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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/021

Min­dest­lohn und Ar­beits­ver­trag

Die An­rech­nung von Son­der­zah­lun­gen wie ei­ner An­we­sen­heits­prä­mie auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn setzt ei­nen St­un­den­lohn vor­aus, der un­ter dem Min­dest­lohn liegt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.10.2017, 5 AZR 621/16
Mindestlohn Geldmünzen 8,84 Euro

23.01.2018. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wur­de im­mer wie­der dar­über ge­strit­ten, wann Ar­beit­ge­ber da­zu be­rech­tigt sind, Son­der­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn ge­mäß dem Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG) an­zu­rech­nen.

Denn auch wenn ein St­un­den­lohn ge­mäß Ar­beits- oder Ta­rif­ver­trag un­ter­halb des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns von der­zeit 8,84 EUR brut­to liegt, wird der Min­dest­lohn­an­spruch er­füllt, falls die mo­nat­li­che Ge­samt­ver­gü­tung (un­ter Ein­schluss von an­re­chen­ba­ren Son­der­zah­lun­gen) pro Ar­beits­stun­de min­des­tens 8,84 EUR brut­to be­trägt.

In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über ei­nen et­was un­ty­pi­schen Fall zu ent­schei­den, in dem der ar­beits­ver­trag­li­che St­un­den- bzw. Grund­lohn und der ge­setz­li­che Min­dest­lohn iden­tisch wa­ren: BAG, Ur­teil vom 11.10.2017, 5 AZR 621/16.

Mit wel­chen Son­der­zah­lun­gen erfüllen Ar­beit­ge­ber den Min­dest­lohn­an­spruch?

Vie­le Ar­beit­neh­mer se­hen auf ih­ren Lohn­ab­rech­nun­gen ne­ben ei­nem Grund­lohn, der pro St­un­de be­zahlt wird, mehr oder we­ni­ger vie­le wei­te­re Lohn­be­stand­tei­le, die sie teil­wei­se mo­nat­lich, teil­wei­se aber auch nur ei­ni­ge Ma­le pro Jahr be­kom­men.

Ar­beit­ge­ber, die bei In­kraft­tre­ten des Mi­LoG An­fang Ja­nu­ar 2015 Grundlöhne un­ter­halb des da­ma­li­gen Min­dest­lohns von 8,50 EUR brut­to zahl­ten, muss­ten ent­we­der die Grundlöhne pro St­un­de erhöhen oder sich Ge­dan­ken darüber ma­chen, wel­che wei­te­ren Lohn­be­stand­tei­le auf den Min­dest­lohn an­re­chen­bar sein könn­ten.

In den drei Jah­ren seit In­kraft­tre­ten des Mi­LoG hat sich zur Fra­ge der An­re­chen­bar­keit nach und nach ei­ne ar­beit­ge­ber­freund­li­che Recht­spre­chung her­aus­ge­bil­det. Da­nach sind im Prin­zip al­le Son­der­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn an­zu­rech­nen, vor­aus­ge­setzt, die Son­der­zah­lun­gen vergüten die Ar­beits­leis­tung und wer­den re­gelmäßig bzw. mo­nat­lich ge­zahlt.

Aus­ge­nom­men da­von sind Son­der­zah­lun­gen, die un­abhängig von der Ar­beits­leis­tung er­bracht wer­den (z.B. Ju­biläums­gel­der) oder auf ei­ner be­son­de­ren ge­setz­li­chen Zweck­set­zung be­ru­hen wie z.B. Nacht­ar­beits­zu­schläge gemäß § 6 Abs.5 Ar­beits­zeit­ge­setz (Arb­ZG), so das BAG in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen (wir be­rich­te­ten u.a. in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/283 Min­dest­lohn und Leis­tungs­zu­la­ge, in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/244 Nacht­zu­schläge und Min­dest­lohn und in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/175 BAG ent­schei­det zu Ur­laubs­geld, Weih­nachts­geld und Min­dest­lohn).

Auch An­we­sen­heits­prämi­en, die re­gelmäßig ge­zahlt und bei Krank­heits­ta­gen gekürzt wer­den, sind ei­ne Ge­gen­leis­tung für die er­brach­te Ar­beit und erfüllen da­mit den Min­dest­lohn­an­spruch, so das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Meck­len­burg-Vor­pom­mern mit Ur­teil vom 22.11.2016, 5 Sa 298/15 (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/003 An­we­sen­heits­prämi­en sind auf den Min­dest­lohn an­zu­rech­nen).

Aber gel­ten die o.g. Re­geln zur An­re­chen­bar­keit von Son­der­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn auch dann, wenn ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­ter Grund­lohn und ge­setz­li­cher Min­dest­lohn iden­tisch sind?

Im Streit: Mi­ni­job­be­rin mit St­un­den­lohn von 8,50 EUR ver­langt zusätz­lich ei­ne An­we­sen­heits­prämie

Im Streit­fall be­kam ei­ne seit 1999 beschäftig­te Mi­ni­job­be­rin gemäß ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom Ok­to­ber 2014 ab Ja­nu­ar 2015 nicht mehr wie bis­her 6,36 EUR brut­to pro St­un­de, son­dern 8,50 EUR.

Außer­dem gab es in dem Be­trieb schon seit länge­rem ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung, der zu­fol­ge ei­ne mo­nat­li­che und ei­ne quar­tals­wei­se fälli­ge An­we­sen­heits­prämie zu zah­len wa­ren. Die Prämi­en ver­rin­ger­ten sich oder ent­fie­len ganz im Fal­le von Krank­heits­ta­gen.

Die ar­beits­ver­trag­li­che Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom Ok­to­ber 2014 lau­te­te (sprach­lich am En­de et­was ver­unglückt, aber in­halt­lich klar):

„Der Mit­ar­bei­ter ar­bei­tet max. 40 Zeit­stun­den pro Mo­nat, zur­zeit zwei Ta­ge/Wo­che, Mon­tag und Don­ners­tag.

Die Vergütung beträgt bis zum 31.12.2014 EUR 6,36 brut­to pro Zeit­stun­de. Ab dem 01.01.2015 beträgt die Vergütung in An­leh­nung an das Min­dest­l­ohn­ge­setz EUR 8,50 brut­to pro Zeit­stun­de. Soll­te sich der Min­dest­lohn je Zeit­stun­de per Ge­setz erhöhen, so be­darf es kei­nem Nach­trag und er­setzt au­to­ma­tisch den Vor­he­ri­gen.“

Für Fe­bru­ar bis Mai 2015 zahl­te der Ar­beit­ge­ber zwar pro St­un­de 8,50 EUR brut­to, die in den Lohn­ab­rech­nun­gen auch ent­spre­chend aus­ge­wie­sen wa­ren, be­hielt aber die in die­sen vier Mo­na­ten ver­dien­ten An­we­sen­heits­prämi­en von ins­ge­samt 60,63 EUR brut­to ein. Die Prämi­en wur­den zwar in den Lohn­ab­rech­nun­gen in mo­nat­lich wech­seln­der Höhe aus­ge­wie­sen, aber als Be­stand­teil des St­un­den­lohns von 8,50 EUR brut­to.

Dar­auf­hin zog die Ar­beit­neh­me­rin vor Ge­richt und klag­te auf Zah­lung von 60,63 EUR brut­to An­we­sen­heits­prämie für Fe­bru­ar bis Mai 2015. Das Ar­beits­ge­richt Bre­men-Bre­mer­ha­ven gab der Kla­ge statt (Ur­teil vom 05.11.2015, 9 Ca 9117/15), wo­hin­ge­gen das LAG Bre­men dem Ar­beit­ge­ber Recht gab (Ur­teil vom 10.08.2016, 3 Sa 8/16). Be­gründung des LAG: An­we­sen­heits­prämi­en be­zah­len die Ar­beits­leis­tung und sind da­her auf den Min­dest­lohn an­zu­rech­nen.

BAG: Die An­rech­nung ei­ner An­we­sen­heits­prämie auf den Min­dest­lohn setzt vor­aus, dass die pro Ar­beits­stun­de ver­ein­bar­te Grund­vergütung nicht aus­reicht, den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn zu erfüllen

Das BAG hob das LAG-Ur­teil auf und gab der Kläge­rin Recht. Denn es gab hier im Streit­fall kei­ne recht­li­che Grund­la­ge für ei­ne An­rech­nung der An­we­sen­heits­prämi­en auf den Min­dest­lohn.

Ei­ne An­rech­nung von Son­der­zah­lun­gen (wie z.B. ei­ner An­we­sen­heits­prämie) auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn­an­spruch setzt nämlich vor­aus, so das BAG, dass die pro Ar­beits­stun­de ver­trag­lich ver­ein­bar­te Grund­vergütung nicht aus­reicht, um den Min­dest­lohn­an­spruch zu erfüllen. Nur in ei­nem sol­chen Fall ent­steht über­haupt ein Dif­fe­renz­an­spruch nach § 3 Mi­LoG, der mit min­dest­lohn­wirk­sa­men Son­der­zah­lun­gen erfüllt wer­den könn­te. Hier im Streit­fall hat­te der Ar­beit­ge­ber aber den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn­an­spruch be­reits mit dem ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Grund­lohn von 8,50 EUR brut­to vollständig erfüllt.

Ergänzend prüft das BAG, ob sich der Ar­beit­ge­ber mögli­cher­wei­se auf ei­ne Ver­rech­nungs­ver­ein­ba­rung be­ru­fen könn­te. Die von ihm ein­sei­tig vor­for­mu­lier­te Zu­satz­ver­ein­ba­rung vom Ok­to­ber 2014 wer­te­te das BAG al­ler­dings als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung (AGB), der ein „durch­schnitt­li­cher“ Ar­beit­neh­mer ge­ra­de kei­ne Ver­rech­nungs­ver­ein­ba­rung ent­neh­men konn­te.

Viel­mehr war die­se Ver­ein­ba­rung über ei­ne Loh­nerhöhung so zu ver­ste­hen, dass der Ar­beit­ge­ber

„ab 1. Ja­nu­ar 2015 - ge­zwun­gen durch das Min­dest­l­ohn­ge­setz - den ar­beits­ver­trag­li­chen Brut­to­stun­den­lohn auf das je­wei­li­ge >ge­setz­li­che Ni­veau< an­hebt, außer­halb der Klau­sel an­ge­sie­del­te Leis­tun­gen, die zu­dem mit dem Be­triebs­rat ver­ein­bart wor­den sind, aber un­verändert wei­ter­gewährt wer­den“.

Fa­zit: Mo­nat­lich gewähr­te Son­der­zah­lun­gen können nur dann auf den Min­dest­lohn an­ge­rech­net wer­den, wenn der ver­trag­li­che Grund­lohn pro St­un­de un­ter­halb des Min­dest­lohns von der­zeit 8,84 EUR brut­to liegt.

Sind ar­beits­ver­trag­li­cher Grund­lohn und ge­setz­li­cher Min­dest­lohn iden­tisch oder über­steigt der ar­beits­ver­trag­li­che Grund­lohn den Min­dest­lohn, setzt ei­ne An­rech­nung von Son­der­zah­lun­gen auf den Min­dest­lohn ei­ne ent­spre­chen­de Ver­ein­ba­rung vor­aus. Die­se kann im Ar­beits­ver­trag, aber auch in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung oder in ei­nem Ta­rif­ver­trag ent­hal­ten sein. Hier im Streit­fall gab es kei­ne sol­che Re­ge­lung.

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Letzte Überarbeitung: 5. März 2018

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