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BAG, Ur­teil vom 28.07.2020, 1 AZR 590/18

   
Schlagworte: Behinderung, Diskriminierung: Behinderung, Diskriminierung: Mittelbar, Diskriminierungsverbote: Behinderung, Sozialplan
   
Gericht: Bundesarbeitsgericht
Aktenzeichen: 1 AZR 590/18
Typ: Urteil
Entscheidungsdatum: 28.07.2020
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 17.01.2018, 9 Ca 5075/17,
Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 13.09.2018, 6 Sa 150/18
   

BUN­DES­AR­BEITS­GERICHT

1 AZR 590/18
6 Sa 150/18
Lan­des­ar­beits­ge­richt
Köln

Im Na­men des Vol­kes!

Verkündet am
28. Ju­li 2020

UR­TEIL

Met­ze, Ur­kunds­be­am­ter
der Geschäfts­stel­le

In Sa­chen

 

Be­klag­te, Be­ru­fungs­be­klag­te, Be­ru­fungskläge­rin und Re­vi­si­onskläge­rin,

 

pp.

 

Kläger, Be­ru­fungskläger, Be­ru­fungs­be­klag­ter und Re­vi­si­ons­be­klag­ter,

 

hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 28. Ju­li 2020 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt K. Schmidt und Dr. Ah­rendt so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schwit­zer und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Prof. Dr. Ro­se für Recht er­kannt:

 

- 2 -

 

    1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 13. Sep­tem­ber 2018 - 6 Sa 150/18 - wird mit der Maßga­be zurück­ge­wie­sen, dass die Zin­sen auf den Be­trag iHv. 60.281,01 Eu­ro brut­to seit dem 1. Ju­li 2017 zu zah­len sind.
    2. Die Be­klag­te hat die Kos­ten der Re­vi­si­on zu tra­gen

 

Von Rechts we­gen!

 

Tat­be­stand

 

Die Par­tei­en strei­ten zu­letzt noch über die Höhe ei­ner So­zi­al­plan­ab­fin­dung.

Der am 6. Ju­li 1957 ge­bo­re­ne Kläger ist schwer­be­hin­der­ter Mensch und war seit dem 25. Fe­bru­ar 1992 bei der Be­klag­ten in de­ren Be­trieb in P beschäf­tigt. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te auf­grund Kündi­gung der Be­klag­ten am 30. Ju­ni 2017.

2

Im Hin­blick auf die Sch­ließung des Stand­orts P be­schloss die Ei­ni­gungs­stel­le am 16. Sep­tem­ber 2016 ei­nen So­zi­al­plan (SP), des­sen Ab­schnitt B - So­zi­al­plan­leis­tun­gen - un­ter § 2 (Be­mes­sung der in­di­vi­du­el­len So­zi­al­plan­leis­tun­gen) aus­zugs­wei­se lau­tet:

1. Ab­fin­dun­gen

Ab­fin­dun­gen er­hal­ten an­spruchs­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer, die

(1) aus dem Ar­beits­verhält­nis mit W endgültig aus­schei­den, weil ... 
(2) Ar­beit­neh­mer, die zum Stich­tag 31.03.2017 das 59. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben und auf­grund der Kündi­gung we­gen der Be­triebsände­rung aus dem Ar­beits­verhält­nis bei der W aus­schei­den, weil

- sie kein An­ge­bot gemäß ... er­hal­ten oder

- ein sol­ches An­ge­bot er­hal­ten, aber ab­leh­nen.

 

- 3 -

(3)   Al­le an­de­ren Ar­beit­neh­mer ...

...“

 

3

Die von Ab­schn. B § 2 Ziff. 1 (2) SP er­fass­ten an­spruchs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer er­hal­ten nach Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP als Ab­fin­dung „ei­ne Zah­lung in Höhe ei­nes fik­ti­ven Dif­fe­renz­be­tra­ges“. Zu die­sem heißt es un­ter Ab-schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP:

„Für je­den Ar­beit­neh­mer wer­den die Be­zugs­größen

(1) Da­tum des re­gulären Ren­ten­ein­tritts,
(2) Da­tum des frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritts,
(3) 85 % des Brut­to­jah­res­ge­halts (Brut­to­mo­nats­ge­halt x 12),
(4) fik­ti­ver Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruch (ALG Mo­nat x Be­zugs­dau­er, pau­schal er­mit­telt),
(5) An­zahl Jah­re zwi­schen recht­li­cher Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und re­gulärem Ren­ten­ein­tritt (Vol­le Mo­na­te : 12 mit zwei Nach­kom­ma­stel­len),
(6) An­zahl Jah­re zwi­schen dem frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt und dem re­gulären Ren­ten­ein­tritt (Vol­le Mo­na­te : 12 mit zwei Nach­kom­ma­stel­len),
(7) An­zahl Jah­re zwi­schen recht­li­cher Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und frühestmögli­chem Ren­ten­ein­tritt (Vol­le Mo­na­te : 12 mit zwei Nach­kom­ma­stel­len),

[...]

Die Be­rech­nungs­for­mel des fik­ti­ven Dif­fe­renz­be­tra­ges lau­tet:

85 % des Brut­to­jah­res­ge­halts x An­zahl Jah­re zwi­schen recht­li­cher Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und frü­hestmögli­chen Ren­ten­ein­tritts abzügl. fik­ti­ver Ar­beits­lo­sen-geld­an­spruch ((3) x (7) - (4))

zzgl.

An­zahl Jah­re zwi­schen dem frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt und dem re­gulären Ren­ten­ein­tritt x 12 x 230 EU­RO ((6) x 12 x 230 EU­RO)

zzgl.

ei­nes pau­scha­len Ab­fin­dungs­be­trags für an­er­kann­te Schwer­be­hin­der­te (GdB mind. 50 %) und Gleich­ge­stell­te

 

- 4 -

(GdB mind. 30 % und Gleich­stel­lungs­be­scheid) in Höhe von 1.000,00 EU­RO für je­de im Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des In­ter­es­sen­aus­gleichs fest­ge­stell­te und der W zu die­sem Zeit­punkt nach­ge­wie­se­ne vol­le 10 % GdB.

Die maßgeb­li­chen Wer­te und Be­rech­nun­gen für die ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer er­ge­ben sich aus der als AN­LA­GE 5 bei­gefügten Ta­bel­le.

…“

4

Die nach Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.6 SP in der „Höchst­sum­me ... pro Ar­beit­neh­mer“ auf ei­nen Ma­xi­mal­be­trag iHv. 100.000,00 Eu­ro be­grenz­ten So­zi­al­plan-leis­tun­gen sind nach Ab­schn. B § 4 Abs. 1 Satz 1 SP frühes­tens „zum Zeit­punkt der recht­li­chen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ... fällig“. Nach Ab­schn. B § 7 Satz 1 SP müssen „Ansprüche aus die­sem So­zi­al­plan ... bin­nen ei­ner Aus­schluss­frist von 3 Mo­na­ten nach Fällig­keit schrift­lich je­weils bei der an­de­ren Ar­beits­ver­trags­par­tei gel­tend ge­macht wer­den“.

5

Die Be­klag­te er­mit­tel­te für den un­ter Ab­schn. B § 2 Ziff. 1 (2) SP fal­len­ den Kläger un­ter Berück­sich­ti­gung des pau­scha­len Ab­fin­dungs­be­trags für aner­kann­te Schwer­be­hin­der­te iHv. 5.000,00 Eu­ro iSv. Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP und ei­nes frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritts nach § 236a Abs. 2 Satz 2 SGB VI bei der Al­ters­ren­te für schwer­be­hin­der­te Men­schen ei­ne Ab­fin­dung iHv. ins­ge­samt 39.718,99 Eu­ro. Läge der Be­rech­nung ein frühestmögli­cher Ren­ten­be­ginn oh­ne Schwer­be­hin­de­rung zu­grun­de, ergäbe sich für den Kläger un­ter Berück­sich­ti­gung von Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.6 SP ei­ne Ab­fin­dung iHv. 100.000,00 Eu­ro.

6

Der Kläger hat mit sei­ner der Be­klag­ten am 8. Sep­tem­ber 2017 zu­ge­stell­ten Kla­ge die Zah­lung des Dif­fe­renz­be­trags nebst Zin­sen gel­tend ge­macht. Er hat die An­sicht ver­tre­ten, die Re­ge­lung in Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP be­wir­ke ei­ne nicht ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gung we­gen sei­ner Schwer­be­hin­de­rung. Bei der Be­rech­nung der Ab­fin­dung sei der Be­zugs­größe „frühestmögli­cher Ren­ten­ein­tritt“ das frühestmögli­che Ren­ten­ein­tritts­al­ter für nicht schwer­be­hin­der­te Men­schen zu­grun­de zu le­gen.

 

- 5 -

7

Der Kläger hat - so­weit für die Re­vi­si­on noch von Be­deu­tung - be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 60.281,01 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen iHv. fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. April 2017 zu zah­len.

8
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. 9

So­weit für die Re­vi­si­on von Be­deu­tung hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Auf die Be­ru­fung des Klägers hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ihr statt­ge­ge­ben. Mit ih­rer Re­vi­si­on be­gehrt die Be­klag­te die Wie­der­her­stel­lung der erst-in­stanz­li­chen Ent­schei­dung.

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Ent­schei­dungs­gründe

 

Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist - bis auf den ti­tu­lier­ten Zins­an­spruch - un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge zu Recht statt­ge­ge­ben. Es hat zu­tref­fend an­ge­nom­men, dass die in Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP ge­re­gel­te Aus­ge­stal­tung der So­zi­al­plan­ab­fin­dung für schwer­be­hin­der­te Men­schen wie den Kläger ge­gen § 75 Abs. 1 Be­trVG verstößt. Das führt da­zu, dass der Kläger ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner wei­te­ren Ab­fin­dung in der gel­tend ge­mach­ten Höhe hat. Zin­sen hier­auf kann er al­ler­dings erst ab dem 1. Ju­li 2017 be­an­spru­chen.

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I. Dem Kläger steht der gel­tend ge­mach­te wei­te­re Ab­fin­dungs­an­spruch nach dem SP iVm. dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs-grund­satz nach § 75 Abs. 1 Be­trVG zu.

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1. Er un­terfällt dem Gel­tungs­be­reich des SP und gehört zu den nach Ab­schn. B § 2 Ziff. 1 (2) SP an­spruchs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern, de­ren Ab­fin­dung sich nach Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP be­rech­net. Darüber strei­ten die Par­tei­en nicht.

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2. Die in Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP nie­der­ge­leg­te Be­rech­nung der So­zi­al­plan­ab­fin­dung verstößt ge­gen § 75 Abs. 1 Be­trVG.

 

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a) So­zi­alpläne un­ter­lie­gen, wie an­de­re Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, der ge­richt­li­chen Rechtmäßig­keits­kon­trol­le. Sie sind dar­auf­hin zu über­prüfen, ob sie mit höher­ran­gi­gem Recht, wie ins­be­son­de­re dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nach § 75 Abs. 1 Be­trVG, ver­ein­bar sind. Bei ei­ner Ent­schei­dung der Ei­ni­gungs­stel­le über die Auf­stel­lung ei­nes So­zi­al­plans gilt kein an­de­rer Prüfungs­maßstab. Die Ei­ni­gungs­stel­le ist bei der Er­mes­sens­ausübung nach § 76 Abs. 5 Satz 3 Be­trVG an die Grundsätze des § 75 Abs. 1 Be­trVG und im Fall der Auf­stel­lung ei­nes So­zi­al­plans zu­dem an die Vor­ga­ben des § 112 Abs. 5 Be­trVG ge­bun­den (BAG 6. Mai 2003 - 1 ABR 11/02 - zu B II 2 a der Gründe, BA­GE 106, 95).

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b) Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat ha­ben nach § 75 Abs. 1 Be­trVG darüber zu wa­chen, dass je­de Be­nach­tei­li­gung von Per­so­nen aus den in der Vor­schrift ge­nann­ten Gründen un­ter­bleibt. § 75 Abs. 1 Be­trVG enthält nicht nur ein Über­wa­chungs­ge­bot, son­dern ver­bie­tet zu­gleich Ver­ein­ba­run­gen, durch die Ar­beit­neh­mer auf­grund der dort auf­geführ­ten Merk­ma­le be­nach­tei­ligt wer­den. Der Ge­setz­ge­ber hat die in § 1 AGG ge­re­gel­ten Be­nach­tei­li­gungs­ver­bo­te in § 75 Abs. 1 Be­trVG über­nom­men. Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Be­triebs­an­gehöri­gen aus ei­nem in § 1 AGG ge­nann­ten Grund ist da­her nur un­ter den im AGG nor­mier­ten Vor­aus­set­zun­gen zulässig (BAG 9. De­zem­ber 2014 - 1 AZR 102/13 - Rn. 19, BA­GE 150, 136).

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c) Hier­von aus­ge­hend wird der Kläger durch die Re­ge­lun­gen zur Höhe der Ab­fin­dung in Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP ent­ge­gen den Vor­ga­ben des § 75 Abs. 1 Be­trVG we­gen sei­ner (Schwer-)Be­hin­de­rung be­nach­tei­ligt.

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aa) Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP, wo­nach bei der Be­rech­nung des als Ab­fin­ dung zu zah­len­den fik­ti­ven Dif­fe­renz­be­trags (in ei­nem ers­ten Teil) auf den „frü­hestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt“ als ei­ne die Höhe der Ab­fin­dung be­stim­men­de Be­zugs­größe ab­ge­stellt wird, enthält ei­ne mit­tel­bar auf dem Kri­te­ri­um der Be­hin­de­rung be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung.

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(1) Der Se­nat hat be­reits ent­schie­den, dass ei­ne in ei­nem So­zi­al­plan zur Be­rech­nung der Ab­fin­dung ent­hal­te­ne Be­stim­mung, wo­nach die Ab­fin­dungshöhe

 

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für den Um­fang der Ab­si­che­rung auf den Zeit­raum bis zum frühestmögli­chen Wech­sel der Ar­beit­neh­mer in die ge­setz­li­che Ren­te Be­zug nimmt, ei­ne mit­tel­bar auf dem Kri­te­ri­um der Be­hin­de­rung be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung dar­stellt (BAG 16. Ju­li 2019 - 1 AZR 842/16 - Rn. 12; vgl. auch EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] Rn. 57 ff.). Denn schwer­be­hin­der­te Men­schen können ge­mäß § 236a Abs. 1 Satz 2 SGB VI zu ei­nem frühe­ren Zeit­punkt Al­ters­ren­te vor­zei­tig in An­spruch neh­men als nicht schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer. Auch die un­ter Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP nie­der­ge­leg­te For­mel zur Be­rech­nung der Ab-fin­dung legt (in ih­rem ers­ten Teil) ei­nen Fak­tor zu­grun­de, des­sen Höhe sich nach dem Dif­fe­renz­zeit­raum zwi­schen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und dem „frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt“ be­stimmt.

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(2) Ob mit der Re­ge­lung an­de­re Ar­beit­neh­mer - wie vor dem 1. Ja­nu­ar 1952 ge­bo­re­ne Frau­en (vgl. § 237a Abs. 1 SGB VI) oder be­son­ders langjährig Ver­si­cher­te (§ 38 SGB VI) - eben­so be­nach­tei­ligt sind, ist für die Fra­ge der Be­nach­tei­li­gung des Klägers oh­ne Be­deu­tung. Die (mit­tel­ba­re) Be­nach­tei­li­gung wei­te­rer Beschäftig­ten­grup­pen lässt die mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung ei­ner be­stimm­ten Be­schäftig­ten­grup­pe - hier: schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer - nicht ent­fal­len. Die Un­gleich­be­hand­lung folgt aus dem ge­setz­lich un­ter­schied­lich ge­re­gel­ten Le­bens­al­ter des frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritts im Sinn ei­ner vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me von Al­ters­ren­te. Sie ist da­mit nor­ma­tiv vor­ge­ge­ben. Auf die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, es sei man­gels hin­rei­chen­den Be­strei­tens da­von aus­zu­ge­hen, die Be­stim­mung des Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP tref­fe im Be­trieb der Be­klag­ten nur Schwer­be­hin­der­te (und nicht auch an­de­re Ar­beit­neh­mer), kommt es da­mit eben­so we­nig an wie auf die da­ge­gen er­ho­be­nen Ver­fah­rensrü­gen der Be­klag­ten.

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(3) Der Se­nat hat wei­ter im An­schluss an die Recht­spre­chung des Ge­richts­ hofs der Eu­ropäischen Uni­on (vgl. EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] Rn. 61 f.) be­reits ent­schie­den, dass schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer und nicht schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer in Be­zug auf die durch die Be­triebs­sch­ließung ver­ur­sach­ten wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on sind. Ihr Ar­beits­verhält­nis mit ih­rem Ar­beit­ge­ber en­det aus dem­sel­ben Grund und un­ter

 

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den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen (BAG 16. Ju­li 2019 - 1 AZR 842/16 - Rn. 13; krit. Masch­mann Anm. AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 232).

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bb) Die durch Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP be­ding­te Be­nach­tei­li­gung schwer­be­hin­der­ter Men­schen ist nicht ge­recht­fer­tigt.

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(1) Zwar ist ei­ne Be­rech­nung der Ab­fin­dungshöhe wie hier im So­zi­al­plan vor­ ge­se­hen grundsätz­lich von ei­nem le­gi­ti­men Ziel ge­tra­gen. Denn da­mit soll ent­spre­chend dem zu­kunfts­ge­rich­te­ten Entschädi­gungs­cha­rak­ter von Ab­fin­dun­gen den von der Be­triebs­sch­ließung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern ein pau­scha­lier­ter Aus­gleich für das bis zum frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt ent­fal­len­de Ar­beitsent­gelt bei gleich­zei­ti­ger Berück­sich­ti­gung der be­grenz­ten So­zi­al­plan­mit­tel gewährt wer­den. Da­mit dient die Re­ge­lung ei­nem le­gi­ti­men Ziel, oh­ne dass die­ses im So­zi­al­plan aus­drück­lich be­nannt wer­den muss (BAG 16. Ju­li 2019 - 1 AZR 842/16 - Rn. 16 f.). Auch nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on stellt die Gewährung ei­nes Aus­gleichs für die Zu­kunft ent­spre­chend den Bedürf­nis­sen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer, die der Not­wen­dig­keit der für ei­nen So­zi­al­plan nur be­grenzt zur Verfügung ste­hen­den Mit­tel Rech­nung trägt, ein rechtmäßiges Ziel dar (vgl. EuGH 19. Sep­tem­ber 2018 - C-312/17 - [Be­di] Rn. 61; 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] Rn. 40 ff., 68).

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(2) Die Re­ge­lung geht je­doch über das zur Er­rei­chung die­ses Ziels Er­for­der­li­che hin­aus.

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(a) Durch das un­dif­fe­ren­zier­te Ab­stel­len auf den „frühestmögli­chen“ Wech­sel in die ge­setz­li­che Ren­te wird die durch die­ses neu­tra­le Kri­te­ri­um be­wirk­te Un­gleich­be­hand­lung zum ei­nen nicht durch ob­jek­ti­ve Fak­to­ren ge­recht­fer­tigt, die nichts mit der Be­hin­de­rung zu tun ha­ben (vgl. EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] Rn. 67). Zum an­de­ren führt die­ses Tat­be­stands­merk­mal zu ei­ner übermäßigen Be­ein­träch­ti­gung der le­gi­ti­men In­ter­es­sen der schwer­be­hin-der­ten Ar­beit­neh­mer, da die Be­triebs­par­tei­en da­mit zur Be­gren­zung der Höhe der die­sen Ar­beit­neh­mern zu zah­len­den Ab­fin­dung an ei­nen so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Vor­teil an­knüpfen, des­sen Da­seins­be­rech­ti­gung ge­ra­de den Schwie­rig­kei­ten und den be­son­de­ren Ri­si­ken Rech­nung tra­gen soll, mit de­nen

 

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schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer kon­fron­tiert sind (vgl. EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] aaO).

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(b) Dem Ri­si­ko schwer­be­hin­der­ter Men­schen ist nicht des­halb - zur Wah­rung der Er­for­der­lich­keit - Rech­nung ge­tra­gen, weil nach der Be­rech­nungs­for­mel des Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP in die Er­mitt­lung des als Ab­fin­dung zu zah­len­den fik­ti­ven Dif­fe­renz­be­trags noch zwei wei­te­re - je­weils mit „zzgl.“ aus­ge­drück­te - Teil­beträge (ein sog. Ren­ten­ver­lust­aus­gleich so­wie ein Pausch­be­trag für Schwer­be­hin­der­te) ein­fließen.

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(aa) Schwer­be­hin­der­te Per­so­nen ha­ben spe­zi­fi­sche Bedürf­nis­se im Zu­sam­men­hang so­wohl mit dem Schutz, den ihr Zu­stand er­for­dert, als auch mit der Not­wen­dig­keit, des­sen mögli­che Ver­schlech­te­rung zu berück­sich­ti­gen. Da­her ist dem Ri­si­ko Rech­nung zu tra­gen, dass Schwer­be­hin­der­te un­ab­weis­ba­ren fi­n­an­ziel­len Auf­wen­dun­gen im Zu­sam­men­hang mit ih­rer Be­hin­de­rung aus­ge­setzt sind und/oder dass sich ih­re fi­nan­zi­el­len Auf­wen­dun­gen mit zu­neh­men­dem Al­ter er­höhen (EuGH 19. Sep­tem­ber 2018 - C-312/17 - [Be­di] Rn. 75; vgl. auch EuGH 6. De­zem­ber 2012 - C-152/11 - [Odar] Rn. 69).

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(bb) In­so­weit sind die zwei Teil­beträge nicht ge­eig­net, den Nach­teil beim Ab­stel­len auf den „frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt“ aus­zu­glei­chen. Es kann da­her da­hin­ste­hen, ob die Ver­fah­rensrüge der Be­klag­ten, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be in die­sem Zu­sam­men­hang ih­ren Sach­vor­trag über­g­an­gen und da­mit ih­ren An­spruch auf recht­li­ches Gehör in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt, zu­lässig und be­gründet wäre.

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(aaa) Das gilt für den sog. Ren­ten­ver­lust­aus­gleich - be­rech­net nach der For­mel „An­zahl Jah­re zwi­schen dem frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt und dem re­gulären Ren­ten­ein­tritt x 12 x 230 EU­RO“ - be­reits des­halb, weil auf ihn nicht nur schwer-be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer An­spruch ha­ben. Ei­ne mit ihm be­wirk­te Kom­pen­sa­ti­on et­wai­ger Nach­tei­le der Schwer­be­hin­der­ten ge­genüber nicht schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern schei­det aus.

 

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(bbb) Auch der pau­scha­le Schwer­be­hin­der­ten­zu­schlag ist zum Aus­gleich der mit dem Re­chen­an­satz „frühestmögli­cher Ren­ten­ein­tritt“ für schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer be­wirk­ten Be­nach­tei­li­gung un­ge­eig­net. Ab­ge­se­hen da­von, dass bei sei­ner Berück­sich­ti­gung ei­ne ggf. aus an­de­ren Gründen ge­re­gel­te un­mit­tel­ba­re Be­vor­zu­gung Schwer­be­hin­der­ter zur Recht­fer­ti­gung de­ren mit­tel­ba­rer Be­nach­tei­li­gung her­an­ge­zo­gen würde, er­weist er sich be­reits der Höhe nach als zur Kom­pen­sa­ti­on un­taug­lich. Die vor­ge­se­he­ne pau­scha­le Erhöhung des Ab­fin­dungs­be­trags iHv. 1.000,00 Eu­ro für je 10 GdB - mit­hin ma­xi­mal 10.000,00 Eu­ro (für den Kläger iHv. 5.000,00 Eu­ro) - ver­mag die Nach­tei­le der An­knüpfung an den frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt nicht an­satz­wei­se zu kom­pen­sie­ren. Ei­nem ma­xi­ma­len Zu­schlag von 10.000,00 Eu­ro steht ein min­des­tens zwei Jah­re eher lie­gen­der frühestmögli­cher Ren­ten­ein­tritt - mit­hin ein Be­trag iHv. 1,7 (= 2 x 0,85) Brut­to­jah­res­gehältern - ge­genüber.

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d) Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP verstößt da­mit ge­gen § 75 Abs. 1 Be­trVG, weil die Re­ge­lung ei­ne Be­nach­tei­li­gung schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer be­wirkt. Der Ein­wand der Re­vi­si­on, die Ar­gu­men­ta­ti­on des Se­nats in sei­ner Ent­schei­dung vom 16. Ju­li 2019 (- 1 AZR 537/17 -) zu ei­ner mit­tel­ba­ren Be­nach­tei­li­gung schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer, wenn ei­ne kol­lek­tiv­recht­lich be­gründe­te Ab­fin­dung in der Höhe maßge­bend vom „frühestmögli­chen Ren­ten­ein­tritt“ be­ein­flusst wer­de, be­tref­fe (al­lein) ei­nen So­zi­al­ta­rif­ver­trag, verfängt nicht. Er ver­nach­lässigt be­reits, dass der Se­nat in ei­ner wei­te­ren Ent­schei­dung vom sel­ben Tag für ei­nen (den So­zi­al­ta­rif­ver­trag in Be­zug neh­men­den) So­zi­al­plan nichts an­de­res an­ge­nom­men hat (BAG 16. Ju­li 2019 - 1 AZR 842/16 -). Im Übri­gen sind - wie be­reits aus­geführt - die Be­triebs­par­tei­en gemäß § 75 Abs. 1 Be­trVG an die Grundsätze von Recht und Bil­lig­keit so­wie an den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­bun­den. Das gilt eben­so für die Ei­ni­gungs­stel­le. In­so­fern ist auch nicht zwi­schen So­zi­alplänen auf­grund frei­wil­li­ger Ei­ni­gung und sol­chen, die auf Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le be­ru­hen, zu dif­fe­ren­zie­ren. Die Re­vi­si­on ver­kennt, dass mit den Vor­ga­ben von § 112 Abs. 5 Be­trVG zusätz­li­che - die all­ge­mei­ne Abwägungs-klau­sel des § 76 Abs. 5 Satz 3 Be­trVG kon­kre­ti­sie­ren­de - und kei­ne die recht­li­chen Maßstäbe des § 75 Abs. 1 Be­trVG re­la­ti­vie­ren­den Grundsätze auf­ge­stellt sind.

 

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3. Der Ver­s­toß der So­zi­al­plan­be­stim­mung ge­gen § 75 Abs. 1 Be­trVG be­wirkt, dass dem be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer für die Ver­gan­gen­heit ein An­spruch auf die vor­ent­hal­te­ne Leis­tung zu­zu­er­ken­nen ist (sog. „An­pas­sung nach oben“). Den An­gehöri­gen der mit­tel­bar be­nach­tei­lig­ten Grup­pe sind die­sel­ben Vor­tei­le zu gewähren wie den nicht be­nach­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mern. Kann der Ar-beit­ge­ber - wie vor­lie­gend - den Begüns­tig­ten für die Ver­gan­gen­heit die gewähr­ten Leis­tun­gen nicht mehr ent­zie­hen, ist ei­ne sol­che zur Be­sei­ti­gung der Dis­kri­mi­nie­rung er­for­der­li­che „An­pas­sung nach oben“ selbst dann ge­recht­fer­tigt, wenn sie zu er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen des Ar­beit­ge­bers führt (vgl. BAG 18. Fe­bru­ar 2016 - 6 AZR 700/14 - Rn. 32, BA­GE 154, 118). Die Re­ge­lun­gen des Ab­schn. B § 2 Ziff. 1.2.1 SP sind da­her so an­zu­wen­den, wie sie für ver­gleich­ba­re nicht schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer ge­gol­ten hätten (vgl. BAG 16. Ju­li 2019 - 1 AZR 842/16 - Rn. 21). Das be­gründet die Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung, bei de­ren Be­rech­nung der frühestmögli­che Ren­ten­ein­tritt zu­grun­de zu le­gen ist, der für den Kläger gölte, wenn er nicht schwer­be­hin­dert wäre. Im Hin­blick auf die im SP be­grenz­te Höchst­sum­me der Ab­fin­dung wären das - in­so­weit be­steht kein Streit der Par­tei­en - 100.000,00 Eu­ro brut­to, so dass un­ter Berück­sich­ti­gung der gewähr­ten Ab­fin­dung die Kla­ge­for­de­rung be­steht.

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4. Der An­spruch ist nicht ver­fal­len; der Kläger hat die Aus­schluss­frist nach Ab­schn. B § 7 SP mit der der Be­klag­ten am 8. Sep­tem­ber 2017 zu­ge­stell­ten Kla­ge­schrift ge­wahrt.

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II. Zin­sen kann der Kläger im Hin­blick auf die Fällig­keits­be­stim­mung von Ab­schn. B § 4 Abs. 1 Satz 1 SP gemäß § 286 Abs. 2 Nr. 1 iVm. Abs. 1 Satz 1, § 288 Abs. 1 BGB erst ab dem 1. Ju­li 2017 ver­lan­gen.

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Schmidt

Ah­rendt 

K. Schmidt

H. Schwit­zer

Ro­se

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