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ARBEITSRECHT AKTUELL // 07/30

Ein­grup­pie­rung von Ober­ärz­ten

Die Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt kann auch vor In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te über­tra­gen wor­den sein: Ar­beits­ge­richt Aa­chen, Ur­teil vom 23.05.2007, 6 Ca 178/07
Arzt im Operationssaal Häu­fi­ger Streit­punkt: Die "Über­tra­gung" der Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt

09.08.2007. Ober­ärz­te ha­ben es der­zeit bei ei­nem Streit um ih­re rich­ti­ge Ein­grup­pie­rung vor Ge­richt nicht leicht.

Denn der im letz­ten Jahr in Kraft ge­tre­te­ne Ta­rif­ver­trag für Ärz­tin­nen und Ärz­te an Uni­ver­si­täts­kli­ni­ken ("TV-Ärz­te") sieht zwar erst­mals ei­ne spe­zi­el­le Ver­gü­tungs­grup­pe für die Ober­ärz­te vor (Ver­gü­tungs­grup­pe Ä3), doch schei­tern Ober­ärz­te vor Ge­richt oft an dem Nach­weis der ver­schie­de­nen ta­rif­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Ober­arzt-Ver­gü­tungs­grup­pe.

Ei­nes der ver­schie­de­nen Ar­gu­men­te, mit de­nen die Kli­ni­ken die Pflicht zur Ver­gü­tung ei­nes Arz­tes nach Ver­gü­tungs­grup­pe Ä3 ab­strei­ten, wur­de al­ler­dings vor kur­zem vom Ar­beits­ge­richt Aa­chen zu­rück­ge­wie­sen.

Das Ar­gu­ment lau­tet, dass ei­ne vom Ta­rif ge­for­der­te "Über­tra­gung" der Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt frü­hes­tens mit In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te am 01.11.2006 denk­bar sei, weil die Kran­ken­häu­ser ja vor die­sem Zeit­punkt an­sons­ten kei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung über die fi­nan­zi­el­len Fol­gen ei­ner Be­stel­lung zum Ober­arzt hät­ten tref­fen kön­nen.

Das Ar­gu­ment zieht aber nicht: Ar­beits­ge­richt Aa­chen, Ur­teil vom 23.05.2007, 6 Ca 178/07.

"Über­tra­gung" der Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt nicht vor dem 01.11.2006?

In dem 2006 vom Mar­bur­ger Bund ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trag für Ärz­tin­nen und Ärz­te an Uni­ver­sitätskli­ni­ken ("TV-Ärz­te") wur­de erst­mals ei­ne be­son­de­re ta­rif­li­che Ent­gelt­grup­pe für Oberärz­te ein­geführt (Ent­gelt­grup­pe Ä3). Die­se glie­dert sich auf in drei Dienst­al­ters­stu­fen, von de­nen die ers­te ab dem ers­ten Jahr der Ober­arzttätig­keit, die zwei­te ab dem vier­ten Jahr und die drit­te ab dem sieb­ten Jahr er­reicht wird. Die Ein­grup­pie­rung in Ä3 führt zu ei­nem Grund­ge­halt von 5.950 EUR (Stu­fe 1) bzw. 6.300 EUR (Stu­fe 2) bzw. 6.800 EUR (Stu­fe 3).

Ober­arzt im Sin­ne des TV-Ärz­te ist un­ter an­de­rem der­je­ni­ge Arzt, dem die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für Teil- oder Funk­ti­ons­be­rei­che der Kli­nik bzw. Ab­tei­lung vom Ar­beit­ge­ber über­tra­gen wor­den ist.

Der TV-Ärz­te gilt ab dem 01.11.2006 für Ärz­te an Uni­ver­sitätskli­ni­ken, wo­bei das neue Ge­halts­sys­tem be­reits rück­wir­kend zum 01.07.2006 an­zu­wen­den ist. Auf­grund ei­ner Über­g­angs­re­ge­lung (§ 5 TVÜ-Ärz­te) ist für die Stu­fen­zu­ord­nung der Ärz­te die­je­ni­ge Stu­fe maßgeb­lich, die sie er­reicht hätten, "wenn die Ent­gelt­ta­bel­le für Ärz­tin­nen und Ärz­te be­reits seit Be­ginn ih­rer Zu­gehörig­keit zu der für sie maßge­ben­den Ent­gelt­grup­pe ge­gol­ten hätte".

Wie wir be­reits be­rich­tet hat­ten (Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/04 Ein­grup­pie­rung von Oberärz­ten), ist der­zeit an vie­len Uni­ver­sitätskli­ni­ken zwi­schen den Oberärz­ten und der Kli­nik­ver­wal­tung strei­tig, ob sich die Kli­nik­ver­wal­tung die vor dem 01.11.2006 aus­geübte Tätig­keit als Ober­arzt zu­rech­nen las­sen muss, d.h. ob Ärz­te auch un­ter Ver­weis auf ih­re "an­ge­stamm­te" Ober­arzttätig­keit Vergütung nach Ent­gelt­grup­pe Ä3 ver­lan­gen können - oder ob die Kli­nik die recht­li­che Möglich­keit hat, ab In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te am 01.11.2006 nach Gutdünken über die Über­tra­gung der me­di­zi­ni­schen Ver­ant­wor­tung im Sin­ne von § 12 TV-Ärz­te zu ent­schei­den.

Für die Po­si­ti­on der Ärz­te spricht vor al­lem die Über­g­angs­re­ge­lung des § 5 TVÜ-Ärz­te, für die Po­si­ti­on der Kli­nik­ver­wal­tung der Wort­laut des § 12, der ei­ne Über­tra­gung der Ober­arzt­ver­ant­wor­tung "durch den Ar­beit­ge­ber" ver­langt (wo­mit mögli­cher­wei­se die gängi­gen Er­nen­nun­gen zum Ober­arzt durch den Chef­arzt nicht ein­grup­pie­rungs­re­le­vant wären).

Zu die­sen Fra­gen, vor al­lem auch zur Fra­ge ei­ner Über­tra­gung der Ober­arzt­ver­ant­wor­tung vor In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te am 01.11.2006, hat nun­mehr das Ar­beits­ge­richt Aa­chen in ei­nem Ur­teil vom 23.05.2007, 6 Ca 178/07 Stel­lung ge­nom­men.

Der Streit­fall: Oberärzt­li­cher Lei­ter ei­ner Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz übt die­se Tätig­keit be­reits seit 2005 aus

Der Kläger ist pro­mo­vier­ter Anästhe­sist und Mit­glied des Mar­bur­ger Bun­des und seit 1989 bei der be­klag­ten Kli­nik, die un­ter den An­wen­dungs­be­reich des TV-Ärz­te fällt, als Arzt beschäftigt.

Die erst­mals seit 1996 aus­geübte Ober­arzt­funk­ti­on war zunächst ver­bun­den mit der Auf­ga­be, ein Trans­plan­ta­ti­ons­team zu lei­ten, das bis zu sei­ner Auflösung im Jah­re 2004 sechs Trans­plan­ta­tio­nen vor­nahm.

Seit Ju­li 2005 war der Kläger ver­ant­wort­li­cher Lei­ter der sog. Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz. Die Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz ist ei­ne Ein­rich­tung, in der vor ei­nem ope­ra­ti­ven Ein­griff mit ei­ner Nar­ko­se das Aufklärungs­gespräch über die Nar­ko­se so­wie ei­ne ori­en­tie­ren­de körper­li­che Un­ter­su­chung statt­fin­den. Als Lei­ter die­ser Ein­rich­tung hat­te der Kläger un­ter an­de­rem über die Nar­ko­sefähig­keit von Pa­ti­en­ten zu ent­schei­den.

Die Kli­nik vergüte­te den Kläger be­gin­nend seit Ju­li 2006 nach Ent­gelt­grup­pe Ä2 (Stu­fe 3), d.h. nach der für Fachärz­te gel­ten­den Ent­gelt­grup­pe des TV-Ärz­te. Sie ver­trat die An­sicht, der Kläger ha­be als Lei­ter des Trans­plan­ta­ti­ons­teams ins­ge­samt zu we­ni­ge Trans­plan­ta­tio­nen ge­lei­tet, als dass die mit die­ser Funk­ti­on ver­bun­de­ne me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung für die be­gehr­te Ein­grup­pie­rung als Ober­arzt aus­rei­chen könn­te.

Die seit 2005 aus­geübte Lei­tung der Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz sei nicht mit me­di­zi­ni­scher, son­dern mit or­ga­ni­sa­to­ri­scher Ver­ant­wor­tung ver­bun­den. In je­dem Fall aber sei der Kläger be­reits aus dem Grun­de kein Ober­arzt im Sin­ne von § 12 TV-Ärz­te, weil ihm die (et­wai­ge) me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung nur durch den Chef­arzt, nicht aber durch die Kli­nik­lei­tung als Ar­beit­ge­ber über­tra­gen wor­den sei.

Der Kläger ver­klag­te die Kli­nik dar­auf­hin auf Fest­stel­lung, dass er in Ent­gelt­grup­pe Ä3, Stu­fe 3, ein­grup­piert sei. Außer­dem ver­lang­te er die Dif­fe­renz zwi­schen der ihm gewähr­ten Vergütung nach Ent­gelt­grup­pe Ä2, Stu­fe 3, und der von ihm für rich­tig ge­hal­te­nen höhe­ren Ent­gelt­grup­pe Ä3, Stu­fe 3.

Ar­beits­ge­richt Aa­chen: Die Ver­ant­wor­tung als Ober­arzt können Kli­ni­ken auch vor dem 01.11.2006 über­tra­gen ha­ben

Das Ar­beits­ge­richt Aa­chen ent­schied im we­sent­li­chen zu­guns­ten des Klägers. Da­bei folg­te es al­ler­dings in dem Punkt der Mei­nung des Ar­beit­ge­bers, dass die Tätig­keit als Lei­ter des Trans­plan­ta­ti­ons­teams auf­grund der zu ge­rin­gen Zahl von Trans­plan­ta­tio­nen für ei­ne Ein­grup­pie­rung als Ober­arzt nicht aus­rei­chend sei.

Seit Be­ginn der Tätig­keit als Lei­ter der Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz da­ge­gen, d.h. seit Ju­li 2005, be­fand das Ar­beits­ge­richt die Tätig­keit des Klägers als aus­rei­chend für ei­ne Ein­grup­pie­rung in Ent­gelt­grup­pe Ä3. Dies hat­te für den Kläger die Ein­grup­pie­rung in die be­gehr­te Ober­arzt-Ent­gelt­grup­pe Ä3 zur Fol­ge, al­ler­dings auf­grund der erst im drit­ten Jahr aus­geübten Ober­arzttätig­keit nur in Stu­fe 1 und nicht in Stu­fe 3. Die­se für den Kläger im we­sent­li­chen güns­ti­ge Ent­schei­dung be­gründet das Ar­beits­ge­richt Aa­chen wie folgt:

Die ver­ant­wort­li­che Lei­tung der Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz sei als ei­ne me­di­zi­ni­sche und nicht (rein) or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­ant­wor­tung zu qua­li­fi­zie­ren, da der Kläger un­mit­tel­bar über Fra­gen der Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung ent­schei­de.

Die darüber ste­hen­de (Ge­samt-)Ver­ant­wor­tung ste­he der me­di­zi­ni­schen Ver­ant­wor­tung des Klägers nach An­sicht des Ge­richts nicht ent­ge­gen, da der Ober­arzt prak­tisch im­mer ei­ne nur be­grenz­te, nämlich durch den Chef­arzt über­wach­te Ver­ant­wor­tung tra­ge.

Wie groß die vom Kläger ge­lei­te­te Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz und wie vie­le Ärz­te ihm zu­ge­ord­net sei­en, spie­le kei­ne Rol­le, da der TV-Ärz­te die An­wend­bar­keit der Ent­gelt­grup­pe Ä3 nicht von ei­ner be­stimm­ten Min­dest­größe des vom Ober­arzt me­di­zi­nisch ver­ant­wor­te­ten "Teil- oder Funk­ti­ons­be­reichs" ma­che. Aus­rei­chend für die An­nah­me ei­nes Teil- oder Funk­ti­ons­be­reichs der Kli­nik oder ei­ner ih­rer Ab­tei­lun­gen sei ei­ne ei­ge­ne räum­li­che und per­so­nel­le Aus­stat­tung, die im vor­lie­gen­den Fall bzgl. der Präme­di­ka­ti­ons­am­bu­lanz ge­ge­ben war.

Auch die Fra­ge, ob dem Kläger die me­di­zi­ni­sche Ver­ant­wor­tung "vom Ar­beit­ge­ber über­tra­gen" wur­de, ent­schied das Ge­richt zu­guns­ten des Klägers.

Hier­zu stell­te das Ge­richt zunächst fest, dass ei­ne förm­li­che "Er­nen­nung" oder "Be­stel­lung" zum Ober­arzt vom Ta­rif­ver­trag nicht ver­langt wer­de. Die hier ge­ge­be­ne Über­tra­gung der Ober­arzt­ver­ant­wor­tung durch den zuständi­gen Chef­arzt hielt das Ge­richt für aus­rei­chend, wo­bei es die Ein­wen­dun­gen der Be­klag­ten, der Chef­arzt sei we­der der Ar­beit­ge­ber noch des­sen Ver­tre­ter, mit dem Ar­gu­ment zurück­wies, der Ar­beit­ge­ber müsse sich die­se Ver­ant­wor­tungs­zu­wei­sung durch den Chef­arzt zu­rech­nen las­sen, da er die langjähri­ge Tätig­keit des Klägers als Ober­arzt kann­te und bil­lig­te.

Fa­zit: Das Ur­teil be­deu­tet auch, dass lang­ge­dien­ten Oberärz­ten ab­ge­strit­ten wird, ih­nen sei je­mals ei­ne ent­spre­chen­de Ver­ant­wor­tung "über­tra­gen" wor­den, weil die­se Über­tra­gung eben mehr oder we­ni­ger lan­ge vor In­kraft­tre­ten des TV-Ärz­te er­folgt ist. Das Ur­teil hat auch die aus Sicht der Ärz­te po­si­ti­ve Kon­se­quenz, dass alt­ge­dien­te Oberärz­te in ei­ne höhe­re Dienst­al­ters­stu­fe (Stu­fe 2 oder Stu­fe 3) ver­lan­gen können. Es scheint, als hätten ei­ni­ge der der­zei­tig bun­des­weit anhängi­gen Kla­gen von Oberärz­ten, de­nen die Vergütung nach Ent­gelt­grup­pe Ä3 ver­wehrt wird, bes­se­re Aus­sich­ten auf Er­folg zu ha­ben.

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Letzte Überarbeitung: 13. September 2016

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