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BSG, Ur­teil vom 14.09.2010, B 7 AL 33/09 R

   
Schlagworte: Arbeitslosengeld, Sperrzeit, Arbeitsaufgabe, Arbeitnehmerkündigung
   
Gericht: Bundessozialgericht
Aktenzeichen: B 7 AL 33/09 R
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 14.09.2010
   
Leitsätze: Das Ziel der Erhaltung eines längeren Leistungsanspruchs auf Arbeitslosengeld bei Gesetzesänderung stellt jedenfalls dann keinen wichtigen Grund für die Lösung des Beschäftigungsverhältnisses dar, wenn keine beruflichen oder persönlichen Gründe hinzukommen und Härteregelungen durch Verkürzung der Sperrzeit einen angemessenen Ausgleich gewährleisten.
Vorinstanzen: Sozialgericht Mainz, Urteil vom 06.05.2008, S 3 AL 120/06
Landessozialgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 24.09.2009, L 1 AL 50/08
   

 

BUN­DESSO­ZIAL­GERICHT Ur­teil vom 14.9.2010, B 7 AL 33/09 R

 

Te­nor

Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Rhein­land-Pfalz vom 24. Sep­tem­ber 2009 auf­ge­ho­ben, so­weit die­ses das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Mainz vom 6. Mai 2008 geändert hat. In­so­weit wird die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des So­zi­al­ge­richts Mainz vom 6. Mai 2008 zurück­ge­wie­sen.

Außer­ge­richt­li­che Kos­ten des Be­ru­fungs- und Re­vi­si­ons­ver­fah­rens sind nicht zu er­stat­ten.

 

Tat­be­stand

Im Streit ist (noch), ob in der Zeit vom 31.1.2006 bis 20.2.2006 ei­ne Sperr­zeit ein­ge­tre­ten ist und ob der Kläger für die Zeit vom 1. bis 20.2.2006 ei­nen An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld (Alg) hat.

Der 1953 ge­bo­re­ne Kläger war seit 1968 bei der A GmbH & Co KG (Ar­beit­ge­be­rin) beschäftigt. Mit Schrei­ben vom 28.6.2005 kündig­te die Ar­beit­ge­be­rin das Ar­beits­verhält­nis aus be­triebs­be­ding­ten Gründen zum 31.1.2006. Die hier­ge­gen er­ho­be­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge nahm der Kläger im Fe­bru­ar 2006 zurück, nach­dem er sich mit der Ar­beit­ge­be­rin über die Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung in Höhe von 5500 Eu­ro so­wie die Zah­lung ei­ner Treue­prämie ge­ei­nigt hat­te.

Zu­vor hat­te er mit Schrei­ben vom 27.1.2006 sein Ar­beits­verhält­nis zum 30.1.2006 gekündigt, um der Verkürzung sei­nes Alg-An­spruchs von 26 auf 12 Mo­na­te auf Grund ei­ner am 1.2.2006 wirk­sam wer­den­den Ände­rung des § 127 So­zi­al­ge­setz­buch Drit­tes Buch - Ar­beitsförde­rung - (SGB III) zu ent­ge­hen. Die Be­klag­te, bei der sich der Kläger am 3.11.2005 ar­beits­los ge­mel­det hat­te, stell­te den Ein­tritt ei­ner - we­gen der oh­ne­dies in­ner­halb von sechs Wo­chen en­den­den Beschäfti­gung - auf drei Wo­chen verkürz­ten Sperr­zeit vom 31.1. bis 20.2.2006 fest, weil der Kläger sein Beschäfti­gungs­verhält­nis oh­ne wich­ti­gen Grund gelöst ha­be; außer­dem lehn­te sie die Gewährung von Alg für die Dau­er der Sperr­zeit ab und be­wil­lig­te dem Kläger erst ab 21.2.2006 Alg für (ei­ne Dau­er von) 780 Ka­len­der­ta­gen, die sich al­ler­dings um die 21 Ta­ge der Sperr­zeit min­de­re (Be­schei­de vom 7. und 8.2.2006; Wi­der­spruchs­be­scheid vom 28.2.2006). Seit 1.4.2006 ist der Kläger wie­der ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäftigt.

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Das So­zi­al­ge­richt (SG) Mainz hat die auf Auf­he­bung der Sperr­zeit und Zah­lung von Alg für die Zeit vom 31.1. bis 20.2.2006 ge­rich­te­te Kla­ge ab­ge­wie­sen (Ur­teil vom 6.5.2008). Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) Rhein­land-Pfalz hat die­ses Ur­teil auf die Be­ru­fung des Klägers geändert; die Verfügung über die Sperr­zeit hat es auf­ge­ho­ben, die Be­klag­te zur "Gewährung" von Alg aber nur für die Zeit vom 1. bis 20.2.2006 ver­ur­teilt und im Übri­gen - hin­sicht­lich der Zah­lung von Alg für den 31.1.2006 - die Be­ru­fung zurück­ge­wie­sen (Ur­teil vom 24.9.2009). Zur Be­gründung sei­ner Ent­schei­dung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, dem Kläger ha­be für die Vor­ver­la­ge­rung des Beschäfti­gungs­en­des ein wich­ti­ger Grund zur Sei­te ge­stan­den, weil er sich so auf Grund der Über­g­angs­re­ge­lung des § 434l Abs 1 SGB III iVm § 127 Abs 1 und 2 SGB III in der bis zum 31.12.2003 gel­ten­den Fas­sung ei­nen länge­ren Alg-An­spruch ha­be er­hal­ten können. Am 31.1.2006 ha­be sein An­spruch we­gen der ge­zahl­ten Ab­fin­dung ge­ruht.

Mit der Re­vi­si­on rügt die Be­klag­te ei­ne Ver­let­zung des § 144 SGB III. Zur Be­gründung führt sie aus, der Kläger könne sich auf ei­nen wich­ti­gen Grund für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses nicht be­ru­fen. Denn bei Abwägung sei­ner In­di­vi­dual­in­ter­es­sen mit dem Zweck der Sperr­zeit­re­ge­lung, die Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ge­gen Ri­si­kofälle zu schützen, de­ren Ein­tritt der Ver­si­cher­te selbst zu ver­tre­ten ha­be, sei ihm die Hin­nah­me der Kündi­gung sei­ner Ar­beit­ge­be­rin zum 31.1.2006 zu­mut­bar ge­we­sen. Ein wich­ti­ger Grund für die Kündi­gung er­ge­be sich we­der aus persönli­chen noch aus be­ruf­li­chen Gründen. Wol­le der Kläger durch die vom ihm gewähl­te ar­beits­recht­li­che Ge­stal­tungsmöglich­keit in den Ge­nuss des Vor­teils der länge­ren Alg-An­spruchs­dau­er kom­men, müsse er auch die an­de­re - ne­ga­ti­ve - Sei­te die­ser Ge­stal­tungsmöglich­keit, nämlich den Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit, ak­zep­tie­ren. Der ge­ringfügi­ge Nach­teil (drei Wo­chen Sperr­zeit) sei im Verhält­nis zu dem hier­aus fol­gen­den Vor­teil (Verlänge­rung der An­spruchs­dau­er um 14 Mo­na­te) nicht un­verhält­nismäßig.

Die Be­klag­te be­an­tragt,

un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung des Klägers das Ur­teil des LSG auf­zu­he­ben, so­weit die­ses das Ur­teil des SG geändert hat.

Der Kläger be­an­tragt,

die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.

Er hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für zu­tref­fend.

Ent­schei­dungs­gründe

Die zulässi­ge Re­vi­si­on ist be­gründet (§ 170 Abs 2 Satz 1 So­zi­al­ge­richts­ge­setz <SGG>). Das LSG hat zu Un­recht den Be­scheid der Be­klag­ten über den Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit für die Zeit vom 31.1. bis 20.2.2006 auf­ge­ho­ben und die Be­klag­te zur Zah­lung von Alg für die Zeit vom 1. bis 20.2.2006 ver­ur­teilt.

Ge­gen­stand des Ver­fah­rens (§ 95 SGG) sind die Verfügun­gen der Be­klag­ten vom 7.2.2006 be­tref­fend den Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit so­wie über die Ab­leh­nung der Zah­lung von Alg für den be­zeich­ne­ten Zeit­raum. In­so­weit bil­den der Sperr­zeit­be­scheid vom 7.2.2006 und der Be­wil­li­gungs­be­scheid vom 8.2.2006, bei­de in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­scheids vom 28.2.2006, ei­ne Ein­heit (stRspr; vgl

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nur BS­GE 84, 225 ff = SozR 3-4100 § 119 Nr 17). Ob in dem Sperr­zeit­be­scheid als ei­genständi­ge Verfügung (Ver­wal­tungs­akt) iS des § 31 Zehn­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch - So­zi­al­ver­wal­tungs­ver­fah­ren und So­zi­al­da­ten­schutz - (SGB X) zu­dem die Min­de­rung der An­spruchs­dau­er an­ge­ord­net und auch die­se Ge­gen­stand des Ver­fah­rens ist, be­darf we­gen der Kla­ge­ab­wei­sung ins­ge­samt ge­gen den Be­scheid vom 7.2.2006 kei­ner Ent­schei­dung. Ver­steht man die be­zeich­ne­te Min­de­rung als ei­genständi­gen Ver­wal­tungs­akt in­ner­halb des Be­scheids, wäre die­ser eben­so rechtmäßig wie die Fest­stel­lung der Sperr­zeit; denn die Sperr­zeit min­dert die An­spruchs­dau­er - wie von der Be­klag­ten im Be­scheid an­ge­nom­men - gemäß § 128 Abs 1 Nr 4 SGB III (in der Norm­fas­sung des Fünf­ten Ge­set­zes zur Ände­rung des SGB III und an­de­rer Ge­set­ze vom 22.12.2005 - BGBl I 3676) um 21 Ta­ge.

Gemäß § 144 Abs 1 Satz 1, Abs 3 Satz 2 Nr 1 SGB III (eben­falls in der Fas­sung, die die Norm durch das Fünf­te Ge­setz zur Ände­rung des SGB III und an­de­rer Ge­set­ze er­hal­ten hat) ist vor­lie­gend ei­ne Sperr­zeit von (nur) drei Wo­chen ein­ge­tre­ten; dies ent­spricht gemäß § 339 SGB III 21 Ta­gen (Leit­he­rer in Ei­cher/Schle­gel, SGB III, § 339 Rd­Nr 37, Stand Ja­nu­ar 2005). Der An­spruch des Klägers ruht für die Dau­er der Sperr­zeit, weil der Kläger nach den tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen des LSG (§ 163 SGG) durch sei­ne Kündi­gung vom 27.1.2006 zum 30.1.2006 das (noch be­ste­hen­de) Beschäfti­gungs­verhält­nis gelöst und da­durch vorsätz­lich die Ar­beits­lo­sig­keit her­bei­geführt hat, oh­ne dafür ei­nen wich­ti­gen Grund zu ha­ben. Al­ler­dings ist - wie von der Be­klag­ten an­ge­nom­men - nur ei­ne Sperr­zeit von drei statt ei­ner Re­gel­sperr­zeit von zwölf Wo­chen ein­ge­tre­ten. Nach § 144 Abs 3 Satz 2 Nr 1 SGB III verkürzt sich nämlich die Sperr­zeit, wenn das Ar­beits­verhält­nis in­ner­halb von sechs Wo­chen nach dem Er­eig­nis, das die Sperr­zeit be­gründet, oh­ne ei­ne Sperr­zeit ge­en­det hätte, wie dies auf Grund der be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung durch die Ar­beit­ge­be­rin zum 31.1.2006 (ei­nen Tag später) der Fall ge­we­sen wäre. Dass in die­ser Re­ge­lung ei­gent­lich das Beschäfti­gungs-, nicht das Ar­beits­verhält­nis ge­meint ist (vgl Hen­ke in Ei­cher/Schle­gel, SGB III, § 144 Rd­Nr 491, Stand Sep­tem­ber 2006), ist vor­lie­gend oh­ne Be­deu­tung, weil das En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses auch das En­de des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses dar­ge­stellt hätte. Die zen­tra­le Fra­ge für al­le ein­ge­tre­te­nen Rechts­fol­gen ist die nach dem Vor­lie­gen ei­nes wich­ti­gen Grunds; die­sen hat die Be­klag­te zu Recht ver­neint.

Der wich­ti­ge Grund ist nach der stRspr des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) un­ter Berück­sich­ti­gung von Sinn und Zweck der Sperr­zeit­re­ge­lung, die Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ty­pi­sie­rend ge­gen Ri­si­kofälle zu schützen, de­ren Ein­tritt der Ver­si­cher­te selbst zu ver­tre­ten hat oder de­ren Be­he­bung er un­be­gründet un­terlässt, zu be­stim­men (vgl nur BS­GE 84, 225, 230 mwN = SozR 3-4100 § 119 Nr 17 S 81; BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 15 S 64 mwN); die Sperr­zeit greift da­bei Ob­lie­gen­heits­ver­let­zun­gen des Ver­si­cher­ten auf (vgl nur BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 14 S 58 f). Ein wich­ti­ger Grund liegt nach der stRspr des BSG - ver­ein­facht for­mu­liert - vor, wenn dem Ar­beits­lo­sen un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung sei­ner In­ter­es­sen mit de­nen der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ein an­de­res Ver­hal­ten nicht zu­ge­mu­tet wer­den konn­te (vgl Voelz­ke in Kas­se­ler Hand­buch des Ar­beitsförde­rungs­rechts, 2003, § 12 Rd­Nr 337 mwN; Co­se­riu in Ei­cher/Schle­gel, aaO, § 144 Rd­Nr 167 ff, Stand Ju­ni 2010). Al­ler­dings ist die­se all­ge­mei­ne Um­schrei­bung da­hin zu kon­kre­ti­sie­ren, dass es sich um Umstände han­deln muss, die sich auf die Fort­set­zung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses be­zie­hen (BS­GE 21, 205, 207 = SozR Nr 3 zu § 80 AVAVG Bl Ba3 Rücks; BS­GE 43, 269, 271 = SozR 4100 § 119 Nr 2 S 4; BS­GE 52, 276, 277 = SozR 4100 § 119 Nr 17 S 80 f; Marx, Ab­spra­chen der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en zur Ver­mei­dung ei­ner Sperr­zeit gemäß § 144 SGB III, 2008, S 55 f), die nach der his­to­ri­schen Ent­wick­lung der

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Sperr­zeit­re­ge­lun­gen grundsätz­lich ent­we­der der be­ruf­li­chen oder der persönli­chen Sphäre des Ar­beit­neh­mers ent­sprin­gen müssen.

Die heu­ti­ge Sperr­zeit­re­ge­lung geht auf die Re­ge­lun­gen der §§ 78, 80 des Ge­set­zes über Ar­beits­ver­mitt­lung und Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung (AVAVG) zurück. In­so­weit ent­hielt § 78 Abs 2 AVAVG ei­ne aus­drück­li­che Auf­lis­tung be­rech­tig­ter Gründe für die Auf­ga­be der Ar­beits­stel­le, die al­le­samt der be­ruf­li­chen Sphäre ent­spran­gen; da­ne­ben wa­ren (nur) wich­ti­ge Gründe nach § 80 Abs 1 Satz 1 AVAVG in An­leh­nung an die all­ge­mei­nen ar­beits­recht­li­chen Vor­schrif­ten zu prüfen (vgl im Ein­zel­nen: Kühl, Die Sperr­zeit bei Ar­beits­auf­ga­be, 2007, S 124 ff; Voelz­ke in Kas­se­ler Hand­buch des Ar­beitsförde­rungs­rechts, 2003, § 12 Rd­Nr 337 ff). Mit In­kraft­tre­ten des Ar­beitsförde­rungs­rechts (AFG) wur­de die Un­ter­schei­dung zwi­schen be­rech­tig­tem und wich­ti­gem Grund zwar auf­ge­ge­ben und durch ei­ne ver­all­ge­mei­nern­de Ge­ne­ral­klau­sel er­setzt (vgl Kühl, aaO, S 126 mwN), und das Ar­beitsförde­rungs-Re­form­ge­setz (AFRG) hat mit § 144 SGB III in­halt­lich oh­ne we­sent­li­che Ände­rung die Re­ge­lung des § 119 AFG über­nom­men (Kühl, aaO); trotz der mit der ge­genüber dem AVAVG für wei­te­re Fall­ge­stal­tun­gen of­fe­nen Neu­re­ge­lung durch das AFG bzw das SGB III bleibt je­doch wei­ter­hin Be­zugs­punkt für die Be­ur­tei­lung der Zu­mut­bar­keit das Beschäfti­gungs­verhält­nis selbst.

Vor­lie­gend war die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses durch den Kläger ein­zig und al­lein da­durch mo­ti­viert, dass er durch ei­ne Vor­ver­la­ge­rung des Beschäfti­gungs­en­des güns­ti­ge­re Rechts­fol­gen für sei­nen ent­ste­hen­den Alg-An­spruch her­beiführen woll­te. Gemäß § 434l Abs 1 SGB III konn­te sich der Kläger nämlich auf die­se Wei­se we­gen des An­spruch­ser­werbs auf Alg vor dem 1.2.2006 ei­nen (länge­ren) Alg-An­spruch von 26 Mo­na­ten nach dem bis 31.1.2006 gel­ten­den § 127 SGB III ge­genüber der ab 1.2.2007 gel­ten­den Neu­re­ge­lung (12 Mo­na­te) durch das Ge­setz zu Re­for­men am Ar­beits­markt vom 24.12.2003 (BGBl I 3002) er­hal­ten.

Ob die­se Verkürzung der An­spruchs­dau­er - auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Über­g­angs­vor­schrift des § 434r SGB III - ver­fas­sungs­wid­rig ist, kann of­fen blei­ben (vgl da­zu auch das Se­nats­ur­teil vom 14.9.2010 - B 7 AL 23/09 R - zur Veröffent­li­chung in SozR vor­ge­se­hen); nicht be­ant­wor­tet wer­den muss auch die Fra­ge, ob Ge­sichts­punk­te, die außer­halb der be­ruf­li­chen wie auch der persönli­chen Sphäre lie­gen und wirt­schaft­li­cher Na­tur sind, zu­min­dest dann beim wich­ti­gen Grund Berück­sich­ti­gung fin­den müssen, wenn die An­wen­dung des § 144 SGB III an­sons­ten zu ei­ner un­verhält­nismäßigen Rechts­be­ein­träch­ti­gung führen würde. Je­den­falls gilt dies dann nicht, wenn - wie hier - zu rein wirt­schaft­li­chen As­pek­ten kei­ne mit der Be­rufs­sphäre ver­bun­de­nen oder sons­ti­gen persönli­chen Gründe hin­zu­tre­ten, die die Fort­set­zung der Beschäfti­gung un­zu­mut­bar ma­chen, und die Rechts­fol­gen, die sich aus der Ei­genkündi­gung des Klägers er­ge­ben, die­sen je­den­falls nicht un­verhält­nismäßig tref­fen.

Mit § 144 SGB III hat der Ge­setz­ge­ber ei­ne ty­pi­sie­ren­de und pau­scha­lie­ren­de Re­ge­lung ge­trof­fen, mit der er ua deut­lich macht, dass sich ein Ar­beit­neh­mer prin­zi­pi­ell nicht an der Lösung sei­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses be­tei­li­gen soll. Zu­min­dest dies be­legt die nicht ganz ge­lun­ge­ne For­mu­lie­rung (vgl Ei­cher, SGb 2005, 553), dass die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses (be­reits) ein ver­si­che­rungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten sei; nur aus­nahms­wei­se soll kei­ne Sperr­zeit ein­tre­ten, wenn ein wich­ti­ger Grund vor­liegt. Ein sol­cher kann aber je­den­falls nicht an­ge­nom­men wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer sein Beschäfti­gungs­verhält­nis nur löst, um sich für ihn güns­ti­ge­re ar­beitsförde­rungs­recht­li­che Rechts­fol­gen zu er­hal­ten, die sich aus der Lösung, al­so dem (nor­ma­tiv) ver­si­che­rungs­wid­ri­gen Ver­hal­ten,

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er­ge­ben­den Rechts­fol­gen je­doch nicht so gra­vie­rend sind, dass sie ihn un­verhält­nismäßig tref­fen. Da­bei spielt bei der von § 144 SGB III gewähl­ten Ty­pi­sie­rung und Pau­scha­lie­rung kei­ne Rol­le, ob bzw wann das Beschäfti­gungs­verhält­nis oh­ne­dies ge­en­det hätte; denn nach der stRspr des BSG hat die Sperr­zeit­re­ge­lung we­der Straf­cha­rak­ter noch ist sie ein pau­scha­lier­ter Scha­dens­aus­gleich (BS­GE 84, 225, 230 = SozR 3-4100 § 119 Nr 17 S 81; BSG SozR 4-4300 § 144 Nr 7 Rd­Nr 12). Die­sem Ge­sichts­punkt wird viel­mehr hin­rei­chend durch die Härte­re­ge­lun­gen des § 144 Abs 3 SGB III mit der Verkürzung der Sperr­zeit Rech­nung ge­tra­gen. Hier­zu hat das BSG be­reits ent­schie­den, dass es aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Gründen un­ter Berück­sich­ti­gung der Ziel­set­zung des § 144 SGB III nicht er­for­der­lich ist, die Drei­wo­chen­frist wei­ter zu verkürzen, wenn das En­de des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses um we­ni­ger als drei Mo­na­te - wie vor­lie­gend - vor­ver­la­gert wur­de (BSG SozR 4-4300 § 144 Nr 7 Rd­Nr 13; vgl im Ein­zel­nen Hen­ke in Ei­cher/Schle­gel, SGB III, § 144 Rd­Nr 497, Stand Sep­tem­ber 2006).

Dem An­lie­gen des Klägers (Er­hal­tung ei­nes länge­ren Alg-An­spruchs) wird hin­rei­chend durch die­se Re­ge­lung Rech­nung ge­tra­gen. Dies gilt um­so mehr, als der Kläger das Beschäfti­gungs­verhält­nis auf die rei­ne Möglich­keit hin gelöst hat, dass er ge­genüber der Neu­re­ge­lung ei­nen länge­ren Alg-An­spruch auch benötig­te. Dass bzw ob dies der Fall sein würde, al­so der Kläger in­di­vi­du­ell durch die Neu­re­ge­lung über­haupt persönlich be­trof­fen würde bzw noch wer­den kann, war zum Zeit­punkt der Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses nicht ab­seh­bar; im­mer­hin ist der Kläger be­reits seit 1.4.2006 wie­der­um in ei­nem Beschäfti­gungs­verhält­nis. Zu Recht weist die Be­klag­te dar­auf hin, dass der Kläger, wenn er sich die Möglich­keit er­hal­ten will, nach dem älte­ren Recht für länge­re Zeit Alg zu be­zie­hen (26 statt 12 Mo­na­te), auch die da­mit ver­bun­de­nen Nach­tei­le in Kauf neh­men muss, die dar­in be­ste­hen, dass sein Alg-An­spruch für die ers­ten 21 Ta­ge ruht und sich um die ent­spre­chen­de An­zahl von Ta­gen min­dert.

 

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