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BAG, Be­schluss vom 13.08.2019, 1 ABR 10/18

   
Schlagworte: Regelungsabrede, Betriebsvereinbarung, Nachwirkung
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 1 ABR 10/18
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 13.08.2019
   
Leitsätze: Eine Regelungsabrede der Betriebsparteien wirkt nach einer Kündigung nicht entsprechend § 77 Abs. 6 BetrVG nach. Dies gilt auch, soweit die Regelungsabrede eine mitbestimmungspflichtige Angelegenheit betrifft.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Augsburg, Beschluss vom 21.02.2017 - 7 BV 61/16,
Landesarbeitsgericht München, Beschluss vom 27.10.2017 - 7 TaBV 51/17
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 ABR 10/18
7 TaBV 51/17
Lan­des­ar­beits­ge­richt
München

 

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
13. Au­gust 2019

BESCHLUSS

Münch­berg, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

 

In dem Be­schluss­ver­fah­ren mit den Be­tei­lig­ten

1.

An­trag­stel­le­rin,

2.

Be­schwer­deführer und Rechts­be­schwer­deführer,

 

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 13. Au­gust 2019 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt K. Schmidt und Dr. Ah­rendt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Hay­en und Pol­lert für Recht er­kannt:

 

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Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats ge­gen den Be­schluss des Lan­des­ar­beits­ge­richts München vom 27. Ok­to­ber 2017 - 7 TaBV 51/17 - wird zurück­ge­wie­sen.

 

Von Rechts we­gen!

 

Gründe

 

 

A. Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Er­set­zung der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu ei­ner Ein­grup­pie­rung so­wie über die Nach­wir­kung ei­ner Re­ge­lungs­ab­re­de.

1

Die Ar­beit­ge­be­rin be­treibt in N ei­ne Dru­cke­rei mit et­wa 360 Ar­beit­neh­mern, für die der be­tei­lig­te Be­triebs­rat er­rich­tet ist. Zum 1. Ju­li 2008 ver­ein­bar­te sie mit der Ge­werk­schaft ver.di ei­nen für zwei Ab­tei­lun­gen der Dru­cke­rei - der Buch­bin­de­rei und dem Ver­sand - gel­ten­den Fir­men­ta­rif­ver­trag (FTV). Da­nach fin­den für die dort beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer ua. der Lohn­rah­men­ta­rif­ver­trag für ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer/Ar­beit­neh­me­rin­nen in der Pa­pier, Pap­pe und Kunst­stoff ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie (LRTV) so­wie der Ge­halts­rah­men­ta­rif­ver-trag für die kaufmänni­schen und tech­ni­schen An­ge­stell­ten und Meis­ter in der baye­ri­schen Pa­pier, Pap­pe und Kunst­stoff ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie (GRTV) - bei­de in der je­weils gülti­gen Fas­sung - An­wen­dung (§§ 2 und 3 FTV iVm. der An­la­ge A zum FTV). Der LRTV vom 19. Ju­ni 1990 sieht in sei­nem § 2 für die Ein­grup­pie­rung der ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer acht Lohn­grup­pen vor.

2

Da­ne­ben schloss die Ar­beit­ge­be­rin mit ver.di ei­nen Über­lei­tungs­ta­rif­ver­trag (ÜTV), der die Aus­wir­kun­gen des Wech­sels von den Ta­rif­verträgen der Druck­in­dus­trie zu de­nen der Pa­pier, Pap­pe und Kunst­stoff ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie re­gelt und nach sei­nem § 2 für al­le Ar­beit­neh­mer gilt, die „am 01.07. 2008 in ei­nem Ar­beits­verhält­nis bei der Dru­cke­rei ... stan­den“. § 3 Nr. 1 Buchst. d ÜTV be­stimmt, dass die Ein­grup­pie­run­gen der Ar­beit­neh­mer gemäß der An­la­ge 2 er­fol­gen. Die An­la­ge 2 zum ÜTV be­nennt die be­tref­fen­den Ar­beit-

 

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neh­mer na­ment­lich und ord­net ih­nen größten­teils kon­kre­te Ge­halts- oder Lohn­grup­pen zu. Dem über­wie­gen­den Teil der ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer sind da­bei sog. Zwi­schen­l­ohn­grup­pen („L4+“, „L5+“ oder „L6+“) zu­ge­wie­sen. Die­se be­lau­fen sich - aus­weis­lich der Erläute­run­gen in der An­la­ge 2 - auf be­stimm­te Pro­zentsätze „des Ta­rif­ver­trags Pa­pier und Pap­pe“.

3

Mit Schrei­ben vom 21. Ja­nu­ar 2009 bot die Ar­beit­ge­be­rin dem Be­triebs­rat an, bei der Ein­grup­pie­rung von neu in der Buch­bin­de­rei und im Ver­sand ein­ge­stell­ten Beschäftig­ten künf­tig die glei­chen Kri­te­ri­en wie bei den be­reits be­schäftig­ten Ar­beit­neh­mern an­zu­wen­den; die Zwi­schen­l­ohn­grup­pen soll­ten je­doch erst nach Ab­lauf ei­ner ent­spre­chen­den Ein­ar­bei­tungs- und An­lern­pha­se von in der Re­gel sechs Mo­na­ten gewährt wer­den. Dem Schrei­ben war ei­ne Über­sicht „Ein­grup­pie­rung Bu­bi/Ver­sand“ bei­gefügt, die ver­schie­de­ne Tätig­kei­ten und die­sen zug­o­rd­ne­te Lohn­grup­pen (LG) - ua. für Hel­fer die LG IV - aus­weist. Mit Schrei­ben vom 9. Fe­bru­ar 2009 stimm­te der Be­triebs­rat dem Vor­schlag zu. Die Ar­beit­ge­be­rin grup­pier­te in der Fol­ge­zeit die neu ein­ge­stell­ten Mit­ar­bei­ter ent­spre­chend die­ser Ver­ein­ba­rung ein.

4

Im Au­gust 2015 kündig­te die Ar­beit­ge­be­rin die Re­ge­lungs­ab­re­de mit dem Be­triebs­rat zum 30. No­vem­ber 2015 und teil­te ihm mit, bei „Neu­ein­stel­lun­gen“ ab De­zem­ber 2015 nur noch nach den Vor­ga­ben des gel­ten­den Lohn- und Ge­halts­grup­pen­ta­rif­ver­trags ein­zu­grup­pie­ren. Im April 2016 kündig­te die Ar­beit­ge­be­rin den FTV zu En­de Ok­to­ber 2016.

5

Seit Ju­li 2015 ist die Ar­beit­neh­me­rin R als Ma­schi­nen­hel­fe­rin in der Buch­bin­de­rei beschäftigt. Ih­rer zunächst bis En­de De­zem­ber 2015 be­fris­te­ten Ein­stel­lung so­wie ih­rer Ein­grup­pie­rung in der LG IV LRTV hat­te der Be­triebs­rat im Mai 2015 zu­ge­stimmt. Die Ar­beit­ge­be­rin teil­te dem Be­triebs­rat am 1. De­zem­ber 2015 mit, sie be­ab­sich­ti­ge die Beschäfti­gung der Ar­beit­neh­me­rin über den 31. De­zem­ber 2015 hin­aus un­ter un­veränder­ter Ein­grup­pie­rung in der LG IV LRTV für sechs Mo­na­te be­fris­tet zu verlängern, und bat um Zu­stim­mung. Der Be­triebs­rat stimm­te am 4. De­zem­ber 2015 der Ein­stel­lung zu, ver­wei­ger­te je­doch die Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung mit der Be­gründung, die Ar­beit­neh­me­rin sei länger als sechs Mo­na­te beschäftigt und da­her in der Zwi­schen­lohn-

 

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grup­pe „L4+“ ein­zu­grup­pie­ren. Anläss­lich der Beschäfti­gung der Ar­beit­neh­me­rin über den 30. Ju­ni 2016 hin­aus er­teil­te der Be­triebs­rat auf ein ent­spre­chen­des Zu­stim­mungs­ge­such der Ar­beit­ge­be­rin vom 6. Ju­ni 2016 eben­falls die Zu­stim­mung zur Ein­stel­lung, wi­der­sprach je­doch der an­ge­ge­be­nen Ein­grup­pie­rung in der LG IV LRTV.

6

Die Ar­beit­ge­be­rin hat die An­sicht ver­tre­ten, dem Be­triebs­rat ste­he kein Grund zur Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin R zu. Et­wai­ge Verstöße ge­gen Re­ge­lungs­ab­spra­chen sei­en nicht von § 99 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG er­fasst. Zu­dem wir­ke die gekündig­te Re­ge­lungs­ab­spra­che nicht nach.

7
Die Ar­beit­ge­be­rin hat - so­weit in der Rechts­be­schwer­de noch von In­te­res­se - be­an­tragt,

die ver­wei­ger­te Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ein­grup­pie­rung der Ma­schi­nen­hel­fe­rin R (Ab­ruf­kraft mit zehn Wo­chen­stun­den) in LG IV LRTV für die Dau­er de­ren be­fris­te­ter Ein­stel­lung in der Ab­tei­lung Buch­bin­de­rei vom 1. Ja­nu­ar 2016 bis 30. Ju­ni 2016 gemäß dem Zu­stim­mungs­an­trag der Ar­beit­ge­be­rin vom 1. De­zem­ber 2015 so­wie für die Dau­er de­ren be­fris­te­ter Ein­stel­lung in der Ab­tei­lung Buch­bin­de­rei vom 1. Ju­li 2016 bis 31. Ok­to­ber 2016 gemäß dem Zu­stim­mungs­an­trag der Ar­beit­ge­be­rin vom 6. Ju­ni 2016 zu er­set­zen.

8

Der Be­triebs­rat hat ne­ben der An­trags­ab­wei­sung be­an­tragt

fest­zu­stel­len, dass die gekündig­te Ver­ein­ba­rung der Be­triebs­par­tei­en zur Ein­grup­pie­rung Buch­bin­de­rei vom 21. Ja­nu­ar 2009/9. Fe­bru­ar 2009 über den 30. No­vem­ber 2015 hin­aus nach­wirkt;

hilfs­wei­se

fest­zu­stel­len, dass die gekündig­te Ver­ein­ba­rung der Be­triebs­par­tei­en zur Ein­grup­pie­rung Buch­bin­de­rei vom 21. Ja­nu­ar 2009/9. Fe­bru­ar 2009 als Ge­samt­zu­sa­ge über den 30. No­vem­ber 2015 hin­aus wirkt.

9

Er hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die gekündig­te Re­ge­lungs­ab­re­de ent­fal­te ana­log § 77 Abs. 6 Be­trVG Nach­wir­kung, da sie ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge An­ge­le­gen­heit re­ge­le.

 

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Das Ar­beits­ge­richt hat dem erst­in­stanz­lich le­dig­lich hilfs­wei­se ver­folg­ten Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­trag statt­ge­ge­ben und so­wohl die Wi­der­anträge des Be­triebs­rats als auch den da­ma­li­gen, auf die Fest­stel­lung ge­rich­te­ten Haupt­an­trag der Ar­beit­ge­be­rin, dass die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zur Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin R in LG IV LRTV als er­teilt gilt, ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­schwer­de des Be­triebs­rats zurück­ge­wie­sen. Mit der Rechts­be­schwer­de ver­folgt die­ser sein Be­geh­ren auf vollständi­ge An­trags­ab­wei­sung so­wie sei­ne Wi­der­anträge wei­ter.

11

B. Die Rechts­be­schwer­de des Be­triebs­rats ist un­be­gründet. Der zulässi­ge Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­trag der Ar­beit­ge­be­rin ist be­gründet. Die Wi­deran-träge des Be­triebs­rats blei­ben er­folg­los.

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I. Die vom Be­triebs­rat ver­wei­ger­te Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin R in der LG IV LRTV ist zu er­set­zen.

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1. Der Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­trag ist zulässig. 14
a) Er be­darf je­doch der Aus­le­gung. 15

Nach dem Vor­trag der Ar­beit­ge­be­rin ist ihr An­trag ab­wei­chend von sei­ ner sprach­li­chen Fas­sung nicht auf ei­ne Zu­stim­mungs­er­set­zung zu ei­ner in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Ein­grup­pie­rung, son­dern - ent­spre­chend dem zulässi­gen Ge­gen­stand ei­nes Zu­stim­mungs­er­set­zungs­ver­fah­rens (vgl. BAG 17. März 2015 - 1 ABR 59/13 - Rn. 18; 1. Ju­li 2009 - 4 ABR 17/08 - Rn. 19) - auf die Klä­rung ge­rich­tet, ob die Ein­grup­pie­rung der in­zwi­schen un­be­fris­tet wei­ter­beschäf­tig­ten Ar­beit­neh­me­rin in LG IV LRTV ge­genwärtig und zukünf­tig als Maßnah­me iSd. § 99 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG zu­tref­fend ist. Trotz an­der­wei­ti­ger An­ga­ben im An­trag ist Ge­gen­stand des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens al­lein die Er­set­zung der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats auf Grund des Zu­stim­mungs­ge­suchs der Ar­beit­ge­be­rin vom 1. De­zem­ber 2015 (vgl. zum Ver­fah­rens­ge­gen­stand bei meh­re­ren Zu­stim­mungs­er­su­chen et­wa BAG 16. Ja­nu­ar 2007 - 1 ABR 16/06 - Rn. 20 mwN). So­weit die Ar­beit­ge­be­rin den Be­triebs­rat mit Schrei­ben vom 6. Ju­ni 2016 er­neut um Zu­stim­mung zur wei­te­ren (be­fris­te­ten) Beschäfti­gung von Frau R für die Zeit ab dem 1. Ju­li 2016 ge­be­ten hat, hat sie ihm er­sicht­lich le­dig­lich de­ren

 

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un­veränder­te Ein­grup­pie­rung in der LG IV LRTV gemäß § 99 Abs. 1 Satz 2 Be­trVG mit­ge­teilt. Ei­nem er­neu­ten Zu­stim­mungs­er­su­chen auch zu ei­ner Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin hätte die Grund­la­ge ge­fehlt. Denn ei­ne Ein­stel­lung, zu der auch die Verlänge­rung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses gehört (vgl. BAG 7. Au­gust 1990 - 1 ABR 68/89 - zu B I 2 a bb der Gründe, BA­GE 65, 329, 334), ist nicht mit ei­ner Ein­grup­pie­rung ver­bun­den, wenn sich - wie bei der Wei­ter­beschäfti­gung der Mit­ar­bei­te­rin R über den 30. Ju­ni 2016 hin­aus - we­der die Tätig­keit des Ar­beit­neh­mers noch die maßge­ben­de Vergütungs­ord­nung ändert (vgl. BAG 1. Ju­li 2009 - 4 ABR 17/08 - Rn. 15 mwN).

16

b) Für den Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­trag be­steht ein Rechts­schutz­be­dürf­nis.

17

aa) Die Ar­beit­ge­be­rin be­darf zu ei­ner Ein­grup­pie­rung nach § 99 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats, da sie in der Re­gel mehr als 20 wahl­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer beschäftigt.

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bb) Anläss­lich der Wei­ter­beschäfti­gung der zunächst be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­me­rin R über den 31. De­zem­ber 2015 hin­aus und da­mit ih­rer (er­neu­ten) Ein­stel­lung iSv. § 99 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG zum 1. Ja­nu­ar 2016 war ei­ne Ein­grup­pie­rung er­for­der­lich.

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(1) Ein­grup­pie­rung iSv. § 99 Abs. 1 Satz 1 Be­trVG ist die recht­li­che Beur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers, dass der Ar­beit­neh­mer auf­grund sei­ner Tätig­keit ei­ner be­stimm­ten Ent­gelt­grup­pe zu­zu­ord­nen ist. Die­se Be­ur­tei­lung hat der Ar­beit­ge­ber bei je­der Ein­stel­lung und Ver­set­zung vor­zu­neh­men. Ei­ne Neu­ein­stel­lung ist nur dann nicht mit ei­ner Ein­grup­pie­rung ver­bun­den, wenn kei­ne neue Tätig­keit auf­ge­nom­men wird und die maßge­ben­de Vergütungs­ord­nung un­verändert ge­blie­ben ist (vgl. BAG 1. Ju­li 2009 - 4 ABR 17/08 - Rn. 15 mwN).

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(1) Da­nach war zum 1. Ja­nu­ar 2016 ei­ne er­neu­te Ein­grup­pie­rung not­wen­dig. Zwar übte die Ar­beit­neh­me­rin R auch über den 31. De­zem­ber 2015 un­ver­ändert die­sel­be Tätig­keit als Ma­schi­nen­hel­fe­rin aus; je­doch hat­te sich zu die-

 

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sem Zeit­punkt die ih­rer Ein­grup­pie­rung zu­grun­de ge­leg­te Vergütungs­ord­nung geändert.

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(a) Ent­spre­chend der mit Schrei­ben vom 21. Ja­nu­ar 2009 und 9. Fe­bru­ar 2009 zu­stan­de ge­kom­me­nen Re­ge­lungs­ab­re­de wand­te die Ar­beit­ge­be­rin bis En­de No­vem­ber 2015 auf ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer, die nach dem 1. Ju­li 2008 in der Buch­bin­de­rei oder im Ver­sand der Dru­cke­rei ein­ge­stellt wur­den, ei­ne von den Vor­ga­ben des § 2 LRTV ab­wei­chen­de Vergütungs­ord­nung an. Dem­zu­fol­ge grup­pier­te sie Ar­beit­neh­mer, die - wie die Mit­ar­bei­te­rin R - als Hel­fer tätig wa­ren, un­ge­ach­tet der in § 2 LRTV vor­ge­ge­be­nen Tätig­keits­merk­ma­le zunächst in LG IV LRTV ein und grup­pier­te sie nach ei­ner Beschäfti­gungs­zeit von sechs Mo­na­ten in Zwi­schen­l­ohn­grup­pe „L4+“ um. Ent­ge­gen der An­sicht des Be­triebs­rats gewähr­te die Ar­beit­ge­be­rin durch die Ein­stu­fung in ei­ne Zwi­schen­lohn­grup­pe nicht le­dig­lich ei­ne über­ta­rif­li­che Zu­la­ge. Viel­mehr er­folg­te in Übe­rein­stim­mung mit dem In­halt der zwi­schen den Be­triebs­par­tei­en ge­trof­fe­nen Re­ge­lungs­ab­re­de ei­ne Ein­rei­hung der Ar­beit­neh­mer in der durch Zeit­auf­stieg er­reich­ten höhe­ren Lohn­grup­pe.

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(b) Nach Kündi­gung der Re­ge­lungs­ab­re­de zum 30. No­vem­ber 2015 (zur Kündi­gungsmöglich­keit ent­spre­chend § 77 Abs. 5 Be­trVG vgl. BAG 23. Ju­ni 1992 - 1 ABR 53/91 - zu B II 2 b der Gründe mwN) brach­te die Ar­beit­ge­be­rin die mit dem Be­triebs­rat ab­ge­spro­che­ne Vergütungs­ord­nung bei ei­ner Ein­s­tel­lung von Ar­beit­neh­mern in der Dru­cke­rei nicht mehr zu An­wen­dung. Statt­des­sen leg­te sie für die Ein­grup­pie­rung der ab An­fang De­zem­ber 2015 ein­ge­stell­ten ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer die Vor­ga­ben des § 2 LRTV ein­sch­ließlich der dor­ti­gen Lohn­grup­pen zu­grun­de. Da­mit be­durf­te es anläss­lich der wei­te­ren Be­schäfti­gung der Ar­beit­neh­me­rin R ab dem 1. Ja­nu­ar 2016 de­ren Ein­grup­pie­rung in die­ser Vergütungs­ord­nung.

23

cc) Der Zulässig­keit des Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­trags steht nicht ent­ge­gen, dass der Be­triebs­rat die im Mai 2015 von der Ar­beit­ge­be­rin er­be­te­ne Zu­stim­mung anläss­lich der erst­ma­li­gen Ein­stel­lung der Ar­beit­neh­me­rin R zum 1. Ju­li 2015 zu de­ren Ein­grup­pie­rung in der LG IV LRTV er­teilt hat. Auf­grund der da­mals von der Ar­beit­ge­be­rin an­ge­wand­ten, vom LRTV ab­wei­chen­den

 

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Vergütungs­ord­nung und des hier­auf be­zo­ge­nen Zu­stim­mungs­er­su­chens be­zieht sich die­se auf ei­nen an­de­ren Ver­fah­rens­ge­gen­stand.

24
2. Der Zu­stim­mungs­er­set­zungs­an­trag ist be­gründet. 25

a) Vor­aus­set­zung für die ge­richt­li­che Zu­stim­mungs­er­set­zung nach § 99 Abs. 4 Be­trVG ist ei­ne ord­nungs­gemäße Un­ter­rich­tung des Be­triebs­rats durch den Ar­beit­ge­ber. Nur die­se setzt die Frist für die Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung in Lauf (vgl. statt al­ler BAG 9. April 2019 - 1 ABR 25/17 - Rn. 28 mwN).

26

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor. Die Ar­beit­ge­be­rin hat den Be­triebs­rat mit Schrei­ben vom 1. De­zem­ber 2015 über die be­ab­sich­ti­ge Ein­grup­pie­rung recht­zei­tig un­ter­rich­tet und um Zu­stim­mung ge­be­ten. Auf­grund der Mit­tei­lung der Ar­beit­ge­be­rin, ab De­zem­ber 2015 bei „Neu­ein­stel­lun­gen“ nur noch nach den ta­rif­li­chen Vor­ga­ben ein­zu­grup­pie­ren, konn­te und muss­te der Be­triebs­rat das Schrei­ben auch als Zu­stim­mungs­ge­such hin­sicht­lich der Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin ver­ste­hen. Das Schrei­ben enthält zu­dem die für den Be­triebs­rat not­wen­di­gen In­for­ma­tio­nen be­zo­gen auf die Tätig­keit der Ar­beit­neh­me­rin R. Da die­ser er­kenn­bar mit den be­trieb­li­chen Verhält­nis­sen ver­traut ist, reich­te die An­ga­be aus, die Ar­beit­neh­me­rin wer­de als Ma­schi­nen­hel­fe­rin wei­ter­beschäftigt.

27

b) Die be­gehr­te Zu­stim­mung des Be­triebs­rats gilt nicht be­reits nach § 99 Abs. 3 Satz 2 Be­trVG als er­teilt, weil er sei­ne Zu­stim­mung nicht form- und frist­ge­recht ver­wei­gert hat. Dies steht in­fol­ge der rechts­kräfti­gen Ab­wei­sung des ursprüng­li­chen Haupt­an­trags der Ar­beit­ge­be­rin durch das Ar­beits­ge­richt bin­dend fest.

28

c) Der Be­triebs­rat konn­te sei­ne Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rung nicht auf § 99 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG stützen.

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aa) Ein Grund zur Ver­wei­ge­rung der Zu­stim­mung zur be­ab­sich­tig­ten Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin in der LG IV LRTV folgt nicht aus ei­nem et­wai­gen Ver­s­toß der Ar­beit­ge­be­rin ge­gen die Re­ge­lungs­ab­re­de der Be­triebs­par­tei­en.

 

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(1) Die Re­gel­wer­ke, de­ren Vor­ga­ben den Be­triebs­rat zur Ver­wei­ge­rung sei­ner Zu­stim­mung zu ei­ner per­so­nel­len Maßnah­me be­rech­ti­gen können, sind in § 99 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG ab­sch­ließend auf­geführt. Nach ih­rem ein­deu­ti­gen Wort­laut er­fasst die Norm kei­ne Verstöße ge­gen Re­ge­lungs­ab­re­den.

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(2) Ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung von § 99 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG auf Re­ge­lungs­ab­re­den kommt nicht in Be­tracht.

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(a) Ei­ne Ana­lo­gie setzt vor­aus, dass ei­ne vom Ge­setz­ge­ber un­be­ab­sich­tigt ge­las­se­ne Lücke be­steht und die­se Plan­wid­rig­keit auf­grund kon­kre­ter Umstän­de po­si­tiv fest­ge­stellt wer­den kann. An­de­ren­falls könn­te je­des Schwei­gen des Ge­setz­ge­bers - al­so der Nor­mal­fall, wenn er et­was nicht re­geln will - als plan­wid­ri­ge Lücke auf­ge­fasst und die­se im We­ge der Ana­lo­gie von den Ge­rich­ten aus­gefüllt wer­den (vgl. et­wa BAG 9. April 2019 - 9 AZB 2/19 - Rn. 23 mwN).

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(b) § 99 Abs. 2 Nr. 1 Be­trVG ist nicht plan­wid­rig lücken­haft. Dem Be­triebs­ rat soll­te ein Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­recht er­sicht­lich nur bei ei­nem Ver­s­toß der per­so­nel­len Maßnah­me ge­gen sol­che Re­ge­lun­gen gewährt wer­den, die - zu­min­dest auch - nor­ma­tiv und da­mit un­mit­tel­bar und zwin­gend für die Ar­beit­neh­mer gel­ten können. Ei­ne sol­che Wir­kung kommt ei­ner zwi­schen den Be­triebs­par­tei­en ver­ein­bar­ten Re­ge­lungs­ab­re­de nicht zu. Sie ent­fal­tet als le­dig­lich schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­rung nur zwi­schen den Be­triebs­par­tei­en Wir­kung (vgl. et­wa BAG 26. Sep­tem­ber 2018 - 7 ABR 18/16 - Rn. 38).

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bb) Die Ein­grup­pie­rung verstößt nicht ge­gen ein Ge­setz. 35

(1) Die be­ab­sich­tig­te Ein­grup­pie­rung ei­nes Ar­beit­neh­mers verstößt ge­gen ein Ge­setz, wenn der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer in ein an­de­res Ent­gelt-sche­ma ein­grup­pie­ren will als das­je­ni­ge, wel­ches als Teil der be­trieb­li­chen Lohn­ge­stal­tung im Be­trieb zur An­wen­dung kom­men muss. Die dar­in lie­gen­de Ände­rung der be­ste­hen­den Ent­loh­nungs­grundsätze ist nicht ein­sei­tig möglich. Sie be­darf nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG ei­ner Ei­ni­gung mit dem Be­triebs­rat. Fehlt die­se oder ist sie nicht durch Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le er­setzt wor­den,

 

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verstößt die Ein­grup­pie­rung ge­gen § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG (vgl. statt al­ler BAG 23. Ok­to­ber 2018 - 1 ABR 26/17 - Rn. 17 mwN).

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(2) Der Se­nat kann zu­guns­ten des Be­triebs­rats un­ter­stel­len, die­ser ha­be mit sei­nen Ausführun­gen im Schrei­ben vom 4. De­zem­ber 2015 die Zu­stim­mung zur Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin R in der LG IV LRTV auch we­gen ei­nes Ver­s­toßes ge­gen § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG ver­wei­gern wol­len. Denn der gel­tend ge­mach­te Zu­stim­mungs­ver­wei­ge­rungs­grund liegt nicht vor. Die ehe­mals nor­ma­tiv (§ 3 Abs. 1 TVG) an den FTV und in­fol­ge­des­sen an den dort in Be­zug ge­nom­me­nen LRTV ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­be­rin muss - auch nach Ein­tritt der Nach­wir­kung des FTV in­fol­ge sei­ner Kündi­gung zum 31. Ok­to­ber 2016 (§ 4 Abs. 5 TVG) - die­sen als die für die nicht be­reits am 1. Ju­li 2008 beschäftig­ten ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer maßge­ben­de Vergütungs­ord­nung in der Buch­bin­de­rei und im Ver­sand zur An­wen­dung brin­gen. Hier­in liegt kei­ne nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Ände­rung be­ste­hen­der Ent­loh­nungs­grundsätze.

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(a) Im Be­trieb ei­nes ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bers stellt die im ein­schlägi­gen Ta­rif­ver­trag ent­hal­te­ne Vergütungs­ord­nung zu­gleich das im Be­trieb gel­ten­de Sys­tem für die Be­mes­sung des Ent­gelts der Ar­beit­neh­mer dar. Zwar han­delt es sich bei ta­rif­li­chen Vergütungs­re­ge­lun­gen nicht um Be­triebs­nor­men iSv. § 3 Abs. 2 TVG, die un­abhängig von der Ta­rif­ge­bun­den­heit der Ar­beit­neh­mer maß­geb­lich sind, son­dern um In­halts­nor­men, die nach § 3 Abs. 1, § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG un­mit­tel­bar und zwin­gend nur zwi­schen dem Ar­beit­ge­ber und den ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mern gel­ten (vgl. BAG 4. Mai 2011 - 7 ABR 10/10 - Rn. 22 mwN, BA­GE 138, 39). Den­noch ist der ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­ge­ber be­triebs­ver­fas­sungs­recht­lich ver­pflich­tet, die ta­rif­li­che Vergütungs­ord­nung un­ge­ach­tet der Ta­rif­ge­bun­den­heit der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb an­zu­wen­den, so­weit de­ren Ge­genstände der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG un­ter­lie­gen. Die­ses Verständ­nis ge­ben die Funk­ti­on des Ta­rif­vor­be­halts in § 87 Abs. 1 Ein­gangs­halbs. Be­trVG so­wie der Norm­zweck des § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG vor (BAG 23. Au­gust 2016 - 1 ABR 15/14 - Rn. 18 mwN).

 

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(b) Die Ent­schei­dung der Ar­beit­ge­be­rin, ab dem 1. De­zem­ber 2015 auf al­le in der Buch­bin­de­rei und im Ver­sand neu ein­ge­stell­ten ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer die Vergütungs­ord­nung des im FTV in Be­zug ge­nom­me­nen LRTV an­zu­wen­den, be­durf­te nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG. Da die Ar­beit­ge­be­rin zum da­ma­li­gen Zeit­punkt noch un­mit­tel­bar und zwin­gend an den FTV ge­bun­den war, be­stand nach § 87 Abs. 1 Ein­gangs­halbs. Be­trVG kein Mit­be­stim­mungs­recht. Der Ein­tritt der Nach­wir­kung des FTV ab dem 1. No­vem­ber 2016 ändert hier­an nichts. Die ursprüng­lich kraft Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers im Be­trieb gel­ten­den Grundsätze der ta­rif­li­chen Vergütungs­ord­nung bil­den auch nach dem Weg­fall die­ser Bin­dung das für den Be­trieb maßgeb­li­che kol­lek­ti­ve Vergütungs­sche­ma. Bis zu ei­nem wirk­sa­men Ände­rungs­akt ist die­ses be­triebs­ver­fas­sungs­recht­lich wei­ter gültig (vgl. BAG 15. April 2008 - 1 AZR 65/07 - Rn. 28 mwN, BA­GE 126, 237).

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d) Der Be­triebs­rat kann sich vor­lie­gend nicht dar­auf be­ru­fen, die Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­me­rin R ver­s­toße ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nach § 75 Abs. 1 Be­trVG und be­nach­tei­li­ge sie außer­dem, oh­ne dass dies aus be­trieb­li­chen oder in ih­rer Per­son lie­gen­den Gründen ge­recht­fer­tigt sei (§ 99 Abs. 2 Nr. 4 Be­trVG). Die­se Zu­stim­mungs­ver-wei­ge­rungs­gründe hat der Be­triebs­rat in sei­nem Schrei­ben vom 4. De­zem­ber 2015 nicht gel­tend ge­macht. Ein Nach­schie­ben wei­te­rer Gründe nach Ab­lauf der Wo­chen­frist schei­det aus (vgl. et­wa BAG 23. Ja­nu­ar 2019 - 4 ABR 56/17 - Rn. 17 mwN).

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3. Die Wi­der­anträge des Be­triebs­rats blei­ben er­folg­los. 41
a) Der zulässi­ge Haupt­an­trag des Be­triebs­rats ist un­be­gründet. 42
aa) Der An­trag be­geg­net kei­nen Zulässig­keits­be­den­ken. 43

(1) Wie das Vor­brin­gen des Be­triebs­rats zeigt, zielt sein Haupt­an­trag auf die Fest­stel­lung ab, dass die durch den Schrift­wech­sel vom 21. Ja­nu­ar 2009 und 9. Fe­bru­ar 2009 zwi­schen den Be­tei­lig­ten zu­stan­de ge­kom­me­ne Re­ge-

 

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lungs­ab­re­de ana­log § 77 Abs. 6 Be­trVG über den 31. No­vem­ber 2015 hin­aus nach­wirkt und da­mit wei­ter­hin Rechts­wir­kun­gen zwi­schen ih­nen zei­tigt.

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(2) Da­mit be­gehrt der Be­triebs­rat die Fest­stel­lung ei­nes Rechts­verhält­nis­ses iSv. § 256 Abs. 1 ZPO (vgl. für die Nach­wir­kung von Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen BAG 23. Ok­to­ber 2018 - 1 ABR 10/17 - Rn. 15). Da die Ar­beit­ge­be­rin die Fort­gel­tung der mit dem Be­triebs­rat ge­trof­fe­nen Re­ge­lungs­ab­re­de be­strei­tet, hat er hier­an ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se.

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bb) Der Haupt­an­trag ist un­be­gründet. Die von der Ar­beit­ge­be­rin gekündig­te Re­ge­lungs­ab­re­de der Be­tei­lig­ten wirkt nicht nach. § 77 Abs. 6 Be­trVG sieht die Nach­wir­kung nur für Re­ge­lun­gen ei­ner er­zwing­ba­ren Be­triebs­ver­ein­ba­rung vor. Ei­ne ent­spre­chen­de An­wen­dung die­ser Be­stim­mung auf Re­ge­lungs­ab­re­den der Be­triebs­par­tei­en schei­det aus. So­weit der Se­nat in der Ver­gan­gen­heit an­ge­nom­men hat, bei Re­ge­lungs­ab­re­den, die in ei­ner mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen An­ge­le­gen­heit ge­trof­fen wur­den, sei ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung von § 77 Abs. 6 Be­trVG ge­recht­fer­tigt (BAG 23. Ju­ni 1992 - 1 ABR 53/91 - zu B II 2 der Grün­de), hält er hier­an nicht mehr fest. Un­abhängig da­von be­trifft die gekündig­te Re­ge­lungs­ab­re­de auch kei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge An­ge­le­gen­heit.

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(1) Re­ge­lungs­ab­re­den können nach ei­ner Kündi­gung nicht ent­spre­chend § 77 Abs. 6 Be­trVG nach­wir­ken, da die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Rechts­fort­bil­dung durch Ana­lo­gie nicht ge­ge­ben sind (im Er­geb­nis eben­so Kreutz GK-Be­trVG 11. Aufl. § 77 Rn. 22, 445; Fit­ting 29. Aufl. § 77 Rn. 226; Ri­char­di in Be­trVG/Ri­char­di 16. Aufl. § 77 Rn. 250; Gal­pe­rin/Löwisch 6. Aufl. § 77 Rn. 105; H/W/G/N/R/H-Worz­al­la 10. Aufl. § 77 Rn. 190; Hein­ze NZA 1994, 580, 584; Raab SAE 1993, 171, 172; Pe­te­rek FS Gaul S. 492 ff.; Sen­ne Die Re­ge­lungs­ab­re­de S. 66 f.; Schmeis­ser Re­ge­lungs­ab­re­den der Be­triebs­par­tei­en als Mit­tel und Grund­la­ge ei­ner Ab­wei­chung von Ge­set­zes­recht S. 115 f.; Kiel­kow­ski Die be­trieb­li­che Ei­ni­gung S. 143; Krohm Wei­ter­gel­tung und Nach­wir­kung S. 143 ff.). Die ana­lo­ge An­wen­dung ei­ner Norm ver­langt nicht nur das Vor­lie­gen ei­ner auf­grund kon­kre­ter Umstände po­si­tiv fest­zu­stel­len­den plan­wid­ri­gen Lücke des Ge­set­zes, son­dern auch, dass der ge­setz­lich un­ge­re­gel­te Fall nach Maßga­be des Gleich­heits­sat­zes und zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­dersprüchen nach der

 

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glei­chen Rechts­fol­ge ver­langt wie die ge­set­zessprach­lich er­fass­ten Fälle (vgl. et­wa BAG 27. Ju­ni 2018 - 10 AZR 295/17 - Rn. 23 mwN, BA­GE 163, 160). Hie­ran fehlt es.

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(a) Nach § 77 Abs. 6 Be­trVG gel­ten die Re­ge­lun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ ba­rung nach de­ren Ab­lauf in An­ge­le­gen­hei­ten, in de­nen ein Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le die Ei­ni­gung zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat er­set­zen kann, wei­ter, bis sie durch ei­ne an­de­re Ab­ma­chung er­setzt wer­den. Da­mit ord­net die Norm in mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen An­ge­le­gen­hei­ten ei­ne un­mit­tel­ba­re - nicht mehr je­doch zwin­gen­de - Wei­ter­gel­tung nor­ma­tiv be­gründe­ter Re­ge­lun­gen für die Ar­beit­neh­mer im Be­trieb an. Wie die Ge­set­zes­ma­te­ria­len er­ken­nen las­sen (vgl. BT-Drs. VI/1786 S. 47), lehnt sich § 77 Abs. 6 Be­trVG da­bei zwar an § 4 Abs. 5 TVG an, geht je­doch - im Rah­men sei­nes auf er­zwing­ba­re Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen be­schränk­ten An­wen­dungs­be­reichs - in sei­ner Wir­kungs­wei­se über des­sen Reich­wei­te hin­aus. Während ein le­dig­lich nach­wir­ken­der Ta­rif­ver­trag nicht auf Ar­beits­verhält­nis­se An­wen­dung fin­det, die erst im Nach­wir­kungs­zeit­raum be­gründet wer­den (vgl. BAG 2. März 2004 - 1 AZR 271/03 - zu I 2 der Gründe mwN, BA­GE 109, 369), er­fas­sen die nach § 77 Abs. 6 Be­trVG nach­wir­ken­den Nor­men ei­ner in An­ge­le­gen­hei­ten der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung ge­schlos­se­nen Be­triebs­ver­ein­ba­rung auch die im Wei­ter­gel­tungs­zeit­raum neu in den Be­trieb ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer. Da­mit ver­hin­dert die Vor­schrift nicht nur den Ein­tritt ei­nes re­ge­lungs­lo­sen Zu­stands für be­reits beschäftig­te Ar­beit­neh­mer, son­dern sie be­zweckt gleich­zei­tig die Wah­rung be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Mit­be­stim­mungs­rech­te (vgl. BAG 10. No­vem­ber 2009 - 1 AZR 511/08 - Rn. 14), in­dem sie den Be­stim­mun­gen ei­ner er­zwing­ba­ren Be­triebs­ver­ein­ba­rung nach de­ren Ab­lauf im ge­sam­ten Be­trieb Wei­ter­gel­tung ver­schafft.

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(b) Die in § 77 Abs. 6 Be­trVG an­ge­ord­ne­te Rechts­fol­ge der Wei­ter­gel­tung nor­ma­ti­ver Re­ge­lun­gen lässt sich auf Re­ge­lungs­ab­re­den der Be­triebs­par­tei­en - selbst wenn die­se in ei­ner mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen An­ge­le­gen­heit ge­trof­fe­nen wur­den - nicht über­tra­gen. Im Ge­gen­satz zu ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung wir­ken die­se nicht nach § 77 Abs. 4 Satz 1 Be­trVG un­mit­tel­bar und zwin­gend auf die Ar­beits­verhält­nis­se der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb ein. Um ei­ne recht­li­che

 

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Wir­kung auch ge­genüber den Ar­beit­neh­mern zu er­zie­len, muss der Ar­beit­ge­ber die mit dem Be­triebs­rat ver­ein­bar­te Ab­spra­che ent­we­der ver­trags­recht­lich oder durch Ausübung sei­nes Wei­sungs­rechts um­set­zen. Ei­ne „Wei­ter­gel­tung“ der Re­ge­lungs­ab­re­de nach ih­rem Ab­lauf könn­te da­mit nur schuld­recht­lich - al­so im Verhält­nis der Be­triebs­par­tei­en zu­ein­an­der - wir­ken. Dies ord­net § 77 Abs. 6 Be­trVG je­doch nicht an. Die ge­setz­lich vor­ge­se­he­ne Nach­wir­kung zielt auf die un­mit­tel­ba­re Gel­tung von Re­ge­lun­gen im Verhält­nis zum Ar­beit­neh­mer, nicht je­doch auf die Aus­ge­stal­tung des schuld­recht­li­chen Verhält­nis­ses der Be­triebs­par­tei­en.

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(c) Darüber hin­aus ist ei­ne ana­lo­ge An­wen­dung von § 77 Abs. 6 Be­trVG auf gekündig­te Re­ge­lungs­ab­re­den we­der zur Wah­rung des Gleich­heits­sat­zes noch zur Ver­mei­dung von Wer­tungs­wi­dersprüchen er­for­der­lich.

50

(aa) Die nach Ab­lauf ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung ein­tre­ten­de recht­li­che Si­tu­ati­on un­ter­schei­det sich grund­le­gend von der nach Ab­lauf ei­ner Re­ge­lungs­ab­re­de (eben­so Fit­ting 29. Aufl. § 77 Rn. 226; Sen­ne Die Re­ge­lungs­ab­re­de S. 66 f.; Kiel­kowk­si Die be­trieb­li­che Ei­ni­gung S. 140; Krohm Wei­ter­gel­tung und Nach­wir­kung S. 144). Mit der Be­en­di­gung ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung ent­fal­len die durch sie be­gründe­ten und auf­grund ih­rer nor­ma­ti­ven Wir­kung un­mit­tel­bar für die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en gel­ten­den Rech­te und Pflich­ten - so­fern nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 77 Abs. 6 Be­trVG vor­lie­gen - er­satz­los. Ein ver­gleich­bar un­ge­re­gel­ter Zu­stand kann nach Be­en­di­gung ei­ner Re­ge­lungs­ab­re­de nicht ein­tre­ten. Die in Um­set­zung der Re­ge­lungs­ab­re­de be­reits er­folg­ten ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer gel­ten viel­mehr auch nach de­ren Ab­lauf un­verändert wei­ter. Ent­spre­chen­des gilt, so­weit der Ar­beit­ge­ber die mit dem Be­triebs­rat ge­trof­fe­ne Re­ge­lungs­ab­re­de durch Ausübung sei­nes Wei­sungs­rechts um­ge­setzt hat. Die Be­en­di­gung ei­ner Re­ge­lungs­ab­spra­che löst da­mit kei­nen - im Verhält­nis zu den Ar­beit­neh­mern - re­ge­lungs­lo­sen Zu­stand aus.

51

(bb) Auch zur Wah­rung oder Si­cher­stel­lung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Be­triebs­rats be­darf es kei­ner Nach­wir­kung ei­ner be­en­de­ten Re­ge­lungs­ab­re­de. Dem Ar­beit­ge­ber ob­liegt es in die­sem Fall, sich um ei­ne neue Ei­ni­gung mit dem

 

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Be­triebs­rat - er­for­der­li­chen­falls mit Hil­fe der Ei­ni­gungs­stel­le - in der mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen An­ge­le­gen­heit zu bemühen (Fit­ting 29. Aufl. § 77 Rn. 226). Dem Be­triebs­rat sei­ner­seits steht im Be­reich der er­zwing­ba­ren Mit­be­stim­mung ein Initia­tiv­recht und für den Fall, dass der Ar­beit­ge­ber sich mit­be­stim­mungs­wid­rig verhält, die Möglich­keit zu, die be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ord­nung über § 23 Abs. 3 Be­trVG oder mit Hil­fe des all­ge­mei­nen Un­ter­las­sungs­an­spruchs si­cher­zu­stel­len.

52

(2) Un­ge­ach­tet des­sen be­zieht sich die Re­ge­lungs­ab­re­de der Be­tei­lig­ten nicht auf ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge An­ge­le­gen­heit. Bei Ab­schluss der Re­ge­lungs­ab­re­de war die Ar­beit­ge­be­rin nor­ma­tiv an den FTV und da­mit auch an den LRTV ge­bun­den. Die­ser re­gel­te die be­trieb­li­che Vergütungs­ord­nung ab­schließend iSv. § 87 Abs. 1 Ein­gangs­halbs. Be­trVG und schloss da­her ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 Be­trVG aus.

53

b) So­weit sich der Be­triebs­rat ge­gen die Ab­wei­sung sei­nes Hilfs­an­trags wen­det, ist sei­ne Rechts­be­schwer­de be­reits des­halb un­be­gründet, weil sei­ne Be­schwer­de ge­gen den erst­in­stanz­li­chen Be­schluss des Ar­beits­ge­richts in­so­weit un­zulässig war.

54

aa) Die Zulässig­keit der Be­schwer­de als Ver­fah­rens­fort­set­zungs­vor­aus­set­zung hat das Rechts­be­schwer­de­ge­richt von Amts we­gen zu prüfen. Nach § 89 Abs. 2 Satz 2 ArbGG iVm. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO hat die Be­schwer­de­be­gründung die Umstände zu be­zeich­nen, aus de­nen sich ei­ne Rechts­ver­let­zung und de­ren Er­heb­lich­keit für die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung er­ge­ben soll. Die Be­schwer­de­be­gründung muss sich mit den recht­li­chen oder tatsächli­chen Ar­gu­men­ten des an­ge­foch­te­nen Be­schlus­ses be­fas­sen (vgl. BAG 30. Ok­to­ber 2012 - 1 ABR 64/11 - Rn. 9, 11).

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bb) Die­sen An­for­de­run­gen genügt die Be­schwer­de­be­gründung des Be­triebs­rats nicht. Das Ar­beits­ge­richt hat sei­nen Hilfs­an­trag mit der Be­gründung ab­ge­wie­sen, An­halts­punk­te für ei­ne in­di­vi­du­al­ver­trag­li­che Ge­samt­zu­sa­ge lägen nicht vor und sei­en von ihm nicht kon­kret dar­ge­legt wor­den. Mit die­sen Ausfüh­run­gen setzt sich der Be­triebs­rat in sei­ner Be­schwer­de­be­gründung nicht aus­ei-

 

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nan­der. Er macht le­dig­lich gel­tend, die Re­ge­lungs­ab­re­de ent­fal­te Nach­wir­kung, „sei es als kol­lek­ti­ve Re­ge­lungs­ab­re­de oder (hilfs­wei­se) als in­di­vi­du­el­le Ge­samt­zu­sa­ge“.

56

 

Schmidt

K. Schmidt 

Ah­rendt

Hay­en

Pol­lert 

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