 2014 folgt aus §§ 275 Abs. 1 und Abs. 4, 280 Abs. 1 und Abs. 3, 283 Satz 1, 286 Abs. 1, 287 Satz 2,

 

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249 Abs. 1 BGB. Die Kläge­rin hat - spätes­tens - mit Schrei­ben vom 12. No­vem­ber 2015 die Gewährung von 30 Ur­laubs­ta­gen aus dem Jahr 2014 ver­langt. Die­sen Ur­laub hat die Be­klag­te ab­ge­lehnt. Die Ab­leh­nung er­folg­te im Um­fang von 20 Ta­gen zu Un­recht. Die­se Ur­laubs­ta­ge sind zwar mitt­ler­wei­le nach § 26 Abs. 2 TVöD i. V. m. § 7 Abs. 3 BUrlG un­ter­ge­gan­gen. Nach­dem je­doch die Be­klag­te den An­spruch der Kläge­rin zu Un­recht ab­ge­lehnt hat, steht der Kläge­rin gemäß ein Scha­dens­er­satz­an­spruch in Um­fang von 20 Ur­laubs­ta­gen zu. Die Be­klag­te be­fand sich im Zeit­punkt des Un­ter­gangs des Ur­laubs­an­spruchs mit der Gewährung des Ur­laubs in Ver­zug. Hat der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer recht­zei­tig be­an­trag­ten Ur­laub nicht gewährt, wan­delt sich der im Ver­zugs­zeit­raum ver­fal­le­ne Ur­laubs­an­spruch in ei­nen auf Gewährung von Er­satz­ur­laub als Na­tu­ral­re­sti­tu­ti­on ge­rich­te­ten Scha­dens­er­satz­an­spruch um (BAG, Ur­teil vom 03. Ju­ni 2014 - 9 AZR 944/12 - NZA 2015, 123).


a)
Die Kläge­rin hat­te im Jahr 2014 den vol­len Ur­laubs­an­spruch für 2014 im Um­fang von 30 Ta­gen er­wor­ben. Zu Be­ginn des Ur­laubs­jah­res 2014 hat­te die Kläge­rin die sechs­mo­na­ti­ge War­te­zeit gemäß § 26 Abs. 2 des zwi­schen­zeit­lich als Nach­fol­ger des BAT an­wend­bar ge­wor­de­nen TVöD (BAG, Be­schluss vom 22. April 2009 - 4 ABR 14/098 - BA­GE 130, 286 = NZA 2009, 1286) in Ver­bin­dung mit § 4 BUrlG be­reits erfüllt. Der Ur­laubs­an­spruch war so­mit zu Be­ginn des Ur­laubs­jah­res 2014 in vol­ler Höhe ent­stan­den. Die Ar­beits­zeit war nicht mehr re­du­ziert - die Re­du­zie­rung war bis zum 31. De­zem­ber 2013 be­fris­tet -, so dass grundsätz­lich ein Ur­laubs­an­spruch von 30 Ta­gen ent­stan­den war. Der Ur­laubs­an­spruch be­trug auf­grund der un­strei­ti­gen Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit auf fünf Ta­ge pro Wo­che zu Be­ginn des Jah­res 2014 un­ter Berück­sich­ti­gung von § 26 Abs. 1 Satz 2 TVöD 30 Ta­ge. Die Ar­beits­zeit­ver­tei­lung auf 5 Wo­chen­ta­ge be­stand fort. Der Ur­laubs­an­spruch ent­stand auch trotz des be­ste­hen­den Son­der­ur­laubs. Für die Ent­ste­hung des Ur­laubs­an­spruchs ist al­lein das Be­ste­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses Vor­aus­set­zung. Auf die Er­brin­gung von Ar­beits­leis­tun­gen kommt es dafür nicht an. Auch ein Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses ändert dar­an nichts (BAG, Ur­teil vom 6. Mai 2014 - 9 AZR 678/12 - BA­GE 148, 115 = AP Nr. 24 zu § 1 BUrlG = NZA 2014, 959).


b)
Auf­grund des von der Kläge­rin be­an­trag­ten und von der Be­klag­ten gewähr­ten Son­der­ur­laubs ruh­te das Ar­beits­verhält­nis, weil die wech­sel­sei­ti­gen Haupt­leis­tungs­pflich­ten sus­pen­diert sind (BAG, Ur­teil vom 9. Au­gust 1995 - 10 AZR 944/94 - ju­ris). Der Ur­laubs­an­spruch war

 

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da­her gemäß § 26 Abs. 2 Buch­sta­be c TVöD an­tei­lig für je­den Mo­nat um 1/12 zu kürzen. We­gen der Un­ab­ding­bar­keit des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruchs (§ 13 BUrlG) wirkt sich die die Kürzungs­re­ge­lung nur auf den über den ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruch hin­aus­ge­hen­den ta­rif­li­chen Ur­laubs­an­spruch aus (BAG, Ur­teil vom 6. Mai 2014 - 9 AZR 678/12 - BA­GE 148, 115 = AP Nr. 24 zu § 1 BUrlG = NZA 2014, 959). Sie ist da­her nicht ins­ge­samt, son­dern nur in­so­weit un­wirk­sam, als sie den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruch be­trifft. Ent­ge­gen der An­sicht der Kläge­rin kann - auch wenn der TVöD in­so­weit nicht aus­drück­lich un­ter­schei­det - zwi­schen ge­setz­li­chen Ur­laub und ta­rif­li­chem Mehr­ur­laub un­ter­schie­den wer­den. Denn der TVöD trifft in sei­nem § 26 vom Bun­des­ur­laubs­ge­setz ab­wei­chen­de, ei­genständi­ge Re­ge­lun­gen ge­trof­fen und geht mit dem Ur­laubs­an­spruch von 30 Ta­gen be­zo­gen auf ei­ne fünf-Ta­ge-Wo­che über den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub von 20 Ta­gen in der fünf-Ta­ge-Wo­che hin­aus. Der ta­rif­li­che Mehr­ur­laub ist als Teil der ein­heit­lich ge­re­gel­ten Ge­samt­ur­laubs­dau­er ab­trenn­bar (BAG, Ur­teil vom 22. Mai 2012 - 9 AZR 618/10 - BA­GE 141, 374 = AP Nr. 59 zu § 7 BUrlG = NZA 2012, 987; Ur­teil vom 12. April 2011 - 9 AZR 80/10 - BA­GE 137, 328 = AP Nr. 50 zu § 7 BUrlG = NZA 2011, 1050). Die Kürzungs­re­ge­lung in § 26 Abs. 2 Buch­sta­be c TVöD gilt des­halb nur für den ta­rif­li­chen Mehr­ur­laub und er­fasst den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub nicht. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind bei der Re­ge­lung ta­rif­li­chen Mehr­ur­laubs nicht durch eu­ro­pa­recht­li­che Vor­ga­ben ge­bun­den; sie können die­sen frei re­geln. Da­her war der ta­rif­li­che Mehr­ur­laub gemäß § 26 Abs. 2 Buch­sta­be c TVöD für je­den Mo­nat um 1/12, mit­hin im Jahr 2014 in vol­lem Um­fang von 10 Ta­gen zu kürzen. Der ver­blei­ben­de ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch be­trug auf­grund der un­strei­ti­gen Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit auf 5 Ta­ge pro Wo­che un­ter Berück­sich­ti­gung von § 3 Abs. 1 BUrlG 20 Ta­ge.


c)
Die­ser ent­stan­de­ne Min­des­t­ur­laubs­an­spruch ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten auch nicht gemäß § 26 Abs. 2 Buch­sta­be a TVöD am 31. März 2015 oder dem 31. Mai 2015 er­lo­schen.

aa)
Zwar ist da­nach der Er­ho­lungs­ur­laub im Fal­le der Über­tra­gung in den ers­ten drei Mo­na­ten des fol­gen­den Ka­len­der­jah­res und, wenn er aus be­trieb­li­chen/dienst­li­chen Gründen nicht bis zum 31. März an­ge­tre­ten wer­den kann, bis zum 31. Mai an­zu­tre­ten.

bb)

 

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Al­ler­dings be­ein­träch­ti­gen Re­ge­lun­gen, die das Erlöschen des in Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 ga­ran­tier­ten An­spruchs des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor­se­hen, das je­dem Ar­beit­neh­mer durch Art. 7 der ge­nann­ten Richt­li­nie un­mit­tel­bar gewähr­te so­zia­le Recht, den ihm durch die­se Richt­li­nie gewähr­ten An­spruch aus­zuüben wenn der Ar­beit­neh­mer tatsächlich nicht die Möglich­keit hat­te, (EuGH, Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009 - C-350/06 und C-520/06 [Schultz-Hoff], Slg. 2009, I-179). Sie sind dann auf den ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruch aus uni­ons­recht­li­chen Gründen nicht an­zu­wen­den (BAG, Ur­teil vom 07.  Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - BA­GE 142, 371 = AP Nr. 61 zu § 7 BUrlG = NZA 2012, 1216; BAG, Ur­teil vom 22. Mai 2012 - 9 AZR 618/10 - BA­GE 141, 374 = AP Nr. 59 zu § 7 BUrlG = NZA 2012, 987). Viel­mehr tritt an ih­re Stel­le in die­sem Fal­le § 7 Abs. 3 BUrlG in sei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung, wo­nach ge­setz­li­che Ur­laubs­ansprüche vor Ab­lauf ei­nes Zeit­raums von 15 Mo­na­ten nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res nicht erlöschen, wenn der Ar­beit­neh­mer aus ge­sund­heit­li­chen Gründen an sei­ner Ar­beits­leis­tung ge­hin­dert war. Sie ge­hen aber spätes­tens mit Ab­lauf des 31. März des zwei­ten Fol­ge­jah­res un­ter (BAG, Ur­teil vom 07. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10,- a. a. O.).

(1)
Die­se Grundsätze müssen nach An­sicht der Kam­mer im Hin­blick auf den ga­ran­tier­ten An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub auch im Fal­le ei­nes ver­ein­bar­ten un­be­zahl­ten Son­der­ur­laubs gel­ten. Denn auch während ei­nes Son­der­ur­laubs hat der Ar­beit­neh­mer kei­ne Möglich­keit, be­zahl­ten Ur­laub zu neh­men, weil sein Ar­beits­verhält­nis we­gen des Son­der­ur­laubs ruht und da­her kei­ne Ar­beits­pflicht be­steht. Ur­laub als Frei­stel­lungs­erklärung des Ar­beit­ge­bers kann nur gewährt wer­den, so­weit für den Frei­stel­lungs­zeit­raum ei­ne Ar­beits­pflicht des Ar­beit­neh­mers be­steht (BAG, Ur­teil vom 18. März 2014 - 9 AZR 669/12 - AP Nr. 72 zu § 7 BUrlG).


(2)
Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Son­der­ur­laub auf­grund ei­nes An­trags der Kläge­rin be­wil­ligt wur­de und auf ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung be­ruht. So­weit die Be­klag­te meint, im Fal­le ei­nes ver­ein­bar­ten Son­der­ur­laubs ver­fal­le der Ur­laub am En­de des Ka­len­der­jah­res und es kom­me nicht zu ei­ner Verlänge­rung des Über­tra­gungs­zeit­raums, weil der Hin­de­rungs­grund we­gen der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung nicht un­abhängig vom Wil­len der Kläge­rin ein­ge­tre­ten ist (so Schönhoft/Oel­ze, NZA 2016, 868 [871]; ähn­lich Bur­ger, Ta­rif­verträge für den öffent­li­chen Dienst, 3. Auf­la­ge 2015, § 26 TVöD Rn. 26 ), über­zeugt dies nicht. Die­ser Um­stand er­for­dert kei­ne ab­wei­chen­de Be­ur­tei­lung, weil so­wohl der

 

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Um­fang des Min­des­t­ur­laubs als auch die De­fi­ni­ti­on des Gel­tungs­be­reichs des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes nach § 13 Abs. 1 BurlG der Dis­po­si­ti­on der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ent­zo­gen sind (BAG, Ur­teil vom 6. Mai 2014 - 9 AZR 678/12 - BA­GE 148, 115 = AP Nr. 24 zu § 1 BUrlG = NZA 2014, 959; BAG, Ur­teil vom 7. Au­gust 2012 - 9 AZR 353/10 - BA­GE 142, 371 = AP Nr. 61 zu § 7 BUrlG = NZA 2012, 1216). Nähme man an, die Über­tra­gungs­re­ge­lun­gen fänden im we­gen Son­der­ur­laubs ru­hen­dem Ar­beits­verhält­nis kei­ne An­wen­dung, wären Ar­beit­neh­mer, die sich im Son­der­ur­laub be­fin­den, während des Ru­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses im Er­geb­nis aus dem An­wen­dungs­be­reich des BUrlG aus­ge­nom­men. Dies lässt § 13 Abs. 1 Satz 1 BUrlG nicht zu. Im Übri­gen lässt sich auch mit der Prämis­se, dass der Ur­laub nur dann nicht verfällt, wenn der Ar­beit­neh­mer aus von ihm nicht zu ver­tre­ten­den Gründen an der Ur­laub­s­auf­nah­me ge­hin­dert wur­de, nicht ab­lei­ten, dass et­was an­ders gilt, wenn der Ar­beit­neh­mer aus von ihm mit zu ver­tre­te­nen Gründen an der Ur­laub­s­auf­nah­me ge­hin­dert war. Un­abhängig vom Bei­trag des Ar­beit­ge­bers ist nicht er­sicht­lich, dass der Ar­beit­neh­mer den Grund für das Ur­laubs­hin­der­nis zu ver­tre­ten hätte. Im Hin­blick auf die Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts nach § 11 BUrlG hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt ei­nen ver­ein­bar­ten Son­der­ur­laub als un­ver­schul­de­te Ar­beits­versäum­nis des Ar­beit­neh­mers, al­so als nicht von ihm zu ver­tre­te­nen Um­stand, an­ge­se­hen (BAG, Ur­teil vom 21. Mai 1970 - 5 AZR 421/69 - AP Nr. 1 zu § 11 BUrlG).


(3)
Auch der Ein­wand der Be­klag­ten, die Kläge­rin ha­be ih­ren Ur­laub vor der Verlänge­rung des Son­der­ur­laubs rea­li­sie­ren können, führt zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis. Zum ei­nen ist nicht er­sicht­lich, dass nach Ab­lauf der ers­ten Be­fris­tung ein et­wai­ger Ur­laubs­wunsch der Kläge­rin von der Be­klag­ten frei­wil­lig erfüllt wor­den wäre. Denn die Be­klag­te hat ursprüng­lich nach der Gel­tend­ma­chung der Ur­laubs­ansprüche für Zei­ten des Son­der­ur­laubs nach dem in­so­weit nicht be­strit­te­nen Vor­trag der Kläge­rin die Ent­ste­hung von Ur­laubs­ansprüchen während des Son­der­ur­laubs in Ab­re­de ge­stellt und sich später auf den Ver­fall et­wai­ger Ur­laubs­ansprüche zum 31. März bzw. 31. Mai des Fol­ge­jah­res be­ru­fen. Im Übri­gen be­steht kei­ne Pflicht, vor ei­ner Verände­rung der Ar­beits­zeit und de­ren Ver­tei­lung auf die Wo­chen­ta­ge zunächst sei­nen „Ur­laub zu neh­men“ (BAG, Ur­teil vom 10. Fe­bru­ar 2015 - 9 AZR 53/14 (F) - BA­GE 150, 345 = AP Nr. 6 zu § 26 TVöD = NZA 2015, 1005). Glei­ches gilt nach Auf­fas­sung der Kam­mer auch vor ei­ner Verlänge­rung des Son­der­ur­laubs.

 

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Vor­lie­gend konn­te die Kläge­rin Min­des­t­ur­laub des Jah­res 2014 von 20 Ar­beits­ta­gen bis zum En­de ih­res Son­der­ur­laubs am 31. Au­gust 2015 nicht neh­men. Der nach § 26 Abs. 2 Buch­sta­be a TVöD i. V. m. § 7 Abs. 3 Satz 2 BUrlG auf­grund auf die ers­ten drei Mo­na­te des Jah­res 2015 über­tra­ge­ne Ur­laubs­an­spruch konn­te da­her von der Kläge­rin we­gen des Ru­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses der Par­tei­en auch nicht bis zum 31. März 2015 ge­nom­men wer­den. Gin­ge man da­von aus, dass das Ru­hen des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nen be­trieb­li­chen oder dienst­li­chen Grund i. S. d. § 26 Abs. 2 a) TVöD dar­stellt, so wäre zwar ei­ne wei­te­re Über­tra­gung des Ur­laubs­an­spru­ches aus 2014 in den Zeit­raum bis zum 31. Mai 2015 an­zu­neh­men, aber auch in die­sem Zeit­raum ruh­te das Ar­beits­verhält­nis. Weil die Kläge­rin we­der bis zum 31. März 2015 noch bis zum 31. Mai 2015 auf­grund des Ru­hens ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses die Möglich­keit hat­te, den durch Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ga­ran­tier­ten An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu ver­wirk­li­chen, konn­te der Ab­lauf der in § 26 Abs. 2 Buch­sta­be a TV-L vor­ge­se­he­nen Über­tra­gungs­zeiträume nicht zum Erlöschen die­ses An­spru­ches führen. Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts führt die fort­dau­ern­de Ar­beits­unfähig­keit zur wei­te­ren au­to­ma­ti­schen Über­tra­gung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs und hin­dert so des­sen Ver­fall (BAG, Ur­teil vom 4. Mai 2010 - 9 AZR 183/09 - BA­GE 134, 196 = AP Nr. 49 zu § 7 BUrlG = NZA 2010, 1011; BAG, Ur­teil vom 12. April 2011 - 9 AZR 80/10 - BA­GE 137, 328 = AP Nr. 50 zu § 7 BUrlG = NZA 2011, 1050; BAG, Ur­teil vom 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 425/10 - AP Nr. 52 zu § 7 BUrlG = NZA 2012, 29). Der im Vor­jahr nicht erfüll­ba­re Ur­laubs­an­spruch wird nach § 7 Abs. 3 Satz 2 BUrlG bei ei­nem in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­den Grund au­to­ma­tisch über­tra­gen. Er tritt dem am 1. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res nach § 4 BUrlG ent­ste­hen­den neu­en Ur­laubs­an­spruch mit der Maßga­be hin­zu, dass er nach § 7 Abs. 3 Satz 3 BUrlG bis zum 31. März des Fol­ge­jah­res gewährt und ge­nom­men wer­den muss. Ist ein Ur­laubs­an­spruch bis zum En­de des Über­tra­gungs­zeit­raums nicht erfüll­bar, kann zwar nach der - uni­ons­recht­lich be­ding­ten - neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts der Ver­fall des Ur­laubs­an­spruchs nicht ein­tre­ten. So­wohl für den über­tra­ge­nen als auch für den neu ent­stan­de­nen Ur­laubs­teil­an­spruch gel­ten dann aber die in § 7 Abs. 3 Satz 1 BUrlG be­stimm­te Be­zugs­dau­er bis zum 31. De­zem­ber als auch die Über­tra­gungs­re­geln aus § 7 Abs. 3 Satz 2 und Satz 3 BUrlG. Die ku­mu­lier­ten Ur­laubs­ansprüche wer­den al­so über­tra­gen, so lan­ge das Ur­laubs­hin­der­nis be­steht. Entfällt das Ur­laubs­hin­der­nis im Lau­fe ei­ne Ka­len­der­jah­res und kann der Ur­laubs­an­spruch in die­sem Ka­len­der­jahr noch rea­li­siert wer­den, tritt der Ver­fall am 31. De­zem­ber die­ses Jah­res ein (BAG, Ur­teil vom 9. Au­gust 2011 - 9 AZR 425/10 - a. a. O.). Zum Erlöschen die­ses An­spru­ches konn­te es so­mit erst nach Ab­lauf der Frist des § 7 Abs. 3 BUrlG in sei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung, mit­hin am 31. De­zem­ber 2015 kom­men.

 

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Da­her be­stand der uni­ons­recht­lich ga­ran­tier­te Min­des­t­ur­laubs­an­spruch auch am 12. No­vem­ber 2015 noch. Un­ter Berück­sich­ti­gung ei­ner fünf-Ta­ge-Wo­che und der in Bran­den­burg gel­ten­den Fei­er­ta­ge wäre ei­ne Ur­laub­s­auf­nah­me hin­sicht­lich des Ur­laubs aus dem Jahr 2014 im Jahr 2015 noch möglich ge­we­sen. In­fol­ge des durch die un­be­rech­tig­te Ab­leh­nung des Ur­laubs ein­ge­tre­te­nen Ver­zu­ges ist der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch gemäß § 26 Abs. 2 TV-L in Ver­bin­dung mit § 7 Abs. 3 BUrlG mit Ab­lauf des Jah­res 2015, je­den­falls aber mit Ab­lauf des Über­tra­gungs­zeit­raums gemäß § 26 Abs. 2 a) TV-L er­lo­schen.

Da­her be­steht für die 20 im Jahr 2014 ent­stan­de­nen Ur­laubs­ta­ge ein An­spruch auf Er­satz­ur­laub.

 

3.

Für das Jahr 2015 ist der Ur­laubs­an­spruch der Kläge­rin vollständig von der Be­klag­ten erfüllt und da­mit nach § 362 Abs. 1 BGB er­lo­schen. Auf­grund des bis zum 31. Au­gust 2015 währen­den Son­der­ur­laubs war der ta­rif­li­che Mehr­ur­laub von 10 Ta­gen nach § 26 Abs. 2 Buch­sta­be c TVöD um 8/12 zu kürzen. Mit dem ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub von 20 Ta­gen stan­den der Kläge­rin für 2015 ins­ge­samt 23, 34 Ta­ge Ur­laub zu, die gemäß § 26 Abs. 1 Satz 4, 2. HS TVöD auf 23 Ur­laubs­ta­ge ab­zu­run­den wa­ren. In die­sem Um­fang wur­de der Kläge­rin un­strei­tig Ur­laub gewährt.


III.

 

Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus folgt aus § 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. §§ 92 Abs. 2, 97 Abs. 1 ZPO.


IV.
Die Re­vi­si­on war we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge zur Aus­wir­kung des Ru­hens des Ar­beits­verhält­nis­ses auf den Ur­laubs­an­spruch gemäß § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG zu­zu­las­sen.

(Jan­zen) (Pi­gul­la) (Ste­ger)

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