HENSCHE RECHTSANWÄLTE, FACHANWALTSKANZLEI FÜR ARBEITSRECHT

 

LAG Köln, Be­schluss vom 03.11.2005, 7 Ta 306/05

   
Schlagworte: Kündigungsschutzklage, Anwaltsverschulden
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Köln
Aktenzeichen: 7 Ta 306/05
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 03.11.2005
   
Leitsätze:

1. Der mit der Erhebung einer Kündigungsschutzklage beauftragte Anwalt darf die Ermittlung des Ablaufs der Drei-Wochen-Frist des § 4 KSchG nicht seinem Büropersonal überlassen.

2. Hat er diese Aufgabe dennoch delegiert und wird ihm die Handakte während des Laufs der Drei-Wochen-Frist vorgelegt, weil sich der Gegner nicht innerhalb eines diesem vorgegebenen Zeitraums zu einem Vergleichsangebot geäußert hat, so muss der Anwalt spätestens jetzt nochmals eigenverantwortlich den Fristablauf überprüfen. Dasselbe gilt erst recht, wenn die Handakte vorgelegt wird, um die Klageschrift zu erstellen.

3. Ein Verschulden des Anwalts selbst ist der Partei gemäß § 85 II ZPO auch im Rahmen des Verfahrens nach § 5 KSchG zuzurechnen (h. M.).

Vorinstanzen: Arbeitsgericht Aachen, 3 (9) Ca 6016/04
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, 7 Ta 306/05


Te­nor:

Die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Klägers ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Aa­chen vom 09.12.2004 über die nachträgli­che Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.


G r ü n d e :

1

I. Die Par­tei­en strei­ten um ei­nen An­trag des Klägers auf nachträgli­che Zu­las­sung sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge.

2

Der am 05.08.1957 ge­bo­re­ne Kläger war seit dem 01.06.2001 bei der Be­klag­ten als An­ge­stell­ter beschäftigt und er­ziel­te da­bei zu­letzt ei­nen mo­nat­li­chen Ver­dienst in Höhe von 4.675,55 € brut­to. Un­ter dem Da­tum des 19.03.2004 ver­fass­te die Be­klag­te ein Schrei­ben, in wel­chem sie dem Kläger ei­ne be­triebs­be­ding­te frist­ge­rech­te Kündi­gung zum 30.06.2004 aus­sprach (vgl. BI. 37 d. A. u. BI. 50 d. A.). Das Kündi­gungs­schrei­ben wur­de dem Kläger ent­we­der am Frei­tag, dem 19.03.2004, oder am Mon­tag, dem 22.03.2004, persönlich über­ge­ben. Un­abhängig vom ge­nau­en Tag des Kündi­gungs­zu­gangs en­de­te die dreiwöchi­ge Kla­ge­frist des § 4 KSchG am Diens­tag, dem 13.04.2004; denn die Ta­ge, die ge­nau 3 Wo­chen nach dem 19.03.2004 bzw. dem 22.03.2004 ge­le­gen wa­ren, fie­len im Jah­re 2004 auf Kar­frei­tag bzw. Os­ter­mon­tag.

3

Am 30.03.2004 er­schien der Kläger mit dem ihm über­ge­be­nen Ex­em­plar des Kündi­gungs­schrei­bens zu ei­nem Erst­gespräch bei sei­nem späte­ren an­walt­li­chen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten und er­teil­te Kla­ge­auf­trag. Am 31.03.2004 leg­te die in der Kanz­lei des Kläge­r­an­walts hierfür zuständi­ge Büroan­ge­stell­te die Hand­ak­te an und ver­merk­te dar­auf in der Ru­brik "Wich­ti­ge Fris­ten": "Kla­ge: 19.04.2004 (29.03.04)". Das Klam­mer­da­tum soll­te da­bei nach den Kanzlei­ge­pflo­gen­hei­ten auf den Frist­be­ginn, al­so das Da­tum des Kündi­gungs­zu­gangs, hin­wei­sen. Außer­dem er­gibt sich aus dem Hand­ak­ten­bo­gen, dass u. a. am 02.04.2004 und am 09.04.2004 Wie­der­vor­la­gen no­tiert und durch Durch­strei­chen des Da­tums und An­brin­gen ent­spre­chen­der Häkchen als er­le­digt bestätigt wur­den (vgl. BI. 67 d. A.).

4

Un­ter dem Da­tum des 02.04.2004 rich­te­te der An­walt des Klägers ein Schrei­ben an die Be­klag­te, in wel­chem er die­se darüber in­for­mier­te, dass er den Auf­trag er­hal­ten ha­be, Kündi­gungs­schutz­kla­ge zu er­he­ben, und in wel­chem er zu­gleich zur Ver­mei­dung ei­ner ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ei­nen Ver­gleichs­vor­schlag un­ter­brei­te­te. Das Schrei­ben en­de­te mit den Wor­ten: "Wir bit­ten zunächst um Mit­tei­lung, ob Sie an ei­ner der­ar­ti­gen schnel­len Lösung in­ter­es­siert sind. Als Wie­der­vor­la­ge ha­ben wir uns den 08.04.2004 no­tiert." (BI. 51 f. d. A.). Auf die­ses Schrei­ben re­agier­te die Be­klag­te nicht.

5

Am 15.04.2004 er­hob der An­walt des Klägers Kündi­gungs­schutz­kla­ge beim Ar­beits­ge­richt Aa­chen. Die­se nahm er am Fol­ge­tag wie­der zurück, nach­dem ihn der Kläger noch am 15.04.2004 auf der Grund­la­ge der ihm über­las­se­nen Kla­ge­zweit­schrift dar­auf auf­merk­sam ge­macht ha­be, dass in der Kla­ge­schrift mit dem 29.03.2004 ein fal­sches Zu­gangs­da­tum der Kündi­gung auf­ge­nom­men wor­den sei.

6

Am 26.04.2004 er­hob der An­walt des Klägers so­dann die vor­lie­gen­de Kündi­gungs­schutz­kla­ge, die er mit ei­nem An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung ver­band. Zur Be­gründung des An­trags auf nachträgli­che Zu­las­sung hat der Kläger­ver­tre­ter aus­geführt: Bei der Be­spre­chung vom 30.03.2004 ha­be ihm der Man­dant mit­ge­teilt, er ha­be das Kündi­gungs­schrei­ben am Mon­tag nach dem 19.03.2004 über­ge­ben er­hal­ten. Er, der An­walt, ha­be dar­auf­hin auf der Ko­pie des Kündi­gungs­schrei­bens den Text der auf dem Kündi­gungs­schrei­ben ent­hal­te­nen, in­so­weit aber nicht vor­aus­gefüll­ten Emp­fangs­bestäti­gung "das Ori­gi­nal des obi­gen Kündi­gungs­schrei­bens vom 19.03.2004 ha­be ich am ... er­hal­ten" durch die Wor­te "Mon­tag drauf" ergänzt. Die Be­rech­nung und Ein­tra­gung der Kla­ge­frist ha­be er so­dann, wie in sei­ner Kanz­lei üblich, dem er­fah­re­nen und zu­verlässi­gen und re­gelmäßig recht­lich un­ter­wie­se­nen und über­wach­ten Büro­per­so­nal über­las­sen. Die bis da­hin stets feh­ler­frei ar­bei­ten­de Büro­vor­ste­he­rin R sei je­doch bei der Er­mitt­lung des "Mon­tag drauf" in die fal­sche Ka­len­der­wo­che ge­rutscht und ha­be auf­grund die­ses Feh­lers als maßgeb­li­chen Tag für den Frist­be­ginn nicht den 22.03.2004, son­dern den 29.03.2004 ver­merkt.

7

Nach­dem der Kläger­ver­tre­ter die in der Kla­ge- und An­trags­schrift auf­ge­nom­me­nen Tat­sa­chen­an­ga­ben zur nachträgli­chen Zu­las­sung zunächst nur an­walt­lich ver­si­chert hat­te, hat er mit Schrift­satz vom 22.06.2004 ei­ne ei­des­statt­li­che Ver­si­che­rung der D nach­ge­reicht (BI. 63 d. A.).

8

Der Kläger­ver­tre­ter hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die ver­späte­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge gemäß § 5 KSchG nachträglich zu­zu­las­sen sei, da die Ver­spätung auf ei­nem Ver­schul­den sei­nes Büro­per­so­nals be­ru­he, wel­ches dem Man­dan­ten nicht zu­ge­rech­net wer­den könne.

9
Der Kläger hat be­an­tragt, 10

die Kündi­gungs­schutz­kla­ge nachträglich zu­zu­las­sen.

11
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, 12

den An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung zurück­zu­wei­sen.

13

Die Be­klag­te hat be­haup­tet, der Kläger ha­be das Kündi­gungs­schrei­ben, wie er ge­nau wis­sen müsse, auch nicht erst am Mon­tag, dem 22.03.2004, son­dern be­reits am Frei­tag, dem 19.03.2004, über­ge­ben er­hal­ten. Dies ha­be zwar nichts am Zeit­punkt des Ab­laufs der Kla­ge­frist geändert, ma­che aber Tei­le der tatsächli­chen Be­gründung des kläge­ri­schen An­trags­be­geh­rens un­plau­si­bel.

14

Fer­ner hat die Be­klag­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, den kläge­ri­schen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten tref­fe schon nach des­sen ei­ge­nem Vor­trag ein An­walts­ver­schul­den, wel­ches dem Kläger über § 85 Abs. 2 ZPO zu­zu­rech­nen sei. So han­de­le es sich bei der Kla­ge­frist des § 4 KSchG je­den­falls außer­halb ei­ner Fach­an­walts­kanz­lei für Ar­beits­recht nicht um ei­ne "ein­fa­che" Frist, de­ren Be­rech­nung und Kon­trol­le al­lein dem Büro­per­so­nal über­las­sen wer­den könne. Der An­walt ha­be hier selbst die Frist er­rech­nen, bzw. z. B. anläss­lich von Wie­der­vor­la­gen der Hand­ak­te de­ren Be­rech­nung durch das Büro­per­so­nal kon­trol­lie­ren müssen.

15

Ergänzend wird auf die münd­li­chen Erklärun­gen des Klägers persönlich und des Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers in der vom Ar­beits­ge­richt durch­geführ­ten münd­li­chen Ver­hand­lung vom 09.12.2004 Be­zug ge­nom­men.

16

Mit Be­schluss vom 09.12.2004 hat das Ar­beits­ge­richt den An­trag des Klägers auf nachträgli­che Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge zurück­ge­wie­sen. Auf die Gründe hierfür gemäß Ab­schnitt II. des ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schlus­ses wird Be­zug ge­nom­men.

17

Der ar­beits­ge­richt­li­che Be­schluss wur­de dem Kläger am 07.03.2005 zu­ge­stellt. Er hat hier­ge­gen am 18.03.2005 so­for­ti­ge Be­schwer­de ein­ge­legt.

18

Der Kläger­ver­tre­ter wen­det sich da­ge­gen, dass ihn ein An­walts­ver­schul­den an der Versäum­ung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge tref­fe. Er macht gel­tend, das außer­ge­richt­li­che Schrei­ben vom 02.04.2004 an die Be­klag­te ha­be er be­reits am 30.03.2004 un­mit­tel­bar nach dem Man­dan­ten­gespräch dik­tiert, noch be­vor der ge­sam­te Vor­gang der Büro­vor­ste­he­rin zur Ak­ten­an­la­ge über­ge­ben wor­den sei. Am 02.04.2004 sei ihm le­dig­lich das an die­sem Tag in Rein­schrift ge­fer­tig­te Schrei­ben zur Un­ter­schrift vor­ge­legt wor­den.

19

Am 09.04.2004 sei dann in der Tat die Hand­ak­te wie­der vor­ge­legt und in der Fol­ge­zeit die ers­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­stellt wor­den. In die­sem Zu­sam­men­hang ha­be er selbst­verständ­lich auch in die Hand­ak­te hin­ein­schau­en müssen. Es ha­be für ihn je­doch kei­ner­lei An­lass be­stan­den, die im Hand­ak­ten­bo­gen von zu­verlässi­gem Per­so­nal be­rech­ne­te und no­tier­te Kla­ge­frist noch ein­mal nach­zu­rech­nen.

20
Die Be­klag­te be­an­tragt, 21

die Zurück­wei­sung der so­for­ti­gen Be­schwer­de.

22

II. Die so­for­ti­ge Be­schwer­de des Klägers ist zulässig, konn­te in der Sa­che je­doch kei­nen Er­folg ha­ben. Das Ar­beits­ge­richt hat den An­trag auf nachträgli­che Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge gemäß § 5 KSchG zu Recht zurück­ge­wie­sen. Der An­trag des Klägers auf nachträgli­che Zu­las­sung sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge wur­de zwar gemäß § 5 Abs. 3 KSchG frist­ge­recht ge­stellt. Der nachträgli­chen Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge steht je­doch ent­ge­gen, dass den an­walt­li­chen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers ein Ver­schul­den dar­an trifft, dass die Kündi­gungs­schutz­kla­ge ver­spätet ein­ge­reicht wur­de, und dass die­ses Ver­schul­den dem Kläger gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zu­zu­rech­nen ist.

23
Im ein­zel­nen: 24

1. Die am 26.04.2004 beim Ar­beits­ge­richt Aa­chen ein­ge­gan­ge­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ist ent­ge­gen § 4 S. 1 KSchG nicht in­ner­halb von 3 Wo­chen nach Zu­gang der schrift­li­chen Kündi­gung beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen. Da­bei kommt es nicht dar­auf an, ob der Kläger die Kündi­gung be­reits am Frei­tag, dem 19.03.2004, oder erst am Mon­tag, dem 22.03.2004 er­hal­ten hat. In bei­den Fällen en­de­te die Frist des § 4 S. 1 KSchG mit Ab­lauf des 13.04.2004. Schon die ers­te, am 15.04.2004 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge war so­mit ver­spätet, erst recht die vor­lie­gen­de, de­ren nachträgli­che Zu­las­sung be­gehrt wird. Dies al­les ist zwi­schen den Par­tei­en auch un­strei­tig.

25

2. Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt des wei­te­ren fest­ge­stellt, dass den Kläger persönlich kei­ne Schuld an der ver­späte­ten Kla­ge­er­he­bung trifft. Der Kläger hat nur we­ni­ge Ta­ge nach Er­halt der Kündi­gung mit sei­nem An­walt Kon­takt auf­ge­nom­men und am 30.03.2004, al­so 14 Ta­ge vor Frist­ab­lauf, Kla­ge­auf­trag er­teilt. Ob der Kläger nun sei­nem An­walt mit Mon­tag, dem 22.03.2004 ein fal­sches oder das rich­ti­ge Zu­gangs­da­tum der Kündi­gung ge­nannt hat, ist un­er­heb­lich; denn das zwi­schen der Kläger­sei­te und der Be­klag­ten strei­ti­ge Zu­gangs­da­tum wirkt sich, wie be­reits aus­geführt, nicht auf den Zeit­punkt des Ab­laufs der 3-Wo­chen-Frist des § 4 S. 1 KSchG aus.

26

3. Die ver­späte­te Er­he­bung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge ist je­doch auf ein Ver­schul­den des vom Kläger mit der Kla­ge­er­he­bung be­auf­trag­ten Rechts­an­walts zurück­zuführen.

27

a. Das Ver­schul­den sei­nes An­walts ist dem Kläger gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zu­zu­rech­nen. Ob § 85 Abs. 2 ZPO im Rah­men des § 5 KSchG An­wen­dung fin­det, ist zwar in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur um­strit­ten. Das Be­schwer­de­ge­richt schließt sich je­doch der herr­schen­den und von ihm aus Rechts­gründen für al­lein zu­tref­fend ge­hal­te­nen An­sicht an, die die An­wend­bar­keit des § 85 Abs. 2 ZPO auf das in § 5 KSchG nor­mier­te Recht der nachträgli­chen Zu­las­sung ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge be­jaht (so z. B. LAG Köln, An­walts­blatt 2003, 306; LAG Köln NZA - RR 1998, 561; LAG Köln MDR 1999, 772; LAG Köln LA­GE § 5 KSchG Nr. 67; LAG Ba­den Würt­tem­berg LA­GE § 5 KSchG Nr. 58; LAG Bre­men MDR 2003, 1059; LAG Rhein­land Pfalz NZA 1998, 55; LAG Frank­furt, LA­GE § 5 KSchG Nr. 63; LAG Nürn­berg NZA - RR 2002, 490; LAG München ZIP 1982, 615; LAG Düssel­dorf NZA - RR 2003, 80; HWK-Pods/Quecke, § 5 KSchG Rd­nr. 31; von Ho­y­nin­gen-Hue­ne/Linck, § 5 KSchG Rd­nr. 15; Nach­wei­se für die Ge­gen­mei­nung bei KR - Fried­rich, § 5 KSchG Rd­nr. 70).

28

b. Das Ar­beits­ge­richt hat ein Ver­schul­den des kläge­ri­schen Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten dar­in ge­se­hen, dass es der An­walt ver­absäumt ha­be, bei Er­stel­lung des außer­ge­richt­li­chen Schrei­bens vom 02.04.2004, je­den­falls aber bei Wie­der­vor­la­ge der Hand­ak­te am 09.04.2004 den Zeit­punkt des Zu­gangs der Kündi­gung und die dar­auf auf­bau­en­de Be­rech­nung der Drei ­Wo­chen - Frist zu über­prüfen. Dem ist je­den­falls im Er­geb­nis un­ge­ach­tet der Einwände, die der Be­schwer­deführer ge­gen die Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts er­ho­ben hat, zu­zu­stim­men.

29

c. Selbst wenn der An­walt grundsätz­lich be­rech­tigt sein soll­te, die Er­mitt­lung der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist des § 4 KSchG sei­nem gut aus­ge­bil­de­ten, zu­verlässi­gen und re­gelmäßig kon­trol­lier­ten Büro­per­so­nal zu über­las­sen, so ent­spricht es doch ständi­ger Recht­spre­chung nicht nur des Bun­des­ge­richts­hofs, son­dern auch des BAG, dass der An­walt ver­pflich­tet ist, den Ab­lauf z. B. von Rechts­mit­tel­be­gründungs­pflich­ten im­mer dann auch ei­gen­ver­ant­wort­lich zu über­prüfen, wenn ihm die Ak­ten im Zu­sam­men­hang mit ei­ner frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lung vor­ge­legt wer­den (BAG NJW 2003, 1269; BGH NJW 2003, 1815; BGH NJW 1992, 1632; LAG Köln - 4 Sa 955/03 - vom 30.04.2004; LAG Köln - 4 Ta 277/02 - vom 10.10.2002). Die Kla­ge­frist des § 4 KSchG steht da­bei in ih­rer Be­deu­tung ei­ner Rechts­mit­tel­frist oder Rechts­mit­tel­be­gründungs­frist min­des­tens gleich (LAG Köln - 4 Ta 277/02 - vom 10.10.2002).

30

d. Ge­nau die­se Si­tua­ti­on, in der die Recht­spre­chung von dem An­walt ver­langt, den Lauf der Frist ei­genständig zu über­prüfen, lag bei Wie­der­vor­la­ge der Hand­ak­te am 09.04.2004 vor. Die Wie­der­vor­la­ge­frist des 09.04.2004 war ge­ra­de des­halb verfügt wor­den, weil der An­walt des Klägers zu­vor die späte­re Be­klag­te an­ge­schrie­ben und die­se mit Frist­set­zung bis zum 08.04.2004 zur Stel­lung­nah­me zu ei­nem außer­ge­richt­li­chen Ver­gleichs­vor­schlag auf­ge­for­dert hat­te. Die für den 09.04.2004 verfügte Wie­der­vor­la­ge dien­te al­so ge­ra­de da­zu, das nach Ab­lauf der der späte­ren Be­klag­ten ge­setz­ten Frist nun­mehr Er­for­der­li­che zu ver­an­las­sen. Ins­be­son­de­re bei ei­nem er­folg­lo­sen Frist­ab­lauf, wie er hier ge­ge­ben war, dien­te die Wie­der­vor­la­ge am 09.04.2004 so­mit da­zu, nun­mehr die Kla­ge­er­he­bung zu ver­an­las­sen. Ge­nau dies wird vom Be­schwer­deführer in der Be­schwer­de­be­gründung auch bestätigt. Auch wenn es sich bei dem 09.04.2004 wie­der­um um ei­nen Fei­er­tag, nämlich den Kar­frei­tag, han­del­te, hat der Be­schwer­deführer in sei­ner Be­schwer­de­be­gründung be­kräftigt, dass dem An­walt am 09.04.2004 die Hand­ak­te - ent­ge­gen der ge­gen­tei­li­gen Ver­mu­tung des Ar­beits­ge­richts - tatsächlich wie­der vor­ge­legt wor­den sei "und es wur­de in der Fol­ge­zeit die ers­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge er­stellt, die un­ter dem 15.04.2004 er­ho­ben wur­de." Die Wie­der­vor­la­ge der Hand­ak­te am 09.04.2004 stand so­mit so­wohl nach ih­rem vor­ge­se­he­nen Zweck als auch nach der tatsächli­chen Hand­ha­bung in un­mit­tel­ba­rem Zu­sam­men­hang mit der frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lung der Kla­ge­er­he­bung nach § 4 KSchG.

31

e. Letz­te­res würde aber auch selbst dann ge­gol­ten ha­ben, wenn es dem An­walt des Klägers zunächst noch dar­um ge­gan­gen wäre, even­tu­ell noch­mals fernmünd­lich mit der späte­ren Be­klag­ten Kon­takt auf­zu­neh­men und nach dem Grund der aus­ge­blie­be­nen Stel­lung­nah­me auf sei­nen Ver­gleichs­vor­schlag zu fra­gen. Auch dann hätte sich der Pro­zess­be­vollmäch­tig­te des Klägers auf­grund des fort­ge­schrit­te­nen Zeit­ab­laufs un­be­dingt darüber ver­ge­wis­sern müssen, wie viel Zeit ihm bis zum Ab­lauf der Drei-Wo­chen-Frist über­haupt noch zur Verfügung stünde, um die pro­zes­sua­le Kla­ge­frist ein­hal­ten zu können.

32

f. Die in der Be­schwer­de­be­gründung geäußer­te Rechts­auf­fas­sung des Kläger­ver­tre­ters, dass er sich anläss­lich der Wie­der­vor­la­ge der Hand­ak­te am 09.04.2004 hin­sicht­lich des Ab­laufs der Kla­ge­frist oh­ne ei­ge­ne Nach­prüfung auf die von der Büro­vor­ste­he­rin vor­ge­nom­me­ne Ein­tra­gung des Frist­ab­laufs auf dem Fris­ten­blatt der Hand­ak­te ha­be ver­las­sen können, wi­der­spricht so­mit der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung.

33

4. Zur Über­zeu­gung des Be­schwer­de­ge­richts trifft den Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten des Klägers je­doch noch ein wei­te­res Ver­schul­den, das eben­falls ei­ner nachträgli­chen Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge ent­ge­gen­steht. Das Be­schwer­de­ge­richt teilt nämlich nicht die An­sicht des Kläger­ver­tre­ters, dass die­ser die Er­mitt­lung des Ab­laufs der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist des § 4 KSchG über­haupt sei­nem Büro­per­so­nal über­las­sen durf­te.

34

a. Es geht da­bei nicht dar­um, dass ei­ne aus­ge­bil­de­te An­walts­ge­hil­fin nicht in der La­ge sein müss­te, ei­ne pro­zes­sua­le Drei-Wo­chen-Frist kor­rekt zu be­rech­nen. Des­halb geht auch der Ein­wand des Kläger­ver­tre­ters ins Lee­re, dass der von ihm be­auf­trag­ten Büro­vor­ste­he­rin bei der Be­rech­nung der Frist im en­ge­ren Sin­ne kein Feh­ler un­ter­lau­fen sein mag.

35

b. Maßge­bend ist viel­mehr zum ei­nen, dass es sich bei der Drei-Wo­chen- Frist des § 4 S. 1 KSchG nicht nur und nicht ein­mal in ers­ter Li­nie um ei­ne pro­zes­sua­le Frist han­delt, son­dern um ei­ne primär ma­te­ri­ell-recht­li­che Frist, de­ren Nicht­ein­hal­tung nicht nur das Un­ter­lie­gen in ei­nem Ge­richts­ver­fah­ren zur Fol­ge hat, son­dern, wie aus § 7 KSchG her­vor­geht, zu ei­nem un­mit­tel­ba­ren Rechts­ver­lust bei dem Man­dan­ten führt.

36

c. Zum an­de­ren ist maßge­bend, dass die Er­mitt­lung des Ab­laufs der drei- wöchi­gen Kla­ge­frist in ei­nem en­gen Zu­sam­men­hang mit der ur­ei­ge­nen Auf­ga­be des An­walts steht, bei der Über­nah­me ei­nes Man­dats den Sach­ver­halt zu er­mit­teln, den er zur sach­ge­rech­ten Rechts­ver­fol­gung ken­nen muss.

37

aa. Während bei den ty­pi­schen Pro­zess­fris­ten - ge­richt­li­che Schrift­satz­fris­ten; Ein­spruchs­fris­ten; Rechts­mit­tel­fris­ten; Rechts­mit­tel­be­gründungs- und Be­ant­wor­tungs­fris­ten usw. - die Fest­stel­lung des Frist­be­ginns re­gelmäßig auf ei­nem vom Ge­richt ver­an­lass­ten for­ma­len Akt be­ruht und von ge­schul­tem Büro­per­so­nal in der Re­gel leicht und in ei­ge­ner An­schau­ung fest­ge­stellt wer­den kann, hängt der Be­ginn des Laufs der Kla­ge­frist des § 4 KSchG von ei­nem Le­bens­vor­gang ab, der sich zwi­schen zwei Par­tei­en des pri­va­ten Rechts außer­halb der for­ma­li­sier­ten Sphäre ei­nes Ge­richts­ver­fah­rens ab­spielt, nämlich vom Zeit­punkt des Zu­gangs der rechts­geschäft­li­chen Kündi­gungs­erklärung des Ar­beit­ge­bers beim Ar­beit­neh­mer. Ge­ra­de des­halb liegt auch die po­ten­ti­el­le Haupt­feh­ler­quel­le bei der Er­mitt­lung des Ab­laufs der Kla­ge­frist des § 4 KSchG nicht in rei­nen Be­rech­nungs­fra­gen, son­dern bei der kor­rek­ten Er­mitt­lung des Frist­be­ginns.

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bb. Hier­bei können sich so­gar schon dif­fi­zi­le Rechts­fra­gen er­ge­ben, wie z.B. die Fra­ge, wann ein mit ein­fa­cher Post über­mit­tel­tes Kündi­gungs­schrei­ben ei­nem ur­laubs­ab­we­sen­den Ar­beit­neh­mer im Rechts­sin­ne zu­ge­gan­gen ist.

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cc. Ge­ra­de weil es dar­um geht, den Ab­lauf der dreiwöchi­gen Kla­ge­frist zu er­mit­teln, gehört die Fra­ge nach dem Zu­gang der Kündi­gungs­erklärung zu den un­ver­zicht­ba­ren Stan­dard­fra­gen des An­walts an den Man­dan­ten bei der Auf­nah­me ei­nes Kündi­gungs­schutz­man­dats. Schon bei der Auf­nah­me des Man­dats muss der An­walt sich Klar­heit darüber ver­schaf­fen, wie­viel Zeit zur Er­he­bung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge noch ver­bleibt, ob die 3-Wo­chen-Frist even­tu­ell so­gar schon ab­ge­lau­fen ist, ob vor Kla­ge­er­he­bung noch die Möglich­keit be­steht, in außer­ge­richt­li­che Ver­gleichs­ver­hand­lun­gen ein­zu­tre­ten etc.

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dd. Dies al­les gilt um so mehr, als nach der Neu­fas­sung des § 4 KSchG nicht nur die feh­len­de so­zia­le Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung, son­dern al­le Un­wirk­sam­keits­gründe in ei­ner drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gungs­erklärung zu er­he­ben­den Kla­ge gel­tend ge­macht wer­den müssen.

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d. In An­be­tracht der vor­ste­hend auf­ge­zeig­ten Gründe und ins­be­son­de­re in An­be­tracht des Um­stands, dass es für den An­walt schon bei Auf­nah­me des Man­dats un­erläss­lich ist, sich selbst über den Zeit­punkt des Ab­laufs der Kla­ge­frist Ge­wiss­heit zu ver­schaf­fen, scheint es nicht nur zu­mut­bar, son­dern ge­ra­de­zu na­he­lie­gend, die Er­mitt­lung des Ab­laufs der Drei-Wo­chen-Frist als ei­genständi­ge Auf­ga­be des An­walts selbst zu be­trach­ten. Es ist da­her be­reits als Or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des An­walts zu wer­ten, die für die wei­te­re Sach­be­ar­bei­tung in­ner­halb der Kanz­lei er­for­der­li­che Be­stim­mung der Frist des § 4 S. 1 KSchG zur ei­gen­ver­ant­wort­li­chen Er­le­di­gung dem Büro­per­so­nal zu über­tra­gen.

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e. Im vor­lie­gen­den Fall deu­tet die Aus­sa­ge des Kläger­ver­tre­ters in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 09.12.2004, er ha­be die Frist vom 08.04.2004 in dem außer­ge­richt­li­chen Schrei­ben vom 02.04.2004 be­wusst so gewählt, um die Kla­ge­frist vom 13.04.2004 ein­hal­ten zu können, dar­auf hin, dass der Kläger­ver­tre­ter sich bei Auf­nah­me des Man­dats tatsächlich be­reits Ge­dan­ken über den Frist­ab­lauf ge­macht und da­bei mit dem 13.04.2004 auch das zu­tref­fen­de Fris­ten­de er­mit­telt hat. Um so we­ni­ger er­scheint es verständ­lich, dass der Kläger­ver­tre­ter dann gleich­wohl für die wei­te­re Sach­be­ar­bei­tung in der Kanz­lei die An­ge­le­gen­heit sei­ner Büro­vor­ste­he­rin zur noch­ma­li­gen ei­genständi­gen Er­mitt­lung der Frist über­trug und sich im wei­te­ren oh­ne Über­prüfung auf das von der Büro­vor­ste­he­rin er­mit­tel­te Er­geb­nis ver­ließ.

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5. Selbst wenn man es aber ent­ge­gen der hier ver­tre­te­nen An­sicht als aus­rei­chend er­ach­ten würde, dass der An­walt im Man­dan­ten­gespräch le­dig­lich das zu­tref­fen­de Da­tum des Frist­be­ginns er­mit­telt und die­ses dann an sein Büro­per­so­nal zur wei­te­ren ei­genständi­gen Frist­be­rech­nung wei­ter­zu­ge­ben hätte, so träfe den Kläger­ver­tre­ter noch in ei­nem wei­te­ren Punkt ein Sorg­falts­ver­s­toß, der zur Nicht­ein­hal­tung der Frist ent­schei­dend bei­ge­tra­gen hat und ei­ner nachträgli­chen Zu­las­sung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge gemäß § 5 Abs. 1 S. 1 KSchG ent­ge­gen­steht. Der Kläger­ver­tre­ter hat es nämlich un­ter­las­sen, sei­nem Büro­per­so­nal ein kla­res Da­tum als Frist­be­ginn - et­wa den 22.03.2004 - vor­zu­ge­ben, son­dern sich auf die va­ge und Miss­verständ­nis­se begüns­ti­gen­de Ein­tra­gung "mon­tags drauf" auf dem Kündi­gungs­schrei­ben be­schränkt.

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An­ders, als wenn der An­walt das ge­naue Da­tum vor­ge­ge­ben hätte, wur­de es durch die No­tiz "mon­tags drauf" für die Büroan­ge­stell­te erst ein­mal not­wen­dig, auch das ge­naue Ka­len­der­da­tum des Frist­be­ginns noch selbständig zu er­mit­teln. Da­durch ent­stand ei­ne überflüssi­ge zusätz­li­che Feh­ler­quel­le, zu­mal die Büro­kraft erst am 30.03.2004 mit der Sa­che be­fasst wur­de und der kor­rek­te Nach­voll­zug des mit der No­tiz "mon­tags drauf" ge­mein­ten Da­tums ei­ne kon­zen­trier­te Be­ach­tung des Zu­sam­men­hangs mit dem Text der auf dem Kündi­gungs­schrei­ben be­find­li­chen Emp­fangs­bestäti­gung er­for­der­te.

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Hätte der An­walt da­ge­gen das Da­tum "22.03.2004" als Frist­be­ginn vor­ge­ge­ben, wäre es ei­ner er­fah­re­nen und mit Frist­be­rech­nun­gen ver­trau­ten An­walts­ge­hil­fin darüber­hin­aus im Zwei­fel schon al­lein an­hand der Zah­len auf den ers­ten Blick auf­ge­fal­len, dass der von ihr irrtümlich er­mit­tel­te 19.04.2004 be­zo­gen auf ei­nen Frist­be­ginn am 22.03.2004 nie­mals das En­de ei­ner Drei-Wo­chen-Frist sein kann.

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III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. 47

Ge­gen die­se Ent­schei­dung ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Ins­be­son­de­re ist die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de im Ver­fah­ren des § 5 KSchG nicht möglich (BAG, NZA 2002, 1228).

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(Dr. Czinc­zoll) 49

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