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ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/124

Kein Kon­zern­be­triebs­rat bei aus­län­di­scher Kon­zern­spit­ze

Hat die Kon­zern­mut­ter ih­ren Sitz im Aus­land und gibt es kei­ne in­län­di­sche Teil­kon­zern­spit­ze, ist kein Kon­zern­be­triebs­rat (KBR) zu er­rich­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 23.05.2018, 7 ABR 60/16
Europa, Europäische Union, Landesflaggen

24.05.2018. Ge­hö­ren meh­re­re Un­ter­neh­men zum sel­ben Kon­zern, kön­nen die Be­triebs­rä­te bzw. Ge­samt­be­triebs­rä­te die­ser Un­ter­neh­men ei­nen Kon­zern­be­triebs­rat (KBR) er­rich­ten.

Der KBR hat ähn­lich wie der Ge­samt­be­triebs­rat (GBR) ge­setz­lich fest­ge­leg­te Auf­ga­ben bzw. Be­fug­nis­se und kommt im­mer dann ins Spiel, wenn es um mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge An­ge­le­gen­hei­ten geht, die nur für den gan­zen Kon­zern ge­re­gelt wer­den kön­nen.

Da­zu braucht der KBR aber ei­nen Ver­hand­lungs­part­ner auf Ar­beit­ge­ber­sei­te, und zwar in Deutsch­land: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 23.05.2018, 7 ABR 60/16 (Pres­se­mel­dung des BAG).

Kon­zern­be­triebs­rat in Deutsch­land, Kon­zern­lei­tung im Aus­land?

Das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) schreibt die Bil­dung von Be­triebsräten in Be­trie­ben ab ei­ner Be­triebs­größe von fünf wahl­be­rech­tig­ten (= volljähri­gen) Ar­beit­neh­mern vor, falls von die­sen fünf Ar­beit­neh­mern min­des­tens drei dem Be­trieb be­reits ein hal­bes Jahr oder länger an­gehören und da­her wahl­be­rech­tigt sind (§ 1 Be­trVG in Verb. mit § 7 und 8 Be­trVG).

Gibt es in ei­nem Un­ter­neh­men, d.h. dem Recht­sträger ei­nes Be­triebs, meh­re­re be­triebs­ratsfähi­ge Be­trie­be und da­her meh­re­re Be­triebsräte, ha­ben die­se gemäß § 47 Abs.1 Be­trVG ei­nen Ge­samt­be­triebs­rat (GBR) zu bil­den. Der GBR ist gemäß § 50 Abs.1 Be­trVG zuständig für An­ge­le­gen­hei­ten, die das Ge­samt­un­ter­neh­men oder meh­re­re sei­ner Be­trie­be be­tref­fen, und die nicht durch die ein­zel­nen Be­triebsräte in­ner­halb ih­rer Be­trie­be ge­re­gelt wer­den können. Das können z.B. größere be­triebsüberg­rei­fen­de Ent­las­sungs­wel­len sein oder un­ter­neh­mens­weit gel­ten­de Re­ge­lun­gen wie z.B. ei­ne Dienst­wa­gen­ord­nung.

Ei­ne Trep­pen­stu­fe wei­ter oben an­ge­sie­delt ist schließlich der Kon­zern­be­triebs­rat (KBR), der für Kon­zer­ne gemäß § 18 Abs.1 Ak­ti­en­ge­setz (AktG) er­rich­tet wer­den „kann“ (aber nicht muss), § 54 Abs.1 Satz 1 Be­trVG. Ein Kon­zern im Sin­ne von § 18 Abs.1 AktG ist ein hier­ar­chi­scher Un­ter­neh­mens­ver­bund, in wel­chem ein Un­ter­neh­men als herr­schen­des Un­ter­neh­men ein oder meh­re­re an­de­re abhängi­ge Un­ter­neh­men lei­tet bzw. be­herrscht.

Be­sitzt ein Un­ter­neh­men die An­teils­mehr­heit an ei­nem an­de­ren, wird des­sen Abhängig­keit von dem Un­ter­neh­men mit der An­teils­mehr­heit ver­mu­tet (§ 17 Abs.2 AktG), und es wird auch ver­mu­tet, dass die­se bei­den Un­ter­neh­men ei­nen Kon­zern bil­den (§ 18 Abs.1 Satz 2 AktG). Cha­rak­te­ris­tisch für ei­nen sol­chen „Un­ter­ord­nungs­kon­zern“ ist die ein­heit­li­che Lei­tung der Kon­zern­un­ter­neh­men durch das herr­schen­de Un­ter­neh­men (§ 18 Abs.1 AktG).

Der KBR soll den Ar­beit­neh­mern von Kon­zern­un­ter­neh­men ei­ne be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che In­ter­es­sen­ver­tre­tung „auf Au­genhöhe“ mit der Kon­zern­lei­tung ver­schaf­fen. Zuständig für sei­ne Er­rich­tung sind die GBR des Kon­zerns bzw. der Kon­zern­un­ter­neh­men, die sei­ner Er­rich­tung zu­stim­men müssen, was wie­der­um vor­aus­setzt, dass die zu­stim­men­den GBR mehr als die Hälf­te der Ar­beit­neh­mer al­ler Kon­zern­un­ter­neh­men re­präsen­tie­ren (§ 54 Abs.1 Satz 2 Be­trVG).

Ein­mal er­rich­tet ist der KBR zuständig für An­ge­le­gen­hei­ten, die den Ge­samt­kon­zern oder meh­re­re Kon­zern­un­ter­neh­men be­tref­fen und nicht durch die ein­zel­nen GBR in­ner­halb ih­rer Un­ter­neh­men ge­re­gelt wer­den können (§ 58 Abs.1 Satz 1 Be­trVG). Da­bei kann es sich z.B. um be­stimm­te Re­ge­lun­gen ei­ner Com­p­li­an­ce-Richt­li­nie han­deln, die nach dem Wil­len der Kon­zern­spit­ze ein­heit­lich für al­le Kon­zern­un­ter­neh­men gel­ten sol­len.

Frag­lich ist, ob ein KBR auch dann er­rich­tet wer­den kann, wenn sich der Sitz des herr­schen­den Kon­zern­un­ter­neh­mens im Aus­land be­fin­det und wenn da­her die Kon­zern­lei­tung bzw. die Kon­zern­spit­ze vom Aus­land aus die in Deutsch­land täti­gen Kon­zern­un­ter­neh­men steu­ert. In zwei Ent­schei­dun­gen aus dem Jah­re 2007 hat das BAG die­se Fra­ge mit „nein“ be­ant­wor­tet (BAG, Be­schluss vom 14.02.2007, 7 ABR 26/06; BAG, Be­schluss vom 16.05.2007, 7 ABR 63/06). Die­sen Ent­schei­dun­gen zu­fol­ge kann ein KBR nur er­rich­tet wer­den, wenn das herr­schen­de Un­ter­neh­men sei­nen Sitz im Deutsch­land hat oder wenn es die deut­schen abhängi­gen Un­ter­neh­men über ei­ne in Deutsch­land ansässi­ge Teil­kon­zern­spit­ze steu­ert.

Die­se Recht­spre­chung wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren von vie­len ar­beits­recht­li­chen Au­to­ren kri­ti­siert. Denn das BAG macht es, so die Kri­tik, den Kon­zer­nen zu leicht, sich der be­trieb­li­chen Mit­be­stim­mung (teil­wei­se) zu ent­zie­hen, nämlich durch ei­ne Ver­la­ge­rung der Kon­zern­spit­ze ins Aus­land. Im Jah­re 2010 hat das BAG an­ge­deu­tet, dass es sei­ne Recht­spre­chung mögli­cher­wei­se ein­schränken oder auf­ge­ben will (BAG, Be­schluss vom 27.10.2010, 7 ABR 85/09).

Im Streit: Deut­sche Be­triebsräte bil­den ei­nen Kon­zern­be­triebs­rat, ob­wohl die Kon­zern­spit­ze in der Schweiz ih­ren Sitz hat

Im Streit­fall hat­ten die Be­triebsräte von vier deut­schen Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men, die zu ei­nem Schwei­zer Kon­zern gehörten, im Jah­re 2014 ei­nen Kon­zern­be­triebs­rat er­rich­tet. Da die­se vier Un­ter­neh­men je­weils nur ei­nen Be­trieb un­ter­hiel­ten, gab es in ih­nen nur ei­nen Be­triebs­rat und kei­nen Ge­samt­be­triebs­rat, so dass die vier Un­ter­neh­mens­be­triebsräte den KBR er­rich­te­ten (§ 47 Abs.1, § 54 Abs.2 Be­trVG).

Ne­ben den vier Kon­zern­un­ter­neh­men be­stand in Deutsch­land ei­ne eben­falls kon­zern­zu­gehöri­ge Hol­ding-Ge­sell­schaft, ei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Toch­ter der Schwei­zer Mut­ter­ge­sell­schaft. Die Hol­ding hielt zwar die (Mehr­heit der) Ge­sell­schafts­an­tei­le der vier ope­ra­tiv täti­gen deut­schen Tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men, lei­te­te sie aber nicht. Fak­tisch wur­den die­se vier Un­ter­neh­men al­lein durch die Schwei­zer Kon­zern­spit­ze ge­lei­tet. Die Auf­ga­ben der Hol­ding-Ge­sell­schaft be­stan­den al­lein im Be­reich des Bi­lanz- und Steu­er­rechts.

Nach­dem es Streit über die Fra­ge gab, ob der KBR zu­recht oder zu Un­recht er­rich­tet wor­den war, zo­gen die fünf deut­schen Ge­sell­schaf­ten vor das Ar­beits­ge­richt Wei­den und be­an­trag­ten im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss­ver­fah­ren die Fest­stel­lung, dass der KBR für ih­re Un­ter­neh­men nicht be­steht. Das Ar­beits­ge­richt gab dem An­trag statt, d.h. es ent­schied ge­gen die be­tei­lig­ten vier Be­triebsräte und den eben­falls be­tei­lig­ten "Kon­zern­be­triebs­rat" (Be­schluss vom 01.09.2015, 5 BV 18/14).

Auch das in der zwei­ten In­stanz zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg wies die Be­schwer­de der Be­triebs­rats­sei­te zurück (LAG Nürn­berg, Be­schluss vom 21.07.2016, 5 TaBV 54/15). Da­bei folg­te das LAG den bei­den o.g. BAG-Ent­schei­dun­gen aus dem Jah­re 2007. Da das LAG die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu­ge­las­sen hat­te, lan­de­te der Fall schließlich in Er­furt.

BAG: Hat die Kon­zern­mut­ter ih­ren Sitz im Aus­land und gibt es kei­ne inländi­sche Teil­kon­zern­spit­ze mit be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen, ist kein Kon­zern­be­triebs­rat zu er­rich­ten

Das BAG wies die Rechts­be­schwer­de der be­tei­lig­ten Be­triebsräte und des ver­meint­li­chen "Kon­zern­be­triebs­rats" zurück. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:

Der hier am Ver­fah­ren be­tei­lig­te an­geb­li­che KBR konn­te nicht wirk­sam er­rich­tet wer­den, da sich die Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft als herr­schen­des Un­ter­neh­men in der Schweiz be­fand. Außer­dem gab es in Deutsch­land kei­ne "Teil­kon­zern­spit­ze", die ge­genüber den deut­schen Kon­zern­ge­sell­schaf­ten "we­sent­li­che Lei­tungs­auf­ga­ben in per­so­nel­len, so­zia­len und wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten" erfüll­te. Die Hol­ding-Ge­sell­schaft hat­te sol­che Kom­pe­ten­zen un­strei­tig nicht, d.h. al­le fünf deut­schen Un­ter­neh­men wur­den al­lein aus der Schweiz ge­lenkt.

Un­ter sol­chen Umständen kann aber ein KBR nicht er­rich­tet wer­den, so das BAG.

Fa­zit: Hat das herr­schen­de Kon­zern­un­ter­neh­men sei­nen Sitz im Aus­land und be­steht kei­ne in Deutsch­land ansässi­ge Teil­kon­zern­spit­ze, die über we­sent­li­che be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se verfügt, kann kein KBR er­rich­tet wer­den.

Da­mit verfügt die Be­triebs­rats­sei­te zwar über ein (wich­ti­ges) Gre­mi­um we­ni­ger, doch ist das aus Un­ter­neh­mens­sicht nicht al­lein vor­teil­haft. Denn da­mit wer­den Mit­be­stim­mungs­rech­te "nach un­ten" ver­la­gert, d.h. auf die Be­triebsräte oder Ge­samt­be­triebsräte der Kon­zern­un­ter­neh­men. Das wie­der­um hat zur Fol­ge, dass mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Re­ge­lun­gen, die nach dem Wil­len der Kon­zern­spit­ze am bes­ten kon­zern­weit ein­heit­lich aus­ge­stal­tet wer­den soll­ten, recht un­ter­schied­lich aus­fal­len können (je nach­dem, wie die zu be­tei­li­gen­den Be­triebsräte oder Ge­samt­be­triebsräte über die­se An­ge­le­gen­hei­ten im Rah­men ih­rer Mit­be­stim­mungs­rech­te ver­han­deln).

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Letzte Überarbeitung: 8. Juni 2018

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