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BAG, Ur­teil vom 13.05.2020, 4 AZR 489/19

   
Schlagworte: Tarifvertrag, unmittelbare Wirkung, Günstigkeitsprinzip
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 4 AZR 489/19
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 13.05.2020
   
Leitsätze: Die Tarifvertragsparteien können Ansprüche aus den zwischen ihnen vereinbarten tariflichen Inhaltsnormen nicht davon abhängig machen, das die tarifgebundenen Arbeitsvertragsparteien eine vertragliche Bezugnahme auf die für den Arbeitgeber jeweils gültigen Tarifverträge vereinbaren. Eine solche „arbeitsvertragliche Nachvollziehung“ von Tarifverträgen als Anspruchsvoraussetzung umgeht die gesetzlich angeordnete unmittelbare Wirkung der Rechtsnormen eines Tarifvertrags nach § 4 Abs. 1 TVG sowie das in § 4 Abs. 3 TVG verankerte Günstigkeitsprinzip und ist daher unwirksam.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Offenbach am Main, Urteil vom 70.12.2018, 10 Ca 342/16,
Hessisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 17.01.2019, 5 Sa 404/18
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

4 AZR 489/19
5 Sa 404/18
Hes­si­sches
Lan­des­ar­beits­ge­richt

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
13. Mai 2020

UR­TEIL

Frei­tag, Ur­kunds­be­am­tin
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

 

Kläge­rin, Be­ru­fungskläge­rin, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin,

 

pp.

 

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,

 

hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 13. Mai 2020 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­de­sar­beits­ge­richt Prof. Dr. Tre­ber, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Rinck und Klug so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Gey-Rom­mel und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Mosch­ko für Recht er­kannt:

 

- 2 -

 

I.  Auf die Re­vi­si­on der Kläge­rin wird - un­ter de­ren Zu­rück­wei­sung im Übri­gen - das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 17. Ja­nu­ar 2019 - 5 Sa 404/18 - auf­ge­ho­ben, so­weit es hin­sicht­lich Anträgen der Kläge­rin auf Zah­lung von ins­ge­samt 11.830,73 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach am Main vom 7. Fe­bru­ar 2018 - 10 Ca 342/16 - zurück­ge­wie­sen und auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten das vor­ge­nann­te Ur­teil ab­geändert und die Kla­ge ab­ge­wie­sen hat. 
II. Auf die Be­ru­fun­gen der Kläge­rin und der Be­klag­ten wird - un­ter de­ren je­wei­li­ger Zurück­wei­sung im Übri­gen - das ge­nann­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Of­fen­bach am Main teil­wei­se ab­geändert und wie folgt neu ge­fasst:
  1. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 11.830,73 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus 1.941,40 Eu­ro seit dem 27. Ok­to­ber 2016, aus 181,08 Eu­ro seit dem 1. No­vem­ber 2016, aus 2.541,08 Eu­ro seit dem 1. De­zem­ber 2016, aus 181,08 Eu­ro seit dem 3. Ja­nu­ar 2017, aus je­weils 285,36 Eu­ro seit dem 1. Fe­bru­ar 2017 und 1. März 2017, aus je­weils 368,67 Eu­ro seit dem 1. April 2017, 3. Mai 2017, 1. Ju­ni 2017, 1. Ju­li 2017, 1. Au­gust 2017, 1. Sep­tem­ber 2017, 3. Ok­to­ber 2017 und 1. No­vem­ber 2017, aus 2.728,67 Eu­ro seit dem 1. De­zem­ber 2017 so­wie aus je­weils 368,67 Eu­ro seit dem 3. Ja­nu­ar 2018 und 1. Fe­bru­ar 2018 zu zah­len.
  2. Im Übri­gen wird die Kla­ge ab­ge­wie­sen.
III. Die Be­klag­te hat die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.

 

 

Von Rechts we­gen!

 

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Tat­be­stand

Die Par­tei­en strei­ten über die Gel­tung von Ta­rif­verträgen und dar­aus re­sul­tie­ren­de Dif­fe­ren­zent­gelt­ansprüche.

1

Die Kläge­rin, Mit­glied der In­dus­trie­ge­werk­schaft Me­tall (IG Me­tall), war seit dem 1. Sep­tem­ber 1999 zunächst bei der A GmbH als Sach­be­ar­bei­te­rin beschäftigt. Der zu­letzt gülti­ge Ar­beits­ver­trag vom 18. Ju­ni 2002 enthält kei­ne Be­zug­nah­me auf Ta­rif­verträge und sieht die Zah­lung ei­ner fes­ten mo­nat­li­chen Vergütung vor.

2

Das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin ging zum 1. Sep­tem­ber 2014 in­fol­ge ei­nes Be­triebsüber­gangs auf die Be­klag­te, die Werk­stoff­dienst­leis­tun­gen für Kun­den aus der Luft- und Raum­fahrt­in­dus­trie an­bie­tet, über. Die­se war zu­nächst nicht ta­rif­ge­bun­den. Am 15. Mai 2015 schloss sie ge­mein­sam mit dem Un­ter­neh­mer­ver­band In­dus­trie­ser­vice + Dienst­leis­tun­gen e.V. auf der ei­nen und der IG Me­tall auf der an­de­ren Sei­te ei­nen Man­tel­ta­rif­ver­trag für die Thys­sen-Krupp Ae­ro­space Ger­ma­ny GmbH (MTV) und ei­nen Ent­gelt­rah­men­ta­rif­ver­trag für die Thys­sen­Krupp Ae­ro­space Ger­ma­ny GmbH (ERTV).

3

Der MTV enthält ua. fol­gen­de Re­ge­lun­gen:

§ 1

Gel­tungs­be­reich

1. Räum­lich:  Al­le Bun­desländer der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. 
2. Fach­lich: Al­le Be­trie­be der Thys­sen­Krupp Ae­ro-space Ger­ma­ny GmbH, Jahn­s­traße 64, 63150 Heu­sen­stamm.
3. Persönlich: Al­le Ar­beit­neh­mer und Aus­zu­bil­den­den, auf die das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz in der zu­letzt gülti­gen Fas­sung An­wen­dung fin­det.

 

Er gilt nicht für

Ar­beit­neh­mer, de­nen ein mo­nat­li­ches Ein­kom­men zu­ge­sagt wor­den ist, das das Mo­nats­ent­gelt der höchs­ten Ta­rif­grup­pe, al­ler­dings hoch­ge­rech­net auf 40 Ar­beits­stun­den pro Wo­che, um 20 % über­steigt.

 

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Ab­schnitt 1

All­ge­mei­ne Ar­beits­be­din­gun­gen

§ 2

...

§ 24

Erlöschen von Ansprüchen

1.  Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis sind wie folgt gel­tend zu ma­chen:
  • a)

    Ansprüche auf Zu­schläge al­ler Art so­fort, spätes­tens in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Ab­rech­nung der Ent­gelt­pe­ri­ode, bei der sie hätten ab­ge­rech­net wer­den müssen
     

    b)

    al­le übri­gen bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach ih­rer Fällig­keit.

  • 2. Ei­ne Gel­tend­ma­chung nach Ab­lauf der un­ter Ziff. 1 fest­ge­setz­ten Frist ist aus­ge­schlos­sen, es sei denn, dass die Ein­hal­tung die­ser Frist we­gen ei­nes un­ab­wend­ba­ren Er­eig­nis­ses nicht möglich ge­we­sen ist.
    3. Ist ein An­spruch recht­zei­tig er­ho­ben wor­den und lehnt die Ge­gen­sei­te sei­ne Erfüllung ab, so ist der An­spruch in­ner­halb von drei Mo­na­ten seit der Ab­leh­nung ge­richt­lich gel­tend zu ma­chen. Ei­ne späte­re Gel­tend­ma­chung ist aus­ge­schlos­sen.

    § 25

    Son­der­zah­lun­gen

    1.  Beschäftig­te, die am Aus­zah­lungs­tag in ei­nem Ar­beits­verhält­nis ste­hen und zu die­sem Zeit­punkt dem Be­trieb un­un­ter­bro­chen zwölf Mo­na­te an­gehören, ha­ben je Ka­len­der­jahr ei­nen An­spruch auf be­trieb­li­che Son­der­zah­lung. ...
    2. Die Leis­tun­gen wer­den nach fol­gen­der Staf­fel ge­zahlt: ... nach 60 Mo­na­ten Be­triebs­zu­gehörig­keit 2.360 €

    7. Die Son­der­zah­lung wird mit der No­vem­ber-Ab­rech­nung im De­zem­ber aus­ge­zahlt.

     

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    Ab­schnitt 6

    Schluss­be­stim­mun­gen

    § 37

    Ta­rif­ver­trags­ansprüche

     

    Ansprüche aus die­sem Ta­rif­ver­trag set­zen vor­aus, dass die Einführung des Ta­rif­werks auch ar­beits­ver­trag­lich nach­voll­zo­gen wird.

    Die Be­zug­nah­me­klau­sel lau­tet wie folgt:

    ,Das Ar­beits­verhält­nis rich­tet sich - von den ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten ab­ge­se­hen - nach dem je­weils für den Be­trieb auf­grund der Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers so­weit und so­lan­ge der Ar­beit­ge­ber ta­rif­ge­bun­den ist gel­ten­den Ta­rif­werk in sei­ner je­weils gülti­gen Fas­sung. Die­ses sind zur­zeit die Ta­rif­verträge für die Thys­sen­Krupp Ae­ro­space Ger­ma­ny GmbH zwi­schen der IG Me­tall auf der ei­nen Sei­te so­wie der Thys­sen­Krupp Ae­ro­space Ger­ma­ny GmbH und dem Un­ter­neh­mer­ver­band In­dus­trie­ser­vice auf der an­de­ren Sei­te.‘

     

    § 38

    In­kraft­tre­ten und Kündi­gung

    1. Der Ta­rif­ver­trag tritt zum 01. No­vem­ber 2014 in Kraft. ...“

    4
    Der ERTV enthält iden­ti­sche Re­ge­lun­gen zum Gel­tungs­be­reich in § 1 so­wie zu Ta­rif­ver­trags­ansprüchen in § 8. Darüber hin­aus ist nach §§ 2, 4 ERTV ei­ne Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­mer ent­spre­chend der von ih­nen aus­geübten Tätig­keit in ei­ne von zwölf Ent­gelt­grup­pen vor­ge­se­hen. Die die­sen zu­ge­ord­ne­ten Mo­nats- und St­un­den­ent­gel­te er­ge­ben sich aus der An­la­ge 1 zum ERTV, die bei Ta­rif­erhöhun­gen je­weils an­ge­passt wird. Für die Über­lei­tung der be­reits be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­se enthält § 7 ERTV Re­ge­lun­gen zur Erstein­grup­pie­rung und zu Be­sitz­stands­zu­la­gen. Für die Kläge­rin ist nach An­la­ge X zum ERTV bis zum 31. De­zem­ber 2016 ei­ne Ein­grup­pie­rung in Ent­gelt­grup­pe 8 ERTV, da­nach in Ent­gelt­grup­pe 9 ERTV vor­ge­se­hen. 5
    Nach ei­ner eben­falls am 15. Mai 2015 ver­ein­bar­ten Pro­to­koll­no­tiz zu § 37 Abs. 1 MTV und § 8 Abs. 1 ERTV be­steht zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par-

     

    - 6 -

    tei­en Ei­nig­keit, dass das neue Ta­rif­werk sei­nem Gel­tungs­be­reich ent­spre­chend zur An­wen­dung kom­men soll und die Ar­beit­ge­be­rin ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me bei Ab­schluss des je­wei­li­gen Ar­beits­ver­trags an­bie­tet, so­weit dies da­zu er­for­der­lich ist.

    6

    Vor In­kraft­tre­ten des ERTV er­hielt die Kläge­rin zu­letzt ei­ne mo­nat­li­che Vergütung iHv. 2.800,00 Eu­ro brut­to. Im Zeit­raum vom 1. Ja­nu­ar 2016 bis zum 30. April 2016 zahl­te die Be­klag­te an sie ei­ne mo­nat­li­che Brut­to­vergütung iHv. 2.884,00 Eu­ro. Die Be­klag­te bot der Kläge­rin am 31. März 2016 den Ab­schluss ei­nes neu­en Ar­beits­ver­trags an, der die Be­zug­nah­me­re­ge­lung aus § 37 MTV und § 8 ERTV so­wie wei­te­re Ände­run­gen des ursprüng­li­chen Ar­beits­ver­trags vor­sah. Die Kläge­rin un­ter­zeich­ne­te die­sen, nach­dem sie ei­ni­ge Ver­trags­klau­seln - nicht aber die Be­zug­nah­me­re­ge­lung - durch­ge­stri­chen hat­te. Die Ände­run­gen wur­den von der Be­klag­ten nicht ak­zep­tiert. Ab Mai 2016 zahl­te die­se an die Kläge­rin wie­der ei­ne mo­nat­li­che Vergütung iHv. 2.800,00 Eu­ro brut­to. Für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis April 2016 er­folg­ten Rück­rech­nun­gen iHv. je­weils 84,00 Eu­ro brut­to, die die Be­klag­te nach­fol­gend ein­be­hielt.

    7

    Mit Schrei­ben vom 4. Ju­li 2016 und 10. Ok­to­ber 2016 mach­te die Klä­ge­rin Ent­gelt­ansprüche nach dem MTV und dem ERTV gel­tend, wel­che die Be­klag­te zurück­wies. Mit ih­rer Kla­ge vom 19. Ok­to­ber 2016 hat die Kläge­rin - so­weit für die Re­vi­si­on von Be­deu­tung - die Zah­lung von Ent­gelt­dif­fe­ren­zen für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis Ok­to­ber 2016 nebst Zin­sen be­gehrt.

    8

    Im Pro­to­koll des Ar­beits­ge­richts zum Güte­ter­min vom 28. No­vem­ber 2016 fin­det sich fol­gen­de Erklärung:

    „Der Be­klag­ten­ver­tre­ter erklärte, dass er für die streit­ge­genständ­li­chen Zah­lungs­ansprüche ab dem 01. No­vem­ber 2016 für die Dau­er die­ses Rechts­strei­tes auf die Gel­tend­ma­chung von Aus­schluss­fris­ten ver­zich­te­te.“

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    Da­nach hat die Vor­sit­zen­de auf An­trag der Par­tei­en das Ru­hen des Ver­fah­rens an­ge­ord­net. Nach Wie­der­auf­ruf des Ver­fah­rens hat die Kläge­rin mit wei­te­ren Anträgen vom 9. Ju­ni 2017, 15. Sep­tem­ber 2017, 16. No­vem­ber 2017 und 8. Ja­nu­ar 2018 ih­re Kla­ge um Zah­lungs­ansprüche für die Mo­na­te von No­vem­ber 2016 bis ein­sch­ließlich Ja­nu­ar 2018 er­wei­tert.

     

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    Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen zur „Nach­voll­zie­hung“ der Einführung des Ta­rif­werks sei­en nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG un­wirk­sam. Ei­ne sol­che Vor­aus­set­zung zur Gel­tend­ma­chung ta­rif­ver­trag­li­cher Ansprüche sei mit dem Sys­tem des Ta­rif­ver­trags­ge­set-zes un­ver­ein­bar. Ihr stünden auf­grund der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­ge­bun­den­heit Ansprüche aus dem ERTV und dem MTV zu, auch wenn ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung über die An­wend­bar­keit der bei­den Ta­rif­verträge nicht zu­stan­de ge­kom­men sei. Zu­min­dest könne sich die Be­klag­te nicht dar­auf be­ru­fen, dass es an ei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung feh­le. Sie sei ver­pflich­tet ge­we­sen, das durch die Kläge­rin geänder­te Ver­trags­an­ge­bot an­zu­neh­men. Die Ansprüche der Kläge­rin sei­en nicht nach § 24 MTV ver­fal­len. Die Be­klag­te ha­be im Güte­ter­min auf die Gel­tend­ma­chung von Aus­schluss­fris­ten ver­zich­tet.

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    Die Kläge­rin hat - zu­sam­men­ge­fasst und so­weit für die Re­vi­si­on von Be­deu­tung - be­an­tragt,

      1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 11.830,73 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus 2.122,48 Eu­ro seit Rechtshängig­keit, aus 2.541,08 Eu­ro seit dem 1. De­zem­ber 2016, aus 181,08 Eu­ro seit dem 1. Ja­nu­ar 2017, aus je­weils 285,36 Eu­ro seit dem 1. Fe­bru­ar 2017 und 1. März 2017, aus je­weils 368,67 Eu­ro seit dem 1. April 2017, 1. Mai 2017, 1. Ju­ni 2017, 1. Ju­li 2017, 1. Au­gust 2017, 1. Sep­tem­ber 2017, 1. Ok­to­ber 2017 und 1. No­vem­ber 2017, aus 2.728,67 Eu­ro seit dem 1. De­zem­ber 2017 so­wie aus je­weils 368,67 Eu­ro seit dem 1. Ja­nu­ar 2018 und 1. Fe­bru­ar 2018 zu zah­len;
      2. hilfs­wei­se für den Fall des Un­ter­lie­gens mit dem An­trag zu 1. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, das An­ge­bot der Kläge­rin auf Ab­schluss ei­ner Zu­satz­ver­ein­ba­rung über die Be­zug­nah­me­klau­sel aus § 37 MTV und § 8 ERTV zum Ar­beits­ver­trag an­zu­neh­men.
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    Die Be­klag­te hat ih­ren Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag da­mit be­gründet, bei den Re­ge­lun­gen in § 37 MTV und § 8 ERTV han­de­le es sich um An­spruchs­vo­raus­set­zun­gen. Die­se ver­stießen we­der ge­gen die un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Gel­tung der Ta­rif­verträge noch ge­gen das Güns­tig­keits­prin­zip. Es sei le­dig­lich

     

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    be­zweckt wor­den, dass die Ar­beit­neh­mer sich zwi­schen den ar­beits­ver­trag­li­chen und den ta­rif­ver­trag­li­chen Ansprüchen ent­schei­den müss­ten. Zu­dem sei­en et­wai­ge Ansprüche der Kläge­rin teil­wei­se ver­fal­len. Die Be­klag­te ha­be le­dig­lich im Hin­blick auf be­reits rechtshängi­ge, nicht aber auf zukünf­ti­ge Ansprüche auf die Ein­hal­tung der Aus­schluss­frist ver­zich­tet.

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    Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge - so­weit für die Re­vi­si­on von Be­deu­tung - in Höhe ei­nes Zah­lungs­an­spruchs von 8.033,85 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen statt­ge­ge­ben und sie im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die hier­ge­gen ge­rich­te­te Be­ru­fung der Kläge­rin zurück­ge­wie­sen und auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten die Kla­ge ins­ge­samt ab­ge­wie­sen. Mit der vom Se­nat zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Kläge­rin ihr Be­geh­ren wei­ter.

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    Ent­schei­dungs­gründe

     

    Die zulässi­ge Re­vi­si­on ist über­wie­gend er­folg­reich. Der Haupt­an­trag ist - bis auf ei­nen ge­rin­gen Teil der Zins­for­de­rung - be­gründet. Der Hilfs­an­trag fällt da­her nicht zur Ent­schei­dung an.

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    I. Die Kläge­rin hat nach §§ 8, 17, 25 MTV iVm. dem ERTV An­spruch auf Zah­lung von ins­ge­samt 11.830,73 Eu­ro brut­to für den Zeit­raum von Ja­nu­ar 2016 bis Ja­nu­ar 2018. Der MTV und der ERTV gel­ten kraft bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit für das Ar­beits­verhält­nis. Ansprüche aus den Ta­rif­verträgen set­zen nicht die ar­beits­ver­trag­li­che „Einführung des Ta­rif­werks“ nach § 37 MTV, § 8 ERTV vor­aus. Die bei­den Ta­rif­be­stim­mun­gen sind un­wirk­sam.

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    1. Das Ar­beits­verhält­nis der Kläge­rin fällt un­ter den Gel­tungs­be­reich des MTV und des ERTV. Die Kläge­rin ist iSv. § 1 MTV, § 1 ERTV als Ar­beit­neh­me­rin in ei­nem Be­trieb der Be­klag­ten beschäftigt. In­so­weit ist es oh­ne Be­deu­tung, ob die Vor­aus­set­zun­gen von § 37 MTV, § 8 ERTV erfüllt sind. Die­se Be­stim­mun­gen ent­hal­ten kei­ne den ta­rif­ver­trag­li­chen Gel­tungs­be­reich be­gren­zen­den

     

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    Re­ge­lun­gen. Dies er­gibt die Aus­le­gung der Ta­rif­verträge (zu den Maßstäben der Ta­rif­aus­le­gung zB BAG 20. Ju­ni 2018 - 4 AZR 339/17 - Rn. 19).

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    a) Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind in­ner­halb ih­rer sat­zungs­gemäßen Zu­ständig­keit be­rech­tigt, den Gel­tungs­be­reich ei­nes Ta­rif­ver­trags au­to­nom zu be­stim­men. Ih­nen steht im Rah­men der ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­ten Ta­rifau­to­no­mie bei die­ser Fest­le­gung des Gel­tungs­be­reichs ei­nes Ta­rif­ver­trags ein wei­ter Ge­stal­tungs­spiel­raum zu (BAG 16. No­vem­ber 2016 - 4 AZR 697/14 - Rn. 28; 24. April 2007 - 1 AZR 252/06 - Rn. 57 mwN, BA­GE 122, 134). Sie kön­nen da­bei den persönli­chen Gel­tungs­be­reich ei­nes Ta­rif­ver­trags auf ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer- oder Be­rufs­grup­pen be­schränken (BAG 27. Mai 2004 - 6 AZR 129/03 - zu B II 3 c der Gründe, BA­GE 111, 8).

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    b) Ei­ne sol­che Be­schränkung lässt sich we­der § 37 MTV noch § 8 ERTV ent­neh­men. Der Gel­tungs­be­reich ist ab­sch­ließend in § 1 des je­wei­li­gen Ta­rif­ver­trags ge­re­gelt. § 37 MTV und § 8 ERTV be­zie­hen sich dem­ge­genüber nicht auf den Gel­tungs­be­reich, son­dern stel­len wei­te­re An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen in­ner­halb des­sel­ben auf. Dies er­gibt sich aus dem Wort­laut der gewähl­ten Über­schrif­ten - § 1 MTV/ERTV: „Gel­tungs­be­reich“ ei­ner­seits, § 37 MTV/§ 8 ERTV: „Ta­rif­ver­trags­ansprüche“ an­de­rer­seits - und der sys­te­ma­ti­schen Tren­nung der Klau­seln durch ih­re Stel­lung an Be­ginn und En­de der je­wei­li­gen Ta­rif­verträge. Dem steht die Pro­to­koll­no­tiz vom 15. Mai 2015 nicht ent­ge­gen. Un­ab­hängig da­von, ob sie sich aus­sch­ließlich auf nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­neh­mer be­zieht oder ei­ne schuld­recht­li­che Ver­pflich­tung der Be­klag­ten zum An­ge­bot geänder­ter Ar­beits­verträge enthält, wird auch dort aus­drück­lich zwi­schen dem Gel­tungs­be­reich, in dem das Ta­rif­werk zur An­wen­dung kom­men soll, und der Be­zug­nah­me­klau­sel, die die Be­klag­te er­for­der­li­chen­falls an­bie­ten wird, un­ter­schie­den.

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    2. Bei MTV und ERTV han­delt es sich um Ta­rif­verträge, de­ren Rechts­nor­men al­lein auf­grund der bei­der­sei­ti­gen Ta­rif­ge­bun­den­heit kraft ge­setz­li­cher An­ord­nung in § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG un­mit­tel­bar und zwin­gend für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en gel­ten. Die in § 37 MTV und § 8 ERTV vor­ge­se­he­nen

     

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    Ein­schränkun­gen der un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Wir­kung sind auf­grund ob­jek­ti­ver Ge­set­zes­um­ge­hung un­wirk­sam (§ 134 BGB).

    20

    a) Die In­halts­nor­men des MTV und ERTV ha­ben Rechts­norm­cha­rak­ter iSd. § 1 Abs. 1 TVG. Da­nach re­gelt ein Ta­rif­ver­trag die Rech­te und Pflich­ten der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en und enthält Rechts­nor­men, die den In­halt, den Ab­schluss und die Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen so­wie be­trieb­li­che und be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen ord­nen können.

    21

    aa) Ob ei­ne zwi­schen Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­schlos­se­ne Ver­ein­ba­rung ei­nen sol­chen Rechts­norm­cha­rak­ter hat, hängt ne­ben der Erfüllung des Schrift-for­mer­for­der­nis­ses (§ 1 Abs. 2 TVG) da­von ab, ob dar­in der Wil­le der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zur Norm­set­zung hin­rei­chend deut­lich zum Aus­druck kommt. Dies ist im We­ge der Aus­le­gung zu er­mit­teln (BAG 26. Fe­bru­ar 2020 - 4 AZR 48/19 - Rn. 31).

    22

    bb) Be­reits ih­rer Be­zeich­nung nach han­delt es sich bei MTV und ERTV, die dem Schrift­for­mer­for­der­nis nach § 1 Abs. 2 TVG genügen, um Ta­rif­verträge. Auch durch die Be­stim­mun­gen zum In­kraft­tre­ten ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en den Wil­len zur un­mit­tel­ba­ren und ei­genständi­gen Norm­set­zung zum Aus­druck ge­bracht (vgl. hier­zu BAG 19. Mai 2010 - 4 AZR 903/08 - Rn. 37). Der Norm­set­zungs­wil­le lässt sich zu­dem § 37 MTV und § 8 ERTV ent­neh­men. Da­nach soll die Einführung des Ta­rif­werks „ar­beits­ver­trag­lich nach­voll­zo­gen“ wer­den, was be­griff­lich vor­aus­setzt, dass be­reits Nor­men exis­tie­ren, die nach­voll­zo­gen wer­den können. Darüber hin­aus soll sich die vor­ge­se­he­ne Be­zug­nah­me-klau­sel auf das „je­weils für den Be­trieb auf­grund der Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers ... gel­ten­de Ta­rif­werk in sei­ner je­weils gülti­gen Fas­sung“ und da­mit auf Rechts­nor­men in Ta­rif­verträgen be­zie­hen. Nur sol­che können auf­grund der Ta­rif­ge­bun­den­heit der Ar­beit­ge­be­rin für die­se gel­ten. Ein „Ver­zicht [der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en] auf die un­mit­tel­ba­re Wir­kung der Ta­rif­nor­men“ liegt da­nach ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht vor.

    23

    b) Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG gel­ten die Rechts­nor­men des MTV und des ERTV, die den In­halt, den Ab­schluss oder die Be­en­di­gung von Ar­beits­ver-

     

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    hält­nis­sen ord­nen, un­mit­tel­bar und zwin­gend zwi­schen den bei­der­seits Ta­rif­ge­bun­de­nen. Hier­von konn­ten die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en durch die Re­ge­lun­gen in § 37 MTV und § 8 ERTV nicht ab­wei­chen.

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    aa) Die ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te Ta­rif­au­to­no­mie ist dar­auf an­ge­legt, die struk­tu­rel­le Un­ter­le­gen­heit der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer beim Ab­schluss von Ar­beits­verträgen durch kol­lek­ti­ves Han­deln aus­zu­glei­chen und da­mit ein annä­hernd gleich­ge­wich­ti­ges Aus­han­deln der Ent­gel­te und Ar­beits­be­din­gun­gen zu ermögli­chen (BVerfG 4. Ju­li 1995 - 1 BvF 2/86 ua. - zu C I 1 c der Gründe, BVerfGE 92, 365; 26. Ju­ni 1991 - 1 BvR 779/85 - zu C I 3 b aa der Gründe, BVerfGE 84, 212). Die ta­riffähi­gen Ko­ali­tio­nen sol­len durch „un­ab­ding­ba­re Ge­samt­ver­ein­ba­run­gen“ die ma­te­ri­el­len Ar­beits­be­din­gun­gen sinn­voll re­geln (BVerfG 24. Mai 1977 - 2 BvL 11/74 - zu B II 1 b aa der Gründe, BVerfGE 44, 322). Den so aus­ge­han­del­ten ta­rif­li­chen Rechts­nor­men, die Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen fest­set­zen, wird da­her durch § 4 Abs. 1 TVG - vor­be­halt­lich ei­ner et­wai­gen Ver­drängung in­fol­ge ei­ner Ta­rif­kol­li­si­on nach § 4a TVG (da­zu BVerfG 11. Ju­li 2017 - 1 BvR 1571/15 ua. - insb. Rn. 172 ff., BVerfGE 146, 71) - ei­ne un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Wir­kung für die bei­der­seits Ta­rif­ge­bun­de­nen (§ 3 Abs. 1 TVG) ver­lie­hen, die vom Gel­tungs­be­reich der Ta­rif­be­stim­mun­gen er­fasst wer­den.

    25

    bb) Die ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te „un­mit­tel­ba­re Wir­kung“ be­deu­tet, dass der nor­ma­ti­ve Teil ei­nes Ta­rif­ver­trags - wie an­de­res ob­jek­ti­ves Recht auch - den In­halt der er­fass­ten Ar­beits­verhält­nis­se un­mit­tel­bar („au­to­ma­tisch“) be­stimmt (BAG 16. Sep­tem­ber 1986 - GS 1/82 - zu C II 2 b der Gründe, BA­GE 53, 42). Der Ta­rif­ver­trag ent­fal­tet da­bei kei­ne ge­stal­ten­de Wir­kung auf den In­halt des Ar­beits­ver­trags. Sei­ne In­halts­nor­men wer­den nicht in den Ar­beits­ver­trag in­kor­po­riert und da­mit nicht zu des­sen Be­stand­teil. Sie ge­stal­ten gleich­wohl den In­halt des Ar­beits­verhält­nis­ses, al­ler­dings wie ein Ge­setz „von außen“ (BAG 12. De­zem­ber 2007 - 4 AZR 998/06 - Rn. 42, BA­GE 125, 179; vgl. auch 18. Au­gust 2011 - 8 AZR 187/10 - Rn. 35). Es be­darf des­halb we­der ei­ner Bil­li­gung oder Kennt­nis noch ei­ner An­er­ken­nung, Un­ter­wer­fung oder Über­nah­me

     

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    die­ser Nor­men durch die Par­tei­en des Ein­zel­ar­beits­ver­trags (BAG 16. Sep­tem­ber 1986 - GS 1/82 - aaO).

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    cc) Wei­ter­hin gel­ten die Rechts­nor­men ei­nes Ta­rif­ver­trags nach § 4 Abs. 1 TVG „zwin­gend“. Die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en können kei­ne ab­wei­chen­den ein­zel­ver­trag­li­chen Ab­ma­chun­gen tref­fen, die sich ge­genüber den zwin­gend wir­ken­den Rechts­nor­men durch­set­zen (BAG 21. Sep­tem­ber 1989 - 1 AZR 454/88 - zu IV 2 a und b der Gründe, BA­GE 62, 360). Sie wer­den durch die­se ver­drängt (BAG 24. Fe­bru­ar 2010 - 4 AZR 691/08 - Rn. 44 mwN; 12. De­zem­ber 2007 - 4 AZR 998/06 - Rn. 43 mwN, BA­GE 125, 179). Die Rechts­nor­men nach § 1 Abs. 1 TVG sind ar­beits­ver­trag­lich nicht ab­ding­bar (BAG 16. Sep­tem­ber 1986 - GS 1/82 - zu C II 2 b der Gründe, BA­GE 53, 42).

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    dd) Als Aus­nah­me von der zwin­gen­den Wir­kung des § 4 Abs. 1 TVG sind nach § 4 Abs. 3 TVG ab­wei­chen­de Ab­ma­chun­gen zulässig, so­weit sie durch den Ta­rif­ver­trag ge­stat­tet sind oder Re­ge­lun­gen zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­hal­ten. Das durch § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG ge­setz­lich ver­an­ker­te Güns­tig­keits-prin­zip gewähr­leis­tet dem ein­zel­nen ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mer bei der Ge­stal­tung der ei­ge­nen Ar­beits­be­din­gun­gen ei­nen pri­vat­au­to­no­men Ge­stal­tungs­spiel­raum. Die un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Wir­kung von Ta­rif­verträgen nach § 4 Abs. 1 TVG ver­drängt zwar die in­di­vi­du­el­le Pri­vat­au­to­no­mie (sh. oben Rn. 25 ff.), letz­te­rer wird aber im Be­reich güns­ti­ge­rer Ab­re­den der Vor­rang ein­geräumt (BAG 23. März 2011 - 4 AZR 366/09 - Rn. 41 mwN, BA­GE 137, 231). Die Re­ge­lun­gen in § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG ei­ner­seits und § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG an­de­rer­seits sind da­nach ein­fach­ge­setz­li­cher Aus­fluss des ver­fas­sungs­recht­li­chen Verhält­nismäßig­keits­prin­zips, mit dem die Ta­rif­au­to­no­mie nach Art. 9 Abs. 3 GG bei der Ver­ein­ba­rung ta­rif­li­cher Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen und die Pri­vat­au­to­no­mie im Rah­men der Be­rufs­frei­heit - vor­ran­gig geschützt durch Art. 12 Abs. 1 GG (ErfK/Schmidt 20. Aufl. GG Art. 2 Rn. 7, Art. 12 Rn. 15) - in ei­nen Aus­gleich ge­bracht wer­den (Däubler TVG/Dei­nert 4. Aufl. § 4 Rn. 620 mwN in Fn. 1655 f.; Wie­de­mann/Wank TVG 8. Aufl. § 4 Rn. 420, 422). Den Ar­beit­neh­mern ver­bleibt auf­grund der gleich­falls ver­fas­sungs­recht­lich verbürg­ten Pri­vat­au­to­no­mie ein ei­ge­ner Ge­stal­tungs­spiel­raum bei der Be­stim­mung ih­rer

     

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    Ar­beits­be­din­gun­gen. Das Güns­tig­keits­prin­zip steht da­mit grundsätz­lich nicht zur Dis­po­si­ti­on der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en (vgl. BAG 14. De­zem­ber 2011 - 4 AZR 179/10 - Rn. 57; 23. März 2011 - 4 AZR 366/09 - aaO; 26. Au­gust 2009 - 4 AZR 294/08 - Rn. 49 mwN; Däubler TVG/Dei­nert aaO § 4 Rn. 624 mwN in Fn. 1674; Wie­de­mann/Wank aaO § 4 Rn. 421 f.; JKOS/Ja­cobs 2. Aufl. § 7 Rn. 16; vgl. auch Löwisch/Rieb­le TVG 4. Aufl. § 4 Rn. 557; aA wohl Kem­pen/Za­chert/ Schu­bert/Za­chert TVG 5. Aufl. § 4 Rn. 364; zu et­wai­gen Ein­schränkun­gen im We­ge der prak­ti­schen Kon­kor­danz nach dem Verhält­nismäßig­keits­prin­zip BAG 25. Ok­to­ber 2000 - 4 AZR 438/99 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 96, 168; Däubler TVG/Dei­nert aaO § 4 Rn. 622; Wie­de­mann/Wank aaO § 4 Rn. 430).

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    ee) Nach die­sen Grundsätzen sind die streit­ge­genständ­li­chen Re­ge­lun­gen in § 37 MTV und § 8 ERTV we­der mit der in § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG an­ge­ord­ne­ten un­mit­tel­ba­ren Wir­kung noch mit dem in § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG ver­an­ker­ten Güns­tig­keits­prin­zip ver­ein­bar und da­her we­gen ob­jek­ti­ver Ge­set­zes­um­ge­hung nach § 134 BGB un­wirk­sam.

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    (1) Ei­ne ob­jek­ti­ve Ge­set­zes­um­ge­hung liegt vor, wenn der Zweck ei­ner zwin­gen­den Rechts­norm da­durch ver­ei­telt wird, dass an­de­re recht­li­che Ge­s­tal­tungsmöglich­kei­ten miss­bräuch­lich, dh. oh­ne ei­nen im Gefüge der ein­schlägi­gen Rechts­norm sach­lich recht­fer­ti­gen­den Grund, ver­wen­det wer­den (st. Rspr., BAG 21. Fe­bru­ar 2017 - 1 ABR 62/12 - Rn. 49 mwN, BA­GE 158, 121; ausf. 18. März 2009 - 5 AZR 355/08 - Rn. 17 mwN, BA­GE 130, 34).

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    (2) Die von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en in § 37 MTV und § 8 ERTV gewähl­te Ge­stal­tung führt zu ei­ner ob­jek­ti­ven Um­ge­hung der in § 4 Abs. 1 TVG ent­hal­te­nen zwin­gen­den Vor­ga­ben zur Gel­tung von ta­rif­li­chen Rechts­nor­men. Nach die­sen bei­den Be­stim­mun­gen können ta­rif­ver­trag­li­che Ansprüche trotz bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit nur dann gel­tend ge­macht wer­den, wenn der Ta­rif­ver­trag auch ar­beits­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­men wor­den ist. Da­mit wird zwar die un­mit­tel­ba­re Gel­tung der bei­den Ta­rif­verträge nicht aus­drück­lich ein­ge­schränkt. Durch die An­spruchs­vor­aus­set­zung, dass die Einführung des Ta­rif­werks „auch ar­beits­ver­trag­lich nach­voll­zo­gen wird“, tritt aber die durch § 4 Abs. 1 TVG ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Ver­bind­lich­keit ta­rif­li­cher Rechts­nor­men

     

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    iSd. § 1 Abs. 1 TVG nicht „oh­ne wei­te­res“, al­so un­mit­tel­bar, ein (Rn. 26), son­dern er­for­dert ei­nen wei­te­ren, ta­rif­lich fest­ge­leg­ten Rechts­akt der ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­neh­mer und Ar­beit­ge­ber. Oh­ne Nach­voll­zie­hung blie­ben die bei­den Ta­rif­verträge in An­wen­dung von § 37 MTV und § 8 ERTV für das Ar­beits­ver­hält­nis der Kläge­rin wir­kungs­los. Sein In­halt rich­te­te sich trotz bei­der­sei­ti­ger Ta­rif­ge­bun­den­heit der Par­tei­en ent­ge­gen § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG al­lein nach den (bis­he­ri­gen) ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen.

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    (3) Die Re­ge­lun­gen in § 37 MTV und § 8 ERTV stel­len zu­dem ei­ne ob­jek­ti­ve Um­ge­hung des in § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG ver­an­ker­ten Güns­tig­keits­prin­zips (sh. oben Rn. 28) dar. Ih­rem In­halt nach schließen § 37 MTV und § 8 ERTV zwar pri­vat­au­to­no­me Re­ge­lun­gen der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en nicht aus­drück­lich aus. Für ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beit­neh­mer entfällt aber die Möglich­keit, sich ne­ben ta­rif­ver­trag­li­chen Ansprüchen auf güns­ti­ge­re ar­beits­ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen zu stützen. Ver­ein­ba­ren sie mit dem Ar­beit­ge­ber ei­nen Ar­beits­ver­trag, der die Einführung des Ta­rif­werks „nach­voll­zieht“, „rich­tet sich“ das Ar­beits­ver­hält­nis „nach dem je­weils für den Be­trieb auf­grund der Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers ... gel­ten­den Ta­rif­werk in sei­ner je­weils gülti­gen Fas­sung“.

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    Das wi­der­spricht der ge­setz­li­chen Kon­zep­ti­on des Güns­tig­keits­prin­zips, nach der vom Ta­rif­ver­trag ab­wei­chen­de Ab­ma­chun­gen zulässig sind, „so­weit“ sie Re­ge­lun­gen zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ent­hal­ten. Ob ein Ar­beits­ver­trag ab­wei­chen­de güns­ti­ge­re Re­ge­lun­gen ge­genüber ei­nem Ta­rif­ver­trag enthält, er­gibt sich da­bei aus ei­nem Ver­gleich der Teil­kom­ple­xe der un­ter­schied­li­chen Re­ge­lun­gen, die in ei­nem in­ne­ren Zu­sam­men­hang ste­hen (sog. Sach­grup­pen-ver­gleich) (ausf. BAG 15. April 2015 - 4 AZR 587/13 - Rn. 27 ff., BA­GE 151, 221), nicht aber aus ei­nem Ge­samt­ver­gleich der ta­rif­ver­trag­li­chen und ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen. Die ge­for­der­te ar­beits­ver­trag­li­che Nach­voll­zie­hung er­for­dert dem­ge­genüber ei­ne - endgülti­ge - Ent­schei­dung zwi­schen den ta­rif­li­chen und den bis­he­ri­gen ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen. Dar­an würde sich nichts ändern, wenn - wie die Be­klag­te be­haup­tet - die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en durch be­son­de­re Re­ge­lun­gen ins­be­son­de­re in § 7 Abs. 2 bis Abs. 7 ERTV da­für ge­sorgt hätten, dass - je­den­falls zunächst - ei­ne auch nur par­ti­el­le Ver-

     

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    schlech­te­rung der Ent­gelt­be­din­gun­gen nicht zu befürch­ten wäre. Zum ei­nen er­fas­sen die Ta­rif­be­stim­mun­gen le­dig­lich das Mo­nats­ent­gelt, nicht aber die wei­te­ren Ar­beits­be­din­gun­gen. Zum an­de­ren wären die Ar­beit­neh­mer auf­grund der Ände­rung der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen ge­hin­dert, sich zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt wie­der auf die­se zu be­ru­fen, zB nach Ab­schluss ei­ner für sie ungüns­ti­ge­ren ta­rif­li­chen Re­ge­lung. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en grei­fen mit § 37 MTV und § 8 ERTV in den Be­reich der pri­vat­au­to­no­men Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ein. Die­ser ist nach § 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG in­so­weit ih­rer Re­ge­lungs­macht je­doch ent­zo­gen.

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    c) Aus der Un­wirk­sam­keit von § 37 MTV, § 8 ERTV folgt nicht die Un­wirk­sam­keit der übri­gen ta­rif­li­chen Vor­schrif­ten. Die Aus­le­gungs­re­gel des § 139 BGB fin­det auf Ta­rif­verträge kei­ne An­wen­dung. Maßge­bend ist viel­mehr, ob der Ta­rif­ver­trag oh­ne die un­wirk­sa­me Be­stim­mung noch ei­ne sinn­vol­le, in sich ge­schlos­se­ne Re­ge­lung enthält. Ei­ne Un­wirk­sam­keit des ge­sam­ten Ta­rif­ver­trags kann bei Nich­tig­keit ein­zel­ner Ta­rif­be­stim­mun­gen nur aus­nahms­wei­se an­ge­nom­men wer­den (BAG 26. Fe­bru­ar 2020 - 4 AZR 48/19 - Rn. 27; 16. No­vem­ber 2011 - 4 AZR 856/09 - Rn. 27). Vor­lie­gend ver­bleibt auch oh­ne die bei­den Ta­rif­be­stim­mun­gen ein vollständi­ges Ta­rif­werk. Ins­be­son­de­re ent­steht durch den Weg­fall der Be­stim­mun­gen kei­ne Re­ge­lungslücke. Die Ta­rif­verträge gel­ten auf­grund der ge­setz­li­chen Re­ge­lung bei bei­der­seits ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en un­mit­tel­bar und zwin­gend nach § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG.

    34

    d) Da­nach be­darf es kei­ner Ent­schei­dung, ob die Be­klag­te der Kläge­rin am 31. März 2016 ein iSv. § 37 MTV, § 8 ERTV ord­nungs­gemäßes An­ge­bot un­ter­brei­tet hat und ob sie sich, falls nicht, auf die feh­len­de ar­beits­ver­trag­li­che Nach­voll­zie­hung be­ru­fen könn­te (§ 162 BGB).

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    3. Die Ansprüche der Kläge­rin sind nicht nach § 24 MTV ver­fal­len. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob sie ih­re Ansprüche recht­zei­tig iSd. Aus­schluss­frist gel­tend ge­macht hat. Mit Erklärung der Be­klag­ten im Güte­ter­min vom 28. No­vem­ber 2016 (Rn. 9) ist die An­wen­dung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­frist mit Ein­verständ­nis der Kläge­rin so­wohl hin­sicht­lich der zum Zeit­punkt der Erklärung be­reits rechtshängi­gen als auch im Hin­blick auf zukünf­ti­ge Ansprüche im Zu-

     

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    sam­men­hang mit dem zwi­schen den Par­tei­en be­ste­hen­den Streit über die Gel­tung des Ta­rif­werks der Be­klag­ten für die Dau­er des Pro­zes­ses aus­ge­sch­los­sen.

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    a) Zur schlüssi­gen Be­gründung ei­nes An­spruchs gehört grundsätz­lich die Dar­le­gung, dass ta­rif­li­che Ver­fall­fris­ten ge­wahrt wur­den. Die Fris­tein­hal­tung ist ma­te­ri­ell-recht­li­che Vor­aus­set­zung für das Be­ste­hen des be­haup­te­ten An­spruchs. Ih­re Nicht­ein­hal­tung ist ei­ne Ein­wen­dung, die von Amts we­gen zu be­ach­ten ist. Die An­wen­dung der ta­rif­li­chen Aus­schluss­fris­ten kann je­doch - und auch das ist von Amts we­gen zu berück­sich­ti­gen - im Ein­zel­fall aus­ge­schlos­sen sein. Das ist ins­be­son­de­re dann der Fall, wenn ih­re Ein­hal­tung zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ein­ver­nehm­lich ab­be­dun­gen ist. Nach dem Güns­tig­keits­prin­zip (§ 4 Abs. 3 Alt. 2 TVG) ist dies je­der­zeit möglich (BAG 25. Ja­nu­ar 2006 - 4 AZR 622/04 - Rn. 51 f.).

    37

    b) Die Aus­le­gung der Erklärung des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Be­klag­ten (§§ 133, 157 BGB) er­gibt, dass die­se der Kläge­rin ei­nen An­trag 145 BGB) zur Ab­be­din­gung der Aus­schluss­fris­ten un­ter­brei­tet hat.

    38

    aa) Es kann da­hin­ste­hen, ob es sich bei der zu Pro­to­koll ge­ge­be­nen Erklä­rung der Be­klag­ten um ei­ne Pro­zes­serklärung, de­ren Aus­le­gung vom Re­vi­si­ons­ge­richt selbständig vor­zu­neh­men ist (vgl. hier­zu BAG 20. No­vem­ber 2019 - 5 AZR 39/19 - Rn. 12), oder um ei­ne nicht­ty­pi­sche Wil­lens­erklärung han­delt, de­ren Aus­le­gung nur ein­ge­schränkt über­prüfbar ist (vgl. hier­zu BAG 25. Ja­nu­ar 2017 - 4 AZR 522/15 - Rn. 22). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat - aus sei­ner Sicht kon­se­quent - ei­ne Aus­le­gung un­ter­las­sen. Der Se­nat kann die Aus­le­gung selbst vor­neh­men, weil der er­for­der­li­che Sach­ver­halt fest­ge­stellt und kein wei­te­res tatsächli­ches Vor­brin­gen der Par­tei­en zu er­war­ten ist (vgl. hier­zu BAG 15. Fe­bru­ar 2017 - 7 AZR 223/15 - Rn. 27; 11. April 2019 - 6 AZR 104/18 - Rn. 29, BA­GE 166, 285).

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    bb) Die Erklärung be­zieht sich zunächst auf „streit­ge­genständ­li­che“ An­sprüche. Dies können bei for­ma­lem Verständ­nis le­dig­lich sol­che sein, die be­reits Ge­gen­stand der Kla­ge sind. Al­ler­dings „ver­zich­tet“ die Be­klag­te „ab dem

     

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    01. No­vem­ber 2016 für die Dau­er die­ses Rechts­strei­tes auf die Gel­tend­ma­chung von Aus­schluss­fris­ten“. Die­se Zeit­an­ga­be be­zieht sich bei verständi­ger Würdi­gung auch auf zukünf­ti­ge Ansprüche. Denn die Be­klag­te hat im An­schluss an die Pro­to­kol­lie­rung das Ru­hen des Ver­fah­rens be­an­tragt. Da­mit hat sie zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass die Klärung, ob die Kläge­rin auch oh­ne Ände­rung ih­res Ar­beits­ver­trags Ansprüche aus dem Ta­rif­werk der Be­klag­ten her­lei­ten kann, auf un­be­stimm­te Zeit ver­scho­ben wer­den soll. Dies konn­te die Kläge­rin nur so ver­ste­hen, dass sie nicht ge­hal­ten sein soll, für nach­fol­gend fällig wer­den­de Dif­fe­ren­zent­gelt­ansprüche die zwei­stu­fi­ge Aus­schluss­frist des § 24 MTV zu wah­ren.

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    c) Die­sen An­trag hat die Kläge­rin kon­klu­dent durch ih­ren An­trag auf An­ord­nung des Ru­hens des Ver­fah­rens an­ge­nom­men.

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    4. Die Kläge­rin hat An­spruch auf die be­an­trag­te Zah­lung iHv. ins­ge­samt 11.830,73 Eu­ro brut­to. Die Be­rech­nun­gen der Kläge­rin sind zu­tref­fend und zu­dem zwi­schen den Par­tei­en nicht strei­tig.

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    a) Die Kläge­rin hat­te bis zum 31. De­zem­ber 2016 An­spruch auf Vergütung nach Ent­gelt­grup­pe 8 ERTV iVm. der je­weils gülti­gen Ent­gelt­ta­bel­le zuzüglich ei­ner Be­sitz­stands­zu­la­ge iHv. 187,25 Eu­ro brut­to nach § 7 Abs. 6 ERTV. Von der Möglich­keit zur Ab­schmel­zung der Zu­la­ge nach § 7 Abs. 4 ERTV hat die Be­klag­te kei­nen Ge­brauch ge­macht. Ab dem 1. Ja­nu­ar 2017 kann die Kläge­rin ei­ne Vergütung nach Ent­gelt­grup­pe 9 ERTV iVm. der je­weils gülti­gen Ent­gelt­ta-bel­le be­an­spru­chen. Dar­aus er­gibt sich ei­ne Dif­fe­renz zu der ge­zahl­ten Vergü­tung iHv. je­weils 84,00 Eu­ro für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis April 2016, iHv. je­weils 181,08 Eu­ro für die Mo­na­te Mai bis De­zem­ber 2016, iHv. je­weils 285,36 Eu­ro für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis Fe­bru­ar 2017 und iHv. je­weils 368,67 Eu­ro für die Mo­na­te März 2017 bis Ja­nu­ar 2018.

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    b) Darüber hin­aus kann die Kläge­rin für die Mo­na­te März und April 2016 je­weils ei­ne ta­rif­li­che Ein­mal­zah­lung iHv. 350,00 Eu­ro brut­to nach der An­la­ge 1 zum ERTV idF der Ent­gelt­ta­bel­le ab 1. Mai 2016 ver­lan­gen.

     

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    c) Ihr steht zu­dem mit der Aus­zah­lung des Ent­gelts für die Mo­na­te No­vem­ber in den Jah­ren 2016 und 2017 ei­ne Son­der­zah­lung nach § 25 MTV iHv. je­weils 2.360,00 Eu­ro zu. Ih­re Be­triebs­zu­gehörig­keit über­steigt die Dau­er von 60 Mo­na­ten und sie ist in Voll­zeit beschäftigt.

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    II. Die Kla­ge ist hin­sicht­lich der Zin­sen nur teil­wei­se be­gründet. Die Kläge­rin hat für den Zeit­raum von Ja­nu­ar 2016 bis Ok­to­ber 2016 Zin­sen „seit Kla­ge­er­he­bung“ und da­mit ab Rechtshängig­keit gel­tend ge­macht. Für Ansprüche aus den Mo­na­ten Ja­nu­ar bis Sep­tem­ber 2016 kann die Kläge­rin da­her auf­grund der am 26. Ok­to­ber 2016 zu­ge­stell­ten Kla­ge­schrift Zah­lung von Zin­sen gem. §§ 288, 291 BGB ab dem dar­auf­fol­gen­den Tag ver­lan­gen, für die aus dem Mo­nat Ok­to­ber 2016 al­ler­dings erst ab dem 1. No­vem­ber 2016 (§ 291 Satz 1 Halbs. 2 BGB). Man­gels Dar­le­gung an­der­wei­ti­ger Ab­re­den nach § 17 Abs. 2 MTV ist von ei­ner Fällig­keit der Vergütung am Mo­nats­en­de nach Nr. 4 Abs. 1 Satz 2 des Ar­beits­ver­trags aus­zu­ge­hen. Die wei­te­ren Ansprüche sind nach §§ 286, 288 BGB un­ter Berück­sich­ti­gung von § 193 BGB in dem te­n­o­rier­ten Um­fang zu ver­zin­sen.

    46
    III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 92 Abs. 2 Nr. 1 ZPO. 47

     

    Tre­ber

    Rinck 

    Klug 

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    Mosch­ko 

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