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LAG Hamm, Be­schluss vom 23.08.2019, 13 TaBV 44/18

   
Schlagworte: Sozialplan, Sozialplan: Abfindung, Entlassung, Einigungsstelle, Betriebsrat
   
Gericht: Landesarbeitsgericht Hamm
Aktenzeichen: 13 TaBV 44/18
Typ: Beschluss
Entscheidungsdatum: 23.08.2019
   
Leitsätze:
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Iserlohn, 20.06.2018, 1 BV 1/18
   

Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, 13 TaBV 44/18


Te­nor:

Auf die Be­schwer­de des Be­triebs­rats wird der Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 20.06.2018 – 1 BV 1/18 – ab­geändert.

Der An­trag wird ab­ge­wie­sen.

Die Rechts­be­schwer­de wird nicht zu­ge­las­sen.

 


Gründe

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A. 2

Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­nes durch Ei­ni­gungs­stel­len­spruch zu­stan­de ge­kom­me­nen So­zi­al­plans.

3

Die Ar­beit­ge­be­rin ist ein Un­ter­neh­men der Au­to­mo­bil­zu­lie­fer­bran­che. Sie gehört zum welt­weit agie­ren­den E-Kon­zern, in dem ak­tu­ell ca. 9.000 Ar­beit­neh­mer beschäftigt sind. Da­von wur­den ca. 640 Mit­ar­bei­ter (Stand: Ja­nu­ar 2018) für die Ar­beit­ge­be­rin in ih­rem Be­trieb in Q tätig. Dort be­steht der zu 2) be­tei­lig­te Be­triebs­rat.

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Die Ar­beit­ge­be­rin be­fin­det sich seit lan­gem in fi­nan­zi­el­len Schwie­rig­kei­ten. Ih­re Ge­sell­schaf­te­rin bzw. an­de­re Kon­zern­ge­sell­schaf­ten fin­gen in den ver­gan­ge­nen

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Jah­ren li­qui­ditätswirk­sa­me Ver­lus­te von mehr als 140 Mil­lio­nen Eu­ro auf. Der lau­fen­de Geschäfts­be­trieb wur­de bis zur Be­triebs­sch­ließung am 30.04.2019 durch Zah­lun­gen kon­zern­an­gehöri­ger Un­ter­neh­men auf­grund von die­sen er­teil­ter schrift­li­cher Li­qui­ditäts­zu­sa­gen si­cher­ge­stellt.

 

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Ei­ne Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 über ei­nen Höchst­be­trag von 20 Mil­lio­nen Eu­ro für den Zeit­raum vom 01.01.2017 bis zum 31.12.2018 wur­de „für ei­ne in­sol­venz­ver­mei­den­de Sa­nie­rung“ er­teilt. Nr. 3 Satz 4 und 5 der Zu­sa­ge lau­ten: 7

„Der vor­ge­nann­te Höchst­be­trag stellt den vor­aus­sicht­li­chen Li­qui­ditäts­be­darf der Ge­sell­schaft bis zum 31. De­zem­ber 2018 dar. Er um­fasst ins­be­son­de­re aber oh­ne Ein­schränkung ei­ne et­waig benötig­te Li­qui­dität für Leis­tun­gen un­ter ei­nem noch mit dem Be­triebs­rat der Ge­sell­schaft zu ver­han­deln­den So­zi­al­plan, ein­sch­ließlich aus die­sem Höchst­be­trag an ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter zu zah­len­de Ab­fin­dun­gen.“

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Hin­sicht­lich des wei­te­ren In­halts der Zu­sa­ge wird ver­wie­sen auf die mit An­trags­schrift­satz vom 18.01.2018 ein­ge­reich­te Ko­pie (Bl. 74 ff. d. A.).

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Am 23.04.2018 wur­de u.a. der Ar­beit­ge­be­rin „mit dem Ziel der In­sol­venz­ver­mei­dung“ ei­ne wei­te­re bis zum 30.06.2018 rei­chen­de Li­qui­ditäts­zu­sa­ge bis zu ei­nem Höchst­be­trag von 5 Mil­lio­nen Eu­ro er­teilt, wo­bei et­wai­ge So­zi­alpläne da­von nicht er­fasst sei­en soll­ten.

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Sch­ließlich kam es am 16.10.2018 kon­zern­in­tern zur Ab­ga­be ei­ner drit­ten an die Ar­beit­ge­be­rin ge­rich­te­ten Li­qui­ditäts­zu­sa­ge „mit dem Ziel der Ermögli­chung ei­ner in­sol­venz­ver­mei­den­den Be­triebs­still­le­gung“. Sie er­streck­te sich un­ter Berück­sich­ti­gung der mit der Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 gewähr­ten 20 Mil­lio­nen Eu­ro auf ei­nen neu­en ku­mu­lier­ten Höchst­be­trag von 50 Mil­lio­nen Eu­ro, um den Li­qui­ditäts­be­darf der Ar­beit­ge­be­rin für den Zeit­raum vom 01.01.2017 bis zum 31.12.2019 zu de­cken. Da­von aus­ge­nom­men wur­den „wie auch im­mer ge­ar­te­te Zah­lungs­ansprüche aus ei­nem So­zi­al­plan“.

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Hin­sicht­lich des wei­te­ren In­halts der zwei zu­letzt ge­nann­ten Li­qui­ditäts­zu­sa­gen wird ver­wie­sen auf die mit ar­beit­ge­ber­sei­ti­gem Schrift­satz vom 01.08.2019 ein­ge­reich­ten Ko­pi­en (Bl. 666 ff. d. A.).

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Vor dem Hin­ter­grund der schlech­ten fi­nan­zi­el­len Si­tua­ti­on traf die Ar­beit­ge­be­rin in ei­nem ers­ten Schritt die un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung, die Ar­beits­verhält­nis­se mit 227 Stamm­kräften zu be­en­den. Darüber un­ter­rich­te­te sie den Be­triebs­rat am 27.03.2017. Die in der Fol­ge­zeit zwi­schen den Be­triebs­part­nern geführ­ten Gespräche blie­ben er­geb­nis­los, so dass die Ar­beit­ge­be­rin am 15.05.2017 die Ver­hand­lun­gen für ge­schei­tert erklärte.

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Auf ih­ren An­trag wur­de durch ei­nen ar­beits­ge­richt­li­chen Be­schluss vom 02.06.2017 ei­ne Ei­ni­gungs­stel­le „zwecks Ab­schlus­ses ei­nes In­ter­es­sens­aus­gleichs und So­zi­al­plans“ ein­ge­rich­tet.

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In de­ren drit­ter Sit­zung am 27.07.2017 kam es zum Schei­tern der Ver­hand­lun­gen über ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich.

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An­sch­ließend sprach die Ar­beit­ge­be­rin, be­gin­nend im Au­gust 2017, zahl­rei­chen Ar­beit­neh­mern be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen aus mit dem Ziel, den Per­so­nal­be­stand, wie ge­plant, zu re­du­zie­ren. Mit 72 da­von be­trof­fe­nen Mit­ar­bei­tern schloss sie im Ja­nu­ar 2018 Ab­fin­dungs­ver­glei­che – und mit wei­te­ren Beschäftig­ten im Fe­bru­ar 2018.

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In der Ei­ni­gungs­stel­le wur­den in zwei wei­te­ren Sit­zun­gen am 16.11.2017 und 19./20.12.2017 Ver­hand­lun­gen über den Ab­schluss ei­nes So­zi­al­plans geführt, die schließlich schei­ter­ten. So kam es am En­de der Sit­zung im De­zem­ber 2017 zu fol­gen­dem Ab­lauf:

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Nach­dem nur noch die Mit­glie­der der Ei­ni­gungs­stel­le an­we­send wa­ren, blieb zunächst ein von der Ar­beit­ge­ber­sei­te über­reich­ter Ent­wurf ei­nes Ei­ni­gungs­stel­len­spruchs, der im Kern kei­ne Ab­fin­dungs­leis­tun­gen vor­sah, oh­ne Mehr­heit. Auch ein so­dann vom Be­triebs­rat zur

 

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Ab­stim­mung ge­stell­ter Ent­wurf er­reich­te nicht die er­for­der­li­che Mehr­heit. Sch­ließlich stell­te der Vor­sit­zen­de sei­nen Ent­wurf ei­nes So­zi­al­plans zur Ab­stim­mung, der bei ei­nem Fak­tor von 0,3 ein Ge­samt­vo­lu­men in Höhe von 4,287 Mil­lio­nen Eu­ro vor­sah.

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Für den Vor­schlag wur­den drei Stim­men dafür und drei Stim­men da­ge­gen ab­ge­ge­ben. 19

Nach ei­ner Sit­zungs­un­ter­bre­chung erklärte Rechts­an­walt Dr. K, der für die Ar­beit­ge­be­rin zum Mit­glied der Ei­ni­gungs­stel­le be­stimmt wor­den war, die Ar­beit­ge­ber­sei­te leh­ne den Vor­sit­zen­den we­gen Be­fan­gen­heit ab.

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So­dann stell­te der Vor­sit­zen­de sei­nen Vor­schlag er­neut zur Ab­stim­mung, der mit vier zu drei Stim­men an­ge­nom­men wur­de. Hin­sicht­lich des In­halts des be­schlos­se­nen So­zi­al­plans wird ver­wie­sen auf die mit An­trags­schrift­satz vom 18.08.2018 ein­ge­reich­te Ko­pie (Bl. 67 ff. d. A.).

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Der Spruch wur­de der Ar­beit­ge­be­rin am 04.01.2018 zu­ge­lei­tet, wor­auf­hin sie mit ei­nem beim Ar­beits­ge­richt am 18.01.2018 ein­ge­gan­ge­nen Fest­stel­lungs­an­trag die Un­wirk­sam­keit des Spruchs gel­tend ge­macht hat.

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Die Ar­beit­ge­be­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, es lie­ge ein Ver­s­toß ge­gen we­sent­li­che Ver­fah­rens­vor­schrif­ten vor, weil ihr ver­wehrt wor­den sei, den ge­stell­ten Be­fan­gen­heits­an­trag in an­ge­mes­se­ner Frist schrift­lich zu be­gründen. Es ha­be tatsächlich ei­ne Be­fan­gen­heit des Vor­sit­zen­den vor­ge­le­gen.

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Da­von ab­ge­se­hen ha­be die Ei­ni­gungs­stel­le das ihr ein­geräum­te Er­mes­sen über­schrit­ten bzw. es erst gar nicht aus­geübt, denn das be­schlos­se­ne So­zi­al­plan­vo­lu­men sei mit Blick auf die wirt­schaft­li­che La­ge des Un­ter­neh­mens un­ver­tret­bar.

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Die Ar­beit­ge­be­rin hat be­an­tragt, 25

fest­zu­stel­len, dass der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le mit dem Re­ge­lungs­ge­gen­stand „zwecks Ab­schlus­ses ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs und So­zi­al­plans im Hin­blick auf die zur Zeit be­ab­sich­tig­te Be­triebsände­rung (Per­so­nal­ab­bau) im Be­trieb Q der Ar­beit­ge­be­rin“ vom 20.12.2017 un­wirk­sam ist.

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Der Be­triebs­rat hat be­an­tragt, 27
den An­trag zurück­zu­wei­sen. 28

Er hat die Mei­nung geäußert, der münd­lich ge­stell­te Be­fan­gen­heits­an­trag sei schon man­gels Schrift­form un­be­acht­lich; im Übri­gen sei der An­trag nicht von der Ar­beit­ge­be­rin selbst, son­dern ei­nem Bei­sit­zer ge­stellt wor­den.

29

Auch Er­mes­sens­feh­ler bei der Auf­stel­lung des So­zi­al­plans sei­en nicht er­sicht­lich. Durch die Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 hätten der Ar­beit­ge­be­rin noch aus­rei­chend Mit­tel zur Erfüllung der So­zi­al­plan­for­de­run­gen zur Verfügung ge­stan­den.

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Mit Be­schluss vom 20.06.2018 hat das Ar­beits­ge­richt dem Fest­stel­lungs­be­geh­ren der Ar­beit­ge­be­rin statt­ge­ge­ben. Hin­sicht­lich der Be­gründung wird ver­wie­sen auf B. der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung (Bl. 365 ff. d. A.).

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Da­ge­gen wen­det sich der Be­triebs­rat mit sei­ner Be­schwer­de. 32

Er meint, es sei von Sei­ten der Ar­beit­ge­be­rin nichts dafür vor­ge­tra­gen wor­den, dass bei Zah­lung der So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen zum Fällig­keits­zeit­punkt im Jahr 2018 Il­li­qui­dität ein­ge­tre­ten wäre.

 

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Der Be­triebs­rat be­an­tragt, 34

den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 20.06.2018 – 1 BV 1/18 – ab­zuändern und den An­trag ab­zu­wei­sen.

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Die Ar­beit­ge­be­rin be­an­tragt, 36
die Be­schwer­de zurück­zu­wei­sen. 37

Sie streicht her­aus, dass die mit dem So­zi­al­plan be­schlos­se­nen Ab­fin­dungs­zah­lun­gen für sie wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar sei­en. In dem Zu­sam­men­hang müsse berück­sich­tigt wer­den, dass von den am 22.02.2017 zu­ge­sag­ten Mit­teln in Höhe von 20 Mil­lio­nen Eu­ro zum Zeit­punkt des Spruchs der Ei­ni­gungs­stel­le be­reits ca. 15,68 Mil­lio­nen ver­braucht ge­we­sen sei­en; der Rest­be­trag sei ent­spre­chend der Li­qui­ditäts­pla­nung für das Jahr 2018 benötigt wor­den.

38

Da­von ab­ge­se­hen hätten Mit­tel aus der ge­nann­ten Li­qui­ditäts­zu­sa­ge nur für ei­nen mit dem Be­triebs­rat ver­han­del­ten So­zi­al­plan be­nutzt wer­den dürfen.

39

We­gen des wei­te­ren Vor­brin­gens der Be­tei­lig­ten wird auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst de­ren An­la­gen so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 23.08.2019 (Bl. 766 ff. der Ak­ten) ergänzend Be­zug ge­nom­men.

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B. 41

I. Der von der Ar­beit­ge­be­rin im Lau­fe des Ver­fah­rens auf den Re­ge­lungs­ge­gen­stand „So­zi­al­plan“ be­grenz­te Fest­stel­lungs­an­trag ist zulässig. Denn strei­ten die Be­tei­lig­ten – wie vor­lie­gend – über die Wirk­sam­keit ei­nes Ei­ni­gungs­stel­len­spruchs, ist nach Maßga­be des § 256 Abs. 1 ZPO die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der Ent­schei­dung zu be­an­tra­gen (vgl. z. B. BAG, 22.01.2013 – 1 ABR 85/11 – AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 219). Da­bei ist, so­weit es um die ge­richt­li­che Über­prüfung ei­nes Über­schrei­tens der Gren­zen des Er­mes­sens geht, die Zwei­wo­chen­frist des § 76 Abs. 5 S. 4 Be­trVG zu wah­ren, was hier durch den am 18.01.2018 von der Ar­beit­ge­be­rin beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­reich­ten An­trag ge­sche­hen ist, nach­dem ihr der streit­be­fan­ge­ne Spruch am 04.01.2018 zu­ge­lei­tet wor­den war.

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II. Der An­trag ist aber ent­ge­gen der An­sicht des Ar­beits­ge­richts nicht be­gründet. Denn der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le vom 19./20.12.2017 ist ver­fah­rens­feh­ler­frei er­gan­gen und steht im Ein­klang mit den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben des § 76 Abs. 5 S. 3 i.V.m. § 112 Abs. 5 S. 1 Be­trVG.

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1. Was die in der letz­ten Ei­ni­gungs­stel­len­sit­zung von Rechts­an­walt Dr. K ab­ge­ge­be­ne Erklärung an­geht, der Vor­sit­zen­de wer­de we­gen Be­fan­gen­heit ab­ge­lehnt, re­sul­tiert dar­aus kein Ver­fah­rens­feh­ler.

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a) Al­ler­dings han­delt die Ei­ni­gungs­stel­le rechts­feh­ler­haft, wenn sie ei­nen Be­fan­gen­heits­an­trag ge­gen den Vor­sit­zen­den über­geht und un­mit­tel­bar zur Sa­che ent­schei­det (z. B. BAG, 29.01.2002 – 1 ABR 18/01 – AP Be­trVG 1972 § 76 Ei­ni­gungs­stel­le Nr. 19).

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b) Im Streit­fall liegt ein sol­cher Ver­fah­rens­feh­ler aber nicht vor. 46

aa) Wie sich aus dem Pro­to­koll der Ei­ni­gungs­stel­len­sit­zung vom 19./20.12.2017 er­gibt, wa­ren, nach­dem zwei Per­so­nen den Sit­zungs­saal ver­las­sen hat­ten, „nur noch die Mit­glie­der der Ei­ni­gungs­stel­le an­we­send“, wo­zu Rechts­an­walt Dr. K zähl­te. Dar­aus ist zu ent­neh­men, dass die­ser den Be­fan­gen­heits­an­trag nur in sei­ner Funk­ti­on als von der Ar­beit­ge­ber­sei­te be­stell­tes Mit­glied der Ei­ni­gungs­stel­le ge­stellt ha­ben kann.

 

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bb) Die­ser An­trag war nach der zu­tref­fen­den Recht­spre­chung des BAG (a.a.O.) un­be­acht­lich. Ein Be­fan­gen­heits­ge­such ge­gen den Vor­sit­zen­den kann nämlich nicht ein an­de­res Mit­glied der Ei­ni­gungs­stel­le, son­dern nur ei­ne der bei­den Be­triebs­par­tei­en selbst an­brin­gen. Nur de­ren Rechts­stel­lung wird von ei­nem – mögli­cher­wei­se ver­fah­rens­feh­ler­haft er­gan­ge­nen – Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le be­trof­fen. In die­ser Hin­sicht kann nichts an­de­res gel­ten als für die Vor­sit­zen­den mehrköpfi­ger Spruchkörper von staat­li­chen Ge­rich­ten oder Schieds­ge­rich­ten.

48

Die Ei­ni­gungs­stel­le soll nämlich nach dem Ge­setz un­abhängig von den un­mit­tel­bar be­trof­fe­nen be­tei­lig­ten Be­triebs­par­tei­en sein. Ih­re bei­sit­zen­den Mit­glie­der sind nicht an Wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers und des Be­triebs­rats ge­bun­den. Sie sol­len viel­mehr mit ei­ner ge­wis­sen Un­abhängig­keit bei der Sch­lich­tung des Re­ge­lungs­streits mit­wir­ken, zu de­ren Bei­le­gung die Be­triebs­par­tei­en selbst nicht in der La­ge wa­ren. Auch wenn die Nähe der Bei­sit­zer zu der sie be­stel­len­den Be­triebs­par­tei nicht zu ver­ken­nen und vom Ge­setz ge­wollt ist, so können sie nicht mit de­ren Ver­tre­tern, et­wa Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten, gleich­ge­setzt wer­den. Dies schließt es aus, dass sie im Zu­sam­men­hang mit Be­fan­gen­heits­ge­su­chen die ein­sei­ti­ge Par­tei­rol­le an­neh­men und – sei es im ei­ge­nen Na­men, sei es na­mens und in Voll­macht ei­ner Be­triebs­par­tei – ei­nen An­trag auf Ab­leh­nung des Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­den stel­len, über den sie an­sch­ließend selbst zu ent­schei­den ha­ben. Zu den Auf­ga­ben der Bei­sit­zer gehört es, auf An­trag ei­ner der bei­den Be­triebs­par­tei­en darüber zu be­fin­den, ob die Be­fan­gen­heit des Ei­ni­gungs­stel­len­vor­sit­zen­den zu be­sor­gen ist, nicht aber, die­ser Be­sorg­nis selbst Aus­druck zu ge­ben.

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2. Der Ei­ni­gungs­stel­len­spruch verstößt auch nicht ge­gen die ge­setz­li­chen Vor­ga­ben des § 76 Abs. 5 S. 3,4 i.V.m. § 112 Abs. 5 S. 1, S. 2 Nr. 3 Be­trVG.

50

a) Nach der zu­tref­fen­den Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (22.01.2013 – 1 ABR 51 85/11 – AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 219; sie­he auch 15.03.2011 – 1 ABR 97/09 – AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 212; 24.08.2004 – 1 ABR 23/03 – AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 174; 06.05.2003 – 1 ABR 11/02 – AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 161; zu­letzt 07.05.2019 – 1 ABR 54/17 – BB 2019, 2043) ist Ge­gen­stand der ge­richt­li­chen Kon­trol­le nach § 76 Abs. 5 S. 3, 4 und § 112 Abs. 5 Be­trVG, ob sich der Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le als an­ge­mes­se­ner Aus­gleich der Be­lan­ge des Un­ter­neh­mens auf der ei­nen und der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer auf der an­de­ren Sei­te er­weist.

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aa) Da­bei ist maßgeb­lich al­lein auf die ge­trof­fe­ne Re­ge­lung als sol­che ab­zu­stel­len. Ei­ne Über­schrei­tung der Gren­zen des Er­mes­sens muss in ihr selbst als Er­geb­nis des Abwägungs­vor­gangs lie­gen. Auf die von der Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­stell­ten Erwägun­gen kommt es nicht an. Die Fra­ge, ob die ihr ge­zo­ge­nen Gren­zen des Er­mes­sens ein­ge­hal­ten sind, un­ter­liegt der un­ein­ge­schränk­ten ge­richt­li­chen Über­prüfung. Es geht um die Wirk­sam­keit ei­ner kol­lek­ti­ven Re­ge­lung, die von der Wah­rung des der Ei­ni­gungs­stel­le ein­geräum­ten Ge­stal­tungs­rah­mens abhängig ist.

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bb) Die Ei­ni­gungs­stel­le hat nach § 112 Abs. 5 S.1 Be­trVGbei ih­rer Ent­schei­dung über ei­nen So­zi­al­plan so­wohl die so­zia­len Be­lan­ge der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zu berück­sich­ti­gen als auch auf die wirt­schaft­li­che Ver­tret­bar­keit ih­rer Ent­schei­dung für das Un­ter­neh­men zu ach­ten. Im Rah­men bil­li­gen Er­mes­sens muss sie un­ter Berück­sich­ti­gung der Ge­ge­ben­hei­ten des Ein­zel­fal­les Leis­tun­gen zum Aus­gleich oder der Mil­de­rung wirt­schaft­li­cher Nach­tei­le vor­se­hen, hat aber bei der Be­mes­sung des Ge­samt­be­tra­ges der So­zi­al­plan­leis­tun­gen zu berück­sich­ti­gen, dass der Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens oder die nach der Durchführung der Be­triebsände­rung ver­blei­ben­den Ar­beitsplätze nicht gefähr­det wer­den (§ 112 Abs. 5 S. 2 Nr. 3 Be­trVG).

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cc) Der Aus­gleichs- und Mil­de­rungs­be­darf der Ar­beit­neh­mer be­misst sich nach den ih­nen

 

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dro­hen­den Nach­tei­len. Der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit kommt da­bei ei­ne Kor­rek­tur­funk­ti­on zu. Die Ei­ni­gungs­stel­le hat von dem von ihr vor­ge­se­he­nen Aus­gleich der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le ab­zu­se­hen, wenn die­ser den Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens gefähr­den würde. Die wirt­schaft­li­che Ver­tret­bar­keit ih­rer Ent­schei­dung stellt da­mit für sie ei­ne Gren­ze der Er­mes­sens­ausübung dar.

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Ist der für an­ge­mes­sen er­ach­te­te Aus­gleich von Nach­tei­len der Ar­beit­neh­mer für das Un­ter­neh­men wirt­schaft­lich nicht ver­tret­bar, ist das So­zi­al­plan­vo­lu­men bis zum Er­rei­chen der Gren­ze der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit zu min­dern. Die ge­bo­te­ne Rück­sicht­nah­me auf die wirt­schaft­li­chen Verhält­nis­se des Un­ter­neh­mens kann die Ei­ni­gungs­stel­le so­gar zum Un­ter­schrei­ten der aus § 112 Abs. 1 S. 2 Be­trVG fol­gen­den Un­ter­gren­ze ei­nes So­zi­al­plans zwin­gen. Er­weist sich auch ei­ne noch sub­stan­ti­el­le Mil­de­rung der mit der Be­triebsände­rung ver­bun­de­ne Nach­tei­le als für das Un­ter­neh­men wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar, soll es so­gar zulässig und ge­bo­ten sein, von ei­ner sol­chen Mil­de­rung ab­zu­se­hen.

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dd) Die Vor­schrift des § 112 Abs. 5 Be­trVG be­stimmt nicht die Vor­aus­set­zun­gen der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit ei­nes So­zi­al­plans. Maßgeb­lich sind die Ge­ge­ben­hei­ten des Ein­zel­fal­les. Da­bei ist grundsätz­lich von Be­deu­tung, ob und wel­che Ein­spa­run­gen für das Un­ter­neh­men mit der Be­triebsände­rung ver­bun­den sind, de­ren nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf die Ar­beit­neh­mer der So­zi­al­plan kom­pen­sie­ren soll. Der Um­stand, dass sich ein Un­ter­neh­men be­reits in wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten be­fin­det, ent­bin­det es nach den ge­setz­li­chen Wer­tun­gen nicht von der Not­wen­dig­keit, wei­te­re Be­las­tun­gen durch ei­nen So­zi­al­plan auf sich zu neh­men. So­gar in der In­sol­venz sind Be­triebsände­run­gen gemäß § 123 In­sO so­zi­al­plan­pflich­tig.

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Bei der Prüfung, wie sehr der So­zi­al­plan das Un­ter­neh­men be­las­tet und ob er mögli­cher­wei­se des­sen Fort­be­stand gefähr­det, sind so­wohl das Verhält­nis von Ak­ti­va und Pas­si­va als auch die Li­qui­ditätsla­ge zu berück­sich­ti­gen. Führt die Erfüllung der So­zi­al­plan­ver­bind­lich­kei­ten zu ei­ner Il­li­qui­dität, zur bi­lan­zi­el­len Über­schul­dung oder ei­ner nicht mehr ver­tret­ba­ren Schmäle­rung des Ei­gen­ka­pi­tals, ist die Gren­ze der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit re­gelmäßig über­schrit­ten.

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ee) Für die ge­richt­li­che Kon­trol­le der So­zi­al­plan­do­tie­rung durch ei­nen Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le be­deu­tet dies, dass der An­fech­ten­de die Über­schrei­tung ei­ner der ge­nann­ten Er­mes­sens­gren­zen dar­tun muss. Ficht der Ar­beit­ge­ber – wie hier – den So­zi­al­plan we­gen man­geln­der wirt­schaft­li­cher Ver­tret­bar­keit an, hat er dar­zu­le­gen, wor­aus sich das er­ge­ben soll.

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b) Nach Maßga­be die­ser vom Bun­des­ar­beits­ge­richt in ständi­ger Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grundsätze kann hier an­hand der maßgeb­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten des Ein­zel­fal­les nicht fest­ge­stellt wer­den, dass die von der Ei­ni­gungs­stel­le be­schlos­se­ne So­zi­al­plan­do­tie­rung in Höhe von 4,287 Mil­lio­nen Eu­ro (mit ei­nem Fak­tor von 0,3) die Gren­zen der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit über­schrit­ten hat. Denn selbst wenn man in dem Zu­sam­men­hang zu Guns­ten der Ar­beit­ge­be­rin da­von aus­geht, dass sie zum maßgeb­li­chen Zeit­punkt des Ei­ni­gungs­stel­len­spruchs am 19./20.12.2017 auf­grund ei­ner durch drei Kon­zern­un­ter­neh­men am 22.02.2017 er­teil­ten Li­qui­ditäts­zu­sa­ge in Höhe von 20 Mil­lio­nen Eu­ro für die Jah­re 2017/2018 „nur“ noch über li­qui­de Mit­tel in Höhe von ca. 4,32 Mil­lio­nen Eu­ro verfügte, war es für sie trotz­dem auf­grund ein­zel­fall­spe­zi­fi­scher Erwägun­gen oh­ne Gefähr­dung des Un­ter­neh­mens­fort­be­stan­des wirt­schaft­lich ver­tret­bar, So­zi­al­plan­leis­tun­gen im Um­fang von 4,287 Mil­lio­nen Eu­ro zu er­brin­gen.

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aa) So hat die Ar­beit­ge­be­rin in der münd­li­chen Anhörung am 23.08.2019 zu Pro­to­koll erklärt, dass ein im Be­reich der Au­to­mo­bil­in­dus­trie welt­weit ope­rie­ren­der Kon­zern wie E (mit ak­tu­ell ca. 9.000 Ar­beit­neh­mern) Ge­fahr lau­fe, ge­ge­be­nen­falls auch Auf­träge für

 

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sol­ven­te kon­zern­an­gehöri­ge Un­ter­neh­men zu ver­lie­ren, wenn bei ei­nem an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men In­sol­venz an­ge­mel­det wer­de.

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bb) Nur vor die­sem Hin­ter­grund wird verständ­lich, dass bei der Ar­beit­ge­be­rin nach ih­ren ei­ge­nen An­ga­ben in den letz­ten Jah­ren Un­ter­neh­mens­ver­lus­te von mehr als 120 Mil­lio­nen Eu­ro durch an­de­re Kon­zern­ge­sell­schaf­ten ge­tra­gen wur­den. Nor­ma­ler­wei­se wäre nämlich bei ei­ner der­art mas­si­ven, an­hal­tend ne­ga­ti­ven Ent­wick­lung schon lan­ge die Ein­stel­lung des Geschäfts­be­trie­bes zu er­war­ten ge­we­sen.

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cc) Dass es da­zu in der Ver­gan­gen­heit nicht ge­kom­men ist, im Ge­gen­teil durch die Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 kon­zern­in­tern so­gar wei­te­re ca. 20 Mil­lio­nen Eu­ro zur Verfügung ge­stellt wur­den, und zwar ge­ra­de für ei­ne „in­sol­venz­ver­mei­den­de Sa­nie­rung“, do­ku­men­tiert, dass auf Sei­ten der Ar­beit­ge­be­rin im­mer die Si­cher­heit be­stand, im Fal­le ei­ner dro­hen­den Zah­lungs­unfähig­keit von an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men fi­nan­zi­ell adäquat auf­ge­fan­gen zu wer­den.

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dd) Bestätigt wird die­se Tat­sa­che durch die wei­te­ren zwei Li­qui­ditäts­zu­sa­gen aus dem Jah­re 2018.

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(1) So wur­de die Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 23.04.2018 über ma­xi­mal 5 Mil­lio­nen Eu­ro zum Aus­gleich ope­ra­ti­ver Ver­lus­te für den re­la­tiv kur­zen Zeit­raum bis zum 30.06.2018 un­ter an­de­rem der Ar­beit­ge­be­rin „mit dem Ziel der In­sol­venz­ver­mei­dung“ er­teilt.

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(2) Auch in der zwei­ten Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 16.10.2018, die rück­wir­kend für den 65 Zeit­raum ab 01.07.2018 galt, wur­de an meh­re­ren Stel­len das von der Ober­ge­sell­schaft der E-Grup­pe, E3, vor­ge­ge­be­ne Ziel ver­an­kert, die zwi­schen­zeit­lich am 24.04.2018 be­kannt ge­ge­be­ne Be­triebs­still­le­gung zum 30.04.2019 „außer­halb ei­nes In­sol­venz­ver­fah­rens“ zu ver­wirk­li­chen. Dafür wur­den von der in Eng­land ansässi­gen E2 U.K. Ltd. – über die auf­grund der Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 gewähr­ten 20 Mil­lio­nen Eu­ro hin­aus – neue Mit­tel in Höhe von 30 Mil­lio­nen Eu­ro zu­ge­sagt. Da­bei ori­en­tier­te sich der ku­mu­lier­te Höchst­be­trag in Höhe von 50 Mil­lio­nen Eu­ro am vor­aus­sicht­li­chen Li­qui­ditäts­be­darf für den Zeit­raum vom 01.01.2017 bis zum 31.12.2019 – und zwar jetzt „zur Durchführung der in­sol­venz­ver­mei­den­den Be­triebs­still­le­gung“.

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ee) Vor dem ge­schil­der­ten Hin­ter­grund der si­che­ren wirt­schaft­li­chen Ein­ge­bun­den­heit in ei­nen Kon­zern­ver­bund mit dem über vie­le Jah­re ga­ran­tier­ten und tatsächlich auch er­folg­ten Zu­fluss al­ler zur In­sol­venz­ver­mei­dung er­for­der­li­chen fi­nan­zi­el­len Mit­tel in drei­stel­li­ger Mil­lio­nenhöhe ist es des­halb der Ar­beit­ge­be­rin recht­lich ver­wehrt, sich in der hier zu be­ur­tei­len­den Kon­stel­la­ti­on auf den Ein­wand der wirt­schaft­li­chen Un­ver­tret­bar­keit zu be­ru­fen.

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(1) So verfügte sie zum maßgeb­li­chen Zeit­punkt des Spruchs der Ei­ni­gungs­stel­le im De­zem­ber 2017 auf­grund der Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 noch über fi­nan­zi­el­le Mit­tel in Höhe von ca. 4,32 Mil­lio­nen Eu­ro, um den von der Ei­ni­gungs­stel­le fest­ge­leg­ten Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen im Ge­samt­vo­lu­men von 4,287 Mil­lio­nen Eu­ro nach­kom­men zu können.

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(a) In dem Zu­sam­men­hang ist zu be­ach­ten, dass nach Nr. 3 S. 5 der ge­nann­ten Li­qui­ditäts­zu­sa­ge der Höchst­be­trag von ins­ge­samt 20 Mil­lio­nen Eu­ro „ins­be­son­de­re aber oh­ne Ein­schränkung“ für Leis­tun­gen aus ei­nem So­zi­al­plan ein­sch­ließlich an ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter zu zah­len­der Ab­fin­dun­gen ein­ge­setzt wer­den soll­te. Da­mit ist von den Geld­ge­bern ein Vor­rang zum Aus­druck ge­bracht wor­den, nämlich die zur Verfügung ge­stell­ten li­qui­den Mit­tel im Be­son­de­ren zum Aus­gleich bzw. zur Mil­de­rung der von der Be­triebsände­rung be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ein­zu­set­zen.

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(b) Wenn die Ar­beit­ge­be­rin in dem Zu­sam­men­hang dar­auf ver­weist, die ge­nann­te

 

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Be­stim­mung ha­be nur für ei­nen mit dem Be­triebs­rat zu ver­han­deln­den So­zi­al­plan ge­gol­ten, kann dies nicht zu ei­ner sach­lich ge­recht­fer­tig­ten Ein­schränkung führen. Denn so­wohl bei ei­ner Ei­ni­gung der Be­triebs­par­tei­en über ei­nen So­zi­al­plan als auch bei ei­nem Spruch der Ei­ni­gungs­stel­le ist glei­cher­maßen ma­te­ri­ell dar­auf zu ach­ten, dass es un­ter Berück­sich­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit zu ei­nem Aus­gleich oder zu ei­ner Mil­de­rung der Nach­tei­le für den Ar­beit­neh­mer kommt (vgl. § 112 Abs. 1 S. 2, Abs. 5 S. 1 Be­trVG). Es kann al­so im Er­geb­nis nicht von Re­le­vanz sein, ob im Ver­hand­lungs­we­ge oder durch ei­nen Ei­ni­gungs­stel­len­spruch ei­ne den kon­kre­ten Ge­ge­ben­hei­ten – auch in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht – Rech­nung tra­gen­de Lösung ge­fun­den wird.

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(c) Im Übri­gen hätte sich an­dern­falls für die Ar­beit­ge­be­rin – bei aus ih­rer Sicht nicht vor­han­de­nen li­qui­den Mit­teln – auch die Fra­ge stel­len müssen, ob nicht an­ge­sichts der durch den Spruch be­gründe­ten, wenn auch be­strit­te­nen For­de­run­gen nach § 18 In­sO die Eröff­nung ei­nes In­sol­venz­ver­fah­rens we­gen dro­hen­der Zah­lungs­unfähig­keit hätte be­an­tragt wer­den müssen.

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(d) Aber na­ment­lich un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­zern­recht­li­chen Vor­ga­be, es zu kei­ner In­sol­venz kom­men zu las­sen, konn­te die Ar­beit­ge­be­rin am 19./20.12.2017 ge­si­chert da­mit rech­nen, wie in der Ver­gan­gen­heit auch für das Jahr 2018 von an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men die fi­nan­zi­el­len Mit­tel zu er­hal­ten, die er­for­der­lich wa­ren, um trotz der Pflicht zur Erfüllung von So­zi­al­plan­for­de­run­gen den Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens nicht zu gefähr­den.

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(aa) Bestätigt wird dies auch durch die Tat­sa­che, dass sich die Ar­beit­ge­be­rin schon we­ni­ge Wo­chen später im Ja­nu­ar 2018 ge­genüber ins­ge­samt 72 be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mern und dann im Fe­bru­ar 2018 ge­genüber wei­te­ren Beschäftig­ten wirt­schaft­lich da­zu im­stan­de sah, im Ver­gleichs­we­ge die Zah­lung von Ab­fin­dun­gen in nicht un­er­heb­li­cher Höhe zu­zu­sa­gen. Da­bei erklärte sie, dass die dafür er­for­der­li­chen Mit­tel „von ih­ren Ge­sell­schaf­tern“ zur Verfügung ge­stellt würden. Letzt­lich er­hielt sie dann auch den für die Zah­lung der Ab­fin­dun­gen er­for­der­li­chen Be­trag von ei­ner in den USA ansässi­gen Kon­zern­ge­sell­schaft.

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(bb) Da­ne­ben wur­den der Ar­beit­ge­be­rin am 23.04. und 16.10.2018 kon­zern­seits wei­te­re Li­qui­ditäts­zu­sa­gen im Um­fang von 5 und 30 Mil­lio­nen Eu­ro ge­ge­ben – im zwei­ten Fall so­gar rück­wir­kend zur De­ckung des Li­qui­ditäts­be­darfs ab dem 01.01.2017.

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(aaa) In dem Zu­sam­men­hang bleibt dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es mehr als fragwürdig ist, wenn in den bei­den Li­qui­ditäts­zu­sa­gen – im Un­ter­scheid zur ers­ten Zu­sa­ge vom 22.02.2017 – ein durch ei­nen So­zi­al­plan be­gründe­ter Mehr­be­darf an fi­nan­zi­el­len Mit­teln aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen wird. Denn wenn ein maßgeb­lich von Li­qui­ditäts­zah­lun­gen an­de­rer Kon­zern­un­ter­neh­men abhängi­ger Geschäfts­be­trieb zur Ver­mei­dung ei­ner In­sol­venz auf­recht­er­hal­ten wer­den soll, gehört da­zu auch das fi­nan­zi­el­le Vermögen, im Fal­le des Ab­baus von Ar­beitsplätzen der im Ge­setz ver­an­ker­ten Ver­pflich­tung nach­kom­men zu können, den so­zia­len Be­lan­gen der da­von be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer durch den Aus­gleich oder die Mil­de­rung der wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le Rech­nung zu tra­gen. Bei der ge­bo­te­nen ganz­heit­li­chen Be­trach­tung ist es nämlich nicht zu recht­fer­ti­gen, dass ein Un­ter­neh­men na­ment­lich im Verhält­nis zu Kun­den und Lie­fe­ran­ten durch­ge­hend mit aus­rei­chend Li­qui­dität im Mil­lio­nen­um­fang aus­ge­stat­tet wird, sich aber ge­genüber ih­ren Ar­beit­neh­mern bei ei­ner Be­triebsände­rung durch Per­so­nal­ab­bau dar­auf be­ruft, es sei wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar, ir­gend­wel­che fi­nan­zi­el­len Aus­gleichs­leis­tun­gen zu er­brin­gen.

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(bbb) Of­fen­sicht­lich wur­de dies bei Ab­schluss der Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 auf Sei­ten der da­ma­li­gen drei kon­zern­an­gehöri­gen Geld­ge­ber auch noch so ge­se­hen, als sie gemäß Nr. 3 S. 5 der Zu­sa­ge ins­be­son­de­re und oh­ne Ein­schränkung die für So­zi­al­plan­leis­tun­gen benötig­te Li­qui­dität zur Verfügung stell­ten.

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(ccc) Hin­zu kommt, dass nach den Be­stim­mun­gen der bei­den Li­qui­ditäts­zu­sa­gen aus dem

 

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Jahr 2018 von ei­nem Li­qui­ditäts­be­darf „nur“ So­zi­al­plan­ansprüche aus­ge­nom­men sind, der Ar­beit­ge­be­rin es al­so of­fen­sicht­lich möglich war und ist, die zur Verfügung ge­stell­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel zu ver­wen­den, um Ab­fin­dun­gen an von der Be­triebs­sch­ließung be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer zu zah­len, mit de­nen man sich ver­gleichs­wei­se ei­nigt. Letzt­lich würde al­so die Fra­ge der wirt­schaft­li­chen Ver­tret­bar­keit – wie schon zu Be­ginn des Jah­res 2018 ge­sche­hen – da­von abhängig ge­macht, ob auf kol­lek­ti­ver oder in­di­vi­du­al­recht­li­cher Grund­la­ge den so­zia­len Be­lan­gen be­trof­fe­ner Ar­beit­neh­mer durch die Zah­lung von Ab­fin­dun­gen Rech­nung ge­tra­gen wird, was mit den in § 112 Abs. 1 S. 2 Be­trVG und § 112 Abs. 5 S. 1 Be­trVG zum Aus­druck kom­men­den, kol­lek­tiv­recht­lich zu rea­li­sie­ren­den ge­setz­li­chen Schutz­zweck nicht im Ein­klang steht.

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Nach al­le­dem er­gibt sich, dass die durch den Ei­ni­gungs­stel­len­spruch ge­schaf­fe­nen Ansprüche in vol­lem Um­fang noch durch die ge­ra­de dafür ge­dach­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel aus der Li­qui­ditäts­zu­sa­ge vom 22.02.2017 be­frie­digt wer­den konn­ten. Die wirt­schaft­li­che Ver­tret­bar­keit ge­ra­de auch im Hin­blick auf den wei­te­ren Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens der Ar­beit­ge­be­rin war gewähr­leis­tet. Denn be­reits Mit­te De­zem­ber 2017 war we­gen der kon­zern­seits als un­ver­zicht­bar ein­ge­stuf­ten Ver­mei­dung ei­ner In­sol­venz si­cher zu er­war­ten, dass die Ar­beit­ge­be­rin auch für das Jahr 2018 mit aus­rei­chend Li­qui­dität durch an­de­re Kon­zern­un­ter­neh­men aus­ge­stat­tet wer­den würde, was ja dann auch tatsächlich ge­schah. So wur­de nur kur­ze Zeit nach Ab­schluss des Ei­ni­gungs­stel­len­ver­fah­rens ge­ra­de auch für die Gewährung von Ab­fin­dun­gen an mehr als 72 Ar­beit­neh­mer von Sei­ten ei­nes Kon­zern­un­ter­neh­mens die dafür er­for­der­li­chen nicht un­er­heb­li­chen fi­nan­zi­el­len Mit­tel zur Verfügung ge­stellt, be­vor der Ar­beit­ge­be­rin zwei wei­te­re Li­qui­ditäts­zu­sa­gen in ei­nem Ge­samt­um­fang von 35 Mil­lio­nen Eu­ro ge­ge­ben wur­den.

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Ein Grund für die Zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de ist nicht ge­ge­ben. Denn in der Ent­schei­dung wird zur Be­gründung, aus­ge­hend von der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, maßgeb­lich auf die spe­zi­fi­schen Ge­ge­ben­hei­ten des Ein­zel­falls ab­ge­stellt.

 

 

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