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LAG Köln, Ur­teil vom 06.02.2009, 8 Sa 1016/08

   
Schlagworte: Diskriminierung: Alter, Altersdiskriminierung, Lebensaltersstufen, BAT
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 8 Sa 1016/08
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 06.02.2009
   
Leitsätze:

Nach Ersetzung des BAT durch den TVöD können aus etwaigen altersdiskriminierenden Bestimmungen des BAT keine Rechte auf eine höhere Vergütung mehr abgeleitet werden.

 

Wenn die Tarifvertragsparteien Neuregelungen schaffen, die erkannte Gesetzesverstöße, wie sie beispielsweise aus Altersdiskriminierung ableiten, zu berücksichtigen haben, so ist eine Regelung im neuen tariflichen Regelwerk rechtlich nicht zu beanstanden, die Festlegungen vorsieht, die zu Eingruppierung und Entlohnung altersdiskriminierende Ansätze vermeidet, dennoch aber gleichzeitig die Überleitung aus den alten (altersdiskriminierenden) Vergütungsbestimmungen nach Maßgabe bestehender Besitzstände regelt.

 

Dies ist durch die Bestimmungen des TVÜ-Bund geschehen.

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bonn, 12.06.2008 - 3 Ca 3312/07,
nachgehend:
Bundesarbeitsgericht, 20.05.2010 - 6 AZR 148/09 (A),
Bundesarbeitsgericht, 20.05.2010 - 6 AZR 319/09 (A),
EuGH, 24.09.2010 - C-297/10,
EuGH, 08.09.2011 - C-297/10,
Bundesarbeitsgericht, 10.11.2011 - 6 AZR 148/09,
Bundesarbeitsgericht, 08.12.2011 - 6 AZR 319/09
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 8 Sa 1016/08


Te­nor:

Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bonn — 3 Ca 312/07 — vom 12.06.2008 wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.

Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.

 


T a t b e s t a n d :

Die am 10.10.1962 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist seit dem 01.02.2004 als voll­zeit­beschäftig­te An­ge­stell­te für die Be­klag­te tätig.

2

§ 2 des Ar­beits­ver­tra­ges der Par­tei­en be­stimmt, dass das Ar­beits­verhält­nis sich nach dem Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) und den die­sen ergänzen­den, ändern­den oder er­set­zen­den Ta­rif­verträgen in der für den Be­reich des Bun­des je­weils gel­ten­den Fas­sung be­stimmt. Die gekündig­ten Ta­rif­verträge über Zu­wen­dung über ein Ur­laubs­geld und über die Gewährung von Bei­hil­fen fin­den kei­ne An­wen­dung.

3
Die Kläge­rin war zum Zeit­punkt ih­rer Ein­stel­lung 41 Jah­re alt. 4

Die der Kläge­rin zu­ge­ord­ne­te Tätig­keit war nach Maßga­be der sei­ner­zei­ti­gen ta­rif­li­chen Re­geln nach Vergütungs­grup­pe IV a BAT be­wer­tet.

5

Nach den ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen war für die Zu­ord­nung der so­ge­nann­ten Le­bens­al­ters­stu­fen be­stimmt:

6

An­ge­stell­te, die in der Vergütungs­grup­pe IV a BAT bis zum En­de des 31. Le­bens­jah­res ein­ge­stellt wur­den, er­hal­ten die Grund­vergütung ent­spre­chend der Grund­vergütung ih­rer Le­bens­al­ters­stu­fe.

7

An­ge­stell­te, die zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt ein­ge­stellt wur­den, er­hal­ten die Grund­vergütung, die sich er­gibt, wenn das bei Ein­stel­lung voll­ende­te Le­bens­al­ter um die Hälfl der Le­bens­jah­re ver­rin­gert wird, die die An­ge­stell­ten seit Voll­endung des 31. Le­bens­jah­res zurück­ge­legt ha­ben.

8

Aus die­ser Be­rech­nung er­gab sich für die Kläge­rin zum Ein­stel­lungs­ter­min die Ein­grup­pie­rung in die Le­bens­al­ters­stu­fe 35.

9

Die Kläge­rin sieht in die­sen ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen ei­nen Ver­s­toß ge­gen das AGG nach Maßga­be ei­ner Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung.

10
Zum 01.10.2005 ist der BAT außer Kraft ge­tre­ten und durch den TVöD er­setzt wor­den. 11
In den Be­stim­mun­gen TVÜ-Bund ist u. a. Fol­gen­des ge­re­gelt: 12

§ 2 Er­set­zung bis­he­ri­ger Ta­rif­verträge durch den TVöD

13

Der TVöD er­setzt in Ver­bin­dung mit die­sem Ta­rif­ver­trag für den Be­reich des Bun­des die 14 in An­la­ge 1 TVÜ-Bund Teil A und An­la­ge 1 TVÜ-Bund Teil B auf­geführ­ten Ta­rif­verträge ein­sch­ließlich An­la­gen bzw. Ta­rif­ver­trags­re­ge­lun­gen, so­weit im TVöD, in die­sem Ta­rif­ver­trag oder in den An­la­gen nicht aus­drück­lich et­was an­de­res be­stimmt ist. Die Er­set­zung er­folgt mit Wir­kung vom 01.10.2005, so­weit kein ab­wei­chen­der Ter­min be­stimmt ist.

14

Am 01.10.2005 wäre die Kläge­rin in ih­rer bis da­hin gel­ten­den Vergütungs­grup­pe IV a BAT in die Le­bens­al­ters­stu­fe 37 auf­ge­stie­gen.

15

Die Be­klag­te hat die Kläge­rin zum 01.10.2005 nach Maßga­be der Be­stim­mun­gen des TVÜ- Bund in die Ent­gelt­grup­pe 11, Stu­fe 3+ mit ei­nem Ver­gleichs­ent­gelt in Höhe von 3.185,33 € über­ge­lei­tet. Zum 01.10.2007 er­folg­te so­dann gemäß § 6 Abs. 1 TVÜ-Bund ei­ne Ein­grup­pie­rung in die Ent­gelt­grup­pe 11, Stu­fe 4 mit ei­nem Ent­gelt von 3.200,00 €.

16

Die Kläge­rin macht gel­tend, dass auf­grund der al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den Re­ge­lun­gen ei­ne An­pas­sung der Vergütung der Kläge­rin nach oben vor­zu­neh­men sei, wes­halb der Kläge­rin min­des­tens die nächsthöhe­re Al­ters­stu­fe (39) zu­ge­stan­den ha­be, mit der Maßga­be, dass dann ei­ne Über­lei­tung in die Stu­fe 5 der Ent­gelt­grup­pe 11 des TVöD zum 01.10.2007 ge­bo­ten sei.

17
Die Kläge­rin hat be­an­tragt, 18

fest­zu­stel­len, dass die Kläge­rin in Stu­fe 5 der Ent­gelt­grup­pe 11 des TVöD ein­zu­stu­fen ist.

19
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 20

die Kla­ge ab­zu­wei­sen.

21

Die Be­klag­te be­ruft sich dar­auf, nach Maßga­be der sei­ner­zeit gel­ten­den ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­tra­ges die Kläge­rin aus ih­rer Vergütungs­grup­pe und Le­bens­al­ters­stu­fe zu­tref­fend nach Maßga­be der Be­stim­mun­gen des TVÜ-Bund in die Ent­gelt­grup­pe 11, Stu­fe 4 des TVöD über­ge­lei­tet zu ha­ben.

22

Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Es hat da­bei an­ge­nom­men, dass die Be­stim­mun­gen des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­tra­ges bezüglich der Zu­ord­nung der Le­bens­al­ters­stu­fen die Kläge­rin we­gen ih­res Al­ters dis­kri­mi­nier­ten und dem­nach nach § 7 AGG als un­wirk­sam an­zu­se­hen sei­en.

23

Ei­ne Recht­fer­ti­gung der al­ters­be­ding­ten Un­gleich­be­hand­lung der Kläge­rin sei ins­be­son­de­re nicht gemäß § 10 Satz 1 AGG an­zu­neh­men.

24

Zwar wer­de mit der über­wie­gen­den Mei­nung da­von aus­zu­ge­hen sein, dass ent­spre­chend der Recht­spre­chung zur Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts, we­gen dis­kri­mie­rungs­be­ding­ter Un­wirk­sam­keit ei­nes al­ters­stu­fen­be­ding­ten Vergütungs­sys­tems ei­ne Meist­begüns­ti­gung nach oben er­fol­gen müsse. Die­se Rechts­fol­ge ha­be al­ler­dings aus­zu­schei­den, da den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nach rechts­kräfti­ger Ent­schei­dung zur Un­wirk­sam­keit der Be­stim­mun­gen des BAT aus­rei­chend Zeit zur Neu­ge­stal­tung des Ta­rif­gefüges ge­ge­ben wer­den müsse. Hier­zu sei ei­ne Frist von sechs Mo­na­ten nach Rechts­kraft — wie sie das Ar­beits­ge­richt Ber­lin in sei­ner Ent­schei­dung vom 22.08.2007 an­ge­nom­men ha­be — 86 Ca 1696/07 — an­ge­mes­sen.

25
Die Kla­ge sei da­her ab­zu­wei­sen. 26

Ge­gen die­ses der Kläge­rin am 05.08.2008 zu­ge­stell­te Ur­teil ers­ter In­stanz hat die Kläge­rin am 25.08.2008 Be­ru­fung ein­ge­legt und ih­re Be­ru­fung so­dann mit der am 26.09.2008 beim Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift be­gründet.

27

Die Be­ru­fungs­be­gründung wie­der­holt den Hin­weis, dass die Le­bens­al­ters­stu­fen­re­ge­lun­gen nach Maßga­be der Be­stim­mun­gen des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rifs — wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend er­kannt ha­be — gemäß § 7 Abs. 2 AGG als un­wirk­sam an­zu­se­hen sei, da die­se Re­ge­lun­gen die Kläge­rin we­gen ih­res Al­ters dis­kri­mi­nier­ten.

28

Die kla­ge­ab­wei­sen­de Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts über­zeu­ge im Hin­blick auf die Einräum­ung ei­nes Ver­trau­ens­schut­zes bis zur Schaf­fung neu­er ta­rif­ver­trag­li­cher Be­stim­mun­gen, die die Dis­kri­mi­nie­rung aus­schlössen, nicht. Nach rich­ti­ger Auf­fas­sung führe nämlich die Un­wirk­sam­keit ei­ner kol­lek­tiv­recht­li­chen Klau­sel zu ei­nem An­spruch des be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mers auf Gleich­stel­lung mit den übri­gen nicht be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mern. Sei al­ler­dings hier­nach ei­ne An­pas­sung nach oben vor­zu­neh­men, blei­be kein Platz für die Einräum­ung ei­ner Frist zur Neu­re­ge­lung ta­rif­ver­trag­li­cher Be­stim­mun­gen. Dies ha­be of­fen­sicht­lich das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg eben­so ge­se­hen, wel­ches mit Ur­teil vom 11.09.2008 das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Bran­den­burg vom 20.08.2007 — 86 Ca 1196/07 — ab­geändert und die dort ver­lang­te höhe­re Vergütung zu­ge­spro­chen ha­be (LAG Ber­lin, Ur­teil vom 11.09.2008 — 20 Sa 2244/07).

29

Die Einräum­ung ei­ner Neu­re­ge­lungs­frist er­ge­be im Übri­gen kei­nen Sinn. Es sei nicht zu er­war­ten, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des sei­ner­zei­ti­gen BAT die­sen in ei­nem Teil­be­reich nachträglich noch ein­mal neu re­gel­ten, nach­dem die Über­lei­tung in die neue Ge­halts­struk­tur zum 01.10.2005 er­folgt sei und die Ent­gelt­grup­pen nach § 15 ff. TVöD in den Stu­fen kei­ne Al­ters­re­ge­lun­gen mehr ent­hiel­ten.

30
Die Kläge­rin be­an­tragt, 31

das Ur­teil des Ar­beits­ge­richt Bonn vom 12.06.2008 — 3 Ca 3312/07 — ab­zuändern und fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­ten­sei­te ver­pflich­tet ist, die Kläge­rin rück­wir­kend zum 01.10.200 nach Ent­gelt­grup­pe 11, Stu­fe 5 TVöD zu ent­loh­nen.

32
Die Be­klag­te be­an­tragt, 33

die Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­zu­wei­sen.

34

Die Be­klag­te macht gel­tend, dass die Grundsätze der Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 11.09.2008 — 20 Sa 2244/07 — schon des­halb nicht her­an­zu­zie­hen sei­en, weil die dor­ti­ge Ent­schei­dung mit dem vor­lie­gen­den Rechts­streit nicht ver­gleich­bar sei. Der dor­ti­ge Rechts­streit ha­be ei­nen Fall be­trof­fen, in wel­chem die Vor­schrif­ten des BAT über ei­nen An­wen­dungs­ta­rif­ver­trag für das dor­ti­ge Ar­beits­verhält­nis noch Gel­tung be­an­spruch­ten. Nur des­halb ha­be sich das Ge­richt in dem dor­ti­gen Ver­fah­ren mit ei­nem Ver­s­toß ge­gen § 7 AGG zu be­fas­sen ge­habt.

35

Selbst wenn da­von aus­zu­ge­hen sei, dass die von der Kläge­rin auf­ge­zeig­ten Be­stim­mun­gen des BAT we­gen Ver­s­toßes ge­gen das AGG un­wirk­sam ge­we­sen sind, könne die Kla­ge kei­nen Er­folg ha­ben. Die Vergütung der Kläge­rin rich­tet sich nicht nach den Le­bens­al­ters­stu­fen des BAT, son­dern nach den Ent­gelt­grup­pen des TVöD. Die­se knüpften, wie die Kläge­rin selbst in ih­rer Be­ru­fungs­be­gründung vor­tra­ge, nicht mehr an das Al­ter an. Viel­mehr hätten die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en nun­mehr ein Vergütungs­sys­tem fest­ge­legt, dass ein leis­tungs­be­zo­ge­nes Ent­gelt vor­se­he.

36

Ein et­wai­ger aus dem BAT ab­ge­lei­te­ter Ver­s­toß ge­gen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung könne sich auf die Ent­loh­nung der in ein neu­es Ent­gelt­sys­tem über­ge­lei­te­ten Ar­beit­neh­mer nicht wei­ter aus­wir­ken. Die Über­lei­tungs­vor­schrif­ten des TVÜ-Bund trügen dem Ver­trau­ens­schutz der Ar­beit­neh­mer aus­rei­chend Rech­nung.

37

We­gen des sons­ti­gen Sach- und Streit­stands wird auf die vor­ge­tra­ge­nen In­hal­te so­wie die ge­wech­sel­ten Schriftsätze bei­der In­stan­zen Be­zug ge­nom­men.

 

38

E n t s c h e i d u n g s g r ü n d e :

39

I. Die Be­ru­fung ist zulässig. Die Kläge­rin hat ge­gen das ihr am 05.08.2008 zu­ge­stell­te Ur­teil ers­ter In­stanz frist­wah­rend am 25.08.2008 Be­ru­fung ein­ge­legt und die Be­ru­fung so­dann frist­wah­rend mit der am 26.09.2008 ein­ge­gan­ge­nen Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift be­gründet.

40
Die Be­ru­fungs­be­gründung setzt sich im Ein­zel­nen mit dem Ur­teil ers­ter In­stanz aus­ein­an­der. 41
Da­mit liegt ein ord­nungs­gemäß ein­ge­leg­tes und be­gründe­tes Rechts­mit­tel vor. 42

II. Die Be­ru­fung ist nicht be­gründet.

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1. Die Kla­ge und die Be­ru­fung der Kläge­rin stel­len nicht in Ab­re­de, dass die Über­lei­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses der Kläge­rin aus de­ren vor dem 01.10.2005 er­folg­ten Ein­grup­pie­rung nach den Be­stim­mun­gen des BAT un­ter Berück­sich­ti­gung der sei­ner­zeit er­folg­ten Zu­ord­nung der Le­bens­al­ters­stu­fen auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Le­bens­al­ters­stu­fe, die die Kläge­rin so­dann zum 01.10.2005 er­langt hätte, ord­nungs­gemäß nach Maßga­be der Be­stim­mun­gen des TVÜ-Bund er­folgt ist.

44

Die Kläge­rin erhält so­mit die Vergütung, die ihr un­ter Berück­sich­ti­gung der nach Maßga­be ta­rif­ver­trag­li­cher Be­stim­mun­gen er­folg­ten Über­lei­tung in ein neu­es ta­rif­li­ches Re­gel­werk zu­steht.

45

Nach der hier­nach vor­ge­nom­me­nen Über­lei­tung und Ein­grup­pie­rung ist es der Kläge­rin nicht mehr möglich, gestützt auf ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, die sich aus den Re­geln des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­tra­ges (BAT) in der Zu­wei­sung der so­ge­nann­ten Le­bens­al­ters­stu­fen ab­lei­te­te, ei­ne Vergütung zu ver­lan­gen, die über die nach Über­lei­tung in das neue ta­rif­li­che Re­gel­werk ge­schul­de­te Vergütung hin­aus­geht.

46

Mag mit den Erwägun­gen der Kla­ge und der Be­gründung des Ur­teils ers­ter In­stanz sehr aus­ge­gan­gen wer­den, dass die ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen, die bis zum 01.10.2005 ge­gol­ten ha­ben, in der Le­bens­al­ters­stu­fen­zu­ord­nung al­ters­dis­kri­mi­nie­rend ge­we­sen sind, so wirkt sich das auf die Ent­gelt­grup­pen ein­sch­ließlich der Über­lei­tung in Ent­gelt­grup­pen des TVöD nicht wei­ter aus.

47

Der TVöD hat die zu­vor gel­ten­den Be­stim­mun­gen des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif­ver­tra­ges (BAT) ins­ge­samt er­setzt, § 2 TVÜ-Bund.

48

Die Ent­gelt­grup­pen­re­ge­lun­gen des TVöD ent­hal­ten nicht mehr al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­de Re­ge­lun­gen zur Ein­grup­pie­rung bzw. Ent­loh­nung. Dies räumt die Kläge­rin selbst ein.

49

Da­mit ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en et­wai­ges al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­des Ta­rif­recht zum 01.10.2005 ab­ge­stellt.

50

§ 7 Abs. 2 AGG wirkt sich auf die­ses neue Ta­rif­recht ein­sch­ließlich der durch den TVÜ-Bund vor­ge­se­he­nen Über­lei­tung in Ent­gelt­grup­pen nicht aus.

51

§ 7 Abs. 2 AGG ist ei­ne Norm, die le­dig­lich de­kla­ra­to­ri­schen Cha­rak­ter hat. Zu Recht hat der Ge­setz­ge­ber an­ge­nom­men, dass sich die Un­wirk­sam­keit von Re­ge­lun­gen, die Verstöße des § 7 Abs. 1 AGG ent­hal­ten, be­reits aus gel­ten­dem Recht er­gibt.

52

Ei­ne Vor­schrift über Er­satz­re­ge­lun­gen für un­wirk­sa­me kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen ist aus­drück­lich nicht in das AGG auf­ge­nom­men wor­den. Nach § 7 Abs. 2 S. 2 ADG-E i. d. F. vom 15.06.2005 (Be­schluss­emp­feh­lung und Be­rich­te des Aus­schus­ses für Fa­mi­lie, Se­nio­ren, Frau­en und Ju­gend, BT-Druck­sa­che 15/5717) soll­te in die­sen Fällen statt der un­wirk­sa­men Be­stim­mung die Re­ge­lung gel­ten, die die Ver­trags­par­tei­en ver­ein­bart hätten, wenn sie die Un­wirk­sam­keit ge­kannt hätten. Die mit dem AGG be­fass­ten Ausschüsse des Bun­des­ra­tes hat­ten die­se Emp­feh­lung zwar wie­der auf­ge­grif­fen (Emp­feh­lung der Ausschüsse zum Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Um­set­zung eu­ropäischer Richt­li­ni­en zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung, BR-Druck­sa­che 329/1/06 S. 2 f.). Die­se Emp­feh­lung wur­de aber in die Stel­lung­nah­me des Bun­des­ra­tes nicht auf­ge­nom­men (Stel­lung­nah­me des Bun­des­ra­tes zum Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Um­set­zung eu­ropäischer Richt­li­ni­en zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung, BR-Druck­sa­che 326/06).

53
Dies war aus Gründen der Rechts­si­cher­heit auch ge­bo­ten. 54

Für den Fall un­wirk­sa­mer Ta­rif­nor­men hätte nämlich ei­ne Re­ge­lung in die­ser All­ge­mein­heit ei­nen un­zulässi­gen Ein­griff in die Ta­rif­au­to­no­mie dar­ge­stellt. In Fällen der vor­lie­gen­den Art, in de­nen ei­ne ta­rif­li­che Vor­schrift Ge­set­zes­verstöße enthält, wie sie die von der Kläge­rin gerügte Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung be­deu­tet, muss es auf­grund der Ta­rif­au­to­no­mie der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die­sen über­las­sen blei­ben, sich für ei­ne Lösungsmöglich­keit zu ent­schei­den (vgl. auch BAG vom 20.05.1999, AP Nr. 7 zu § 2 TVAL; BAG vom 29.01.1992, BAG Nr. 18 zu § 2 BeschFG 1985).

55

Verstöße ge­gen Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te las­sen sich nämlich in ver­schie­de­ner Wei­se be­sei­ti­gen. Wird z. B. das Ar­beits­ent­gelt hin­sicht­lich der Höhe in un­zulässi­ger Wei­se nach dem Al­ter dif­fe­ren­ziert, gibt es meh­re­re Möglich­kei­ten für die nicht be­nach­tei­li­gen­de Er­satz­re­ge­lung. Es kann nicht Sa­che der Ge­rich­te sein, die­se Ent­schei­dung für die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu tref­fen.

56

Wenn so­dann die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Neu­re­ge­lun­gen schaf­fen, die auch et­wai­ge er­kann­te Ge­set­zes­verstöße, wie sie aus mögli­cher Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ab­lei­ten, zu berück­sich­ti­gen ha­ben, so ist auch ei­ne Re­ge­lung an­ge­mes­sen und aus­rei­chend, die sich da­zu ent­schließt, im neu­en ta­rif­li­chen Re­gel­werk Fest­le­gun­gen vor­zu­neh­men, die bei Ein­grup­pie­rung und Ent­loh­nung al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­de Ansätze ver­mei­den, den­noch aber gleich­zei­tig die Über­lei­tung aus den al­ten Vergütungs­be­stim­mun­gen nach Maßga­be be­ste­hen­der Be­sitzstände re­geln, wie dies die Be­stim­mun­gen des TVÜ-Bund um­ge­setzt ha­ben.

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Der­ar­ti­ge Fest­le­gun­gen ent­spre­chen der Re­ge­lungs­macht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. 58

Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind als Ver­ei­ni­gun­gen pri­va­ten Rechts ih­rer­seits Träger des Grund­rechts aus Art. 9 Abs. 3 GG. Als sol­che ge­stal­ten sie die Rech­te und Pflich­ten der ta­rif­un­ter­wor­fe­nen Ar­beit­neh­mer weit­ge­hend au­to­nom. Dies ist we­sent­li­cher Teil der durch Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­ten Betäti­gungs­frei­heit der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en (BVerfG vom 26.06.1991 — 1 BvR 797/85 — BVerfGE 84, 212).

59

Die­ses Grund­recht gemäß § 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­tet den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen ei­genständi­ge Re­ge­lungs­be­fug­nis­se. Da­zu zählen in ers­ter Li­nie die Fest­le­gung von Löhnen und ma­te­ri­el­len Ar­beits­be­din­gun­gen. Dem liegt die Auf­fas­sung des Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­bers zu­grun­de, dass ge­ra­de Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in Be­zug auf die Ar­beits­ver­trags­be­din­gun­gen die je­wei­li­gen In­ter­es­sen von Ar­beit­neh­mern und Ar­beit­ge­bern an­ge­mes­se­ner zum Aus­gleich brin­gen können als der Staat (BVerfG vom 27.04.1999 — 1 BvR 2203/93 — u. a., AP GG Art. 9 Nr. 88).

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Des­halb um­fasst die Ta­rif­au­to­no­mie je­den­falls die Ent­schei­dung über den Re­ge­lungs­in­halt ta­rif­li­cher Nor­men. Den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en muss da­bei ei­ne ei­ge­ne Einschätzungs­proro­ga­ti­ve im Hin­blick auf die tatsächli­chen Ge­ge­ben­hei­ten und die be­trof­fe­nen In­ter­es­sen zu­kom­men. Sie sind da­bei ins­be­son­de­re nicht ver­pflich­tet, die je­weils zweckmäßigs­te, vernünf­tigs­te oder ge­rech­tes­te Lösung zu wählen (BAG vom 18.01.2001 — 6 AZR 492/99 — EzA GG Art. 3 Nr. 92).

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Nach Maßga­be die­ser Grundsätze wa­ren die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en als ver­pflich­tet an­zu­se­hen, er­kann­te Ta­ri­fin­hal­te al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­der Art zu kor­ri­gie­ren, wie dies durch den TVöD ge­sche­hen ist, eben­so al­ler­dings nach ei­ner Lösung zu su­chen, wie hier­nach ei­ne Über­lei­tung der Ar­beit­neh­mern aus ih­ren bis­he­ri­gen Vergütungs­grup­pen und Le­bens­al­ters­stu­fen bei Über­lei­tung in ein neu­es Ent­gelt­sys­tem statt­fin­den soll­te.

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Dies ha­ben die Par­tei­en durch Fest­le­gun­gen im TVÜ-Bund voll­zo­gen. Dass hier­bei aus Sicht der Kläge­rin nicht die ge­rech­tes­te Lösung gewählt wor­den ist, steht der Ver­bind­lich­keit die­ser Re­geln nach Maßga­be der vor­ste­hend auf­ge­zeig­ten Grundsätze nicht ent­ge­gen.

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Da­mit weist die Be­klag­te zu­tref­fend dar­auf hin, dass die Kläge­rin mit In­kraft­tre­ten der neu­en ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen zum 01.10.2005 zulässi­ger­wei­se und kor­rekt schluss­end­lich in Ent­gelt­grup­pe 11, Stu­fe 4 über­ge­lei­tet wor­den ist.

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Dies be­dingt, dass der Kla­ge — wie vom Ar­beits­ge­richt im Er­geb­nis zu­tref­fend er­kannt — der Er­folg zu ver­sa­gen war.

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2. Ge­gen­tei­li­ges er­gibt sich nicht aus den Erwägun­gen der von der Kläge­rin her­an­ge­zo­ge­nen Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 11.09.2008 — 20 Sa 2244/07.

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Die dor­ti­ge Ent­schei­dung ist von den tatsächli­chen Umständen mit den Umständen des Streit­falls nicht ver­gleich­bar. Für den dor­ti­gen Ar­beit­ge­ber gal­ten nicht neu fest­ge­leg­te ta­rif­ver­trag­li­che Be­stim­mun­gen. Viel­mehr galt dort — wor­auf die Be­klag­te zu­tref­fend hin­weist —die Fort­gel­tung der ta­rif­li­chen Re­ge­lun­gen des BAT über ei­nen An­wen­dungs­ta­rif­ver­trag für das dort zur Be­ur­tei­lung an­ste­hen­de Ar­beits­ver­trags­verhält­nis.

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III. Da die Kläge­rin mit dem Rechts­mit­tel der Be­ru­fung un­ter­le­gen ist, hat die Kläge­rin die Kos­ten des Rechts­mit­tels zu tra­gen, § 97 ZPO.

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IV. Der Rechts­streit hat grundsätz­li­che Be­deu­tung. Die Kam­mer hat da­her die Re­vi­si­on zu­ge­las­sen.

 

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R e c h t s m i t t e l b e l e h r u n g :

 

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