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ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/085

Wirt­schaft­li­che Ver­tret­bar­keit ei­nes So­zi­al­plans

Ein Ar­beit­ge­ber kann sich nicht auf die wirt­schaft­li­che Un­ver­tret­bar­keit ei­nes So­zi­al­plans be­ru­fen, wenn er Li­qui­di­täts­hil­fen durch an­de­re Kon­zern­un­ter­neh­men er­hält: Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Be­schluss vom 23.08.2019, 13 TaBV 44/18
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11.08.2020. Bei Be­trieb­s­än­de­run­gen wie Mas­sen­ent­las­sun­gen kann der Be­triebs­rat ei­nen So­zi­al­plan for­dern, der die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le für die Ent­las­se­nen ver­rin­gern soll. Da­bei muss die wirt­schaft­li­che Ver­tret­bar­keit für das Un­ter­neh­men be­ach­tet wer­den.

Doch kann sich der Ar­beit­ge­ber auf die wirt­schaft­li­che Un­ver­tret­bar­keit ei­nes So­zi­al­plans be­ru­fen, wenn er von an­de­ren kon­zern­ver­bun­de­nen Un­ter­neh­men Li­qui­di­täts­hil­fen er­hält?

Nein, so das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Hamm in ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung: LAG Hamm, Be­schluss vom 23.08.2019, 13 TaBV 44/18.

Wann sind So­zi­alpläne wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar?

Größere Ent­las­sungs­wel­len sind meist ei­ne Be­triebsände­rung im Sin­ne von § 111 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG). Können sich Ar­beit­ge­ber und Be­triebs­rat dann auf ei­nen So­zi­al­plan nicht ei­ni­gen, muss die Ei­ni­gungs­stel­le ent­schei­den (§ 112 Abs.4 Be­trVG). Bei ih­rem Spruch, mit dem sie den Ge­samt­be­trag der So­zi­al­plan­leis­tun­gen fest­legt(„Do­tie­rung“), muss die Ei­ni­gungs­stel­le dar­auf ach­ten, „dass der Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens oder die nach Durchführung der Be­triebsände­rung ver­blei­ben­den Ar­beitsplätze nicht gefähr­det wer­den.“ (§ 112 Abs.5 Satz 2 Nr.3 Be­trVG).

Hier sind laut Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) fol­gen­de Eck­punk­te zu be­ach­ten: Führt ein So­zi­al­plan zur Il­li­qui­dität, zur bi­lan­zi­el­len Über­schul­dung oder zu ei­ner un­ver­tret­ba­ren Schmäle­rung des Ei­gen­ka­pi­tals, ist der So­zi­al­plan meist wirt­schaft­lich nicht ver­tret­bar (BAG, Be­schluss vom 22.01.2013, 1 ABR 85/11, Rn.18).

In dem Fall des LAG Hamm ging es im We­sent­li­chen um die Fra­ge, ob Il­li­qui­dität auch dann vor­liegt, wenn ein Ar­beit­ge­ber schon seit lan­gem Li­qui­ditätshil­fen an­de­rer Kon­zern­un­ter­neh­men erhält und da­mit trotz mas­si­ver ope­ra­ti­ver Ver­lus­te ei­ne In­sol­venz ver­mei­den kann.

Der Streit­fall: Er­heb­li­che Ver­lus­te bei gleich­zei­ti­gen Li­qui­ditätshil­fen durch kon­zern­ver­bun­de­ne Un­ter­neh­men

Ein Au­to­mo­bil­zu­lie­fer-Be­trieb mit 640 Ar­beit­neh­mern häuf­te über Jah­re Ver­lus­te von mehr als 120 Mio. EUR an. Sie wur­den an­de­re Un­ter­neh­men des Kon­zerns im­mer wie­der aus­ge­gli­chen, und zwar durch Li­qui­ditäts­zu­sa­gen bzw. -hil­fen. Ei­ne die­ser Li­qui­ditäts­zu­sa­gen über ei­nen Höchst­be­trag von 20 Mio. EUR wur­de „für ei­ne in­sol­venz­ver­mei­den­de Sa­nie­rung“ und für Leis­tun­gen ei­nes (noch zu ver­han­deln­den) So­zi­al­plans er­teilt.

Später wur­de die­se Hil­fe auf ma­xi­mal 50 Mio. EUR auf­ge­stockt, um ei­ne in­sol­venz­ver­mei­den­de Be­triebs­still­le­gung zu ermögli­chen. Im Jahr 2017 schei­ter­ten So­zi­al­plan­ver­hand­lun­gen we­gen der ge­plan­ten Ent­las­sung von 227 Stamm­kräften, so dass die Ei­ni­gungs­stel­le ei­nen So­zi­al­plan durch Spruch auf­stell­te. Der So­zi­al­plan sah Ab­fin­dun­gen von 0,3 Gehältern pro Beschäfti­gungs­jahr vor und hat­te ein Ge­samt­vo­lu­men von 4,287 Mio. EUR. En­de April 2019 wur­de der Be­trieb ganz ein­ge­stellt. Zu ei­nem In­sol­venz­ver­fah­ren kam es nicht.

Der Ar­beit­ge­ber be­an­trag­te die ge­richt­li­che Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit des So­zi­al­plans. Sein Ar­gu­ment: Der So­zi­al­plan war wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar, so dass die Ei­ni­gungs­stel­le hier ihr Er­mes­sen über­schrit­ten hat­te. Außer­dem hat­te der vom Ar­beit­ge­ber in die Ei­ni­gungs­stel­le ent­sand­te An­walt ei­nen Be­fan­gen­heits­an­trag ge­gen den Vor­sit­zen­den der Ei­ni­gungs­stel­le ge­stellt, doch hat­te die Ei­ni­gungs­stel­le vor ih­rem Spruch über die­sen An­trag nicht ent­schie­den.

Das Ar­beits­ge­richt Iser­lohn gab dem Ar­beit­ge­ber recht (Be­schluss vom 20.06.2018, 1 BV 1/18). Sei­ner An­sicht nach war So­zi­al­plan wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar (Be­schluss, Rn.44).

LAG Hamm: Ver­hin­dern Li­qui­ditätshil­fen im Kon­zern mit Er­folg ei­ne dro­hen­de In­sol­venz und wer­den So­zi­al­plan­ansprüche erfüllt, spricht dies ge­gen die wirt­schaft­li­che Un­ver­tret­bar­keit ei­nes Ei­ni­gungs­stel­len-So­zi­al­plans

Das LAG ent­schied, dass der So­zi­al­plan we­der ver­fah­rens­feh­ler­haft zu­stan­de ge­kom­men noch wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar war (LAG Hamm, Be­schluss vom 23.08.2019, 13 TaBV 44/18).

Die Ei­ni­gungs­stel­le durf­te über den Be­fan­gen­heits­an­trag gar nicht ent­schei­den, denn der An­trag war nicht vom Ar­beit­ge­ber, son­dern von ei­nem Bei­sit­zer der Ei­ni­gungs­stel­le ge­stellt wor­den. In sei­ner Ei­gen­schaft als Bei­sit­zer der Ei­ni­gungs­stel­le war der Ar­beit­ge­ber­an­walt aber nicht dafür zuständig, ei­nen sol­chen An­trag zu stel­len, son­dern viel­mehr dafür, über ihn zu ent­schei­den (LAG, Be­schluss, Rn.48, 49).

Auch ei­ne Über­schrei­tung der Gren­zen des Er­mes­sens lag nicht vor. Die dem Ar­beit­ge­ber auf­er­leg­ten Pflich­ten wa­ren nach An­sicht des LAG nicht wirt­schaft­lich un­ver­tret­bar (§§ 76 Abs.5 Satz 4, 112 Abs.5 Satz 2 Nr.3 Be­trVG).

Denn ers­tens gab es im­mer neue Li­qui­ditäts­zu­sa­gen an­de­rer Kon­zern­un­ter­neh­men. Da­durch wur­de der Ar­beit­ge­ber 2017 und 2018 in die La­ge ver­setzt, oh­ne Gefähr­dung sei­nes Fort­be­stan­des die So­zi­al­ansprüche zu erfüllen (Be­schluss, Rn.59). Und zwei­tens war es ja ge­ra­de das Ziel der an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men, ei­ne In­sol­venz des Ar­beit­ge­bers zu ver­mei­den, um ei­nen sonst dro­hen­den Ima­ge­scha­den vom Ge­samt­kon­zern ab­zu­wen­den (Be­schluss, Rn.60 f.). Da­her konn­te der Ar­beit­ge­ber si­cher sein, „im Fal­le ei­ner dro­hen­den Zah­lungs­unfähig­keit von an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men fi­nan­zi­ell adäquat auf­ge­fan­gen zu wer­den“ (Be­schluss, Rn.62).

Fa­zit: Soll die Un­wirk­sam­keit ei­nes Ei­ni­gungs­stel­len-So­zi­al­plans we­gen Er­mes­sensüber­schrei­tung ge­richt­lich fest­ge­stellt wer­den, muss der An­trag­stel­ler die Er­mes­sensüber­schrei­tung schlüssig vor­tra­gen (BAG, Be­schluss vom 22.01.2013, 1 ABR 85/11, Rn.19). Das hat­te der Ar­beit­ge­ber im Streit­fall nicht ge­tan, da er sei­ne Zu­grif­fe auf die Li­qui­ditätshil­fen of­fen­bar nicht ge­nau (ge­nug) auf­schlüssel­te.

Das LAG hat die Rechts­be­schwer­de zum BAG nicht zu­ge­las­sen und der Ar­beit­ge­ber hat Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt, al­ler­dings oh­ne Er­folg (Ak­ten­zei­chen des BAG: 1 ABN 87/19). Da­mit ist die Ent­schei­dung des LAG rechts­kräftig.

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Letzte Überarbeitung: 2. November 2020

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