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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/058

Kein Ur­laub für Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit

Kein Ur­laub vom Ur­laub wäh­rend der Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit, die im Block­mo­dell durch­führt wird: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.09.2019, 9 AZR 481/18
Urlaubsgeld, Liegestuhl mit Geldschein

04.05.2020. Für den Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen pro Jahr (§§ 1, 3 Bun­des­ur­laubs­ge­setz - BUrlG) kam es bis­her nur auf den recht­li­chen Be­stand des Ar­beits­ver­hält­nis­ses an.

Ur­laubs­an­sprü­che ent­stan­den nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) auch dann, wenn der Ar­beit­neh­mer in dem be­tref­fen­den Ka­len­der­jahr (Ur­laubs­jahr) nicht ar­bei­tet, z.B. we­gen ei­ner ein­ver­nehm­li­chen Frei­stel­lung oder wäh­rend ei­nes ta­rif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Sab­bat­jah­res (BAG, Ur­teil vom 06.05.2014, 9 AZR 678/12).

Das gilt aber heu­te nicht mehr, wie das BAG vor kur­zem für die Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit ent­schie­den hat: BAG, vom 24.09.2019, 9 AZR 481/18.

Ur­laub auch für Zei­ten ei­ner un­wi­der­ruf­li­chen Frei­stel­lung?

Von sei­ner bis­he­ri­gen älte­ren Mei­nung ist das BAG in­zwi­schen ab­gerückt und hat ent­schie­den, dass un­be­zahl­te Aus­zei­ten bei der Be­rech­nung des ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs nicht zu berück­sich­ti­gen sind (BAG, Ur­teil vom 19.03.2019, 9 AZR 315/17).

Da­mit folgt das BAG dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH), der die an­tei­li­ge Ur­laubskürzung für Zei­ten oh­ne Ar­beits­pflicht in ei­nem rumäni­schen Fall er­laubt hat, nämlich für die Dau­er ei­ner El­tern­zeit (EuGH, Ur­teil vom 04.10.2018, C-12/17 - Ma­ria Di­cu). Dem­ent­spre­chend ist die nach deut­schem Ge­set­zes­recht be­ste­hen­de Möglich­keit, Ur­laubs­ansprüche für El­tern­zeit-Mo­na­te an­tei­lig zu kürzen (§ 17 Abs.1 Satz 1 Bun­des­el­tern­geld- und -El­tern­zeit­ge­setz - BEEG), mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar (so BAG, Ur­teil vom 19.03.2019, 9 AZR 362/18, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 19/073 Kürzung des Ur­laubs bei El­tern­zeit zulässig).

Vor dem Hin­ter­grund die­ser ak­tu­el­len Recht­spre­chung liegt es na­he, dass Ar­beit­neh­mer auch während der Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit kei­ne Ur­laubs­ansprüche er­wer­ben. Bei ei­ner Al­ters­teil­zeit im Block­mo­dell ar­bei­tet der Ar­beit­neh­mer zunächst während der (z.B. zweijähri­gen) Ar­beits­pha­se im ge­wohn­ten zeit­li­chen Um­fang (z.B. für 40 St­un­den pro Wo­che), erhält dafür aber nur 50 Pro­zent sei­ner Vergütung. Das da­durch an­ge­spar­te Gut­ha­ben wird während der fol­gen­den (eben­falls z.B. zweijähri­gen) Frei­stel­lungs­pha­se aus­ge­zahlt.

Da das Ar­beits­verhält­nis auch in der Frei­stel­lungs­pha­se recht­lich wei­ter fort­be­steht, hat das BAG in sei­ner älte­ren Recht­spre­chung die Mei­nung ver­tre­ten, dass auch für Frei­stel­lungs­mo­na­te Ur­laubs­ansprüche ent­ste­hen. Die­se An­sicht hat das BAG jetzt auf­ge­ge­ben und klar­ge­stellt, dass während der Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit kei­ne Ur­laubs­ansprüche ent­ste­hen: BAG, Ur­teil vom 24.09.2019, 9 AZR 481/18

Im Streit: Ur­laubs­ansprüche für 16-mo­na­ti­ge Frei­stel­lung ei­ner Al­ters­teil­zeit

Im Streit­fall ging es um ei­ne Al­ters­teil­zeit von 32 Mo­na­ten. Der Al­ters­teil­zeit­ver­trag sah wie üblich das Block­mo­dell vor, d.h. der Ar­beit­neh­mer soll­te in den ers­ten 16 Mo­na­ten der Ar­beits­pha­se (01.12.2014 bis 31.03.2016) wie bis­her voll­zei­tig ar­bei­ten und an­sch­ließend, in den zwei­ten 16 Mo­na­ten der Frei­stel­lungs­pha­se (01.04.2016 bis 31.07.2017), bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis dau­er­haft von der Ar­beit frei­ge­stellt sein.

Im Jahr 2016, in dem der Ar­beit­neh­mer vor Be­ginn der Frei­stel­lung nur noch drei Mo­na­te ar­bei­te­te, gewähr­te der Ar­beit­ge­ber ent­spre­chend dem Al­ters­teil­zeit­ver­trag acht Ur­laubs­ta­ge, d.h. (auf­ge­run­det) ein Vier­tel der dem Ar­beit­neh­mer zu­ste­hen­den 30 Ta­ge Ur­laub pro Jahr.

Nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses klag­te der Ar­beit­neh­mer auf Ab­gel­tung von Ur­laubs­ta­gen, die er aus sei­ner Sicht während der Frei­stel­lungs­pha­se er­wor­ben hat­te. Das wa­ren für 2016 (30 - 8 =) 22 Ur­laubs­ta­ge und für das Jahr sei­nes Aus­schei­dens (2017) 30 Ur­laubs­ta­ge, ins­ge­samt so­mit 52 Ta­ge.

Da­mit hat­te er wie­der vor dem Ar­beits­ge­richt Es­sen (Ur­teil vom 08.03.2018, 1 Ca 2868/17) noch in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf Er­folg (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 13.07.2018, 6 Sa 272/18).

BAG: Kein Ur­laub vom Ur­laub während der Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit, die im Block­mo­dell durchführt wird

Auch das BAG gab dem Ar­beit­ge­ber recht, und zwar mit fol­gen­der Be­gründung:

Mit der Ver­ein­ba­rung ei­ner Al­ters­teil­zeit im Block­mo­dell ver­tei­len die Ver­trags­par­tei­en die Ar­beits­zeit für den Ge­samt­zeit­raum der Al­ters­teil­zeit. Nach die­ser Ver­ein­ba­rung ist der Ar­beit­neh­mer al­lein in der Ar­beits­pha­se zur Ar­beits­leis­tung ver­pflich­tet. In der an­sch­ließen­den Frei­stel­lungs­pha­se ist der Ar­beit­neh­mer von vorn­her­ein von der Ar­beits­pflicht ent­bun­den (Leit­satz 1).

Dem­ent­spre­chend ha­ben Ar­beit­neh­mer in der Frei­stel­lungs­pha­se man­gels Ar­beits­pflicht kei­nen ge­setz­li­chen An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub.

Voll­zieht sich der Wech­sel von der Ar­beits- zur Frei­stel­lungs­pha­se im Ver­lauf des Ka­len­der­jah­res, ist der ge­setz­li­che Ur­laubs­an­spruch nach Zeit­ab­schnit­ten ent­spre­chend der ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen An­zahl der Ta­ge mit Ar­beits­pflicht zu be­rech­nen.

Ar­beit­neh­mer ha­ben gemäß § 3 Abs.1 BUrlG ei­nen (Min­dest-)Ur­laubs­an­spruch von 24 Werk­ta­gen, wo­bei das Ge­setz von ei­ner sechstägi­gen Ar­beits­wo­che aus­geht. 24 Werk­ta­ge Ur­laub er­ge­ben da­her vier Wo­chen Ur­laub. Wer we­ni­ger als sechs Ta­ge pro Wo­che ar­bei­tet (z.B. vier Ta­ge), hat eben­falls vier Wo­chen Ur­laub pro Jahr, aber we­ni­ger Ur­laubs­ta­ge (z.B. bei ei­ner Vier­ta­ge­wo­che 16 Ur­laubs­ta­ge). Bei ei­ner Ar­beits­pflicht von nur ei­nem Tag pro Wo­che be­deu­tet ein vierwöchi­ger Min­des­t­ur­laub, dass der Ar­beit­neh­mer an vier Ar­beits­ta­gen pro Jahr Ur­laub ma­chen kann. Re­du­ziert sich die Ar­beits­pflicht noch wei­ter, nämlich auf null Ar­beits­ta­ge pro Wo­che wie während der Frei­stel­lungs­pha­se ei­ne Al­ters­teil­zeit, steht dem Ar­beit­neh­mer kein ge­setz­li­cher An­spruch auf Er­ho­lungs­ur­laub zu, so das BAG (Ur­teil, Rn.26).

Wenn der Über­gang von der Ar­beits- in die Frei­stel­lungs­pha­se im Lau­fe des Ka­len­der­jah­res statt­fin­det, d.h. nicht ge­nau zum Jah­res­wech­sel, be­steht in die­sem Jahr nur ein zeit­an­tei­li­ger Ur­laubs­an­spruch für die Dau­er der Ar­beits­pha­se in die­sem Jahr (Leit­satz 3).

Fa­zit: Dem BAG ist zu­zu­stim­men. Während der Frei­stel­lungs­pha­se ei­ner Al­ters­teil­zeit ist ei­ne Ur­laubs­gewährung in Na­tur (durch be­zahl­te Frei­stel­lung) recht­lich aus­ge­schlos­sen, da der Ar­beit­neh­mer oh­ne­hin nicht ar­bei­ten muss. Ein „Ur­laubs­an­spruch“ wäre da­her von vorn­her­ein nichts an­de­res als ein rei­ner Geld­an­spruch, zahl­bar am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses (so zu­recht LAG Köln, Ur­teil vom 13.12.2018, 7 Sa 269/18, Rn.76). Ein sol­cher An­spruch lässt sich we­der aus dem BUrlG noch aus dem Eu­ro­pa­recht her­lei­ten.

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Letzte Überarbeitung: 10. Juni 2020

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