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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/071

Kei­ne Neu­tra­li­täts­pflicht des Ar­beit­ge­bers bei Be­triebs­rats­wahl

Be­triebs­rats­wah­len sind nicht be­reits des­halb an­fecht­bar, weil sich der Ar­beit­ge­ber ge­gen­über Wahl­be­wer­bern nicht neu­tral ver­hält: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 25.10.2017, 7 ABR 10/16
Stimmzettel in Wahlurne werden, Betriebsratswahl

19.03.2018. Ar­beit­ge­ber tun im All­ge­mei­nen gut dar­an, wäh­rend ei­ner Be­triebs­rats­wahl kei­ne Sym­pa­thi­en mit ein­zel­nen Be­wer­bern und/oder Vor­schlags­lis­ten zu äu­ßern.

Denn wer ge­wählt wird, ent­schei­den die Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer des Be­triebs, und mit den Er­geb­nis­sen die­ser Wahl­ent­schei­dun­gen muss der Ar­beit­ge­ber vier Jah­re lang le­ben.

In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) al­ler­dings klar­ge­stellt, dass Ar­beit­ge­ber rein recht­lich nicht zur Neu­tra­li­tät ge­gen­über Wahl­be­wer­bern ver­pflich­tet sind: BAG, Be­schluss vom 25.10.2017, 7 ABR 10/16.

Muss sich der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner Be­triebs­rats­wahl ge­genüber den ver­schie­de­nen Wahl­be­wer­bern bzw. Lis­ten neu­tral ver­hal­ten?

Gemäß § 19 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) kann ei­ne Be­triebs­rats­wahl an­ge­foch­ten wer­den, wenn bei der Wahl ge­gen we­sent­li­che Vor­schrif­ten über das Wahl­ver­fah­ren ver­s­toßen wur­de. Zu den we­sent­li­chen Vor­schrif­ten über das Wahl­ver­fah­ren gehört un­ter an­de­rem, dass sich die Wähle­rin­nen und Wähler frei ent­schei­den können. Da­her muss die Wahl ge­heim statt­fin­den (§ 14 Abs.1 Be­trVG) und die Wahl­ent­schei­dung darf nicht durch Zufügung oder An­dro­hung von Nach­tei­len oder durch Gewährung oder Ver­spre­chen von Vor­tei­len be­ein­flusst wer­den (§ 20 Abs.2 Be­trVG).

Vor die­sem Hin­ter­grund wird von ei­ni­gen ju­ris­ti­schen Au­to­ren und von ver­schie­de­nen Ar­beits- und Lan­des­ar­beits­ge­rich­ten (LAG) die Mei­nung ver­tre­ten, dass der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner Be­triebs­rats­wahl zur Neu­tra­lität ge­genüber den ver­schie­de­nen Kan­di­da­ten bzw. Lis­ten ver­pflich­tet sei. Sch­ließlich ist die Be­triebs­rats­wahl al­lein Sa­che der Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer des Be­triebs.

Die Ge­gen­mei­nung lau­tet: Auch Ar­beit­ge­ber ha­ben ein Grund­recht auf Mei­nungs­frei­heit gemäß Art.5 Abs.1 Grund­ge­setz (GG), und § 20 Abs.2 Be­trVG ver­bie­tet zwar un­lau­te­re Be­ein­flus­sun­gen des Wähl­er­wil­lens, aber kei­ne Mei­nungsäußerung zu den ver­schie­de­nen Kan­di­da­ten bzw. Lis­ten.

Die­se Streit­fra­ge hat das BAG im Ok­to­ber 2017 geklärt.

Der Streit­fall: Per­so­nal­chef äußert auf ei­nem Führungs­kräfte­tref­fen im Vor­feld der Be­triebs­rats­wahl, wer die am­tie­ren­de Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de wähle, be­ge­he Ver­rat

In ei­nem von meh­re­ren Un­ter­neh­men ge­tra­ge­nen Ge­mein­schafts­be­trieb mit et­wa 950 Ar­beit­neh­mern war das Verhält­nis zwi­schen Geschäfts­lei­tung und der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den an­ge­spannt. So lei­te­te der Be­triebs­rat un­ter sei­ner kämp­fe­ri­schen Vor­sit­zen­den im Lau­fe der Zeit et­wa 50 Ge­richts­ver­fah­ren ein.

Das ver­an­lass­te den Per­so­nal­chef, so je­den­falls die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de, im Vor­feld der Be­triebs­rats­wahl 2014 da­zu, auf ei­nem Führungs­kräfte­tref­fen vor et­wa 80 An­ge­stell­ten zu äußern, dass es ei­nen „Ver­rat“ dar­stel­le, für die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de bzw. de­ren Lis­te zu stim­men. Außer­dem soll der Per­so­nal­lei­ter et­wa ein hal­bes Jahr vor der Be­triebs­rats­wahl ge­zielt Ar­beit­neh­mer ge­fragt ha­ben, ob sie sich zur Wahl stel­len und ggf. den Be­triebs­rats­vor­sitz über­neh­men woll­ten.

Bei der Be­triebs­rats­wahl 2014 er­hielt die „Initia­ti­ve In­nen­dienst“ 305 Stim­men bzw. fünf Sit­ze, die Lis­te „Im Blick“ 276 Stim­men und da­mit eben­falls fünf Sit­ze, die Lis­te der ehe­ma­li­gen Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den, die „Große Außen­dienst­lis­te“ le­dig­lich 137 Stim­men und da­mit zwei Sit­ze und ei­ne vier­te Lis­te 84 Stim­men und da­mit ein Sitz. In­fol­ge die­ses Wahl­er­geb­nis­ses ver­lor die ehe­ma­li­ge Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de den Vor­sitz im Gre­mi­um.

Das dar­auf­hin von ihr und ei­ni­gen Mit­strei­tern an­ge­streng­te ar­beits­ge­richt­li­che Wahl­an­fech­tungs­ver­fah­ren hat­te vor dem Ar­beits­ge­richt Wies­ba­den kei­nen Er­folg (Be­schluss vom 19.11.2014, 7 BV 2/14), dafür aber in der Be­schwer­de­instanz vor dem Hes­si­schen LAG.

Denn das LAG war der Mei­nung, die Wahl sei an­fecht­bar gemäß § 19 Be­trVG, da der Ar­beit­ge­ber bzw. der für ihn han­deln­de Per­so­nal­chef als lei­ten­der An­ge­stell­ter ge­gen die (an­geb­li­che) Ar­beit­ge­ber­pflicht zur strik­ten Neu­tra­lität ge­genüber den ver­schie­de­nen Wahl­be­wer­bern ver­s­toßen ha­be (Hes­si­sches LAG, Be­schluss vom 12.11.2015, 9 TaBV 44/15). Dar­in lag, so je­den­falls das LAG, ein Ver­s­toß ge­gen we­sent­li­che Vor­schrif­ten über das Wahl­ver­fah­ren im Sin­ne von § 19 Abs.1 Be­trVG.

BAG: Aus § 20 Abs.2 Be­trVG folgt nicht, dass je­des nicht-neu­tra­le Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers ge­genüber Wahl­be­wer­bern zur An­fecht­bar­keit der Be­triebs­rats­wahl führt

Das BAG ent­schied an­ders­her­um und gab den am Ver­fah­ren be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men so­wie dem am­tie­ren­den Be­triebs­rat Recht. Zur Be­gründung heißt es:

§ 20 Abs.2 Be­trVG schützt die in­ne­re Wil­lens­bil­dung der wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer, d.h. die freie Wahl­ent­schei­dung. Dar­aus folgt aber kei­ne all­ge­mei­ne Neu­tra­litäts­pflicht des Ar­beit­ge­bers, so das BAG. Denn im­mer­hin wird der Be­triebs­rat in ge­hei­mer Wahl gewählt (§ 14 Abs.1 Be­trVG). Aus die­sem Grund müssen die Stimm­zet­tel un­be­ob­ach­tet in ei­ner Wahl­ka­bi­ne oder hin­ter ei­nem Vor­hang aus­gefüllt (§ 12 Abs.1 Satz 1 Wahl­ord­nung) und so­dann in Wahl­um­schlägen (§ 11 Abs.1 Satz 2 Wahl­ord­nung) in die Ur­ne ge­legt wer­den. Da­mit ist die Frei­heit der Wahl­ent­schei­dung im Prin­zip aus­rei­chend geschützt.

Im Übri­gen können sich die Ar­beit­neh­mer bei ih­rer Wahl­ent­schei­dung nach An­sicht des BAG durch­aus von den Stand­punk­ten an­de­rer Ar­beit­neh­mer, der Ge­werk­schaf­ten oder auch des Ar­beit­ge­bers lei­ten oder be­ein­flus­sen las­sen. Und wenn der Ar­beit­ge­ber ei­ne be­stimm­te Wahl­emp­feh­lung aus­spricht, kann das, so die Er­fur­ter Rich­ter, auch die ge­gen­tei­li­ge Wir­kung auf die Wähler­mei­nun­gen ha­ben. Ei­ne un­zulässi­ge Wahl­be­ein­flus­sung liegt da­her noch nicht vor, „wenn der Ar­beit­ge­ber nur sei­ne Sym­pa­thie mit be­stimm­ten Lis­ten oder Kan­di­da­ten be­kun­det“.

Außer­dem würde das vom LAG pos­tu­lier­te strik­te Neu­tra­litäts­ge­bot zur Rechts­un­si­cher­heit bei Be­triebs­rats­wah­len führen. Denn die­se Auf­fas­sung hat zur Fol­ge, dass Be­triebs­rats­wah­len ei­nem ho­hen An­fech­tungs­ri­si­ko aus­ge­setzt wären, weil auch länger zurück­lie­gen­de Äußerun­gen oder Ver­hal­tens­wei­sen des Ar­beit­ge­bers und/oder ei­nes lei­ten­den An­ge­stell­ten als un­zulässi­ges, „nicht neu­tra­les“ Ver­hal­ten be­wer­tet wer­den könn­te.

Ergänzend weist das BAG dar­auf hin, dass auch die An­re­gung des Ar­beit­ge­bers, ei­ne al­ter­na­ti­ve, mögli­cher­wei­se „ar­beit­ge­ber­freund­li­che“ Lis­te auf­zu­stel­len so­wie das ge­ziel­te Wer­ben um ei­ne Kan­di­da­tur auf ei­ner sol­chen Lis­te noch kein Ver­s­toß ge­gen § 20 Abs.2 Be­trVG ist.

So­gar die dras­ti­sche Äußerung des Per­so­nal­lei­ters auf dem Führungs­kräfte­mee­ting, ei­ne Wahl der da­mals am­tie­ren­den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den sei ein „Ver­rat“, ist nach An­sicht des BAG kein In-Aus­sicht-Stel­len von Nach­tei­len für den Fall ei­ner sol­chen Wahl­ent­schei­dung im Sin­ne § 20 Abs.2 Be­trVG. Kon­kre­te Nach­tei­le wur­den hier nämlich we­der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mern noch der Be­leg­schaft als gan­zer für den Fall der Wie­der­wahl der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den an­ge­droht.

Fa­zit: Die Ent­schei­dung des BAG gibt Ar­beit­ge­bern kei­nen Frei­brief zur Be­ein­flus­sung von Be­triebs­rats­wah­len in ih­rem Sin­ne. Denn wie das BAG ne­ben­bei erwähnt hat, können Nach­tei­le nicht nur ein­zel­nen Wähle­rin­nen und Wählern in un­zulässi­ger Wei­se an­ge­droht wer­den, son­dern auch der ge­sam­ten Be­leg­schaft oder be­stimm­ten Be­leg­schafts­tei­len.

Der Ar­beit­ge­ber kann da­her auf der Grund­la­ge die­ser BAG-Ent­schei­dung z.B. die Mei­nung äußern, dass be­stimm­te Kan­di­da­ten bzw. Lis­ten „un­rea­lis­ti­sche“ und/oder „nicht be­zahl­ba­re“ Zie­le ver­fol­gen, doch soll­te er nicht so weit ge­hen, Ein­spa­run­gen oder Be­triebs­ein­schränkun­gen für den Fall miss­lie­bi­ger Mehr­hei­ten im Be­triebs­rat an­zukündi­gen. Ei­ne sol­che Form der Wähler­be­ein­flus­sung kann auch künf­tig als An­dro­hung von Nach­tei­len ge­wer­tet wer­den (§ 20 Abs.2 Be­trVG) und da­mit zur An­fecht­bar­keit ei­ner Be­triebs­rats­wahl führen (§ 19 Abs.1 Be­trVG).

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Letzte Überarbeitung: 2. Mai 2018

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